Die Welt verbessern

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Die Finanzkrise hat gezeigt, dass das Geld inzwischen so global agiert, dass solche Krisen schon lange nicht mehr national zu bewältigen sind.
Absehbar ist, dass wieder einmal viel geredet werden wird, und dann alles wieder genau so weitergeht wie bisher, weil diejenigen, die die Macht und das Geld haben, darüber zu entscheiden wie es weitergeht, logischerweise kein Interesse daran haben, dass sich etwas ändert.

Aber angenommen, wir könnten tatsächlich etwas ändern, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, was wäre das?

Zum Beispiel

– eine gerechtere Verteilung von Reichtum und Ressourcen in der Welt.
Da wird man jetzt schulterzuckend sagen: Da kann man eh nix machen.
Kann man nicht? Muss man nicht? Können wir uns zivilisiert nennen, während Millionen von Kindern verhungern, an verseuchtem Wasser sterben, an vermeidbaren Krankheiten, durch vergiftete Umwelt und durch Krieg und Terror? Werden die Menschen in späteren Zeiten sich nicht fragen, wie wir das so lange tolerieren konnten? So wie wir uns heute fragen, wieso die Menschen früherer Zeiten nichts gegen die Sklaverei in Amerika oder gegen die Massenermordung der Juden in Deutschland getan haben
Etwas zu verändern wird eine tiefgreifende Veränderung der globalen Zusammenhänge nötig machen.
Die Menschen, die von der derzeitigen Verteilung von Macht und Geld profitieren, werden sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen eine Umverteilung zu ihren Ungunsten zu wehren wissen. Man erwarte von Hedgefondsmanagern, Ölmilliardären, Rüstungslobbyisten und Diktatoren keine Einsicht. Aber oft ist ja das normale Volk klüger als diese Leute. Das stimmt mich mittelfristig zuversichtlich.

– Umwelt. Treffen die Voraussagen der überwiegenden Mehrheit der Klimaforscher ein, wird der Klimawandel in nicht allzu ferner Zukunft weitaus schlimmere Auswirkungen haben, als so eine niedliche kleine Bankenkrise. Das mag und kann sich heute noch gar niemand vorstellen. Wenn wir diese Prognosen aber ernst nehmen, müssen wir nicht nur drüber reden, sondern endlich wirklich was tun.

– Krieg. Wir müssen endlich dazu kommen, Krieg als legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer und wirtschaftlicher Interessen weltweit zu ächten und Menschen, die Kriege ausbrechen dort unterzubringen, wo sie hingehören: In einer geschlossenen Einrichtung mit geregelten Besuchszeiten.

– Religion. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Mehrheit der Menschen einsehen würde, dass Gott nicht Christ ist und nicht Muslim und nicht Atheist oder Anhänger irgendeiner Stammesreligion. Betrachtet man die Gottesvorstellungen der Geschichte der Menschheit in den letzten paar Zigtausend Jahren, drängt sich die Vermutung auf, dass unsere Religionen wahrscheinlich alle ungefähr gleich richtig oder gleich falsch sind. Dass ausgerechnet Klaus-Heinrich Obermüller im Besitz der alleinigen und unteilbaren Wahrheit sich befindet, erscheint mir auf diesem Hintergrund eher unwahrscheinlich. Lassen wir doch einfach andere Menschen so glauben wie sie wollen, ohne uns gleich gegenseitig zu morden deswegen.

– Kultur. Die Menschen sind von Natur aus ein bisschen geisteskrank. Sie neigen zu Übertreibungen und Zwangshandlungen.
Kultur ist toll.
Was die Menschheit alles an Sprachen, Künsten, Musiken, Schriften, Techniken, Lebensmitteln, Religionen, Werten, Regeln und Ritualen erfunden und tradiert hat, ist atemberaubend.
Gerade diese Vielfalt aber ist das, was sie so wertvoll macht. Bemühen wir uns doch bitte, nicht immer gleich zu werten, nicht immer das Eigene als allem anderen überlegen und wertvoller einzustufen und das Fremde gering zu schätzen oder als Bedrohung zu betrachten.

Versuchen wir doch lieber, ein bisschen was von einander zu lernen.

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23 Antworten to “Die Welt verbessern”

  1. uertner Says:

    @flashfrog
    Dieses Manifest tönt ja sehr gut, es könnte das Endeergebnis eines Konfirmandenlagers sein. Nur für eine ausgebildete Literaturwissenschaftlerin scheint es mir etwas gar naiv. Aber vielleicht spricht hier weniger die Wissenschaftlerin als die gewiefte Community-Managerin.
    Generell müsstest Du mir ausdeutschen, was die Wendungen bedeuten: „Dieses ganze System“, „schliesslich leben wir im 21. Jahrhundert“.
    Zum „System“: Wenn die SVP von der CVP und FDP als dem „Systemparteien“ spricht, dann springen die moralischen Sittenwächter nicht ganz zu Unrecht auf und monieren: Die Nazis waren ja auch gegen das „System“. Auch die 68er, die später entführten und mordeten, waren „gegen das System“.
    Zu „schliesslich leben wir im 21. Jahrhundert“: so what. Gewiss wir kommunizieren per handy und twitter, wir haben Massenvernichtungswaffen. Aber jeder Mensch beginnt in seiner moralischen Entwicklung in der Steinzeit. Die Idee des „Fortschritts“ ist nun mal eine von der jüdisch-christlichen Heilsgeschichte abgeleitete Vorstellung der Aufklärung. Wer also an einen „Fortschritt“ jenseits der rein technischen Machbarkeit glaubt, entlarvt sich schon als angehöriger eines jüdisch-christlich-abendländisch geprägten Weltbildes. Dem Buscheinwohner geht es am Arsch vorbei in welchem Jahrhundert er lebt. Die Juden leben in einem andern Jahrtausend als wir und die Muslime ebenfalls.
    Zum „Krieg“: wunderschöne Ansicht für das Poesie-Album, formuliert in Europa unter dem sicheren Schirm des amerikanischen Massenvernichtungspotentials. Ich habe gerade „Die rot-grünen Jahre“ von Joschka Fischer reingezogen. Da habt ihr einen grossen Staatsmann in Deutschland. Gerade Joschkas politisierung hat mir Schlägereien begonnen und hat ihn dann dazu geführt Deutschland in den ersten Krieg seiner Nachkriegsgeschichte zu führen: die Bombardierung der Serben. Bei der Abwicklung dieser Bombardierung waren die Amerikaner federführend. Europa, das vielgepriesene, schafft es nicht aus eigener Kraft in seiner unmittelbarsten Umgebung Gewalt zu unterbinden. Und wenn der grösste europäische Flächenstaat und die wichtigste Wirtschaftsmacht Europas, nämlich Deutschland, von einem Kanzler geführt wird, der angesichts der Wirtschaftskrise seinem Volk verkündet: „Wir warten bis Obama am Ruder ist“, dann zeigt mir dies, dass Deutschland noch nicht den Willen hat, in die Verantwortung einzutreten, die ihm durch Grösse und Wirtschaftsleistung zukommt. Da ich als Schweizer, Nachbar der Deutschen bin und auch „Europäer“, erfüllt mich das mit Sorge. Gerade das Projekt „Kriegsverbrecher einlochen“ erfordert die Bereitschaft auch selbst Gewalt anzuwenden, aber 80% der Deutschen, die ihre Demokratie dem Blut amerikanischer Soldaten zu danken haben, sind dagegen, Soldaten in den Hindukusch zu schicken.
    „eine gerechte Verteilung der Ressourcen“: nehmen wir das Wasser. Meine Kirche, die evangelische, setzt sich für den weltweiten gratiszugang zum Wasser ein. Vor diesem Hintergrund möchte ich hinweisen, dass es nun wirklich nicht ganz egal ist, welcher Religion man anhängt. Mir ist zum Beispiel noch nicht zu Ohren gekommen, dass muslimische Würdenträger ein ähnliches Ziel für die Welt propagiert hätten. Wohl aber habe ich gehört, dass sie Salman Rushdie ermorden wollen, zu „heiligen Kriegen“ aufrufen und von der Errichtung eines Sultanats in Europa als Langzeitperspektive träumen.
    „Kultur ist toll“: Diese Aussage würde ich noch einer jungen „Kulturmagarein“ durchgehen lassen, die dies verkündet, weil sie doch schliesslich etwas haben will, das sie „managen“ kann. Die „Kultur“ mit dem überhitzten Kunstmarkt, dem auf platten Provokationen basierenden Buchmarkt und den idiotischen Heilsversprechungen der Events ist zu einer Ersatzreligion, einem Opium fürs Volk verkommen. Es gibt weder eine akademische Kustkritik, die der Flut der Produktion noch irgendwie wertend und analysierend nacheilt, noch gibt es eine Kulturtheorie, die diesen Namen verdient. Die „Kulturreligion“ ist, das hat Damian Hirst sehr schön aufgezeigt, der neue Götze der Jetztzeit, die vermeintlich letzte sichere Kapitalanlage: Kapitalismus in perverser Reinkultur. Der mittelalterliche Reliquienhandel ist schier eine vernünftige Erscheinung im Vergleich dazu. Dass der Künstler sich als Retter der Menschheit verstand, als Seismograph, mag noch auf Schiller und seine Epigonen angewendet stimmen, mit heutige Kunstübung hat es nichts mehr zu tun. Es geht einfach darum, Stellen in einem aus dieser schillerschen Heilserwartung subventionierten Betrieb zu ergattern.
    Zum Relativismus bezüglich der Religionen: ich halte ihn für gefährlich, wenn er nicht aus dem – letzlich christlichen – Impetus entspringt, dass im Opfertod Christi die ganze Meschheit erlöst ist und es darum geht in der Nachfolge Christi Liebe zu üben, ohne dass wir durch unser Zutun Gnade erwerben können. Ich bewege mich hier auf dem hohen Niveau der Lessingschen Ringparabel, auf den höhen des Küngschen Weltethos. Aber gerade dieses Küngsche Weltethos rechnet mit Menschen, die in ihren jeweiligen Religionen verwurzelt sind. Mit aggressiven Atheisten ist leider kein küngsches „Weltethos“ möglich, weil sie den Monotheismus als Grundlage der lessingschen Ringparabel ablehnen. Diese militanten Atheisten wollen einen „Fortschritt“ erzielen indem sie den jüdischen-christlich-muslimischen Monotheismus stürzen wollen, dessen heilsgeschichliche Dimension, die Mutter des Fortschrittsglaubens ist.
    Ich erlaube mir darauf hinzuweisen, dass der etwa 1000 v. Chr. „erfundene“ Monotheismus eine sehr erfolgreiche Vorstellung war und ist. Weder der „Glaube an die Vernunft“ der französischen Revolution, noch der atheistische Glaube an „Fortschritt und den neuen sozialistischen Menschen“ der Sowjetunion, noch der wissenschaftlich begründete Glaube an die arische Herrenrasse haben sich als „erfolgreich“ erwiesen.

  2. Mara Says:

    @ uertner

    Sorry, aber ihr Statement trieft so sehr von christlich abendländischer Überheblichkeit, dass ich nicht weiss, ob es sich lohnt daraufhin eine Replik zu schreiben.
    Christliche Menschenliebe als Hort der Wahrheit, weil nur sie letzendlich zur Menschenliebe fähig ist? (Ressourcen, Nachfolge Christi..) Vielleicht die eine Seite der Medaillie. – Die andere Seite ist Kolonialismus, ungebremster Kapatalismus der keine Auszeiten und Nichtkonsumzeiten mehr kennt, Untertanmachung der Erde ohne ihr Respekt und Achtung zu zollen…

    Früher nannte man solche Ziele wie Frieden etc eine Utopie, bzw. eine Moral. Weit verbreiteter Fatalismus macht eine Forstellung wie eine lebbare Welt sein soll nicht zur Naivität, sondern zu einer Ausnahmeerscheinung.

    Und Joschko Fischer als politisches Talent mit staatsmännischer Weitsicht? Es fällt mir schwer in dem begnadeten Selbstdarsteller und Machtmensch nicht in erster Linie ein Produkt seiner selbst zu sehen. Wofür steht er noch? Für grüne Politik, wohl kaum. In erster Linie steht er für sich selbst und seinen eigenen persönlichen Weg, der ihm viel Ruhm und Ehre eingetragen hat. Aber inhaltlich?- da muss man sich wohl an seine Bücher halten und nicht an seine Taten. Es fallen mir andere deutsche PolitikerInnen ein, die mehr für inhalte und konseqzente Meinungen stehen als er, Leute die für diese Inhalte auch mal Ministerposten aufgeben können (man denke nur an die ehemalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger).

    Ihr vorletzter Absatz zeigt aus meiner Sicht die letzte Konsequenz dieser doch sehr einseitig christlichen Sicht auf die Welt?… Nein, gerade Küng lässt sich nicht darauf reduzieren, dass für eine Weltethik nur der „Erlösungsglaube“ der christlichen Religionen die Grundlage sein kann. Seine Vorstellung geht weiter und tiefer hinsichtlich eines gemeinsamen Projektes einer Ethik als sich nur auf seine eigenen Wurzeln zu berufen. Auch die christlichen Missionare haben es letztendlich nie geschafft diese Wurzeln und Geschichten im kollektiven Gedächtnis auszulöschen – der indische, der zentralafrikanische, der lateinamkerikanische christliche Glaube hat, wenn man näher hinschaut sehr wenig mit der europäischen Vorstellung von Erlösung und Heilserwartung gemein. Man möge fast sagen „Gott sei Dank“!

  3. zappadong Says:

    Was lächelt man doch immer über Menschen, die sich als grössten Wunsch den Weltfrieden wünschen. Weltfremd. Naiv. Dumm. Blöd. Keine Ahnung von gar nichts.

    Was, wenn ich an diesem Wunsch festhalte und mir der Text von Flashfrog gefällt? Sehr gut gefällt sogar?

    Nein, ich bin nicht naiv. Ich sehe die Realität. Aber der Wunsch, der ist da. Wider jede Vernunft. Nicht nur in der Weihnachtszeit. Ich würde sehr gerne an eine bessere Welt glauben.

    Ich bin übrigens Atheistin, lieber uertner. Danke, aber Sie müssen mir den Lessing nicht um die Ohren schlagen (ich musste seine Minna von Barnhelm lesen, damals, und das hat für eine lebenslange Abneigung gegen den Typen gereicht) – ich bin nicht militant. Als aggressiv würde ich mich auch nicht unbedingt bezeichnen und stürzen will ich schon gar nichts. Ich wünsche mir ein friedlicheres Zusammenleben, in dem jeder die Religion oder Nichtreligion des anderen akzeptiert. Ja, und wenn es sein dürfte, den Weltfrieden. Und sonst mindestens etwas weniger aggressive Töne hier in der Beiz.

    Abschliessend erlaube ich mir die Bemerkung, dass ganze viele Kriege im Namen irgendeines Gottes geführt und gerechtfertigt worden sind.

  4. uertner Says:

    @Zappadong
    Natürlich haben Sie in Ihrer pragmatiscen Mütterlichkeit absolut recht. Und es freut mich, dass auch „Atheisten“ die Weihnachtszeit spüren. Zur „aggresivität“: dazu sind doch Diskussionen da, um Standpunkte herauszustreichen und Widersprüche sichtbar zu machen, voneinander zu lernen. Dies war nicht zuletzt auch der Antrieb Lessings.

    @Mara
    Ja, sehr schön. Gerade im Hinblick auf unser Verhältnis zu Südamerika ist es doch hilfreich, dass wir uns nun dort mit eigenwilligen Christen unterhalten können – Sie werden zu Recht auf die brutale Kolonialgeschichte hinweisen. Aber dies ist doch schon ein Fortschritt, wir haben eine gemeinsame Wertebasis und in der „Befreiungsthelogie“ haben uns die südamerikanischen Mitchristen sogar ganz Neues an unserer gemeinsamen Tradition aufgezeigt. Es ist doch wohl gar nicht so schlecht, dieses „Christentum“.

  5. zappadong Says:

    @uertner. Okay, ich habe nicht Geschichte studiert. Aber: Haben wir den Südamerikanern das Christentum nicht regelrecht aufgedrückt (soviel ich weiss glaubten die Leute dort früher auch an etwas)? Wo ist denn da der Fortschritt, wenn wir uns nun mit eigenwilligen Christen unterhalten können? Man könnte sich doch auch mit eigenwilligen Irgendwasgläubigen recht gut unterhalten (ausser man geht von der Annahme aus, dass sie uns essen wollen, wenn wir auf ein nettes Plauderstündchen vorbeikommen).

    Nun, passiert ist passiert, und Sie und andere Christen haben dank der Kolonialisierung südamerikanische Mitchristen – während ich „nur“ südamerikanische Mitmenschen habe.

    Auf die Gefahr hin, dass die Diskussion ausufern könnte: Was ist denn so gut an diesem Christentum, das immer mal wieder eine Lizenz zum Töten war?

  6. Mara Says:

    @ uertner

    Das war jetzt nicht als Antwort auf mein Statement gedacht oder? Eigenwillige Christen? Klingt ein wenig wie nach kleinen Kindern die noch erzogen werden müssen. Also wenn ein bekennender europäischer Christ Befreiungstheologie in Anführungszeichen setzt und von gemeinsamen Tradiition spricht, dann hat das sehr viel mit Kolonialsmus und Europazentriertheit zu tun. – und leider sehr wenig damit, auf die Geschichte, deren Mythen und dem Jetzt einen Blick zu werfen.

  7. Mara Says:

    @ zappadong

    Aber die die in Südamerika abgeschlachtet wurden, wurden doch vorher getauft und kamen so in den Himmel, also alles halb so schlimm..:-)

    PS: Ironiemodus aus, eigentlich ist das Thema zu ernst um darüber so zu diskutieren.

  8. Mara Says:

    Apropo Fischer, manchmal tut es gut, dass nicht nur ich meiner Meinung bin:
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,597205,00.html

  9. zappadong Says:

    Ja, das Thema ist tatsächlich zu ernst: Gebrochen, ausgenutzt, ausgebeutet, abgeschlachtet, unterdrückt, mit Krankheiten angesteckt, an denen unzählige Menschen starben …

    Um nochmals auf das Grundthema zurückzukommen (Die Welt verbessern). Vielleicht ist es Zufall, vielleicht auch nicht: Kurz vor dem Mittag hatte ich ein Telefongespräch mit jemandem, der nichts von diesem Forum weiss und sich nichts sehnlicher wünscht als … na raten Sie mal. Ja: Diesen utopischen Weltfrieden oder – weil es das nicht gibt – eine Welt, die etwas besser ist als die, in der wir gerade leben.

    Nun kann man sehr intelligent die Lage analysieren und lang und breit erklären, warum das halt nun „wills Gott“ (der Ausdruck ist bewusst gewählt) nicht geht, oder pragmatisch mütterlich (Gruss an den Herrn uertner) wenigstens in Kleinstschritten darauf hin arbeiten zu versuchen.

    Vielleicht sollte man sich einfach einmal auf diese Diskussion einlassen ohne gleich in der ersten Runde im Religionssumpf zu ersticken.

  10. uertner Says:

    @Mara
    Sehe nicht, was hier gegen Fischer sprechen sollte. Geheimdienste gehören nun mal zum dreckigen Geschäft der Politik. Deutschland kann nicht als drittgrösste Industrienation und grösster EU-Staat immer warten: „bis Obama was beschliesst“ (Zitat Frau Merkel). Dieses unter amerikanischem Schutz ständig an amerikanischer Politik herumkritteln mit dem moralischen Zeigefinger dünkt mich einfach etwas konfirmandenhaft.
    Und gerade die „Obamania“ zeigt ja, welche Hoffnungen über die christliche Botschaft gebündelt werden können.
    @Zappadong
    Dass das Christentum – gerade von Deutschen 1914 – stark missbraucht wurde, wird niemand bezweifeln. Einer, der entsetzt von kanonensegnenden Theologieprofessoren, sich neuen theologischen Ufern zuwandte, war Karl Barth. Man muss nun nicht Christ sein, aber mich beeindruckt sein Leben sehr. Er hat übrigens auch Theologen wie Hans Küng inspiriert.
    http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/der-james-bond-der-theologie/
    Ich möchte weiss Gott niemand bekehren, als Historiker ist es mir ein Anliegen das Niveau der Diskussion über das Christentum wenigstens auf das Niveau zu heben, das heute für den Islam als selbstverständlich gilt.

  11. uertner Says:

    @Mara
    Vor dem Vergasen wurden die Juden weder getauft, noch „arisch gemacht“, sie wurden als Untermenschen abqualifiziert. Solches ist nun schlicht auch mit den grässlichsten Massakern die im Namen des „Christentums“ gemacht wurden nicht mehr vergleichbar, dies hat nun eine ganz andere Qualität. Ausserdem ist das christliche Abendland die Wiege aller Werte, die Sie so mit Inbrunst vertreten: ich hoffe das wenigstens: Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat.
    Und was das „Tätscheln“ auf den Kopf anbetrifft, so fühle ich mich oft, wenn ich Ihre Repliken lese. Ich bin nichts als ein armer Sünder, ich plädiere schlicht dafür, die Diskussion über die christliche Tradition mit der Differenzierung zu führen, die nun allerorts für den Umgang mit dem Islam Standard geworden ist.

  12. Mara Says:

    @ uertner

    Bitte vergessen Sie nicht, wir waren bei Lateinamerika – und da fanden durch die Spanier vor den Massakern auch Massentaufen statt.

    By the way, Menschenrechte hat die Aufklärung gebracht, nicht die Kirche (die in manchen Gruppen sowas weiterhin noch nicht kennt). Und ich würde sagen, sie wurde trotz Kirche verbreitet. Erst Kant wurde erstmals auch von christilchen Theologen rezipiert.
    By the other way, auch Europa besteht nicht nur aus Christen. Wie sie ja schon oben schrieben, leider vor 1939 noch viel mehr.

    Ich bitte doch weiterhin mit Fakten zu arbeiten und nicht nur mit Thesen.

  13. flashfrog Says:

    Seltsam, dass man immer gleich das Etikett „naiv“ auf die Stirn gepappt bekommt, wenn man über Gerechtigkeit, Frieden, Toleranz und Bewahrung der Lebensgrundlagen redet.
    Jesus war dann mit Sicherheit auch saumässig naiv.

    Und was sind dann eigentlich Leute, die glauben, andere Länder in die Demokratie bomben zu können? Die ausschliesslich sich selber im Besitz der Wahrheit glauben und alle Andersdenkenden für verblendete Idioten halten?

    Mit dem „System“ meine ich das System des globalen Kapitalflusses und der globalen Machtverhältnisse, die zum Grossteil noch in der Zeit des Kolonialismus begründet sind und eine kulturelle, finanzielle und militärische Hegemonie der westeuropäischen und nordamerikanischen Länder zur Folge haben.
    Dieses wird sich in absehbarer Zeit ändern.
    Und genau das macht vielen, die von der bisherigen Verteilung profitieren, Angst.

    Davor, dass die Menschen immer wieder bei Null anfangen müssten, bewahrt uns die Kultur mit ihren tradieren Techniken, Werten und Regeln. Nicht erst seit der Aufklärung und keineswegs nur im Juden-und-Christentum.

    @uertner: Was du meinst, ist die Kommerzialisierung bestimmter Teilbereiche der Kultur. Kultur beinhaltet aber alles, was die Menschheit an Kulturtechniken und Regeln menschlichen Umgangs mit einander und mit ihrer Umwelt erfunden hat, erstmal ganz ohne Wertung.
    Dazu gehören z.B. auch die ägyptischen, griechischen und römischen Wurzeln und die islamischen Einflüsse auf das sog. christliche Abendland ebenso wie chinesisches Porzellan und afrikanischer oder südamerikanischer Kakao in Schweizer Schokolade.
    Zugang zu sauberem Wasser für alle ist eine prima Sache. Aber auch sauberes Wasser ist kein exklusiv schweizerisch-protestantisches Anliegen. Mir scheint dein Blickfeld manchmal merkwürdig eingeschränkt. Und deine nachgeplapperten dümmlich-verallgemeinernden Aussagen zum Islam sind eines intelligenten Schweizers wie dir nun wirklich nicht würdig.

    >> „dazu sind doch Diskussionen da, um Standpunkte herauszustreichen und Widersprüche sichtbar zu machen, voneinander zu lernen.“

    Sehr einverstanden, wie oben bereits gesagt. Das beinhaltet aber auch, dass man respektvoll und höflich mit einander umgeht, auch wenn sich der Standpunkt des anderen von dem eigenen unterscheidet. Wer nur versucht, andere auf Teufel komm raus zu den eigenen Ansichten zu bekehren, lernt nix dazu.

  14. uertner Says:

    @Mara
    Ich will Ihnen Ihren lieben Pappkameraden „Christentum“ nicht wegnehmen: nur weiterhin undifferenziert drauflosdreschen. Nur soweit möcht ich noch das Verhältnis zwischen Christentum und Aufklärung klären. Als Protestant ist mir daran gelegen in Erinnerung zu rufen, dass die Reformation, welche gerade in Deutschland als „Auszug der Kirche aus der babylonischen Gefangenschaft“ der Papstkirche gefeiert wurde, wohl der entscheidendere Umbruch war als die „Aufklärung“. In der Reformation integrierte die reformierte Kirche die Errungenschaften des Humanismus. Ziel der Protestanten war die Rückkehr zum urchristlichen Zustand der Kirche (ohen Heiligenverehrung, ohne Reliquien, ohne Hierarchie, ohne Papst mit entsprechenden Dogmen).
    Als Land der Aufklärung gilt ja bekanntlich Frankreich. Hier fand die Reformation keine staatliche Anerkennung. Die Könige Frankreichs gründeten ihre Herrschaft auf das absolutistische katholische Gottesgnadentum und ihren Titel als „allerchristlichste Könige“ des Abendlandes. Gerade in Kreisen der Hugenotten wurden aufklärerische Gedanken vorbereitet. Der französische Rationalismus entspringt ja dem Bedürfnis jenseits des Gezänks der Konfessionen Gewissheiten zu finden (Descartes). Voltaire, nun kämpfte gegen die Kirche, die ihm im Wege stand: der katholischen. Zu seiner Zeit waren ja die Hugenotten aus Frankreich vertrieben worden und wurden von den Preussenkönigen als Refugianten angesiedelt.
    Noch deutlicher sind die Verbindungen der „schottischen Aufklärung“ zum Calvinismus. John Knox führte bekanntlich 1560 in Schottland den Calvinistischen Covenant (Bund) ein. Auf dem Humus dieser religiös-moralischen Bildung erwuchs dann ein paar Generationen später die „schottische Aufklärung“ die mit ihrem Forschergeist die Welt nachhaltig veränderte. Aus der Idee des Covenant, wuchs der brititsche „Commonwealth“ aus dem grossen Vertrauen in den Calvinismus wurde 1920 Genf, Calvins Stadt zum Sitz der „Vereinten Nationen“, die auf den 14 Punkten von Wodrow Wilson basierend gegründet wurden. Die Reformation, mit ihrem Ausbruch aus dem Hierarchischen Denken des Katholizismus war also der grosse Aufbruch, der es nun ermöglicht, dass in New York sich nun die UN treffen, in der grossartigen Utopie, das jedes Volk eine Stimme habe, wie jedes Gemeindeglied in der Christengemeinde eine Stimme hat und wie jede Gemeinde einen Abgeordneten an die Kirchensynode entsendet. Das „älteste Parlament Italiens“ war die Kirchensynode der Waldenser, die noch heute jedes Jahr im August in Torre Pellice stattfindet. Dies wird uns in den Schulen als grosse Errungenschaft der „Aufklärung“ verkauft, in Wahrheit war es eine Errungenschaft des presbyterianisch verfassten Calvinismus.
    Aber natürlich dürfen Sie weiterhin mit der Gleichung leben: Christentum = spanische Inquisition = gleich „finsteres Mittelalter“ = Fundamentalismus = Gefährlich, schädlich, auszurotten.
    Allein schon Kants Definition der Aufklärung als „Auszug aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ folgt dem Muster der grossen Aufbrüche der biblischen Tradition: Aufbruch aus dem Götzenglauben (in Ur), Auszug aus Ägypten, Auszug aus der babylonischen Gefangenschaft (die nach den Worten der Propheten „selbstverschuldet“ war).
    Dass die ganze Idee des „Fortschritts“ eine jüdisch-christliche ist, habe ich schon eingehend dargestellt.
    Die Botschaft der Bibel ist eine Botschaft der Freiheit und jede Generation ist aufgefordert, diese Botschaft von neuem durch ihr Leben zu interpretieren (Gerade auch die Utopie von der Herabkunft des „Reiches Gottes“). Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist als Vorstellung älter als die „Menschenrechte“ und letztere wurden nicht in China, nicht in Indien und nicht in Russland formuliert, auch nicht in katholischen Territorien, sondern in Gesellschaften in denen die freie Verkündigung des Evangeliums schon ein paar Generationen geübt wurde: meist in calvinistischen Gegenden.
    Die wirklich grossen Katastrophen des 20. Jahrhunderts kann man nun wirklich nicht dem „Christentum“ anlasten. Adorno zeigte ja eindrücklich in der „Dialektik der Aufklärung“ wie vom Glauben an die Vernunft eine direkte Linien in die Verbrennunsöfen von Ausschwitz führt.
    Aber ich verstehe: die Denkfigur: Christentum ist alt ist verstaubt, wurde „missbraucht“ ist erledigt ist derzeit beliebt und einfach.
    Nur wenn man mittlerweile bei den Muslimen differenziert zwischen skularem, modernen, fundamentalistischen, schiitischem und sunnitischem, etc. pp. bitte ich einfach „das Christentum“, diesen beliebten Pappkameraden der Vulgäraufklärer, doch bitte ähnlich differenziert ins Auge zu fassen.

  15. uertner Says:

    @Zappadong
    Die unglaubliche Errungenschaft des Christentums ist wohl: Gott wird Mensch. Er ist zwar der „ganz andere“ ist aber Mensch geworden und hat sich als Sündenbock der menschlichen Aggresivität gestellt. Damit sind keine Tieropfer mehr nötig. Ich möchte nur daran erinnern, dass die orthodoxen Juden durch das Schächten dem Tier eine Leidenszeit von bis zu 28 Sekunden zumuten, der christliche Metzger aber den Auftrag hat das Tier möglichst schmerzfrei zu töten. Ich persönlich habe nichts gegen ein ritualisiertes Leiden, das einem Tier zugemutet wird, auch spanische Tierkämpfe können darunter gerechnet werden. Allein, Zappadong, Sie wissen es das Tierschutzgesetz der Schweiz verbietet es. Darum finde ich es sehr heuchlerisch auf Leute einzudreschen, welche Minarette verbieten wollen (aus Gründen, die zu diskutieren wären) und gleichzeitig den Juden und Moslems unter dem Titel des „Tierschutzes“ den zentralen Ritus ihrer Religionspraxis: das Metzgen verbieten wollen.
    Eine weitere Errungenschaft des Christentums: Gott ist nicht einfach einer, sondern auf mysteriöse Weise drei: Vater – Sohn – Heiliger Geist. Gott ist somit Kommunikation.
    Gott ist männlich und weiblich, da er ab zu gebärt, und ab und an zeugt.
    Gott ist das „Fremde“ für uns unfassbare. Das Christentum gibt der Menschheit ein Modell, um alle Menschen ungeachtet ob Heiden oder Juden einzuschliessen.
    Insofern stellt das Christentum gegenüber dem Judentum, das eine völkische Stammesreligion ist. Einen Fortschritt dar. Christ kann man auch als Chinese, Inder oder Afrikaner werden, Jude nicht im selben Ausmass.
    Als beste „Religionssoftware“ für eine friedliche Zivilgesellschaft wurde das Christentum nach langen Verfolgungen vom römischen Kaiser als Staatsreligion angenommen. Auch die nachrückenden Germanen übernahmen es. Und eben die „Aufklärung“ hat vielleicht nicht ganz zufällig in christlichen Gesellschaften stattgefunden.

  16. Thinkabout Says:

    „Die Botschaft der Bibel ist eine Botschaft der Freiheit und jede Generation ist aufgefordert, diese Botschaft von neuem durch ihr Leben zu interpretieren“. (Uertner)
    Dass die Generationen regelmässig daran scheitern, spricht nicht gegen die Botschaft. Es könnte aber an ähnlichen Gründen liegen, die uns hier alle sich in theoretischen Diskussionen aufreiben lässt, ständig neue Kampfplätze eröffnend, bis jeder und jede gute Gründe genug hat, nur noch reflexartig aber kaum mehr reflektiv zu antworten. Was Not täte, wäre mal hinzuhören, die Lehren auf ihre innere Wahrheit und Weisheit zu prüfen und nicht danach zu beurteilen, was Menschen daraus machten.

    Dass @Zappadong mit der Minna der Lessing ausgetrieben wurde, verursacht mir echte Schmerzen. Du solltest seinen Nathan wirklich lesen, liebe Zappi. Und dann gleich Andorra von Max Frisch. Beide Stücke scheinen mir unverzichtbar, gerade, weil sie ihre Grundaussagen nicht in theoretischen Exkursen erläutern, sondern in einer durchaus einfachen Botschaft. Es liegt eine Demut vor dem Leben in den Stücken, vor dem, was wir alle wissen können, wenn wir nur willens sind, ehrlich zu sein, auch zu uns selbst.

    @flashfrog:
    Auf den Artikel komme ich vielleicht später noch zu schreiben. Im Moment bleibe ich beim Rückwärts-nach-oben-lesen an Deinem Kommentar an Uertner hängen, in dem Du schreibst:

    „Und deine nachgeplapperten dümmlich-verallgemeinernden Aussagen zum Islam sind eines intelligenten Schweizers wie dir nun wirklich nicht würdig.“
    und kurz danach:
    „dass man respektvoll und höflich mit einander umgeht, auch wenn sich der Standpunkt des anderen von dem eigenen unterscheidet.“

    Nicht wahr: Die Anwendungs- und Beurteilungskriterien für diese wertvollen Vorsätze anzuwenden, ist nicht immer ganz einfach.

    Wir sollten uns vielleicht einmal darin wetteifernd messen, Polemiken tatsächlich mit Sachlichkeit zu entschärfen… Das kann nämlich auch ganz äzend suffisant wirken – und ist dabei dennoch nicht jenseits jeden Respekts.

  17. zappadong Says:

    Lieber thinkabout

    Ich bin den Nathan googeln gegangen und habe festgestellt: Ich HABE ihn gelesen (wie Andorra übrigens auch). Und ich habe mich nachträglich auch erinnert, dass wir die Ringparabel von vorne nach hinten und von hinten nach vorne seziert und interpretiert haben. Ich fürchte, geblieben ist davon nichts, was wohl daran liegt, dass mir in meiner Ausbildung das Lesen gründlich ausgetrieben worden ist. Es war eine elend langweilige Pflichtübung, mit den üblichen Zusammenfassungen, Interpretationen und dem ewig gleichen Lektionsablauf. Noch heute schüttelt es mich bei den Gedanken an diese grässlichen gelben Reclam Büchlein. Witzigerweise mochte ich den Lehrer aber sehr … was eher daran lag, dass er sich als Klassenlehrer für uns schwierigen Haufen sehr eingesetzt hat (trotz unserer Motzerei im Unterricht) und uns mehr als einmal den Allerwertesten gerettet hat.

    Nach der abschliessenden Deutschprüfung (25 Werke von Minnesang bis zeitgenössisch in die Rübe gepresst, nebst vielem anderen, das auch gelernt sein wollte) hatte ich dann definitiv genug. Es war so extrem, dass ich ein paar Jahre lang praktisch keine Bücher mehr gelesen habe.

    Ich fürchte, die Abneigung gegenüber Klassikern, ja sogar generell dem, was so unter „literarisch wertvoll“ fällt, ist an mir haften geblieben. Heute taste ich mich langsam und vorsichtig an zeitgenössische Literatur heran, wobei ich sehr vieles weglegen muss, weil es mich schlicht und einfach nicht anspricht.

    Einer allerdings, der ist mir vom Deutschunterricht her geblieben: Der Wolfgang Borchert. Seine Texte haben mich zerrissen. Ich habe ihn in jener Zeit gelesen, als ich auf der Suche nach Gott war. Nach „Draussen vor der Tür“ hörte ich auf zu suchen. Und wollte auch nicht unbedingt von ihm gefunden werden. Womit wir schon fast wieder beim Thema wären 🙂

  18. Frau Müller Says:

    @ Uertner: Sie schreiben: «Ausserdem ist das christliche Abendland die Wiege aller Werte ….: Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat.»

    Der christliche Segen bewirkte viel Wunderbares und viel Grauenhaftes. Dass die Ideen der Menschenwürde und der Menschenrechte aber christliche Wurzeln hätten, ist ein Märchen.

    Die Idee der Humanita stammt aus der Stoa, und die Figur des aufrechten Ganges des Menschen vor Gott ist ein jüdisches Erbe. Diese jüdische Überzeugung trifft der ganze Hass und die ganze Verachtung des Neuen Testaments. Der Missionsbefehl im Christentum steht dem humanistischen Respekt vor dem natürlichen Menschen von allem Anfang an entgegen. Menschenwürde und Menschenrechte existieren im Christentum nur für Glaubende als von Gott Begnadigte. Wer dazugehört, darüber entscheidet die Kirche: «Extra ecclesiam nulla salus.» So ist es kein Zufall, dass seit je für die Christen die Heiden bis zu ihrer Taufe keine Menschen waren und auch nicht so behandelt werden mussten und die Judenmission bis heute gerechtfertigt wird.

    Dass ständig auf die Verdienste des Christentums für die Ideen der Menschenwürde und Menschenrechte verwiesen wird, ist in Wahrheit bittere Ironie: Das jüdische und stoische Erbe musste der christlichen Tradition stets erneut abgetrotzt werden.

  19. Mara Says:

    @ Frau Müller

    Dem muss wahrlich nichts mehr hinzugefügt werden…danke..:-)

  20. flashfrog Says:

    *seufz*
    Ja, ungefähr das wollte ich in dem Blogpost da oben ausdrücken: dass diese „Meine-Religion-ist-besser-als-deine“-Diskussion nirgendwo hinführt.

  21. Thinkabout Says:

    Und was, frage ich, haben wir an diesem Punkt der Diskussion gewonnen?
    Flashfrog schreibt im Artikel:
    „Etwas zu verändern wird eine tiefgreifende Veränderung der globalen Zusammenhänge nötig machen.“
    Genau so diskutieren wir hier: Wo kommen die Menschenrechte her? Auf welcher Fahne standen sie zuerst? Wirklich jucken aber lassen wir uns alle nicht wirklich. Wir diskutieren über die global zu verändernden Zusammenhänge – und delegieren damit das Problem aus dem eigenen Haus. Wo bitte ist der Artikel, der sich einmal damit beschäftigt, was der einzelne, an seinem Platz bewirken kann.
    Nur immer darüber fabulieren, dass dies die Mächtigen nicht kümmert – DAS ist der Grund, dass wir allenfalls später gefragt werden: wie konntet Ihr nur?

  22. uertner Says:

    @flashfrog
    Es soll jeder seine Religion oder nicht-Religion in Ehren halten, wie er will. Nur
    1. Scheint mir der absolute Gegensatz: Aufklärung vs. Religion, so wie er hier in einigen Köpfen vorhanden zu sein scheint schlicht falsch und schädlich. Ich glaube nicht an das „postreligiöse Zeitalter“ gerade die Euphorie um Obama hat dies gezeigt.
    2. Wenn wir „die Welt verbessern“ wollen, dann lohnt es sich bestehende Traditionen aufzugreifen und positiv zu verstärken. Halt jeder in seiner Religion oder Nicht-Religion.
    3. Als Familienvater bin ich nicht mehr im Alter wo man sich ständig in Lichterketten einreiht oder fromme Lieder singt. Für die Gründung einer „Neureligion“ bin ich nicht zu haben. Lieber erinnere ich die Menschen daran, wieviel Blut fliessen musste, bis etwa die Tradition, der ich mich zugehörig fühle auf den heutigen Stand gekommen ist.
    4. Ich erachte meine Tradition für einen guten Ort, von dem aus ich Kritik und Satire üben kann.
    5. Zur Sozialpsychologie von „Jugendbewegungen“ habe ich mich mal im Nebelspalter geäussert. thinkabout kennt den Text. Da ich nun mal im Christentum gross geworden bin, und darin noch manche Entdeckung zu machen hoffe, bevor ich sterbe, versuche ich nur diejenigen davon abzuhalten es niederzureissen, die es für „veraltet“ halten. Der Beamte in Chartres, der den aufgebrachten Mob während der Französischen Revolution davon abhielt die Kathedrale in Schutt zu legen, war ein grosser Mann. Er sagte den Leuten nur: „Natürlich könnt ihr den ganzen Bau niederpickeln: nur stellt euch vor wie lange ihr arbeiten müsst um den Schutt fortzuschaffen.“ Die Leute, die begonnen hatten die Statuen zu zerschlagen, liessen von ihrem Vorhaben ab. Und einzig diese Rede tue ich auch: Freude, das mit der „Aufklärung“ mit dem „Rechtsstaat“ sind schone Utopien, sie widersprechen nicht dem Protestantismus, im Gegenteil er hat sie hervorgebracht. „Kreative Traditionsaneignung“ war nicht nur im Sinne von Moses Mendelsohn, sondern auch von Lessing. Einzig Baruch Spinoza war ein wunderlicher Kauz: ausgeschlossen von seiner Judengemeinde, überlebte er dank der toleranten Atmosphäre der Calvinistischen Niederlande. Seine Ideen wurden dann von Goethe im „Werther“ gross wiederentdeckt (keine gute Referenz) und führten über deutschen Idealismus und Romantik in die arischen Verbrennungsöfen von Ausschwitz. Spinozas Gesellschaftlehre war brutal „neoliberal“.
    @thinkabout
    Ich werde jetzt schon gefragt: wie konntest du nur Zeit fürs bloggen verbraten? Es ist eine Sucht.

  23. flashfrog Says:

    @Thinkabout: Es fängt in den Köpfen an. In jedem einzelnen Kopf.
    Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie zappadong: Meine Mutter war als Politikerin sehr engagiert in der Verbesserung im Kleinen und Mittelgrossen. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der am Abendbrotstisch häufig politisiert wurde. Ich habe schon als Kind an Infoständen Luftballons aufgepustet, Fähnchen verteilt, Unterschriften gesammelt (manchmal sogar erfolgreich).
    Es sind immer nur wenige, die sich wirklich engagieren. Die Mansolltedochs und Manmüssteeigentlichs sind immer in der Mehrheit. Aber manchmal genügt ein einzelner Anstoss, um den einen oder anderen in dieser Mehrheit in Bewegung zu bringen, der dann wiederum…

    Jeder Blog ist eine Stimme. Manche von uns schreiben Artikel in Zeitungen oder Bücher. Manche engagieren sich politisch oder in einer religiösen Gemeinde. Jeder von uns kann etwas tun, um die Welt in den Köpfen zum Besseren umzubauen.

    @uertner:
    >> „1. Scheint mir der absolute Gegensatz: Aufklärung vs. Religion, so wie er hier in einigen Köpfen vorhanden zu sein scheint“

    Ich glaube, so pauschal wie du es hier unterstellst, denkt hier niemand.

    >> „2. Wenn wir “die Welt verbessern” wollen, dann lohnt es sich bestehende Traditionen aufzugreifen und positiv zu verstärken. Halt jeder in seiner Religion oder Nicht-Religion.“

    Einverstanden. Nur sollten wir uns bemühen, auch nicht zu stark an Traditionen zu kleben. Eine Traditoin ist nicht allein deswegen schon gut und sinnvoll, nur weil „wir es immer schon so gemacht haben“. Möglicherweise gibt es inzwischen eine bessere Alternative. Unter Umständen ist es befreiend, sich von manchen alten Verkrustungen zu lösen. Es steht uns frei, neue Traditionen zu erfinden und zu etablieren.
    Auch die christlich-protestantische Religion ist ein „Work-in-Progress“. Auch sie hat sich seit Luthers Zeiten sehr verändert. Und sie wird sich weiter verändern. Das sollte uns keine Angst machen. (Ich bin nicht nur sozialdomokratisch, sondern auch protestantisch aufgewachsen. )

    Mir erscheint als das Grundproblem, dass wir westeuropäischen Menschen unsere Vormachtstelllung in der Welt immer noch als ein uns selbstverständlich zustehendes Privileg betrachten.

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