Grenzenlose Selbstüberschätzung

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Bei Spiegel-online ist ein Artikel zu lesen, der mich wirklich erschüttert hat:

US-Finanzmanager erschießt sich und fünfköpfige Familie

Wie kommt ein Mensch dazu, sich für so wichtig zu halten, dass seine ganze Familie zum Tode verurteilt, nur, weil er seine erspekulierte Kohle verloren hat? Wie bringt ein Mensch es fertig, seine eigenen Kinder eigenhändig zu töten? Was für Werte hat so einer bloss im Kopf? Sind Ego, Status und Geld ihm so wichtig, dass das Leben von Menschen dagegen nichts mehr zählt?

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6 Antworten to “Grenzenlose Selbstüberschätzung”

  1. Mara Says:

    Die Angst den Kindern keine gute Zukunft mehr ermöglichen zu können. (Ich wills nicht rechtfertigen, aber in Panik und Angst passiert viel)

  2. flashfrog Says:

    Wenn er die Kinder gefragt hätte sich zu entscheiden zwischen keine „gute“ Zukunft und gar keine Zukunft, was hätten sie wohl gewählt?

  3. uertner Says:

    Was hier ausgeblendet wird: Der Mann scheint indischer Abkunft gewesen zu sein. In Indien werde oder wurden die Witwen verbrannt, wenn der Mann stirbt. Der hohe Macho-Ethos der Inder (ich habe einige kennengelernt, die sehr ehrgeizig und auch erfolgreich waren) losgelöst vom religiös-sozialen Umfeld. Ich nehme an, der Mann war weder in einer Hindu-Community, noch in einer christlichen Kirche eingebettet. Er hatte also im „Fegefeuer der Eitelkeit“ in der führenden Nation des Globus als Ausländer grossen Erfolg: dies wurde zu seiner einzigen Grundlage seines Lebens. Dass er um einen Immobiliengewinn zu realisieren, seine Familie einfach umtopfte, spricht auch dafür. Die grossen Mächte von Macho-Aufträgen, die einen Mann antreiben, ohne Regulierung durch eine religiöse Praxis haben schliesslich zum Knall geführt. Er hat die Logik der indischen Witwenverbrennung durchgezogen und auch gleich noch die Kinder, für die er sich verantwortlich fühlt. Diese Möglichkeit, dass der Vater einen Gott höher einschätzt als sein eigen Fleisch und Blut, ist im Mythos von Abraham und Isaak gebannt. Ja, bei den Schweizern ist eine Abwandlung davon bei Wilhelm Tell zu finden: der Vater setzt, um Gessler seinen unbeugsamen Freiheitswillen zu beweisen, das Leben seines Sohnes aufs Spiel. Leider diente dieser Banker nicht dem „lebendigen Gott“ der solche Opfer nicht mehr verlangt, weil er seinen eigenen Sohn zur versöhnung geopfert hat, noch diente er den Hindu-göttern, die solches wohl auch nicht erlaubt hätten. Die Mischung von Neoliberaler Finanzreligion und indischen mythen hat ihn zum Märtyrer seiner Freiheit werden lassen. Auch Goebbels war so frei: er mordete seine Nazi-Musterfamilie und dann sich selbst.

  4. thinkabout Says:

    Vielleicht angesichts der extremen Geschichte eine unzulässige Zuordnung. Es mag als Ergänzung zur Problematik gesellschaftlicher Erwartungen verstanden werden, so wie viele Menschen diese auf sich lasten fühlen und die sich immer wieder in der Kindererziehung niederschlagen:

    Nichts scheint im Leben so schwierig zu sein, wie Mutter- und Vaterliebe in der richtigen Dosis anzuwenden… Kinder wie Eltern scheinen dabei ein Opfer der Erwartungen zu werden, mögen diese eingebildet oder überbewertet sein (Ansprüche der Umwelt) oder aus der eigenen Lebenserfahrung kompensierend auf Kinder übertragen werden.
    Indem Eltern mit ihrer Liebe oft Erwartungen oder gar Forderungen an Kinder verbinden, agieren sie selbstherrlich und üben Macht aus:

    „Du bist ein braver Junge, wenn…“
    „Für das, was wir alles für Dich getan haben…“
    usw.
    Und die erzogenen Kinder werden selbst Vater und Mutter…

  5. flashfrog Says:

    @uertner: Witwenverbrennungen kommen hauptsächlich in schlechten Romanen vor. Und dass der Typ seine Kinder nach indischen Göttern benannt hat, scheint mir eher gegen deine These von der religiösen Entwurzelung zu sprechen.
    Wenn Religion (welche auch immer) helfen kann, die normale menschliche Empathie zu stärken, die mir bei solchen Leuten abhanden gekommen scheint (sonst hätten sie es nicht so weit gebracht), dann ist das sicherlich eine gute Sache.
    Aber Religion kann auch genau das Gegenteil bewirken. Interessanter Hinweis übrigens, dass der Christliche Gott der Bibel nach auch nicht übermässig zimperlich war, wenn es darum ging, Söhne zu opfern, eigene und fremde.
    Da sind wir wieder bei der Hybris und also gar nicht so weit von einander entfernt.

    Auf jeden Fall spricht die Geschichte dafür, dass Banken und massenweise Waffen in Privathaushalten in einem Land derzeit keine gute Kombination sind…

  6. Mara Says:

    Die Machokulturen sind dafür sicherlich empfänglicher für solche Verhaltensweisen, sind bei Ihnen doch die Frauen und Kinder quasi Eigentum. Wenn dann ein solcher Mann das Gefühl hat seine Pflichten nicht mehr zu erfüllen, die finanziellen Grundlagen zu schaffen, dann ist ein Auslöschen des ganzen „Eigentums“ die Konsequenz. Das die Familienmitglieder aus sich heraus ein Recht auf Leben und eigern Gestaltung haben, naja, dass muss offensichtlich erst ankommen.

    Dabei kann ich das Gefühl nicht los werden, nicht wirklich über diese Tat „richten“ zu können. Den ich glaub auch, wie Th oben andeutete, dass sein Handeln nur die Konsequenz seines Vaterverständnisses ist. – sein Ausdruck von Liebe und Verständnis und nicht zuletzt Pflichtgefühl für seine Familie. Das ich dieses Form der Vaterschaft nicht für angemessen halte, ist dann ein anderes Blatt.

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