Ich bashe, du bashst, er basht … und ändern tut sich nichts.

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Wer gestern in (einem Teil) der Blogwelt unterwegs gewesen ist, ist an Bugsierers offenem Brief an Andreas Durisch, Chefredaktor der Sonntagszeitung nicht vorbeigekommen.  Der Artikel hat eine Diskussion ausgelöst, an der auch ich teilgenommen habe. Mit einem Standpunkt, der sich nicht ganz mit anderen Standpunkten deckt. Ich habe – nach einer Nacht des Darüberschlafens – heute Morgen bei Bruder Bernhard in die Tasten gehauen, und weil der Text für einen Kommentar etwas lang geraten ist, möchte ich ihn hier in leicht veränderter und erweiterter Form als Artikel einstellen:

Ich bin naiv genug, darauf zu hoffen, dass Veränderungen durch einen Anstoss von aussen kommen können. Vielleicht disqualifiziert mich das jetzt total als weltfremdes Wesen, aber ich hoffe tatsächlich, dass sich in der Printmedienlandschaft etwas ändern wird.

Ich hoffe das, weil ich ein Zeitungsjunkie bin und weil ich trotz Internet weiterhin Zeitungen lesen will – und auch bereit bin, für eine gute Zeitung (genug) Geld zu bezahlen. Der billige Internetschrott, den ich zur Zeit auf dem Newsnetz finde, kann mir nie, nie, nie eine gute Zeitung ersetzen.

Die jetzige Lage präsentiert sich meiner Meinung nach so: Die Internetartikel ziehen das Niveau der Artikel in den Printmedien nach unten. Ich hätte es lieber umgekehrt: Guten Print-Journalismus, der die Qualität im Netz positiv beeinflusst. Momentan sind Internet-Medienkonsumenten ja mehr oder weniger Werbeversuchskaninchen für eine Branche, die sich verzweifelt nach neuem Einkommen umsieht.

Wenn ich nun etwas verändern will, kann ich das nicht, indem ich auf schlechte unfaire Artikel in den Printmedien mit einem offenen Brief reagiere, in dem es hauptsächlich darum geht, einen Standpunkt zu machen, indem man seinem Gegenüber ins Schienbein tritt. Man kann nicht “Fairplay” rufen und gleichzeitig die Regeln des Fairplays verletzen.

So verhärtet man höchtens die Fronten, jeder fühlt sich bestätigt (der Blogger und der Medienmacher), man hat sich gegenseitig gehörig eins auf die Kappe gegeben, es steht unentschieden, aber in der Sache hat sich keinen Millimeter etwas bewegt. Wenn das das Ziel ist: Okay. Dann ist der offene Brief wohl das Richtige und Passende.

Als optimistische Idealistin will ich mehr. Diese Artikel von Bauer haben – zusammen mit der Reaktion von Bundesrat Leuenberger – für ein kleineres Erdbeben gesorgt. Es könnte etwas daraus werden. Gerade jetzt. Aber nur, wenn man sachlich über den Dingen steht, vor allem in der Kommunikation mit den Printmedien. Ich will keinen Kleinkrieg, ich will nicht bashen, ich will nicht fertigmachen, ich will bessere Zeitungen – und bessere online-Artikel.

Ja, die SZ zeigt Moritz Leuenberger den Hintern. Ja, die Arroganz eines David Bauer ist unerträglich. Aber müssen wir deshalb auch unsere Hosen herunterlassen und den Hintern in Richtung Printmedien aufrichten? Was dann? Zwei Hintern können sich weder ansehen noch miteinander einen Dialog aufbauen.

Vielleicht sollten wir auch nicht vergessen, dass bei den Medien (noch) Journalisten arbeiten, die ob dieser ganzen Entwicklung überhaupt nicht glücklich sind. Und wenn sie dann generell den Fehler “im Internet” suchen, also auch bei den Bloggern, kann ich sie ein stückweit verstehen, sind sie doch im Netz gezwungen, ihr Qualitätsprodukt gratis anzubieten, eine Rechnung, die ohne Einbussen einfach nicht aufgehen kann. So wird „das Netz“ (leider) ohne zu differenzieren zu einer Bedrohung. Statt sich darauf einzulassen, wird geblockt, Schuld zugewiesen, Aggression abgeladen (ich wäre unter den Arbeitsbedingungen, unter denen Journalisten heute arbeiten müssen, auch hässig und frustriert).

Vielleicht liegt es an uns Bloggern zu zeigen, dass es uns nicht ums Bashen geht. Sondern um Qualität. Könnte ja sein, dass der eine oder andere Journalist oder Chefredaktor begreift, dass Blogger nicht einfach Häuser zum Einsturz bringen wollen, sondern sich – genau wie sie – nach dem Qualitätsjournalismus sehnen, den sie eigentlich liefern wollen aber aufgrund gegebener Umstände nicht mehr liefern können.

Müssen wir Blogger deshalb handzahm werden? Dürfen wir keine Satire mehr einsetzen? Den Finger nicht mehr kritisch auf die (zum Teil sehr) wunden Punkt legen? NEIN! Ich finde, es ist unsere Pflicht, Dinge genauso hart wie hartnäckig zu hinterfragen. Aber dort, wo es um den Dialog geht – und das tut es in einem offenen Brief – ist meiner Meinung nach gute Argumentation und Sachlichkeit gefragt. Bugsierers Argumente in seinem offenen Brief sind sehr gut. Eigentlich fehlt es mir nur an der nötigen Sachlichkeit.

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12 Antworten to “Ich bashe, du bashst, er basht … und ändern tut sich nichts.”

  1. Mara Says:

    danke für das ausführliche Argumentieren. Ich kann nur aus anderen Bereichen bestätigen, wenn man einen gewissen Standart einforder sollte man peinlichst darauf bedacht sein, diesen auch für sich selbst einzuhalten. Im direkten Dialog ist sachlichkeit und themenbezogenheit das A und O (naja und im Geiste kann man ihnen ja in den Hintern treten..:-)

  2. Mara Says:

    Nachsatz: Damit meine ich den direkten Kontakt (Briefe, Gespräche, aber auch öffentliche Briefe etc). Ein Blog-Beitrag ist, aus meiner Sicht, etwas anderes. Zum einen richtet er sich nicht in erster Linie an das Gegenüber, und zum anderen würde ich ihn auch eher in den Bereich Literatur/Reportage/Satire etc einordenen. Meist kann der indirekt angesprochene bzw kritisierte darauf mit mehr Distanz reagieren, so dass hier nicht so viel Vorsicht geboten ist.

  3. zappadong Says:

    Danke für den Nachsatz. Genau darum geht es mir. Wobei man auch im direkten Kontakt offen auf den Punkt kommen darf und soll. Aber eben mit Sachlichkeit und dem nötigen Respekt, d.h. beide sollten sich auf Augenhöhe begegnen können.

  4. Frau Müller Says:

    @ Zappadong: Wenn ich Ihre klugen und feinfühligen Worte lese, dann komme ich nicht darum herum, mich Ihrer stringenten Argumentation anzuschliessen. Sie tönt sehr vernünftig.

    Mein Herz aber schlägt für störrische Saftwurzeln und charmante Störenfriede. Wer formulieren kann wie beispielsweise Dr. Bugsierer, der kann auch denken. Und obendrauf hat er den Mut, seine Gedanken zu formulieren. Mit diesen eckt er dann hier und dort an. Er beisst zu. Er sucht keinen Konsens. Na und?

    Neben Leuten wie Bundesrat Leuenberger, die mit feiner Ironie argumentieren und das Florett dem Zweihänder vorziehen, braucht es unbedingt auch Wüteriche und enfants terribles. Mir sind letztere lieber. Es gibt sowieso zu wenige, die den Etablierten und Medienmächtigen lustvoll in die Parade fahren. Zu viele Saftwurzeln wurden schon ausgejätet. Mich dünkt, dass solche wortgewaltigen Leute vielen defensiven und unsicheren Schweizern schlicht Angst machen.

    Ich masse mir an, Sie durch Ihre Texte mittlerweile gut genug zu kennen, um zu wissen, dass Sie nicht zu diesen gehören. Wieso also reden Sie dieser blutleeren Sachlichkeit ständig das Wort?

    «Polemik soll den Gegner um seine Seelenruhe bringen.» – Karl Kraus

  5. zappadong Says:

    Sachlichkeit ist mitnichten blutleer! Als absoluter Stürmigrind bin ich mit heftigen Attacken grausam aufgelaufen …. als (manchmal) etwas geläuterteres Semester habe ich zum Teil mit Sachlichkeit und Ruhe andere total auflaufen lassen und genau das erreicht, was ich wollte.

    Um beim Vokabular von D. Bauer zu bleiben: Mit Sachlichkeit kann man tatsächlich Kriege gewinnen. Als Sieger aus einer Schlacht hervorgehen. Oder: Sachlichkeit kann ein sehr effizienter Zweihänder sein.

    Abgesehen davon liebe auch ich Saftwurzeln (so auch den Dr. Bugsierer, dessen Blog ich genial finde). Aber – ja, ich wiederhole mich hier – ich bin überzeugt, der Dr. Bugsierer hätte mit der genau gleichen Sprachgewalt, aber ohne die absolut unnötigen Seitenhiebe auf O.R. viel mehr erreichen können. Und darum geht es mir: Etwas zu erreichen.

    Klar doch: Man kann auch als moralischer Sieger aus einem Diskurs gehen. Ich würde in Sache, um die es hier geht, aber lieber ganz prosaisch das Blumensträusschen gewinnen und nicht den Pokal des ehrenvoll untergegangenen Helden.

    Aber wer weiss, vielleicht erreicht der Bugsierer tatsächlich etwas mit seinem Brief. Dann werde ich einmal mehr den Hut vor ihm ziehen.

  6. Thinkabout Says:

    Nun, ich habe mich meinerseits zu einem offenen Brief entschieden, wobei ich mir bezüglich Hemmungslosigkeit vor allem epische Länge erlaubt habe… ansonsten wäre es wirlich schön, wenn die Diskussion weiterführen könnte.

  7. zappadong Says:

    Ich liebe diese epische Länge 🙂

    (Wage aber einzuwerfen, dass ein Herr Durisch da wohl nicht bis zum Ende mitlesen wird).

    Die Diskussion muss unbedingt geführt werden. Und wird sie auch. Im Moment etwas unkoordiniert, aber durchaus kontrovers und auch leidenschaftlich in verschiedenen Blogs. Was könnte den Blogs besseres passieren als das?

  8. Bloggerdilemma « Journalistenschredder… Says:

    […] «Bomben-Burks» bloggen, danach über die «Piazza Navona» und schliesslich noch über das «Zeitungssterben». All die Themen sind dann doch zu frustrierend, also lässt man es sein. « […]

  9. bugsierer Says:

    oh, was für ein glück, zwei damen prügeln sich um mich (na ja….) – ist mir schon lange nicht mehr passiert. darauf mach ich einen edelzwicker auf.

    nicht so gelungen finde ich die umlagerung der diskussion von der triperie nach hier. warum das denn?

    wie auch immer, weitere damen mögen meine meinung dort drüben nachlesen:
    http://www.bruderbernhard.ch/latriperie/?p=48#comment-181

    @ frau müller: das kraus zitat leg ich mir beiseite. merci.

  10. zappadong Says:

    Lieber Bugsierer

    Da fühlt man sich doch gleich ein paar Jährchen jünger, oder?

    Die Diskussion ist nicht umgelagert – sie findet bei Bruder Bernhard (http://www.bruderbernhard.ch/latriperie/?p=48) sehr intensiv statt (bis auf 100 sollen die Kommentare gehen, dann klemmt er ab 😉 ) und auch bei Ihnen im Blog (http://henusodeblog.blogspot.com/2008/11/sonntagszeitungbauer-replik-2.html) ist ja die Diskussion gehörig abgegangen. Ich habe hier meinen Senf in Form eines Artikels dazugegeben, weil dieses Beizli

    a) zu meiner Stammbeiz geworden ist (in der es wesentlich gemütlicher ist als damals bei Facts 2.0)
    b) mich das Thema heftigst beschäftigt

  11. flashfrog Says:

    Ist doch prima, wenn so ein wichtiges Thema dezntral in verschiedenen Foren diskutiert wird und sich verbreitet.

    Es geht ja um ganz Grundsätzliches: Die Gestaltung der künftigen Medienlandschaft der Schweiz.
    Dazu gehören die Themen:
    – Qualitätsdiskussion in Print und digital ebenso wie
    – der Umgang mit Werbung und
    – der Umgang mit Kunden in Print und digital und der
    – Respekt vor Berufs-Kollegen im weiteren Sinne.

    Ja, Sachlichkeit wäre dabei in der Tat wünschenswert.
    Es ist jedoch nicht einfach, das eigene Ego zu zügeln, wenn man sich persönlich angegriffen fühlt. Es ist nicht einfach, respektvoll gegenüber jemandem zu bleiben, der es seinerseits an Respekt fehlen lässt, oder Leuten gegenüber, von denen man sich ziemlich sicher sein kann,, dass sie die Sachlichkeit und den Respekt, den man ihnen entgegenbringt, nicht zu schätzen wissen, ja sie möglicherweise gar als „Schwäche“ auslegen werden.

    David Bauer hingegen habe ich während der Euro als durchaus umgänglichen und netten Kollegen kennengelernt. Als einen, mit dem man reden kann.
    Als Berufsanfänger ist man möglicherweise ein bisschen übermotiviert, aus einer simplen Geschichte eine Sensations-Story zu kreieren.

    Der Artikel hätte ja in etwa auch so aussehen können:
    1. Was genau sind eigentlich Blogs?
    2. In den USA gibt es Beispiele für Blogs, die politisch tatsächlich einigen Einfluss haben.
    3. Bei uns in der Schweiz erzielen Blogs bislang weniger Aussenwirkung, aber auch hierzulande gibt es einige durchaus spannende Beispiele lesenswerter Blogs. Und dann hätte er einige dieser Beispiele aufführen können, um die Leser neugierig machen zu können. Aufs Bloglesen und eventuell sogar aufs Selberschreiben.

    Das stelle ich mir unter der Aufgabe eines guten Multimedia-Redaktors vor.

  12. uertner Says:

    @Frau Müller
    schön Sie wieder zu lesen! Wo haben Sie nur Ihren saftwurzeltreibenden Avatar gelassen? Sie sind doch die Spezialistin für „Körperlichkeit“ und Saftwurzeln! Nun eine Saftwurzel braucht natürlich auch den saftigen Boden – if you know what I mean. Und das ist bei Männern und Frauen etwas verschieden. Die „Saftwurzel“ Meienberg blieb zeit ihres Lebens etwas zu sehr im Boden seiner katholischen Mutter. Wenige Jahre nach dem Tod der Mutter nahm er darum Gift.

    Der Pakt ist eigentlich der: man muss sich entscheiden, ob man Boden oder Saftwurzel sein will. Der Barak Obama ist nun „Saftwurzel“ weil sich die Michele Robinson dafür entschieden hat, ihm Boden zu sein. Dies ist etwas ungeheuer Grosses. Und es braucht eine Frau wie Beatrice Schlag, um das in klare Worte zu fassen. Frau Schlag war nie einer Saftwurzel Boden, gerade darum schreibt sie intelligente Frauentexte: was das kostet wird sie allein wissen. Lesen Sie „Lady Michelle“ in der heutigen Weltwoche. So kluge Texte von Frauen sind mir ein Genuss.

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