Verbale Massenvernichtungswaffen?

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Als ich zum ersten Mal eine Ausgabe des Magazins „Zeitungzeugen“ am Kiosk aufblätterte, war ich einfach nur erschrocken und entsetzt. Darin abgedruckt fand sich eine Facsimile-Reproduktion einer Nazi-Propaganda-Zeitung. Weiter bin ich mit dem Lesen nicht gekommen, weil mir das Ding vor Schreck buchstäblich aus der Hand fiel.

Einen historisch-kritischen Zugang zu den in Deutschland gedruckten Zeitungen von 1933-45 wollten die Zeitungsmacher einem breiten Publikum ermöglichen, so las ich später.

Die 3. Ausgabe nun erschien in zensierter Form, weil die bayrische Landesregierung das Urheberrecht auf das Material beansprucht, das sie nach dem zweiten Weltkrieg von den Siegermächten übertragen bekommen hatte, um sicherzustellen, dass solche Dinge nie wieder in Deutschland gedruckt und verkauft werden mögen.

Ich habe meinen Zeitungsverkäufer befragt, ob der es nicht für bedenklich hält, Nazipropaganda zu verbreiten.

Was ihn annehmen liesse, dass die Propaganda, die damals mit den bekannten schrecklichen Folgen gewirkt hat, heute völlig ungefährlich sei, nur, weil sie mit einem kritischen Kommentar von Historiker Dr. Soundso buchstäblich „bemäntelt“ ist? Ob ihm bekannt sei, dass Werbung auf das Unbewusste auch dann ihre Wirkung tut, wenn man es gar nicht wahrnimmt oder sich sogar bewusst dagegen wehrt? Und erfahrungsgemäss alles mit der Zeit gesellschaftsfähig wird, wird es nur oft genug wiederholt?
Das junge Mann hatte es plötzlich sehr eilig, eine andere Kundin zu bedienen.

In der Tat scheint, wie Frau Müller drüben so richtig bemerkte, der britische Herausgeber hier andere Vorstellungen davon zu haben, was erlaubt sein sollte und was verboten, wenn er in Ausgabe Nr. 3 quasi fordert, eine günstige Taschenbuchausgabe von „Mein Kampf“ sollte in jeder deutschen Buchhandlung zu kaufen sein.

Ich bin kein grosser Fan von Zensur, aber, da ich die Wirkung von Sprache studiert habe und mir deshalb einbilde, ein bisschen was davon zu verstehen, bin ich überzeugt davon, dass solche verbalen Massenvernichtungswaffen nicht in die Hände von Bildzeitungslesern und Lottospielern gehören. Und wer sich tatsächlich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigen will, der findet das Material problemlos in historischen Archiven.

Artikel zum Thema:

Süddeutsche: Tanz der Teufel:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/324/455995/text/

Spiegel online: Bayern verbietet Nachdruck von Nazi-Zeitungen:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,601693,00.html

Welt.de: Bayern lässt „Zeitungszeugen“ beschlagnahmen
http://www.welt.de/kultur/article3079675/Bayern-laesst-Zeitungszeugen-beschlagnahmen.html

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4 Antworten to “Verbale Massenvernichtungswaffen?”

  1. uertner Says:

    Auf ein kluges Interview von Peer Teuwsen mit Walter Kempowski hin,

    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2007-30/artikel-2007-30-reiches-schoenes-grauenhaftes.html
    habe ich eben mit der Lektüre von „Heile Welt“ begonnen. Die Geschichte eines Landschullehrers in der Heide im Jahr 1961 wird erzählt und Kempowski gelingt es auf meisterliche Weise hinter dem Firnis der korrekt abgehefteten deutschen Normalität in die Abgründe der deutschen Geschichte hinabzuleuchten. Es ist eine Erzähltechnik und eine 360-Grad Bewusstheit, die mir sehr imponiert.
    Ich habe diese Machwerke nicht gesehen, aber ich finde es gar nicht so schlecht, wenn man sie wieder mal hervorholt. Denn ich denke, dass schon 1933 einem klarsichtigen Menschen anhand dieser Druckerzeugnisse das ganze folgende Elend offenbar daliegen musste. Ich habe einmal einen jüdischen Schriftsteller kennen gelernt, der nach der Machtergreifung der Nazis sich „Mein Kampf“ kaufte, das Buch in einer Nacht durchlas und am nächsten Tag alle seine Verwandten warnte und den nächsten Zug nach Prag bestieg. Erschütternd ist aber, dass er seine ganze Verwandtschaft im Konzentrationslager verlor, weil es niemand der „deutschen Culturnation“ zutraute, dass sie mit bürokratischer Rationalität diese Pläne auch in die Tat umsetzen würde.

  2. uertner Says:

    Was auch heutigen Deutschen zu denken geben müsste: offensichtlich war das deutsche Volk zu einem Widerstand gegen dieses Gedankengut nicht mehr in der Lage. Und insofern bin ich als Schweizer schon ein bisschen stolz (obwohl es natürlich nicht mein Verdienst ist), dass selbst 1938 – 1945 auf unserem Territorium noch Bücher in deutscher Sprache gedruckt wurden, die man nicht verstecken muss. Und diese Bücher sind nicht die schlechtesten, die im Angesicht des jederzeit möglichen Todes geschrieben wurden.

  3. flashfrog Says:

    Lieber Uertner, wir könnten uns ein Bücherregal teilen. 🙂
    Ich glaube, ich mach mal ein virtuelles Bücherregal auf, wo dann jeder reinschreiben kann, was er gerade liest und was er davon hält.

  4. flashfrog Says:

    @ Topic: Dass wir (leider) weit davon entfernt sind, vor Angst- und Hass-Propaganda gefeit zu sein, zeigt ja z.B.
    diese Aktion hier.

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