Nach Hause schwimmen

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Nein, es ist nicht so, dass Nachrichten grundsätzlich einen bis zwei Tage verspätet im Rheintal eintreffen. Der Grund, weshalb dieser Artikel ein bisschen wie die alte Fasnacht dem Geschehen hinterherhinkt, ist ein einfacher: Während Rolf Lappert den Schweizer Buchpreis gewonnen  und ihm der Adolf Muschg dabei die Show gestohlen hat, war mein schreibendes Alter Ego auf dem Weg zu Lesungen in Innsbruck.

Das schreibende Alter Ego konnte das ganz gelassen tun, denn es war nicht shortgelistet. Aber auf der Liste war es – und zwar auf der jekami-Liste aller Nomminierten. Chancen hat sich das Alter Ego keine ausgerechnet, aber es war schon ein absolut tolles Gefühl, mit Leuten wie Lukas Bärfuss und Peter Stamm überhaupt auf einer Liste zu stehen.

Zurück zu Innsbruck und den Lesungen. Mein Alter Ego schreibt Jugendromane und liest folgedessen vor Jugendlichen. Ja, genau, diese schrecklichen Zeitgenossen, die nicht mehr lesen, deren Sprache den Bach runtergeht, die keine Ahnung von gar nichts mehr haben und schon gar nicht von Literatur.

Gell, denn letzten Satz haben Sie mir hoffentlich nicht abgenommen. Er ist nämlich total verkehrt. Wenn mein Autorinnen-Alter-Ego vor 15, 20, 70 oder (wie kürzlich) gut 150 Jugendlichen liest und vom Schreiben erzählt, geniesst es volle Aufmerksamkeit. Es bekommt interessante, spannende Fragen zu hören. Wenn es Fragen an die Zuhörer stellt, bekommt es ebenfalls interessante und spannende Antworten zu hören. Und: Ja, Jugendliche lesen durchaus (nicht alle, aber es lesen auch nicht alle Erwachsenen!). Nein, die Sprache geht nicht den Bach runter, sie verändert sich – genau so, wie sie sich immer verändert hat. Glauben Sie mir, Jugendliche haben von sehr viel eine Ahnung – nicht vom Gleichen wie Erwachsene, aber sie wissen nicht wenig(er). Und ja doch, sie wissen schon etwas über die Litertur. Sie mögen den Muschg nicht kennen, aber sie kennen andere. Und sie kennen – nebst einigen Klassikern – solche, die erwachsene Leser, die zu heftig in der „ernsthaften“ Literatur verhaftetet sind, nicht kennen. Fantasyautoren. Vampirromanautorinnen. Thrillerautoren. Liebesromanautorinnen …..

Um ein Beispiel zu geben: Da verglich doch gestern eine der 17-jährigen Zuhörerinnen – die übrigens selber auch schreibt – den „kleinen Prinzen“ mit einem Roman meines Alter Egos. Sprachlich und inhaltlich. Und das coole daran: Es ging um Literaturpreise. Denn: Einer der Zuhörer hatte gefragt, ob mein Alter Ego denn auch gerne einmal einen Literaturpreis gewinnen möchte. Mein Alter Ego stellte eine Gegenfrage: „Möchte jemand von euch keinen Preis gewinnen?“ Keine einzige Hand ging nach oben und auch die Hand meines Alter Egos blieb unten.

Womit wir definitiv wieder bei den Literaturpreisen sind. Ich finde sie gut. Sie stellen Bücher und Geschichten ins Scheinwerferlicht. Sie bringen Gewinner wie den Rolf Lappert hervor, der mir – obwohl ich sein Buch noch nicht gelesen habe – durch seine Art zu leben imponiert. Ich hätte ihm die Aufmerksamkeit gewünscht, die er verdient hat. Ich hätte den anderen Autoren auf der Shortlist ein wenig mehr Licht gewünscht, aber sie alle standen im Schatten jenes Autoren, dem es im letzten Moment eingefallen ist, dass so ein Preis ja nicht das Wahre sein kann, und der deshalb seinen Text in allerallerletzter Minute und sehr publikumswirksam zurückgezogen hat. Und deshalb erinnere ich Sie gerne noch einmal an diese Autoren:

Lukas Bärfuss, „Hundert Tage“
Anja Jardine, „Als der Mond vom Himmel fiel“
Peter Stamm, „Wir fliegen.“

Der Siegertitel von Rolf Lappert heisst „Nach Hause schwimmen“. Die Geschichte klingt verlockend und ich werde mir das Buch kaufen.

Mein Alter Ego ist übrigens nicht nach Hause geschwommen. Es hat die Bahn genommen.

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3 Antworten to “Nach Hause schwimmen”

  1. Thinkabout Says:

    Dein Alter Ego wird dafür hoffentlich weiter in Ideen schwimmen. Ich wünsche es Deinen jungen Lesern. Und den älteren sowieso. Und mir auch. Und wenn sie Dir ausgehen, die Ideen, oder sie Dir davon geschwommen sind, dann wünsche ich mir, dass ich Dir ein wenig die Zeit verkürzen kann beim Warten auf neue, beim Verwerten von scheinbar alten Eingebungen, die sich doch nicht erledigt haben.
    Du lebst Dein Schreiben. Und die Kids spüren das. Ich wäre gerne mal dabei!

  2. flashfrog Says:

    Ja, durch solche Literaturpreise (grosse, kleine und klitzekleine) entdecke ich regelmässig wunderbare neue Autoren, auf die ich sonst nie gekommen wäre, und die in den Best- und Fastseller-Regalen der Buchhandlungen keinen Platz finden.

  3. zappadong Says:

    Auch hier ein up-date: Ich lese das Buch gerade. Langsam. Portionenweise. Mit Genuss. Eine Sprache, in der man baden kann. Fantasie und Erzähllust ohne Ende. Figuren, die den Kopf bevölkern und darin bleiben. Eine Inspiration. Herrlich. Wunderbar. Empfehlenswert!

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