Pro Krastination

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lobo passig buecherfest 2009

Kathrin Passig und Sascha Lobo beim Tübinger Bücherfest 2009

Die guten Nachrichten:

1. Du bist nicht allein.

Jeder Mensch schiebt unangenehme Aufgaben vor sich her. Die einen weniger, die anderen ein bisschen mehr. Na gut, ein bisschen sehr viel mehr. Aber

2. es gibt welche, die noch schlimmer dran sind als du.

3. ist es wenig sinnvoll und wenig erfolgversprechend zu versuchen, die eigene Persönlichkeitsstruktur durch einen Weltrekord im Zusammenreissen umzukrempeln. Du darfst das deshalb bleiben lassen.

Das sagen zumindest Kathrin Passig und Sascha Lobo, die Autoren des Buches: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin„.

Ich wollte mir das Buch ja eigentlich schon lange mal zulegen, bin aber irgendwie immer nicht dazu gekommen.
Letzten Samstag hatte ich 15 Minuten Zeit bis zum nächsten Zug und da ist es mir im Bahnhofskiosk ganz spontan zugelaufen. Habe Im Zug sofort angefangen und es in 3 Tagen durchgelesen. Und nebenbei noch den Keller entrümpelt, das Bücher- und Zeitschriften-Regal umsortiert, 2-3 Artikel geschrieben, einen Multiuser-Blog administriert, Bankangelegenheiten geregelt und die Küche gegrundreinigt. LOBOs, also Leute mit einem „Lifestyle Of Bad Organisation„, können nämlich auch extrem produktiv sein, wenn sie nur richtig motiviert sind.

Es gibt auf dieser Welt nunmal Lerchen und Eulen, es gibt Wegschmeisser und Sammler, es gibt Macher und Mönche, es gibt Durchplaner und Prokrastinatoren. Wer sich zwingt, ein Leben zu führen, das nicht zu ihm passt, wird damit auf Dauer damit weder erfolgreich noch glücklich werden.

Wer an Prokrastination leidet, ist vermutlich deutlich leichter ablenkbar als der Durchschnittsmensch oder hat mehr Probleme mit Impulskontrolle,  Antriebssteuerung oder Entscheidungsschwäche. Das kann, muss aber nicht, Symptom von Syndromen wie ADS/ADHS oder Depressionen oder ähnlichem sein. Oder davon, dass sonst etwas Entscheidendes in seinem Leben nicht stimmt.

(Die Buch-Autoren halten übrigens den schweizerisch geprägten Protestantismus für eine Wurzel des Übels.)

Passig und Lobo raten dazu, aus Schwächen Stärken zu machen und die Kraft der Prokrastination produktiv in umzumünzen: Um sich vor einer hinreichend ungeliebten Tätigkeit zu drücken, erledigt man unter Umständen im Handumdrehen 10 andere, die viel schwieriger und anspruchsvoller sind als die vermiedene. (Unter Umständen erfindet ein Prokrastinierer gerade jetzt im Moment aus lauter Grauen vor dem Steuererklären ein geniales Steuererklärungsprogramm, das vollautomatisch nicht nur Formulare ausfüllt, sondern auch Belege eigenständig sucht und einscannt.)

Leider bleibt erfahrungsgemäss immer ein Bodensatz wirklich grässlicher Tätigkeiten übrig, zu denen man sich auch ohne Alternativen nicht aufraffen kann:
Duschabfluss enthaaren, MA-Arbeiten schreiben. Altglas wegbringen. (Tipp: Pfandflaschen kaufen: Die verflüchtigen sich von selbst, wenn man sie einfach ca. 10 Minuten unbeaufsichtigt vor der Tür stehen lässt.)

Besonders fies sind Verrichtungen, die erst wieder andere voraussetzen, die erst wieder, naja, und so weiter. Ich müsste endlich mal meinen abgelaufenen Pass erneuern lassen. Dazu müsste ich allerdings erstmal Passbilder machen lassen. Und mich hierfür vorher erkundigen, wie diese nach neuesten Antitterrorundso-Bestimmungen aktuell auszusehen haben. Und natürlich vor den Passbildern zum Frisör/Coiffeur. Der hat allerdings, seit ich vor ein paar Monaten das letzte Mal da war, den Laden aufgegeben. Wahrscheinlich wegen mir. Also erstmal einen neuen suchen. Preise vergleichen, gutfrisierte Bekannte nach Tipps befragen…

Oft hilft es schon, komplizierte Aufgabenberge in kleine, überschaubare und leicht zu bewältigende Arbeitsschritte einzuteilen, die weniger bedrohlich erscheinen.

Eine klare Aufgabenstellung (Self briefing) ist nützlich. Prioritäten setzen hilft, Wichtiges von wirklich Wichtigem zu unterscheiden. Routinemässig anfallende Tätigkeiten möglichst automatisieren. Wenn man nicht erst philosophische Studien darüber anstellen muss, ob man die linke oder die rechte Socke zuerst anziehen soll, geht manches unkomplizierter. Langweilige Aufgaben lassen sich versüssen, indem man z.B. ein Spiel daraus macht oder sie zu zweit erledigt mit jemandem, den man gernhat und/oder sich eine Belohnung in Aussicht stellt/stellen lässt.

Bei regelmässig anfallenden und regelmässig liegenbleibenden Aufgaben raten die Autoren zum Outsourcen. Das ist eine schöne Idee. Es gibt sicher irgendwo Menschen, die wahnsinnig gern Gartenarbeit machen. Die aber leider in einem Mietshochhaus ohne Garten wohnen und viel Geld dafür bezahlen würden, wenigstens einmal in der Woche in meinem Garten arbeiten zu dürfen. OK, während der Laubfallzeit gegen saftigen Aufpreis auch zweimal.

Körperliche Arbeit ist meiner Erfahrung nach übrigens häufig befriedigender, weil man da sieht, was man geschafft hat, während das bei geistiger Arbeit oft schwer zu quantifizieren ist. Auch wenn es für Aussenstehende nicht überzeugend nach Arbeit aussieht, wenn man im Bett  herumliegt – im Kopf könnte in der Zeit die Idee zu einem Bestsellerroman oder einer nobelpreiswürdigen Erkenntnis reifen!

Online-Versuchungen versuche ich zu widerstehen, indem ich  einen Ordner mit für die gerade zu verrichtende Arbeit benötigten und darum erlaubten Lesezeichen erstelle. Verboten dagegen sind: Handy, Spiele, Seiten, deren Informationsmenge sich minütlich vergrössert (Twitter, Chats, Foren), Programme, die Prokrastiniererkollegen anzeigen, dass ich gerade online bin und ihnen ermöglichen, mir Instant-Messenger-Popups auf den Bildschirm zu nötigen.

Aber auch wenn das völlig überraschend mal wieder suboptimal funktioniert hat: Nichts ist wirklich sinnlos.

Nicht einmal bloggen.

Aus Blogkommentaren beispielsweise entwickeln sich zuweilen Anstösse für Texte, die sich professionell verwerten lassen. Die Rückmeldungen, Anregungen, Kritik und Motivation, die man beim Schreiben in Blogs bekommt statt monatelang einsam und von Selbstzweifeln geplagt vor sich hinzuschreiben, sind unbezahlbar.

Es gibt übrigens auch nicht zu unterschätzende Vorteile des LOBO-LIfestyles. Die meisten  bahnbrechenden arbeitsersparenden  Erfindungen der Menschheit sind vermutlich von Prokrastinatoren gemacht worden: das Rad, der Webstuhl, die Waschmaschine, der Mähdrescher, der Skilift.

Arbeiterzeugende Erfindungen hingegen stammen mit ziemlicher Sicherheit auf keinen Fall von LOBOs: die Bürokratie, lose Knöpfe, ebay. Und Krieg  Allein schon, weil sie zu faul wären, das hinterher alles wieder aufzuräumen.

Und weil sie sich mit Sicherheit ums Verrecken nicht erinnern könnten, wo sie diese vermaledeite Kriegserklärung nun wieder hingelegt haben.

Und selbst wenn man sie zeitnah wiederfände, sowas kann man ja nicht einfach per Fax erledigen und die Post hat 138 Stunden in der Woche geschlossen.

Eine Welt mit mehr Prokrastinierern wäre sehr wahrscheinlich eine bessere Welt.

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6 Antworten to “Pro Krastination”

  1. thinkabout Says:

    Da lasse ich LOBO mir doch fast einen Bürstenkamm fürs nächste Passfoto frisieren, so angenehm anschaulich humorig hast Du mir da aus dem Herzen geschrieben.
    Es grüsst der Oberchaot und Langbankschieber Th.

  2. zappadong Says:

    Ach, und ich wollte das Buch nicht kaufen. Dabei scheint es mir auf den Leib geschrieben. Aber ehrlich: Ich hasse das Wort Prokrasination. Da stellen sich bei mir alle Reflexe quer. Trotzdem: Werde es kaufen. Danke für den Mutmacher am frühen Morgen (ich blogge jetzt zum Beispiel gerade, weil ich eigentlich etwas tun sollte, das mich angurkt).

    Und jetzt sei einmal ehrlich, flashfrog: Du hast wirklich GEPUTZT? Wenn das Buch so was mit mir bewirken könnte, wäre es Gold wert.

  3. Frau Müller Says:

    @ Flashfrog: Welch eine Koinzidenz! Gerade eben bin ich dran, das von Ihnen vorgestellte Buch zu lesen, welches mir eine gute Freundin kürzlich geschenkt hat. Es ist ein Wink mit dem Zaunpfahl, das können Sie sich ja denken. Gehöre ich doch zu den Menschen, die sich zum Lebensmotto gemacht haben: «Was du heute kannst besorgen, verschiebe ruhig auf übermorgen!» Und bis übermorgen kann es ja noch sehr lange hin sein.

    Und seit sich dieses wunderschöne Wort von der Prokrastination in der deutschen Sprache etabliert hat, liege ich erst noch voll im Trend. Endlich kann ich all meine Zeitmanagement-Ratgeber, die sowieso nur im Regal verstaubten, ins Altpapier werfen. Wenn ich mich denn dazu aufraffen könnte, mein Büchergestell auszumisten.

    An diesem Buch gefällt mir, dass es mir eben nicht wie andere Ratgeber-Bücher aufzeigen will, wie man den inneren Schweinehund bekämpft (oh ja, ich hab’s versucht, ich schwör’s Euch), sondern dass sich das Warten auf den richtigen Moment durchaus lohnt und dass man gewisse Dinge des Lebens getrost auf die ewig lange Bank schieben kann. Sie sind es einfach nicht wert, erledigt zu werden.
    Zudem bietet das Buch auch Einsicht in unterschiedliche Arbeits- und Freizeitvorstellungen sowie in moderne Arbeitsorganisationsmethoden. Ich habe mich ja schon als Kind gefragt, wieso eine Arbeit eigentlich immer haargenau in 42 Stunden pro Woche erledigt werden kann. Diese Frage haben sich noch andere gestellt und so gibt es in den USA bereits mehrere Firmen, die nach dem ROWE-Prinzip, Results Only Work Environment, arbeiten. Es ist egal, wieviel man wann und wo arbeitet, wenn das Ergebnis stimmt. Für Freiberufliche eigentlich Normalität.

    Es gibt übrigens eine Homepage zum Buch. Das Video über die Genesis «Wie es wirklich war» ist sehr lustig:

    http://prokrastination.com/index.html?kat=Blog_und_Buch

    PS: Interessant dort auch zu sehen, wie heutzutage Marketing für Bücher betrieben wird.

  4. flashfrog Says:

    Liebe Frau Müller, eben, eben, da kann man sich doch endlich mal als Trendsetter fühlen!
    Ich muss nur dran denken, rechtzeitig vor Weihnachten sämtlichen Verwandten und Kollegen mitzuteilen, dass ich das Buch schon habe… 😉

    Für alle, die das Wort nicht mögen empfehle ich die wunderbare Alternative „Saumseligkeit“.

  5. Frau Müller Says:

    Saumselig ist sehr hübsch.
    Im Schweizerdeutschen gibt es noch das schöne Wort «verlauere» (durch Nachlässigkeit oder Dummheit versäumen) oder «lauere». Auch «tröle» und die «Trölerei» gefallen mir sehr gut. Heute zum Beispiel habe ich wieder mal den ganzen Tag vertrölet respektive nur umetrölet.

  6. flashfrog Says:

    Artikel aktualisiert und jetzt noch schöner mit Bild vom Bücherfest am letzten Wochenende. 🙂

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