Archive for Oktober 2008

Liebe Abonnentin Zappadong – Teil 2

Oktober 31, 2008

Der Anruf Nummer 2 kam von einer (ebenfalls) netten Dame, die mir eine dreijährige Verlängerung meines Kombiabos für den Tagesanzeiger und die Sonntagszeitung schmackhaft machen wollte. Nachdem Sie mir ihr Anliegen vorgebracht hatte, sagte ich freundlich „Nein.“

„Aber“, holte die Dame Anlauf, „Sie sparen damit 42 Franken pro Jahr.“

„Mir egal“, antwortete ich nicht ganz so freundlich. „Ich glaube nämlich nicht, dass ich mein Abo überhaupt verlängere.“

 

Stille am anderen Ende.

 

„Darf ich fragen, warum nicht?“, klang es dann aus dem Hörer.

 

„Weil Ihr Medienverlag die private Post seiner Kunden liest.“

 

Eine noch viel längere Stille am anderen Ende.

 

„Das ist wirklich schlimm“, sagte die Dame schliesslich.

 

„Ja“, antwortete ich. „Sie können das Ihren Vorgesetzten gerne so ausrichten. Ich will eigentlich keine Erzeugnisse eines Verlags, der unter Umständen sogar MEINE privaten Nachrichten gelesen hat.“

 

„Ja, das ist wirklich schlimm“, wiederholte sich die Dame. „Darf ich Ihnen trotzdem nochmals unser Angebot vorlesen?“

 

Das tat sie dann. Ich bekam das ganze Angebot – drei Jahre, Sie profitieren, viel günstiger, vielleicht gehen unsere Preise ja noch nach oben, aber Sie haben dann Ihr Abo, verstehen Sie, vielleicht sparen Sie mehr als 45 Franken ….“

 

Ich finde Verlage, in denen sämtliche Mitarbeiter mit ihren Kunden fühlen – vom Lesen der privaten Post bis zur besorgten Anteilnahme an allfälligen zu hohen Kosten für ihre Klientel – wirklich herzerwärmend rührend.

Liebe (zukünftige) Abonnentin Zappadong

Oktober 31, 2008

Kürzlich bekam ich gleich zwei Anrufe von der Tamedia an einem einzigen Tag. Es ging um zwei verschiedene Erzeuginsse, in beiden Fällen hätte man mich gerne als Leserin gewonnen / behalten. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen:

a) Ich bin wider Erwarten nicht auf eine schwarze Liste geraten (was mich fast ein wenig enttäuschte)

b) Man braucht so verzweifelt zahlende Kunden, dass man auch jene Leutchen anruft, die an einer kleinen Revolution gegen den Verlag beteiligt waren – ich sage nur Facts2.0.

Wie auch immer. Im Gegensatz zu anderen Verkaufsgesprächen, die immer sehr schnell und ohne Verkauf enden, liess ich mir diesmal Zeit und harrte geduldig aus.

 

Anruf Nummer 1 kam von einer netten Dame, die mir ein Abo für eine Schweizer Frauenzeitschrift verkaufen wollte.

 

„Kein Interesse“, sagte ich freundlich.

„Darf ich fragen, warum nicht?“, fragte es aus dem Hörer.

Normalerweise dürfen Telefonverkäufer mich nichts fragen, aber eben, es ging um (Ta)Medien. 

„Für dieses Heftchen wiege ich 30 kg zuviel“, antwortete ich wahrheitsgemäss.

Die Dame war etwas perplex, und so erklärte ich bereitwillig: „Ich lese keine Zeitschriften, in denen die abgebildeten Frauen klappern vor Dürre.“

Damit hatte ich zwar die Sympathie der Anruferin, aber sie noch kein Blumensträusschen (sprich, ein Verkaufserlebnis) gewonnen. Also fragte sie weiter. „Was lesen Sie denn gerne?“

 

Okay. Ich gestehe: Ich hätte das Gespräch hier beenden können, aber mir war gerade nach ein wenig Subversion. Und so sagte ich: „Politik, Gesellschaft, Kultur.“

Das Aufatmen am anderen Ende der Leitung war deutlich zu hören. Es dauerte ein Momentchen, bis die Dame die Stelle auf ihrer Verkaufsanleitung fand, an der sie anknüpfen konnte. Dann aber begann sie mir vorzulesen: „Genau darum geht es in der Zeitschrift xyz, da werden …“

Ich hörte ihr eine Weile zu bevor ich sie unterbrach. „Es ist ja nicht so, dass ich die Zeitschrift nicht kenne, aber erstens kommen die Infos in Kleinstportionen und zweitens ist das Heft für eine Landpomeranze wie mich einfach zu städtisch und zu abgehoben.“

 

Es gelang der freundlichen Dame nicht ganz, ihre Enttäuschung zu verbergen. Ich wollte etwas Nettes sagen und sagte deshalb: „Es liegt nicht an Ihnen. Richten Sie doch einfach der Redaktion dieser Zeitschrift aus, dass ich eher bereit wäre, mir die Zeitschrift anzusehen, wenn die Models in der Werbung und den hauseigenen Bildstrecken etwas mehr Fleisch am Knochen hätten und die Beiträge auch für bodenständigere Leutchen wie mich interessant wären.“

 

Vielleicht habe ich das etwas zu nett gesagt, denn nach einem kleinen Päuschen (in dem die Dame den entsprechenden Abschnitt auf der Verkaufsanleitung gesucht und gefunden hat), las sie mir vor, dass es nun im Advent dieses ganz spezielle Angebot gibt, ein wirklich tolles Angebot und ob ich es nicht versuchen möchte.

 

Jeden anderen Tag hätte ich „Nein“ gesagt. Aber mir war nach einem weiteren Experiment. Also sagte ich „Ja“, und legte meinerseits ein kleines Päuschen ein, um nach ein paar Sekunden fortzufahren: „Aber nur, wenn Sie mir die Hefte gratis zuschicken.“

 

Damit muss ich den Bogen überspannt haben. „Das … Das geht leider nicht. Wir dürfen das nicht“, erklärte die Dame am anderen Ende unglücklich.

„Schon gut“, erwiderte ich fröhlich. „Kein Problem.“

Wenigstens nicht für mich. Ich klickte mich ganz zufrieden aus der Leitung.

(Fortsetzung folgt).

Das grösste Finanzgenie der Welt: Gisela M aus A, 73, Rentnerin und Hausfrau

Oktober 31, 2008

Ein Exklusiv-Interview.

Beiz 2.0: Liebe Frau M, Banken fahren global gegen die Wand wie die Fliegen, neoliberale Markt-Schreier betteln um Staatshilfen, die Aktienkurse weltweit spielen verrückt, erwachsene Hedgefonds-Manager weinen. Und Sie haben es geschafft, mit einem Investment von weniger als 15 Euro einen Gewinn von 1005 Euro zu erzielen, also eine Steigerung von 6700 Prozent. Wie in aller Welt haben Sie das geschafft?

Frau M: Naja, wissen Sie, mein Mann war Beamter, der war immer sparsam und sehr fürs Solide. Also Aktienspekulation und so ein Zeug, das war eigentlich gar nicht sein Stil. Wir hatten ja auch kein Geld zu verschenken! Deshalb hat es mich dann auch schon ein bisschen gewundert, als mein Mann vor 15 Jahren starb, dass er mir diese Wertpapiere da hinterliess. Naja, VW war damals ja auch ein solides deutsches Unternehmen, das muss man sagen. Die Aktien waren 1993 30 D-Mark das Stück wert. Weil ich von Aktien und dem ganzen Zeug nichts verstehe, habe ich die Papiere auf die Seite gelegt, als Notgroschen.

Beiz 2.0: Und dann?

Frau M: Und dann habe ich sie, ja irgendwie, einfach vergessen.

Beiz 2.0: Und als der Aktienkurs von VW auf 150 Euro stieg, da ist Ihnen nicht der Gedanke gekommen, zu verkaufen?

Frau M: Aber nein, das habe ich ja gar nicht mitbekommen. Je nu die Aktienkurse gehen mal rauf und dann wieder runter, aber den Wirtschaftsteil in der Zeitung überblättere ich immer, und mit dem Internet und solchen neumodischen Sachen, da kenne ich mich nicht aus. Ich habe mir halt gedacht, in meiner Sparkasse, da sind die Papierchen schon sicher, da fressen sie keine Mäuse.

Beiz 2.0: Und als dann am Montag dieser Woche der Aktienkurs auf über 500 Euro in die Höhe schoss, da haben Sie trotzdem nicht sofort verkauft? Sie sind mir ja eine ganz coole ausgebuffte Zockerin!

Frau M: Dass der Kurs so gestiegen war, das habe ich doch erst am Abend in der Tagesschau gehört. Und da hatte die Sparkasse doch schon zu!

Beiz 2.0: Und am nächsten Morgen?

Frau M: Da habe ich erstmal gut gefrühstückt und dann habe ich einen kleinen Spaziergang hinunter ins Dorf zu meiner Sparkasse gemacht. Da haben sie mir gesagt, sie hätten schon auf mich gewartet, weil ich die letzte VW-Streuaktionärin sei. Nuja, da hab ich die Dinger halt verkauft, für 1005 Euro das Stück. Aber dass ich dafür jetzt diese Auszeichnung bekomme als Finanzexpertin des Jahres, das finde ich doch ein bisschen übertrieben.

Beiz 2.0: Liebe Frau M., bitte verraten Sie unseren Lesern: Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Frau M: Hauptsächlich Desinteresse und Unwissenheit.

Beiz 2.0: Ähm, ja, Ehrlichgesagt, das überrascht uns jetzt doch alle ein wenig.

Frau M: Und mich erst einmal!

Beiz 2.0: Und was sagen Sie dazu, dass der Chef der Freudschen Bank, Johann Mackermann, Sie nun zu seinem persönlichen Berater machen will?

Frau M: Das ist sicher nett gemeint von dem jungen Mann, aber ich habe es ja nicht mehr notwendig zu arbeiten. Ich arbeite höchstens noch ein bisschen in meinem Schrebergarten, das macht mir Freude, wenn da alles ordentlich und gepflegt ist und schön blüht.

Beiz 2.0: Sie sind so natürlich und bescheiden geblieben, bewundernswert! Was werden Sie denn jetzt machen mit Ihrem Geld? Haben Sie einen heissen Anlagetipp für unsere Leser?

Frau M: Ach, wissen Sie, ich gehe jetzt erstmal ein paar Tulpenzwiebeln für meinen Schrebergarten kaufen. Die müssen ja noch unter die Erde, bevor der Frost kommt.

Falsches Knöpfchen? – in eigener Sache

Oktober 30, 2008

Ich weiss ja nicht, wer hier irrtümlicherweise oder in wohl überlegter Absicht aufs falsche Knöpfchen gedrückt hat, dass mittlerweile alle Einträge seit dem 27. Oktober samt allen Kommentaren futsch sind.

Ich weiss auch nicht, ob sich das herausfinden lässt. Ich weiss nur eines: Ich bin für Transparenz und werde daher hier mehr dazu schreiben, wenn ich mehr weiss.

Reload: VW-Aktie über 1000 Euro – der helle Wahnsinn im Börsenkasino

Oktober 28, 2008

Und da dachte man bis vor einem Monat, die Volkswagenaktie sei eine grundsolide, bodenständige Angelegenheit. Und gestern und heute stellt sie den gesamten DAX auf den Kopf mit Steigerungen von 200 auf bis zu über 1000 €uro pro Stück, während alle anderen Werte munter fallen. Der Grund:

Porsche will die Mehrheit bei VW. Und dafür kaufen die Porsches jetzt offenbar alles, was sie kriegen können, mit der Folge, dass der Markt restlos leergefegt ist und die anderen, die mit ihren Leeroptionen, die sich schon so auf die schlechte Konjunktur gerade in der Autorindustrie gefreut hatten, nun plötzlich ziemlich blöd aus der Wäsche gucken. Selbst die Experten verstehen anscheinend nicht viel besser als der blutige Laie und Kleinanleger, was da im Moment eigentlich abgeht. Aber das wäre ja nicht das erste Mal in den letzten Wochen.

Nix für schwache Nerven.

Zitat des Tages: Qualitätsfernsehn

Oktober 26, 2008

Für mich das Zitat des Tages:

Charles Lewinsky im lesenswerten Interview in der Süddeutschen Zeitung über Qualität im Fernsehn:

Fernsehmacher sind so zynisch, die würden, wenn sie Quote dafür kriegen, sogar was Anständiges senden.

(Die Debatte über Qualität im deutschen Fernsehn hatte „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki losgetreten, als er den deutschen Fernsehpreis zurückwies.
Seine Kollegin Elke Heidenreich schlug daraufhin polternd in der FAZ in dieselbe Kerbe, woraufhin sie jetzt ihre Sendung los ist.

Niggemeier findets nicht gut, andere begrüssen den Heidenreich-Rauswurf als richtigen Schritt weg vom Schrottfernsehn. 🙂 )

Weltwoche: Selbstkritik im Bordell

Oktober 23, 2008

Da geben die Bordell-Pianisten von der Weltwoche uns ja schöne Einblicke.
Hatten sie doch so eine super Idee für ein Titelbild gehabt…
Wenigstens haben sie dafür gesorgt, dass wir auch in der schlimmsten Krise etwas zu lachen hatten.
Nun stellt also Karl Lüönd fest: Die Konzerne misstrauen den Weltwoche-Journalisten! Ausgerechnet die Konzerne! Ja und hat die Weltwoche nicht immer alles Menschenmögliche getan, um die Popularität der derzeitigen Interimsfinanzbundesrätin zu steigern? Und dann lässt man die Herren Journalisten einfach so drauflosschreiben! Ohne sie zu warnen! Welche Unverschämtheit, keine Vertraulichkeiten nach Aussen durchsickern zu lassen! Welche Manipulation!

Wenn es denn stimmt, dass im Bundeshaus, in der Nationalbank und in der UBS mindestens hundert Leute seit Tagen von dem Geheimnis gewusst haben, ist es eine reife Leistung von Informationsmanagement (oder -manipulation), dass nichts nach aussen gedrungen ist. Als Chefredaktor einer wichtigen Zeitung oder Fernsehstation würde ich mich fragen: Wie gut oder wie schlecht sind meine Beziehungen, wie angegriffen ist mein Vertrauenskapital, wenn mich an solchen ­Tagen niemand – auch nicht wenigstens in Andeutungen – vor voreiligen Festlegungen warnt?

Tja, und woran könnte das liegen? Möglicherweise daran?

Was ist das Kerngeschäft populärer Medien? Es ist Komplexitätsreduktion. […] Die Standardverfahren, mit denen die Medien in solchen Drucklagen wirklich arbeiten, sind immer dieselben: lokalisieren, personalisieren, emotionalisieren.

Also: Populistische Simplifizierung von Sachverhalten, Personalisierung von Konflikten und Anheizen von (unguten) Emotionen.

Das schränkt natürlich zwangsläufig das eigene Sichtfeld ein und bisweilen bleibt dabei offenbar der Realitätssinn auf der Strecke.  Und am Ende glaubt man selber noch das, was man da zusammenschreibt.

So wie der Kurt W. Zimmermann, der behauptete beispielsweise kürzlich,  es gäbe keine „frechen“ politischen Blogs in der Schweiz.

Nur damit nachher nicht wieder einer kommt und jammert, es hätte ihn keiner gewarnt: Es gibt sie!

(Danke @ Ronnie Grob fürs finden! )

Für Hobby-Big-Brothers:

Oktober 21, 2008

Saucoole Animation: http://www.bigspaceship.com/archive/hbovoyeur/

(via tanith bei Twitter)

Die Newsnetz-Stilblüte des Tages

Oktober 20, 2008

Haben wir es doch schon immer geahnt: Idealfrauen sind Männer!

Klickt man heute beim Tagesanzeiger auf das Wort „Idealfrauen“, kommt man zu folgendem Zitat:

Göttinnen des Mode-Frühlings

Wie griechische Göttinnen werden wir durch den kommenden Frühling schweben, in metallischen Wickelroben und auf Killerheels. Wer das nicht mag, erfährt hier, was er sonst noch tragen kann.

Dieser Frau vertraut der Blick

Oktober 20, 2008

Wenden wir uns nach der BB-Affäre wieder erfreulicheren Themen zu. Der Bankenkatastrophe z.B.

Eveline Widmer-Schlumpf soll jetzt die Finanzkrise lösen.

Schon am letzten Donnerstag ist SNB-Vizepräsident Philipp Hildebrand aufgefallen, dass die Finanzministerin ad interim die Sache voll im Griff hat

meint der Blick.

Dass die Frau mutig ist, hat sie in der Tat bewiesen. Und Vertrauen ist die Währung, von der im Moment alles abhängt. Es ist sicher gut und richtig, den Aktienkurs des Vertrauens zu stützen. Aber wenn sich in dieser Krise eines gezeigt hat, dann, dass niemand mehr irgendetwas im Griff haben kann.

Wer wäre jetzt mutig genug, eine wirkliche Reform durchzusetzen?

In Deutschland soll die Bankenhilfe vom Staat an die Bedingung geknüpft werden, die Managergehälter auf 500 000 Euro im Jahr zu deckeln.  Ohne Boni. Herr Ackermann hat bereits dankend abgelehnt…