Verraten und verkauft

by

Sie sind verschiedenen Bloggern aufgefallen: Die grünen Wörter mitten in Artikeln auf dem „Newsnetz.“ Der Journalistenschredder ist der Sache nachgegangen und der Medienspiegler hat das Rätsel aufgelöst.

Es reicht also nicht mehr, dass es auf der Newsnetz-Seite blinkt wie in einem Casino, wenn man sie aufruft. Nein. Die Werbung ist jetzt mitten in den Artikeln. Einmal mehr bin ich versucht zu rufen: Frohe neue Werbewelt! Der User als nicht ernst genommene Werbemelkkuh. Verraten und verkauft.

Mal sehen, wie weit das noch geht. Die Grenzen nach oben sind offen.

Ein Tipp an die Medienhäuser: Aus dem „Code of Conduct“ kann man Papierhütchen basteln, Schiffli kreieren, Scherenschnitte machen. Man kann das Kaminfeuer damit entzünden, den Allerwertesten … (na Sie wissen schon) …

Ich hätte eine Frage an die Online-Journalisten. Wie lebt es sich damit, seine Texte dem Altar der Werbewirtschaft zu opfern?

Advertisements

Schlagwörter:

20 Antworten to “Verraten und verkauft”

  1. Frau Müller Says:

    Augenscheinlich sehen weder die Newsnetz-/Tages-Anzeiger-Leute noch die Marketing-Fuzzis ihre Kunden als vernunftbegabte Partner, sondern vielmehr als eine tumbe Masse, die es zu manipulieren gilt.
    Was sagt das über diese Unternehmen aus?
    Und vor allem: Glauben diese Leute wirklich, dass sie mit diesem völlig verqueren Kundenbild und dem dumm-dreisten Auftreten irgendwelche Erfolge verbuchen können? Häme, Verachtung und Mitleid werden sie ernten! Denn Bullshit-Marketing ist ein Bumerang: Er kehrt zum Unternehmen zurück und richtet dort selbst Schaden an.

  2. zappadong Says:

    Nun, ich habe vor rund einer Viertelstunde eine Mail an die Newsnetz-Online-Redaktion geschickt:

    Guten Tag

    Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir erklären könnten, wie Sie Ihren Code of Conduct

    «Für den Medienkonsumenten muss immer klar erkennbar sein, ob die Inhalte redaktionellen Ursprungs oder kommerziell als Werbefläche platziert und von Dritten bezahlt sind»,

    mit den grünen Wörtern in Ihren Online-Artikeln vereinbaren können.

    http://www.tagesanzeiger.ch/sales/publireportagen/Terra-Activ–keine-Kompromisse-bei-Reinigern/story/13112000

    Als Userin Ihrers Online-Newsnetzes fühle ich mich verraten und verkauft, als langjährige Abonnentin des Tages Anzeigers und der Sonntagszeitung frustriert (und kurz davor, beide Abos zu kündigen). Und als kritische Nicht-Bla-Bla-Bloggerin harre ich gespannt Ihrer Antwort.

    Nun bin ich gespannt, ob da je eine Antwort kommt, und wenn ja, welche.

  3. thinkabout Says:

    Es ist dieser subtil schleichende Prozess, der so verunsichert: Man denkt einen spontanen Moment lang: Na, die Worte sind ja zum Werbe-Text „eigentlich“ nicht verlinkt, ist also „eigentlich“ nicht so schlimm. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Journalisten, welche die Texte schrieben, nicht wussten, wie diese „verwertet“/assoziert werden – aber macht es das besser? Schleichend geht der Prozess voran, der in nicht so ferner Zukunft darin gipfelt, dass man bei keinem „Artikel“ mehr weiss, wie er motiviert ist.

    Die grosse Krux bei alledem ist: Das journalistische Online-Portal, das rentabel sein kann, ist noch nicht erfunden. Und darum wird es immer mehr solche „Übungen“ geben, mit denen Werbeformen getestet werden – bis die Leser ganz weg bleiben.

  4. Matthias Says:

    @Thinkabout: Du hast Recht mit dem schleichenden Prozess. Man muss schon bewusst zurückdenken um den Unterschied festzustellen.

    Und dass dieser beworbene Reinigungsmittelfabrikant ausgerechnet mit Ökologie wirbt, passt eigentlich bestens zur Publikumsverarschung. Zum Thema ’nachhaltiges Palmöl‘ findet man auf Waschkultur eine wohl etwas glaubwürdigere Beurteilung der ökologischen Probleme als das Gewäsch, das uns die Publireportage vorsetzt.

    Für mich jedenfalls ist das Newsnetz gestorben. Wie traurig, dass auch der „Bund“ bald zu diesem Verein gehört: http://bundblog.espace.ch/ressort-ebund/der-ebund-im-newsnetz.html

  5. flashfrog Says:

    Tja, solche Versuche kann man vielleicht als pure Verzweiflungstaten interpretieren. Wenn man das so liest, scheint es wirklich schlimm zu stehen…

  6. Matthias Says:

    Frau Zappadong, ich habe vor einigen Stunden einen Kommentar hier hingeschrieben. Der ist wohl wegen der vielen Links im Spamfilter gelandet?

  7. zappadong Says:

    Lieber Matthias

    Herausgefischt und heraufgeladen. Ist jetzt halt ein bisschen weiter oben …

  8. flashfrog Says:

    @Matthias und zappadong: Sorry, der Herr Akismet* ist anscheinend ein bisschen übermotiviert.
    Danke für die Info! Ich habe die Kommentare jetzt per Hand freigeschaltet.

    *das automatische Spamfilterprogramm

  9. flashfrog Says:

    Don Dahlmann bringt es im 2. Teil seiner hervorragenden (lesen!) Analyse als Fazit folgenermassen auf den Punkt:
    „Print verliert gegenüber Online nicht, weil man nicht mithalten könnte, sondern weil man sich dank der Entlassungen von Journalisten und dem immer weiter um sich greifenden Verlust von eigenem Content, seine Leser vergrault. Print verliert, weil man das ureigene Geschäftsmodell einer Zeitung untergräbt und beerdigt und sie nur noch als leere Hülle für Anzeigen missbraucht, mit Artikeln, die möglichst keinem weh tun und die keinen Widerspruch erzeugen.“

  10. thinkabout Says:

    @flashfrog:
    Dabei geht aber etwas vergessen: Es gibt, wie ich befürchte, am Ende NUR Verlierer. Denn noch ist das Online-Konzept, das gegenüber der Qualitätszeitung qualitativ wirklich die Alternative darstellt, nicht erfunden – und vor allem ist es in keinem Fall wirtschaftlich.
    Die Werbung und die dafür notwendigen Gefälligkeiten oder Durchbrechungen jedes Online-Designs sind einerseits als Einnahmequellen unzureichend – und umgekehrt viel zu aufdringlich.
    Guter Rat bleibt teuer. Und auch die Blogger werden sich noch sehr anstrengen müssen, um ihren Anteil an neuen Ideen beizusteuern.

  11. zappadong Says:

    Ich teile diese Befürchtung, lieber Thinkabout.

    Vielleicht müssten sich aber auch Verlage und Online-Medien-Konsumenten endlich einmal bewusst werden, dass es Qualität nicht zum Nulltarif gibt.

    Vielleicht müsste aber auch die Werbebranche – zusammen mit den Online-Medien – zur Einsicht gelangen, dass weniger mehr ist. Sprich: Es muss nicht alles blinken, aufpoppen oder gar in einem redaktionellen Text untergebracht werden.

    Es gibt meiner Meinung nach zwei Richtungen, in die dieser Trend gehen kann:

    1. Die Konsumenten verweigern den Online-Medien irgendwann die Gefolgschaft

    oder (eher wahrscheinlich … und auch beängstigender)

    2. Der grosse Teil der Konsumenten gewöhnt sich daran, genau so, wie er sich an Kundenkarten, Produkteplacement in Filmen und andere tägliche Vereinnahmungen durch Konzerne gewöhnt hat. „Es gehört halt dazu.“

    Ich würde es nur schon begrüssen, wenn man eine sachliche Diskussion über mögliche Auswege aus dem Dilemma finden könnte.

  12. zappadong Says:

    Ich habe Antwort bekommen auf meine Anfrage (siehe Kommentar weiter oben) … und sie passt wunderbar zu diesem Blogeintrag: https://beizzweinull.wordpress.com/2008/11/10/warum-printmedien-kunden-verlieren/

    Zuerst wird mir für meine Mail gedankt. Dann erklärt mir ein netter Herr, was die grünen Wörter bedeuten (nun, das wusste ich, und ich dachte, es sei aus der Mail auch ersichtlich).

    Zitat aus der Antwortmail an mich: Bei den grünen Wörtern im red. Umfeld handelte es sich letzte Woche um eine Werbekampagne von Henkel. In der rechten Spalte von tagi.ch erscheint die Lösung. Gerne sende ich Ihnen den direkten Link zu:

    Und dann folgt der Link, den ich in meiner Anfragemail an Newsnetz geschickt hatte.

    Beruhigend: Man dankt mir für die Kundentreue und steht bei Unklarheiten oder Fragen gerne zur Verfügung. Das Angebot nutzte ich gerne aus und sandte folgende Mail zurück:

    Lieber Herr XYZ

    Dass es sich um eine Werbekampagne handelte, habe ich selber herausgefunden (ich habe in meiner Mail an Sie darauf hingewiesen). Diese versteckte Werbekampagne war der eigentliche Grund meines Schreibens und die eigentliche Frage von mir war nicht die Frage nach der Bedeutung der grünen Wörter sondern:

    Wie verträgt sich eine Werbung, die in den redaktionellen Teil „geschmuggelt“ wird, mit dem Code of Conduct des Tages Anzeiger?

    Diese Frage ist unbeantwortet geblieben und ich hätte gerne eine Antwort darauf.

    Fortsetzung folgt …. (vielleicht erhalte ich ja eine Antwort!)

  13. Warum Printmedien Kunden verlieren « beiz 2.0 Says:

    […] Update aus aktuellem Anlass … und weil es so schön zum Thema Kundenbetreuung passt: https://beizzweinull.wordpress.com/2008/11/08/verraten-und-verkauft/#comment-185 […]

  14. zappadong Says:

    Das ging jetzt aber flott! Gute fünf Minuten nach meiner Nachfrage kam schon eine Antwort.

    „Ich denke schon, da die Lösung auf der gleichen Site in der rechten Spalte erscheint. Zudem hat ein grünes Wort die gleiche Bedeutung wie ein schwarzes Wort. Uns ist aber auch klar, dass wir so eine Werbekampagne nicht mehr umsetzen werden.“

  15. ugugu Says:

    Oh, sehr schön. Nachfragen hilft also doch.

  16. Mara Says:

    @ zappadong

    Ach was freut mich der letzte Satz

  17. Frau Müller Says:

    Mich freut dieser Satz: «Zudem hat ein grünes Wort die gleiche Bedeutung wie ein schwarzes Wort.» Wow! Welch eine Aussage! Ein Mensch, der seinen Kunden eine solche Erklärung zu geben vermag, ist nicht nur eine Intelligenzbestie, er ist auch Experte für Qualität im Journalismus und Glaubwürdigkeit. Ich bin einmal mehr beeindruckt von den Brains, die bei der Tamedia arbeiten.

  18. zappadong Says:

    Liebe Frau Müller

    Das ist mir beim Lesen auch sauer aufgestossen und die Antwort ging dann heute Morgen auch postwendend an den Absender:

    „Ich bin da total anderer Ansicht. Für mich sind diese grünen Wörter ein sehr tiefer Eingriff in die journalistische Integrität. Niemand kann so naiv sein zu glauben, dass sich online-Leser und online-Leserinnen NICHT gefragt haben, was diese Wörter sollen. In diesem Sinne hat genau diese Kampagne viel mehr Aufmerksamkeit erzeugt als jede andere der blinkenden und aufpoppenden auf der Newsnetz-Seite.“

  19. Frau Müller Says:

    Negative Aufmerksamkeit, liebe Frau Zappadong. NEGATIVE Aufmerksamkeit, schicken Sie das ruhig nach. Diese giftgrünen Wörter, die hässliche giftgelbe Blinkerblinker-Werbung, diese Schauder erregenden Händchen, die da kürzlich nach mir greifen wollten – es nervt! Es ist unangenehm. Es stört.
    Wie diese Werbeaktion bereits mehrfach zurecht gebrandmarkt wurde: Es ist Bullshit Marketing!

  20. zappadong Says:

    Völlig einverstanden, Frau Müller. Und deshalb blogge ich weiter. Hartnäckig. Und frage bei Gelgenheit auch persönlich nach. Im Falle von David Bauers Artikel werde ich das auch noch tun. Aber erst morgen. Weil ich es viel effektiver finde, wenn der Cheffe jeden Tag einmal Post bekommt, die ihm im Hals stecken bleibt (und heute hat er ja schon die von Dr. Bugsierer auf dem Bildschirm: http://henusodeblog.blogspot.com/2008/11/sonntagszeitungbauer-replik-2.html).

    Ich überlege mir auch, der Firma, welche die grünen Wörter gebucht hat, eine Mail zu schreiben, in der ich mitteile, dass ich nicht im Traum daran denke, jemals ein Produkt von ihnen zu kaufen.

    Immer schön nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein 🙂 Oder anders gesagt: Nutzt’s nichts, so schadet es auch nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: