Archive for März 2009

Wegleitung, die (aus dem Lexikon der Swissness)

März 23, 2009

Dieser Beitrag wird mit Fr. 270.- brutto honoriert (inkl. Fr. 20.- Urheberrechte). 13.65 gehen an AHV, IV und EO (Mutterschaftsversicherung), 2.70 an die Arbeitslosenversicherung, was der Buchhaltungscomputer der Tamedia erledigt. Damit wird unserem Vierpersonenhaushalt (Verheiratetentarif) nahe gelegt, den Betrag von Fr. 253.65 mit anderen derartigen Beträgen summiert unter Ziff. 2.2 in unsere Steuererklärung einzutragen. Die 253.65 sind zu einem Grenzsteuersatz von 18 Prozent zu versteuern, macht also Fr. 45.65. Uns bleiben Franken 208.-. Unser Haushalt gewönne also 45.65, würde ich diesen Betrag bei der Summierung für Ziff. 2.2 «vergessen» (>Hinterziehung). Lucrezia Meier-Schatz (CVP), die uns im oberen unteren Mittelstand einteilt, verspricht mir im Rahmen des Steuerpakets eine Erleichterung im Rahmen des Nettohonorars dieses Beitrags, sollte das «Ja» am 16. Mai obsiegen. Im mittleren Mittelstand siedelt uns Jacqueline Fehr (SP) an, die mir rät, «Nein» zu stimmen, da das Steuerpaket am fehrschen Mittelstand (70 000-120 000 Bruttoeinkommen) vorbeiziele. Beträge in Ziff. 2.2 berechtigen aber auch zu Abzügen: Doppelverdiener (Ziff. 17), Berufsauslagen (Ziff. 11.1). Im Kanton Zürich kann ich die Spielgruppenkosten (Ziff. 24.3) meiner im Moment nicht störenden Jüngsten schon jetzt in Abzug bringen. Da würde Ihnen das Steuerpaket auch bei der Bundessteuer helfen, meint Meier-Schatz. «Ja» oder «Nein»? Hinterziehen? Oder betrügen? Wie war das?

Bankier Julius Bär sagt, der Unterschied zwischen Steuerbetrug und -hinterziehung sei einem Angelsachsen nicht erklärbar (>Commonsense). Fragen wir in Bern. Herr Schneeberger von der Eidg. Steuerverwaltung spricht den näselnden Dialekt Peter Bichsels (>Jurasüdfuss): langsam, aber Klartext. «Stüürbetrug liit nur vor, we tiir e Urkunde fälsche oder ferfälsche tüeet.»

Ja ist denn die Steuererklärung, die ich mit Ort, Datum und Unterschrift abschliesse, keine Urkunde? «Näii, das isch numme en Erchläärig.» Aha. Und alle die Computerausdrucke, die ich erhalte («gültig ohne manuelle Ergänzung»)? Sind das «Urkunden»? «Im rächtlichä Sinn äbä scho.» Und die Steuererklärung ist so nur Erklärung «auf Eid und Ehre» (>Rütlischwur)? Sind wir vielleicht deshalb «Eidgenossen»? Und die, die hinterziehen «Meineidgenossen»? «Jaa, gwüssermasse, wedr so weid, odr ebe stüüreehrlichi u stüüruneehrlechi Lüüt.» Ach so. Mir wird klar: Wir, ein einzig Volk von Brüdern, direktdemokratisch souverän, sind gleichzeitig Objekt (>Geldbeutel) und Subjekt (>Ratte) der Steuererklärung. Diese ist so nicht ein Vertrag zwischen zwei Rechtspersonen (Urkunde), sondern innerpersönlich-freundeidgenössische Mystik zwischen mir als Steuerbürger, mir als Souveränbürger und dem Allmächtigen. Betrügen kann nur, wer sich von einer juristischen Person, über die er verfügt (AG, GmbH, Einzelfirma), sich Urkunden anfertigen lässt. Dass wir diesen moralisch-psychischen Salto auch allen erwerbstätigen niedergelassenen Ausländern (>Fötzel, fremder) zutrauen, ist immerhin erstaunlich.

Und die Angelsachsen? Diese sind im ganzen «commonwealth» hingegen Untertanen: Als solche stehen sie dem Staat gegenüber in Betrugsverdacht, ohne souveräne Hinterziehungsmöglichkeit. Die Yankees aber befreiten sich 1776 durch ihre «Declaration of Independence». Sie sind nicht mehr Untertanen, aber bei richtiger «representation» zahlen sie ihrer «administration» so gerne «taxation», dass sie ihren Fiskus die Beträge gleich auf ihrem Bankkonto abbuchen lassen. Hier ansässige «holder» von US-«shares» müssen sich am Ende des Wertschriftenverzeichnisses unter «Sonderfälle» (>Sonderfall, der) «Fragen an die Besitzer von USA-Wertschriften» gefallen lassen. Aha.

Ich verabschiede mich voller Nationalstolz von meinem sympathischen Angestellten vom «Bernerhof». Was ich dumpf ahnte, klärt sich nun. Was beim Ausfüllen der Steuererklärung in mir Eidgenossen vorgeht: Dieses Gemenge von Präzision, Ärger, Bauernschlauheit, Neid und Patriotismus, das kann uns keiner nachfühlen.

Wenn mich nach dem 1. April (>Fristerstreckung) ein Yankee blöd anmacht, so werde ich ihm die Hühner schon eintreiben: Eure Vorfahren haben wohl die Menschenrechte und Unabhängigkeit erklärt, aber was die jährliche «declaration of taxation» eines direktdemokratischen (Mein-?)Eidgenossen ist, das werdet ihr nimmer weder begreifen noch erfühlen.

Nur, was sage ich meinem niedergelassenen, erwerbstätigen türkischen Nachbarn? Wie steuerehrlich er auch sein mag: Am 16. Mai hat er nichts zu melden. Da stimmen wir ab. Wir Eid- und Meineidgenossen

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2 Länder – eine Sprache – unterschiedliche Deutungen

März 22, 2009

Am gestrigen Samstag erschien auf NZZ-Online der folgende Beitrag des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer: «Ich krieg die Wurst da!»

Ich halte ihn für ausserordentlich lesenswert, da er, aus meiner Sicht, die unterschiedlichen Sichtweisen der Schweizer und der Deutschen auf gemachte Aussagen verdeutlicht.

Beiz 2.0 goes Real Life

März 14, 2009

Liebe Beizautorinnen und -toren, liebe Leserinnen und Leser,

schön, wenn man sich regelmässig in einer vertrauten kleinen Community liest. Noch schöner wäre es vielleicht, sich auch einmal „in echt“ kennen zu lernen, oder?

Im Sommer 2008 beim Blogcamp in Zürich liefen sich ein paar Facts-Dissidenten über den Weg. Der Uertner führte sie nach der letzten „Session“ zu einer Beiz in der Nähe, wo sie bei herrlichem Abendsonnenschein und kühlem Panaché/Radler Pläne zu schmieden begannen, um selber etwas auf die Beine zu stellen und unserer kleinen Exfacts-Community ein neues Heim zu geben. Heraus kam dann, wenige Wochen und viele Mails später die Beiz 2.0.
So weit zum Gründungsmythos. 🙂

Nächste Woche findet in Zürich die 4. Ausgabe des Schweizer Blogcamps statt.

Präzise gesagt am Samstag, den 21.3.2009 von 10 bis 17 Uhr an der ETH Zürich.
Alle Infos und Anmeldung: http://blogcamp.ch/

Wer noch nie bei so einer „Unkonferenz“ war – es lohnt sich! Es gibt jede Menge zu lernen und auszutauschen, von Blogger zu Blogger.

Und ich würde gern die Tradition fortsetzen, dass wir uns im Anschluss an das Blogcamp, also so vermutlich so gegen 18 Uhr, eine gemütliche Reallife-Beiz in den Nähe der Uni suchen – zum Kennenlernen, Wiedersehen, Diskutieren und neue Ideen Anzetteln. Den weiteren Ausbau der Beiz 2.0 betreffend beispielsweise.

Alle Beizautorinnen und -autoren, Kommentatorinnen und Kommentatoren, Leserinnen und Leser sind herzlich willkommen! Selbstverständlich könnt ihr auch nur zum Beiz-Treffen kommen, ohne Blogcamp.

Wer von euch hätte Lust und Zeit zum Real-Life-Beizen?

Und kennt jemand von euch eine gemütliche Beiz in der Nähe der ETH, wo wir uns treffen können?

Der Amoklauf von nebenan

März 12, 2009

Gestern Morgen hat ein 17-jähriger in einer Schule in Winnenden (Deutschland)  neun Schüler und drei Lehrer getötet, später auf seiner Flucht noch mehrere Personen, die ihm zufällig in den Weg kamen.

http://www.zeit.de/online/2009/11/amoklauf-baden-wuerttemberg

Ich hatte mich am Morgen nur über die vielen Zivilautos mit Polizeisirenen gewundert, die an mir vorbeirauschten Richtung Stuttgart. Was passiert ist, habe ich erst später im Netz gelesen. Von Twitterern, die praktisch „live“ dabei waren. Auch die Medien haben sich gleich mal auf die gestürzt.

Und sofort wird nach Gründen gesucht. Sind die bösen Computerspiele wieder schuld? Oder der Vater, der eine Unzahl von Schusswaffen und Munition zu Hause rumliegen hatte? Die Lehrer?

Mich macht die Tat einfach nur fassungslos. Ich wäre wahrscheinlich ein schlechter Journalist. Ich wüsste nichts zu sagen. Ich kann keine schlauen Analysen von mir geben, keine geschliffenen Schuldzuweisungen, kann keine „tiefe Betroffenheit“ äussern.

Ich kann nur über die Sinnlosigkeit der Tat verzweifeln. Ich bin so wütend und fassungslos. Mir kommen die Tränen, wenn ich an die Angehörigen der sinnlos getöteten Menschen denke. Nein, eine gute Journalistin wäre ich wohl nicht.

Offener Brief an Erika Forster-Vannini

März 7, 2009
Vorbemerkung:
Der Ständerat hat am Donnerstag beschlossen, dass arbeitstätige Eltern, die sich um ihre schwer kranken Kinder kümmern wollen, keinen bezahlten Pflegeurlaub und kein Taggeld erhalten. Das alleine wäre erschütternd genug. Noch erschütternder waren die Begründungen. Zu teuer. Können wir uns nicht leisten. Zitiert wurde dabei u.a. Frau Forster-Vanini, und weil sie als Ständerätin des Kantons St. Gallen auch mich vertritt, schreibe ich ihr diesen offenen Brief (den ich ihr auch privat geschickt habe). Und weil dieser Brief persönlich ist und ich öffentlich dazu stehen will, habe ich ihn auch mit meinem eigenen Namen unterschrieben.

Liebe Frau Forster-Vannini

Als Ständeratin des Kantons St. Gallen vertreten Sie unter anderem auch mich.

Ich stelle ernüchtert, erschüttert und sehr, sehr wütend fest: Man kann heutzutage ungestraft eine Bank an die Wand fahren. Bezahlen dürfen das dann die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen. Einen bezahlten Urlaub für Eltern von pflegebedürftigen Kindern (die ebenfalls Steuern zahlen für die an die Wand gefahrenen Banken) können wir uns hingegen „nicht leisten“.

Unsere Welt, unsere Schweiz ist sehr, sehr kalt geworden, wenn wir so weit sind, dass uns eine UBS alles und ein todkrankes Kind nichts kosten darf.

Ich bin nicht direkt von diesem Entscheid betroffen und trotzdem bin ich wütend wie schon lange nicht mehr. Wäre ich direkt betroffen, ich käme mir vor wie der letzte, wertlose Dreck – und sehr, sehr alleine gelassen

Glauben Sie mir, ich sähe mein Steuergeld viel, viel lieber bei einer Familie mit einem kranken Kind als in einer Bank.

Alice Gabathuler, Jugendbuchautorin

 

 

Alte Besen kehren gut?

März 4, 2009

Man mag ja kaum seinen Augen trauen – die alte Garde steht also Gewehr bei Fuss,wenn sie in der Not gerufen werden. Jetzt bekommt also auch das Präsidentenamt der UBS einen aus der Pension zurückgerufenen.

Man fragt sich ja schon, welche Hintergedanken solche Berufungen haben. Erfahrung ist damit an der Spitze der UBS sicherlich vorhanden. Aber ist es das, was man jetzt auch nötig hat? Den welche Erfahrung wird hier wieder aktiviert. Die Garde wird wieder eingesetzt die auf Investmentbanking setzte, diejenigen die die letzten zehn Jahre entscheident mitgeprägt haben  und was unterscheiden sie von Ospel und Kurer ? – der Zusammenbruch geschah nach ihrer Pensionierung. Aber sonst?

Wenn man glaubt, alles könne wieder so werden wie früher – ja dann ist diese Entscheidung sicherlich nachvollziehbar. Wenn man aber wie viele glaubt, dass dieses unseres Finanzsystem neue Impulse braucht um Systemfehler zu beseitigen, ja dann bleibt nur ein unverständliches Kopfschütteln. Nix gelernt aus der Krise. Für dieses Jahr wünsche ich den Beteiligten eine grosse Portion Selbstreflexion.