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Glückwunsch, Weltmeister Schweiz!

November 16, 2009

War das ein spannendes Finalspiel bei der u17-WM in Nigeria. Zwei grundverschiedene Spielarten: Die Gastgeber hatten mich gegen Spanien mit ihrem Zauberfussball und unglaublicher Schnelligkeit (Okoro, Emmanuel) schier aus den Socken gehauen vor Begeisterung. Die Schweizer sorgten mit diszipliniertem System und einem eingespielten Team dafür, dass die Eaglets im Final dazu so gar keine Gelegenheit fanden. (Vor 20 Jahren ist in Deutschland die Mauer gefallen, und jetzt weiss ich auch, wo die hingekommen ist. :-) )
Und nach den Diskussionen der letzten Zeit in der Beiz finde ich es besonders schön, wie diese Schweizer Mannschaft die Integrationsfähigkeit für junge Eidgenossen aller Herren Länder zeigt. Was man erreichen kann, wenn man als Team zusammenarbeitet.
http://www.swissinfo.ch/ger/startseite/U17_Fussballer_der_Schweiz_sind_Weltmeister.html?siteSect=105&sid=11487912&ty=st
Glückwunsch an den Fussballweltmeister Schweiz! Südafrika kann kommen…

(In Deutschland entgegengesetzte Gefühle: Hier war der Sonntag ein Tag der Trauer um Nationaltorhüter Robert Enke, der sich am 10.11. das Leben genommen hatte. Lesenswerter Artikel dazu bei Thinkabout.)

Minarettinitiative und die Ursachen von Jugendgewalt

November 4, 2009

Als Beizwirtin möchte ich kurz die Gelegenheit nutzen, noch einmal daran zu erinnern, warum wir eigentlich hier sind.

Wie ist die Beiz 2.0 entstanden?
Eines Tages im Sommer 2008 begab es sich, dass bei Facts 2.0, wo die meisten der heutigen Beizblogger und –kommentatoren damals aktiv waren, nach einem Gewaltvorfall, der damals grad durch die Medien ging, ein gewisser „robertintrio“ einen ausländerfeindlichen Kommentar veröffentlichte. Dieser Kommentar hat – zu Recht – Empörung in der damaligen Community ausgelöst. Diese Empörung wollte die Facts-Leitung offenbar nicht lesen und hat zahlreiche der Kommentatoren von der Facts-Page verbannt. Robertintrio durfte bleiben.
Wir übrigen gründeten daraufhin diesen Beiz-Blog oder fanden uns nach und nach hier ein.

Für mich ist die Beiz ein kleines Wunder: Ein Ort, an dem Menschen höchst unterschiedlicher politischer Überzeugungen, Religionen, Nationalitäten, Muttersprachen, Geschlechter, sexueller Orientierungen, Altersstufen und Berufe mit einander respektvoll über aktuelle politische, gesellschaftliche und kulturelle Themen diskutieren können.

Deshalb macht es mich besonders traurig, wenn ich ganz ähnliche Kommentare wie den von „robertintrio“ nun hier in der Beiz lesen muss.
Wenn ich sehe, wie die einstmals respektvolle Kommentarkultur durch eine einzelne Person, die sich hier fortgesetzt schlecht benimmt, teilweise zu einem derart polemischen Gezänk verkommen ist, dass eine Anzahl ehemaliger Beizler und Kommentatoren dem Blog aus diesem Grund den Rücken gekehrt haben, weil sie sich in der Atmosphäre verbaler Gewalt und persönlicher Angriffe hier nicht mehr wohlfühlen.

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Gehen wir die Sache mit der Minarettinitiative einmal streng logisch an:

Um ein Problem zu lösen, sollte man sinnvollerweise
1. das konkrete Problem erkennen und benennen
2. die konkreten Ursachen für das Problem erkennen und benennen
3. praktikable Lösungen finden, die die wirklichen Ursachen des Problems bekämpfen.

1. Das Problem. Zappadong hat hier das Problem zunehmender Jugendgewalt herausgegriffen, auf das ich mich im Folgenden exemplarisch beziehen möchte.

2. Die Ursachen.
a) Wäre die Urache für Jugendgewalt das Minarett, müsste Gewalt logischerweise im Umkreis eines Minaretts massiv verstärkt auftreten und mit weiterer Entfernung vom Minarett allmählich abnehmen. Das kann jeder an sich selbst empirisch überprüfen, indem er sich zu einem der 4 Minarette in der Schweiz begibt und beobachtet, ob sich bei ihm das Bedürfnis einstellt, Schweizer zu vermöbeln.
b) Der zweite Kandidat für die Ursache von Jugendgewalt wäre laut SVP und einiger Diskutanten hier: Der Islam. Wäre der Islam monokausal die Usache von Gewalt, müsste sich feststellen lassen, dass 1. die Mehrheit muslimischer gläubiger Jugendlicher gewalttätig ist, 2 weniger gläubige Jugendliche weniger gewalttätig sind, 3. nichtmuslimische Jugendliche unter keinen Umständen gewaltätig sind und 4. Omas mit Kopftüchern häufig und exzessiv auf Omas ohne Kopftücher eindreschen.
c) Ausserdem müsste festzustellen sein, dass es zu den religiösen Pflichten gehörte, Unschuldige zu mobben und spiitalreif zu prügeln.

Hält man a), b) und c) als monokausale Erklärungen der Jugendgewalt für groben Unfug, heisst es, sich weiter auf die Suche machen und nach anderen Ursachen für Jugendgewalt zu fahnden.
Wie von verschiedener Seite (uertner, Zappadong, Mathias, Bruder Bernhard) in der Beiz bereits angetönt, hat es gewalttätige Gruppen von Jugendlichen schon immer gegeben, und, nein, nie war das niedlich oder harmlos.

Warum wird ein Jugendlicher gewalttätig?
Mögliche Ursachen sind:
- (neben einer gewissen hormonell bedingten Unzurechnungsfähigkeit in einem gewissen Alter) aus Wut und Frustration
- weil sie einen Mangel an Anerkennung und positiiver Aufmerksamkeit zu kompensieren versuchen durch Taten, die ihnen wenigstens negative Aufmerksamkeit bescheren
- weil sie ein System ablehnen, von dem sie das Gefühl haben, sie haben darin von Anfang an die Arschkarte gezogen
- weil sie in Famile und Schule erlebte Gewalt, deren Opfer sie geworden sind, an den Nächstschwächeren abreagieren
- weil sie sich an Vorbildern von Männlichkeit orientieren, die aus Actionfilmen, Ballerspielen und Gangsterrap-Videos stammen
- weil es einfach Spass macht, die Erwachsenen zu provozieren, indem man genau die Dinge tut, die den netten Sozialarbeiter und die besorgte Lehrerin auf die Palme bringen
- weil normale ritualisierte Rangordnungskloppereien heute nicht mehr einem bestimmten Ehrenkodex folgen (1 gegen 1, keine Waffen, keine Schläge ins Gesicht oder in die Genitalien und wenn einer am Boden liegt oder blutet ist der Kampf zu Ende)
- weil es (zumindest in Deutschland) tatsächlich eine relativ grosse Gruppe von Jugendlichen gibt, die keinen Schulabschluss, keine Ausbildung und damit keine Chance haben, dem traditionellen Bild eines erfolgreichen Mannes gerecht zu werden und deswegen ihre vermeindliche Männlichkeit in anderen Phantasierollen zu erproben versuchen
- weil Jugendliche das Bedürfnis haben, sich an der Peergroup zu orientieren, zu Gruppen zusammenzuschliessen und sich durch Rituale (Mutproben, Männlichkeitsproben, Schmerzproben) als Gruppe zu definieren. Wer nicht mitmacht wird schnell selber Aussenseiter und Opfer.
- weil Jugendliche das Bedürfnis haben, sich als Gruppe von anderen Gruppen abzugrenzen (den Erwachsenen, den Idioten aus dem Nachbardorf oder der Nachbarstrasse)
- weil das Medienbild amerikanischer Gangs ihnen als Orientierungsmodell cooler, attraktiver und leichter erreichbar erscheint als andere Vorbilder (Lehrer, Pfarrer, Nobelpreisträger, Profifussballer, Astronauten)
- weil Bankspekulanten vormachen, dass man mit der grösstmöglichen Rücksichtslosigkeit am weitesten kommt
- weil überhaupt in weiten Teilen der Gesellschaft eine grosse Verunsicherung über die Werte dieser Gesellschaft herrscht und alles so lange als erlaubt gilt, wie man nicht bestraft wird
- weil tatsächlich viele, wenn sie Gewalttaten beobachten, lieber wegschauen, aus Angst, bei einem beherzten Eingreifen selber Opfer zu werden und diese Angst durchaus sehr gut begründet ist

Die Liste möglicher Ansatzpunkte liesse sich fortsetzen.
Wer die Religion einer bestimmten Minderheit pauschal für alles verantwortlich macht,, was in der Migrationspolitik in den letzten Jahrzehnten schiefgelaufen ist und dereit schiefläuft, der verkennt die Komplexität des Problems.

3. Aus den komplexen Ursachen sollten konkrete Massnahmen folgen, die auf jede erkannte Ursache einzeln eingehen und versuchen, diese Ursache mit pragmatischen, konkreten und praktischen Lösungen zu bekämpfen, anstatt sich in symbolischen Ersatzhandlungen zu verausgaben, die zu nichts führen.
Das wäre dann tatsächlich ein modellhaftes Vorgehen, das international Schule machen könnte. In vielen Bereichen wird das ja tatsächlich auch genau so versucht.

Aus dem oben Analysierten ergibt sich natürlich die Frage: Wenn nicht die Bekämpfung der realen Ursachen das Ziel der Initiative ist, was ist dann deren Ziel und Zweck?
Und welches Ziel verfolgen die Befürworter der Initiative damit, dass sie zu solch polemischen und polarisierenden Mitteln greifen, die die eigentlichen Ursachen des Problems verschleiern statt aufdecken und eine sachliche Diskussion verhindern statt befördern?

Nun, das scheint mir recht offensichtlich: Das Ziel ist die Radikalisierung der Positionen. Wie schon wiederholt in der Diskussion in der Beiz festgestellt wurde, zwingt diese Strategie die Teilnehmer der Diskussion, sich auf die eine oder die andere Seite zu schlagen und festzulegen. Nur wenige schaffen es, eine neutrale und gemässigte Postion standhaft zu behaupten (meinen grossen Respekt dafür an Zappadong!).
Eine Radikalsierung und Polarisierung nützt der SVP, die am rechten Rand politisiert und sich einen Gunstzuwachs aus dem Lager der gemässigten Mitte erhofft, indem sie Angst und Hass bei der bürgerlichen Mittelschicht schürt. Auf der anderen Seite profitieren davon radikale Islamisten, die triumpfierend darauf verweisen können, dass Musliime in der Schweiz diskriminiert würden und das Gewalt gegen Sachen und Menschen als Repräsentanten dieser „Unterdrückungsmacht“ quasi nur eine erlaubte „Notwehr“ darstelllen würde.
Jede islamistische Gewalttat ist Wasser auf dei Mühlen der SVP und rexhtsextremistischer Gruppierungen. Jeder verbale Gewaltakt der SVP ist ein Geschenk für die radikalen Islamisten. Beide verfolgen also ein gemeinsames Ziel.

Die Frage ist: Will die Mehrheit der Schweizer eine Gesellschaft, in der diese beiden Gruppierungen den Ton angeben, die politischen Themen vorgeben und die Art und Weise diktieren, in der sie diskutiert werden? (Nebenbei die vielleicht nicht ganz unwichtige Feststellung, dass diejenigen, die die Minarettinitiative am meisten betrifft, zum grossen Teil von der Abstimmung ausgeschlossen sind.)
Sind die Schweizer bereit, die Konsequenzen einer solchen Gesellschaft in Kauf zu nehmen?

Von der McDonaldisierung der Lesekultur

Oktober 17, 2009

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/487972

„Das Buch, das immer auch eine Ware war, ist bei Thalia zur ausschließlichen Ware geworden. Die obersten Verkäufer sehen vollkommen von deren Inhalt ab.“

„Und das ist die eigentliche Geschichte: Wie das Buch jetzt verkauft wird, als wäre es ein Deo oder ein Schokoriegel oder ein Ohrring, wie es, als allerletztes Produkt, in den harten, effizienten kapitalistischen Warenkreislauf geschoben wird, und was daraus folgt für das Buch.“

„Die Kommunikation gestaltet sich jetzt folgendermaßen: Der Verlag fertigt eine extra Vorschau für jede Kette. Darin geht es nicht mehr um einen Buchinhalt, sondern, wie der Herr Handke sarkastisch sagt, „darum, ob man zwei Seiten in der Brigitte kriegt oder seinen Autor zu Kerner und wie viele Exemplare dieser Autor beim letzten Mal bei Thalia verkauft hat“. So was steht da drin. Und anhand dieses Materials ordert eine Gruppe von Einkäufern die ihrer Meinung nach wichtigsten Bücher für ganz Thalia. Nicht einmal die Anzahl jener sogenannten A-Titel darf von den Filialen selbst bestimmt werden. Sie wird von der Zentrale vorgegeben.“

„Und da das so ist, verliert die Frau Jelinek dann doch ihre Gelassenheit und erzählt von den Schmerzen, die es allen in ihrem Verlag jedes Mal bereitet, wenn sie die paar Autoren auswählen müssen, welche mit ihren Neuerscheinungen überhaupt in jene dünne, dem mächtigen Thalia-Einkauf mundgerecht servierte Extravorschau kommen. In die Verlosung, bei der die Bestseller gezogen werden. Nur etwa jeder Achte hat bei ihr das Glück. „Das ist schrecklich für die anderen.“

„Die Bestseller nämlich werden durch das Vorgehen der Ketten immer bestselleriger, der große Rest fällt immer schneller aus den Regalen in die Vergessenheit. (…) Was das alles fürs Leben & Sterben der eigentlichen Produzenten, der Schriftsteller, bedeutet, liegt auf der Hand.“

Diese Entwicklung beobachte ich auch seit ein paar Jahren mit wachsender Sorge. Bücher sind nunmal keine x-beliebige Ware, bei der es nur darauf ankommt, möglichst viel bedrucktes Papier über den Ladentisch zu schieben.
Bücher sind Fenster zu anderen Welten.
Klar stehen weiterhin alle bestellbaren Bücher der Welt zur Verfügung, theoretisch.
Aber das sichtbare, aufdringlich präsentierte Angebot in diesen Buchhandlungsriesenketten, die in den letzten Jahren ein ehemals unabhängiges Traditionsgeschäft nach dem anderen geschluckt haben, ist wirklich überall dasselbe: Best- und Fastseller haufenweise, die nach spätestens einem halben Jahr wieder aus den Regalen fliegen, durch die nächsten mit heisser Nadel zu Trendthemen gestrickten Hype-Bücher verdrängt. Und was nicht in den Bestseller-Regalen oder auf den Trend-Bücher-Haufen und Sonderposten-Tischen der Buchhandlungen liegt (und da liegen eben überall dieselben), von dessen Existenz erfahren die meisten Leser nie. Das zwingt auch die Verlage, entsprechend zu produzieren: einfaches, massenkompatibles literarisches Fastfood, billig produziert, schnell konsumierbar, fett, aber mit wenig geistgem Nährgehalt.

Ich kaufe meine Bücher deswegen bewusst möglichst in kleinen unabhängigen Buchläden mit interessantem Sortiment.
Und falls Sie ein bestimmtes Buch, das Sie suchen, dort nicht finden: Auch der kleinste Laden kann jedes gewünschte Buch für Sie bestellen.

Literatur-Nobelpreis für Herta Müller

Oktober 9, 2009

Ich freue mich sehr, dass diese mutige kleine Frau, die selbsterlebte und mitgelittene Repression und Gewalt zu so einem scharfsichtigen, sprachsensiblen und moralisch starken Menschen gemacht haben, für ihr Werk geehrt wird.

In ihrem Roman „Herztier“ beschreibt Herta Müller in einer beklemmend präzisen Sprache, wie Freundschaft und Vertrauen unmöglich werden in der klaustrophobischen Atmosphäre der Angst und Repression im Rumänien Ceaușescus. Ein real existierendes „1984″ mitten in Europa. Herztier ist ein Buch, das die Mechanismen totalitärer Macht und Lebenszerstörung so fühlbar und gegenwärtig macht, dass allein das Lesen schwer auszuhalten wäre, spürte man nicht in jedem Satz die unbeugsame Warmherzigkeit der Erzählerin, die der Autorin offensichtlich biographisch sehr nahe steht.
Wie fühlt sich der Terror hautnah an? Wenn die Staatsmacht in deiner eigenen Wohnung herumschleicht? Wenn du jederzeit damit rechnen musst, verhaftet und gefoltert zu werden? Wenn das eigene Leben an einem Haar hängt? An dem Haar, das du in den Brief an deinen Freund legst, um festzustellen, ob er vom Geheimdienst geöffnet und gelesen wurde?

Nein, sie sind nicht ausgestorben mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, die modernen Systeme der Terrors. Haben wir den Mut, gegen sie zu protestieren, wo es uns nichts kostet, nicht einmal ein Haar?

Über Herta Müller: http://de.wikipedia.org/wiki/Herta_M%C3%BCller
Über den Roman Herztier: http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-20877-3
Und das ist Herta Müllers neuester Roman Atemschaukel: http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23391-1

Bilaterale Überlegungen zum Tag der Deutschen Gem-Einheit

Oktober 3, 2009

Unaufgeregt, unprätentiös, normal. So könnte man wohl die Art beschreiben, wie die Deutschen (von ein paar Idioten mal abgesehen) mit ihrer Nationalidentität umgehen im Oktober 2009. Und das ist, nach den manisch-depressiven Verwirrtheiten des letzten Jahrhunderts, eine sehr angenehme Entwicklung. Wir sehen uns als mittelgosses Mitte-Land mitten in Europa mit mittelmässigen Politikern und mittelmässigem Wetter und fühlen uns eigentlich ganz wohl dabei.

Da verwundert es mich immer wieder, beim Blick über die Grenze zu beobachten mit welcher Vehemenz, ja Verbissenheit die (Deutsch-)Schweizer Nachbarn um ihre nationale Identiät streiten. Als wollten sie da etwas nachholen, das die EUropäischen Nachbarn bereits im letzten Jahhundert hinter sich gebracht hätten.
Mich erstaunt und fasziniert, wie weit Selbstbild, vermutetes Fremdbild und tatsächliches Fremdbild der Schweiz mitunter auseinanderdriften (siehe z.B. Muschg vs. Widmer):
Ist es nicht eventuell doch ein klein wenig vermessen, sich als einzig wahre Demokratie und Vorbildmodell für den Rest der Welt zu betrachten? Oder ist man tatsächlich umgekehrt, nicht Vorbild, sondern ein hoffnungslos veraltetes Auslaufmodell in einer Welt mit globalen Problemen, die sich nur noch global lösen lassen, und einem vereinten Europa, in dem nur noch die Schweiz nicht mit den andern Jungs spielen mag?
Und ist das alles dem Rest der Welt nicht eher ein bisschen egal?

Deutschland wählt – aber was bloss?

September 26, 2009

Die Umfragen sagen: Schwarz-Gelb (eine Koalition aus CDU/CSU und FDP) bekommt keine 50% der Wählerstimmen, die in Deutschland nötig sind, um die Regierung zu stellen. Für eine Rot-Grün-Regierung (eine Koalition aus SPD und Bündnis90/die Grünen) wird es aller Vorraussage nach noch viel weniger reichen. Die Linken sind bäh wegen ihrer SED-PDS-DDR-Diktatur-Vergangenheit und weil den Ex-SPD-Kanzlerkandidaten Lafontaine keiner seiner Ex-Genossen leiden kann, und jedenfalls will mit denen sowieso keiner spielen. Die Piraten sind zwar lustig , werden aber wie Esoteriker, Nazis, Tierschützer, Kommunisten und Rentnerpartei an der 5%-Hürde schieitern, und jede Stimme für die Piratenpartei ist deshalb unter dem Strich eine verschenkte Stimme.

Also wen soll man nun eigentlich wählen?

Die CDU zeichnet sich hauptsächlich durch einen energischen Verzicht auf Inhalte und Profil aus. Ihre Botschaft heisst hauptsächlich
Angela Merkel.

Die SPD hält es, was Profil und Programm angeht, ähnlich wie ihr grosser Koalitionsbruder, mit dem Unterschied, dass ihr eine Merkel mangelt. Die SPD hat dafür den Dings, und der bedauerlicherweise die Ausstrahlung eines rostigen Wassereimers.

Dann gibt es da noch die FDP, die sich als Steuersenkungs- und Bildungspartei geriert. Nur. Steuersenkungen für wen? Für Spitzenverdiener und Einkommensmillionäre. Die sollen fast 20 Prozent weniger zahlen. Dafür müssen natürlich andere mehr zahlen, logisch, denn wir haben Krise und galloppierenden Steuerschwund in den Kommunen. (Einige Prolitiker von Wunschkoalitionspartner CDU hatten sich ja bereits etwas verschämt mit neuen Mehrwertsteuererhöhungsvorschlägen aus der Deckung gewagt, wurden aber sehr schnell wieder zurückgepfiffen, weil dafür den Ärmsten am stärksten in die Tasche zu greifen, das tönte sogar der Angie zu fies. Jedenfalls vor der Wahl.) Und die Bildung? Da will die FDP z.B. die besten 10% Studenten eines Jahrgangs mit Stipendien fördern. Heisst deutlicher gesagt: 90% des Studienjahrgangs gucken in die Röhre. Man will halt die junge Elite, die Entscheider, die Leistungs- und Anzugträger von morgen statt zu mehr Teamfähigkeit lieber zu mehr Ellenbogenmentalität erziehen. Wer hilft da noch einem Mitstudenten, wenn der einem dann das Stipendium wegschnappt? „Leistungsgedanke“ nennt sich das dann bei der FDP. Ich schreibe das so ausführlich, weil das bildlich steht für die Gesellschaft, die sich die NeoLiberalen im Ganzen wünschen.

Die Grünen versuchen mit Umwelt, Frauen und sozialer Gerechtigkeit zu punkten. Was im Prinzip ja eine super Idee ist, nur dass das inzwischen fast alle anderen von den Erfindern abgeschrieben haben und es für „Umwelt“ leider kein Trademark mehr gibt. Und dass die Grünen mittlerweile in manchen Bundesländern arg mit den Schwarzen kuscheln, kommt bei grossen Teilen der Stammwählerschaft auch nur bedingt gut an.

Die Linken haben auch ganz tolle Ideen: Reichtum für alle! Arbeitslosigkeit für keinen! aber wie genau die Populisten das umsetzen wollen, das weiss keiner so genau, und das braucht eigentlich auch keiner zu wissen, weil mit denen redet ja wiegesagt sowieso keiner.

Wen soll man also wählen? Ganz ehrlich: Ich weiss es selber noch nicht.

Vielleicht sollte man es so machen wie der Tübinger Kolumnist Wolfgang Kirschner? Das Kondensstreifen-Orakel

Endlich mal was Schönes

Juli 27, 2009

rainbow postirony

Wir sind beileibe nicht die einzigen, die diese Systemdiskussion führen. Die nicht einfach so weitermachen wollen wie vor der Krise.
Wir haben Verbündete. LOVOS, LOHAS, ATTAC, Obama, ja, wenn ich mich sogar mit dem Uertner mal auf etwas einigen kann, bin ich geneigt, von einem breiten gesellschaftlichen Konsens zu sprechen. :-)

Ein spannendes Projekt in diesem Zusammenhang finde ich den Postirony-Blog des Schweizer Künstlers Johannes M. Hedinger (den kennen manche von euch ja vom letzten Blogcamp in Zürich). Der Blog ist entstanden bei einem Projekt mit Studenten der Uni Hamburg.

Zitat:

„Wir verstehen Postironie  als Übungsfeld und Entwurf für eine Welt, in der sich eine neue vereinte globale Kultur und ein weltoffenes Stammessystem zu formieren beginnt, in der Gattungen gemischt und Ordnungen durchbrochen werden.

Für uns steht Postironie für:
- Wandel und Hoffnung auf eine bessere Welt, frei von Sarkasmus und Zynismus.
- Emotionalität und Mut zum Pathos und grossen Gefühlen.
- Authentizität, Nähe und Direktheit.
- eine Wiederkehr des Realen, des Einfachen und den Zauber des Alltags.
- die Feier des Lebens, die Schönheit, die Liebe und die Wahrheit.
- ganzheitliche, emotionale wie spirituelle Nachhaltigkeit und Verantwortung.
- Selbstdarstellung, als Individuum, wie in Kollaboration oder Partizipation.
- völlige Vorstellungs- und Gestaltungsfreiheit.“

http://postirony.com/blog/?page_id=48

Das Postironische Manifest:

http://postirony.com/blog/wp-content/dateien/postirony-web1.jpg

Ich glaube da ist was dran. In unserer Kultur der Fragmentierung und der Copy-and-Paste-Identitäten, der medialen Vermittlung und massenhaften Reproduzierbarkeit von einfach allem, in der alles nur noch Zitat eines Zitats ist, in der wir uns selber zu einer Marke und Ware machen und unsere Haut zu freiem Markte tragen müssen (und wehe dem, der sich nicht rechnet), ist uns die Eigentlichkeit verloren gegangen.

Wir können uns nicht mehr authentisch zu irgend etwas verhalten, weil wir, entfremdet vom direkten Erleben, diesen ganzen medienkulturellen Rattenschwanz immer schon mitzudenken und nur noch ironisch darauf reagieren können. Wir sind umzingelt von „Erlebniswelten“, „Einkaufsparadiesen“, „Spassfaktoren“, „Sensationen“ und „Megaevents“, die uns Konsumenten Gefühle, die jetzt Emotionen heissen, versprechen und Sinnleere verkaufen.

Wenn du dich jetzt gerade im Moment einmal umschaust, wie viele Dinge siehst du um dich herum und an dir, die keine beliebig reproduzierbare Massenware sind?

Wenn eine ironische Haltung bedeutet, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint, hiesse Postironie: Genau das zu sagen, was man meint.

So simpel. Und erstaunlich befreiend.

Eine Gegenbewegung also mit einer Sehnsucht nach Unmittelbarkeit, Natürlichkeit, Echtheit, Ganzheit, Menschlichkeit, Herzenswärme. Wahrheit. (Anstelle von „Wahrheit“ würde ich allerdings den Begriff „Wahrhaftigkeit“ vorziehen, weil die „Wahrheit“ ein Maulesel ist, der sich noch vor jeden Karren hat spannen lassen.)

Das Ziel wäre die Entfremdung der Konsum- und Arbeitswelt zu ersetzen durch eine neue Identität mit sich selbst.
Auch die Krisen vor 1968 und 1989 haben ja jeweils tiefgreifende soziokulturelle globale Veränderungen nach sich gezogen.
Und wenn genügend Menschen so denken, warum sollte es nicht gelingen?

Bachmannpreis 2009

Juni 24, 2009

Ich liebe Geschichten. Und ich muss diesmal nicht einmal den Fernseher aus dem Keller holen:  Man kann die Lesungen und Diskussionen auch ganz bequem im Internet an- und nachhören bzw. lesen: http://bachmannpreis.eu/de

Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“, das war einmal „Deutschland  (und Österreich und die Schweiz) sucht den Superautor“, mit Marcel Reich-Ranicki als Dieter Bohlen, lange, bevor Casting-Shows überhaupt erfunden wurden! Und ist heute wieder etwas Besonderes: 14 Stunden lang Lesungen und Diskussionen über Literatur im TV in 3 Tagen – soviel Zeit muss schon sein…

Die Jury gefällt mir allerdings von Jahr zu Jahr weniger. Ich vermisse die grossen Literaturkritik-Haudegen. Ich vermisse auch einen Robert Schindel, diesen etwas seltsamen aber absolut wunderbaren Pflichtverteidiger der Autoren-Seite in der Jury, ich vermisse es, einem Iso Camartin beim Denken zuzuschauen, ich vermisse sogar  Iris (ti-)Radisch ein bisschen, die mich mitunter ziemlich genervt hat, aber zuletzt wenigstens noch eine Reibungsfläche bot.

Nach dem letztjährigen Tiefpunkt gibt es dieses Mal viele neue Gesichter in der Jury. http://bachmannpreis.eu/de/jury
Hoffen wir, es hilft.

Denn die Jury ist es ja auch, die bestimmt, welche Autoren überhaupt eingeladen werden.
Es wäre schön, der Bachmann-Preis würde wieder mehr eine Entdeckungs-Möglichkeit für neue literarische Talente werden, die noch keinen fetten Vertrag in der Tasche haben und die nicht bloss von den Verlagen nach Klagenfurt geschickt werden, um ihr nächstes Buch im TV zu promoten. Dass ich dieses Jahr fast keine von den Autorinnen und -toren kenne (ausführliche Portraits der Kandidaten gibt es übrigens in der aktuellen Ausgabe der Literatur-Zeitung „Volltext“ nachzulesen), halte ist deshalb für ein eher gutes Zeichen.

Einen Haufen Autoren habe ich in den letzten paar Jahren durch den Bachmannpreis für mich entdeckt. z.B. Sibylle Lewitscharoff , Yoko Tawada, Juli Zeh, Uwe Tellkamp, Lukas Hammerstein, Zoe Jenny, Jochen Schmidt, Pedro Lenz, Kathrin Passig, Christoph Simon. Aber nicht nur Preisgekrönte, sondern z.B. auch „Nichtleser“ Gion Mathias Cavelty, dessen geniale Parabel die Juroren grandios durchfallen liessen – aber wer die Frankfurter Buchmesse in den Luft sprengen will, der kann kein schlechter Mensch sein…  :-)

Diesmal lesen Ralf Bönt, Katharina Born, Karsten Krampitz, Lorenz Langenegger (CH), Christiane Neudecker, Jens Petersen (CH), Bruno Preisendörfer, Karl-Gustav Ruch (CH), Gregor Sander, Caterina Satanik, Andreas Schäfer, Linda Stift, Philipp Weiss und Andrea Winkler Geschichten vor.

Termine – im Netz oder auf 3sat:

Donnerstag, 25. Juni
Lesungen und Diskussionen
10.00 – 15.00 Uhr

Freitag, 26. Juni
Lesungen und Diskussionen
10.00 – 15.00 Uhr

Samstag, 27. Juni
Lesungen und Diskussionen
10.00 – 14.00 Uhr

Sonntag, 28. Juni
Preisvergabe
11.00 – 12.15 Uhr

Überwachmadinedschad

Juni 24, 2009

Während wir uns hier noch über Leyenhafte Zensursula-Bemühungen aufregen, bigbrothern andere schon viel professioneller:

The Iranian regime has developed, with the assistance of European telecommunications companies, one of the world’s most sophisticated mechanisms for controlling and censoring the Internet, allowing it to examine the content of individual online communications on a massive scale.

(…)Internet censoring in Iran was developed with the initial justification of blocking online pornography, among other material considered offensive by the regime, according to those who have studied the country’s censoring. (Wall Street Journal)

Und wer hats erfunden (und geliefert)?

Der deutsch-finnische Telekomkonzern Nokia Siemens räumte am Montag die Lieferung „relevanter“ Bauteile ein. Sie sei in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 erfolgt, sagte ein Sprecher in London. Kritik daran wies die Tochter der Technologiekonzerne Siemens und Nokia zurück. Man habe alle Gesetze eingehalten. Vergleichbare Technik werde an viele Länder geliefert, um Terrorismus, Drogenhandel oder sonstige kriminelle Aktivitäten zu bekämpfen. (SZ)

Und das wird natürlich nicht nur im Iran eingesetzt:

Mehr als 90 ihrer „Monitoring Center“ und „Intelligence Platform“-Systeme hat Nokia Siemens in 60 Ländern verkauft. (SZ)

Scheint ein vielversprechender Markt zu sein mit Geheimdiensten, der Werbeindustrie, paranoiden Diktatoren,  religiösen Führern, globalen  Konzernen und anderen durchgeknallten Möchtegernweltherrschern als Kunden.
Wer oder was schützt uns da noch, ausser der schieren Masse der Daten?

Europanichtwahl

Juni 10, 2009

bäääh

Europa (das ist dieser Kontinent, der um die Schweiz drumrumliegt) hat gewählt.
Die Mehrheit der Europäer schien sich allerdings vor allem darin einig zu sein, nicht zur Wahl zu gehen.
Und viel mehr Menschen als bisher haben sich entschieden, anti-europäisch zu wählen.

Was mögen die Gründe dafür sein?
Frust mit der jeweiligen nationalen Politik? (Nationale Themen haben laut Umfragen eine grössere Rolle bei der Wahlentscheidung vieler Leute gespielt als europäische.)
Frust über die EU, die bei der Bewältigung der Krise viel offizielle heisse Luft produziert, aber faktisch nur sehr zögerlich zu konkreten Beschlüssen und noch weniger zu gemeinsamen Umsetzungen der schönen Worte findet?
Die tatsächlich sehr beschränkte Macht des Europäischen Parlaments?
Möglicherweise auch lokale Skandale wie das mangelnde Unrechtsbewusstsein Britischer Selbstbedienungs-Politiker, oder Berlusconische Pinup-Politikerinnen, die das Vertrauen der Menschen in die Politik beschädigen?
Oder eine noch wenig gefestigte demokratische Tradition in einigen osteuropäischen Ländern, die von der Krise besonders gebeutelt werden?

In Krisenzeiten scheint manchem das eigene Hemd näher als die Unterhose des Nachbarn, das ist verständlich. Aber ein Europa zerstrittener Einzelinteressen oder eine kommunistische Diktatur wollen trotzdem wohl die Wenigsten zurück.

Hier nochmal alle Wahlergebnisse zum Nachlesen