Welttag des Buches

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Kleine Erinnerung: Am Donnerstag, 23. April 2009 ist Welttag des Buches.

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16 Antworten to “Welttag des Buches”

  1. Mara Says:

    Gerade heute stand in der NZZ, das Bücher im arabischen Raum, im Ganzen!, in einer Auflage von 2000 erscheinen. Ich traute meinen Augen kaum. Das waren zu meinen Buchhändlerinnenzeiten die Auflage von unbekannten Taschenbuchautoren, denen man keine vernünftige Verkaufszahlen zutraute.

  2. zappadong Says:

    Das ist wirklich enorm wenig. Hat die NZZ auch eine Erklärung dafür?

  3. Mara Says:

    @zappadong

    Ich kann mich nur an die Erklärung für den Libanon erinnern, wonach aufgrund des Bürgerkrieges das Bildungsniveau so weit gesunken wäre, dass quasi keine Nachfrage mehr bestände.

  4. Frau Müller Says:

    Das liegt auch an der literaturfeindlichen Einstellung islamischer Fundamentalisten, die in einigen arabischen Staaten seit Anfang der 90er Jahre stark um sich greift.

    Wo Bildung nichts gilt, wo keine Geisteswissenschaften unterrichtet werden, wo keine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und ihrer Kultur stattfindet, wo die eigene Kultur nicht in einen Bezug zu anderen Kulturen gesetzt werden darf, wo kritisches Lesen und Denken unerwünscht ist, wo die Intellektuellen ins Exil gehen müssen, wo keine Theaterstücke aufgeführt und Ausstellungen gemacht werden, wo keine Filme gezeigt werden dürfen, dort gibt es eben auch keine gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und folglich niemand, der Bücher liest. Und was sollten dies schon für Bücher sein, wo doch in den meisten Ländern eine rigorose Zensur herrscht.

    Wegen vermeintlicher Gotteslästerung in «Die Kinder unseres Viertels» wurde Nobelpreisträger Nagib Mahfuz von Fanatikern niedergestochen und das Buch verboten. Der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid wurde von seiner Frau zwangsgeschieden und musste ins Exil flüchten. Der syrische Romanautor Haidar Haidar wurde ebenfalls Opfer ägyptischer Islamisten, um nur einige Beispiele zu nennen.

    Es sollte am Welttag des Buches auch einmal an all jene erinnert werden, die wegen islamischer Fundamentalisten weder lesen, noch schreiben DÜRFEN.

  5. Mara Says:

    @Frau Müller
    Diese Literaturfeindlichkeit ist doch aber relativ neu?

  6. Bruder Bernhard Says:

    @Mara: eine meiner eindrücklichsten Erfahrungen überhaupt war Mitte der 70er Jahre eine Reise durch Marokko – und zwar wegen den Buchhandlungen in den Städten – Kathedralen der Bildung waren das! Als damals ebenfalls Buchhändler in einer frz-sprachigen Buchhandlung war ich überwältigt, ausgerechnet dort an zentraler Lage die Entsprechungen zur edition suhrkamp (Maspéro, 10/18, Point u.a.) zu finden, Titel, die damals in der Schweiz nicht unbedingt zum Grundbestand gehörten.
    Dort gingen einem kleinen Schweizerlein buchstäblich die Augen über und eine Welt öffnete sich.
    Es ist wenig so traurig wie die fundamentalistische Entwicklung der arabischen Welt, wenn man noch das Bild eines Maghreb im Aufbruch in Erinnerung hat.

  7. zappadong Says:

    Ich verlagere noch kurz den Brennpunkt und gehe nach Kenya:

    Bücher sind an vielen afrikanischen Schulen Mangelware. Meine Freundin hat letztes Jahr im Rahmen eines Ausbildungsprogramms ein paar Wochen in einer kenyanischen Schule unterrichtet. Sie hat diesen Frühling ihre ehemaligen Schüler wieder besucht – mit Büchern im Gepäck. Weil die Kinder und Jugendlichen fürs Leben gerne Geschichten lesen, aber nur sehr, sehr wenige Bücher in der Schulbibliothek zu finden sind – welche die Kinder immer und immer wieder lesen.

    Sie beharrte sie darauf, die Bücher selber mitzunehmen, damit sie in der Schule in die richtigen Hände fallen. Sie erzählte mir, dass Bücher, die ich schicken würde, die Schüler unter Umständen nie erreichen würden, weil sie – wie so vieles andere – vorher abgefangen und dann entweder behalten oder verhökert werden.

    Vielleicht sollten wir uns wieder einmal bewusst werden, welch grosses Privileg wir haben – wir können und dürfen bei den Büchern aus dem Vollen schöpfen. Auch Haushalte mit kleinen Budgets haben dank eines dichten Bibliothekennetzes Zugang zu Büchern.

  8. flashfrog Says:

    Bücher sind Fenster zu anderen Welten.
    Uns stehen alle bestellbaren Bücher der Welt zur Verfügung, theoretisch. Aber wenn ich mir anschaue, wie sich das Angebot der Buchhandlungsketten in den letzten Jahren verändert hat (in Deutschland, für die Schweiz kann ich das nicht beurteilen, noch weniger für andere Länder), dann lässt das nichts Gutes erahnen: Haufenweise werden Best- und Schnellseller angeboten, die nach einem halben Jahr wieder aus den Regalen verschwunden sind, durch die nächsten mit heisser Nadel zu Trendthemen gestrickten Hype-Bücher verdrängt. Und was nicht in den Bestseller-Regalen oder auf den Trend-Bücher-Haufen und Sonderposten-Tischen der Buchhandlungen liegt (und da liegen überall dieselben), von dessen Existenz erfahren die meisten Leser nie. (Ganz zu schweigen von Manuskripten, die nicht in die aktuellen Marketing-Vorgaben der Verlage passen.)

    Noch ein interessanter Text zum Thema Autoren, Verleger und Buchhandel in der arabischen Welt, der die Befürchtungen bestätigt:
    http://74.125.77.132/search?q=cache:Zuu10vyNg4UJ:www.dradio.de/download/22398+%22arabische+B%C3%BCcher%22+auflage&cd=10&hl=de&ct=clnk&gl=de
    Dass Arabisch eine aussterbende Sprache sein soll, überrascht mich jetzt doch ein bisschen…

  9. Bruder Bernhard Says:

    @flashfrog: jaja früher war doch alles besser 😉
    Nein: unser erstes Fanzine hatten wir noch in 25 Ex. auf der Maschine getippt (!), das war die ganze Auflage. Sogar Schnapsdruck war zu teuer, im Fall! Heute brauchen wir keine Verlage mehr, jeder kann publizieren und on demand drucken, so er wirklich will. Ich weiss, das ersetzt nicht einen richtigen Verlag mit Lektorat und Werbung – aber dies war immer schon nur einer Minderheit der Autorenpersonen vorbehalten.
    Und: als Buchhändler in finsteren Jahren kann ich nur sagen: Noch nie waren die Informationen so greifbar, büchermässig kann ich mich überhaupt nicht beklagen – es hat immer noch mehr als ich je werde lesen können. Und die Bücher kamen mir noch nie so billig vor wie heute.
    Lifestyle-Mist gab es immer schon zu Hauf, Bestselleritis ist nichts neues. Du klagst auf extrem hohem Niveau

  10. Mara Says:

    @flashfrag

    Ich weiss nicht, in meinem letzten Monat BuchhändlerInnentätigkeit kam gerade der Forsetzungsroman von „Vom Winde verweht“ heraus – selten so viel Mist zwischen zwei Buchdeckeln erlebt… aber die gingen weg wie warme Semmeln ..(nebenan war ne gute Bäckerei…:-)) und die Miete für ganz viele gute Bücherauslagen waren wieder mal gesichert…

  11. flashfrog Says:

    @ BB: Mag sein. Mag wohl daran liegen, dass ich das 3. mies geschriebene „Mieses karma“-Buch, das 5. Feuchtgebiete-Imitat und den 10. Hape-Kerkeling-Epigonen einfach nicht mehr sehen kann,
    Oder dass ich ein Regal mit der Genrebezeichnung „freche Frauen“ zum kotzen finde – wo findet man ein Regal mit „frechen Männern“?
    Klar klagen die Buchhändler über die Konkurrenz aus dem Internet, klar müssen die Verlage knapp kalkulieren, aber nur noch literarisches Fastfood für den schnellen Massenkonsum zu produzieren bzw. vorzuhalten, finde ich eine fatale Entwicklung. Weil die Gelegenheitsleser kaufen meiner Beobachtung nach tatsächlich den Schrott, den sie da in hohen Stapeln auf den Bestsellertischen rumliegen sehen.

  12. Mara Says:

    @ flashfrag

    war aber früher auch nicht anders…

  13. flashfrog Says:

    Doch, das war vor 5 Jahren noch anders, da gab es kleine unabhängige, gut sortierte Buchläden, die jetzt grossen Buchhandelsketten gehören und überall das gleiche Sortiment anbieten, so wie Lidl, H&M, Ikea, nur eben für bedrucktes Papier.

  14. Bruder Bernhard Says:

    @flashfrog: jaja die tumbe Masse – kauft einfach, was ihr hingestapelt wird.

    Die Zeit ist eine lange Strasse, wie Christian Anders richtig erkannte, und sie hat viele Kurven, wie ich richtig erkannte. Und der Blick zurück fällt deshalb immer auf schöne Landschaften.

    Was es heute anstelle der kugsB (kleine, unabhängige etc…) gibt: zvab und abe und andere Buchantiquariatsplattformen, wo praktisch jedes jemals erschienene Buch zu teilweise supergünstigen Preisen zu finden ist.

    Arbeit im Buchhandel war zu der erinnerungsmässig verklärten Zeit übrigens immer sowohl Selbstausbeutung wie auch total unrentabel für die meisten Inhaberpersonen, und das konservative Buchhändlerpack mit seinem Standesdünkel hat es sich weitgehend selber zuzuschreiben, dass es nun im Abseits steht. Was war das für ein Sticheln und ein überhebliches Getue, als z.B. Stauffacher in Bern in den 70ern kaufmännisches Denken in den Buchhandel einbrachte. Stauffacher gibt es noch heute – die Motzer von damals sind allesamt verschwunden.

  15. Frau Müller Says:

    @ Flashfrog: Danke für das beachtenswerte Interview über die arabische Bücherszene.

    In Ihr Klagelied über die hiesige Situation kann ich allerdings nicht einstimmen. Allein in meinem Quartier gibt es mehrere Buchhandlungen, die mit ihrem aussergewöhnlichen Sortiment anspruchsvolle Kundschaft von nah und fern anlocken und deren Geschäftsführer sogar verlegerisch tätig sind.

    http://www.sec52.ch/
    http://www.paranoiacity.ch/

    Ans Herz lege ich Ihnen die Bücher aus dem Bilger Verlag http://www.bilgerverlag.ch/ die ganz nach Ihrem Gusto sein dürften und die es übrigens auch hin und wieder auf die Bestseller-Listen schaffen.

    Daneben gibt es im Quartier noch immer Spezialbuchhandlungen, wie ein Bergbuchladen, ein Spanischbuchladen und kürzlich hat sogar noch ein Architekturbuchladen und ein total schräges Antiquariat eröffnet. Wohlgemerkt abseits des Zentrums, ohne Passantenlage, mit einem hochspezialisierten Angebot.

    Hier übrigens noch ein wunderbarer Artikel über die Buchhändler in Kalkutta, wo Lesen auch bei den Armen einen hohen Stellenwert hat.

    http://www.zeit.de/2009/18/Kalkutta?page=all

    «Hier werden die Künste und die Wissenschaften mit einer Inbrunst verehrt, die man kaum irgendwo sonst auf der Welt findet.»
    Ich hoffe, dass dies noch lange so bleibt, denn leider ist die geistige Freiheit auch in dieser Weltgegend durch die islamischen Fundamentalisten bedroht.

  16. Thinkabout Says:

    @Frau Müller:
    Danke für diesen tollen Hinweis auf den Kalkutta-Artikel. Wunderbar. Und welche Bandbreite der weltweiten Bücherszene in diesem Post samt Kommentaren. Eben von einer weiten Reise zurück gekehrt, kann ich mich nur anschliessen: Wir Bildungsverwöhnte (gemessen am Angebot) können gar nicht genug Ehre einlegen für das Buch, angesichts des Ungleichgewichts auf der Welt.
    Und noch etwas: Vielerorts fehlt es an Büchern. Richtig. Und an Papier, um das Gelernte aufzuschreiben.
    Man könnte aus der Haut fahren ob der Beobachtung, dass der Plastik sehr viel leichter in jedes Urwaldkaff findet als Schreibpapier…

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