Sind die Schweizer ein Volk von Dummköpfen?

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Einen unbedingt lesenswerten Artikel hat der Bugsierer im Medienspiegel gefunden.

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27 Antworten to “Sind die Schweizer ein Volk von Dummköpfen?”

  1. uertner Says:

    Dieser Artikel ist als Generalabrechung lesenswert. Mir kommt nun nur Jürg Hader – ein Österreicher – in den Sinn, einer der vielleicht besten deutschsprachigen Kabarettisten der Jetztzeit. Ich habe nur seinen kurzen Auftritt bei Giacobbo/Müller gesehen: wo er sich gegen die Erwartung des Publikums wehrt, zu wissen wer nun der Schuldige am Schlamassel sei. Wenn es die Politiker, die Ökonomen, die Theologen, die Journalisten nicht mehr wissen, dann erwartet das Publikum dies vom Kabarettisten. Aber Hader meint: auch er wisse es nicht. Mir scheint dies ist ein Anfang von Ehrlichkeit.
    Da wir hier gerade in der „Deutschen/Schweizer-Debatte“ führen. Ich bedanke mich natürlich für den germanischen Intelligenz-Import, der die Frage in Formulierung kleidet „Sind die Schweizer ein Volk von Dummköpfen?“. Wenn das ein Deutscher so sagt, dann beuge ich mich dieser präziseren Einsicht aus dem „grossen Kanton“. Ich fürchte nun allerdings, dass dieser zweifellos scharfsichtige Deutsche aus dieser in eine Frage gekleideten Erkenntnis nicht den Schluss zieht, seine Intelligenz zur Verbesserung der Lage seiner Deutschen Volksgenossen in Anschlag zu bringen – dort wird ja seine Intelligenz zu wenig pekuniär entlöhnt -, sondern, dass er – da er nun in der Schweiz ist und „Fränkli“ verdient – sich berufen fühlt, die Schweizer nicht nur über deren Dummheit aufzuklären, sondern auch – stets eingedenk der Deutschen Geschichte in Europa – mit Verbesserungsvorschlägen nicht hinter dem Berg zu halten. Nur zu MacZürich! Gerade dieser deutsche Idealismus in der Verbreitung bombensicherer Gewissheiten hat uns in der Schweiz schon immer begeistert.

  2. Mara Says:

    @uertner

    Wieviele Generationen muss man in der Schweiz leben um sie kritisieren zu dürfen? Und wieviele Ausländer sonstiger Gattung darf man noch in seinem Stammbaum haben, um auch dieses Privileg nicht wieder zu verlieren? Allein Ressentiments gegen Deutsche (auch zu ersetzten durch Muslime, Juden, Farbig…) auszubreiten und zu schüren – ohne inhaltiche Punkte auch nur zu streifen – finde ich unangebracht und einer Diskussion hier unwürdig.

    Ich würde mich freuen, wenn Sie in Zukunft in ihrer ohne Zweifel unterhaltsamen Schreibe stärker zwischen Satire und Ernst trennen (auch räumlich).

  3. uertner Says:

    @Mara
    Nun, leider ist es den wenigsten Menschen vergönnt „mehrere Generationen“ in der Schweiz zu leben. Ich habe übrigens bemerken müssen, dass auch die Deutschen sich nicht nur begeistert zeigen, wenn man sie als Schweizer kritisiert, wofür ich allerdings ein grosses Verständnis aufbringe.
    Liebe Mara, wo wir uns wohl nicht einig werden: Ich bin für Mythen (als in Sprache geronnene Archetypen der Menschheit), Sie hingegen sind für Utopien (als ausserhalb von Raum und Zeit angesiedelte Wunschträume). Ich meine dass man seine eigene Kultur nie gut genug kennen kann, um auf andere selbstbewusst zuzugehen, Sie sind der Ansicht, dass wir aus einer Scheissvergangenheit stammen (hinsichtlich der Deutschen Geschichte, neige ich sogar dazu ihnen zuzustimmen, aber auch dort gab es mutige Christen, kämpferische Kommunisten, stramme adlige mit einem Alteuropäischen Wertekodex, die es wenigstens versuchten der Hitlerei zu widerstehen) wir uns also mit unserer gescheiterten Kultur nicht mehr zu beschäftigen haben, sondern uns auf eine wolkige „Utopie“ hinmarschieren sollen.
    Nun weiss ich, …….(Passage gelöscht).,…, wie Macht ausgespielt wird, wie schwach unser hochkomplexes Rechtsspiel ist, wenn des darum geht, „Gerechtigkeit“ herzustellen. . Als Satiriker bin ich Moralist. Darum geht es der Satire ja auch: der Überprüfung von Werten vor dem Tribunal des Lachens.
    Was ich aus Ihren Äusserungen nicht entnehmen kann, ist eine klare Grundierung Ihrer Position. Die habe ich bei Joschka gefunden. Joschka steht hin und sagt: Als Deutscher, eingedenk der Schuld, die sich Deutschland aufgeladen hat, mit dem Ziel des ökoligischen Umbaus der Gesellschaft habe ich für Europa und Deutschland Verantwortung übernommen. Der Mann überzeugt mich.
    Wenn Mara mir nun ………..(Passage gelöscht) der Schweiz Belehrungen erteilen will, dann frage ich mich: auf welcher Basis? Was soll der gemeinsame Horizont des Diskurses sein? Ich höre aus Ihren Äusserungen nur einen Superiotitätsanspruch heraus: worauf der gründet? Welches sind Ihre rationalen Interessen, mit denen man rational umgehen könnte? Auf welche Tradition beziehen Sie sich? ………….. (Passagen gelöscht).Um die Diskussion erst möglich zu machen, müssten Sie mir zeigen, worauf Sie sich selber gründen in ihren Ausführungen. Sollte es einfach der Spruch sein: „Weil ich ein Mädchen bin“, dann müsste ich mich aus der Diskussion verabschieden.

    PS/Betreiber der Seite: Die markierten Bereiche wurden nach Ankündigung zum Schutz der Privatspähre gelöscht.

  4. Mara Says:

    @ uertner

    Warum taucht dieses Liebe Mara (woanders gute Mara) eigentlich immer an einem solchen Punkt der Diskussion auf? Es fehlt noch glatt das Tätscheln auf den Kopf…

    Hinzukommt, wenn ich möchte dass mein Beruf hier Erwähnung finden soll, dann möchte ich das gerne selber tun, und wünsche nicht, dass jemand anderes dies hier anbringt. Sonst wäre ich hier mit meinem vollen Namen und Arbeitsort. Woher Sie das deutsch nehmen, sicherlich können Sie mir das erklären. Da Sie meine Nase nicht kennen, wird es ja hoffenlich nicht daran liegen.

    (Exkurs: wie lange muss man in D gelebt haben um Deutsche zu sein?)

    Man kann nicht beides sein? Utopien entwickeln ohne die derzeitge Wirklichkeit betrachten zu können. Warum Sie dieser Meinung sind, erklärt sich mir nicht ganz. Mythen sind zusammen mit unserer Geschichte das woher wir kommen, Utopien wohin wir gehen, Realismus da wo wir stehen. Das Eine ergänzt das Andere, und ohne Utopien bleiben wir im Jetzt (oder wurtscheln planlos vor sich hin). Jeder Unternehmer der keine Idee hat wo er mit seinem Unternehmen in 10 Jahre stehen will wird seltsam beäugt. Aber ein Nation/ein Volk das keine Ahnung hat wohin die Reise gehen soll, ist Naiv???

    Weiterhin können Sie selbstverständlich sagen, woher ich stamme, was mein kultureller Hintergrund ist, aber nicht was meine politische Vorstellung? Dann habe ich meine Lückensetzung wohl anders betrieben als gedacht – oder sie besitzen hellseherische Fähigkeiten hinsichtlich der Persönlichkeit ohne das Politische mit einbeziehen zu wollen. Fragen über Fragen….

    Wenn Sie genau gelesen hätten, und ein wenig wüssten wer Frau L-S ist, wäre meine politische Grundhaltung eigentlich ziemlich klar. – und nein, ich kann ihnen leider kein Parteibuch als Beweis faxen.

    Also, wie viele Jahre muss ich in der Schweiz leben, um Ihnen zu widersprechen? Eine Antwort haben Sie mir noch nicht gegeben.

    (Die Frage inwieweit Nationen überhaupt es ertragen kritisiert zu werden wäre ein Thema, dass man exemplarisch ganz gut am Beispiel des Mittleren Osten diskutieren könnte).

  5. flashfrog Says:

    Mein lieber Uertner, MacZürich, den wir hiermit herzlich als neuen Beiz-Autor begrüssen, hat den Artikel lediglich verlinkt. Die Formulierung stammt von dem Journalisten Fred David, der, wenn ich recht informiert bin, aus St. Gallen stammt und wurde vom Bugsierer als Überschrift aufgenommen. (Zugegeben: Ich finde die Formulierung auch wenig gelungen weil beleidigend und pauschalisierend.)

    2. wäre ich dir sehr verbunden, wenn du Kommentare zum Thema „Deutsche in der Schweiz“ bitte in dem entsprechenden Diskussions-Thread posten würdest.
    In diesem Thread hier bzw. in dem Artikel von Fred David werden hochinteressante Fragen zum Thema Medien und Politik aufgeworfen und ich fände es sehr schade, wenn diese durch Uertners Polemik, die nix mit dem Thema zu tun hat, untergingen.

    3. möchte ich mich Maras Bitte anschliessen: Die privaten Belange anderer Beiz-Autoren haben in der Öffentlichkeit dieses Blogs ohne das Einverständnis der Betroffenen nichts verloren.

  6. Mara Says:

    Zum Thema des Artikels von Fred David:

    Ist es nicht ein Schicksal von kleinen Staaten, dass sich automatisch klüngel bilden? Es gibt nicht so viele Chefredakteure, nicht so viele Grossunternehmen, wo die Söhne und Töchter vielleicht unterkommen könnten etc. Wer sich mit dem einen Medienhaus verscherzt, hat vielleich tkeine Chance in dem anderen unterzukommen…

    Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Staaten mit ähnlichen Grössen- und Einwohnerverhältnissen ähnliche verstrickungen und Schweigemomente haben.

  7. zappadong Says:

    Mara, ich sage nur: „Fürstentum Liechtenstein.“ Da kennt jeder jeden noch persönlich …

  8. Mara Says:

    @ Zappadong

    Wenn sich alle kennen, braucht man ja auch keine Zeitung….:-). Aber ist es bei einer Grösse wie die Schweiz dann unüberwindbar so, dass diese Art von „Rücksicht“ geübt wird?
    Das würde wohl eine Fähigkeit Kritik zu ertragen vorraussetzen, die Jenseits von persönlichen Empfindlichkeiten liegt. – Oder eine Kultur der Kritik, die sehr ausgefeilt ist.

  9. uertner Says:

    @Mara
    Im Unterschied zum Fürstentum Lichtenstein ist die Schweiz ein föderales Gebilde. Es gibt katholische und reformierte Kantone, es gibt französische, italienische und deutschte gebiete. Es gibt Kantone mit einer Landsgemeinde und solche ohne. Gerade in der Situation der Gemeindeversammlung muss um die Utopie der „Uerte“ gerungen werden; dass auch diametral gegensätzliche Meinungen diskutiert werden, ohne das die gute Nachbarschaft leidet. Wird beim Bäcker noch am nächsten Tag eingekauft, wenn er sich offen gegen ein bestimmtes Projetk äussert? Darum, liebe Mara, pflegen wir ja auch so sehr die „deeskalierende Höflichkeit“. Auch Schreiben unter Amtsstellen der Kantone begannen früher immer mit den Worten: „Ihr lieben Fründ und Eidgenossen von Glarus, unseren Getreuen Dienst vorausgesetzt …. “ (dann kann dann allenfalls das Problem angesprochen werden. Darum empfinden ja einige die Schweizer als „kompliziert“, Schweizer empfinden Deutsche als „zu direkt“.

  10. Thinkabout Says:

    @Uertner
    „Utopien sind nach meinem Verständnis keine „ausserhalb von Raum und Zeit angesiedelte Wunschträume“. Sie sind ja gerade deshalb interessant, wichtig und zu ergründen, weil sie doch gerade aus ihrer Zeit geboren werden – und ohne konkrete Erfahrungen als rückgeschlossene Idee, Ideal oder Modell gar nicht geboren würden. Und mit der Gemeindeversammlung als Beispiel besagst Du ja dann genau das: Ihre Grundfunktion schliesst den Mut zur Utopie einer souveränden Verständigung mit ein.
    Mit dem Artikel hat das alles auch nichts zu tun. Aber Fred David fällt auf. Der Mann kennt Hintergründe, Mechanismen, meinungsbildende Zwistigkeiten und Inzestgebilde – und er stellt unbequeme Fragen, mag er die Antworten auch nicht immer so deuten wie ich sie wohl fände.
    Ich würde gerne mehr von ihm lesen!

  11. MacZürich Says:

    Sehr interessant zu lesen wie gut uertner mich kennt. Und das nur aus einem, nicht allzulangen, Gespräch.

    Sorry, aber Du hast keine Ahnung warum ich vor über 12 Jahren in die Schweiz kam und warum ich noch immer hier bin.

    Wie Flashfrog bereits geschrieben hat, habe ich den Artikel „nur“ verlinkt. Die Frage, ob die Schweizer ein „dummes Volk“ seien, stellt der Autor selbst. Nebenbei, Bugsierer, auf dessen Blog ich den Artikel zunächst gefunden hatte, stellt die Frage: „schweiz: das doofste volk der welt?“.

  12. Mara Says:

    @ uertner

    Danke für die Belehrung in den Fragen des Funktionieren von direkter Demokratie in der Schweiz. Wenn sie meine Frage genau gelesen hätten, wäre Ihnen aber sicherlich auch nicht entgangen, dass ich nicht die Frage nach der demokratischen Entscheidungsfindung gestellt habe, sondern wie Medienwirtschaft bzw. Wirtschaft und ihre „Führer“ funktioniern. Da is nix mit offenen Absprachen… auch nicht unter meinen höflichen Mitmenschen.

    Ich empfinde Deutsche nicht unbedingt als direkt, eher als zu laut, eine Lautstärke die, man wenn man nie auch mal in Deutschland gelebt hat schnell als Aggression deuten kann. Die Deutschen machen allerdings hier in der Schweiz den Fehler Höflichkeit mit Freundlichkeit gleichzusetzen.

  13. Mara Says:

    @ maczürich

    ich hoffe bugsierer scannt uns irgendwann seinen Lebenslauf ein, damit wir auch wissen, dass er zu dieser Aussage überhaupt berechtigt ist..:-)

    Was mich schon wundert hier ist, dass solche Mechanismus offensichtlich einfach hingenommen werden. Warum akzeptiert man einen Klüngel? Wieso wird ein ehemaliger UBS-Manager Nationalbankchef? – eine ehemalig Kontrollierter wird zum Kontrolleur – mit all seinen bisherigen Verbindungen. Kann man von ihm wirklich die kritische Distanz einfordern, oder ist sie überhaupt nicht gefordert? Und davon gibt es sicherlich noch dutzende an Beispiele, gerade auch Beispiele und Verbindungen die wir nicht wissen, weil Medien sie nicht hinterfragen.

  14. zappadong Says:

    Zum Klüngel: Den gibt es doch auch in anderen, grösseren Ländern.

    Immer wieder werden solche Klüngeleien aufgedeckt (nicht nur bei uns). Das Problem liegt in der Selbstverständlichkeit und auch Schamlosigeit, mit der die „Klüngelleute“ ihr Tun als richtig und gerechtfertigt begründen – egal, wo auf der Welt das passiert.

    @ Mara: Der Mechanismus wird nicht einfach hingenommen – er wird mit geballter Faust beobachtet und kommentiert – auch in der Schweiz. Die ganze Politikverdrossenheit oder der Zulauf zu den Parteien, die an den extremen Rändern politisieren, gründet unter anderem auf solchen Klüngeleien. Das normale Fussvolk fühlt, wie es beschissen und hintergangen wird, ab und zu erhält es Gewissheit – und weil man gegen diesen Filz und Klüngel so schlecht ankommt, entstehen dann eben diese diffusen Gefühle, sucht der Frust einen Blitzableiter und findet ihn in den Ausländern, „denen da oben“ (nicht umsonst hat die SVP so viel Erfolg mit ihrem Ausrufen gegen die „Classe politique).

    Und hier trifft ein Thema („Sind die Schweiz ein Volk von Dummköpfen“) das andere („Abgründe“).

    @ uertner: So einfach ist das mit dem Liechtenstein nicht. Da gibt es das Ober – und das Unterland (zwischen denen eine ungeheure Rivalität besteht, sozusagen der liechtensteinische Röstigraben), da gibt es die „Roten“ und die „Schwarzen“, die je ihre eigene Zeitung haben, da gibt es die Fürstentreuen und die Fürstenkritischen, da gibt es die Bischof Haas Anhänger und die Bischof Haas Kritischen usw. usw. Das ist zwar nicht ganz so komplex wie bei uns, aber zum Kompliziertsein reicht es allemal.

  15. uertner Says:

    @Mac
    Ja, stimmt, ich bitte Dich mich zu entschuldigen, da ist die satirische vis polemica etwas mit mir durchgebrannt. Aber dann wirst Du Dich ja bald „einbürgern“ können und die Frage erledigt sich.

    @Mara
    Genau über die „deeskalierende Höflichkeit“ hat ja Andreas Thiel in den „Monatsheften“ kürzlich den brillanten Text geschrieben. Dennoch muss ich auf die Gemeindeversammlung zurückkommen und den Mut, den es dort braucht in einer Turnhalle aufzustehen und etwas Unbequemes zu äussern. Wo dieser Mut fehlt, wird er auch fehlen einen Leserbrief mit eigenem Namen zu schreiben etc.
    Zum einen muss ich sagen, dass Blocher diesen Mut in weiten Strecken aufgebracht hat. Blocher hat den Filz um die Swissair und die FDP so hart und brutal angegriffen, dass die FDP während seiner Tätigkeit zwei, drei Führungsriegen „verbrauchte“. Nun finden dann Blocher alle: „unanständig“. Gewiss ist es einfacher, diesen Mut aufzubringen, wenn man unabhängiger Unternehmer ist, der wenig auf den goodwill seiner Schweizer Umgebung angewiesen ist.
    Die Begründung dieses Mutes ist im protestantischen „Auftrag“ zu suchen, den Blocher hat. Ihre Frage hat mich dazu gebracht, Karl Barths Schrift „Christengemeinde und politische Gemeinde“ wieder hervorzunehmen. Dort differenziert Barth zwischen der im Abendmahl mit Gott versöhnten Christengemeinde (zur Zeit Barths war die Schweiz noch nicht konfessionell so stark durchmischt) und der polititschen Gemeinde, in der Gewaltenteilung und Interessengegensätze herrschen. Barth sieht einen klaren Auftrag des Christenmenschen für Transparenz in der politischen Gemeinde zu sorgen.
    Während die Christengemeinde auf das „Reich Gottes“ hinarbeitet, muss die politische Gemeinde „in der Welt“ Chaos und Unordung verhindern. Christengemeinde und politische Gemeinde haben unterschiedliche Funktionen, Erstere hat in der Welt vom Licht der Offenbarung zu Zeugen, letztere hat für geordnete Verhältnisse und Ordung zu sorgen. Die Christengemeinde ist aber das Gewissen der politischen Gemeinde.
    Auf diesem Fundament der grundsätzlichen „Versöhnung in Christo“, die im Ritual des Abendmahls sinnenhaft dargestellt wird, sind nun die in der politischen Gemeinde unabdingbaren Interessensgegensätze auszufechten. Das Gottvertrauen muss so die Grundlage des politischen Handelns des Christenmenschen werden, der aufgerufen ist, für Transparenz, Gerechtigkeit und Nächstenliebe in der politischen Gemeinde zu sorgen. Die „Herstellung des Reiches Gottes“ muss der Mensch aber Gott überlassen, da er nicht den Überblick hat, dieses herzustellen.
    Der Zusammenhang von Christengemeinde und politischer Gemeinde ergibt sich auch daraus, dass die Versammlungen der politischen Gemeinde oft in der Kirche durchgeführt wurden, was den politischen Akteuren eine gewisse Zurückhaltung in den Äusserungen auferlegte.
    Meine Vermutung ist nun, dass Menschen, die nicht mehr in einem starken Glauben und Gottvertrauen wurzeln, sich eher an Äusserlichkeiten und Gegebenheiten orientieren werden. Sie werden zu Mitläufern der Moden, zu Mitschwätzern, weil man sich da und dort einen Vorteil erhofft.
    Gerade in der Sicherheitspolitik streben nun plötzlich auch linke Politiker ein „Reich Gottes“ an: „Zero tolerance“. Raser: „Lebenslänglicher Ausweisentzug“, „grosser Lauschangriff“, „Sturmgewehre ins Zeughaus“, „Abschaffung der Kletterstange“, „Lebenslängliche Verwahrung von Sexualstraftätern“.
    Dies ist die Folge, wenn der „säkulare Staat“ sich anmasst, die „totale Sicherheit und Gerechtigkeit“ herstellen zu wollen und nicht mehr sich als vorübergehende Institution versteht, um die unplanbare „Heraufkunft des Reiches Gottes“ zu ermöglichen.
    Wer nun gesehen hat, welch starken, tragfähigen Grund das Christentum – und gerade in seiner protestantischen Ausprägung – für die Entwicklung der Demokratie geliefert hat, der fragt sich nun besorgt, wie eine Gemeindeversammlung funktionieren kann, in der 10% Muslime 20% Katholiken und 40% Protestanten und 30% Konfessionslose zusammen in einer Turnhalle diskutieren und abstimmen sollen. Es bräuchte einen starken Mythos der Toleranz und des Vertrauens, der nur durch eine gemeinsame und blutige Geschichte erzeugt werden könnte. Denn wo das Vertrauen in den gemeinsamen Grund der Abendmahlsgemeinschaft nicht da ist, werden sich entweder Animositäten ausbreiten oder es braucht eine Gemeinsamkeit, die durch Abgrenzung gestiftet wird. Vor dieser Gemeinsamkeit, die durch Abgrenzung gestiftet wird, ist mir bang. Die Diskussionen, die ich in Deutschland beobachte, wo sich eine Gesellschaft gebildet hat, die christophob ist, und nur noch in der totalitären Behauptung „der Mitte“ und des „Rechtsstaates“ sich definiert, wo die Nazikeule leichtfertig und unüberlegt ausgeteilt wird, wo sich ein Mainstream des Boulevard-Pöbels bildet der vom Staat die Lösung aller irdischen Probleme erwartet (Die Linke oder auch die NPD), dort fehlen die diskursiven Räume in denen um gute Lösungen für den „immer provisorischen irdischen Staat“ gestritten werden kann.
    Zu den Medien. Ich erlebe oft, dass Themen als „nicht opportun, nicht publizistisch relevant“ abgetan werden. Und ich vermute, dies passiert häufiger dort, wo das Medium ein reines Profitwerkzeug eines anonymen Aktionariates ist. Gegen Migros und Coop kann in der Schweizer Presse niemand mehr schreiben, denn ohne die Doppeleitigen Kotellets-Aktionen im „Inland“ liesse sich keine Schweizer Presse mehr machen. Gegen die Banken wird die NZZ nie fundamental kritisch schreiben, denn ohne die ganzseitigen Inserate, keine NZZ.
    Die Lösung könnte nur in Medien liegen, die wie die „Wochenzeitung“ oder die „taz“ genossenschaftlich organisiert sind. Allein hier spielt der Mechanismus, dass die männlichen Mitarbeiter solcher Zeitungen oft auf eine „Karriere“ in den Medienkonzernen hoffen. Sie werden nie so frech schreiben, sich gänzlich unmöglich zu machen. Die weiblichen Mitglieder dieser Medien neigen dazu ganz gern zu diesem geringen Lohn zu arbeiten und dann so eine Art besserwisserich-frustrierten sozialistischen Kirchenboten zu verfassen, ich habe leider noch nie eine harte Enthüllungsgeschichte oder undercover-story von einer Journalistin gelesen.

  16. zappadong Says:

    @ uertner:

    „Meine Vermutung ist nun, dass Menschen, die nicht mehr in einem starken Glauben und Gottvertrauen wurzeln, sich eher an Äusserlichkeiten und Gegebenheiten orientieren werden. Sie werden zu Mitläufern der Moden, zu Mitschwätzern, weil man sich da und dort einen Vorteil erhofft.“

    Sie haben noch nie Mitglieder meiner Familie an einer Versammlung der politischen Gemeinde gesehen und erlebt (da kann schon mal der Boden beben) 😉 Das sind im Übrigen so ziemlich alle ganz normale Büezer (ohne Geld und ohne eigene Firma im Rücken), die sehr wohl den Mut aufbringen, den Mund zu öffnen.

    Ich wage ganz generell Ihrer These zu widersprechen. Gerade diese starken Gemeinschaften stehen unter grausamem Gruppendruck. Ich weiss nicht, wo Sie wohnen, aber ich wohne auf dem Land, wo vor allem die „Alteingesessenen“ so sehr in ihren ungeschriebenen Regeln verhaftet sind, dass sich praktisch niemand getraut, auch nur einen Millimeter von der „allgemeingültigen“ Meinung abzuweichen, geschweige denn, etwas zu tun, das „man nicht tut.“ Da steht man dann wirklich nicht in einer Turnhalle auf und sagt etwas, das dem Rest der Dorfgemeinde gegen den Strich geht.

    Und herrscht nicht gerade auch in diesen zusammengeschweissten Gruppen ein Filz und eine Klüngelei, über die man nicht spricht – von der aber jeder weiss, sich aber des Gruppendrucks wegen unterordnet.

    Insofern begrüsse ich diesen Mix von 10% Muslimen, 20% Katholiken und 40% Protestanten und 30% Konfessionslosen zusammen in einer Turnhalle. Da ist dann plötzlich nicht mehr jeder in derselben Kirche, in demselben Turnverein, in demselben Tschutticlub. Da prallen plötzlich Interessen aufeinander. Da müssen neue, offere Formen gesucht werden.

  17. uertner Says:

    Ich gestehe zu meiner Schande, dass ich noch nie an einer Versammlung der politischen Gemeinde meines Dorfes war. Wohl aber an einer Kirchengemeindeversammlung, wo ich mich prompt widerborstig zeigte, und den Kirchenpflegepräsident in heikle Lagen brachte. Dass Sie eine so kecke Familie sind habe ich stets vermutet und insofern sind sie ja „gute Protestanten“. Die „Kirche Christi“ als Idee umfasst ja seit Augustin alle, die sich entsprechend verhalten. Am Jüngsten Gericht wird man wissen, wer wirklich dazugehört hat und wer nicht. Es kann durchaus sein, dass ganze irdische Kirchgemeinden strammer Kirchgänger auf der falschen Seite landen.
    Was mir auffällt: Mara vermutet den Filz in der Schweiz, ich vermute den Filz in Deutschland, Sie vermuten den Filz in der Christengemeinde. Offensichtlich tut es der Seele gut, sich als „nichtverfilzter“ darzustellen. Der „andere“ ist der verfilzte, selber hat man nur gute Freunde.
    Diese „gemischte“ politische Gemeinde braucht aber einen Mythos: Frau Zappadong, können sie mir diesen Mythos, diese Utopie schildern? So als kreative Schriftstellerin? Handeln ihre Jugendbücher davon? Solche Bücher wären wichtig.
    Wir haben alle Ueli Maurer schwören gesehen. Damit wurde er Bundesrat. Auch Bundesrat für die muslimische Bevölkerung. Wir brauchen nun einen Mythos, der einem jungen, eifrigen Muslimen erklärt, warum er sich den Anordnungen dieses Bundesrates fügen soll, obwohl er doch auf einen „falschen Gott“ geschworen hat. Denn die „Sendung“, die „Mission“ eines Muslimen ist es, dem Gottesstaat auf Erden zum Durchbruch zu verhelfen mit der Scharia.
    Ganz anders in Deutschland. Dort steht in der Verfassung nicht mehr „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ sondern zentral ist „die Würde des Menschen“. Deutschland ist also viel mehr „säkularer Rechtsstaat“ als die Schweiz. Joschka Fischer wurde nicht durch die „Vereidigung“ zum Minister, sondern durch eine Ernennungsurkunde des Bundespräsidenten. Erst nach Erhalt der Ernennungsurkunde tritt ein deutscher Minister vor den Bundestag zur Vereidigung, die nur noch „Gedöns“ ist. In der Schweiz gibt es keine Instanz die befugt wäre, einem Bundesrat eine Ernennungsurkunde auszuhändigen: Allein die Tatsache der Wahl und die Vereidigung begründen die Magistratur. Ein Bundesrat handelt direkt verantwortlich vor der Verfassung und Gott. Es gibt ja auch niemand, der ihn wieder absetzen könnte. Hier haben wir eine grosse Besonderheit in unserem Staatswesen und Staatsdenken. Wir können einem Bundesrat nur „ins Gewissen reden“, dass er nun mehr schadet als nützt, absetzen können wir ihn nicht. Wie Gotthelf es noch formulierte: wir leben noch eigentlich in einem „Gottesstaat“. „Der Rechtsstaat“ ist nur eine Krücke. Wer gänzlich auf den „Rechtsstaat“ baut, der gibt dem reicheren, der sich die besseren Anwälte leisten kann, freie Bahn.
    Die Idee des „säkularen Rechtsstaates“ mag auf die Aufklärung zurückgehen und war ursprünglich einfach gedacht um den ständigen Krieg zwischen Katholiken und Protestanten zu beenden. In der Schweiz wurde eine klare territioriale Trennung eingehalten (bis in die 1950er Jahre spielte die recht gut). Wenn ich mit Protestanten spreche, dann vermuten wir den Filz bei den Katholiken: die kennen sich doch alle von der Uni Fribourg her, da gibt es Seilschaften (die junge Bundesrätin Metzler holte ihren Studienkolleg Valentin Roschacher in die Staatsanwaltschaft, wo er dann scheiterte). Die Katholiken hingegen, verdächtigen die Protestanten, keinen der Ihren mehr zuzulassen.
    Dies hat sich mittlerweile erledigt. Thomas Wagner war der letzte protestantische Stadtpräsident von Zürich, seither wird Zürich von Sozialdemokraten verwaltet, die in Innerschweizer Klosterschulen ausgebildet wurden. Die Welt ist nicht untergegangen.
    Ich will sagen: die Schweiz hat einen Umgang mit diesem konfessionellen Problem gefunden. Die katholische Kirche musste aber herbe Rückschläge einstecken (Verbot der Jesuiten bis in die 1970er Jahren, Bistumsgrenzen, die nur durch Bewilligung durch den Bundesrat verändert werden durften). Die Katholiken erhielten erst 1891 einen Bundesrat im 1848 gegründeten Bundesstaat. Ganz anders stellt sich nun die Vertrauensfrage, wenn wir plötzlich Muslime in diesem unseren Staatskunstwerk mitwirken lassen und lassen wollen. Wo wird die gemeinsame Wertebasis verankert? In welchem Mythos? Wie können wir sicher sein, dass eine Glaubensgemeinschaft, die uns als „Ungläubige“ betrachtet, einen korrekten Umgang mit uns anstrebt? Bei den Juden wurden wir 1866 gezwungen, ihnen die bürgerlichen Rechte zu erteilen (französischer Druck). Aber schon mit der ersten Volksinitiative 1893 haben wir ihnen das Schächten in der Schweiz verboten: hier sieht man wie tief diese Avversionen in der Volksseele sitzen. Welche „Grosserzählung“ soll die tragende Vertrauensgrundlage bilden, dass wir auch als Minderheit in einer muslimisch geprägten Schweiz in den uns vertrauten „christlichen“ Institutionen: „Rechtsstaat (nicht die Scharia)“, „Gewaltenteilung (kein muslimischer Gottesstaat unter einem Sultan, Kalifen oder „Präsidenten“)“, „Menschenrechte“ (keine Zwangsehen, keine Verstümmelungen, keine Tode- und Körperstrafen?).
    Viele werden nun sagen: unter den Preussenkönigen (aufgeklärter Absolutismus) unter dem und dem Kalifen (Toleranz eines aufgeklärten Gewaltherrschers) gab es doch multikulti und Toleranz: Wohl ja, aber das waren stets Militärdespoten, die ohne mit der Wimper zu zucken jemanden Köpfen, Hängen, Vierteilen lassen konnten. Diese Furcht flösste den Untertanen die „Toleranz“ ein, weil sie wussten unter diesem Herrscher herrscht eine relative Gerechtigkeit.
    Anspruchsvoller wird das Zusammenleben monotheistischer Glaubensgemeinschaften (mit ihrem je absoluten Anspruch: Juden „das ausserwählte Volk Gottes“, Christen: „diejenigen, die den Messias erkannt haben“, Muslims: „diejenigen, die Allah als einzigen Gott anerkennen, im gegensatz zu den andern „ungläubigen“) im selben Staatsverband, wenn es sich um eine Demokratie handelt und noch anspruchsvoller, wenn es sich um eine direkte Demokratie wie die Schweiz handelt. Diesen „Abgrund“ zu thematisieren darf nicht „unanständig“ werden: in diesem Abgrund schlummern Mord und Totschlag (wir Protestanten denken da mit Grausen an die „Batholomäusncht“ 1572). Die Ideale der „Aufklärung“ wurden bis jetzt noch in keinem Staat (ausser vielleicht in den USA) bis aufs letzte umgesetzt. Wir dürfen nicht wie Schiller 1789 in seiner Rede an die Jenaer Studenten uns in einer „befriedeten Welt“ wähnen. Kaum war seine Rede gedruckt brach die französische Revolution los und die napoleonischen Kriege. Die Aufklärung kam nur sehr unvollständig zum Durchbruch (man siehe den Deutschen Militarismus und Faschismus). Nun leben wir seit 60 Jahren mit den „Menschenrechten“ unter dem amerikanischen Atomschirm. Das war sehr praktisch, sehr bequem, gab uns ein sehr gutes Gefühl moralischer Überlegenheit. Sollte nun Amerika als Weltmacht wegbrechen, dann müssen die Europäer selbständig bereit sein, für diese Menschenrechte auch Verluste an Menschenleben hinzunehmen. Denn wir werden es mit Mächten zu tun haben wie Russland und China, die diese Menschenrechte anders als wir interpretieren.
    Um es kurz zu machen: Weder gibt es eine positive historische Erfahrung in der Muslime und Christen gemeinsam ein gemeinsames Ziel anstrebten, noch eine Utopie, oder besser einen in der Praxis geprüften Entwurf, wie dies gehen soll. Und ich stelle fest, dass Muslime, die sich gut in dieser Gesellschaft integriert haben, die Probleme oft klarer und härter Ansprechen, als die oberflächlichen, „postreligiösen“ Mulitkulti-Romantiker.

  18. zappadong Says:

    @ uertner:

    Ich sehe den Filz ÜBERALL, also nicht nur, aber auch, in der Kirche.

    Sollte ich tatsächlich am Tag des jüngsten Gerichts herausfinden, dass ich all die Jahre in Verblendung gelebt habe und eben doch zur Kirche Christi gehöre, werde ich es Sie wissen lassen.

    Nun würde ich Ihre Frage betreffend Mythos und Utopie gerne ausführlich beantworten, aber vor allem dieses ganze Mythos-Zeugs übersteigt meine geistigen Kapazitäten. Könnten Sie Ihre Frage umformulieren, bitte?

    Ich meine diese Stelle hier: „Diese “gemischte” politische Gemeinde braucht aber einen Mythos: Frau Zappadong, können sie mir diesen Mythos, diese Utopie schildern? So als kreative Schriftstellerin? Handeln ihre Jugendbücher davon? Solche Bücher wären wichtig.“

  19. uertner Says:

    Testosterongetriebene Menschen neigen zur Gewalt. Oft geht es um eine Frau (siehe Troja). So eine Geschichte, in der ein Mann seine Aggresivität auslebt (oder zügelt) im Dienste einer gemeinsamen Sache. Die nenn ich Mythos (Wilhelm Tell: wir sind alle frei und stark und mutig), Winkelried (ich kann mich für andere Opfern, im Vertrauen, das die anderen für „Frau und Kinder“ sorgen). Jede Wertegemeinschaft hat solche Mythen. In Europa ist das Lied von Schiller „Freude schöner Götterfunke“, das auch noch von sturzbesoffenen Managern in Davos am WEF gelallt wurde. Wie können wir verhindern, dass – wie in Holland geschehen – ein Muslim sich weigert, sich vom Sitz zu erheben, wenn das Gericht den Saal betritt, und ihm dass im Rahmen der „Religionsfreiheit“ auch noch durchgelassen wird?

  20. Mara Says:

    @ uertner

    Sie profizieren gerne mit ihren Porträts anderer Menschen oder? („sie vermutet Filz bei allen anderen..“) Ausländer sind selten Teil eines solchen Filzes/des Establishments, egal ob in Deutschland oder in der Schweiz oder in einem anderen Staat, dazu ist ihr Netzwerk zumindest in den ersten Jahren nicht gut genug. Um an dieser Art von Macht teilhaben zu können muss man erst Teil einer solchen Gruppe werden, und dazu braucht es viel Zeit…(oder sehr viel Einfluss).

    Da ich nichts von Filz in der Christengemeinde geschrieben habe, stammt die Idee von Ihnen…ist es denn so? Für den akademischen Bereich muss ich das leider bestätigen, … es wird niemand so schnell auf einen Lehrstuhl gehoben, der kein Konsenskandidat ist. Machtkämpfe sind allerderings ja nciht nur ein Phänomen der theologischen Fakultäten.

    Das Sie eine sehr schlechte Vorstellung von einem Rechtsstaat haben, haben wir ja schon mitbekommen. Mein Eindruck ist nicht so negativ. Sicherlich, ein Rechtssystem, dass viel Zeit kostet, bevorteilt immer diejenigen die sich Zeit erkaufen können. – Ich wüsste aber kein besseres System, welches uns in die Lage versetzt alle gemäss einem gemeinsamen Konsenses, Verfassung/Gesetze, zu behandeln.

    Wenn sie davon ausgehen dass die Schweiz ein christlicher Staat ist, ja dann sind ihre Thesen die direkte Konsequenz davon. Dann muss zweifelsohne Ihre Vorstellung eines Schweizer Staates schon allein durch die zusehende Säkularisierung gefährdet sein. Wie kann ein Staat weiterhin so funktionieren, wenn der Konsens auf Christentum nicht mehr existiert. Die kleinen Minderheiten der Muslime, Buddhisten etc ist da nur noch ein zweites, zusätzliches Problem. Es muss schlicht und einfach ein neuer Konsens gefunden werden….
    Ein Staat in dem eine Minderheit die Regeln aufstellt und meint sie durchsetzen zu können, wird zwangsläufig scheitern, entweder weil es sich nicht durchsetzen lässt, oder weil die Mittel dazu ins diktatorische gehen.

    @all

    Womit man bei der Frage der Realitäten und der Utopien wieder ist. Sie, Herr Uertner, schilderten eine Geschichte aus christlicher Perspektive, aus anderer Perspektive fehlen so Personen wie Mendelsson, Spinoza etc…mag sein, dass es für manche in der Geistesgeschichte diese nicht so wichtige Personen wahren, für andere Religionen sehr wohl.
    Natürlich kann man die Geistesgeschichte, oder überhaupt Geschichte aus dem eigenen Blickwinkel nur betrachten- es muss aber klar bleiben, dass dies nur ein Blickwinkel unter vielen ist.
    Niemand will jemandem den protestantischen Glauben nehmen oder ihn auch nur anzweifeln. Im Moment sieht es ja auch eher so aus, als würde die Kirchen als Volksreligion sich im westlichen Europa selbst auflösen. Die Frage bleibt aber, ob dieser Glauben für alle anderen auch relevant ist, in der Vergangenheit, im Jetzt … und in der Zukunft.

    Die Schweiz hat nicht mehr die Bevölkerungstruktur von vor 100 Jahren. Zurück kann man nur gewaltsam. Die Frage ist also, wie es in der Zukunft gehen soll. Küng z.B. bietet einen solchen Ansatz, ein Konsens, eine Ethik von allen Religionen, die Kernesssenz.- oder eben eine gemeinsame Utopie.

  21. zappadong Says:

    Danke für die Erklärung. In den Büchern nennt man so was „Prämisse“ 🙂

    Mir ist der Begriff des Mythos zu abstrakt (so wie mir eine Prämisse beim Bücherschreiben nicht hilft – ich merke oft erst am Ende eines fertigen Manuskripts, was eigentlich die Prämisse des Textes ist – wenn ich denn eine benennen müsste).

    Um das ganze auf eine Ebene herunterzuholen, wo ich mich wohl fühle: Das Allerwichtigste im Umgang miteinander ist der gegenseitige Respekt. Darauf könnten wir gründen. Auf jeden Fall ist Respekt eine Grundvoraussetzung zu dem von Mara angesprochenen neuen Konsens.

    Respekt bedingt ein Aufeinanderzugehen in Augenhöhe, eine Bereitschaft, den anderen zu verstehen versuchen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, ihn in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu sehen. Diesen gegenseitigen Respekt sollten und müssten wir einfordern (wäre er vorhanden, würde sich der von Ihnen beschriebene Muslim erheben).

  22. flashfrog Says:

    Ja, Klüngel gibt es überall. Deshalb sind auch alle Nationalitäten, Religionen und Interessengemeinschaften qualifiziert, zu diesem Thema mitzureden. 😉

    @uertner: Der Mythos der Schweiz ist die Willensnation.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Willensnation
    Das bedeutet ja gerade, dass es nicht eine gemeinsame Sprache, nicht eine gemeinsame Ethnie und nicht eine gemeinsame Religion ist, die diese Nation ausmacht und zusammenhält.
    (Auch die EU hat sich im Willen Verschiedener gebildet, zusammenzuarbeiten, übrigens ganz ohne Blutvergiessen und Gemetzel, ist also, wenn du so willst, auch eine Willensgemeinschaft.)

    Und Demokratie bedeutet ja gerade nicht, dass sich sowieso alle einig sind, dann bräuchte man ja nicht zu debattieren und abzustimmen.

    Demokratie braucht keinen Mythos.
    Es braucht vielmehr pragmatische Überlegungen, was für die Gemeinschaft als Ganze bei einer politischen Entscheidung zweckmässig und sinnvoll ist und wie sich die Partikularinteressen einzelner Menschen und Gruppen darin so integrieren lassen, dass es anderen Menschen und Gruppen mit anderen Interessen nicht unzumutbar schadet.
    Ich möchte gern glauben, dass das in der direkten Schweizer Demokratie besser funktionert als in der deutschen indirekten Parteien-Demokratie.

    Die Muslime, die ich kenne sind übrigens genauso wenig fundamentalistisch wie die meisten sog. Christen, die ich einmal pro Jahr zu Weihnachten in der Kirche sehe und haben mit Scharia und Kalifatsstaat nix am Hut.

  23. MacZürich Says:

    @uertner:
    Entschuldigung angenommen. Über die Einbürgerung können wir zu einem anderen Zeitpunkt reden. Da ich mit einer Schweizerin verheiratet bin, könnte ich mich schon seit längerem einbürgern lassen. Für die „Super-Schweizer“ macht das aber keinen Unterschied.

    @flashfrog:
    Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass das Hauptproblem der Schweiz mit der EU die Tatsache ist, dass beide Staatsgebilde sich, von der Grundidee her, sehr ähnlich sind.

  24. thinkabout Says:

    @Zappadong:
    Schön, dass Du den Respekt als Massgabe ins Feld führst. Tatsächlich kann man an ihm die Erfordernisse für das Zusammenleben fest machen. Vieles lässt sich damit objektivieren.
    Nur: Wenn wir uns also einig sind, diesen Respekt auch fordern, dann bleibt die Frage: Wo wollen wir denn gemeinsam hin? Welche Wertigkeiten verfolgen wir? Welche Ziele und Ideale haben so viel Feuer, dass wir bereit sind, uns dafür jeden blauen Fleck zu holen, den das fordern wird? Ja mehr. Das Leben. Notfalls.
    Das Problem stellt sich sofort: Nämlich dann, wenn es darum geht, diesen Respekt notfalls auch einzufordern. Was machen wir mit dem Muslim, der vor dem Richter nicht aufstehen will? Was drohen wir ihm an – und worin sehen wir das Recht dazu? Was ist unsere Legitimation?
    Jenseits aller Religionen und bekannten Ideologien gibt es hierfür kein Handbuch. Wir begreifen uns nur in dem, was wir nicht wollen, aber in keiner Weise finden wir uns in dem, was wir wollen.
    Ich habe keine Kraft mehr für diese Diskussion. Selten zuvor ist mir so bewusst geworden, wie wenig Kraft mehr in der kulturellen Identifikation unserer eigenen Gesellschaft übrig geblieben ist.

  25. zappadong Says:

    @ thinkabout:

    Ich weiss nicht, wohin die Reise geht.
    Ich weiss genau, was ich will: Eine Welt ohne Hunger und Unterdrückung und ein friedliches Zusammenleben. Aber das gibt es nicht.
    Manchmal ist dieser Gedanke schwer auszuhalten, an anderen Tagen schiebe ich ihn beiseite. Fatalismus ist viel einfacher als Idealismus, und ich gestehe, dass ich an mindestens 90 Prozent der Tage im Jahr ganz fatalistisch die Schultern zucke und mir sage „So ist es halt. Was kann ich schon tun?“

    Früher habe ich mich politisch aktiv betätigt. War überzeugt, etwas bewegen zu können. Ich habe Verantwortung in einer Partei übernommen, habe Aktionen mitorganisiert und mir beim Unterschriftensammeln die Beine in den Bauch gestanden und den Mund fusselig geredet für eine bessere Welt (oder das, was mir eine bessere Welt schien), nur um dann in Abstimmungen zu verlieren, bei welchen die Initiativen, für die wir Unterschriften gesammelt hatten, regelmässig bachab gingen.

    Ich spende (und habe dabei das Gefühl, Ablasshandel zu betreiben).

    Vor allem aber lebe ich wenigstens in meiner kleinen Welt den Respekt. Habe Grundvertrauen in die Menschen. Kaufe je länger je bewusster ein. Fahre nur Auto, wenn es nötig ist. Verweigere mich dem Konsumrausch (und bin damit mitschuldig, wenn wir die Finanzkrise nicht überwinden – aber ich mag den Konsumrummel nicht, habe ihn nie gemocht).

    Das ist viel zu wenig. Das Feuer, das ich früher hatte, lodert wieder auf. Aber ich merke, dass ich resigniere ob der Unmöglichkeit, auch nur einen Teil an eine bessere Welt beizutragen. Und so bleibt an vielen Tagen nur der Rückzug ins ganz Private. Der Fatalismus. Und dann wiederum sitze ich in einem Schulzimmer oder an einer Lesung, sehe die jungen Leute, die mir erzählen, was sie tun und fühlen, und denke, doch, es geht weiter. Und es ist nicht alles schlecht. Und ich lege mein Vertrauen in jene, die nach uns kommen, die noch Kraft haben und den Idealismus, der mir irgendwann abhanden gekommen ist.

    Und deshalb: Der Traum bleibt. Die Hoffnung auch. Wie schon irgendwo geschrieben: Wider jede Vernunft.

  26. thinkabout Says:

    @Zappadong:
    Warum hat unser Einsatz für eine Initiative nur dann einen Sinn, wenn sie erfolgreich durch die Abstimmung kommt? Was ist mit all den Menschen, die man tatsächlich zum Überlegen bewegen konnte? Warum ist ein Engagement nur wertvoll, wenn 50.01% der Adressaten Applaus klatschen?
    Warum nehmen wir uns selbst die Kraft, weil wir die Ziele zu hoch setzen? Woher nehmen wir den Hochmut, zu meinen, gerade unser Tun müsste mehr bewirken als den steten Tropfen, der den Stein rundet? Warum geben wir immer wieder vorauseilend unserem Tun eine schlechte Bewertung, nur weil wir die Wirkung nicht sehen können? Wir wissen doch, was rechtens ist. Und die Sache würde es doch verdienen, dass wir den Kleinmut in uns bekämpfen und die Demut zulassen, dass wir nicht mehr müssen, als genau diese Wirkung beim Schüler, in der einzelnen Begegnung zu ermöglichen.
    Du trägst zu einer besseren Welt bei, wenn Du Deinem Herzen gemäss die Dinge so formulierst, wie Du in Dir spürst, dass es gerecht ist – und wenn Du die Grösse beweist, sagen zu können, dass Du Dich geirrt hast. Du kannst ein Beispiel sein im Tun und denken und schreiben und reden – in Haltung und Stimmung, die Du ausstrahlst. Das ist nie wenig oder gering zu achten. Es ist vielleicht auch erlösend, wenn es vielleicht alles ist, was wir tun können. Keiner von uns muss mehr, als er vermag. Aber er könnte es sich wert sein, häufiger nach innen zu horchen und der scheinbaren Wirkungslosigkeit im Grossen den Charme und die Kernkraft der stillen einzelnen Tat entgegen zu setzen. Die ist nämlich nicht auszurotten, wenn wir es nicht zulassen.
    Und: Diese jungen Leute, auf die wir bauen, die brauchen uns. Wir müssen sie motivieren – und uns von ihnen motivieren lassen. Sie brauchen auch uns. Wir können uns wieder anstecken lassen.
    Es gibt keine andere Vernunft als die Hinterfragung jedes Sachzwangs, den wir nur vorschieben: Es gibt die kleinen Zellen, in denen wir sehr wohl ein paar Steine verrücken können. Und wir haben kein Recht, zu behaupten, dass dies nebensächlich wäre. Damit meine ich, dass wir es uns selbst schuldig sind, wollen wir unser Leben wertvoll gestalten.

  27. zappadong Says:

    @ thinkabout

    „Warum hat unser Einsatz für eine Initiative nur dann einen Sinn, wenn sie erfolgreich durch die Abstimmung kommt?“

    Er hat immer Sinn … nur erreichte ich irgendwann einen Punkt, an dem es nicht mehr ging. Es war nicht nur das Unterschriftensammeln. Es war das Anrennen gegen Windmühlen, die ewigen Enttäuschungen, aber auch die Einsamkeit, wenn ich mal wieder am Vorabend einer Standaktion noch keine verbindliche Zusage von Leuten hatte, dass sie auch wirklich auftauchen würden. Es sind immer welche aufgetaucht, aber trotzdem. Es ist in einer Partei wie anderswo im Leben auch: Es gibt ein paar wenige, die etwas tun und jene, die darüber reden, was sie gerne tun würden. Bei der letzten Standaktion ging es um einen Wahlkampf. Alle beschlossen, ich organsisierte, niemand legte sich so richtig fest, und ich ging am Morgen dann hin, mit all meinem Material, darauf gefasst, die Einzige zu sein, die auftaucht. That was it. Danach hörte ich mit der aktiven Arbeit auf, redete noch eine Weile mit, regte mich auf und zog dann die Konsequenzen. Ich glaube nicht, dass ich damals die Ziele zu hoch setzte – nur ein bisschen Verbindlichkeit und Zusicherung ist nicht zu viel verlangt (bei Aktionen, die abgesprochen und beschlossen sind).

    „Woher nehmen wir den Hochmut, zu meinen, gerade unser Tun müsste mehr bewirken als den steten Tropfen, der den Stein rundet?“

    Es ist nicht der Hochmut. Es ist der starke Wunsch und Wille, etwas verändern zu können. Wirklich verändern zu können. Dieser schon fast ins missionarische ausufernde innere Drang, die Welt zu einem besseren Ort machen zu können.

    „Und die Sache würde es doch verdienen, dass wir den Kleinmut in uns bekämpfen und die Demut zulassen, dass wir nicht mehr müssen, als genau diese Wirkung beim Schüler, in der einzelnen Begegnung zu ermöglichen.“

    Ach, thinkabout. Ich will immer mehr. Viel mehr. Am liebsten von heute auf morgen 🙂 Als ganz junge Frau träumte ich von der friedlichen Weltrevolution – und je älter ich werde, desto mehr träume ich wieder davon. Ich hatte gehofft, die Finanzkrise würde uns eine Chance sein, die Dinge zu überdenken, uns neu zu orientieren, aber im Moment wollen alle – auch die Linken – einfach nur den Konsum ankurbeln. Himmel noch mal! Das kann es doch nicht sein.

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