Kurze Zeit war hier dieser Blog-eintrag eingestellt. Ich habe ihn nun in die „Willensnation“ ausgelagert. Zum einen will ich die user der Beiz nicht immer mit meinen Steckenpferden belästigen, zum anderen hat die Google-Suche mit gezeigt, dass die „credibility“ der „Willensnation“ bei Google grösser zu sein scheint, als jene der „Beiz 2.0″. Konkret: ein und derselbe Post, der in der „Beiz“ sogar ein paar Links mehr hatte und länger in der „Beiz“ lag als in der „Willensnation“, wurde 4 Plätze höher gerankt auf der dritten Trefferseite der Suche „Peer Teuwsen“. Wenn mir jemand diese Mechanismen erklären könnte – ja, ich bin ranking-geil, ich will, dass meine Texte gefunden werden -, wäre ich ihr/ihm sehr verbunden.
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Warum Uertner in der „Willensnation“ uertnert
November 9, 2009Minarette, „Gutmenschen“, Gewissensprüfung und Amok in Ford Hood
November 6, 2009Ich bin erschüttert über den Amoklauf in Ford Hood. Aber Zweck dieses Posts ist es nur nochmals auf den Punkt von Religion und Verteidigung der Menschenrechte aufmerksam zu machen. In meinem Mail an Reto Müller schrieb ich:
5. Zu Recht monieren die Islamischen Glaubensgemeinschaften die Absenz von muslimischen Feldpredigern in der Armee. Wie verhält sich ein muslimischer Schweizer Soldat, der auf Glaubensbrüder schiessen muss? Kann es muslimische„Eidgenossen“ geben? Alle diese Fragen sind nicht geklärt. Die innerschweizer Katholiken waren als „Eidgenossen“ bereitfür die Zürcher und Berner „Ketzer“ wegen ihres Schwurs zu sterben (sie mussten aber im Sonderbundskrieg mitWaffengewlt dazu gezwungen werden), ja sie gegen französische oder deutsche Glaubensbrüder zu verteidigen. Wird einMuslim im Ernstfall für die Freiheit auf sexuelle Freizügigkeit in der Schweiz auf einen rechtgläubigen Muslim schiessen, der die Schweiz von den „Ungläubigen“ befreien will? Ist der „eidgenössische Patriotismus“ in den Köpfen und Herzen unserer eingebürgerten muslimischer Mitbürger höher eingestuft als ihr heiligstes Credo?
Zu These 5:
Die Armee gehört abgeschafft. Konflikte in der Schweiz werden künftig gelöst, ohne dass man aufeinander zu schiessen hat.
Die SP, der Reto angehört, ist aber verschiedentlich schon für durchaus sehr bewaffnete Auslandeinsätze der Schweizer Armee eingetreten: Kosovo, Atalanta, etc.
Der User „David“ vom Blog „Substanz“ zeigt seine „Substanz“, in dem er auf den Punkt 5 antwortete:
5. Wie verhält sich ein Mensch, der auf Menschen schiessen muss? Diese Frage ist nicht geklärt. Ich für mich habe sie geklärt und habe mich für den Zivildienst angemeldet – dieser steht Muslimen ebenso offen. Wo kämen wir hin, wenn wir jeden „verbrennen“ würden, der nicht auf Menschen schiessen würde?
Wer aber „die Menschenrechte“ mit der Waffe in der Hand verteidigen soll, bleibt ungeklärt. Meine Entgegnung auf David war:
5. Du hast den Zivildienst gewählt. Falls du die Fähigkeiten gehabt hättest zu töten, und diese Fähigkeit dem Staat vorenthalten hast, hast du den Staat geschwächt. Genau darum ging es bei der nun abgeschafften „Gewissensprüfung“. Früher wurden Täufer verfolgt, verurteilt und ertränkt, weil sie als radikale individual-pazifisten jegliches demokratische Amt auf Erden (Schulpfleger bis Soldat) ablehnten. Mit dieser Praxis kam die Schweiz von 1500 bis 1798 gut zurecht. Fast 300 Jahre Frieden. Ab 1968 wurden die Dienstverweigerer softer angefasst, bis hin zur heutigen Armee mit ihren „frivolen Unglücksfällen“ (Oberleutnant a.D. Adolf Muschg). Wenn Muslime in der Armee dienen unter der Schweizer Fahne (kreuz!) geht das? Funktioniert das wirklich im Ernstfall? Das Dossier „Feldimame“ wird von der Armee derzeit unter Verschluss gehalten.
„Wir verwerfen auch alle anderen Lehren der Wiedertäufer, die entgegen Gottes Wort eigene Fündlein
(eigene, neue Gedanken: „Utopien“, „Visionen“ GG) enthalten. Wir sind also nicht Wiedertäufer und haben mit ihnen rein gar nichts gemein.“
Die feigen und ängstlichen Soldaten hingegen, die Gottlosen, Habgierigen, Gotteslästerer, der Ausschweifung Verfallenen, alle leichtsinnigen Schurken und Verräter, durch deren Feigheit, Gefrässigkeit, Wollust und Gottlosigkeit heutzutage blühende und bedeutende Gemeinwesen untergraben werden und zugrunde gehen, verdienen ewige Schande, hat doch Gott diese ruchlosen Schurken und Verbrecher in alle Ewigkeit verflucht.
Für Menschen, welche die Grundwerte des christlichen Abendlandes nicht teilten, war in Genf – wie noch weniger in den von der katholischen Inquisition beherrschten Gebieten – kein Platz, wie die Verbrennung des Trinitäts-leugners Servet 1553 zeigt. Auch heute „Verbrennen“ wir: Holocaustleugner, Moderatorinnen die an HitlersAutobahnbau erinnern, Rassisten, Schwulenhasser etc. etc. Jede Gesellschaft macht das, es fragt sich bloss welche „Verbrennungen“ wirklich hilfreich, welche intelligent und unumgänglich sind.
Nach Medienberichten hatte der 39-jährige gebürtige Jordanier und Muslim für den 28. November den Marschbefehl für den Irak erhalten und sich entschieden dagegen gewehrt.Der unverheiratete Hasan war nach Medienberichten erst seit Juli in Fort Hood stationiert und soll schon seit langem eine Entsendung in den Irak gefürchtet haben. Schon seit Jahren habe er immer wieder gesagt, dass ein Einsatz in der Region das Schlimmste sei, was er sich vorstellen könne, hiess es weiter.
4. Gewalt oder „Unterhaltungsgewerbe“?: Carl Hirschmann verhaftet
November 5, 2009Es ist „nur“ Klatsch (kompetentes rating hier) und doch irgendwie ein Menetekel des Zeitgeistes. Carl Hirschmann, der „It-Boy“ der Zürcher Jeunesse doree, wurde verhaftet. Ob es sich um Nötigung gegenüber jungen Frauen handeln soll, wollte der zuständige Staatsanwalt noch nicht bestätigen. „tele-züri“ meldet solches. Die google-suche „Carl Hirschmann trennt sich von Freundin“ scheint sehr beliebt gewesen zu sein. Dass mit dem jungen Mann etwas nicht ganz koscher ist, war nicht erst zu vermuten gewesen als er die damals amtierende Miss-Schweiz Whitney Toyloy ihrem biederen Handwerker-Freund Kerim abspenstig machte. Die Stirne runzelte ich schon, als die Presse verkündete, der 27jährige habe sich nach 6 Jahren „Beziehung“ von der Tochter Jürg Marquards Freundin Raquel Lehmanns, Bianca Gubser (damals 19) getrennt, die nun eine blendende Karriere als Model eingechlagen haben soll.
Die Hirschmanns sind ein schwereicher Clan in Zürich (1 Milliarde), Verleger Marquard (500 – 600 Millionen) verlegt Hochglanzpapier mit Frauenfleisch (Cosmopolitan, Mädchen, Popcorn etc.). Man rechne: Bianca Gubser liess sich als 13jährige (oder wurde eingelassen?) auf den damals 21jährigen Erben ein. Irgendwie meinte ich schon beim Lesen dieser Meldung, folgender Artikl komm hier zum Tragen:
Art. 187
1. Gefärdung der Entwicklung von Unmündigen
Sexuelle Handlungen mit Kindern1. Wer mit einem Kind unter 16 Jahren eine sexuelle Handlung vornimmt,
es zu einer solchen Handlung verleitet oder
es in eine sexuelle Handlung einbezieht,
wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder mit Gefängnis bestraft.2. Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten nicht mehr als drei Jahre beträgt. 3. Hat der Täter zur Zeit der Tat das 20. Altersjahr noch nicht zurückgelegt und liegen besondere Umstände vor oder hat die verletzte Person mit ihm die Ehe geschlossen, so kann die zuständige Behörde von der Strafverfolgung, der Überweisung an das Gericht oder der Bestrafung absehen. 4. Handelte der Täter in der irrigen Vorstellung, das Kind sei mindestens 16 Jahre alt, hätte er jedoch bei pflichtgemässer Vorsicht den Irrtum vermeiden können, so ist die Strafe Gefängnis.
Das hat aber die Presse (die berühmte 4. Gewalt) angesichts des vereinigten Geldes (1,5 Milliarden) und Glamours nicht so sehr interessiert. Jeder andere Normalsterbliche hätte mit einer Strafklage rechnen dürfen. Nicht so der Carl Hirschmann, der mit seinem Club „St.Germain“ eine „Bereicherung“ des Zürcher Nachtlebens gewesen sein soll. In eben diesem Club scheint der junge Mann ab und an eine junge Frau zum Oralsex genötigt zu haben. Als Vater von Töchtern macht mich die Sache ziemlich nachdenklich und erinnert mich an eine „Dame„, die durch ihre Provokationen „unter der Gürtellinie“ den Cybertod einer facts.ch-Moderatorin forderte und auch eine namhafte Poltitologin ins Schwitzen brachte.
Die Affäre Hirschmann zeigt eines: die Presse ist nicht mehr „4. Gewalt“ sondern nur noch „Unterhaltungsgewerbe“, wie Max Frenkel richtig in den Monatsheften bemerkte.
Klatsch gehört ja nicht in die „Beiz“. Aber ich möchte mich nachdem sich der Pulverdampf dieser Minarett-Diskussion verzogen hat (wir hatten einen Langenthaler Gemeinderat (SP) und einen Zürcher Kantonsrat (SVP) in der Beiz, die beide gleicher Meinung waren aber mit dem uertner nicht, hier flashfrog ganz herzlich dafür danken, dass Sie mich bis dato ertragen hat. Und ich muss Sie hier auch um Entschuldigung bitten, dass ich die Rheingrenze in dieser sehr Schweizerischen Debatte ihr gegenüber sehr stark markiert habe (mit Schlägen in empfindliche Stellen). Es ist nicht gegen „die Deutschen“ und auch nicht gegen Dich, flashfrog, gerichtet, sondern gegen die Dramaturgie des deutschen Diskurses , in der Du mir, flashfrog, manchmal gefangen scheinst. Wir können alle nicht aus unseren Häuten: mögen sie hier dicker und verletzlicher zugleich werden.
Reto Müllers (SP, Langenthal) Replik auf den Uertner
November 4, 2009Dem geschätzten Reallehrer und Gemeinderat von Langenthal herzlichen Dank und Gruss voraus.
Vor den Antworten ein freundeidgenössisches Intro:
Ortslob: Langenthal ist eine Musterstadt helvetischer Provinz. Das Geschirr das seinen Namen trägt hat manche nahrhafte Suppe und manchen Sonntagsbraten der Solidschweiz getragen. Der wohl grösste lebende Schweizer Poet, Pedro Lenz, hat hier die Eindrücke für seine „Provinzliteratur“ empfangen, den angehesehensten Unternehmer-Politiker-Offizier der Freisinnigen, Johann Niklaus Schneider-Ammann, vertreibt von Langenthal nicht nur Schweizer Qualitätsmaschinen in die ganze Welt, er hat die grossen liberalen Taten von Langenthal in den Geburtswehen der modernen Schweiz wieder in Erinnerung gerufen. 1826 sprach in Langenthal Johann Heinrich Pestalozzi mit letzten Kräften seine grosse Rede an die Schweizer Patrioten und 1822 versammelten sich in Langenthal die Offiziere der damals noch getrennten Kantonalkontingente zu einem frohen Fest, das die Waffenbruderschaft der Eidgenossen neu bestärken sollte. Die St.Galler Zeitung schrieb damals, Langenthal sei zum „Rütli des 19. Jahrhunderts“ geworden.
Berufslob. Reto Müller ist Reallehrer: einer der anerkanntenmassen schwierigsten Jobs im derzeitigen Umfeld.
Milizlob. Nachdem Reto Müller den Dienst mit der persönlichen Ordonnanzwaffe erfolgreich abgeschlossen hat (zeitweise unter dem Kommando seiner wesentlich jüngeren Freundin), ist er in die Gemeindeexekutive seines Gemeinwesens (Bild des Vorgängers) gewählt worden, wo er seinen Milizdienst nun fortsetzt.
Bloggerlob. Reto Müller betreibt einen stets lesenswerten Blog, was neben all den Pflichten seines Berufes und seines Amtes höchste Anerkennung verdient. Trotz aller kritischen Häme meinerseits ist er auf diesem Hochseilakt zwischen Transparenz, die ins Priavate reicht und Amtsgeheimnis, auf dessen Verletzung seine Gegner und Widersacher freudig warten, bis dato nie gestrauchelt.
Ihm also das Wort:
Natürlich wäre es einfacher dem Uertner einfach Recht zu geben in seiner Email (siehe ganz zum Schluss oder diesen Artikel in der Beiz 2.0). Der Aufschrei, den es darob wohl auch medial geben würde, wäre gar noch interessant und spannend. Trotzdem kann ich meinem Herzen keinen Stoss geben, denn ich bin nach wie vor grundlegend von meiner Haltung und Meinung überzeugt. Sorry, Giorgio.
Ich wollte eigentlich zu den genannten Punkten nur kurz Stellung nehmen – auch in Rücksichtnahme auf Lesende wie Bruder Bernahrd, die so lange Statemens nie und nimmer durchlesen – doch auch hier wollte ich mich dem Vorwurf der Schludrigkeit entziehen und ich weiss, dass Uertner wohl die Zeit und Argumente finden wird, mich neuerlich zu fordern, was mir dann wieder zeitliche Probleme einbringen könnte. Doch nun mal meine „erste“ * Stellungnahme zu Uertners aufgeworfenen Punkte:
* Sie werden feststellen, dass ich viele einzelne Themen und Punkte bereits in vorangehenden Posts beantwortet hatte und zur Sache des Minaretts in Langenthal stets eine klare und bejahende, aber auch fordernde Haltung einnahm.
Zu These 1:
Calvin – selbst Verfolgter und auf Grund meines Wissens in Frankreich gar zum Tode Verurteilter wegen seines Bruches mit dem katholischen Rom – ging tatsächlich nicht unzimperlich mit seiner Gegnerschaft um. Aus dieser Tatsache seines Hintergrundes und dessen respektive deren fanatischer Religiosität, die sich auf EINE Wahrheit hin beruft, zu schlussfolgern, dass wir erneut gleich handeln soll(t)en, wie das aus meiner Sicht im Mittelalter bereits falsch lief, ist aber absolut ebenso falsch.
Heute müssen wir zwischen gesellschaftlicher und medialer Kritik unterscheiden (die beide nicht lebensbedrohlich sind), welche hier im Beispiel Uertners als Scheiterhaufen fälschlicherweise hinzugezogen werden. Dahingehend dass sich die Geschichte meiner Ansicht nach nie wiederholt, weil die Indikatoren jeweils andere sind und daher höchstens die Resultate der bereits existenten Geschichtsschreibung ähneln, haben wir heute relative viele Gesellschaftsphänomene, die unter Beschuss geraten, die sich aber durch die Mittel der Rechtfertigung, Erklärung und gegenseitiger Toleranz wieder rehabilitieren können. Darauf konnten sich auf dem Scheiterhaufen verbrannte Menschen nun wirklich nicht berufen.
Zu These 2:
Ich stimme zu. Bezüglich religiösen Freiheiten und der geschlechtlichen, aber auch religiösen Gleichstellung gebärdeten wir uns in der Schweiz lange mittelalterlich. Aus meiner Sicht ist dies aber kein Grund die nun errungenen freiheitlich, liberalen Fortschritte wieder aufs’ Spiel zu setzen und mit einem JA zur Minarettinitiative einer einzelnen Gruppierung – auf Grund verschiedener Intentionen – wiederum den Weg zurück ins Mittelalter zu weisen.
Zu These 3:
Ich stimme zu, dass politisch und gesellschaftlich der Druck intensiviert werden könnte, dass innerhalb der religiösen Gemeinschaften ein näheres und kulturübergreifendes Zusammenrücken möglich sein müsste. Dies einzig dem Islam als Manko anzulasten wäre aber verfehlt. Einige Vereine – wie das Forum für fortschrittlichen Islam – taten hierfür erste Schritte, die es weiter zu führen gilt.
Absolut primär in dieser These ist mir hierbei die Einführung eines Imam-Studiums an Schweizer Universitäten. Wenn wir die Traditionen bezüglich Religionen und Staat natürlich nicht korrigieren können, so benötigen wir zumindest dringend Schweizer Islam-Gelehrte in den Moscheen, welche den Rechtsstaat, seine Geschichte und ebenso die Strömungen der unterschiedlichen politisch motivierten oder nicht motivierten islamischen Gesellschaften kennen und hierbei als Intellektuelle und Schweizer Studierte eine wichtige Brückenfunktion übernehmen können.
Zu verlangen, dass die islamische Gesellschaft – intrinsisch motiviert – päpstlicher zu sein hat, als wir Christen, wäre aber auch vermessen, da ich sonst als Protestant in den Gottesdienst nach Basel, nach Chur und nach Einsiedeln müsste, um selbst dieser Forderung nachzuleben.
Zu These 4:
Edler als das Verbot einer möglichen Missinterpretation der Symbolik eines Minaretts wäre natürlich die Forderung nach einer weiteren Welle humanistischer Aufklärung der Gesellschaft der modernen Interpretation eines Minaretts gegenüber. Erklärungen welche auf ein Machtsymbol hindeuten, kommen aus unaufgeklärten Staaten zu welchen die Türkei nach wie vor leider dazugezählt werden muss. Für die Schweiz bedeutet ein Minarett eine Beschmückung einer religiösen Bildungs- und Glaubensstätte. Angesicht dessen, dass in Langenthal die (gemäss Glaubensbekenntnis grundsätzlich relativ radikal und kriegerisch ausgerichtete) Glaubensgemeinschaft der Sikhs von der Gesellschaft unbehelligt einen schmucken Tempel errichten kann (vgl. http://www.religionenschweiz.ch/bauten/gurdwara.html) und dahingehend die seit 17 Jahren friedlich und unbemerkt lebende islamische Glaubensgemeinschaft Langenthals ihre bis anhin schmucklose und unauffällige Moschee (http://www.20min.ch/images/content/1/4/3/14373163/1/1.jpg) mit einem 3-Meter-Türmchen ohne Balkon und vertraglich garantiert ohne Lautsprecher aufwerten will, ist für mich verständlich und der anti-islamische Aufruhr demgegenüber man gegen das Bauansinnen der Sikhs nichts einzuwenden hatte unverständlich.
Hierbei gilt vielleicht noch zu erwähnen, dass Langenthal im 20. Jahrhundert als „liberales Grütli“ der Schweiz galt und dieser Tradition verpflichtend wohl auch rund 20 christliche Kirchen beherbergt.
Zudem möchte ich beifügen, dass zur Minarettthematik bereits in dieser Stellungnahme (http://retomueller.blogspot.com/2009/07/mehrheit-ist-fur-das-minarett.html) meine Meinung und Forderung gegenüber beiden Partnern klar zum Ausdruck kommt.
Zu These 5:
Die Armee gehört abgeschafft. Konflikte in der Schweiz werden künftig gelöst, ohne dass man aufeinander zu schiessen hat.
Zu These 6:
Betrachten wir diesen Aufruf mal demografisch öffentlich, anstelle von peinlich privat, gilt es die Familienpolitik dahingehend zu lenken, dass das Kinder kriegen für Schweizerinnen UND Schweizer attraktiviert wird. Da stimme ich voll und ganz zu. Dafür gehören aus meiner Sicht künftig aber nicht wieder die Mütter an den Herd und ein reines 100% Einkommen des strammen, omnipotenten Mannes dazu, sondern viel mehr schulergänzende, schulische und familienentlastende, respektive –ergänzende Betreuungsangebote. Was meine Person betrifft, werde ich früh genug in die Produktion von sozialdemokratischem Nachwuchs einwilligen. Zu beachten gilt, dass Frau Oberleutnant noch jung ist und wir beide Familienmenschen und nicht kinderverzichtend karrieregeil orientiert sind – was sich aber – um der rückläufigen Geburtsrate der SchweizerInnen Herr und Frau zu werden – künftig auch nicht mehr ausschliessen sollte. Demografisch haben wir 2030 ein riesengrosses Problem. Zugegebenermassen: Aber nicht – wie heute befürchtet - bezüglich des Islams, sondern wegen der zahlreichen Pflegeplätze für demente und sonst pflegebedürftige alte Menschen, welche zu diesem Zeitpunkt schlichtweg aus heutigen Kostengründen fehlen werden. Das sind Probleme, die wir zuerst auszuräumen hätten… das religiöse demografische Problem folgt gemäss (meiner Ansicht nach) unseriöser Verlaufsmodelle frühestens 2070.
Zu These 7:
Dass es heute unter Jugendlichen Konflikte mit massiver physischer und psychischer Gewalt gibt, welche das Mass des Bisherigen – auch in ihrer medialen Bewältigung und der Art der Verbreitungskanäle – übersteigen, ist eine Tatsache. Diese Konflikte müssen thematisiert werden und die Täter gehören bestraft. Dass wir hierfür wahrscheinlich einer Verschärfung des Jugendstrafrechts bedürfen, da die gesellschaftlichen Kontrollmechanismen hinsichtlich der tagtäglichen Zivilcourage (Hinschauen und Reagieren an Stelle von Wegschauen und Akzeptieren) nicht mehr funktionieren, muss von links bis rechts diskutabel sein, ohne dass die einen als Rassisten und die anderen als Idealisten abgestempelt werden. Dass Peer-Groups sowohl bei „Schweizer-Klatschern“, wie „Jugo-Klopfern“ – um mich dem sprachlichen Jargons Uertners zu bedienen – aber auch weiblichen Mobbinggangs eine grosse Rolle spielen, braucht wohl gesellschaftsdynamisch nicht weiter erklärt zu werden.
Die Konflikte aber dadurch lösen zu wollen, dass wir Minarette verbieten, ist doch völlig abartig. Dass wäre vergleichbar damit, dass wir Verkehrsunfälle dadurch verhindern wollten, dass wir Autoantennen verböten. Ganz abgesehen davon, dass man in diesem Beispiel davon ausgehen müsste, dass Moscheen die Peer-Groups stützen und schützen würden, was wohl nicht der Fall ist. Was ich noch sage will:. In der Schule arbeiten wir nebst der Vermittlung von Lerninhalten auch ständig an der von Lebensinhalten, um solchen Dynamiken zuvor zu kommen.
Zu These 8:
Gegen einen gut integrierten muslimischen Menschen können wir als fortschrittliche, liberale und aufgeklärte Menschen wohl nichts einwenden. Oder?
Für den Glauben lohnt sich festzustellen, dass es weder eine Kirche, noch einen Tempel, noch eine Moschee bräuchte, um diesen auszuleben. Die Frage bleibt in einer gleichberechtigten Gesellschaft eher die, ob wir bereit sind, gänzlich auf diese Kultstätten zu Gunsten der Menschenrechte verzichten. Hierbei lohnt es sich auch auf die aktuelle Diskussion der Kreuze in italienischen Schulzimmern, respektive des Entscheides des europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte hinzuweisen (http://www.bluewin.ch/de/index.php/17,193081/Kreuz_sei_Symbol_italienischer_Tradition/de/news/ausland/sda/).
Auf Grund unserer Schweizer Verfassung und meines juristischen, wie auch gesellschaftsgerechten Verständnisses ist es heute nicht opportun, dass wir einseitig Einschränkungen hinsichtlich der religiös sichtbaren Emissionen einer bestimmten Bevölkerungs- oder Glaubensrichtungen erlassen. Konsequenz: Aus meiner Sicht ist die Minarettinitiative eigentlich ungültig.
Zu These 9:
Ja, da bin ich wahrlich inkonsequent. http://retomueller.blogspot.com/2009/08/geschachtetes-fleisch-bei-coop.html
Ich bin Vegetarier. Ich verstehe Fleischesser nicht.
Was bezüglich dieser Traditionen gesagt werden muss, ist, dass ich dafür bin, dass sich alle Religionen modernisieren und mit ihrer jeweiligen Gesellschaft als konstruktive Alltagsbegleiter eine positivistische Haltung und Strömung einnehmen und beeinflussen, welche in ihrer religiösen Tradition möglichst humanistische Züge der modernen Gesellschaft verkörpern. Das klingt recht trivial atheistisch. Ich weiss das. Doch ich will damit konkret sagen: Schweiz und Scharia geht nicht. Kinder zwangsverheiraten und Mädchen beschneiden oder auf Grund ihres Geschlechts benachteiligen gibt’s nicht und gehört bestraft. Und – als wohl geringste Auswirkung dieser Ansichten – Schächtfleisch essen, da es reiner sei, obwohl dies im Koran wahrscheinlich als Gesellschaftsanweisung und nicht als religiöses Gesetz vorgesehen war, braucht’s in der heutigen Moderne eigentlich auch nicht. Egal wie man heute in der Schweiz schlachtet ist das Fleisch rein.
Zum Schluss:
Auf Grund der Historie Verhaltensschlüsse für die Zukunft zu ziehen, finde ich äusserst schwierig, da ich – wie bereits erwähnt – nicht daran glaube, dass sich die Geschichte wiederholen wird, noch, dass wir dieselben Missetaten einem anderen „Volk“ zufügen müssen, bloss weil wir es den Katholiken und den Juden in der Zeit des Zweiten Weltkrieges auch schon anheim kommen liessen. Das ist doch Mumpitz.
Was die These eines modernen Schweizer Islams mit internationalem Potential anbelangt, so werden wir diesen eher prägen, wenn wir eine universitäre Islamausbildung begründen, als Minarette zu verbieten.
Ich gebe dahingehend Recht, dass die Zustimmung zur Initiative hinter vorgehaltener Hand – auch in sozialdemokratischen Kreisen wohl grösser ist – als offen zugegeben wird. Ich verwehre mich auch gegen den leichtfertig geäusserten Ausspruch, dass Gegner des Minaretts bloss Rassisten seien. Ich gebe zu, dass wir alle angesprochenen Probleme lösen müssen. Objektiv muss aber auch zugegeben werden, dass diese Probleme wohl kaum an einem oder vielleicht zehn Türmen hängen, welche dereinst in der Schweiz stehen könnten. Die Initiative löst kein Problem. Sie ist ungerecht und sie diskriminiert einen Teil unserer Bevölkerung. Sie gehört aus allen Gründen abgelehnt. ¨
Claudio Zanettis „Nein“ zur Minartettinitiative
November 3, 2009Für alle die ihn nicht kennen: Claudio Zanetti, Zürcher Kantonsrat (Parlamentarier) der SVP, war lange Parteisekretär der ebenso erfolgreichen wie berüchtigten Zürcher SVP, die von 1977 bis 2003 von Übervater Blocher geführt wurde. Was ihn dem „uertner“ sympathisch macht: er wollte nach seinem Partei-Job „Kommunikationsberater“ werden, verlor aber ein wichtiges Mandat, weil er zu bestimmten Themen nicht schweigen wollte. Seither hat er begriffen, dass er mit seinem Temperament in der Kaste der gedungenen Meinungssöldner keine Zukunft hat: der Mann hat kein Talent zur Heuchelei. Wie kommt es nun, dass ein solch strammer Parteivordenker, sich in einer Frage, die an der entscheidenden Delegiertenversammlung der SVP in Genf mit nur drei mageren Gegenstimmen mit erdrückender Mehrheit angenommen wurde, öffentlich gegen die Partei stellt (im Tagi in Print und im Blog)? Ein Intellektueller, ein studierter Jurist?
Er argumentiert mit der Religionsfreiheit.
„Freiheit ist am wichtigsten. Dann kommt gleich Gerechtigkeit.“
Und fährt fort:
„Dass sich Menschen zu einem Gemeinwesen zusammenschliessen, hat zum Zweck, dem Individuum einen möglichst grossen Freiraum zu garantieren.“
Was uns Herr Zanetti aber verschweigt ist, auf welcher Wertebasis dieser Zusammenschluss gründen soll. Immerhin teilen wir mit den Muslims ja die „Allgemeinen Menschenrechte“ nur mit Einschränkungen. Saudi-Arabien (islamischer Vorbehalt), die Ostblockstaaten (kommunistischer Vorbehalt) und Südafrika (calvinistisch/rassistischer/apartheid-vorbehalt) enthielten sich der Stimme, als die Menschenrechte 1948 in der UNO angenommen wurden. Der Vatikan (katholischer Anspruch der wahren Kirche Jesu) hat nur Beobachterstatus in der UNO. Offensichtlich scheint ihm dies nebensächlich oder „naturgegeben“, sich aus Geschichte und Tradition automatisch zu erschliessen. Claudio Zanetti ist Diaspora-Katholik im Kanton Zürich. Er hat – wie Hugo Loetscher – sich mit der eingeschränkten Freiheit der katholischen Konfession abfinden müssen. Erst suchte er Anschluss bei der FDP, als diese aber in den frühen 1990er Jahren die Antirassismus-Strafnorm unterstützte, war ihm diese Position zu wenig „liberal“ und er wechselte zu Christoph Blocher, der sein Ziehvater wurde und der ausgerechnet in Ankara, von seinem „Bauchweh“ über die Antirassismus-Strafnorm sprach.
Zanettis konservativer Katholizismus schlägt dort unverstellt durch, wo es um die Abtreibungsfrage geht. So hat er Mandatsträgerinnen, die Bundesrat Maurer dafür kritisierten die Abtreibungsgegnerinnen von „Pro Life“ begrüsst zu haben, als „Xanthippen“ und „Weiber“ beschimpft. Wenn Zanetti von „Freiheit“ spricht, dann spricht er von der „libertas ecclesiae“, der Freiheit der katholischen Kirche im Reich des Moralischen und hierarchisch von oben uneingeschränkt zu verfügen. Insofern entspricht Zanetti einem Trend, der sich seit den 1980er Jahren immer deutlicher abzeichnet: die kräftigsten Fürsprecher des Neoliberalismus sind oft Katholiken, die ausser der moralischen Autorität der Papstkirche (mit der sich tolle Ablassgeschäfte treiben lassen), keine Einschränkungen der Wirtschaftsfreiheit wollen.
Der moderne liberale Staat, der von den reformierten Freisinnigen als „säkulare Kirche“ aufgebaut wurde, muss wieder zerlegt werden: „weniger Staat, mehr Freiheit“. Dieses von den Freisinnigen 1979 aufgebrachte, selbstmörderische Credo hat die Blocher-SVP ad nauseam ausgeschlachtet. Allerdings hat sie das protestantische „mehr Selbstverantwortung“ fallengelassen. „Selbstverantwortung“ für Frauen hiesse ja auch eine liberale Abtreibungsregelung. Aber diese „Selbstverantwortung“ der Frau ist nicht in Zanettis Sinn. Darum ist er bereit, jeder Kraft mehr Platz zu geben, die diese konservative Wende beschleunigt. Freiheit für den Islam heisst in seinem Kalkül: Frauenrechte einschränken, die Werte-Diskussion anheizen und wieder mehr verirrte Schafe in die Arme der unter dem demokratischen Schweizerischen Staatskirchenrecht an Auszehrung leidenden katholischen Kirche treiben. Der Feind Zanettis sind die SP-Frauen, diese „Xanthippen“, diese „Weiber“. Und um diese zu disziplinieren, ist es gar nicht so schlecht, unter dem Titel der „Religionsfreiheit“ dem Islam freie Fahrt zu lassen: es kann der Sache des Katholizismus und der konservativen Werte-Wende nur nützen.
Die Meinungsumfragen zur Minarett-Initiave zeigen: Protestanten neigen eher zur Bejahung, ebenso die Frauen und ländliche Gegenden.
Die Protestanten wissen, was sie zu verlieren haben: den säkularen Rechtsstaat, den sie dem universalen Anspruch der katholischen Kirche in Reformation und Aufklärung (hier sogar gegen ihre eigenen Konservativen wie Jeramias Gotthelf oder Jacob Burckhardt) abgetrotzt haben, die liberalen Regelungen, die sie in einer selbstverantworteten Ordnung sich selber gestattet haben.
Die Frauen wissen auch, was sie zu verlieren haben: Ihre Gleichberechtigung, ihr Recht auf freie Gestaltung ihres Lebens, das den Satzungen des Korans oder aber den Moralvorstellungen des Papstes m weichen üsste.
Auch die ländlichen Gebiete wissen, was sie zu verlieren haben: die „Kirche im Dorf“ bis vor 30 Jahren der Lebensmittelpunkt der konfessionell nur wenig durchmischten politischen Gemeinden der Schweiz. Die Kirche war lange auch der Versammlungsort der politischen Gemeinde. Mit der Moschee als Parallel-Ort, entsteht eine Parallel-Gesellschaft. Auf dem Land, wo noch jeder den Glockenschlag seines Kirchturms hört, ist dies einschneidender als in der Stadt, wo der Ruf des Muezzins im Verkehrslärm untergeht.
Und so wird erkenntlich, warum ein urbaner Diaspora-Katholik mit starken Avversionen gegen selbstgesteuerte Frauen, getrost über die Parteiparole, die ihm sonst heilig ist, sich hinwegsetzen kann. Das „Nein“ Zanettis aus den Reihen der SVP ist entlarvend.
Die Linke und die Frauen sollen es sich gut überlegen, ob ihr „Nein“ am Ende das mächtigere sein wird, oder ob sie im klugen Kalkül der katholisch-Wertkonservativen nur die „nützlichen Idioten“ abgeben. Zanetti ist weder dumm, noch hat er das Talent zum Heuchler. Er weiss: Blocher, der Papst und Erdogan verstehen sich im Herzensgrunde gut. Es ist das stille Einverständnis unter patriarchalen Alphas.
Minarette: das beredte Schweigen des SP-Bloggers
November 2, 2009Reto Müller von und zu Langenthal ist in der CH-Blogosphäre eine bekannte Gestalt. Als Querschläger hat der Uertner schon manchen Kommentar im Blog des Sekundarlehrers, JUSO-Politikers und nun Langenthaler Gemeinderates (Exekutive, Ressort soziales) placiert, weil ich auch mal jung und links war und eine grosse Bewunderung für erfolgreiche Sekundarlehrer hege: eine der schwierigsten pädagogischen Aufgaben im Lande Pestalozzis. Und Reto Müller lässt sich gerne auf einen intelligenten Schlagabtausch ein. Oft kontert er, denkt nach, widerlegt mich. Nur in einem Fall nicht: in der Frage der Minarette.
Da er nun selbst seinem Jugendparlament die Teilnahme an einem Podium zu diesem Thema verweigert hat, weil dieses Jugendparlament ihn enttäuscht hat, da es dem Steckenpferd der Berner SP-(Jung)Frauen (die Jungtürkinnen der SPS): der Einführung des Stimmrechtsalter 16 eine Abfuhr erteilte. Mit einer dieser couragierten Stauffacherinnen ist Reto Müller im cyberspace (und desto inniger realiter) verbandelt. Diese besuchte auch schon die Moschee in Wangen bei Olten, wo schon ein Minarett steht, was die stolze Mittelland-Gemeinde in einen Rechtshandel verwickelte, der bis vor Bundesgericht gelangte und Anlass für die Minarett-Initiative war.
Das wunderbare Bild, die JUSO-Mann-(&Frau)schaft immitten der stramm türkisch ausgerichteten Muslime kann hier nicht eingefügt werden, ist aber sehr „entlarvend“ für die naive Frivolität dieser Toleranz:
http://priskagruetter.blueblog.ch/files/images/2009/5/mob242_1241467959.jpg
Man beachte die Staatsflaggen im Hintergrund. Hier geht es nun wahrlich nicht um die grosse Weltreligion Mohammeds, sondern um eine Aussenstelle des türkischen Religionsministeriums, dessen Ziel nicht Integration, sondern Erhaltung der türkischen Identität, jenes unkritisierbaren „Türkentums„, ist, das schon nur die Ewähnung des Völkermords an den Armeniern unter Strafe stellt. Der wahrlich in Sachen „Rassismus“ unverdächtige schweizerische „Beobacher„ (Nr.22/2009 S. 28) schreibt dazu (nachdem erwähnt wurde, wie die albanischen Moslems sich sehr gut integrieren, was auch hier die „Weltwoche“ bestätigt):
Anders sieht es bei den Türken aus. Ihre Moscheen in der Diaspora stehen oft auch für eine politische Haltung gegenüber dem Heimatland. Vor allem geht es um die Einstellung zum säkularen türkischen Staat. In der 3000-Seelen-Gemeinde Bürglen etwa ist die Moschee des gemässigten, türkisch-islamischen Kulturvereins, die mit der konservatis-islamischen Moschee der Milli-Görüs-Bewegung (die nationale Sicht) konkurriert. Letztere wird in Deutschland von mehreren Bundesländern und von Sozialwissenschaftlern als antisemitisch und islamistisch kritisiert. Gegen den deutschen Generalsekretär der Bewegung und weitere Funktionäre ermittelt die Staatsanwaltschaft München seit dem Frühling wegen Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung.
Von Reto Müller wollte ich also vor den Sommerferien Aufschluss über folgende offene Fragen. Seine entschuldigende Antwort bleibt unter uns, das wäre nun unritterlich, da er aber nun seinem Jugendparlament die Teilnahme an einem Podium zum Thema „Minarett“ verweigert hat, und dies eher mit „Machiavellismus“ als mit Lust zur Wahrheit begründet hat, deutet es doch sehr darauf hin, dass hinter der stolzen Selbstgewissheit der JUSO und der SP in der Minarett-Frage sich eine gähnende Leere in Bezug auf staatspolitischem und religionsgeschichtlichem Wissen auftut. Was für die SP, die einst Stolze Partei der Arbeiterbildung war, peinlich ist. Hier also meine Anfrage an Reto Müller:
Am 04.07.2009 um 13:06 schrieb giorgio.girardet@bluewin.ch:Lieber Herr MüllerAuf Ihrem Blog bin ich wieder über die Minatett-Frage gestolpert, was mich dazu gebracht hat, meine diesbezüglichenIdeen zu büschelen. Das Ergebnis sprengte leider den Rahmen der Kommentarfunktion.Wenn Sie mich widerlegen könnten, würde mich das freuen, denn ich stimme sehr ungerne nach einer SVP-Empfehlung. Aber in dieserm spezifischen Falle sehe ich als protestantischer Historiker, abkömmling einer seit 1200 blutig verfolgten europäischen religiösen Minderheit (die Protestanten erhielten die Bürgerrechte im Königreich Savoyen erst 1848 zusammen mit den Juden) zu viele pragmatische Gründe, es trotzdem aus Vernunftgründen tun zu müssen.(Manchmal siegt bei mir der Verstand über den Herdentrieb: selten genug).Und nun lesen Sie: und (wenn Sie Zeit finden) widerlegen Sie mich!Giorgio GirardetDie Thesen/FragenZum Thema Minarett und Religionsfreiheit müsste einiges geklärt werden:1. Die Trennung von Kirche und Staat wurde unter anderem vom studierten Juristen Calvin in Genf sauber durchgeführt.Voraussetzung für diese Trennung war allerdings, dass alle Bürger Genfs sich dem Glaubensbekenntnis der Reformationanschlossen. Für Menschen, welche die Grundwerte des christlichen Abendlandes nicht teilten, war in Genf – wie nochweniger in den von der katholischen Inquisition beherrschten Gebieten – kein Platz, wie die Verbrennung des Trinitäts-leugners Servet 1553 zeigt. Auch heute „Verbrennen“ wir: Holocaustleugner, Moderatorinnen die an HitlersAutobahnbau erinnern, Rassisten, Schwulenhasser etc. etc. Jede Gesellschaft macht das, es fragt sich bloss welche„Verbrennungen“ wirklich hilfreich, welche intelligent und unumgänglich sind.2. Die „Religionsfreiheit“ der Bundesverfassung von 1848 hatte noch zwei Einschränkungen: Die Jesuiten als katholische intellektuelle Kampftruppe mit Kadavergehorsam dem Stuhl Petri gegenüber war bis in die 1970er Jahre verboten. Die Juden waren ohne Bürgerrechte in Ghettos verwiesen. Erst auf französischen Druck hin erhielten die Juden in der Schweiz in den 1860er die Bürgerrechte. Die Folge davon: das Volk verbot 1892 in der ersten Initiativabstimmung das Schächten. Fazit: wirkliche “Religionsfreiheit“ herrscht in der Schweiz erst seit der Abschaffung der Bewilligung neuer Bistümer durch den Bundesrat 2001! Für die Juden endete die „Religionsfreiheit“ nach weniger als 30 Jahren mit dem Schächtverbot. Mit wirklicher „Religionsfreiheit“ hat die Eidgenossenschaft bis heute noch keine Erfahrung. Wie eine Gesellschaft mit wirklicher „Religionsfreiheit“ ausssehen könnte, beginnen wir erst zu ahnen, was zu einer heftigen Rückkehr der Jugend zu den Geisteshaltungen der Grossväter führt, oder noch schlimmer in jenen „bibeltreuen“ Fundamentalismus, der in der Schweiz noch nie bestanden hat, oder verfolgt wurde (Täufer).3. Während es sich bei den reformierten, katholischen und christkatholischen Kirchen um Anstalten des Schweizerischen Staatskirchenrechts handelt, die zutiefst mit der Geschichte und der Rechtsentwicklung des Landes verwachsen sind und auch die jüdischen Glaubens-gemeinschaften durch Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte eingewurzelt sind, handelt es sich beim Islam in der Schweiz um ein unübersichtliches Konglomerat ethnischer Gemeinschaften (Türken, Bosnier, Iraner etc.) die NICHT in einer öffentlichen Körperschaft nach Schweizer Recht verfasst sind und nicht über Generationen in unser Rechtssystem eingewurzelt sind. Erlaubt man Minarette heisst dies türkische, iranische, bosnische, albanische Parallelgesellschaften zu ermutigen, nicht aber einer Weltreligion Anerkennung zu zollen.4. Das Minarett ist eine Nutzung des öffentlichen Raums, eine visuelle und durch den Ruf des Muezzins möglicherweiseauch bald akustische Immission, die für viele hier altein-gesessene Menschen zu einem Ärgernis werden kann. Man denke an die idiotischen Klagen von atheistischen Mitbürgern über Immissionen durch christlichen Glockenschlag. Zudem wird das Minarett in Teilen der islamischen Religion (in sehr kleinen aber auch sehr gewaltbereiten) als Siegeszeichen über ein Territorium gelesen oder als Signal für den Wirkungsbereich des islamischen Rechts der Scharia. Gleiches tun wirChristen auch, die wir „Die Kirche im Dorf“ und den „Allmächtigen“ als Garanten der Menschenrechte in der Verfassung belassen. Solche Interpretationen die der „Gewissensfreiheit“ unterliegen, können wir nicht durch Paragraphen steuern. Solche Interprationen können wir nur effizient verhindern, indem wir das Zeichen, das sie auslösen könnte verbieten.Wie wir auch – mutatis mutandis – das Hakenkreuz verbieten.5. Zu Recht monieren die Islamischen Glaubensgemeinschaften die Absenz von muslimischen Feldpredigern in der Armee. Wie verhält sich ein muslimischer Schweizer Soldat, der auf Glaubensbrüder schiessen muss? Kann es muslimische„Eidgenossen“ geben? Alle diese Fragen sind nicht geklärt. Die innerschweizer Katholiken waren als „Eidgenossen“ bereitfür die Zürcher und Berner „Ketzer“ wegen ihres Schwurs zu sterben (sie mussten aber im Sonderbundskrieg mitWaffengewlt dazu gezwungen werden), ja sie gegen französische oder deutsche Glaubensbrüder zu verteidigen. Wird einMuslim im Ernstfall für die Freiheit auf sexuelle Freizügigkeit in der Schweiz auf einen rechtgläubigen Muslim schiessen, der die Schweiz von den „Ungläubigen“ befreien will? Ist der „eidgenössische Patriotismus“ in den Köpfen und Herzen unserer eingebürgerten muslimischer Mitbürger höher eingestuft als ihr heiligstes Credo?6. Die muslimische Community hat eine äusserst vitale Demografie. Dies muss sich gerade Reto Müller überlegen, dessen Schätzli erst noch Hauptmann werden, ein Studium abschliessen und in der Politik noch Karriere machen will. Es wird bei Erstgeburtsalter 32 (optimistisch geschätzt) für die klassischen zwei Standardkinder reichen (die sofort SP-mässig„verkrippt“ und areligiös erzogen werden). Meine türkischen Nachbarn haben je 6 Geschwister, die Frauen gebären mit 20ihr erstes Kind und hören vor dem fünften nicht auf: alles stramme Muslims. Zum Beschneidungsfest ihres Sohnes kamen700 Menschen: alles Verwandte. Durch Einbürgerung werden auch sie etwas weniger fruchtbar, aber Reproduktionsverhaltenund Rollengestaltung folgt nicht den Vorgaben der 200 verbeamteten Gleichstellungstanten. Reto Müller der Oberlehrer soll diese Demografie mal mit kühlem Blute durchrechnen. Vielleicht macht er noch einen Haushaltungs-lehrgang durch und ermuntert seine Partnerin zu einer 7-köpfigen Familie, die er als Hausmann managt!7. Während ich als „Tschingg“ auf dem Nachhauseweg in der Schwarzenbachzeit von „Eidgenossen“ kujoniert wurde und sodie „swissness“ eingebleut bekam, raten heute Schweizer Eltern ihren gendermaingestreamten Söhnen (die dafür in München dann unschuldige Passanten „verklatschen“), sich mit Türken, Albanern oder Serben nicht anzulegen, wegen dererClanmässig organisierter Machokultur und den vielen Brüdern und Cousins. Als Oberlehrer dürfte auch Reto Müller dieseProblematiken kennen, die vielleicht im idyllischen Langenthal noch nicht so ausgeprägt auftreten, weil noch ein paarkampfbereite Rechtsextreme ein Gegengewicht bilden.8. Intelligente Kennerinnen des Islams Ayan Hirsi, Necla Kelec (es sind interessanterweise meist Frauen!) raten der Schweiz dringend, den Bau von Minaretten nicht zuzulassen. Für das friedliche Gebet braucht es sie nicht, und die Gefahr, dass die ausdrückliche Erlaubnis zum Bau dieser „Bajonette des Islams“ von einer männerbündlerischen Machokultur als erster Erfolg im Wasserschloss Europas gelesen werden auf dem Durchmarsch zum europäischen Kalifat (solche Ideen kursieren!) ist zu gross. Auch für ein Minarett-verbot tritt übrigens der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher ein, der als Katholik im reformierten Zürich aufwuchs und die respektvolle Rücksichtnahme als Essenz der Schweizer Kultur am eignen Leib erfuhr: als schwuler Katholik ist er nun der Grossschriftsteller der Zwingli-Stadt. Ich hätte nichts gegen einen gut integrierten muslimischen „Adolf Muschg“ mit iranischen Wurzeln als Interpret unserer Werte.9. Wichtiger für die „Religionsfreiheit“ in der Schweiz als die Minarette wäre die Wiederzulassung des 1893 verbotenenSchächtens (für Juden und Muslime) auf Schweizer Territorium. Pascal Couchepin hat 2002 oder so mal einen Anlauf unternommen. Es wäre sehr viel Ehre zu gewinnen gewesen, aber ich glaube der machtbewusste Liberale begriff sehr schnell, dass er niemals im Volk durchkommen würde und eine sehr, sehr hässliche öffentliche Dikussion riskierte.Ich komme zum Schluss. Dem Islam nach 30 Jahren signifikanter Präsenz Rechte einzuräumen, welche die Eidgenossenschaft (immerhin Hüterin des humanitären Völerrechts und kein „Schurkenstaat“) über 100 Jahre den katholischen Miteidgenossen bei auf dem Papier geltender „Religionsfreiheit“ NICHT gewährte, einer Religionsgemeinschaft die weder demokratisch öffentlich-rechtlich verfasst ist noch eine historische Schicksalsstunde mit den Schweizern durchlitten hat (die Juden in der Schweiz standen 1914-18 und 1939-45 auch an der Grenze!) ist grobfahrlässig und dumm.Ich lade den Oberlehrer, Stadtpräsident und Partner der Offizierin ein, diese Gedanken in seinem Kopfe mit kühlem Blutezu erwägen. Es könnte sein, dass seine Enkelin Dorothea Müller sich 2134 anhören muss: wegen deinem dummen Grossvater,der in Langenthal das Minarett so begrüsste und gegen das Verbot war, muss ich mich nun verschleiern und es gibt keinerechtliche Handhabe mehr die Grossmoschee auf dem Berner Rosengarten mit dem 100 Meter Minarett zu verhindern.Bei der Minarett-Frage geht es nicht um „Religionsfreiheit“ sondern um die Frage welche „Leitkultur“ in den nächsten200 Jahren sich auf den Territorium Eidgenossenschaft behaupten wird.Verbieten wir die Minarette, laden wir die Muslime ein, einen „eidgenössischen Islam“ in den Landessprachen zu kreieren, der weltberühmt werden könnte (wie der Calvinismus, das Rote Kreuz, die „Würde der Pflanzen“ und das „Welt-Ethos“ des „Schweizer Katholiken“ Hans Küng),gestatten wir Minarette, kapitulieren wir vor einer rasch wachsenden, vitalen und am extrem Rand auch gewaltbereitenParallelgesellschaft die uns bald ihre Werte diktieren wird.Wenn die „Willensnation“ nicht mehr will: dann geht halt die alte Freiheit der Eidgenossen (und damit auch die Frauenrechte) den Bach runter. Für den „Fortschritt“ musste noch in jeder Generation gestritten werden, das Fälschesteaber ist die Toleranz für den „Rückschritt“ aus Angst (Himmel, welcher Image-Schaden für die Schweiz wäre ein „JA“!)oder Bequemlichkeit (Religion ist sowieso Scheisse, sollen die doch machen was sie wollen, mich stören Minarette sowenig wie Kühltürme).Ich glaube weder an „fort-“ noch an „rück-“ Schritt. Es gibt anthropologische Konstanten, es gibt Kulturen die vitalsind und solche die wegwelken. Wie die religiöse Erweckung im 17. Jahrhundert (Pietismus) erst die demografischen undgeistigen Grundlagen für die industrielle Revolution und den gepriesenen „Liberalismus“ legte, so beginnt auch diebedingungslose Kapitulation („Recht auf Abtreibung“, „Schwulsein als Religion“) im verluderten Kopf und den trägenHerzen.Darum werde ich – der ich noch nie in meinem Leben einem SVP-Kandidaten meine Stimme gegeben habe – zur Minatett-Initiave ein JA einlegen.Wenn es Ihnen gelingt meine Gründe zu widerlegen, werde ich mich gerne von einem Schuemeischter und Stadtrat aus demGotthelf-Kanton überzeugen lassen. Aber ich fürchte eher, Sie müssen mir „Hinter vorgehaltener Hand“ Recht geben unddann – um das Gesicht nicht zu verlieren – mit der eingeschworenen Herde der Genossen „NEIN“ stimmen. Wir sind nun mal alle Menschen: aber gerade darum gibt es das Wahl- und Abstimmungsgeheimnis. Sollte die Initiative durchkommen:natürlich werden alle Völker aufjaulen, aber „hinter vorgehaltener Hand“ wird sehr viel Zustimmung zu vernehmen sein.Sollten Muslime wegen eines „Ja“ in der Schweiz gewaltätig werden, zeigen sie bloss ihr wahres, undemokratischesGesicht. Es werden kaum muslimiische Geschäftsleute die Schweiz verlassen, nur weil sie an der Bahnhofstrasse keinMinarett am Horizont erblicken, wie es noch nie einen geschäftstüchtigen Eidgenossen gehindert hat mit Ländern Handel zu treiben, auf denen Christen auf offener Strasse erschossen werden.In der Schweiz können sich Muslime frei bewegen (auch in der Burka), diese Kultur der Toleranz haben wir in 700jährigemDialog mit unserem „Allmächtigen“ miteinander (Kaholiken und Protestanten) ausgehandelt. Das Monopol der optischenSinnstiftung durch vertikale Symbolbauten müssen wir behalten, gerade weil wir diese Kultur und nicht eine andere(neuheidnische: Marxismus oder Nazitum, oder islamische) weiter entwickeln wollen. Die Muslime aller Ethnien die hiermit uns leben sind eingeladen „Eidgenossen islamischer Konfession“ zu werden, spätestens nach 100 Jahren werden wir der “islamischen Landeskirche der Schweiz“ (diese müssen sie selber sich demokratisch erstreiten und schaffen, wir könnensie ihnen nicht als juristische Hülle einfach schenken) den Bau von Minaretten erlauben (und es werden Schweizerflaggenund nicht türkische von ihnen flattern). Es wird diesen Eidgenossen ein Anliegen sein, dass sich diese Minarette vonallen andern der Welt abheben werden. Holzminarette mit „bluemete Trögli“ für den „gibätsrüeffer“ wie er dann in urigemBerndeutsch heissen wird.
Der uertner als feminist
Oktober 19, 2009In diesem Blog wird der „uertner“ oft als patriarchaler Hinterwälder wahrgenommen. Nach der gestrigen „Anne Will“-Sendung muss er sich aber als Fan einer mutigen und eigenwilligen Frau outen: Güner Yasemin Balci, die türkisch-stämmige Journalistin, hat mich mit ihren klaren, engagierten und erfahrungsuntermauerten Voten beeindruckt. Besonders wie sie dem klassischen Multikulti-SP-Professor widersprach, der mit Brille und Bart und Manchesterhose (der Typus schien schon fast Karikatur, so sehr entsprach er dem, was heute als „linker kultureller Mainstream“ gilt). Der an die Sendung anschliessende Chat kann zur Lektüre nur empfohlen werden. Erstaunlich ist eines: Thilo Sarrazin wurde für ähnliche Aussagen schier gesteinigt, welche eine türkischstämmige Frau ungehindert im öffentlich-rechtlichen Fernsehen machen darf.
Mir wird ja zu Recht totale Unkenntnis Deutschlands vorgeworfen, da ich noch nie in Kreuzberg einen Döner gegessen habe und Deutschland nur aus den Medien kenne (ausser einem kurzen Aufenthalt in der Tübinger Universitätsbibliothek). Mir scheint aber diese Frau Balci bestätigt mir das Bild von Deutschland, das ich mir in Bezug auf Integrationsfragen gebastelt habe.
Können mich die Deutschen User des Blogs bitte korrigieren? Wo irre ich? Welche Argumente müsste ich noch in meine Betrachtungen einbeziehen? (Ausseer dem Döner auf dem Berliner Kiez, den ich gewiss bald kaufen und geniessen werde).
Hugenotten, Muslime und Plakate: Bilaterale Betrachtungen
Oktober 11, 2009
Wer würde diesem Konfirmanden ein Attentat auf bayrische Säufer zutrauen?
Als Abkömmling italienischer Hugenotten bin ich durch meinen Stammbaum für Fragen der religiösen Toleranz sensibilisiert. Die Waldenser erhielten im Königreich Savoyen die bürgerlichen Rechte zusammen mit den Juden anno 1848. Als Calvinist mag ich auch das offene, rationale Wort. So scheint es auch zwei Mit-Hugenotten in Berlin und Basel zu gehen. Schon ihre Familien-Name outen sie als ehemalige Aussenseiter. Da ist mal der Herr Bankdirektor, der deutsche SP-Genosse Thilo Sarrazin (der mit den „Sarazenen“ in Verbindung steht, wie die Basler Hugenotten-Familie und Privatbank Sarasin), der in der Zeitschrift „Lettre International“ pointierte Aeusserungen gemacht hat, deren klarste Henryk Broder in seiner Kolumne in der Weltwoche allesammt übernahm, weil sie dem jüdisch-stämmigen Kolumnisten bedenkenswert erschienen. Und dann ist noch in Basel der Hugenotte und grüne Stadtpräsident Guy Morin, der das Verbot der „Anti-Minarett-Plakate“ der SVP auf der Baseler Allmende (öffentlichem Grund) in einem Interview rechtfertigt. (update 17.10.09) „Unklug“ nennt zu recht „C.W.“ in der NZZ die Aeusserungen Guy Morins gegenüber dem Basler Onlin-Portal „Kleinreport„, wonach Glockengeläut und Ruf des Muezzins einander gleichzustellen wären.
Wieder einmal haben wir es mit einer „deutsch/helvetischen“ bilateralen Betrachtung zu tun. Wo liegen die relevanten Unterschiede der beiden Staatswesen.
1. Die „schweizerische Eidgenossenschaft“ hat eine Bundesverfassung, die noch immer „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ beginnt (wíe der erste Bundesbrief 1291, wurde 1848 übernommen und 1874 und 1999 nochmals übernommen). Die Schweizerische Eidgenossenschaft hat ihren 1815 gefassten Auftrag zur „bewaffneten, immerwährenden Neutralität“ bisher – wenn auch streckenweise mit mehr Gerissenheit als moralischer Unbeflecktheit – einigermassen erfüllt. Es herrschen in der Schweiz seit 1848 jene republikanischen Zustände, die in Deutschland erst 1919 hergestellt wurden und nach dem 2. Weltkrieg wiederhergestellt werden mussten. Im deutschen Grundgesetz (einem Provisorium, das nach dem Mauerfall hätte ersetzt werden müssen) ist von keinem Gott mehr die Rede, sondern von der „Würde des Menschen“, einem auf die jüdische Tradition zurückgehendem Postulat der Renaissance.
2. Durch die direkte Demokratie (dank der Minarett-Initiative der SVP) wurde es in der Schweiz nun nötig eine Thematik zu traktandieren, die bis dato vom herrschenden Mainstream-Denken schamvoll unter den Teppich gewischt wurde: die Stellung, welche der Islam als bald drittgrösste Konfession/Religion auf dem Boden der Schweizerischen Eidgenossenschaft spielen soll. Denn bei den derzeitigen Zahlen und dem demografischen Potenzial kann man den Islam in der Schweiz nicht mehr länger den „Zeugen Jehovas“ den Sikhs oder den tibetischen Buddhisten gleichstellen, die allesamt kein Bedürfnis haben den öffentlichen Raum mit Türmchen zu schmücken, die streitbare Christen ebenso ärgern können wie streitbare Atheisten.
3. Während in Deutschland schon Projekte von Grossmoscheen im Bau sind und es der eingeborenen Bevölkerung sogar verboten wird, dagegen zu demonstrieren (in Köln etwa). Während in Deutschland Ghettos entstanden sind, in denen sich eine Parallelgesellschaft breit macht, deren Rechtsvorstellungen (Scharia) auch schon durch höchstrichterliche Entscheide gestützt wurden, haben wir es in der Schweiz mit einer grossmehrheitlich friedlichen, intergrationswilligen, ja sehr integrationskreativen muslimischen Bevölkerung zu tun. Diese strukturellen und geschichtlichen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz bitte ich bei den folgenden Gedanken präsent zu halten.
Während nun der Hugenotte und SPD-Mann Thilo Sarrazin in Deutschland niedergebrüllt wird und nur beim jüdisch-stämmigen Henryk Broder Schutz und Hilfe findet, ist der Hugenotte Guy Morin in Basel auf der anderen Seite. Nun muss man sehen, dass Basel und Berlin zwei grundverschiedene Städte sind. Während in Berlin die Initiative „Reli-plus“ für die Einführung von Religionsstunden an den staatlichen Schulen durchfiel, hat Basel-Stadt wie jeder Schweizer Kanton solche Religionsstunden geregelt (mittlerweile auch für die Muslime). Während in Berlin das Integrationsthema lange Zeit verschlafen wurde, hat Basel mit dem schier weltberühmten Intergrationsbeauftragten Thomas Kessler Massstäbe gesetzt. Verständlich darum, dass die grün-links-regierte Stadt Basel auf ihrer „Allmende“ den Aushang der Plakate verboten hat und verständlich auch, dass der Basler Professor Georg Kreis (der „Ajatollah des Gutmenschentums“) diese Plakate auch für höchst bedenklich erklärt. Da das Recht auf Plakatierung auf öffentlichem Grund eine Kompetenz der autonomen Schweizer Gemeinde ist, hat sich folgende Situation in den Schweizer Städten ergeben.
Verboten wurde der Aushang des Plakates auf öffentlichem Grund in: Basel, Lausanne, Fribourg (update 16.10.09) Basel, Freiburg, Lausanne, Morges,Neuenburg, Nyon und Yverdon
Erlaubt ist er in: Zürich, Luzern, Genf, St.Gallen (update 16.10.09) Bellinzona, Biel, Chur, Genf, Luzern, Olten, St. Gallen, Schaffhausen, Winterthur, Zürich, La Chaux-de-Fonds NE und Villars-Sur-Glâne FR sowie im Kanton Jura
Das Plakat an und für sich erweist sich als „Rorschachtest“ für politische Korrektheit. Es gibt auch berühmte Zeitgenossen, wie unser grosser Rhetoriker im Bundesrat, Moritz Leuenberger, die erst nach etwas Knobeln mit ihrer Empörung im Lager der „politisch Korrekten“ landen.
Wohltuend darum der Spott, den der „Nebelspalter“ über den ganzen Vorgang der Verbotsdiskussion giesst.
Bleibt die Frage: „sind Minarette nötig“? Warum stellt sich diese Frage nicht bei den jüdischen Synagogen? In einem sehr gründlichen Artikel hat Christoph Wehrli in der „Neuen Zürcher Zeitung“ nachgewiesen, dass Minarette erst im 11./12. Jahrhundert gebräuchlich wurden: der Zeit der Kreuzzüge.
Ich für meine Persson stellte fest, dass ich sowohl in einem „tempio“ ohne Kirchturm getauft wurde, als auch meine beiden Töchter, im „Bethaus“ das vom Goethe-Freund Lavater gebaut wurde (auch das ohne Kirchturm, nur mit einem Dachreiter mit Uhr). Calvinisten brauchen keine Kirchtürme (auch im christlichen Bereich gehören sie in die Epoche der Kreuzzüge). Moderne Kirchen werden heute oft ohne Kirchtürme gebaut (hier in den 90er oekumenisches Zentrum Wolfhausen). Die Katholiken durften in der Eidgenossenschaft in reformierten Gebieten oft keine Kirchtürme bauen und auch im gemischten Kanton Thurgau, wo ich den Konfirmandenunterricht besuchte war der reformierte Kirchturm ein klitzekleines Ding, neben dem grossen katholischen, der die Uhr trug und wohl heute auch eine Mobilfunkantenne.
Türme sind stets politische Statements. Darum spricht man auch bei einer bornierten, engstirnigen Politik von einer „Kirchturmpolitik“ oder moniert „die Kirche (samt Turm) müsse im Dorf bleiben“. Heute braucht niemand mehr eine öffentliche Uhr, auch für Fliegeralarm etc. haben wir weltliche Sirenen-Standorte, es braucht keine neuen Türme als politisch-religiöse Symbole im öffentlichen Raum, deren Notwendigkeit anzuerkennen würde heissen hinter die Aufklärung, ja hinter die Reformation zurückfallen zu wollen. Da ich mir in keiner Weise die Rückkehr in mittelalterliche Fundamentalismen wünsche, erachte ich den Bau von Minaretten als fataler Rückschritt. Gerade Kirchtürme und Minarette erinnern an eine Epoche OHNE Glaubens- und Gewissensfreiheit.
Die Frage bleibt, ob man dies den Muslimen in der Schweiz ausdrücklich verbieten soll, oder ob man ihnen als Liberale die Einsicht zutraut, dass der Bau von Minaretten als „Aergernis“ wahrgenommen werden könnte und daher von einer Minderheit zu unterlassen ist. Letztere Postition vertrat kurz vor seinem Tod Hugo Loetscher in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger. Der kosmopolitische Schriftsteller, der die Geheimnisse des Waschküchenschlüssels unnachahmlich klar analysierte, sagte voraus, dass die Konfliktvermeidungsstrategien, welche Katholiken und Prostestanten in der Schweiz ausgearbeitet haben, automatisch dazu führen werden, dass die Muslime aus Einsicht auf den Bau von Minaretten verzichten werden.
Er beschrieb explizit eine Schweizer Konföderation, die von Gott persönlich so geplant worden sei. Die Schweizer seien ein auserwähltes Volk, meinte Hilty. Mit Verlaub, weder die Schweizer noch Amerikaner haben Gott für sich gepachtet. Die Brasilianer betrachten Gott als den ihren; und so tun es auch die Mexikaner. Übrigens ist der Streit um die Minarette nur eine Wiederholung dessen, was ich früher selbst erlebte habe. Als meine Schwester in der Enge katholisch heiraten wollte, mussten wir vor der Kirche warten, bis es anderswo läutete. Die Katholiken durften damals zwar ein Gotteshaus samt Turm bauen, aber keine Glocken aufhängen. Das Problem hat man dann typisch schweizerisch gelöst, indem die Protestanten für die Katholiken geläutet haben. Eine Moschee ohne Minarett ist ein vergleichbarer Kompromiss.
Dieser Verzicht wäre ein deutliches Zeichen, dass die betreffenden Muslime sich in die „schweizerischen Gepflogenheiten“ wunderbar integriert haben. Da nun aber aus der Frage, ob Minarette gebaut werden sollen, eine Frage der „Integration“ gemacht wurde und bei einer Ablehnung der Initiative die Muslime sich im Glauben bestärkt sähen, dass es dieses mittelalterliche Attribut für eine moderne Religion in der Schweiz unbedingt brauche, sehe ich mich gezwungen ein „JA“ zur SVP-Intiative einzulegen. Denn bevor wir in der Schweiz einen mittelalterlichen Islam in Beton zu giessen beginnen, möchte ich andere rein, rechtliche Fragen sauber geklärt haben:
1. fühlt sich ein Muslim in extremis einer Verfassung verplichtet, die durch die Präambel „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ eingeleitet wird und nicht durch die schwammige „Würde des Menschen“ oder sich auf „Allah, den Allbarmherzigen“ bezieht.
2. Glaubt ein strenggläubiger Muslim an die Legitimation von Bundesräte, wenn diese „vor Gott“ einen Amtseid ablegen und die drei Schwurfinger (Sinnbild der christlichen Trinität) hochstrecken, oder wird mal ein muslimischer „Gotteskrieger“ auf einen „ungläubigen“ Magistraten schiessen?
3. Kann ein strenggläubiger Muslim auf die Umsetzung jener Koran-Suren verzichten, die ihm Freundschaft mit Juden und Christen verbieten und alle „Ungläubigen“ zum Abschuss freigibt?
4. In welche Richtung schiesst ein islamischer Wehrmann der Schweizer Armee (wird er überhaupt den Fahneneid auf eine Fahne ablegen können, die im Konflikt über die Karikaturen verbrannt wurde?) in einem Gefecht gegen Muslime? Schiesst er zusammen mit seinen Kameraden, den „Schweinefressern“, auf seine muslimischen Glaubensbrüder? Oder gerät er in grosse Gewissensnöte?
Die Klärung solcher Fragen, zusammen mit der Formulierung eines Religionsartikels in der Bundesverfassung, scheinen mir viel wichtiger als der Bau von phallus-Symbolen für mittelalterliche Religionsauffassungen. Darum: bleiben wir vernünftig, die Muslime sind längst da, sie intergrieren sich prächtig, verbieten wir die Minarette bis es einen klaren Religionsartikel in der Bundesverfassung gibt, der die offenen Fragen (die auch im Bezug auf die katholische kirche bestehen regeln). Schweizer Muslime akzeptieren den demokratischen Kompromiss, wenn nicht, wollen sie sich nicht in unsere Kompromiss-Kultur eingliedern. Für „Gotteskrieger“ ist hier kein Platz.
Tamedia & Intelligenz: Bashen, Pushen, Voten, Ranken
Oktober 7, 2009Das Konzept der Tamedia ist erschreckend simpel: nachdem zum Bettagsartikel von Adolf Muschg, dieser zum Abschuss freigegeben wurde und am Dienstag der andere Gross-Feuilletonist der Schweiz, Peter von Matt, die „Leuchttürme“ Frisch und Dürrenmatt im Print in einem sehr lesenswerten Essay verglichen hat, kann man nun den „grössten Schweizer Intellektuellen“ voten. Bitter nur für den medialen Mainstream: dessen Korkzapfen, Roger de Weck, wurde von Roger Koeppel überrundet. Je kompetenter die Leute, desto weiter hinten landen sie im Ranking. Aber immerhin: der Tamedia-Haus-Tuttologe, Daniel Binswanger (Magazin-Kolumnist) ist ziemlich weit vorne.
Die Polanski-Frage: ein Lackmuss-Test
Oktober 4, 2009Der die Schweizer Medien in epischer Breite beschäftigende „Fall Polanski“ ist eine wunderbare Illustration, für den religiösen Versöhungsbedarf, der in einer Gesellschaft vorhanden ist und für das Stückwerk, das der irdische Rechtsstaat hier abliefern muss. Interessant wird der Fall durch die unterschiedlichen Rechtskulturen, die hier greifbar werden.
1. amerikanischer Puritanismus: Der Mann wird zu Recht für seine Tat verurteilt und zur Rechenschaft gezogen.
2. französischer Genie-Kult der „Grande Nation“: Nach dem ästhetischen Grundsatz „on ne met pas Voltaire en prison“ hätte man Polanski laufen lassen sollen. Diesem französisch-katholischen (ein Grosser Sünder kann auch ein Grosser Heiliger sein: oder gerade seine Sünden steigern seine Heiligkeit: entscheiden tut dies die Geistlichkeit oder eben „Volkes Stimme“) Rechtsverständnis huldigen unbewusst sehr viele „Kulturschaffende“, die sich mit Polanski solidarisiert haben.
3. feministische zero-tolerance. (fiat iustitia pereat mundus). Gerade das Schweizer Volk hat vor einiger Zeit, gegen die Bedenken vieler namhafter Juristen (u.a. der Frau Bundesrätin Widmer-Schlumpf), die Unverjährbarkeit von Sexualdelikten per Volksabstimmung festgeschrieben.
4. Pragmatische Schlaumeierei (Weg des geringsten Widerstandes). Für eine Warnung an Polanski plädieren verschiedene Kommentatoren, etwa hier und interessanterweise auch der „abgewählte Bundesrat“ Christoph Blocher.
5. Konsequente Rechtsstaatlichkeit (protestantisch nüchtern). Insofern scheint mir die von Frau Justizministerin Frau Widmer-Schlumpf eingeschlagene und in den Medien mit klaren Worten verteidigte Lösung, der Festnahme und (möglichen) Auslieferung die sauberste Lösung.
6. Peinlich, wie deutsche „Qualtitätszeitungen“ auch in dieser Frage gänzlich den Kompass verlieren und die Schweiz mit dem Iran vergleichen wollen.
Die vereinigte Bundesversammlung hatte, wie figura zeigt, einen sehr guten „Riecher“ am 10. Dezember 2007 den Herrliberger „müssig gehen zu lassen“ und die unerschrockene Finanzdirektorin Graubündens in die oberste Landesbehörde zu wählen:
Quod erat demonstrandum. Was auch „bruder bernhard“ ähnlich sieht.