Offener Brief an Erika Forster-Vannini

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Vorbemerkung:
Der Ständerat hat am Donnerstag beschlossen, dass arbeitstätige Eltern, die sich um ihre schwer kranken Kinder kümmern wollen, keinen bezahlten Pflegeurlaub und kein Taggeld erhalten. Das alleine wäre erschütternd genug. Noch erschütternder waren die Begründungen. Zu teuer. Können wir uns nicht leisten. Zitiert wurde dabei u.a. Frau Forster-Vanini, und weil sie als Ständerätin des Kantons St. Gallen auch mich vertritt, schreibe ich ihr diesen offenen Brief (den ich ihr auch privat geschickt habe). Und weil dieser Brief persönlich ist und ich öffentlich dazu stehen will, habe ich ihn auch mit meinem eigenen Namen unterschrieben.

Liebe Frau Forster-Vannini

Als Ständeratin des Kantons St. Gallen vertreten Sie unter anderem auch mich.

Ich stelle ernüchtert, erschüttert und sehr, sehr wütend fest: Man kann heutzutage ungestraft eine Bank an die Wand fahren. Bezahlen dürfen das dann die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen. Einen bezahlten Urlaub für Eltern von pflegebedürftigen Kindern (die ebenfalls Steuern zahlen für die an die Wand gefahrenen Banken) können wir uns hingegen „nicht leisten“.

Unsere Welt, unsere Schweiz ist sehr, sehr kalt geworden, wenn wir so weit sind, dass uns eine UBS alles und ein todkrankes Kind nichts kosten darf.

Ich bin nicht direkt von diesem Entscheid betroffen und trotzdem bin ich wütend wie schon lange nicht mehr. Wäre ich direkt betroffen, ich käme mir vor wie der letzte, wertlose Dreck – und sehr, sehr alleine gelassen

Glauben Sie mir, ich sähe mein Steuergeld viel, viel lieber bei einer Familie mit einem kranken Kind als in einer Bank.

Alice Gabathuler, Jugendbuchautorin

 

 

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3 Antworten to “Offener Brief an Erika Forster-Vannini”

  1. BodeständiX Says:

    Bravo Frau Zappadong!

  2. uertner Says:

    Natürlich, die Frau Erika Forster-Vannini, mit ihrem verkniffenen Gesicht, ist nicht gerade das, was der Menschheit versprochen wurde, wenn Frauen in die Politik einsteigen würden. Und das Video im „10vor10“ war auch sehr dramatisch anrührend.

    Hinwiederum sind Frauen bei der Verwaltung von Sozialhilfegeldern in jüngster Zeit ziemlich ins kreuzfeuer geraten. Das liegt nicht am Geschlecht, sondern daran, dass man den Sozialdemokratinnen und Grünen gerne das Soziale überlässt. Frau Forster ist ja eine Freisinnige, und diese Partei findet, der Staat habe eigentlich nur Verkehrsschilder aufzustellen, Grenzen bewachen, Diebe fangen und einlochen etc. Und im schlimmsten Fall auch der Wirtschaft helfen, wenn einem diese in der Krise plötzlich um die Ohren zu fliegen droht.

    Vielleicht – wir wissen es nicht – hat die Frau Forster ja privat eine Unterstützungsaktion für solche Familien aufgegleist. Auf alle Fälle findet sie wohl, der Staat müsse das nicht machen. Im Programm von Obama habe ich gelesen, dass Obama jegliche religiöse Gemeinschaft unterstützen will. Denn Obama selbst hat die Erfahrung gemacht, dass in einer solchen Community am besten geholfen werden kann und es den Staat dann auch weniger kostet. Zudem verschulden sich die USA derzeit mit so unsinnigen Projekten (Auto-industrie etc.), dass er ohnehin kaum Geld für soziales haben wird.

    Es ist die Frage an die Unternehmerin Zappadong: will sie lieber zusätzliche Sozialprozente auf die Löhne ihrer Angestellten dulden, ihre Leistungen teurer Anbieten, oder beschliesst sie sich bei einer karitativen Organisation zu erkundigen die solchen Menschen hilft und aus ihrem Geschäftsüberschuss einen Obolus entrichten, den sie gezielt eingesetzt in ihren Auswirkungen verfolgen kann?

    Religiöse Gemeinschaften sind für solche Netze geeignet, weil ein Vertrauen und eine soziale Kontrolle herrscht. Über den Staat kann das Geld irgendwo landen und es werden Sozialpädagogen, Super- und Inter- und Revisoren und Geschäftsprüfungskommissionen und Rekursinstanzen fett dabei: ob der Schreiner vom „10vor10“ so seine Hilfe bekommt?

    Was mir kürzlich aufgefallen ist. Die Idee der Versicherung scheint nur in den reformierten Kantonen gegriffen zu haben. Es gibt eine Zürich, Winterthur, Neuchateloise, Vaudoise, Berner, Genfer, Basler Versicherung, aber keine Urner, Luzerner, Schwyzer Versicherung. Offensichtlich helfen bei den Katholiken eher Nonnen und Mönche, es wird gebetet und auf Gott vertraut. Die reformierten haben diese herzliche Anteilnahme an die Versicherung übergeben, im vertrauen, dass sie ja alle ehrlich sind und nicht einen Versicherungsbetrug begehen würden. Von holländischen Fundamentalcalvinisten habe ich gehört, dass diese jegliche Vorsorge als Misstrauen in den Plan Gottes deuten. Weder impfen sie ihre Kinder, noch schliessen sie Versicherungen ab. Wenn ein Schicksschalsschlag eintrifft, dann ist es eine Prüfung Gottes und die

  3. zappadong Says:

    Die Erika Forster hat es mehr aus Zufall getroffen: Sie ist nun mal „meine“ Ständerätin. Der SVP-Typ mit seiner Aussage, die an Menschenverachtung nicht zu überbieten war, hat mich noch viel heftiger aufgeregt. So viel zum Thema Frau, auf das ich hier nicht eingehen will, weil es hier weder um „weibliche“ noch um „männliche“ Politik geht, sondern einfach um Politik.

    Als Unternehmerin würde ich für so etwas JEDERZEIT eine Erhöhung der Sozialabgaben befürworten – wer rechnen könnte, würde nämlich herausfinden, dass wir uns hier in einem finanziell sehr bescheidenen Rahmen bewegen. Ich möchte aber anfügen, dass man von mir aus dieses Geld – genau wie das Geld für die Mutterschaftsversicherung – aus dem Erwerbsausfalltopf nehmen könnte, aus dem man auch das Geld für den Ausfall beim Militärdienst nimmt. Schaut man nämlich, wie viel weniger Soldaten heute diensttauglich sind als früher, müsste da meiner – zugegebenermassen subjektiven und auch nicht auf Recherchen basierten – Meinung nach, dieses bisschen Geld durchaus drinliegen.

    Zur Privatperson: Meine Familie unterstützt in Form von Spenden eine Organisation, die es Eltern kranker Kinder ermöglicht, in der Nähe ihrer Kinder zu sein, wenn sie im Spital sind (durch Finanzierung von Wohnungen in Spitalnähe). Und NEIN, diese Organisation ist keine christliche, weil ich um sämtliche christlichen Organisationen einen weiten Bogen mache.

    Über das Vertrauen und soziale Kontrolle in christlichen Organisationen könnten wir diskutieren – mir ist es schon lange abhanden gekommen. Das ist schade für jene, die dieses Vertrauen wirklich verdienen (denn die gibt es durchaus), doch mein Misstrauen ist einfach zu gross. Und so ist eines meiner Kriterien bei Spenden, dass die Organisation eben gerade NICHT christlich ist.

    Mittlerweile habe ich auch Antwort von Frau Forster. Sie hat durchaus Verständnis für das „Begehren“, aber leider, leider, können wir nicht auf alle Begehren eingehen und sie schon gar nicht finanzieren.

    Ich habe dieses Wortspiel im Zappadong-Blog schon unter die Lupe genommen. Ist schon noch witzig in der Schweiz: Das Geld für die UBS ist eine NOTWENDIGKEIT, genau wie viele andere Dinge (die ich nicht unbedingt als nötig ansehe für den Staat Schweiz) eine NOTWENDIGKEIT sind. Soziale Anliegen hingegen sind generell BEGEHREN.

    So geht das bei uns. Und weil bei uns – zum Glück – Kirche und Staat getrennt sind, erwarte ich von meinem Staat, dass er sich auch sozial einsetzt für seine Bewohner – und nicht nur überall dort, wo es ums Geld geht oder ums Profitieren der ewig gleichen Kreise.

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