Deutsche Mentalität Part 327

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In unserem Blog wurde das Thema „deutsche Mentalität“ hier bereits ausführlich diskutiert.

Nach Urs Widmer, Thomas Hürlimann, Franz Hohler, Tim KrohnLukas Bärfuss und Roger Köppel.

Noch einer.
Diesmal ein Schweizer, der einen Amerikaner befragt, um die Welt über die Mentalität der Deutschen zu belehren. Diesmal von neoliberal-rechts:

80 Millionen rein in die Schublade, zu und fertig.
Herrje, wollte man in die Tatsache, dass sich Londoner an Bushaltestellen oder Berner an Skiliften folgsam in Reihe stellen eine Essenz der britischen oder schweizerischen Nationalpsyche hineininterpretieren?

Und an allem ist, na klar, Hitler schuld.


Zitat: „Wissen Sie, wie man Deutsche wirklich erschrecken kann? Wenn man als Liberaler fröhlich über die Brüsseler Bürokraten und ihre Angst vor dem Volk spottet. Das wirkt. Um Gottes willen. Darf man so etwas? “

Ja, sicher, damit kann man die deutschen Milchbauern, die grad mit lautstarken Protesten gegen die von der EU beschlossene Erhöhung der Milchquote demonstrieren, aber mal so richtig erschrecken… 😉

Direktabstimmungen und Bürgerinitiativen sind in D auf kommunaler Ebene übrigens Gang und Gäbe. Das wissen offenbar überraschend viele CHer gar nicht.


Wenigstens bemüht sich Ulrich Schmid um eine Versachlichung des Sachverhalts des politischen Interessenkonflikts zwischen D und der CH. Verdreht aber sofort wieder die Tatsachen. Nicht das Geld „der reichen Schweizer“ (is klar, alle Schweizer sind stinkreich) weckt Steinbrücksche Begehrlichkeiten, sondern das gesetzeswidrig hinterzogene und nun in der Krise dringend fehlende der eigenen Landsleute. Nicht „die Schwieiz“ soll den „neidischen“ Deutschen irgendwas „zahlen“, sondern die deutschen Steuerzahler ihre Steuern. Um hundert Milliarden Franken soll es ja schätzungsweise gehen. Damit liessen sich schon so einige Arbeitsplätze retten…


Dass Westerwelles Positionen – Kapitalismus pur und Deregulierung = Freiheit und Wohlstand; freier Markt = Gerechtigkeit; Steuerentlastung der Spitzenverdiener von 45 auf 35% auf Kosten der sozialen Absicherung für Arme, Alte und Kranke; Ablehnung menschenwürdiger Mindestlöhne für einen Vollzeitjob; die Philosophie, jeder soll selber sehen, wie er klarkommt und wer nicht arbeitet (weil z.B. sein Arbeitsplatz jetzt in China wohnt) soll auch nicht essen, dass solche Ansichten noch eine Wählerschaft finden, ist in der Tat erstaunlich.


Das Erstaunlichste sind für mich aber mal wieder diejenigen unter den Leserreaktionen, die diesen ganz offen politisch einseitigen und tendentiösen Artikel für objektive Wahrheit und bare Münze nehmen – endlich erklärt ihnen mal ein „kompetenter Experte“, wie „die Deutschen“ so sind.
Es ist zum Mäusemelken.


Wisst ihr was, ich mag nicht mehr.
Ich habe keinen Bock mehr auf Leute, die mir erklären, wie ich angeblich bin und was ich angeblich denke und dass der Berg, auf den ich hier grad aus meinem Fenster gucke, eine Ebene ist.

Liebe Schweizer Journalisten, fragt doch bitte bitte einfach mal ein paar Deutsche wenn ihr wissen wollt, wie die Deutschen sind.
Sind doch genügend dazu da in der CH.
Und ihr werdet schnell merken, was für ein Quatsch all diese Pauschalisierungen sind.

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30 Antworten to “Deutsche Mentalität Part 327”

  1. zappadong Says:

    Dann würde ich gerne (und etwas provokant) die deutschen Beizenbesucher etwas fragen – weil die Antworten zu der gleich gestellten Frage ebenfalls immer von den (vorurteilsbeladenen) Schweizern kommen.

    Zitat: „Nicht “die Schwieiz” soll den “neidischen” Deutschen irgendwas “zahlen”, sondern die deutschen Steuerzahler ihre Steuern. Um hundert Milliarden Franken soll es ja schätzungsweise gehen. Damit liessen sich schon so einige Arbeitsplätze retten…“

    Warum sind die Deutschen so sauer auf die Schweiz? Es sind doch ihre Staatsbürger, die das Geld anderswo in der Welt verstecken (genauso, wie nicht wenige Schweizer ihr Geld in Liechtenstein oder in anderen Steueroasen verstecken). Warum wollen die Deutschen ihre Arbeitsplätze nicht retten, indem sie im eigenen Land Steuern zahlen? Und vielleicht darf ich hier auch die Frage anhängen, warum in Deutschland die Schwarzarbeit so verbreitet ist – mit der ganz viele Arbeitsplätze verhindert werden?

    Die (pauschale, vorverurteilende) Meinung der meisten Schweizer hierzu kenne ich. Mich würden neue, andere Einblicke in diese Thematik interessieren.

  2. uertner Says:

    Darf ich hier Ausschnitte aus dem Interview zwischen dem in Berlin wohnenden Schweizer Schrifsteller Hürlimann und dem in Baden für „Die Zeit“ schreibenden eben eingebürgten Deutsch-Schweizer Teuwsen einblenden?

    ZEIT: Warum konnte die Schweiz ihre Tugenden, zum Beispiel diese gesunde Skepsis gegenüber dem Staat, nicht ins Ausland exportieren?

    Hürlimann: Weil das niemand versteht, in Deutschland schon gar nicht. Das habe ich erst begriffen, als ich Carl Schmitt gelesen habe. Im Moment, wo der Staat Partikularinteressen übernimmt, hat er Macht, wird immer totaler, aber er schwächt sich auch, indem er alle Bedürftigen umarmt.

    ZEIT: Und er schwächt die Menschen selbst.

    hürlimann: Jedes dritte Berliner Kind hat Eltern, die Hartz-IV bekommen. Und von diesen Kindern sagt jedes Dritte, es wolle später Hartz IV werden.

    ZEIT: Aber der Mensch will doch arbeiten.

    Hürlimann: Das ändert sich. Vielleicht hat es historische Gründe. Die jungen Deutschen misstrauen den Sekundärtugenden. Durch Fleiß und die Tüchtigkeit waren ihre Großväter bis Stalingrad marschiert. Also will man jetzt seine Friedfertigkeit bekunden und trinkt schon nachmittags ein Bierchen. Die sind in Afrika heute pünktlicher als in Berlin. Schön und gut, aber leider verlottert dann die Gesellschaft. Berlin ist im Dornröschenschlaf.

    Das ganze Interview hier:
    http://www.zeit.de/2009/15/CH-Interview

    Dies mag für Ba-Wü und Bayern vielleicht etwas weniger gelten. Aber der Eindruck, der sich bei mir verfestigt: das Preussentum hat durch seine Implosion ein geistiges Vakuum hinterlassen, das Gefährlich ist.

  3. flashfrog Says:

    @uertner: Genau das ist das Problem: Du kennst Deutschland nur aus Zeitungen und historischen Büchern. Du liest Nachrichten, die grundsätzlich ein negatives Bild vermitteln (good news is no news), tendentiöse Interpretationen und Klischees.
    Aber was weisst du eigentlich von der Lebenswirklichkeit in Deutschland im Jahr 2009?
    Wenn ich danach gehen würde, was ich über Italien in den Medien sehe, höre und lese – Berlusconi, Mafia, Giftmüll, Menschen, die in Flüchtlingslagern in tropfenden Zelten hausen wie im nächstbesten Entwicklungsland, dann müsste ich denken: Schreckliches Land, wie können die Leute da bloss leben!

    Zum Interview: Wer ist „der Staat“ denn anderes als die Gemeinschaft der darin lebenden Menschen? Eine grosse Uerte also?

    Wenn jemand bei einer Arbeitslosenquote von deutlich über 20% in manchen Regionen Ostdeutschlands und von 17% in Berlin (das sind 250 000 arbeitslose Berliner) arbeitslos ist, dann liegt das ganz sicher nicht daran, dass er damit „seine Friedfertigkeit bekunden“ will, oder dass er „Hartz IV werden“ will (das ist ein Witz, den Herr Hürlimann offenbar nicht verstanden hat). sondern es liegt an den fehlenden Arbeitsplätzen.

    @Zappadong: Die Deutschen sind nicht sauer auf die Schweiz!

    Das ist ja der Irrsinn: Diese Kampagne findet ausschliesslich in den Schweizer Medien statt. die sich seit Monaten auf „die Deutschen“ als Feindbild eingeschossen haben.
    In Deutschland ist Opel ein Thema. In Deutschland sind Bankenrettung und Konjunkturprogramme ein Thema. In Deutschland ist Kurzarbeit ein Thema. In Deutschland sind Kinderarmut und ungleiche Bildungschancen ein Thema. In Deutschland ist die deutsche Fußball-Meisterschaft ein Thema.
    Aber das Thema Schweizer Bankgeheimnis ist in Deutschland wirklich allenfalls eine Randnotiz, die kaum jemand wahrnimmt und die kaum jemanden interessiert!

    >> Warum wollen die Deutschen ihre Arbeitsplätze nicht retten, indem sie im eigenen Land Steuern zahlen?

    Da ham wirs wieder. „Die Deutschen“. Pauschal.
    Aber du gibst die Antwort ja selber:

    >> genauso, wie nicht wenige Schweizer ihr Geld in Liechtenstein oder in anderen Steueroasen verstecken

    Steuerhinterziehen ist nun wahrlich kein Privileg der Deutschen.
    Abhängig Beschäftigte, und das sind ja die meisten, haben in Deutschland sogar überhaupt gar keine Möglichkeit, Steuern zu hinterziehen, weil die ihnen gleich vom Lohn abgezogen werden.
    Das können nur Unternehmer und Selbständige. Und unter denen gibt es in Deutschland sicher nicht weniger schwarze Schafe als anderswo.
    Ein Fall, der in die Schlagzeilen kam, waren z.B. die berühmtesten „Schwarzen Kassen“ von Kohl und Schäuble, wo Parteispenden (oder Bestechungsgelder?) illegal auf Schweizer Konten versteckt wurden.
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,62941,00.html

  4. uertner Says:

    Liebe flashfrog, als einer der 3 Jahre in Rom gelebt hat kann ich Dir versichern: Italien IST ein chaotisches Land! Du darfst den Medien trauen. Eine deutsche Mathematikerin, meinte nach dem ersten Besuch einer italienischen Bank: „Ich weiss nicht so recht, ob ich das gut finden soll, dass wir ab 1999 eine gemeinsame Währung haben werden.“

    Ausserdem habe ich mir als Historiker angewöhnt, bestimmte Indikatoren zu beobachten. Auch Diskurse können verräterisch sein. Wenn die in Deutschland ausgebildeten Deutschtürken es vorziehen in ihre erste Heimat zurückzukehren, wenn Deutsche partout in die Schweiz kommen wollen (gerade Ärzte, Lehrer, Professoren, Unternehmer die Arbeitsplätze schaffen, Forscher, die Patente anmelden wollen etc.) dann werd ich den Eindruck nicht los, dass da in Deutschland was faul ist.

    Ein Demograf hat auf Grund der zunehmenden Kindersterblichkeit in der ehemaligen UdSSR schon in den späten Siebzigerjahren deren Untergang vorausgesagt. Heute wissen wir, dass die Kindersterblichkeit auch in den USA stark zugenommen hat, dies war eine Hauptsorge von Hillary Clinton während der Präsidentschaft ihres Mannes.

    Deutschland ist eben KEINE Uerte (allenfalls in BaWü oder Bayern), Deutschland ist das grosse Arbeitslager, das die EU finanzieren soll und gleichzeitig die Muttersau, die für jeden Bürger eine Zitze haben soll. Leider geht es dieser Muttersau sauschlecht und darum will Steinbrück die Zeche für die Zitzenmilch eintreiben. Ein Uertner sagt sich: Bevor ich mehr steuern zahle strenge ich mich lieber selber an.

    Mir standen die Haare zu Berge, als ich hörte die EU-Kommission wolle Deutschland dazu verpflichten für Asylanten sofort Hartz IV bereitzustellen. Wäre ich ein Deutscher Unternehmer, ich würde mir unter solchen Umständen auch den Wegzug überlegen, zumal Steinbrück nun alle „Reichen“ unter pauschalen Generalverdacht stellt, damit er die Zeche (und nicht die Uerte!) eintreiben kann.

  5. flashfrog Says:

    Was ich damit sagen wollte: Die Medien picken sich wenige, ganz bestimmte Aspekte heraus, die sie interpretieren, damit eine Meldung, möglichst eine Sensation draus wird.
    War selbst genügend oft in Italien um zu wissen, dass es weder ausschliesslich dem Negativbild aus den Nachrichten noch dem Goethischen Sehnsuchtsland der Deutschen gleicht.

    In Deutschland leben fast 2 Millionen Menschen mit türkischem Pass, türkischstämmige Menschen, die deutsche Staatsbürger sind, nicht mit eingerechnet. Die wenigsten davon wollen in der Türkei leben. (Die zweitgrösste Einwanderergruppe in D sind übrigens Italiener.)
    Laut einer Statistik, die bis 2004 reicht, ist die Zahl der nach D einwandernden Menschen ausländischer Herkunft höher als die Zahl derer, die D verlassen. Auch die Zahl deutscher Staatsbürger, die nach Deutschland (wieder) einwandern ist offenbar grösser als die Zahl der Deutschen, die D verlassen.
    http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Mk_Wanderungsstatistik.png&filetimestamp=20050904195509

    In D gibt es das sozialdemokratische Prinzip der Solidargemeinschaft: Die Reichen geben den Bedürftigen und unverschuldet in Not Geratenen etwas ab, damit keiner hungern muss. Das ist ein Gebot Christlicher Nächstenliebe. Wenn die für dich ein Grund wäre, das Land zu verlassen…

    Die Zahl der in D lebenden CHer ist übrigens, prozentual gemessen an der Gesamtbevölkerung der Länder, doppelt so hoch wie umgekehrt. Was ist denn deiner Meinung nach in der CH doppelt so faul wie in D?

  6. zappadong Says:

    @ flashfrog: Na ja, wirklich eine Antwort habe ich nicht gegeben, denn …

    … der Schweizer Staat resp. seine Vertreter greifen weder Liechtenstein noch Süddeutschland (wo nicht wenige Schweizer ebenfalls Konten haben) noch sonst ein Steuerparadies so aggressiv an. Im Gegenteil. Unsere Politiker haben nicht einmal den Mumm, etwas lauter und bestimmter auf die Kanalinseln, die Cayman Islands, den US Staat Delaware (der angeblich einer der ärgsten Schlupflöcher ist – aber halt in Obamaland) oder Spanien zu zeigen (das ebenfalls über wunderbare Lücken im Gesetz verfügt).

    … es stehen – soweit mir bekannt ist – auch noch keine Drohungen von Seiten der Schweiz gegen andere Länder im Raum

    … hat auch noch niemand einen verbalen Krieg angezettelt gegen jene Nachbarländer, in denen die Schweizer einkaufen und so den eigenen Einkaufszentren Millionen von Einnahmen entziehen.

    (nur ein paar Beispiele)

    Und: Das mit der Schwarzarbeit würde mich immer noch interessieren. Sie ist auch bei uns ein Problem, aber nie in dem Ausmass wie in Deutschland.

    Es bleibt also die Frage, warum gerade in Deutschland so viele Menschen versuchen, ihr Geld irgendwie am Fiskus vorbeizuschummeln (oder ist das jetzt schon wieder ein Vorurteil)?

  7. Mara Says:

    @Zappadong

    Weil viele Deutsche den Staat als „den Anderen“ empfinden und sich selbst nicht unbedingt als Teil davon. Man fordert gerne, aber gleichzeitig ist das Bewusstsein der gebenden Solidarität nicht unbedingt in allen Bevölkerungsteilen verbreitet.

    Apropo angehen, als Luxemburg noch eine beliebte Steueroase für die Deutschen war, sind die genauso angegangen worden. Ich glaube weniger, dass das ein Schweiz-Deutschland Spezifikum ist, als vielmehr der von Herrn Steinbrück beliebt angesagte ton. Manche mögen das ruppige – allzudeutliche und glauben damit Stärke zu zeigen. Ich würde das dann doch mehr in die Wahlkampfkiste stecken.

  8. zappadong Says:

    Ja, in der Tat, er wahlkampft wieder, der Herr Steinbrück:

    http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/eu_oecd_steuerstreit_1.2461407.html

  9. Leserbrief zum Artikel „Vom erodierenden Reiz der Folgsamkeit in Deutschland“ von Ulrich Schmid am 23.April 2009 « Maras Gedankensprünge Says:

    […] ich bin ja wahrlich nicht die Einzige, die sich über den unsehligen Artikel aufgeregt hat. In der Hausbeiz dazu […]

  10. flashfrog Says:

    >> der Schweizer Staat resp. seine Vertreter greifen weder Liechtenstein noch Süddeutschland (wo nicht wenige Schweizer ebenfalls Konten haben) noch sonst ein Steuerparadies so aggressiv an.

    Ein Esel schimpft den anderen nicht Langohr. 😉

    Nochmal: Es geht nicht um die Offenlegung von irgendwelchen Kontendaten von Schweizer Bürgern. Es geht nicht um die Offenlegung von Daten gesetzestreuer Bürger deutscher Bürger, die ihr Geld in der Schweiz anlegen.
    Das einzige, was Steinbrück will, ist im Einzelfall Amtshilfe bei der Überführung deutscher Steuerhinterzieher und -betrüger.
    Und in Deutschland wundert man sich, warum die Schweizer so vehement deutsche Kriminelle verteidigen.

    Das Interview im SF klärt da vielleicht einige Missverständnisse auf: https://beizzweinull.wordpress.com/2009/04/28/steinbeuck-wahres-gesicht/

  11. flashfrog Says:

    Zur Schwarzarbeit: Da muss man wohl differenzieren. Wenn ein Bauunternehmen in grossem Stil vorsätzlich Schwarzarbeiter beschäftigt, dann hat das wohl was mit krimineller Gier zu tun.
    Wenn eine 80jährige Oma ein paar Stunden in der Woche eine nette Nachbarin beschäftigt, die ihr das Schleppen der Einkäufe erleichtert und ein bisschen für sie putzt, weil die Oma es im Kreuz hat, und die Oma der netten Nachbarin dafür ein paar Euro zusteckt für ihre Kinder, dann tut sie das sicher ohne böse Absicht.

  12. flashfrog Says:

    @Mara: Als „der Andere“ würd ich nicht unbedingt sagen, aber es ist halt sehr anonym. Der Steuerzahler hat in D auf Bundesebene ja wenig Überblick darüber und kaum Einfluss darauf, wofür sein Steuergeld verwendet wird. Da wird ja auch viel verschwendet. Die Abwrackprämie halte ich z.B. für ein Windei, dass auf Dauer mehr schadet als nützt. Ich hab auch keine Lust, Millioneneboni für Pleitebanker zu finanzieren. Ich zahle aber gern für eine neue Kita in der Nachbarschaft oder für die Sanierung des schlaglöchrigen Radwegs um die Ecke. Oder für die Unterstützung bedürftiger Menschen.

  13. Frau Müller Says:

    @ Flashfrog: „Und in Deutschland wundert man sich, warum die Schweizer so vehement deutsche Kriminelle verteidigen.“

    In der Schweiz gelten Steuerhinterzieher nicht als Kriminelle. Steuerhinterziehung ist kein Straftatbestand, sondern eine Übertretung, so wie bei Rot über die Ampel gehen, und wird lediglich mit einer Busse geahndet, egal ob sie vorsätzlich oder fahrlässig begangen wurde, egal ob einmalig oder fortgesetzt.
    Auch Kiffer gelten hierzulande nicht als kriminell. Will die Kavallerie jetzt deswegen auch hier einmarschieren. Sollen die Schweiz deshalb deutsche Kiffer überführen? Okay, das ist ein polemisches Beispiel und darum geht es ja auch nicht. Es geht, wie bereits mehrfach gesagt wurde, um den Wahlkampf von Steinbrück.
    Offenbar glaubt er, mit seinen Klassenkampf-Parolen aus den Siebziger Jahren noch ein paar Wähler hinterm Ofen hervorlocken zu können, die es zu schätzen wissen, dass er ihnen Sündenböcke präsentieren kann.

  14. Bruder Bernhard Says:

    @flashfrog: jetzt geht aber die Rhetorik etwas mit Dir durch, oder? Omageschichten, die’s im Kreuz haben, meine Güte… Aber lustig, doch.

    Oder: Die Schweiz verteidigt Kriminelle. Das ist mehr oder weniger vorbei – das waren die Zeiten, als die Diktatoren dieser Welt hier ihre zusammengerafften Vermögen bunkern durften – da hat das gestimmt, was Du sagst. Steuerhinterziehung ist meines Wissens nicht kriminell. Aber ich bin nicht Jurist.

    In der Sache bin ich allerdings mit Dir einig. Die Schweiz darf keine Beihilfe zur Steuerhinterziehung leisten. Und dieser Meinung ist wahrscheinlich unterdessen ein Grossteil, wenn nicht sogar die Mehrheit der Bevölkerung.

    Mir ist es egal, wie es sich in Deutschland lebt, ob schwarz oder weiss gearbeitet wird, ob mit den Steuern Kitas und Strässlein um die Ecke finanziert werden oder ob die Milliarden doch schlussendlich für machtpolitische Zwecke im Lande herumgeschoben werden. Man hört ja da so Einiges über Wählermassage durch Subventionen. Aber dafür gibt’s ja den Bund der Steuerzahler, der das immer wieder folgenlos beanstandet.

    Als Steuerzahler hierzulande schätze ich es aber, wenn ich unter vergleichbaren Umständen hier weniger Steuern zu Handen der Füllhornausschütter abliefere als bei Die Kavallerie. Die übrigens, wenn ich richtig verstanden habe, auf einen automatischen Datenaustausch hin arbeitet, also davon ausgeht: Wer im Ausland Geld hat, will hinterziehen. Was ja möglicherweise stimmt.

  15. Mara Says:

    @ BB

    Amtshilfe, und hier geht es um die Regelung von Amtshilfe, funktioniert nie automatisch – sondern immer nur bei konkretem Strafverdacht. Das darüber hinaus irgendwas geplant sein soll ist mir nohc nicht über den Weg gelaufen (würde auch dem europäischen Datenschutzgesetzt widersprechen) – auch D ist ein Rechtsstaat, wo ein kriminieller Generalverdacht nicht exisitiert.

    Und das die Staatsquote in D so viel höher als in der Schweiz ist liegt in erster Linie daran, dass ein Grossteil des sozialen Netzes darüber finanziert wird – bei doppelt so vielen Arbeitslosen/mehrfaches an Sozialhilfebedürftigen etc kommt da schon ein bischen was zusammen

    @FM

    Meines Wissens kennt nur die Schweiz die sophisticated- unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung-Übertretung. Das liegt daran, dass in der Schweiz die Steuererklärung keine Urkunde ist (rein willkürliche Definitionssache) – in allen anderen Ländern ist jede abgegebene schriftliche Erklärung, und hierbei handelt es sich bei einer Steuererklärung, selbstverständlich eine Urkunde. – und damit auch ein Betrug (weil man etwas erklärt , was nicht stimmt, und einen Vorteil zu bekommen – vereinfacht gesagt).
    Insofern hat die Schweizer Diplomatie enorme Schwierigkeiten ihre Unterscheidung allen anderen Ländern verständlich zu machen.

  16. flashfrog Says:

    @Frau Müller: Ja, ich weiss, dass Steuerhinterziehung in der CH juristisch anders bewertet wird als in Deutschland. (Das ist so wie mit dem absichtlichen Handspiel im Fussball. ;-)) Aber die meisten Deutschen wissen um diese Feinheiten nicht. Die legen dann die eigenen Rechtsmassstäbe zugrunde, und so kommt das Bild zustande, das ich beschrieb.

    @Bruder Bernhard: https://beizzweinull.wordpress.com/2009/04/28/steinbeuck-wahres-gesicht/
    Bitte anschauen. Lohnt sich, die Zeit zu investieren. Da werden viele Missverständnisse geradegerückt.

  17. zappadong Says:

    Ich oute mich jetzt als jemand, der genug hat. Ich guck mir das Video mit dem Steinbrück nicht an. Schlicht und einfach, weil mich alleine der Gedanke daran nervt (ich gucke ja auch keine Videos mit Blocher drauf). Call it Borniertheit oder Vorurteile – aber dem schenke ich nicht einmal zwei Minuten.

    EDIT und PS: Ich verspreche dafür im Gegenzug, weder irgendjemandem „die Deutschen“ oder „die Dänen“ oder sonst jemanden erklären zu wollen. Indianerehrenwort!

  18. MacZürich Says:

    Woher hat eigentlich so ziemlich jeder die Aussage, dass die Steuer- und Staatsquote in Deutschland wahnsinnig viel höher ist als in der Schweiz?

    Ich habe mal gesucht:

    Steuerquote 2006
    CH 23%
    DE 22%

    Staatsquote 2005
    CH 36,4 %
    DE 46,8 % allerdings mit Krankenversicherung

    Quellen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Staatsquote#Staatsquote_in_ausgew.C3.A4hlten_L.C3.A4ndern

    http://de.wikipedia.org/wiki/Steuerquote#Steuerquote_im_internationalen_Vergleich_1990-2006_.5B6.5D

  19. flashfrog Says:

    @uertner: Der Biller-Artikel passt wohl am besten hier ins Thema „Schriftsteller erklären exotische Länder“. 😉

    Der Artikel ist wirklich ein bemerkenswert übel riechendes Stück geistigen Dünnschisses.

    In bester Kolonialherrenmanier schreibt Biller als Fazit: „Zeit, die Kommunikation wieder so zu bestimmen, dass aus den verosteten Wessis die vernünftigen, unnationalistischen Leute werden, die sie mal waren. Und wenn ‚wir‘ dann wieder okay sind, machen wir ’sie‘, die Ossis, bestimmt auch zu besseren Menschen. Denn sie selber schaffen es aus eigener Kraft nicht.“

    Wo nimmt der Mann, der nicht einen Tag in seinem Leben in der DDR gelebt hat, die Arroganz her, Zigtausende von Menschen, die unter Drohung von Gefängnis und Folter, unter Gefahr für ihre Existenz und die ihrer Familien, mit friedlichen Mitteln eine Diktatur niedergerungen haben, pauschal als Feiglinge zu beschimpfen, die solche wie er erst zu zivilisierten Menschen erziehen müssten? Welch eine unerträgliche Anmassung!

    Aus den Äusserungen von ein paar prominenten Deutschen, die sagten, die wüssten nicht, wie sie sich verhalten hätten, wenn sie in der Diktatur der DDR aufgewachsen wären, strickt Biller sein Pauschalurteil: Deutsche seien feige angepasste Mitläufer.

    Wer kann von sich behaupten, er wüsste ganz genau, dass er, wenn er in einer Diktatur aufgewachsen wäre, selbstverständlich kein Wort der Propaganda geglaubt hätte und der grosse Superheld geworden wäre, der sich kein Stück anpasst, auch wenn es ihn Leib und Leben kostet?
    (Man sollte dabei bitte auch nicht vergessen, dass nicht nur die Stasi, sondern bis in die 80er Jahre hinein auch die sehr reale Gefahr eines Krieges zwischen den beiden Superatommächte drohte, der in den jeweiligen besetzten Zonen Deutschlands stellvertretend wie auf einem Schachbrett hätte ausgetragen werden können.)

    Die Frage: Wie hätte ich mich wohl verhalten, wenn ich unter den Bedingungen einer Diktatur aufgewachsen wäre?, die ist wirklich eine „typisch deutsche“.
    Die realistische Antwort auf so eine Frage ist nicht typisch deutsch. Die ist menschlich.

    Für Biller ist das Wort „sozial“ ein Schimpfwort. Wenn in der Schule bei vor Computer und Fernseher aufwachsenden Einzelkindern Wert gelegt wird auf das Erlernen von Sozialkompetenz, sieht Biller darin ein „protestantische(s) preussische(s) sozialistische(s) Unterdrückungsmotto“. Soziale Verantwortung für die Schwächern ist für Biller gleich obrigkeitshöriges gleichmacherisches Kollektiv.

    Daran, dass derzeit das System des Kapitalismus Kritik erfährt, auch daran sind laut Biller die deutschen Ossis schuld. Das ist schon fast wieder lustig.

    Tatsächlich scheint es nicht unmöglich, dass wir gerade, 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, dem Zusammenbruch des Kapitalismus beiwohnen.
    Was danach kommen wird? Und wie man das System nennen soll, das da in China als Synthese aus Diktatur, Raubtierkapitalismus und Oligarchismus gerade entsteht, und wohin sich das entwickelt, das weiss wohl noch keiner so recht zu sagen.
    Nur eines steht fest: Die Ossis sind schuld.

    Nein, dieser Artikel ist wahnsinnig schlecht, selbst für Weltwochenverhältnisse.. Grosses Indianerehrenwort von die-mit-dem-frosch-blitzt. 🙂

  20. Thinkabout Says:

    Noch eine kleine Korrektur und eine Ergänzung:
    Zu den vermuteten 100 Mia Euro, die D durch die Lappen gehen. Soviel vermutet nicht mal der olle Kavallerist. Er redet davon, dass dies die Summe der Gelder total sein könnte. Und davon fehlen dann die Zinsabgaben. Ein paar Mia kommen dabei schon noch raus, aber gemessen am ganzen Schlamassel des Staatshaushalts bleibt es ein Pflaster ohne Wundsalbe.
    Und zum Beispiel mit der gierigen Baufirma, die Schwarzarbeit systematisch-gierig vergibt und der Oma mit der Nachbarschaftshilfe erlaube ich mir den Nachsatz:
    Die Unzufriedenheit des Bürgers kann auch daher rühren, dass er den Staat oder dessen Organe, also die Steuerbeamten verdächtigt, sich zu sehr um Omas und zu wenig um Bauunternehmer zu kümmern…
    Überhaupt glaube ich, dass die Frage des Tons auf die D zurück fällt:
    Wie Beamte in D mit ihren Bürgern kommunizieren, scheint sich auch ziemlich stark von dem zu unterscheiden, was wir uns gewohnt sind. Und ob das nur mit der anderen Mentalität zu tun hat, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube durchaus, dass hier das Grundverständnis des Verhältnisses zwischen Staat und Bürger auseinander läuft, je länger je mehr.

  21. uertner Says:

    @Mara
    Genau: die „sophisticated- unterscheidung“! Dies ist keine Haarspalterei sondern der fundamentale Unterschied zwischen einer „Eidgenossenschaft“ und einem auf Gewalt beruhenden Untertanenstaat. Und ich werde an dieser Unterscheidung festhalten wollen, genauso, wie ich mir das Recht nehme gegen Missbräuche dieser Unterscheidung (als Banktechnisches Exportprodukt) vorzugehen.
    Dies ist auch mein tiefes Misstrauen gegenüber der eingewanderten deutschen Intelligenz: uns werden die Hirne ausgehen, die willens und bereit sind diese Unterscheidung zu denken. Doch im Denken dieser Unterscheidung liegt die weltgeschichtliche Mission der Schweiz. Schliesslich wollte einmal Nobelpreisträger Vaclav Havel, der Jahre im Gefängnis verbrachte, als er die Schweiz besuchte, das Rütli besuchen. Um den Ort zu sehen, wo diese Unterscheidung erfunden wurde.

  22. Mara Says:

    @ thinkabout

    Ja, der Gedanke, dass eine deutsche Behörde ein Dienstleisung für die BürgerInnen erbringt ist nicht besonders verbreitet. Aber zumindest bei den Behörden, mit denen ich grössenteils zu tun habe, ändert sich der Ton langsam aber stetig. Schwierigkeiten bereiten mir sehr die Ostdeutschen Behörde, es mag vielleicht ein wenig an der Art der Menschen dort liegen, aber ein freundlicherer Tonfall, ein bischen mehr Zuvorkommenheit wäre nett.

    @ uertner

    Die Schweiz ist das einzige Land, dass ich kenne, die für Urkunden, schrifltiche Willenserklärung, diese Ausnahme macht. Normalerweise ist es in der Juristerei so, dass man für eine Definition (hier: was ist eine Urkunde) keine Ausnahmen dieser eklantanten Art macht. Wenn man sie macht, ist dies eine rein politische Entscheidung! Die Schweizer haben sich nun mal in der Vergangenheit politisch dafür entschieden. Die Gründe dafür kann man unterschiedlich interpretieren. Ganz ohne Belang war sicherlich nicht, dass damit ein grosser wirtschaftlicher Standortvorteil zu erzielen war. Das Staatsverständnis ist sicherlich ein weiterer Grund. Kein Brite hat damit ein Problem, soweit es um Schweizer Steuerpflichtige geht.

    Aber ganz so probematisch sehe ich das mit den Deutschen nun nicht ganz,- kommen den auf Dauer gerade die Jungen und Flexiblen in die Schweiz, denen die Tendenz zur mangelnden Eigenverantwortung in D ein Greuel ist. Und Sozialisation kann ein übriges tun.
    Nur so viel Eigensinn hat seine Grenzen in einer internationalen Vernetzung. Da kann man noch so viel Zetern, dass die Schweizer Bürgerinnen Minarette verbieten dürfen – es wird damit trotzdem gegen internationale Menschenrechtsabkommen verstossen (Diskriminerungsverbot aufgrund Religion). Dann kommt trotzdem irgendwann der Entscheidungszwang – will man mitmachen bei den internatioalen Spielchen – oder weiter seine eigene Suppe kochen, so sinnvoll und sympathisch die eigene Suppe auch sein mag.

  23. uertner Says:

    @Mara
    Es sei darauf hingewiesen, dass selbst die Schweizerischen Gemeindeversammlungen und Landsgemeindeversammlungen nicht der „Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK)“ entsprechen, weil das Wahl- und Stimmgeheimnis nicht gewährleistet ist. Die Schweiz musste hier eine „Ausnahmebewilligung“ beim Beitritt zur EMRK beantragen. Schliesslich ist es genau dieses archaisch-vormoderne Staatsverständnis, das auch verhindert, dass die „Steuererklärung“ eine „Urkunde“ ist. Denn der „Eidgenosse“ setzt sich, wenn er im „Namen Gottes des Allmächtigen“ eine Urkunde unterschreibt dem Jüngsten Gericht aus.
    Was Sie der Schweiz unterstellen, dass diese Unterscheidung von Steuerbetrug (ein „Meineid“) und Steuerhinterziehung (möglicherweise nur ein „Versehen“) in seiner Entstehung als fiskalpolitischer Standortvorteil designt wurde, wage ich nun doch sehr zu bezweifeln.
    Worum es in der Frage geht ist die Abgrenzung von Verantwortlichkeit. Um das Beispiel von Kollege Köppel zu bemühen. Die Abtreibung ist in Polen verboten, in der Schweiz aber erlaubt. Muss nun die Schweizer Justiz der polnischen alle Polinnen anzeigen, die in die Schweiz abtreiben kommen? Die Schweiz als säkularer Staat hat die Abtreibung erlaubt, mit der Schuld muss die Polin vor ihrem katholischen Gott umgehen, da mischt sich der Schweizer Staat nicht ein. Das gleiche gilt für das Verhältnis von deutschem Steuerbürger und deutschem Staat. Den Schweizer Bankier interessiert es nicht, wie dieser deutsche Kunde zum deutschen Staat steht, er bietet eine Dienstleistung für diesen Deutschen an. Ob dieser Deutsche Steuern bezahlt oder nicht, ist nicht Inhalt der Geschäftsbeziehung zur Bank, dies ist ein Problem des Deutschen Steuerbürgers.
    Die bisherige Zurückhaltung der deutschen Regierung mit der Schweiz hier eine Lösung auszuarbeiten kann ich mir sehr wohl durch die Kohlsche „Bimbes-Wirtschaft“ der schwarzen Kassen und der „Amigos“ erklären.
    Die Schweiz bietet Maklerdienste an: zur Friedensförderung zwischen Israel und Palästina, zwischen Teheran und Washington, zwischen Türken und Armeniern. Auf dem Höhepunkt dieses Prestiges, das im wesentlichen auf die 1815 übernommene Verpflichtung zu „immerwährender, bewaffneter Neutralität“ fusste, 1919 wurde die Schweiz als Mutter des „Roten Kreuzes“ zum Sitz des Völkerbundes auserkoren. Ein oder zwei Jahre später wurde das Bankgeheimnis geschaffen. Das hohe ethische Prestige der Schweiz bekam nun eine „geschäftliche“ Seite. Erst jetzt wurde wohl allmählich die Unterscheidung „Steuerhinterziehung/Steuerbetrug“ in Verbindung mit dem Bankgeheimnis zum „Geschäftmodell“ verfeinert. Dies ist also ein Pfund, das wir uns in einer jahrhundertelangen Geschichte „erarbeitet“ haben. Leider wurde nach 1980, als die neoliberale Marktentfesselung losgelassen wurde mit diesem „Pfund“ jenseits aller calvinistischen Ethik schamlos gewuchert.
    Das Ensemble: Landsgemeindedemokratie – Sturmgewehr im Besenkasten – Unterscheidung Steuerbetrug/Steuerhinterziehung sind die Wesensmerkmale einer eidgenössischen Anthropologie, die sich über Jahrhunderte bewährt hat und in Schillers Wilhelm Tell im Geiste des Deutschen Idealismus zum idealtypischen Denkmal erhoben wurde. Die Kehrseite davon ist vielleicht ein calvinistischer Erwähltheitsglaube, der demjenigen der südafrikanischen Buren, der Zionisten oder auch der frommen Yankees manchmal sehr nahe kommt. In der mythischen Uerte geht es menschlich, allzumenschlich zu und es wird in kleinlichem krämergeist jede Ausgabe geprüft. Der Staat soll stark aber schlank sein und seine Stärke soll eher im Charakter der handelnden Amtsträger liegen als in papierenen Reglementen oder theoretischen Prinzipien.

  24. flashfrog Says:

    @uertner: Ein Wort zur Definition: Das Wort „Untertan“ bezeichnet einen Staatsangehörigen in einer Monarchie. Briten sind also Untertanen. Deutsche nicht, Deutsche sind Bürger eines Staates mit repräsentativer Demokratie.

    Ich danke dir aber für die (für deine Verhältnisse erstaunlich 😉 ) sachliche Darstellung zum Thema Steuerhinterziehung/Steuerbetrug. Solche sachlichen Analysen hätte ich gern in den Medien gelesen statt wochenlang: Der böse Peerli hat mich Indianer genannt!
    Dass die Unterscheidung Steuerhinterziehung/Steuerbetrug ein so grundlegendes Wesensmerkmal ist, dass ohne sie die Schweiz untergehen würde, würde ich allerdings stark bezweifeln.
    Soweit ich weiss gibt es übrigens auch in D eine Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung aus Versehen und aktiver Steuerhinterziehung aus Vorsatz. (Mara kennt sich da sicher besser aus.)

  25. Mara Says:

    @ uertner

    Wie die Schweizer mit sich selbst umgehen – bleibt ja immer noch den Schweizern selbst überlassen -soweit sie sich nicht andersweitig verpflichtet haben (EMRK CEDAW) usw.
    Die Frage der Strafbarkeit auf anderen Gebieten ist eigentlich auch schon längst zwischenstaatlich gelöst worden.

    Hier vermischt du aber zwei Dinge, und zwar Amtshilfe – und Verantwortlichkeit. Und genau das macht die Diskussion auch so müde. Es geht schliesslich nicht darum Schweizer zu kriminalisieren – sondern es geht darum, dass das, wass in vielen anderen Fällen selbstverständlich ist, auch im Bereich der Steuerstrafangelegenheiten zu verwirklichen. Als Deutscher mit Wohnsitz in Deutschland untesteht man nun mal dem deutschen Steuerrecht und auch dem deutschen Strafrecht – etwas, was in allen anderen Fällen von den anderen Staaten so auch akzeptiert wird. Warum nicht auch von der Schweiz in Steuersachen?

    Was hier die Schweizer Bankbeamten tun – ist Sache der Schweizer. Was ihre deutschen Kunden von Deutschland aus tun – Sache der Deutschen – und da haben Schweizer nichts reinzureden. Den das ist die Verantwortung der deutschen BürgerInnen. Wenn die Schweizer meinen Geld, dass dem deutschen Fiskus unterliegt, quasi „retten“ zu müssen – und keine Amtshilfe leisten- dann ist das wahrlich ein Verantwortungsgefühl das alles andere als angebracht ist. – den es ist schlichtweg nicht in unserer Verantwortung wieviel von diesem Geld an den deutschen Fiskus fliesst.

    Dass eine Urkunde irgendwas mit Gott zu tun hat, ist allerdings schon ne ganze Weile vorbei – Willensäusserungen haben schon lang den Touch des himmlischen Verlassen und sind in die Niederungen der Bierdeckelstriche hinabgestiegen.

    Man kann viel historisch erklären, manchmal ist es der Sache aber auch förderlich in der Banalität des Jetzt zu bleiben.

    PS: und wie lang das mit den Maklerdiensten noch funktioniert oder nicht .. auch da hat die Aura in letzter Zeit doch sehr gebröckelt. Es scheinen andere Methoden angebracht zu sein – andere Art und Weise von nöten – als ausgerechnet einen Antisemiten und Aufhetzer öffentliche Aufmerksamkeit und Podium zu schenken.

  26. uertner Says:

    @Mara
    Es sei Dir die Empörung über den Antisemiten nachgesehen, denn aus Deinem Blog muss ich schliessen, dass Du hier emotional etwas involvierter bist als der Otto-Normalverbraucher.
    Theologische Fragen spielen durchaus noch eine Rolle in der Weltgeschichte, man denke nur an den Nahen osten, wo sich Siedler von Gott ermächtigt fühlen palästinensische Landbesitzer zu enteignen.
    Theologie spielt immer auch eine Rolle, wenn Angelsachsen am Hindukusch – oder besser Arme latinos die auf eine green card hoffen – die „Ehre des weissen Mannes“ zu verteidigen suchen. Ich gebe dir allerdings Recht, dass diese Dimension des Politischen den Deutschen durch ihr 1000jähriges Reich nachhaltig ausgetrieben wurde.
    Der Chefredaktor von Cicero macht ja den Deutschen eine zynische Milchbüchlein-Rechnung. Was die Deutschen zu sehr verkennen: Obama hat aus Afghanistan die Nagelprobe des moralischen Führungsanspruches der USA gemacht (denn wirtschaftlich hat die USA nichts mehr zu melden). Darum kann Obama nicht aus Afghanistan abziehen, ohne die Weltherrschaft einer neuen Macht zu überlassen, ohne den „angry young men“ in den Kampfzonen der Klimaerwärmung (wo neu-Muslime auf neu-Christen treffen) nicht das verheerende Signal der Schwäche zu geben.
    Im Übrigen hat das unser Appenzeller Bundespräsident längst durchschaut: in seinem Präsidialjahr triftt er sich mit den Russen und den Chinesen, mit der USA spricht er nur wegen dem Ärger mit der UBS. Die Schweiz muss sich mit den Gegebenheiten nach der Hegemonie der USA abgeben. Wir knüpfen doch derzeit Beziehungen zu Arabien, China, Indien. Dort wird die Musik des nächsten Jahrhunderts spielen. Europa ist nur noch ein Freilichtmuseum des abendländischen Geistes.
    @flashfrog
    So differenziert sehen wir in der Schweiz die Sache schon lange. Siehe mein Artikel zur Wegleitung im jahr 2004. Der Steinbrück hat uns nur den Anlass zu nationaler Selbstvergewisserung gegeben und er hat es sehr dumm angestellt. so spricht man nicht mit einem Nachbarn, der den ausgebombten Deutschen die Kinder wieder hochgefüttert hat. Es ist auch dumm so zu sprechen, wo doch in Deutschland jedes Kind weiss, dass Kohl sehr wahrscheinlich sein ganzes Parteiimperium von schwarzen Nummernkonten in der Schweiz aus regierte. Diese plötzlich entdeckte Moralität der Deutschen ist etwas geheuchelt. Ich denke Steinbrück hätte mehr erreicht, wenn er das sachliche Gespärch gesucht hätte. Und mit der Kavallerie hätte er in Verhandlungen drohen können. Wir sind hier ja nicht blöd. Aber in diesem grosssprecherischen Herrenreiterton muss man nicht mit der 700jährigen Schweizerischen Eidgenossenschaft in Verhandlungen treten wollen, wenn man sich eben aus den Trümmern des 1000jährigen Reiches hochgerappelt hat.

  27. Mara Says:

    @ uertner

    Religion ja.. alltägliche Religiösität nein – zumindest bei den Meisten. Und darum geht es bei alltäglichen Fragen wie was bedeutet den Menschen noch Urkundenfälschung. Abgesehen davon, sollte man in einem Staat mit vielerlei Religionen aufhören, zu glauben, alle würden selbstverständlich dasselbe glauben. Auch wenn die Schweiz aus dem calvinistischen Erbe kommt… der jetzige Alltag sieht auch atheistisch, katholisch, islamisch, jüdisch, orthodox und sonswie aus. …. (ich weiss, da wird mir jetzt wieder widersprochen, ich wollte mir nur es mir mal wieder nicht nehmen lassen, dies erneut anzusprechen).

    Aber verzeihen Sie mir das als Zugezogene aus mehreren Ländern, der die Schweiz in sehr positivem Licht erscheint und schliesslich gerne hier lebt, diese Überhöhung nun nicht ganz nachvollziehbar ist. Das Beste an dieser langen Tradition erscheint mir nämlich die ungeheure Lernfähigkeit und Flexibiltät der Schweizer mit neuen Situationen umzugehen – und dazu gehört eignetlich auch sich mal zu überlegen, dass ausgerechnet die Schweizer, die etliche Juden an der Schweizer Grenze in den sicheren Tod zurückgeschickt haben, nicht mit „aufpäppeln“ der blonden Deutschen kokettieren sollten. Die Schweizer sind im Ausland für ihre Bescheidenheit und Bodenständigkeit beliebt – und nicht dafür, sich moralisch ständig über andere zu stellen.

  28. flashfrog Says:

    Einen hab ich noch: Das dümmste Interview des Jahres zum Thema „Wir basteln uns Klischees über die deutsche Mentalität“ führte kürzlich Roger Köppel im Weltspiegel.
    Wenn man etwas über Deutschland in den letzten 60 Jahren wissen will, befragt man … einen pensionierten Althistoriker mit dem Fachgebiet römische Geschichte?? Recht bizarre Idee.
    Aber es kommt noch seltsamer. Da ist die Rede von einer „Haltung“, die „den Deutschen im Blut“ „steckt“. Köppel verwendet Begriffe wie „die deutsche Volksseele“ und das „deutsche Wesen“ offenbar ohne jedes Bewusstsein für deren Verwendung durch die Nazis.
    Wenn man sich Köppels Fragen durchliest, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus:

    „Wie definieren Sie den deutschen Nationalcharakter?“
    „Wann hat sich der deutsche Nationalcharakter herausgebildet?“
    „Was sind die wichtigsten Eigenschaften der Deutschen aus germanischer Zeit?“
    „Grosse Teile Deutschlands sind nie romanisiert worden. Wie hat ich dies auf den Volkscharakter ausgewirkt?“
    „So ist dem deutschen Wesen seit Anbeginn eine gewisse Abneigung gegen zentralistisch geordente Verbände eigen, eine Art Kantönligeist?“
    „Haben Sie als Historiker eine Erklärung dafür gefunden, welcher Zug in der deutschen Mentalität ausschlaggebend dafür war, dass man dem Diktator Hitler verfiel?“
    „Stehen die Deutschen genetisch links?“
    „Wie hat der Wald die Deutschen geprägt? Wie waren die Wirkungen auf den Volkscharakter?“

    Und dann wird es vollends gaga: „Stimmt es, dass sich die Deutschen der Eiche verwandt fühlen, sich in diesem Baum wiedererkennen?“ – Antwort Alexander Demandt:: „Die Eiche als Ur-Baum, als Baum schlechthin, denn jeder Baum ist eine Variante der Eiche.“
    Und: „Warum eigentlich haben die Deutschen in der Musik bedeutendere Werke hervorgebracht als in der Malerei oder in der bildenden Kunst?“ – Antwort Alexander Demandt: „Angenommen, das stimmte, so könnte man eine etwas simple Erklärung bemühen: Die visuellen Künste verlangen Optik, und die Optik verlangt Sonne. In Deutschland ist das Wetter schlecht., daher dominiert das Musikalische.“

    Eine Frage von Köppel war auch: „Was unterscheidet die Deutschen nach 1945 fundamental von den Deutschen vor 1945?“
    Ich würde sagen vor allem dies: Dass sie gelernt haben, dass das Geschwurbel von einer ur-germanischen Volksseele oder Nationalcharakter im Blut extrem gefährliche ideologische Begriffe sind. Wenn Herrn Köppel das in keiner Weise klar ist, dann hat er von der „deutschen Mentalität“, oder rationaler ausgedrückt: von der deutschen Kultur der letzten 60 Jahre nichts begriffen.

  29. zappadong Says:

    LOL ! Danke. Das war die Erheiterung des Abends.

    Ich hätte auch noch einen: „Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du weichen“. (Das bezieht sich jetzt nicht auf die Deutschen, sondern auf das Überraschtwerden von einem heftigen Gewitter in freier Natur.)

  30. flashfrog Says:

    @zappadong: Genau, deswegen hat es auf der Tastatur ja auch Buch-Staben und keine Eich-Hörnchen, damit sie bei Gewitter nicht durcheinandergeraten. Weil in D ja immer das Wetter schlecht ist.

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