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Ich bashe, du bashst, er basht … und ändern tut sich nichts.

November 11, 2008

Wer gestern in (einem Teil) der Blogwelt unterwegs gewesen ist, ist an Bugsierers offenem Brief an Andreas Durisch, Chefredaktor der Sonntagszeitung nicht vorbeigekommen.  Der Artikel hat eine Diskussion ausgelöst, an der auch ich teilgenommen habe. Mit einem Standpunkt, der sich nicht ganz mit anderen Standpunkten deckt. Ich habe – nach einer Nacht des Darüberschlafens – heute Morgen bei Bruder Bernhard in die Tasten gehauen, und weil der Text für einen Kommentar etwas lang geraten ist, möchte ich ihn hier in leicht veränderter und erweiterter Form als Artikel einstellen:

Ich bin naiv genug, darauf zu hoffen, dass Veränderungen durch einen Anstoss von aussen kommen können. Vielleicht disqualifiziert mich das jetzt total als weltfremdes Wesen, aber ich hoffe tatsächlich, dass sich in der Printmedienlandschaft etwas ändern wird.

Ich hoffe das, weil ich ein Zeitungsjunkie bin und weil ich trotz Internet weiterhin Zeitungen lesen will – und auch bereit bin, für eine gute Zeitung (genug) Geld zu bezahlen. Der billige Internetschrott, den ich zur Zeit auf dem Newsnetz finde, kann mir nie, nie, nie eine gute Zeitung ersetzen.

Die jetzige Lage präsentiert sich meiner Meinung nach so: Die Internetartikel ziehen das Niveau der Artikel in den Printmedien nach unten. Ich hätte es lieber umgekehrt: Guten Print-Journalismus, der die Qualität im Netz positiv beeinflusst. Momentan sind Internet-Medienkonsumenten ja mehr oder weniger Werbeversuchskaninchen für eine Branche, die sich verzweifelt nach neuem Einkommen umsieht.

Wenn ich nun etwas verändern will, kann ich das nicht, indem ich auf schlechte unfaire Artikel in den Printmedien mit einem offenen Brief reagiere, in dem es hauptsächlich darum geht, einen Standpunkt zu machen, indem man seinem Gegenüber ins Schienbein tritt. Man kann nicht “Fairplay” rufen und gleichzeitig die Regeln des Fairplays verletzen.

So verhärtet man höchtens die Fronten, jeder fühlt sich bestätigt (der Blogger und der Medienmacher), man hat sich gegenseitig gehörig eins auf die Kappe gegeben, es steht unentschieden, aber in der Sache hat sich keinen Millimeter etwas bewegt. Wenn das das Ziel ist: Okay. Dann ist der offene Brief wohl das Richtige und Passende.

Als optimistische Idealistin will ich mehr. Diese Artikel von Bauer haben – zusammen mit der Reaktion von Bundesrat Leuenberger – für ein kleineres Erdbeben gesorgt. Es könnte etwas daraus werden. Gerade jetzt. Aber nur, wenn man sachlich über den Dingen steht, vor allem in der Kommunikation mit den Printmedien. Ich will keinen Kleinkrieg, ich will nicht bashen, ich will nicht fertigmachen, ich will bessere Zeitungen – und bessere online-Artikel.

Ja, die SZ zeigt Moritz Leuenberger den Hintern. Ja, die Arroganz eines David Bauer ist unerträglich. Aber müssen wir deshalb auch unsere Hosen herunterlassen und den Hintern in Richtung Printmedien aufrichten? Was dann? Zwei Hintern können sich weder ansehen noch miteinander einen Dialog aufbauen.

Vielleicht sollten wir auch nicht vergessen, dass bei den Medien (noch) Journalisten arbeiten, die ob dieser ganzen Entwicklung überhaupt nicht glücklich sind. Und wenn sie dann generell den Fehler “im Internet” suchen, also auch bei den Bloggern, kann ich sie ein stückweit verstehen, sind sie doch im Netz gezwungen, ihr Qualitätsprodukt gratis anzubieten, eine Rechnung, die ohne Einbussen einfach nicht aufgehen kann. So wird „das Netz“ (leider) ohne zu differenzieren zu einer Bedrohung. Statt sich darauf einzulassen, wird geblockt, Schuld zugewiesen, Aggression abgeladen (ich wäre unter den Arbeitsbedingungen, unter denen Journalisten heute arbeiten müssen, auch hässig und frustriert).

Vielleicht liegt es an uns Bloggern zu zeigen, dass es uns nicht ums Bashen geht. Sondern um Qualität. Könnte ja sein, dass der eine oder andere Journalist oder Chefredaktor begreift, dass Blogger nicht einfach Häuser zum Einsturz bringen wollen, sondern sich – genau wie sie – nach dem Qualitätsjournalismus sehnen, den sie eigentlich liefern wollen aber aufgrund gegebener Umstände nicht mehr liefern können.

Müssen wir Blogger deshalb handzahm werden? Dürfen wir keine Satire mehr einsetzen? Den Finger nicht mehr kritisch auf die (zum Teil sehr) wunden Punkt legen? NEIN! Ich finde, es ist unsere Pflicht, Dinge genauso hart wie hartnäckig zu hinterfragen. Aber dort, wo es um den Dialog geht – und das tut es in einem offenen Brief – ist meiner Meinung nach gute Argumentation und Sachlichkeit gefragt. Bugsierers Argumente in seinem offenen Brief sind sehr gut. Eigentlich fehlt es mir nur an der nötigen Sachlichkeit.

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