Autor-Archiv

Warum ich die Minarett-Initiative annehmen werde

November 9, 2009

Liebe Frau Zappadong, ich teile dann mal Deinen Bammel, und gehe noch einen Schritt weiter, hole tief Luft, und gestehe hiermit:

Ich werde zur Minarett-Initiative nicht nur leer eingeben. Ich werde die Initiative annehmen.

Für mich sind viele Dinge ungeklärt, gerade weil wir Schweizer sie im Willen, tolerant sein zu wollen, als befriedigend beantwortet betrachten. Vorauseilend. Ohne wirklich zu wissen, ob dem auch so ist. Vielmehr beobachte ich, dass wir uns reflexartig der Toleranz verpflichtet fühlen, während wir ALLEN Befürwortern reflexartige nebulöse Fremdenfeindlichkeit unterstellen.

Die Bemerkung, es ginge hier nur um Symbole einer Gemeinschaft und ihrer Religionsausübung, sind für mich nicht stichhaltig. Gerade, wenn es um Symbole geht, ist die Frage angebracht, was denn die Gemeinschaft, die nach diesen Symbolen fragt, mit diesen verbindet. Es wird mit Symbolen ein Zeichen gesetzt. Und mit deren Bejahung auch. Und da stehe ich nicht dahinter, nicht heute, nicht jetzt. Denn für mich sind die folgenden Fragen nicht geklärt, bzw. die Aussagen nicht entkräftet:

1.

Nicht wenige liberale Muslime hoffen darauf, dass die Initiative angenommen wird, weil sie durch die Kraft der Symbolik einen verstärkten Einfluss des konservativen Islams befürchten und sie in ihren Gemeinschaften entsprechende Einflussnahmen kommen sehen.

2.

Ein Ja zur Minarettinitiative würde einen Aufschrei in der Welt auslösen und unsere Intoleranz beweisen. Ich sage: Na und? Es ist nicht unser Problem, sondern unser Glück, dass wir über solche Dinge abstimmen können, und es ist nur ehrlich, auf diesem Weg seine Skepsis gegenüber einer fremden Kultur zum Ausdruck zu bringen: Ich kann nicht ja zu einer ein Strassenbild dominierenden Symbolik einer Religionsgemeinschaft sagen, von der ich befürchte, dass deren innere Kräfte die Integration in unsere Kultur eher behindern als fördern wollen.

3.

Ich will nicht Minarette akzeptieren, deren Bau u.U. von islamistischen Staaten finanziert wird, die mit der Verbreitung des Islams sehr wohl politisch-religiöse Ziele verfolgen.

4.

Es wurde angeregt, Imame an Schweizer Hochschulen auszubilden, um sicher zu stellen, dass hiesige Muslime von hiesig geschulten und in unserer Kultur lebenden und integrierten Geistlichen unterwiesen werden. Wie weit sind wir von einer allgemein entsprechend praktizierten Lösung entfernt?

5.

Ist es wirklich kein Argument, dass es ein Witz ist, über diese Frage überhaupt nachzudenken, während in vielen islamischen Ländern der Bau von christlichen Kirchen verboten ist und Christen ihren Glauben generell nicht ausüben können?

6.

Kann eine Religion, die in ihrem Kern die Trennung von Kirche und Staat nicht bejahen kann, weil das der eigenen Lehre absolut zuwider läuft, allen Ernstes erwarten, dass die Symbole dieser Religion bei uns im öffentlichen Raum gebaut werden können?

7.

Keine andere Religion verbindet innere Kontemplation und Eroberung so stark mit einander und kennt im Heute so ungehemmte Militanz für ihre Verbreitung. Eine Religion, die ihren missionarischen Auftrag zur weltweiten Verbreitung, auch auf Kosten anderer Glaubensgemeinschaften, nach meinem Dafürhalten in keiner Weise abgelegt hat, gestatte ich keine Türme in meinem Land.

8.

Es ist eine Tatsache, dass auch der überdurchschnittlich am Zeitgeschehen interessierte Schweizer generell über den Islam sehr wenig weiss – und das, was er weiss,  kaum je von Muslimen selbst stammt und in jedem Fall widersprüchlich ist.

Tatsache ist: Wir kennen einander nicht, oder viel zu wenig. Wir haben bisher zu wenig nachgefragt, und die Muslime Ihrerseits haben sich viel zu wenig erklärt und geöffnet.

9.

Ja. Minarette haben nicht für alle Muslime und in allen Ländern die gleiche Bedeutung. Stehen sie aber einmal, so kann die Symbolik instrumentalisiert werden. Und so lange wir nicht bereit sind, eingreifend, wertend und lenkend darauf hin zu wirken, dass der Glauben jeder Religion nach den bei uns geltenden übergeordneten Richtlinien der staatlichen Werte-Gesellschaft gelebt wird, so lange haben wir auch keine Sicherheit, dass diese Symbolik einmal eine Bedeutung erlangt, nach der wir ganz bestimmt nicht gerufen haben.

10.

Wir haben gerade mal geschätzte zwanzig Jahre mit einer starken Einwanderung aus islamischen Staaten erlebt. Wir sollten die Diskussionen rund um die Minarett-Initiative in jedem Fall zum Anlass nehmen, mehr Wissen zu sammeln. Und dort, wo das Wissen nicht zu erlangen ist, nicht eine Toleranz bemühen, die Nichtwissen kaschiert. Ich kann nur tolerieren, ja sogar annehmen, was ich wirklich kenne.

 

*

Damit ist keines der Themen der fehlenden Integration (z.B. junger muslimischer Männer und familiär unterdrückter Mädchen) angesprochen worden. Diese Diskussion hat in der Tat nichts mit Minaretten zu tun. Ich bin schlicht beim Symbol der Minarette geblieben. Muslime, die das lesen, dürfen mir glauben, dass ich sehr wohl einen Austausch der Kulturen wünsche und der Ausübung ihres Glaubens auf Schweizer Boden positiv gegenüber stehe. Aber ich kann keine Geister rufen (und die sehe ich sehr wohl), die ich ganz bestimmt gleich wieder los werden möchte.

Bemühen wir uns also um Verständigung, reden wir mit einander, erzählen wir uns, besuchen wir einander – und fragen wir uns vor allem selbst, was uns unsere Werte bedeuten, und wie wir sie am besten allen zugänglich machen können. Wirklich allen, die bei uns leben. In welcher Glaubensgemeinschaft auch immer.

Ein Big Boss macht Mutterschaftsurlaub

Juli 6, 2009

Eine interessante und auch außergewöhnliche Situation:

Die Chefin von ABB Schweiz, Jasmin Staiblin, bekommt ein Kind. Und sie will den gesetzlich erlaubten Mutterschaftsurlaub von sechzehn Wochen in Anspruch nehmen.

Die Weltwoche macht dies in ihrer Ausgabe 27/09 gleich doppelt zum Thema: Roger Köppel fragt im Editorial, ob dies „in Ordnung sei“ (ist es natürlich nicht), und René Lüchinger konstatiert in einem Kommentar „die nicht wahr genommene Führungsverantwortung“. Beide Journalisten setzen ihrer Argumentation zugrunde, dass einfach alles vom Chef abhängt. Von seiner Tüchtigkeit hängen die Arbeitsplätze ab (Köppel). Versagt der Chef, geht die Firma unter (Köppel). Er schreibt von den ungeschriebenen Gesetzen des Unternehmertums, denen sich auch Frauen unterwerfen müssten, was bedeutet, dass sich die ganze Person für den Erfolg der Firma hinzugeben hat.

Und Lüchinger stellt fest, dass 16 Wochen Ausstand „nicht gehen“. Für ihn bedeutet Topmanagement „Sechzig- oder Siebzig-Stunden-Wochen, Entbehrung und weitgehender Verzicht auf ein geregeltes Familienleben“. Dass zahlreiche Managerehen geschieden und Kinder von Top-Führungskräften ohne Vaterfiguren aufwachsen, ist unabwendbar und ein Indiz, dass alles der Verantwortung für die Firma untergeordnet wird. Es fehlt auch nicht der Hinweis, dass der Arbeitgeber diese Hingabe mit dem fürstlichen Gehalt einkauft.
Der Kommentar endet mit dem Hinweis, dass die „ABB gut daran täte, einen Plan B in der Schublade zu haben“.

Und hier setzt denn auch mein Contra ein: Die beiden Journalisten benützen das Beispiel zum Versuch einer Grundsatzdiskussion in einer Frage, die erst einmal niemanden außer der ABB selbst etwas angeht. Davon auszugehen, dass sich die ABB keine Gedanken zu einem Plan B gemacht hat, ist einigermaßen selbstherrlich. Die Argumentationskette liest sich wie der Versuch, vorauseilend den Mythos der großartigen (männlichen) Manager zu verteidigen, wonach selbstverständlich das ganze Wohl des Unternehmens von einem Superhero, dem General abhängt. Und genau diesem Mythos entsprechen auch die exorbitanten Saläre, die solchen Personen, die in aller Regel Manager und nicht Unternehmer sind, bezahlt werden.
Persönlich ist mir einigermaßen unwohl, wenn ich mir vorstelle, dass die Novartis den Rhein runter treibt und womöglich ersäuft, wenn Daniel Vasella nicht an Bord ist. Auch und gerade der oberste Chef sollte seine Firma so organisieren – und seine Mitarbeiter so auswählen, dass jeder seine persönlichen Qualitäten einbringt, aber keiner unersetzbar ist. Ein Mutterschaftsurlaub ist zudem planbar (das Lösungsmodell für die Firma damit auch), ein Unfall oder eine Krankheit nicht. Und trotzdem gibt es auch dafür garantiert überall Schlachtpläne, wie ich schwer hoffe, um es auch etwas martialisch auszudrücken.
Der Friedhof ist voll von unersetzlichen Managern und Unternehmern, die alle ersetzt wurden. Zwangsläufig.

Diese Kritik will nur die Krux dieser alten und tief verankerten Denkweise offen legen. Persönlich kann ich gar nicht beurteilen, ob das bei der ABB versuchte Modell wirklich funktionieren wird. Interessant finde ich etwas anderes:

Die ABB scheint sich auf oberster Ebene ein Angestelltenmodell zuzutrauen, das Jobsharing und Familienleben mit einbezieht. Natürlich ist es möglich, dass sich Angestellte, wie es Lüchinger suggerieren will, sogleich in einem führungslosen Zustand sehen. Dass von der ABB ein Statthalter bestimmt ist (jaaah, selbst Frau Staiblin hat einen Chef, und dieser, Präsident Peter Smits, übernimmt vorübergehend), und der Zürcher Headhunter Björn Johannsson explizit meint, es wäre „alles nur eine Frage von „mindset“ und Organisation“, wird zwar erwähnt, aber es wird nicht darauf eingegangen. Dabei ist ja genau das die spannende Frage:
Was wäre, wenn die ABB Schweiz zu einem Modell würde, in dem alternative Führungsmodelle von oben eingeführt und breiter umgesetzt würden? Wenn Mitarbeiter, Frauen wie Männer, genau darin die Qualität ihrer Firma sähen, dass diese ihre Angestellten ernst nimmt, indem sie explizit auch deren gewonnene Qualitäten als Familien“manager“ fördern und dann auch nutzen will?

Was wäre, wenn Männer darin keinen Angriff mehr auf ihren Krieger-Mythos sähen – und die Frauen ernst damit machten, Loyalität zu Familie und Unternehmen praktisch umzusetzen. Wäre doch phantastisch, wenn sich beweisen ließe, dass jemand, der nur fünfzig Stunden pro Woche arbeitet, vielleicht mehr damit heraus holt, als jener, der siebzig Stunden malocht? Wie das gehen soll, hat mir bis jetzt sowieso niemand erklären können.

Wenn ich mir einen Siebzig-Stunden-Wochenjob beschreiben lasse, dann steckt darin sehr viel „Repräsentation“, allenfalls Reisen und ganz sicher Pflege einer Wichtigkeit, die man nur dann ernst nehmen kann, wenn man die Chance zum Ehemann und Familienvater verloren hat und seinen persönlichen Wert nur noch mit dem Ansehen in einer Welt gleich setzen kann, wie sie Lüchinger und Köppel beschwören.

Die UBS sucht unser Vertrauen

April 15, 2009

Die grösste Schweizer Bank, die krisengeschüttelte UBS, führt heute ihre Generalversammlung durch. Ich habe mir die Berichterstattung heute um 12h30 im Radion bei DRS 1 kurz angehört.
Wiederum wurden langatmig und ausführlich die falschen Fragen gestellt. Und dennoch ist genau dies der Indikator des grössten Problems.

Dieses grösste Problem ist nicht, dass die UBS weiter Boni bezahlt (bzw. nicht kommunizieren mag, dass sie vertraglich gar nicht anders kann, weil das niemand hören oder glauben will, obwohl das sehr gut nachzuvollziehen ist).

Das wirkliche Problem ist der Abfluss der Kundengelder. Darin spiegelt sich der Verlust an Vertrauen bei jenen Menschen, die das Betriebskapital für Gewinne zur Verfügung stellen müssten: Geld. In Form von Anlagen. Und die sollen, bitteschön, möglichst sicher sein. Oder möglichst Rendite versprechen. Leider wird nicht kommuniziert, wo welches Geld abgezogen wird. Ist es Geld, für das den Anlegern nach ihrer Meinung nicht mehr genügend Rendite winkt, oder ist es Geld, für das nach wie vor Sorge besteht, dass es verloren gehen könnte? Ist es eher ersteres, so ist das eine Krux, aber das kleinere Problem, als wenn der zweite Grund überwiegt.

Tja, wie stellt eine Bank – oder überhaupt eine Firma – neues Vertrauen her? Es ist eine an sich schon heikle Aufgabe. Bei einem Unternehmen, das so in den Fokus der Medien (nicht nur der Justiz) geraten ist, wird sie noch schwieriger.

Dabei kommt auch der Zeitpunkt, wo eine solche Firma bei der Basis ihrer Kunden wieder neu auf deren richtiges Augenmass vertrauen können muss. Die Klagetöne über gemachte Fehler müssen Fragen zur Zukunft weichen und sich mit jenen Personen beschäftigen, die das Steuer jetzt in die Hand nehmen. Vertrauen muss nicht nur geschaffen werden, es muss sich auch neu bilden.

Die Bedeutung, die dabei die Medien haben, ist gross. Sie wird hoffentlich von Medienschaffenden wahr genommen, die nicht dem Rausch der plötzlich gefühlten eigenen Bedeutung unterliegen und nicht klüger sein wollen, als man es in dieser Situation sein kann.

Der grosse Rest wird „sich informieren“. Und nicht so sehr viel dagegen tun können, dass sich eine persönliche Meinung festsetzt – und man selbst nicht so genau weiss, wie viel die taugt.

Und darum ist hier auch höchste Zeit für den Schluss dieses Beitrags.

Vom Populismus zur schamlosen Manipulation

Februar 4, 2009

Wenn der Verdacht, der in diesem Artikel des Tages-Anzeigers erhoben und durchaus schlüssig hergeleitet wird, sich als Tatsache erweist, dann wird unsere Demokratie ernsthaft getestet – und das Stimmvolk wäre wohl endgültig aufgerufen, den populistischen Machenschaften in der Politik, egal aus welcher Ecke sie kommen, mit rigorosem Abstimmungs- und auch Wahlverhalten einen Denkzettel zu verpassen.

Nach dem Artikel ist es denkbar, dass eine Schweizer Partei, die das Referendum gegen die Personenfreizügigkeit ergriffen hat, aus den eigenen Reihen einen Internet-Auftritt steuert, der den eigenen Argumenten Vorschub leistet. Es würde bedeuten, dass man den Skandal selbst initiiert, mit dem man danach Stimmung macht, indem man genau darauf in Leserbriefen etc. verweist. Das ist, als würde man selbst mit Steinen schmeissen, bevor man dann die Steineschmeisser verbal geisselt.

Wenn das Ganze das Bauernfängerstück ist, nachdem es aussieht, dann gehört ein Denkzettel verpasst, der sich gewaschen hat. Und zwar nicht in erster Linie an der Abstimmung zur Personenfreizügigkeit – sondern bei den nächsten Wahlen. Ich stelle auf jeden Fall fest: Mit solchen Schlufis will ich nichts zu tun haben. Und mir werden dazu auch Reaktionen der politischen Konkurrenz wie jene der CVP-Pressesprecherin Marianne Binder („Man sollte mit offenem Visier kämpfen, nicht mit irreführenden Methoden.“) nicht ausreichen.

Es ist Zeit, dass die Ausstrahlung eines Parteiführers, der selbst viel zu viel Grauzonenkonspiration im Sinn der Sache duldet, endgültig eingegrenzt wird. Und diese Erneuerung wird wohl erst eintreten, wenn die Notwendigkeit dazu von aussen aufgezeigt wird.

Die Chance Obamas, die wir selbst verdienen

Januar 20, 2009

Heute ist er also da, der grosse Tag der Amtseinführung von Barack Obama.

Seit seine Wahl fest stand, sind die Probleme der USA und damit der Welt nicht kleiner geworden.
Was sich erhalten hat ist das Übermass an Hoffnung, das auf die Schultern dieses Mannes fokussiert bleibt.
Natürlich ist das übertrieben, natürlich ist Obama nicht der Nabel der Welt. Vielleicht war es der amerikanische Präsident noch nie so wenig wie heute. Die Welt ist wirklich globaler geworden. Ein unmöglicher Satz, ich weiss, und doch wissen wir alle, was damit gemeint ist.
Noch nie war es uns bewusster denn heute, noch nie war es so sehr Fakt wie jetzt:
Es gibt diese eine Welt und wohl definitiv auch den einen Markt, den globalen Wirtschaftsraum mit veränderten Spielregeln, Machtverhältnissen und unveränderten Begehrlichkeiten. Sie wachsen nun nur in noch mehr Köpfen und jenseits aller alten Grenzen.

Was also kann Obama bewirken?

Das Wichtigste scheint etwas Ungreifbares und daher auch sehr Fragiles, vielleicht gar nur Eingebildetes zu sein:
Wann haben wir das letzte Mal einer grossen politischen Figur zugebilligt, dass sie ein Regierungsamt mit dem Willen antritt, für Alle Gutes zu bewirken?

Sind diese Projektionen „berechtigt“? Müssen sie nicht zwangsläufig bitter enttäuscht werden?

Yes, We Can. Es steht da das Wort „Wir“. Schlussendlich vermag ein Politiker, der an ein Gemeinwohl glaubt, nur für das zu kämpfen, wofür er den Support seiner Wähler fühlt. Und im Falle des amerikanischen Präsidenten ist das nicht nur die eigene Wählerschaft, sondern jener Teil der Welt, der sich den Wandel gewünscht hat.

Es wird auf uns ankommen.

Darauf, dass wir alle unsere Politiker danach beurteilen, was sie nach diesen Kriterien für uns tun, für das, was wir wirklich wollen, wenn wir unsere Bedenken und Ängste für die Zukunft unserer Kinder und unserer Welt wirklich ins Zentrum stellen und das letzte Quentchen Luxus und Bequemlichkeit mal beiseite lassen – um mal mit den harmlosen Dingen zu beginnen. Aber wenigstens mit ihnen. Dabei werden wir uns immer darum streiten, welche Lösungen dafür wann, wie und wie rigoros zu suchen sind. Aber wir sollten uns dann auch daran messen, mit welchen Mitteln, in welchem Geist und mit welchem Respekt wir nach Antworten und Wegen suchen.

Wenn Obama das mit bewirken soll, was sich seine Anhänger erhoffen, dann gehört dazu, dass wir unseren Knilchen da oben unmissverständlich sagen, dass wir die Selbstverantwortung aller einfordern, dass wir verlangen, dass man mit dem politischen Gegner spricht, alle Eitelkeiten beiseite lässt und verdammt nochmal den Kompromiss entdeckt, der damit beginnt, dass man die andere Tischseite respektiert und sich für deren Bedürfnisse interessiert.

Wir alle sind gefordert. Wir müssen die längst in unseren Köpfen eingewachsenen Prinzipien überdenken. Arbeitsplätze für möglichst alle? Ja, gerne, aber vielleicht geht das nur, wenn wir den etwas längeren Weg nehmen, weil nicht mal dies das einzige Ziel sein kann, um jeden Preis. Denn den höchsten Preis hat die Welt als Ganzes, der fragile Planet und unsere Menschlichkeit, mit der wir ihn bewohnen sollten, wenn wir ihn erhalten wollen.

Geben wir Obama und allen, die guten Willens sind, die Chance, die wir selbst verdienen.

In der Beiz / Au Bistro – ein Hinweis

Dezember 26, 2008

Mit der Beizenkultur in der realen Welt befasst sich eine Ausstellung im Kunstmuseum Olten.
Bin soeben erst darüber gestolpert.
Die Ausstellung läuft noch bis und mit 18. Januar.

Und ich sage schon mal: Auf dass es auch in unserer virtuellen Beiz weiter richtig schön lebendig zu und her gehen möge!

Ruhige Reflexionen zur Finanzkrise bei Maybrit Illner

Dezember 19, 2008

Eine Empfehlung: Die letzte Talk-Sendung von Maybrit Illner im ZDF ist absolut sehens- und hörenswert:
Das schwarze Jahr des Kapitals
Eine sehr ruhige, bemerkenswert offene Diskussion zwischen Politikern und Wirtschaftsfachleuten aus Bankenkreisen.
Reinsehen und -hören, finde ich.
Eine der interessantesten Punkte:
Das Fallenlassen von Lehman Brothers war ein kapitaler Fehler

iA Zürich übernimmt Facts 2.0

Dezember 19, 2008

Ich zitiere aus einem Mail eines Nutzers an mich, Wiedergabe von der Facts 2.0-Plattform:

Liebe Benutzerin, lieber Benutzer von FACTS 2.0

Das Zürcher Unternehmen Information Architects übernimmt vom Schweizer Medienhaus Tamedia ab 1. Januar 2009 die News-Diskussionsplattform FACTS 2.0. Christoph Lüscher, bisher Geschäftsführer von FACTS 2.0 und Mitgründer von Information Architects Zürich, führt FACTS 2.0 ab 2009 gemeinsam mit seinen Partnern weiter. Für Sie als Benutzer ändert sich dadurch nichts – die Teilnamebedingungen bleiben dieselben. Die aktualisierten AGB finden Sie hier: http://facts.ch/about/terms_of_use .

Die News-Diskussionsplattform FACTS 2.0 wurde im Sommer 2007 unter http://facts.ch als Nachrichtenradar, Treffpunkt und Meinungstribüne lanciert. Die Metaplattform verlinkt relevante deutsch- und englischsprachige Medien aus der Schweiz und dem Ausland. Die Userinnen und User können auf FACTS 2.0 Kontakte pflegen, Nachrichten bewerten und kommentieren, Zeit bei der Suche nach relevanten News sparen und täglich neue Quellen und Artikel entdecken.

Wir freuen uns, Sie auch im Neuen Jahr 2009 auf FACTS 2.0 begrüssen zu dürfen!

Mit freundlichen Grüssen
Das FACTS-Team

Update vom 19.12.08, 20h42:
Links zu Reaktionen im Internet:
persoenlich.com: Information Architects übernehmen Facts 2.0
medienlese.com: Tamedia gibt News-Comunity auf
Journalistenschredder: Tamedia trennt sich von Facts 2.0

Warum Ueli Maurer ein guter Bundesrat wird

Dezember 10, 2008

Ich bin kein SVP-Wähler. Ich bin Zürcher, aber die Zürcher SVP war für mich ein oft kaum erträglicher Verein unflätiger „Torebuebe“, die ausser Rand und Band zu geraten schienen.
Ueli Maurer stand für diese Politik, es können ihm auch viele O-Töne zitiert werden, die unter aller S… waren, und so manche Werbe-Initiative hat er zumindest so innig vertreten, dass man gerne annehmen mag, er hätte sie auch selbst ausgebrütet.
Dennoch habe ich den Bundesratswahlen heute gelassen entgegen gesehen, und nun ist vielleicht die Gelegenheit, hier ein paar Thesen aufzustellen.
Dazu muss ich sagen, dass meine Einschätzungen und Prognosen nur meinem Gefühl und meinen Beobachtungen als normaler Schweizer Bürger entsprechen. Ich kenne Ueli Maurer nicht persönlich. Aber ich glaube, dass die folgenden Thesen sich alle bewahrheiten könnten:

  1. Maurer sieht im Amt des Bundesrates die Möglichkeit, sich auch in der Wahrnehmung der Schweizer Bevölkerung als Ganzes von der ihm angedichteten Rolle der Nr. 2 zu emanzipieren.
  2. Gerade der direkte Vergleich mit Blocher und die aus der Parteienhierarchie heraus gelöste Position als Bundesrat wird es ihm erlauben, in Stilfragen das Amt als Magistrat anders zu interpretieren und damit erfolgreicher zu sein als Blocher selbst.
  3. Maurer achtet die Institutionen und fragt nach der Rolle, die ein Amt erfordert. So, wie er ein äusserst angriffiger bis bissig-kaltschnäuziger Parteipräsident war, so wird er ein Bundesrat sein, der die Konkordanz nicht nur als Worthülse auf den Lippen trägt.
  4. Maurer ist als Parteipräsident schon abgetreten. Er hat bereits ein wenig durchgeatmet und bestimmt auch schon die Zeit genossen, nicht immer den Karren weiter stossen zu müssen. Das wird es ihm leichter machen, als Bundesrat die Parteipolitik nicht nach aussen hin zu machen, sondern sie im Gremium zu vertreten.
  5. Maurer ist sehr wohl auch ein Teamplayer – und er wird darin von einer erwachenden neuen Führungsriege der SVP mindestens so getragen werden, wie in den letzten Jahren Blocher von schenkelklopfenden Schlaumeiern hofiert wurde.
  6. Maurer wie die SVP werden durch die aufziehenden wirtschaftlichen Probleme jetzt ganz anders einzubinden sein in staatstragende Aufgaben, als dies in sorgloseren Zeiten der Fall gewesen wäre  (die Asylfrage war nicht annähernd so bedrohend, wie sehr die SVP auch davon sprach).
  7. Alle, die Maurer kennen, reden von einem in der Sache hartnäckig argumentierenden und kämpfenden Politiker, aber auch von einem kollegialen Menschen, der nie den Kontakt zu seiner Basis verlor.
  8. Werden wir alle erst mit der Zeit sehen, wie sehr wir Maurer stets nur als Laufbursche Blochers gesehen haben – und wie falsch das war. Es ist nicht nur Maurers Fehler, dass wir ihn nie anders wahr genommen haben. Es ist auch unsere eigene Kurzsichtigkeit – und jene der Medien, von denen genau so wie von Maurer zu erwarten ist, dass sie sich auf die neue Situation einstellen.
  9. Ueli Maurer ist Patriot. Und dies in einer Art, die uns nicht bange machen muss. Er wird danach fragen, wie er dem Land dienen kann, und er stellt sich zu den möglichen Antworten sehr viel offener, als es bei dem älteren Mann aus Herrliberg der Fall war und ist.
  10. Ueli Maurers Ego ist nicht übergross. Er wird es beweisen können. Und es ist eine entscheidende Voraussetzung für die Kollegialbehörde, wie unser Ministerverein zu Recht genannt wird.

Ueli Maurer in den Bundesrat?!

Dezember 4, 2008

Die SVP hat sich also für die Bundesratswahlen für ein Zweierticket entschieden, das in Wahrheit als ein Einerticket mit Anschubhilfe gedacht ist. Wahrscheinlich kann man das Ganze als Aufarbeitungsversuch von 12/12 der SVP verstehen und als letzten internen Kotau vor der grauen Eminenz, die noch immer zitternd vor Empörung den grossen Rest zum Zittern bringt, zumindest in der eigenen Partei.

Das Ganze ist für den überwiegenden Teil der politischen Schweiz, der seine eigene Entourage genau so wenig wie die Schweiz als Ganzes als Réduit versteht, die Gelegenheit, die eigene Optik quasi mit der Haptik zu überprüfen:
Es ist nun Sache von Ueli Maurer und den beteiligten Bundesparlamentariern, in den Hearings ein Gefühl dafür zu bekommen, ob Ueli Maurer als Bundesrat die Konkordanz neu entdecken würde. Damit wäre wohl gemeint,  dass der noch immer dominierende Flügel der Partei sein inhaltliches Credo tatsächlich auch im Bundesrat einbringen soll – ohne damit eine Parteipolitik zu betreiben, die schlicht negiert, dass man selbst eine Minderheit unter anderen Minderheiten darstellt und sich daher entsprechend zu verhalten hat.

Die Diskussionen kochen hoch im Land, und misst man Maurer an seiner Arbeit als Parteipräsident und seinen Äusserungen in dieser Funktion, so lässt sich ein langer Wust an Gründen finden, die ihn schlicht unwählbar machen. Wer das aber schlussendlich zu entscheiden hat, ist das Parlament selbst, denn es muss nachher mit dem Bundesrat arbeiten, den es wählt und daher entscheiden, ob es sich für „des Politikers Geschwätz von gestern“ interessieren soll oder nicht. Und das ist gut so, denn seit 12/12 ist dieses Parlament selbstbewusster und selbstbestimmender geworden, als dies zu Zeiten der Abwahl einer Ruth Metzler noch der Fall gewesen sein mag.

Die Art unserer Diskussionen wird massgeblich durch die mediale Berichterstattung bestimmt: Bleibt der Haupttenor dem vereinfachten Holzschnittmuster verhaftet, wonach Maurer nur der Hampelmann oder, höflicher, der verlängerte Arm Blochers ist? Oder wird die Konstellation dazu genutzt, Maurer endlich einmal eigenständig zu beurteilen? Wie hat sich sein Verhältnis zu Blocher seit Mitte der neunziger Jahre tatsächlich entwickelt? Ist er tatsächlich stets ohne Abgrenzung zum Neu-Herrliberger an dessen Seite marschiert?
Wenn man Maurer nun die Stimmungsmache in Abstimmungsvorlagen vorwirft, attestiert man ihm plötzlich einen Lead, den man ihm umgekehrt bei jeder Gelegenheit in Abrede stellt. Die Medien sind gefordert, sich um mehr Differenzierung zu bemühen. Sie werden es wiederum nur in kommentierender Form tun können (und sollen), aber bitte wenigstens mit der entsprechenden Qualität!

Derweil dürfte es der SVP schwanen, dass sie vielleicht auch diesmal die Zeichen aus den anderen Parteien zu früh zu vorschnell positiv gedeutet haben könnte… Maurer wäre durchaus wählbar, hiess es in breiten Kreisen, bevor die Fraktion diese Zweier-Seifenkiste mit Blocher auf dem Sozius an den Start rollte.

So mancher gestandene Parlamentarier wird sich nun fragen, ob, mit der etwas kleineren Reizfigur auf der Kühlerhaube, der SVP ein ähnliches Buebetrickli erlaubt sein soll, wie schon versucht: Entweder so, oder sonst…

Nur dürfte diesmal die SVP selbst mehr Angst haben vor dem „sonst“, als grosse Teile des Parlaments. Der Kandidat Maurer hat die Politik dieser Partei massgeblich mit getragen, und könnte das Opfer dieser Entwicklung werden. Der Politiker Maurer aber wäre meiner Meinung nach wählbar. Er frisst, wie man hört, nicht wenig Kreide in den Hearings, und ich glaube, er tut es nicht nur vordergründig. Es reizt ihn vielmehr, anders als Blocher beweisen zu können, dass man in der Sache hart verhandeln, im Ergebnis aber staatstragend agieren kann. Es ist DIE Chance für ihn, die einzige Chance, eine von der Partei unabhängigere Position beziehen zu können und damit persönlicheres Profil zu gewinnen – nachdem er schon als Parteipräsident die meisten Mitspieler und vor allem auch die Medien mehr als überrascht haben dürfte.

Das Parlament wird auch über diese Beweggründe entscheiden, und der Ausgang ist offen. Ueli Maurer im Bundesrat wäre kein Grund, die Schweiz am Abgrund zu wähnen. Ueli Maurer’s Nichtwahl auch nicht.

Kommentiert wird es eh, und interpretiert auch. Die entsprechenden Kolumnen und Berichte sind vielleicht schon geschrieben. Ich würde daher dafür plädieren, einfach mal zuzuhören und zuzusehen. Der Entscheid liegt beim Parlament. Und das ist gut so. Ich traue ihm seit 12/12 zu, die richtige Wahl zu treffen, und die kann auch Ueli Maurer heissen.

Das Volk wird sich seine eigenen Gedanken machen, und die SVP wird sich vermehrt fragen, ob der Ausspruch:
Wir sind das Volk!
vielleicht auch mal wieder fragend verwendet werden sollte:
Sind wir das Volk? (und was will es wirklich?).