Barack Obama: „Hoffnung wagen“

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2006 beschrieb Barack Obama in seinem Buch  „Hoffnung wagen: Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream“ (im Original: „The Audacity of Hope – Thoughts on Reclaiming the American Dream“) seine persönlichen Ansichten und politischen Ziele.

Ob er damals wohl schon daran gedacht hat, dass er einmal Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte? Hätte das damals irgend jemand für möglich gehalten?

Zumindest hat Obama schon damals, als Senator, klare Vorstellungen davon gehabt, was er besser machen würde als die Bush-Regierung und warum.

Von sehr persönlichen Erfahrungen seines eigenen Lebensweges ausgehend beschreibt Obama in dem Buch seine politischen Überzeugungen: Aufgewachsen ist er als Sohn eines kenianischen Vaters und einer weissen US-Amerikanerin im multikulturellen Hawaii und im überwiegend muslimischen Indonesien mit indonesischem Stiefvater und Halbschwester: Familientreffen bei Obamas würden an eine UN-Vollversammlung erinnern.

Beste Vorraussetzungen für eine Politik, die den veränderten Bedingungen der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts gerecht wird, die die Globalisierung als Chance begreift, nicht bloss als Bedrohung.

Aus solchen Erfahrungen rührt wohl auch die Überzeugung Obamas, die die Grundlage für alle Bereiche seines Denkens bildet: Dass wir Ziele nur gemeinsam erreichen können, mit einander, nicht gegen einander: Demokraten und Republikaner müssen gemeinsam Lösungen für die drängenden Probleme der amerikanischen Wirtschaft und des Gesundheits-, Renten- und Sozialsystems finden. Der Staat und die Reichen dürfen die ärmeren und benachteiligten Bürger nicht im Regen stehen lassen. Reiche und arme Länder müssen unter Mitwirkung funktionierender und von allen (auch den USA) respektierter internationaler Institutionen die Herausforderungen der Globalisierung bewältigen. Und auch im privaten Bereich der Familie spricht er sich für eine gleichberechtigte Partnerschaft aus, dafür, Voraussetzungen zu schaffen, die Frauen gleiche Lebenschancen bieten wie Männern.

Das ist für Obama der Kern des Amerikanischen Traums: Jeder Mensch soll die Chance haben, sein Leben zu gestalten, seine Talente zu entwickeln und einzusetzen und gesellschaftlich aufzusteigen.

Eigenverantwortung und harte Arbeit, aber auch Gemeinschaftsgefühl und Verantwortung für die anderen, das sind für Obama die entscheidenden  amerikanischen Werte. Dazu fordert er ein stabiles Sicherheitsnetz, dass auffängt, wenn der einzelne scheitert, den Job verliert, krank wird oder alt. Eine bezahlbare Krankenversicherung für alle Amerikaner, gerechte Löhne, Investitionen in Bildung, Forschung und Zukunftstechnologien, das sind ein paar der Reformen, die Obama als besonders wichtig anmahnt.

Dabei kennt er als ehemaliger Sozialarbeiter in Chicago die Probleme der amerikanischen Unterschicht und der African-American Community in den Inner Citys nicht bloss aus Statistiken. Den Hauptgrund für Kriminalität und Gewalt in diesen Bezirken sieht er in der ökonomisch aussichtslosen Situation und Hoffnungslosigkeit der Bewohner. Und das Gegenmittel folglich in besseren Schulen und Jobs, um den Teufelskreis vererbter Armut zu durchbrechen.

Ähnlich ist seine Ausrichtung übrigens auch in der Aussenpolitik: Die grösste Gefahr für die Zukunft sieht Obama nicht in nationalen Kriegen sondern in transnationalem Terrorismus, der auf dem Boden von Armut und Hoffnungslosigkeit gedeiht. Auch international sieht er Bildung und Bekämpfung von Armut als beste Medizin.

„Terror“ heisst ja „Angst“. Das Gegenteil von Angst ist Hoffnung.
Obama mag also Recht haben in dieser Diagnose, dass wir die Welt nur dann zu einem sichereren Platz machen können, wenn alle – privat, national und international – vom Fortschritt profitieren.

Dass das Opfer und harte Entscheidungen verlangen wird, ist ihm durchaus bewusst, und das verschweigt er seinen Lesern nicht.

Auch Zweifel und Selbstzweifel finden Raum in dem Buch.

Obama sieht sich gewiss nicht als „Messias“. Er ist kein göttliches Wesen. (Jedenfalls nicht mehr als andere Menschen auch.)

Was er hat, ist ein Programm.

Wer etwas darüber erfahren will, wie Obama tickt, über seine persönlichen Hintergründe, seine Ideale und Werte, auf die er seine Politik gründen möchte, darüber, was uns in den nächsten vier Jahren erwartet mit diesem Präsidenten, etwas, dass über Wahlkampfparolen und Projektionen hinausgeht, der sollte dieses Buch lesen.

Es lohnt sich.

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9 Antworten to “Barack Obama: „Hoffnung wagen“”

  1. uertner Says:

    Die „Beiz“ lebt also noch. Zu diesem Obama meine ich mein stetes: ceterum censeo: Begeisterung ist gut, auch Hitler hat begeistert. Mir scheint das ethische Fundament Obamas solider (Bibel Abraham Lincolns und treusorgende Gattin an der Seite). Nach Deutschland möchte ich zu bedenken geben: Afghanistan will Obama nicht verlieren. Allen Gegnern der USA hat er unverholen mit seiner Atommacht gedroht: they will be defeatet. Wird nun Frau Merkel bereit sein ihr Volk geistig auf Särge vorzubereiten, die aus Afghanistan kommen? Aus einem Krieg der begonnen wurde, um die Frau auch in der Taliban-Gesellschaft aus der Burka zu befreien. Wird die mit dem französischen Orden geadelte Alice Schwarzer bei dieser Kampagne mitmachen: Frauen gebärt Kinder für das Schlachtfeld der Befreiung der Frau? Ich habe meine Zweifel, ob Deutschland – indem Demonstrationen gegen Minarette verboten werden – geistig in der Lage ist, „Obama-tauglich“ zu werden und „Yes, we can“ zu sagen, statt „wir wollen höheres Harz VI“. Sehr zu Recht hat nämlich der Alt-Minister Joschka Fischer in die Kameras des Schweizer Fernsehens kommentiert: „Wir Europäer werden nicht zynisch zuschauen können. Amerika braucht unsere Hilfe. Auch die Schweiz wird helfen müssen.“ Heute hat der Bundesrat verlauten lassen, er prüfe die Übernahme von „Guantanamo-Häftlingen“. So drei, vier werde die Schweiz übernehmen. Und Europa? Deutschland?

  2. flashfrog Says:

    Der uertner lebt also auch noch. 🙂
    Ich würde dir tatsächlich empfehlen, das Buch zu lesen. Zu Ende. An dem findet sich nämlich auch Obamas Haltung zur Rolle der Frau, z.B. seiner eigenen.

    Und, wie ich weiter oben schrieb: Obamas aussenpolitischer Ansatz ist in erster Linie einer der Diplomatie, nicht des militärischen Säbelgerassels.
    Frage an den Historiker: Wie wurden in Europa religiöse Extremismen und deren gewalttätige Exzesse überwunden?
    Ich denke, (schulische) Bildung, die modernen Naturwissenschaften und der wachsende materielle Wohlstand in Mitteleuropa haben einen grossen Teil dazu beigetragen. Dann wäre Obamas Strategie, Bildung und Wissenschaft zu fördern und Armut zu bekämpfen ziemlich clever.

  3. uertner Says:

    Falsch. Nicht wissenschaft und Bildung. Sondern der Überdruss am Gemetzel. Man lese das Vorwort von Descartes „Discours de la Méthode“ Ausserdem vernünftige Herrscher, die religiöse Toleranz zuliessen, wie die Preussen.

  4. Frau Müller Says:

    @ Flashfrog: Obama mag kein Säbelrassler sein, aber wie er wiederholt selbst gesagt hat, bedeutet seine Opposition zum Irak-Krieg keineswegs, dass er ein Pazifist sei. Ich habe seine Biographie nicht gelesen, aber einiges über seine aussenpolitische Position.

    Er hat mehrfach versichert, dass er ein Freund Israels sei und die Zweistaatenlösung unterstütze. Er werde zwar im Gegensatz zu Bush mit allen beteiligten Gruppen sprechen, auch mit der Hamas. Allerdings werde er nur dann verhandeln, wenn Aussicht auf Erfolg besteht und die Interessen der USA gewahrt bleiben. Gespräche nur um der Gespräche willen werde es nicht geben. Und dem Iran drohte er mit «grenzenlosen» Massnahmen gegen die Atomwaffenproduktion.

    Und wenn er Truppen aus dem Irak abzieht, dann um sie in Afghanistan zu positionieren. In Pakistan/Afghanistan liegt auch sein militärischer Schwerpunkt. Er will die Jagd auf Osama bin Laden fortsetzen und ihn gefangen nehmen oder töten, auch ohne Erlaubnis der pakistanischen Regierung.

    Gut möglich, dass dies nur Wahlkampfparolen waren, schliesslich hat er das vor seiner Wahl gesagt.

    Fakt ist, dass Obama vorgestern, also vier Tage nach seiner Inauguration, Befehl gegeben hat, ein pakistanisches Dorf zu bombadieren, wo Taliban und Al-Qaida-Terroristen vermutet werden. Dabei sind mehrere Frauen und drei Kinder gestorben.

    http://www.guardian.co.uk/world/2009/jan/24/pakistan-barack-obama-air-strike

    Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Leute, die in Obama den neuen Messias sehen, endlich ihre rosa-rote Brille ablegen und der Realität in die Augen schauen sollten. Obama tut dies nämlich auch.

  5. zappadong Says:

    Nein, ein Messias ist er nicht. Aber ein Hoffungsträger. Er war der erste, der nach seiner Wahl warnte, dass er es nicht allen recht machen werden kann – und das es nicht einfach wird.

  6. Frau Müller Says:

    @ Zappadong: Derzeit sieht es so aus, als würden Obamas Anhänger bei einer ganzen Reihe von Punkten enttäuscht werden.
    Er redet von diplomatischen Verhandlungen und lässt Dörfer in Pakistan bombardieren (dabei wurden Zivilisten getötet und die Souveränität des Staates Pakistan verletzt).
    Er will den CO2-Austoss drastisch vermindern und ernennt Steven Chu zum Energieminister, der auf Atomkraft setzt.
    Er hat sich auch klar für die Todesstrafe ausgesprochen bei schweren Verbrechen («that the community is justified in expressing the full measure of its outrage by meting out the ultimate punishment»).

    Mir scheint es zuweilen, dass sich die Leute gar nicht dafür interessieren, wo Obama bei politischen Fragen wirklich steht. Man ist einfach mal für ihn, so wie man gegen Bush war.

    Oder andersherum gefragt: Ist die Hoffnung nach Change auch nach einem tiefen und gründlichen Blick in sein politisches Programm noch nachvollziehbar?

  7. Obama als Hoffnungsträger für den Nahen Osten - Obama, Ländern, Länder, Fehler, Einstellung, Muslimen, Amerika, Nahen - Sarsura-Syrien Says:

    […] https://beizzweinull.wordpress.com/2009/01/20/barack-obama-hoffnung-wagen/ […]

  8. Sarsura Says:

    Ich kann dir größtenteils nur zustimmen, Frau Müller.. aber ist wohl wie in Deutschland mit der Politik und den Wahlprogrammen der Parteien.. 🙂

  9. flashfrog Says:

    Das ist ja das schöne an dem Buch: Obama wird sich messen lassen müssen an den Zielen und Werten, die er damals (vor 2, 3 Jahren) verkündet hat.

    Aber zu erwarten, dass er innerhalb von 4 Tagen die gesamte Politik Amerikas umkrempelt, hiesse in der Tat, unerfüllbare Anforderungen stellen.
    Ich denke, er wird als Demokrat versuchen, Kompromisse zu finden, die auch die Republikanische Seite mittragen kann. Deren Vertrauen muss er sich erstmal erarbeiten.

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