Sind Führer noch möglich?

by
Leadership aus den USA

thinkabout.ch

Ist Barack Obama eine Art neuer Kennedy? Ist unsere Gesellschaft noch in der Lage, mit einer Person Hoffnungen zu verbinden, sich selbst von ihr mobilisieren und anschieben zu lassen, ohne dass sie sich an verhängnisvolle alte Zeiten erinnert fühlt? Haben es Menschen mit Leadership-Bewusstsein in der Politik schwer, Idealismus und beste Absichten im Rausch der Macht unverwässert weiter zu verfolgen?

Und umgekehrt: Ist es so falsch, sich beschenkt zu fühlen vom Geschick der Ereignisse, das in einem amerikanischen Wahlsystem eine charismatische Figur aus dem Nichts auf steigen liess, die bis ins Capitol durchstartet, so dass wir uns alle die Augen reiben? Ganz unbesehen von Fakten und Hindernissen und uns selbst nicht entsprechenden politischen Prinzipien, die früh genug Distanzen und Enttäuschungen schaffen werden, bleibt doch festzuhalten: Geschichte lehrt, dass kein politisches oder gesellschaftliches System unverrückbar zementiert ist, sondern alles wandelbar bleibt, wird und vergeht, wie das Leben selbst.

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3 Antworten to “Sind Führer noch möglich?”

  1. uertner Says:

    Die Wahl Obamas ist gewiss ein positives Zeichen, was mir mehr Mühe macht ist der Rausch, der nun durch Köpfe flutet, die ansonsten stets einer philosophischen Rationalität das Wort reden. So beschwert sich flashfrog über „Christianismus“ und jubelt Obama zu, der nichts anderes ist als paulinischer „Christianismus“ on the Rocks: „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Und dies ist ja fürwahr das einzige, dass den Amerikanern bleibt, denn rein rational betrachtet befindet sich der amerikanische Mittelstand in Häuschen, die er sich auf Pump gekauft hat und deren unbezahlbare Hypothek nun über seine Steuergelder (die er nicht mehr zahlen kann) finanziert werden soll: Baron von Münchhausen lässt grüssen. Die Supermacht USA wird nicht über Nacht zum Opferlamm der Menschheit werden. Ich bin auf die Kommentare von flashfrog gespannt, wenn Obama mit schlaksigem Charme der vertrockneten Frau Merkel die Notwendigkeit erklärt, dass für einen geordneten Rückzug aus Afghanistan auch die Deutschen etwas mehr kombatante Truppen ins Feld schicken müssen. Er wird Merkel zulächeln und sagen: „We can“ aber ihr müsst eben auch können wollen. Obama steht nicht für Friede, Freude, Harz IV für alle, sondern für die alte Kennedy-Frage: „Frage nicht was das Land für dich tun kann, frage dich was du für dein Land tun kannst“.

    Und zurück zum „Christianismus“: wer vom Thron des agnostischen Spötters die reuige Umkehr des ehemaligen Säufers Bush belächelt, wer sich über die Verstaubtheit des theologischen Betriebs in Alt-Europa mokiert, der wird mir nun vollends verdächtig, wenn er sich freudig einem charsimatischen Pfingstler an die Brust wirft, der ausser einem glänzenden Wahlkampf noch wenig geleistet hat. Da waren die Deutschen, die Goebbels im Sportpalast auf die Frage „wollt ihr den totalen Krieg“ „Jaaaa“ zuschrieen schier rationaler, denn die militärische Lage Deutschlands war 1942 noch nicht so verzweifelt wie die finanzielle Lage der USA 2008.

    Sagen wir es doch offen: „rational“ steht die USA vor dem Staatsbankrott, rational ist jeder Amerikaner heute ein Schuldensklave asiatischer Fleissmächte. Es ist nur das Potenzial an Massenvernichtungswaffen, das die Chinesen davon abhält in die Häuschen Amerikas auch einzuziehen. In dieser Situation bleiben tatsächlich nur: Glaube, Liebe, Hoffnung oder auf deutsch und deutlich: die Hoffnung man könne sich wie der Baron von Münchhausen am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf ziehen. Die ist zwar schön, aber meine lieben Obama-begeisterten Damen: mit „Rationalität“ hat dies nun nichts mehr zu tun.

    Und gewonnen hat nicht das sexuell-multi-optionale feministisch-dekadente-jüdisch-protestantische „Sex and the City“-Amerika, sondern das Amerika der hart arbeitenden farbigen Landarbeiter, der kinderreichen Familien chinesischer und südamerikanischer Herkunft. Gewonnen hat nicht das Amerika der Lifestyle- und Medienstars in Hollywood (obwohl die aus sentamentalen Gründen da heftig mitmachten). Dies zeigte sich schon indem die „Homo-Ehe“ wieder gekippt wurde. Der Schwangerschaftsabbruch wird auch weiter unter Druck bleiben. Denn das „liberale“ 68er-Jahre-„Hair“-Amerika geht endgültig in Pension, stirbt an AIDS und Schwangerschaftsabbrüchen aus. Obama steht für eine neue Vitalität aber eben auch für Werte wie „Familie“, „Nation“, „Christentum“. Die flashfrogs und anderen europäischen Backfische, die an einen hegelianischen Weltprozess im Sinne zunehmender Freiheit für alle Randgruppen glauben (das deutsche Gutmenschencredo) werden sich noch die Augen reiben.

    Obama wird einen Bittgang vor dem chinesischen Pharao machen müssen. Und wie weiland Moses bitten: „Let my people go“. Ob die Chinesen ihn ziehen lassen werden aus Altruismus oder ob sie als gute Pharaonen auf ihre amerikanischen Staatsanleihen bestehen werden? Wird Obama mit Heuschrecken und Froschplagen (chemische, biologische, atomare Watffen?) drohen müssen? Wird er das Meer der roten Zahlen teilen können? Und werden diese Amerikaner, die ihm heute zujubeln auf dem 40jährigen Marsch durch die Wüste folgen? Obama hat wie Moses, wie Churchill nur „Blut, Schweiss und Tränen“ zu bieten. Liebe Rationalisten: was ich sagen wollte. So etwas kann nur verlangen, der von Gott persönlich die „10 Gebote“ diktiert bekam. Darum liebe „Rationalisten“, eure Obama-Begeisterung ist der schlüssigste Gottesbeweis: die Menschheit will verzaubert werden, sie will über alle vernünftigen Erwartungen hinaus betrogen werden: „Hoffnung“ heisst das Zauberwort. Ein zutiefst paulinisch-christlicher Begriff. „Yes we can“ meint nichts anderes als was Christus den Kranken gesagt hat: „steh auf und geh!“. Wer diese christliche Hoffnung lächerlich findet, der oder die soll mir bitte mit der weitaus lächerlichen Obama-Hoffnung vom Leibe bleiben oder dann anerkennen, dass es ein und dieselbe gänzlich „irrationale“ Hoffnung ist.

  2. thinkabout Says:

    @Uertner… die doch nicht unerfüllt bleiben muss: Der Knackpunkt eben ist die Leidensbereitschaft: Der Slogan „Yes We Can“ schliesst die Tat aller ein, das mit Anpacken. Und daraus können ungeahnte Kräfte entstehen – und vielleicht auch ein Bewusstsein, dass die dringendsten Probleme sehr rational international bestehen und das Zusammengehen aller Antriebe benötigen.

    Oh ja, die USA hängt an vielen Gängelbändern. Problem und Chance daran ist, dass diese Bänder mittlerweile so weltumspannend sind, dass keiner am Zusammenbruch des anderen ein wirkliches Interesse haben kann.

    Und wenn „Yes We Can“ danach fragt, was Europa beitragen kann, dann ist das sehr wohl gewünscht. Es ist höchste Zeit, dass die europäische Aussenpolitik verbindlich wird, sprich in die Verantwortung genommen wird. Ich bin da sehr gespannt, was dazu nicht nur einer Frau Merkel einfallen mag. Der Herr Steinbrück wird noch ins Schwitzen kommen, kann ich mir vorstellen.

  3. flashfrog Says:

    In Deutschland haben wir so unsere Probleme mit dem Wort „Führer“ im Bezug auf einen charismatischen Politiker.
    Bisher hat Obama bewiesen, dass er ein glänzender Präsidenten-Darsteller ist, dass er sehr rasch lernfähig ist und dass er Menschen mobilisieren und für sich gewinnen kann.
    Was er sonst noch kann, wird er in der nächsten Zeit erst beweisen müssen.

    Nein, lieber Uertner, ich bin weit davon entfernt, Obama zum Erlöser und Heiligen hochzustilisieren. Wer das tut, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Aber ich denke, die meisten tun dies auch gar nicht. Zumindest nicht in Deutschland. Da haben wir, auch das durch unsere Geschichte bedingt, die Angewohnteit, erstmal skeptisch abzuwarten.

    Aus Obamas Redestil hört, wer schon einmal in den USA den Gottesdienst in einer hauptsächlich schwarzen christlichen Gemeinde besucht hat, tatsächlich Predigt-Elemente heraus.
    Aber Obama ist kein Fundamentalist. Er ist Realist und Pragmatiker. Er teilt die Welt nicht in „wir“ und „die“ ein, nicht in „gut“ und „böse“, nicht in „Christen“ und „Terroristen“. Verbinden, Brücken schlagen, das scheint seine grosse Stärke zu sein. Und die Krise, in die sich die Welt da gerade unter der Führung der USA hineinmanövriert hat, die können wir nur gemeinsam, nicht gegeneinander bewältigen.

    Hoffnung ist nicht spezifisch christlich. Hoffnung ist menschlich.

    Und @uertner: Obama mit Goebbels zu vergleichen ist nun wirklich, mit Verlaub, hahnebüchener Unfug.

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