Der anonyme Mopp – ein anonymer Leserbrief an David B.

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Der anonyme Mop
Der anonyme Mopp

Lieber David,

wie man ins Netz hineinschreibt, so schallt es heraus.

Wem vor seinen eigenen Lesern ekelt und graust, würde man denken, müsste der sich nicht zu allererst selber fragen, ob er so schreibt, dass er die richtigen Leser anspricht?

Aber das wäre vielleicht zu pauschal gedacht, und ungerecht pauschalisieren, das wollen wir ja vermeiden.

Dieser Artikel ist ja schon um einiges differenzierter als anderes (Artikel im Netz leider nicht mehr aufzufinden), was wir auch schon gelesen haben. Das möchte ich ausdrücklich betonen.

Aber als Literaturwissenschaftlerin muss ich entschieden Einspruch erheben und Goethe in Schutz nehmen:
Das Gedicht „Der Zauberlehrling“ (hier nachzulesen) handelt von einem Azubi, der sich eine Rolle anmasst, die ihm nicht zusteht. Und weil er sein Handwerk einfach nicht beherrscht, gerät er in Not, bis ihm das Wasser bis zum Halse steht. Die Besen hingegen, also die Mopps, die geben sich ja redliche Mühe.
Denen ist kein Vorwurf zu machen.

Als ich im April letzten Jahres bei Facts 2.0 als Moderatorin ins kalte Wasser geworfen wurde, habe ich mich anfänglich tatsächlich ein wenig so gefühlt und habe mir deswegen die Berufsbezeichnung „Zauberlehrling“ ausgesucht (die du mir hier offenbar gemopst hast). Im Wissen, dass ich noch viel zu lernen hatte. In der Hoffnung, dass, sollte etwas aus dem Ruder laufen, jemand erfahrenerer und gelassenerer als ich da wäre, um die Sache wieder hinzubiegen. Nunja. Nie aber wäre mir in den Sinn gekommen, den Besen die Schuld zu geben

Gelernt habe ich inzwischen einiges über Community-Management:

– Vor allem und am wichtigsten, dass eine gute, funktionierende Community dem Moderator die Arbeit enorm erleichtert, weil die User dann selber ein Interesse daran haben, das Niveau der Diskussion hoch zu halten und Störenfriede und Dummköpfe aus ihrer Plattform fernzuhalten.

– Dass (ceterum censeo) wiedererkennbare Pseudonyme keinesfalls mit Anonymität gleichzusetzen sind, sondern die allermeisten Menschen, die unter Pseudonym schreiben, moderationstechnisch genauso unproblematisch sind wie die meisten derjenigen, die unter Realnamen schreiben.

– Dass, wer versucht, möglichst viel Klickvieh durch Boulevardisierung und SEO auf Sex & Crime zu generieren, bekommt, was er verdient: Den Bodensatz der Kommentatoren.

– Dass es folglich nicht darauf ankommt, möglichst viele, sondern die richtigen Leser anzusprechen, anstatt Menschen, die Qualitätsjournalismus und echte Diskussionen auf einem gewissen intellektuellen Niveau zu schätzen wissen, von der Website zu vergraulen.

 – Und dass Medien, wenn ihnen an ihrem Online-Auftritt etwas liegt, die diffizile Zauberei nicht irgendwelchen Studenten überlassen dürfen, sondern einem Redaktor (oder einer -torin) mit einem klaren Konzept.

Web 2.0 heisst nicht, lästige Leserbriefe widerwillig in Kauf zu nehmen.
Web 2.0 heisst, die User ernst zu nehmen und die wunderbaren Möglichkeiten des Dialogs im Netz zu nutzen.

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7 Antworten to “Der anonyme Mopp – ein anonymer Leserbrief an David B.”

  1. Mara Says:

    Danke für den Brief!

    Was mich an der ganzen Diskussion am allermeisten ärgert?… Es wird immer wieder hochgekaut. Wenn das Newsnetz meint, dass es mit registrierten Kommentaren besser fährt, dann führt es doch bitte endlich aus. – und schreibt, wenn ihr damit besser gefahren seid. Aber ständig im Vorfeld rumzujammern, wir würden ja gerne…laber… aber die bösen … (es darf je nach Lust und Laune eingetragen werden) lassen uns nicht.

    Wer hält sie eigentlich davon ab? Niemand, nur sie selber.

    PS: wer liesst eigentlich Dutzendkommentare auf solchen Seiten?

  2. zappadong Says:

    Ach, wenn man den Worten Taten folgen lassen würde, könnte man ja dummerweise herausfinden, dass es jemanden BEZAHLTEN braucht, der für die Kommetare verantwortlich ist. Man müsste klare Regeln nicht nur aufstellen, sondern sie EINHALTEN (schon mal auf newsnetz die Kommentarbedingungen gelesen und dann die Kommentare).

    Kommt dazu, was flashfrog schreibt: „Wer versucht, möglichst viel Klickvieh durch Boulevardisierung und SEO auf Sex & Crime zu generieren, bekommt, was er verdient: Den Bodensatz der Kommentatoren.“

    Über den bösen Mob zu schreien ist eine Scheinheiligkeit ohne gleichen, vor allem in diesem Verlagshaus, das es geschafft hat, eine Zeitung mit gutem Ruf (den Tagi) mit Hilfe eines absolut katastrophalen Webauftritts total an die Wand zu fahren. Mindestens qualiätsmässig – für die Quanität sorgen die Kommentare und die zum Teil oberpeinlich seichten „Artikel“.

    Ohne jetzt direkt auf den Verfasser des Artikels zu zielen, sondern generell: Wer Journalisten beschäftigt, die der Chefetage nach dem Mund schreiben („Wir meinten es so gut und dann macht der Pöbel alles kaputt – böse, böse User“) und in keinster Weise fähig sind, mehr als nur die Oberfläche anzutippen (man hätte aus diesem Artikel einen sehr differenzierten, kritischen – auch dem eigenen Verlagshaus gegenüber – Beitrag machen können, indem man diesem „die Geister, die man rief“ auf den Grund zu gehen), muss sich nicht wundern, wenn die Leser dahinschwinden.

  3. Mara Says:

    Zitat aus medienlese:

    „David Bauer
    schrieb am 7. Januar 2009 um 19:58 Uhr (#)

    Das ist die eine Seite, korrekt. Die andere Seite deute ich mit dem Vergleich zum Zauberlehrling an: Die Onlinemedien haben sich die Sache zu einfach vorgestellt, wollten die Masse als Kommentierer zu ihrem Nutzen gewinnen und haben dabei nicht bedacht, dass das auch nach hinten los gehen könnte.

    Bitte genauer lesen. Ich sage nicht, die Anonymität sei die Ursache für Verbalrandale in Kommentarspalten. Sondern die Rahmenbedingung, die es ermöglicht. Das ist ein entscheidender Unterschied. Aus dem sich auch erklärt, dass sich aus dem Argument: “Die meisten, die über die Stränge schlagen, tun dies anonym” nicht der Umkehrsatz ableiten lässt “Die meisten, die anonym bleiben, schlagen über die Stränge”.
    …………………. usw (da steht noch sehr viel mehr…)

    kein Zitat mehr:

    Und warum steht das nicht im Artikel???, sondern nur irgendwas von blöden Kommentatoren???

  4. flashfrog Says:

    Am eigentlichen Problem geht das alles wahrscheinlich eh vorbei.
    Man kann Kommentare löschen. Aber man kann nicht verhindern, dass Leute so denken und fühlen: vorurteilsbeladen, hasserfüllt, verletzt, aggressiv, engstirnig, selbstgerecht, gedankenlos, überheblich und was noch alles.
    Gelegentlich gehört man ja selber dazu.
    Und im richtigen Leben, da kann man niemanden einfach löschen.

  5. Thinkabout Says:

    Es geschieht in Kommentarthreads jeglicher Medien nichts, was nicht vorhergesehen werden könnte. Wenn man also eine solche Einrichtung als Massenmedium installiert, dann muss man sich nur noch bewusst sein, dass das Problem auch in Massen vorkommt – und Gegensteuer geben. Auch und gerade als Moderator. Und dafür braucht es eine Teflonhaut – und die Rückendeckung der Redaktion.

  6. Frau Müller Says:

    Redaktionen und Journalisten erhalten seit jeher übelste rassistische und antisemitische anonyme Leserbriefe. Jetzt landet dieser Gedankenmüll einfach direkt in den Kommentarspalten der Online-Medien statt in den Briefkästen der Journalisten. Ob diese Leserbriefe nun anonym sind oder nicht, das spielt keine Rolle. Es obliegt einer bezahlten Leserbrief-Redaktion/Online-Moderation diese Briefe zu bearbeiten, also sie zu publizieren oder zu löschen, respektive in den Papierkorb zu werfen.

    Vollends heuchlerisch finde ich das Gejammer, wenn man mit diesen (teils anonymen) Online-Kommentaren auch noch die Zeitungsspalten – oder wie kürzlich geschehen, sogar die Leserbriefseite – auffüllt, notabene gegen den Willen der Leserbriefredaktion und ohne deren Massstab an Leserbriefe zu berücksichtigen.

    Die These «Wie es in den Wald ruft, so ruft es zurück» stimmt nur teils. Meiner Erfahrung nach sind es vor allem gewisse Themen, die den Bodensatz der Kommentatoren an die Oberfläche spülen. Derzeit ist es der Nahost-Konflikt, ansonsten sind es von Ausländern begangene Verbrechen. Man kann noch so neutral darüber informieren, es melden sich immer Irrlichter und Deliranten zu Wort.

    Übrigens: Den meisten Hass habe ich mal wegen einer kritischen Bemerkung über Paulo Coelhos Bücher auf mich gezogen. Mein Briefkasten und meine Mailbox explodierten vor empörten (anonymen) Briefen und Mails. Paulo-Coelho-Fans riefen bei mir zu Hause an und beschimpften mich mit Wörtern aus der alleruntersten Schublade. Diese Frauen (und wenige Männer) waren in einer Weise giftig und aggressiv, wie ich das nicht mal bei den dümmsten Antisemiten erfahren habe. Ich kam zum Schluss, dass Menschen mit persönlichen Problemen, negativer Energie und passiven Aggressionen möglicherweise besonders anfällig für Paulo Coelhos Bücher sind.

  7. flashfrog Says:

    @Frau Müller: Stimmt, es gibt bestimmte Themen, die dazu neigen, aus dem Ruder zu laufen, bei denen sind die Moderatoren besonders gefordert. Dass der Gaza-Krieg dazugehört verwundert nicht und stützt meine These, dass sich in den Medien nur das verbal wiederspiegelt, was auch im sog. richtigen Leben die Gefühle hochkochen lässt.
    Zu den kritischen Themen gehören meiner Erfahrung nach vor allem: Glaubensfragen, Ausländer/Nationalismus und Fussball (wobei der Fussball ja die kritischen Aspekte von Religion und Patriotismus vereint). Ein Konjunkturprogramm für Moderatoren. 🙂

    Ich muss gestehen, von Paolo Coelho hab ich noch nie was gelesen. Aber meine MA-Arbeit über Salman Rushdie geschrieben…

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