Wegleitung, die (aus dem Lexikon der Swissness)

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Dieser Beitrag wird mit Fr. 270.- brutto honoriert (inkl. Fr. 20.- Urheberrechte). 13.65 gehen an AHV, IV und EO (Mutterschaftsversicherung), 2.70 an die Arbeitslosenversicherung, was der Buchhaltungscomputer der Tamedia erledigt. Damit wird unserem Vierpersonenhaushalt (Verheiratetentarif) nahe gelegt, den Betrag von Fr. 253.65 mit anderen derartigen Beträgen summiert unter Ziff. 2.2 in unsere Steuererklärung einzutragen. Die 253.65 sind zu einem Grenzsteuersatz von 18 Prozent zu versteuern, macht also Fr. 45.65. Uns bleiben Franken 208.-. Unser Haushalt gewönne also 45.65, würde ich diesen Betrag bei der Summierung für Ziff. 2.2 «vergessen» (>Hinterziehung). Lucrezia Meier-Schatz (CVP), die uns im oberen unteren Mittelstand einteilt, verspricht mir im Rahmen des Steuerpakets eine Erleichterung im Rahmen des Nettohonorars dieses Beitrags, sollte das «Ja» am 16. Mai obsiegen. Im mittleren Mittelstand siedelt uns Jacqueline Fehr (SP) an, die mir rät, «Nein» zu stimmen, da das Steuerpaket am fehrschen Mittelstand (70 000-120 000 Bruttoeinkommen) vorbeiziele. Beträge in Ziff. 2.2 berechtigen aber auch zu Abzügen: Doppelverdiener (Ziff. 17), Berufsauslagen (Ziff. 11.1). Im Kanton Zürich kann ich die Spielgruppenkosten (Ziff. 24.3) meiner im Moment nicht störenden Jüngsten schon jetzt in Abzug bringen. Da würde Ihnen das Steuerpaket auch bei der Bundessteuer helfen, meint Meier-Schatz. «Ja» oder «Nein»? Hinterziehen? Oder betrügen? Wie war das?

Bankier Julius Bär sagt, der Unterschied zwischen Steuerbetrug und -hinterziehung sei einem Angelsachsen nicht erklärbar (>Commonsense). Fragen wir in Bern. Herr Schneeberger von der Eidg. Steuerverwaltung spricht den näselnden Dialekt Peter Bichsels (>Jurasüdfuss): langsam, aber Klartext. «Stüürbetrug liit nur vor, we tiir e Urkunde fälsche oder ferfälsche tüeet.»

Ja ist denn die Steuererklärung, die ich mit Ort, Datum und Unterschrift abschliesse, keine Urkunde? «Näii, das isch numme en Erchläärig.» Aha. Und alle die Computerausdrucke, die ich erhalte («gültig ohne manuelle Ergänzung»)? Sind das «Urkunden»? «Im rächtlichä Sinn äbä scho.» Und die Steuererklärung ist so nur Erklärung «auf Eid und Ehre» (>Rütlischwur)? Sind wir vielleicht deshalb «Eidgenossen»? Und die, die hinterziehen «Meineidgenossen»? «Jaa, gwüssermasse, wedr so weid, odr ebe stüüreehrlichi u stüüruneehrlechi Lüüt.» Ach so. Mir wird klar: Wir, ein einzig Volk von Brüdern, direktdemokratisch souverän, sind gleichzeitig Objekt (>Geldbeutel) und Subjekt (>Ratte) der Steuererklärung. Diese ist so nicht ein Vertrag zwischen zwei Rechtspersonen (Urkunde), sondern innerpersönlich-freundeidgenössische Mystik zwischen mir als Steuerbürger, mir als Souveränbürger und dem Allmächtigen. Betrügen kann nur, wer sich von einer juristischen Person, über die er verfügt (AG, GmbH, Einzelfirma), sich Urkunden anfertigen lässt. Dass wir diesen moralisch-psychischen Salto auch allen erwerbstätigen niedergelassenen Ausländern (>Fötzel, fremder) zutrauen, ist immerhin erstaunlich.

Und die Angelsachsen? Diese sind im ganzen «commonwealth» hingegen Untertanen: Als solche stehen sie dem Staat gegenüber in Betrugsverdacht, ohne souveräne Hinterziehungsmöglichkeit. Die Yankees aber befreiten sich 1776 durch ihre «Declaration of Independence». Sie sind nicht mehr Untertanen, aber bei richtiger «representation» zahlen sie ihrer «administration» so gerne «taxation», dass sie ihren Fiskus die Beträge gleich auf ihrem Bankkonto abbuchen lassen. Hier ansässige «holder» von US-«shares» müssen sich am Ende des Wertschriftenverzeichnisses unter «Sonderfälle» (>Sonderfall, der) «Fragen an die Besitzer von USA-Wertschriften» gefallen lassen. Aha.

Ich verabschiede mich voller Nationalstolz von meinem sympathischen Angestellten vom «Bernerhof». Was ich dumpf ahnte, klärt sich nun. Was beim Ausfüllen der Steuererklärung in mir Eidgenossen vorgeht: Dieses Gemenge von Präzision, Ärger, Bauernschlauheit, Neid und Patriotismus, das kann uns keiner nachfühlen.

Wenn mich nach dem 1. April (>Fristerstreckung) ein Yankee blöd anmacht, so werde ich ihm die Hühner schon eintreiben: Eure Vorfahren haben wohl die Menschenrechte und Unabhängigkeit erklärt, aber was die jährliche «declaration of taxation» eines direktdemokratischen (Mein-?)Eidgenossen ist, das werdet ihr nimmer weder begreifen noch erfühlen.

Nur, was sage ich meinem niedergelassenen, erwerbstätigen türkischen Nachbarn? Wie steuerehrlich er auch sein mag: Am 16. Mai hat er nichts zu melden. Da stimmen wir ab. Wir Eid- und Meineidgenossen

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Eine Antwort to “Wegleitung, die (aus dem Lexikon der Swissness)”

  1. uertner Says:

    Dieser Text stammt aus dem „Magazin“ vor der Abstimmung zur eidg. Steuervorlage vom 16. Mai 2004. Schon damals warnte der Privatbankier Bär vor Schwierigkeiten mit Angelsachsen im Verständnis des eidg. Steuersystems.

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