Steinbrück zeigt sein wahres Gesicht

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Für alle, die schon mit den zwei aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten so viel Spass hatten, gibts hier eine ganze Stunde lang Steinbrück zum Geniessen.

http://www.sf.tv/sendungen/visavis/
(bitte rechts auf den Video-Link klicken, um das Video zu starten)

Es lohnt sich, die Zeit zu investieren, sich das Video bis zum Ende anzuschauen! Da werden eine Menge Missverständnisse geradegerückt.

Und nun warte ich dringend auf ein paar Schweizer Schriftsteller, die mir die dänische Mentalität erklären…

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Edit: Ich fände es wirklich sehr schade, wenn diejenigen, die sich so leidenschaftlich im Zuge dieser völlig einseitigen medialen Anti-Steinbrück-Kampagne aufgeregt haben, sich nicht einmal eine Stunde Zeit nehmen, um sich über die Fakten zu informieren.
Und nebenbei die Chance vertun, ihre Vorurteile zu überprüfen und Steinbrück  eventuell als durchaus humorvoll, selbstironisch, nachdenklich und ein richtig sympathisches Kerlichen kennenlernen. 🙂

Um ein paar Zitate herauszugreifen:

Frage: „Herr Minister Steinbrück, ich beginne nicht mit dem Indiander-Vergleich (…) sondern mit der Peitsche, die Sie den Schweizern angedroht haben.“

Steinbrück: „Das ist auf einer Pressekonferenz gewesen in Paris nach einer Sitzung mit OECD-Vertretern (…) und ich glaube, ich habe ein englisches Idiom benutzt: „sticks and carrots“. Und das kann man übersetzen mit: „Zuckerbrot und Peitsche“ und das hat für diese Dramatik gesorgt. Wenn ich „push and pull“ gesagt hätte, dann hätten das viele als sehr höflich empfunden, aber die wenigsten hätten es verstanden.“

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Frage: „Haben Sie sich das vorgestellt, dass die Schweizer so reagieren könnten?“

Steinbrück: „Nein, offengestanden nicht. Und das mag an meiner etwas zu gering ausgebildeten Sensibilität liegen, dass ich das nicht gesehen habe.“

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Frage: „Ich komme aber noch auf die Indianer, weil das ist das lustigere Beispiel.“

Steinbrück: „Das war noch nicht einmal auf die Schweiz bezogen. Die Schuhe haben sich die Schweizer selber angezogen. Das war bezogen auf die OECD-Liste. Ist aber sehr schnell verfremdet worden dahingehend, damit wäre die Schweiz gemeint.“

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Frage: „Sind Sie vorsichtiger geworden, was Blider angeht?“

Steinbrück: „Ich glaube, ich werds mir nicht abschminken, gelegentlich Bilder zu verwenden, die anecken können, aber wo Sie auch den Eindruck haben, dass sie nicht diesem gestanzten Politiker-Gestammel entsprechen.“

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Frage: „Nun kommen wir zur Sache: Was Wollen Sie von der Schweiz, ganz konkret?“

Steinbrück: „Fairness. Einen fairen Umgang. Den Respekt nicht nur gegenüber der Schweiz, den einzufordern legitim ist, auch bezogen auf ein Bild, mit dem ich mich gegebenenfalls vergalloppiert habe. Aber es gehört auch der Respekt gegenüber dem Interesse des Steuerstaates Deutschland dazu und unser Interesse zu akzeptieren, dass ich die Steuerbasis in Deutschland nicht erodieren lassen kann. (…)

Das heisst: Ich möchte einen fairen Informationsaustausch um deutsche Steuerbürger – nicht Schweizer! – deutsche Steuerbürger dazu zu veranlassen, ihre Pflicht zu erfüllen, und ihre Pflicht ist es, in Deutschland Steuern zu bezahlen.“

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Frage: „Wie viel Geld glauben Sie denn, das sich in der Schweiz verborgen hält?“

Steinbrück: „Es gibt plausible Schätzungen, dass von deutschen Steuerzahlern bis zu 200 Milliarden Euro in der Schweiz liegen.“

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Auf die Frage, wie ein solcher Informationsaustausch konkret ablaufen soll:

Steinbrück: „Ich habe einen bestimmten Namen  – ich habe nicht eine Rasterfahndung, ich habe nicht ein allgemeines Netz, das ich versuche zu füllen! -, sondern ich habe einen bestimmten Namen, und aus den Daten, die wir hierhaben, haben wir den Eindruck, dass diese Person ein Konto inder Schweiz hat und auf diesem Konto arbeitet Geld, in diesem Fall zunächst einmal Zinseinkünfte, eines Tages Kapitaleinkünfte insgesamt (die in Deutschland versteuert werden müssen), und ich möchte gerne wissen, ob dieser Verdacht berechtigt ist, ja oder nein.“

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Frage: „Die OECD-Gruppe wird sich treffen in Berlin, die Schweiz ist nicht eingeladen, sie war schon letztes Jahr nicht eingeladen. in Paris…“

Steinbrück: „Das ist einer der Irrtümer, der kolportiert wird. Die Schweiz war selbstverständlich eingeladen. Österreich auch, Luxemburg auch, und sie werden wieder eingeladen. Sie sind nur nicht gekommen. Ja, selbstverständlich laden wir die Schweiz ein!“

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Steinbrück: „In dem Augenblick, wo die Schweiz den Artikel 26 des Musterabkommens mit der OECD anerkennt und zu einem solchen geregelten Informationsaustausch mit uns kommt, in dem Augenblick ist das Problem beseitigt. (…) Ich möchte nichts anderes, als dass die Spielregeln, die in der OECD verabredet sind, angewandt und akzeptiert werden.“

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Steinbrück: „Sie müssen aber Ihre Kompromisse auch aus Überzeugung machen. Die Art, wie die Kompromissfindung zunehmend auch diffamiert wird, weil es immer „faule Kompromisse“ sind, empfinde ich als sehr falsch. Weil ich glaube, dass Kompromisse in einer Demokratie konstitutiv Wichtiges sind. Anders kriegen Sie ja keinen Interessenausgleich hin.“

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Und wer jetzt doch neugierig geworden ist und wissen möchte, wie das mit den Dänen ist und wie Steinbrück die Gründe, Entwicklung und mögliche Folgen der Krise analysiert, was er zur aktuellen deutschen Politik sagt und was ihn in der deutschen Geschichte geprägt hat, was er zu Willi Brandt sagt und zu Helmut Schmidt, welche Bücher er liest und warum er nicht auf seine Frau hört, der muss sich das Video wohl doch selber anschauen. 🙂

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56 Antworten to “Steinbrück zeigt sein wahres Gesicht”

  1. uertner Says:

    Nun zur dänischen Mentalität: Die ist wesentlich strammer lutheranisch (auch wenn die Kirchen dort leer sein sollen) als in D und offensichtlich ziemlich wehrhaft-kämpferisch, denn der „Karikaturenstreit“ wurde ja von Dänemark aus losgetreten.

    Über die Tapferkeit der Dänen unter deutscher Besetzung. Hier:

    http://www.goest.de/gwgoe/extrablatt/daenem.htm

  2. uertner Says:

    Wenn ein Demografe die Kindersterblichkeit als guten Indikator für die allgemeine Werteverfassung einer Gesellschaft und deren Vitatlität bezeichnet hat, so muss diese Meldung aus Berlin zu denken geben:

    http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Wegen-der-Krise-landen-in-Deutschland-immer-mehr-Babys-in-der-Babyklappe/story/12974815

  3. Mara Says:

    @uertner

    Man wundert sich ja fast warum uberhaupt noch Menschen in D leben oder? so schlimm wie Sie es immer schildern. Hat ja fast dritt-welt-Statut, und der Rest scheint einfach verblendet oder von Hartz IV zu leben. PS: nach Rumänien/Ungarn kann man im übrigen auch nicht auswandern – schliesslich haben die Roma dort die Weltwirtschaftskrise verursacht.

  4. Mara Says:

    PS: nein und ich werd das Video auch nicht anschaun. Abgesehen davon, dass lange Videos ohne bunte Bildchen mit langweilen, würde ich gefühlte drei Stunden persönlicher Wahlkampf auch nicht verdauen. Ich lasse mir die rein protestantisch geprägte Weltordnung liebern aus einer schweizer Uerte erklären.

  5. uertner Says:

    @Mara
    So halte ich es ja auch, die Vorzüge Deutschlands lasse ich mir gerne von in die Schweiz „geflüchteten“ Deutschen erklären in der Beiz ;-).

    Aber ich fürchte, ich muss wirklich mal hingehen, denn allein aus Medienmeldungen gewinnt man den Eindruck eines Staates in Auflösung. Auch die Serien des Deutschen Unterschichtsfernsehens: „Der Gerichtsvollzieher“, „Frauentausch“, „Die Auswanderer“ und wie sie alle heissen, lassen nicht auf einen intakten Wertekonsens in dieser Gesellschaft schliessen. Aber dem Publikum scheint dies zu gefallen!

  6. flashfrog Says:

    @uertner: Ich empfehle dir eine Stunde gutes Schweizer Intellektuellenfernsehn: http://www.sf.tv/sendungen/visavis/
    Und bin gespannt, was du von Steinbrücks Krisen-Analyse hältst. Da gehts nämlich genau um gesellschaftliche Werte.

    @ all: Ich habe mir die Mühe gemacht, ein paar Zitate aus dem Video herauszuschreiben. das wirklich nix mit Wahlkampf zu tun hat, aber, ceterum censeo, vieles richtigstellt, was in den Schweizer Boulevardmedien falsch oder bewusst missverständlich dargestellt wurde.

    Es iwäre mir wirklich ein kleines Herzensanliegen, dass ihr euch die Mühe macht, euch die Fakten anzuschauen und eure Meinungsbildung nicht nur auf eine Kampagne der Schweizer Boulevardmedien stützt.

  7. flashfrog Says:

    >> Aber ich fürchte, ich muss wirklich mal hingehen, denn allein aus Medienmeldungen gewinnt man den Eindruck eines Staates in Auflösung.

    @uertner: Wie wärs zum Tübinger Bücherfest?
    http://www.tuebinger-buecherfest.de/
    Da könntest du dir die deutsche Kulturlosigkeit gleich mal live anschauen…. 😉

  8. Frau Müller Says:

    @ Flashfrog: Möglicherweise kennen Sie FAM zu wenig. Aber unsereiner hierzulande, oder zumindest meinereiner, hält das Gesalbadere und Aufgeplustere dieses eitlen Gecken kaum aus. Ich brauche da eine masochistische Minute, um mir ihn anschauen zu können. Und die ist im Moment nicht in Aussicht. Drum bin ich froh, haben Sie wenigstens ein paar Zitate herausgegriffen. So muss ich mir diese blasierte Stimme nicht antun und dieses selbstherrliche Gebaren. Aber sobald die Frühlingsstimmung vorbei ist, schau ich mal rein. Versprochen.

  9. zappadong Says:

    Ich gucke nicht (sagte Frau Zappadong trotzig). Mir reichen die Zitate …

    Zitat: „Nein, offengestanden nicht. Und das mag an meiner etwas zu gering ausgebildeten Sensibilität liegen, dass ich das nicht gesehen habe“

    Da lächle ich nur milde. Im besten Fall Politikerblablabla, wahrscheinlicher reines Kalkül … um dann den nächsten „Steuersünder“ zu Hause abzuholen, nicht ohne vorher einer Horde Medienleuten zu stecken, was passieren wird.

    Zitat: „Fairness. Einen fairen Umgang. Den Respekt nicht nur gegenüber der Schweiz, den einzufordern legitim ist,“

    LOL – entschuldigung, aber der ist herzig.

    Zitat: „sondern ich habe einen bestimmten Namen, und aus den Daten, die wir hierhaben, haben wir den Eindruck, dass diese Person ein Konto inder Schweiz hat “

    HABEN WIR DEN EINDRUCK. Na, das nenne ich dann mal einen begründeten Verdacht. Ich habe den ganzen Tag ganz viele „Eindrücke“.

    Zitat: „Ich möchte nichts anderes, als dass die Spielregeln, die in der OECD verabredet sind, angewandt und akzeptiert werden.”

    Aha. Ich habe den EINDRUCK, dass diese Spielregeln überhaupt nicht klar definiert sind. Und ich habe den EINDRUCK, dass diese Spielregeln der OECD von den G20 diktiert worden sind (einzelne OECD-Mitglieder hatten nämlich zu diesen Spielregeln überhaupt nichts zu sagen, meine ich … wie gesagt, das ist nur mein EINDRUCK).

    Und warum der Herr Steinbrück nicht auf seine Frau hört, ist mir total egal.

    Nichts für ungut.

    Frau Zappadong

  10. Frau Müller Says:

    @ Zappadong: Gut beobachtet und treffend kommentiert.

    Ich hab auch noch einen: „und ich möchte gerne wissen, ob dieser Verdacht berechtigt ist, ja oder nein.”
    Verdacht bedeutet „Übles von jemanden denken“. Um ein Ermittlungsverfahren einzuleiten braucht es aber mehr als ein „ich möchte gerne wissen“. In einem Rechtsstaat braucht es Beweisgründe und Indizien. Steinbrück hebt aber diesbezüglich jede rechtsstaatliche Prinzipien aus, wenn er beispielsweise mit Guernsey ein Steuerabkommen abschliesst, das verlangt, dass die Insel sämtliche Bankdaten liefern muss – selbst wenn kein Verdacht auf Steuerhinterziehung besteht.

    Überdies war Anfang April in der „Financial Times Deutschland“ zu lesen, dass Steinbrück künftig unangekündigte Steuerprüfungen durchführen will – auch ohne Verdacht. Im Visier: alle Bürger ab einem Jahresverdienst von 500.000 Euro.

    Mich wundert ein bisserl, dass die Deutschen von ihrem Finanzminister nicht verlangen, seine spätpubertären Kraftmeiereien einzustellen und sich stattdessen damit auseinanderzusetzen, weshalb es in Deutschland zu diesen Absetzbewegungen kommt.

  11. Mara Says:

    @ Frau Müller

    Dafür hat man in Deutschland im Moment das Bundesverfassungsgericht, dass so einen quatsch regelmässig kassiert. Schade aber wahr..

  12. Frau Müller Says:

    @ Mara: Wieso schade? Nichts macht mich froher, als ein funktionierender Rechtsstaat, der seine Bürger vor staatlicher Willkür schützt. Wobei dies im vorliegenden Fall erst noch zu beweisen ist.
    Es wundert mich jedenfalls, dass ein Finanzminister ein Gesetzesentwurf durchdrücken will, der der Rechtsstaatlichkeit widerspricht, nämlich ganze Teile der Bevölkerung – auch wenn es die von seiner Wählerschaft zu tiefst verhassten Erfolgreichen sind – unter Generalverdacht zu stellen. Wie zu lesen war, will er damit Wahlkampf betreiben.
    Mich erinnert dieses Gebaren an die glorreichen sozialistischen Staaten. Dort galt auch jeder, der selbständig tätig war, ein Metzger oder Cafébetreiber, als potentieller Staatsfeind.
    Kurzum: Mich widert es an, wie dieser Steinbrück die niedrigsten Instinkte anspricht, allein für den Wahlkampf.

  13. flashfrog Says:

    Über sachliche Argumente kann man und, ich denke, muss man auch, sachlich diskutieren.
    Über die Modalitäten z.B., in genau welchen Fällen, ab welcher Indiziendichte die Schweiz bereit wäre Amtshilfe bei der Verfolgung einer deutschen Straftat zu leisten. Und wie man verhindern kann, dass die Privatsphäre unschuldiger Bürger dabei angetastet wird. Genau das ist der Punkt.

    Aber „Steinbrücks Stimme und Steinbrücks Art gefällt mir nicht, darum höre ich mir gar nicht erst an, was er zu sagen hat“ hat mit Sachlichkeit und einer ausgewogenen Meinungsbildung nicht mehr viel zu tun.

    Ich bitte euch lediglich, euch nicht auf das zu verlassen, was im Blick oder im Newsnetz steht, sondern euch die Fakten mit eigenen Ohren anzuhören.

    Einige der Fakten sind:
    – Steinbrück hat die Schweizer gar nie Indianer genannt.
    – Steinbrück gibt zu, dass er sich mitunter im Ton vergriffen hat.
    – Steinbrück ist nicht der einzige, der Einsicht in die Daten seiner steuerflüchtigen Bürger haben möchte. Die USA haben diese für sich bereits durchgesetzt. Und es handelt sich um einen Beschluss der OECD.
    – Schweizer Bürger sind von Steinbrücks Ansinnen überhaupt nicht betroffen.
    – In Deutschland und im deutschen Wahlkampf (so er denn schon angefangen hat) spielt das Thema gar keine Rolle. Diese Riesendiskussion, die da hochgekocht wurde, findet ausschliesslich (von gelegentlichen Zweitverwertungen abgesehen) in den Schweizer Medien statt.

    Es gaht um 2 Staaten, die in einem bestimmten Punkt unterschiedliche Gesetze und unterschiedliche wirtschaftliche Interessen haben und gemeinsam eine Lösung finden müssen, mit der beide leben können. Das ist alles.
    Eigentlich kein Grund für solche Aggressionsausbrüche, oder?

  14. uertner Says:

    Endlich schreibt einmal einer, das, was ich angesichts Deutschlands empfinde. Maxim Biller in der neuesten Weltwoche. Der Artikel lohnt für einmal den Kauf von Köppels Kampfblatt: Uertnerehrenwort.

    Nähme mich wunder, was die Apologeten Deutschlands zu dieser Analyse auf hohem Niveau sagen.

  15. uertner Says:

    @flashfrog
    Das Interview hab ich natürlich gesehen. Zur charakterlichen Qualifikation von FAM hat Frau Müller schon einiges gesagt. Er hält sich seit einigen Jahrzehnten als eine Art 8 Bundesrat, wir haben hier schon diskutiert inwiefern, man hier von Filz oder „Korruption“ sprechen könnte. Ich habe damals diese Begriffe für FAM abgelehnt.

    Zum Interview konkret: es war mir alles zu versöhnlich. FAM kam nicht mit dem FAZ Artikel von Hürlimann „Herr Steinbrück, sie haben Mundgeruch“, sondern mit dem versöhnlicheren von Peter von Matt in der NZZ, das spät kam und mit nicht auf der Höhe anderer von Mattschen Wortmeldungen scheint. Eine Ironie der Geschichte besteht zudem darin, dass FAM, der hier als publizistischer Aussenminister der Eidgenossenschaft sich aufspielt (auch Peter Hartmeier vom Tages-Anzeiger versuchte auf dem Höhepunkt der Krisis mit Steinbrück zu sprechen, kam aber nicht durch), eine wohl etwas unrühmliche Rolle in der Kampagne der Ringier-Medien spielte, die zur Abberrufung des Botschafters Borer in Berlin führten. Einen Zweikampf Borer/Steinbrück hätte ich gerne gesehen. FAM, dessen Kommentare im Sonntagsblick ich oft der Tendenz nach teile, hat hier keine grosse Leistung erbracht. Er tanzt hier auf zu vielen Hochzeiten und halt vor allem auf einer: seiner grossen Eitelkeit.

  16. zappadong Says:

    Zitat: Aber “Steinbrücks Stimme und Steinbrücks Art gefällt mir nicht, darum höre ich mir gar nicht erst an, was er zu sagen hat” hat mit Sachlichkeit und einer ausgewogenen Meinungsbildung nicht mehr viel zu tun.

    Ich habe ihn mehrmals am TV mit O-Ton gesehen. Das hat gereicht. Genauso, wie es mir bei Blocher gereicht hat. Kein Mensch würde von mir erwarten, dass ich der ausgewogenen Meinung wegen Blocher-TV gucke (weil er ein so netter Kerli ist und einfach nur missverstanden wird). Aber Steinbrück-TV schon?

    Zitat: „Steinbrück hat die Schweizer gar nie Indianer genannt.“

    Mag sein. Aber ich habe zu viele Ausschnitte aus Pressekonferenzen gesehen, in denen er spöttisch-ironische Sprüche und Seitenhiebe gegen die Schweiz und die Schweizer losgelassen hat.

    Zitat: „Steinbrück gibt zu, dass er sich mitunter im Ton vergriffen hat.“

    Politiker geben immer alles und nichts zu.

    Zitat: „Die USA haben diese für sich bereits durchgesetzt. Und es handelt sich um einen Beschluss der OECD.“

    Eine der allergrössten Steueroasen der Welt befindet sich in den USA: Im Bundesstaat Delaware herrscht mehr oder weniger Narrenfreiheit. Ich nehme es Obama sehr, sehr, sehr übel, wie er darauf nicht eingeht und dafür den Rest der Welt an den Pranger stellt. Und nochmals: Wir Schweizer gehören zur OECD und durften nicht einmal kurz husten beim Zustandekommen dieses Beschlusses.

    Zitat: „Schweizer Bürger sind von Steinbrücks Ansinnen überhaupt nicht betroffen.“

    Mag sein. Aber von seiner Art. Und wer unsere Geschichte kennt, weiss, wie allergisch wir auf so was reagieren.

    Zitat: „In Deutschland und im deutschen Wahlkampf (so er denn schon angefangen hat) spielt das Thema gar keine Rolle. “

    Das glaube ich nicht. Der Steinbrück hängt gegen aussen den Macker raus und punktet in seinem eigenen Land mit einer haarsträubenden Steuerreform. Die ist auch in Deutschland ein Thema. (Mindestens in deutschen TV-Sendern)

    Zitat: „gemeinsam eine Lösung finden müssen, mit der beide leben können. Das ist alles.“

    Lösungen findet man nicht, indem man seinem Verhandlungspartner erst mal ein paar verbale Ohrfeigen verpasst.

    Zitat: „Eigentlich kein Grund für solche Aggressionsausbrüche, oder?“

    Willst du eine ehrliche Antwort? Nach den Ausschnitten von Pressekonferenzen mit Steinbrück bin ich tatsächlich jeweils ziemlich aggressionsgeladen. Zum Glück mache ich nicht Politik. Ich hätte dem Kerl nämlich mal ganz gehörig was gegeigt.

    Und noch ein PS: Schon wieder so eine Unterstellung: „Ich bitte euch lediglich, euch nicht auf das zu verlassen, was im Blick oder im Newsnetz steht, sondern euch die Fakten mit eigenen Ohren anzuhören.“

    Ich weiss, du meinst das nicht böse, Flashfrog, wenn du so einen Satz schreibst, genauso wenig wie damals der Kollege, der gefunden hat, ich schreibe bestimmt „schöne“ Kinder- und Jugendbücher, aber von Bankangelegenheiten verstehe ich nicht so viel.

    Diese Art von „was verstehst du schon?“, wenn jemand eine andere Meinung hat, finde ich sehr fraglich. Es ist einmal mehr dieses „Shut up and sing“, das mich ziemlich nervt.

  17. Mara Says:

    @ Frau Müller

    Schade, weil viel Polemik aus der Diskussion heraus wär. .. wenn man denn Verfassungsgrundsätze von Anfang an ernst nimmt, wäre viel quatsch garnicht andiskutiert worden. – Warum ausser für Stimmungsmache wird sonst ernsthaft über einen Gesetzesvorschlag diskutiert – von dem zumindest alle Juristen/Erfahrene in Gesetzesangelegenheiten wissen, dass er bald wieder kassiert wird?

  18. Frau Müller Says:

    @ Mara: Danke für die Präzisierung. Bin einverstanden.

    @ Flashfrog: Ich finde die Aussage von Müntefering «Früher hätte man dort Soldaten hingeschickt. Heute geht das nicht mehr.» absolut skandalös. Nicht mal die NPD bedauert öffentlich, dass die Deutschen nicht mehr irgendwo einmarschieren dürfen. Und ich wundere mich in der Tat, dass dies in den deutschen Medien respektive unter der deutschen Bevölkerung kein Thema ist. Wie ist dieses Schweigen zu verstehen? Dass auch seine Wähler es bedauern, dass sie gegenüber der Schweiz keinen Krieg anzetteln dürfen? Ich kann mich auch nicht entsinnen, dass er sich für diese Aussage irgendwo entschuldigt hätte, schon gar nicht gegenüber der Schweiz oder Luxemburg. Wie konnte es dazu kommen, dass die Partei Willy Brandts so tief gefallen ist? Wann hat die SPD beschlossen, den aussenpolitischen Entspannungskurs eines Willy Brandt aufzugeben und stattdessen auf Arroganz und Überheblichkeit, Eskalation und diplomatische Verstimmungen, wo immer diese möglich sind, zu setzen?

    Steinbrücks und Münteferings Ausfälle sind übrigens nicht nur in der Schweiz ein Thema, sondern auch im EU-Gründungsland Luxemburg. Jean-Claude Juncker, Premier- und Finanzminister und einer der profiliertesten Politiker Europas, hat vehement gegen Müntes Äusserung protestiert.
    «Gerade aus deutschem Mund klingen diese Äusserungen für Luxemburger nicht zustimmungswürdig.» und: «Nachbarländer so zu demütigen, ist inakzeptabel.» Luxemburg war von 1940-1944 von den Deutschen besetzt.

    Das Indianer-Zitat hat Steinbrück am Schweizer Fernsehen geäussert:
    Am Rande des Treffens der G-20-Finanzminister in London hatte er die Drohung mit der Schwarzen Liste mit der «siebten Kavallerie vor Yuma» verglichen, die man auch ausreiten lassen könne. «Aber die muss nicht unbedingt ausreiten. Die Indianer müssen nur wissen, dass es sie gibt.»

  19. uertner Says:

    glänzende charakterisierung des Interviews in der neuen Zeit durch Urs Williman (wird bald online geschaltet) Titel: „FAM ist verliebt“

    @Zappadong und Frau Müller
    Wenn die Schweiz derart geharnischt von Frauen verteidigt wird, dann kann ich ja beruhigt mal die Klappe halten. 😉

  20. flashfrog Says:

    @uertner: Besten Dank für den Hinweis auf den Weltwoche-Artikel, sonst wäre mir wahrscheinlich eine hervorragende Analyse der gesellschaftlichen Situation Deutschlands entgangen! Die Weltwoche erscheint in Deutschland wegen Feiertag erst morgen, aber auf dem fruchtlosen Weg zum Bahnhofskiosk gestern habe ich in einem Antiquariat ein Buch von Helmut Schmidt aufgegabelt. Es heisst: „Handeln für Deutschland. Wege aus der Krise“. Das klingt sehr modern, ist aber von 1993. Bin sehr gespannt zu lesen, was von seinen Analysen von vor 15 Jahren sich bestätigt hat und was heute noch Gültigkeit haben könnte….

    Zu dem vis-a-vis-Interview: Die beiden kennen sich offensichtlich auch persönlich und scheinen sich gegenseitig zu schätzen. Das finde ich aber nicht schlimm. Die Fragen waren sachlich und haben Steinbrück die Möglichkeit eingeräumt, einige Missverständnisse zu korrigieren und seine Sicht der Dinge darzulegen. Das finde ich nur fair.

    Man mag die Art von FAM mögen oder nicht mögen. Man mag die Art von Steinbrück mögen oder nicht mögen. Ich mag die Art von Steinbrück auch nicht und wundere mich selber ein bisschen, dass ich hier offenbar zu seinem „Pflichtverteidiger“ avanciert bin. 🙂
    Aber es wird mir einfach viel zu viel über Arten und viel zu wenig über die Fakten geredet.

    Noch ein Faktum: Die Schweiz hat, wie Bruder Bernhard weiter oben so treffend bemerkte, das Bankgeheimnis in der Vergangenheit schon desöfteren für bestimmte Fälle gelockert. Ohne dass das dem Schweizer Finanzplatz oder der Schweiz als ganzer in irgendeiner Weise geschadet hätte.
    Die heisse Luft, die im Schweizer Blätterwald erzeugt wird, steht meiner Ansicht nach in keinem Verhältnis zu dem Streitpunkt, um den es geht.

    ——————
    @zappadong:
    >>Politiker geben immer alles und nichts zu.

    Möglich. Aber Steinbrück meint es in diesem Fall ehrlich. Dass er öfters verbal übers Ziel hinausschiesst und mit seinen Sprüchen und seiner oft arrogant wirkenden Ausstrahlung aneckt, auch in Deutschland, das weiss er.

    >> Mag sein. Aber von seiner Art. Und wer unsere Geschichte kennt, weiss, wie allergisch wir auf so was reagieren.

    In diesem Punkt hat Herr Steinbrück sehr ehrlich und interessiert nachgefragt..Die Schweizer Empfindlichkeit in diesem Punkt war ihm wirklich nicht bewusst gewesen. Er sagte sehr nachdenklich, dass er nun die Reaktion der Schweizer verstehe.

    >> Und nochmals: Wir Schweizer gehören zur OECD und durften nicht einmal kurz husten beim Zustandekommen dieses Beschlusses.

    Auch dieses Missverständnis hat Steinbrück in dem Interview richtiggestellt (siehe Zitate): Die Schweiz war eingeladen, nur hat Herr Merz es nicht für nötig gehalten hinzugehen und die Interessen der Schweiz zu vertreten. Und anschliessend wundert er sich, dass die anderen ohne ihn was beschlossen haben.

    >> Das glaube ich nicht.

    Ist aber so. Die Medien in Deutschland interessiert die Schweinegrippe und wie es mit dem FC Bayern weitergeht nach dem Rauswurf von Klinsmann.
    Das Steinbrückbashing ist ein (deutsch-)schweizer Phänomen.
    (Btw., eine Steuerreform und vor allem eine Vereinfachung des komplizierten Steuerrechts täte in Deutschland wirklich dringend Not. Was könnte man da allein an Verwaltungskosten sparen. Das wäre mal ein Thema, aber ein anderes.)

    >> Ich weiss, du meinst das nicht böse, Flashfrog, wenn du so einen Satz schreibst, genauso wenig wie damals der Kollege, der gefunden hat, ich schreibe bestimmt “schöne” Kinder- und Jugendbücher, aber von Bankangelegenheiten verstehe ich nicht so viel. Diese Art von “was verstehst du schon?”, wenn jemand eine andere Meinung hat, finde ich sehr fraglich. Es ist einmal mehr dieses “Shut up and sing”, das mich ziemlich nervt.

    @zappadong: Ich würde es sehr bedauern, wenn du mich so missverstanden haben solltest. Ich bin sehr für unterschiedliche Meinungen. Nur finde ich es nicht ganz unerheblich, wie diese zustande kommen. „Ich habe mal irgendwo gehört, Steinbrück will eine Rasterfahndung“ ist auch eine Meinung. Nur eben keine, die auf Fakten beruht. Genau darum geht es mir: Sich aus verschiedenen Quellen zu informieren und medienkritisch selber eine Meinung zu bilden.
    (Ich hoffe, du empfindest es nicht als Beleidigung, aber ich finde deine Bücher (also, die, die ich gelesen habe) auch schön. Nicht im Sinne von nett und harmlos, beileibe nicht, sondern im Sinne von ästhetisch gelungen und so spannend, dass man sich die halbe Nacht um die Ohren schlägt, weil man das Buch nicht aus der Hand legen kann.)

    @Frau Müller:

    >> Dass auch seine Wähler es bedauern, dass sie gegenüber der Schweiz keinen Krieg anzetteln dürfen?

    Bitte entschuldigen Sie, aber das hahnebüchener Quatsch. Kein Mensch in Deutschland würde auf die Idee kommen, einen Krieg gegen die Schweiz anzetteln zu wollen. Die „Kavalleirie“ ist nur eine Metapher – erzählen Sie mir doch bitte nicht, dass Sie ernsthaft glauben, die deutschen Steuerbeamten kämen auf Pferden über die Grenze geritten, um in der Schweiz lebende amerikanische Ureinwohner zu erschiessen!
    Und was Müntefering damit sagen wollte war, dass wir froh sein können, dass heutzutage Konflikte zwischen Staaten eben nicht mehr mit Gewalt sondern auf dem Wege der politischen Diskussion und Kompromissfindung gelöst werden. Und dass eine „schwarze Liste“ eben genau keine Kriegserklärung ist, und deshalb eine Reaktion, als wäre gerade der dritte Weltkrieg ausgebrochen und man müsste eine geistige Landesverteidigung 2.0 ausrufen, ziemlich überzogen wäre.
    Das mag unglücklich formuliert gewesen sein, aber hängen Sie doch bitte einem linken Sozialdemokraten keinen Nazi an, das wäre nun wirklich fern jeder Realität!

    Und zum Indianerzitat: Das vollständige Zitat finden Sie in meiner Steinbrück-Zitate-Sammlung oben im Blogbeitrag.

  21. Frau Müller Says:

    @ Flashfrog: Weder ich noch Jean-Claude Juncker hängen jemandem einen Nazi an. Wenn aber ein Deutscher sagt «Früher hätte man dort Soldaten hingeschickt. Heute geht das nicht mehr.», dann ist das nicht bloss eine unglückliche Formulierung. Es ist eine Ungeheuerlichkeit sondergleichen. Eine völlige Entgleisung.
    Münte hat auch keineswegs gemeint, „dass wir froh sein können, dass heutzutage Konflikte zwischen Staaten eben nicht mehr mit Gewalt sondern auf dem Wege der politischen Diskussion und Kompromissfindung gelöst werden“, wie Sie seine Worte interpretieren. Es war vielmehr Juncker, der diese Worte in seiner Rede an die Nation vom 21. April benutzt hat. „Der SPD-Vorsitzende hätte sich seine Bemerkung sparen können. Gott sei Dank lösen wir unsere Probleme in Europa nicht mehr mit Soldaten.“

  22. uertner Says:

    Juncker wurde uns in der Schweiz von den Euro-Turbos immer als leuchtendes Beispiel hingestellt, wie ein kleiner Staat in der EU eine grosse Rolle spielen kann. Nun sehen wir in der Schweiz, wie auch er nicht mehr an die rechtlichen Prozeduren der EU glaubt. Die Schweiz ist nicht nur – in den Augen gewisser Deutscher ein „Hehlerstaat“ – sondern auch der Depositärstaat des humanitären Völkerrechts. Wenn Macht vor Recht geht, dann kann die Schweiz nicht einfach schweigen und einlenken, dann geht es um die Prinzipien, die sie in der Völkergemeinschaft zu verteidigen hat.

    Wenn man nun das moralisch-ethische Fundament anschaut, das uns Maxim Biller hinsichtlich des „Mädchens von Kohl“ schildert, dann ist man in der Schweiz wenig erbaut über solche Äusserungen Müntes.

    Steinbrück ist im Rahmen seiner Bedingungen ein ziemlich solider Deutscher Politiker: er muss die „Zeche“ für die Konsumation des „Kollektivs“ eintreiben, mit einer Uerte hat dies nichts zu tun. Ich denke sogar, Steinbrück wäre der bessere Kanzlerkandidat als Steinmeier.

    Bedenklich ist allerdings, dass in letzter Zeit die Schweiz in verschiedenen Fragen „einknickte“:

    1. Der Auftritt von Frau Calmy Rey mit dem Schleier in Teheran war nicht glücklich.

    2. Das stramme Vernichten der Akten im Fall Tinner im Auftrag des CIA wirft ein schräges Licht auf den Bundesrat.

    3. Auch die Auslieferung der Daten der UBS an die USA ist eher unter „Macht vor Recht“ zu subsumieren, als unter ein rechtliches Vorgehen.

    Wenn sich die Schweiz so erpressen lässt, dann ist es nachvollziehbar, wenn auch beim deutschen Nachbarn Gewaltfantasien Raum greifen.

    Wie es jetzt ausschaut bleiben jene Steueroasen unkritisiert bestehen, die von einer Atommacht verteidigt werden (USA und UK).

    Deutschland ist zu gross um die „Schweiz Europas“ zu spielen. Und hier muss sich Deutschland entscheiden: Will es wirklich wieder Grossmacht werden (und auch entsprechend Soldaten in gefährliche Gebiete schicken – bei den Waffenlieferungen sind die Deutschen ja vorne mit dabei) oder will es sich begnügen „Die Schweiz Europas“ zu sein: aber hallo dieser Platz ist leider schon besetzt!

  23. zappadong Says:

    Noch kurz zu Müntefering: Die SP Schweiz hat ihm einen Brief geschrieben, so von Genossen zu Genossen, in dem sie ihr Befremden über seinen Ausspruch ausgedrückt haben. Er hat es nicht einmal für nötig befunden, ihnen zu antworten.

  24. Frau Müller Says:

    Ich erlaube mir hier eine Leitartikel aus dem Luxemburger Wort zu posten, der meine Meinung vollumfänglich widergibt.
    @ Uertner: Dieser Leitartikel bestätigt auch Ihre Aussage «Nun sehen wir in der Schweiz, wie auch er (Juncker) nicht mehr an die rechtlichen Prozeduren der EU glaubt.»

    Es ist dies auch eine Antwort auf die Diskussion, die bei Mara geführt wird:

    http://marahuepft.wordpress.com/2009/04/27/leserbrief-zu-ihrem-artikel-%e2%80%9evom-erodierenden-reiz-der-folgsamkeit-in-deutschland%e2%80%9c-von-ulrich-schmid-am-23april-2009/#comments

    Europas Doppelmoral

    Von Marcel Kieffer
    21.03.2009

    Hat Europa jemals ein erbärmlicheres Bild abgegeben? Gerade in Luxemburg dürften sich all die Skeptiker, die ohnehin nie so richtig an die Gemeinschaft der in ihren Rechten ebenso wie in ihren Pflichten gleichgestellten, unabhängigen und souveränen Staaten glaubten, in ihrer Meinung bestätigt gesehen haben, dass es in der EU nach wie vor, und mehr denn je, die Großen und die Kleinen gibt. Wir Luxemburger mussten in diesen Tagen einmal mehr einsehen, dass die in Sonntagsreden gepriesene Partnerschaft der Völker, Staaten und Nationen letztlich nur eine Worthülse ist. Um Luxemburg in der Frage des Bankgeheimnisses – nicht zuletzt aus Eigeninteresse – in die Knie zu zwingen, war insbesondere unseren deutschen Nachbarn offenbar jedes Mittel recht.

    Die Art und Weise, wie aus Berlin Druck gegen Luxemburg gemacht wurde, hat politische Scherben hinterlassen, doch auch in der öffentlichen Meinung unseres vielleicht kleinen, aber von niemandem mit Respektlosigkeit zu behandelnden Volkes großen Schaden angerichtet. Ein von dem Kurs der deutschen Bundeskanzlerin und deren Regierung zweifellos enttäuschter Jean-Claude Juncker hat angemessen auf die sowohl verbalen Provokationen aus Berlin als auch auf die dortigen Versuche, „uns in die Enge treiben zu wollen“, reagiert.

    Was war in die ansonsten doch ehrenhaften und klugen deutschen Politiker Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und SPD-Präsident Franz Müntefering gefahren, als sie, elementaren Geboten von politischem Anstand zum Trotz, die Regierungen der kleinen Nachbarländer Luxemburg und Schweiz mit unerhörten verbalen Entgleisungen über „Peitschen und Soldaten gegen Steuerparadiese“ brüskierten? Es sei ihnen die Lektüre des kürzlich erschienenen Buches „Außer Dienst“ von Altbundeskanzler Helmut Schmidt empfohlen, der seine Landsleute und politischen Nachfolger vor den Versuchungen deutscher Großmannssucht ermahnt, ihnen die Pflege „gutnachbarlicher Beziehungen zu allen unseren Nachbarn“ als prioritären Beitrag zur Stärkung Europas empfiehlt und sie eindringlich daran erinnert, was „ein Zwischenfall, ungeschicktes Auftreten oder provozierende Reden im kollektiven Gedächtnis der Nachbarn“ wieder heraufbeschwören können.

    Ein weiser Mann, Helmut Schmidt! Aus Luxemburger Sicht bleibt nach dieser bedauerlichen Episode, auf die man nur mit Pragmatismus und kühlem Kopf reagieren sollte, die Einsicht, dass die viel beschworene europäische Solidarität in mancher Hinsicht eine Illusion bleibt. Es hat sich gezeigt, wie sehr unser Land in einer für uns vitalen Frage sich nicht nur ohne den Sukkurs unserer Nachbarn wiederfinden kann, sondern sogar deren gezielten, ebenso verbalen wie politischen Aggressionen ausgeliefert ist. Man hat uns beleidigt, bedroht und geschadet.

    Ein Wissen, das uns innerlich nur stärken kann, das uns aber auch in dem Bemühen ermutigen soll, nichts zu unterlassen, um uns der europäischen Heuchelei und Doppelmoral zu widersetzen, die darin besteht, bei feierlichen Anlässen das Gemeinschaftsprinzip hochleben zu lassen, um es bei nächster Gelegenheit den Partikularinteressen der wenigen Großen und Mächtigen unterzuordnen. Das Verhalten unserer europäischen „Partner“ und „Freunde“ beim G20-Treffen Anfang April in London wird zeigen, an welchem Punkt die EU definitiv angekommen ist.»

  25. flashfrog Says:

    >> und sie eindringlich daran erinnert, was „ein Zwischenfall, ungeschicktes Auftreten oder provozierende Reden im kollektiven Gedächtnis der Nachbarn“ wieder heraufbeschwören können.

    Das war beiden (Steinbrück und Müntefering) offenbar tatsächlich nicht bewusst,
    Das ist den allermeisten Deutschen wirklich nicht bewusst, dass in Europa irgendwer noch Angst vor Deutschland haben könnte. Deutschland will nicht „gross“ oder „dominant“ sein. Deutschland will auch keine zweite Schweiz sein. Deutschland will lediglich eines unter vielen gleichbereichtigten europäischen Ländern sein, die im friedlichen politischen Wettstreit auf Augenhöhe demokratische Mehrheiten für ihre unterschiedlichen Interessen zu gewinnen versuchen. Ob es nun um Agrarsubventionen geht, um die Normierung der EU-Banane, um Umweltnormen oder um Amtshilfe bei Straftaten. Jeder streitet für seine Interessen und am Ende findet man gemeinsam einen Kompromiss, mit dem alle leben können. Dass dabei manchmal verbal die Fetzen fliegen, das hat in der EU gute Tradition.
    Die Schweiz ist diese „Spielregeln“ offenbar nicht so gewöhnt. In Deutschland war man wohl auch ein bisschen erstaunt, dass die Schweiz so einfach „einknickt“, statt ihrerseits ihre Interessen zu vertreten und einen Kompromiss auszuhandeln, der beiden Seiten Vorteile bringt.

    .Luxemburg hat da mehr „Übung“ als die Schweiz. Statt beleidigte Leberwurst zu spielen argumentiert Juncker rhetorisch geschickt zurück.
    Ich stimme seiner Meinung in diesem Punkt übrigens vollumfänglich zu: Wäre Münteferings Aussage als Drohung gemeint gewesen, wäre sie eine schlimme verbale Entgleisung gewesen. Wer Müntefering kennt, weiss aber, dass das keinesfalls der Fall gewesen sein kann. In der Tat sagen Juncker und Müntefering im Prinzip dasselbe: In früheren Jahrhunderten hätte – nicht nur Deutschland sondern die meisten europäischen Länder! – möglicherweise mit militärischen Mitteln gedroht, heute sind diese Zeiten Gott sei dank vorbei. Heute streitet man sich friedlich auf politischem Parkett.
    Und niemand, wirklich niemand in der deutschen Bundespolitik käme im Entferntesten auf die Idee, in solchen Konflikten zu Waffen zu greifen!

  26. Thinkabout Says:

    @flashfrog:
    Ich muss Müntefering nicht „kennen“, um seine Aussage richtig zu verstehen. Ich darf vielmehr erwarten, dass er seine Worte so wählt, dass sie verstanden werden können. Auf Anhieb.
    Und wenn dem nicht so ist, und das auf breiter Front offensichtlich wird, dann würde ich eine umgehende Richtigstellung und Korrektur erwarten.
    Meines Wissens hat „Münte“ auch nicht die Formulierung „Gott sei Dank“ gewählt, sondern eben gerade nicht – und damit vermuten lassen, dass er das insgeheim bedauert.
    Und Frau Merkel geht das alles natürlich auch nichts an.
    Nein, ich bleibe dabei: Das Ganze ist eine einzige Katastrophe im Verhältnis Deutschlands zu seinen kleinen Nachbarn.
    Dein Glaube an den fairen Kompromiss ist rührend. Er funktioniert übrigens auch in der Schweiz nur dann tatsächlich, wenn die Spiesse der Interessenten ähnlich lang sind.
    Genau daran aber scheint man in D zu arbeiten: Mit Druck den eigenen Spiess zu verlängern.
    Alles andere ist Augenwischerei. Punkt. Tatsache ist: Wir haben ein gravierendes Problem. Es ist enorm viel Geschirr zerschlagen worden.

    Und noch etwas zum guten Peer: Seine Beschwichtigungen, Aussagen hätten nicht der Schweiz gegolten, die hätten sich den Schuh selbst angezogen, sind Politik-Rhetorik, über die nur Schweizer Hühner lachen mögen: Auf wessen Fragen hin und vor welchem Medium wurden die Äusserungen denn gemacht? Für welche Ohren waren sie denn vor allem bestimmt? Und ging es nicht gerade darum, diese Quadratlatschen medial breit und mit Erfolgsgarantie zu verteilen?

  27. uertner Says:

    Hier noch eine schlagende Grafik, die zeigt, wo die Grenze zwischen „Uerte“-Denken und „Zeche“-Denken verläuft. Die Bereiche in denen das Wort „Uerte“ gebraucht wird sind grün, diejenigen in denen für die Konsumation im Gasthaus das Wort „Zeche“ üblich ist sind gelb bis rot.

    Leider wurde die „Deutsche Einigung“ von jenen Gebieten aus betrieben, in denen heute die Farbe gelb-rot vorherrschen. Der Geist Preussens ist tot, was das nördliche Deutschland nun im Griff hat ist eine Pumpwirtschaft.

  28. flashfrog Says:

    @Thinkabout: Ich hab Müntes Worte verstanden. Auf Anhieb. Ich wäre ehrlichgesagt nie auf die Idee gekommen, dass man sie ernstlich in dem Sinne missverstehen könnte, wie Frau Müller dies offenbar getan hat!

    In Deutschland glaubt man durchaus, dass man „mit gleichlangen Spiessen kämpft“. (Aber nicht, dass mir diese Metapher jetzt wieder falsch ausgelegt wird und jemand sagt, ich wolle Beizbesucher aufspiessen! ;-))
    Wie Juncker reagiert hat, finde ich übrigens vorbildlich: Selbstbewusst, sachlich, höflich, aber bestimmt. Klare Ansage. Das kommt auch in Deutschland gut an.

    Und nochmal zu den Indianern: MacZürich hatte das im anderen Thread ja schonmal verlinkt, ist wohl ein bisschen untergegangen. So ist das wirklich abgelaufen mit den Indianern:
    http://cr.blog.sf.tv/medienwelt/the-fleet-in-being-und-die-kavallerie-von-fort-yuma-2.html

    Peers Aussage ist also im SF (bewusst?) missdeutet worden. Und alle anderen haben diese Missdeutung abgeschrieben und nachgeplappert, ohne sich auch die Mühe zu machen, zu recherchieren, ob es der Wahrheit entspricht. Im Grunde wäre das ein riesiger Medienskandal!

    Zweitens hat Steinbrück ja zugegeben, dass er sich im Ton vergriffen und in dieser Hinsicht Fehler gemacht hat. Aber da hat ihm schon keiner mehr zugehört in der Schweiz.

    Und es stimmt: Es ist viel Prozellan zerschlagen worden. Das finde ich sehr sehr schade. Vor allem macht es mir Bauchschmerzen, wenn so ein finanzpolitischer Interessenkonflikt zwischen Politikern das Verhältnis zwischen Schweizern und in der Schweiz lebenden Deutschen nachhaltig trüben würde.

  29. Frau Müller Says:

    @ Flashfrog: Die Bürger von Luxemburg sind über die Aussagen Müntes und Steinbrücks genauso erzürnt wie die Schweizer. Juncker hat bei der SPD protestiert, demnach hat er ihre Aussagen so verstanden wie ich.
    Jean-Claude Juncker, im Interview mit dem Luxemburger Wort: «Ich habe ein langes Telefongespräch mit Herrn Müntefering geführt und vehement dagegen protestiert, dass er Luxemburg für ein „Steuerparadies“ hält und öffentlich erklärt, früher habe man in Steuerparadiese Soldaten geschickt. Gerade aus deutschem Mund klingen diese Äußerungen für Luxemburger nicht zustimmungswürdig. Auch der vom deutschen Bundesfinanzminister geäußerte Wunsch, dass Luxemburg und Österreich sich noch weiter in Richtung Informationsaustausch hin bewegen müssen, weil die Schritte, die wir jetzt angekündigt haben, nicht genügen würden, ist eine unannehmbare Einmischung in Luxemburger Angelegenheiten. Wir stehen nicht unter deutschem oder französischem Kommando, sondern tun das, was wir für richtig halten, um zur zusätzlichen Dichte der internationalen Reglementierung beizutragen. Wir lassen uns nicht hetzen. Uns in die Enge treiben zu wollen, ist deutsche Kraftmeierei, die ich mir strikt verbiete!»

    Zu den Indianern meinte Juncker: „Ich wäre dankbar, wenn Deutschland nicht so täte, als ob Luxemburg und Österreich unter dem deutsch-französischen Zangengriff zusammengebrochen wären.“

    Auch der österreichische Finanzminister und Vizekanzler Josef Pröll kritisierte den Ton der Debatte. „Ich erwarte keinen Druck, sondern ich erwarte eine faire Diskussion unter EU-Partnern.“

    Und auch Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) kann mit den Vergleichen Steinbrücks wenig anfangen. „Ich weiß auch bei den Wildwest-Vergleichen des Finanzministers nie, was er da meint. Ich weiß nicht, welche schlechten Western der gesehen hat.“

    Ich habe Eindruck, als ob nur Deutsche den Münte und den Steinbrück „richtig“ verstehen. Vielleicht handelt es sich also um ein interkulturelles Missverständnis.
    Wahrscheinlich aber nicht.

  30. flashfrog Says:

    @Frau Müller: Mal ohne Witz: Sind Sie wirklich der Meinung, Münte wollte einen Krieg gegen die Schweiz anfangen? Also nicht rhetorisch, mit Spiessen kämpfen und so, sondern ganz real mit gewehrbewaffneten Finanzbeamten zu Pferd über die Grenze reiten? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, oder?

  31. uertner Says:

    @flashfrog
    Da die Deutschen erheblich Panzer verschrottet haben, noch eben kürzlich, und bewaffnete Konflikte nicht lieben (sonst würden sie freudiger die EMRK am Hindukusch verteidigen), sind wir uns natürlich im Klaren darüber, dass Münte nicht sagen wollte: wir kommen! Schlimmer! Er hat seinem Bedauern Ausdruck gegeben, dass er nicht mehr wie Bismarck über die preussischen Regimenter verfügt, sondern in einem befriedeten Mitteleuropa sich auf doofe Verhandlungen einlassen muss. Anders kann ich diese Aussage nicht verstehen. Münte und Steinbrück leiden unter der pazifistischen Erziehung im entnazifizierten Deutschland. Ach wären wir nicht in diesem langweiligen Säkulum geboren! Eine Depesche zwei blutige Scharmützel und die Eidgenossen wären eingeknickt, von Luxemburg zu schweigen, die hätten wir gleich plattgewalzt. Es ist das Trötzeln des pazifistisch erzogenen Bengels der dem Mutti sagt: jetzt war ich aber sooo lange lieb, jetzt wo ich mich im absoluten Recht glaubem, darf ich doch dem schon die Nase krummhauen.

  32. flashfrog Says:

    @uertner: Wenn jemand sagt: „Gestern hatte ich furchtbare Zahnschmerzen. Heute habe ich keine Zahnschmerzen mehr.“ gibt er damit in deinen Augen sein Bedauern darüber zum Ausdruck, dass er heute keine Zahnschmerzen mehr hat?
    Glaub mir, die sozialdemokratischen Politiker dieser Generation, die im zerbombten hungerleidenden Nachkriegsdeutschland aufwuchsen, haben ganz sicher keinerlei Sehnsucht nach kriegerischen Auseinandersetzungen.

  33. Thinkabout Says:

    @flashfrog
    langsam wird’s mühsam und Rede und Widerrede laufen sich tot. Jede(r) mag seine eigene Meinung haben, wessen Geist und Denke hinter vor allem Müntes Worten standen.
    Die Tatsache, wie wir das sehen und deuten, sagt am Ende auch über uns und unsere bestehenden oder fehlenden Empfindlichkeiten etwas aus. Aufdröseln lässt sich das nicht weiter. Also: Nächstes Thema bitte – bzw. Obacht, wie das bei anderer Gelegenheit sich weiter beobachten lässt.

  34. Frau Müller Says:

    @ Flashfrog: Ich habe nie behauptet und noch nicht mal gedacht, dass die deutschen Soldaten demnächst ihre Pferde satteln und mit Pfeil und Bogen ihre Nachbarn angreifen werden.
    Ich halte bloss Müntes Äusserungen so wie Juncker für «nicht zustimmungswürdig», respektive weil ich ja nicht so staatstragend tun muss, für das Allerletzte. Es ist der Geist dahinter, den ich beschämend finde, nämlich so wie @ Uertner sagt, dass mit dem Zusatz «Heute geht das nicht mehr» ein Bedauern zum Vorschein kommt.

    Mein Gymi-Lehrer hat mal zu einem Klassengspändli gesagt: «Früher hätte man solchen Schülern wie Dir den Hosenboden versohlen dürfen. Heute geht das nicht mehr.» Und ich glaube beim besten Willen nicht, dass er damit sagen wollte: «Gott sei Dank sind diese Zeiten vorbei, jetzt müssen wir unsere Probleme im Dialog lösen.» Nein, er hat zu tiefst bedauert, dass er nicht mehr zur Prügelstrafe greifen darf, weil jetzt diese Wohlfühl-Kuschelpädagogik Einzug gehalten hat.

  35. Mara Says:

    @ Frau Müller/ Thinkabout.

    So vom Gefühl her würde ich schon sagen, dass diese Aussagen “ Früher.. usw“ in Deutschland sehr viel verbreiteter sind als hier. Manchmal scheinen sich damit Deutsche ins Gedächtnis zu rufen, dass sich wirklich was geändert hat….:-) Den aggressiven Grundton in den hiesigen Ohren hat es in Deutschland nicht.

  36. Bruder Bernhard Says:

    Ich bewundere die rhetorischen Klimmzüge, auch wenn sie langsam verkrampft werden. Man soll sich doch nichts vormachen: Die Soldatenaussage ist absolut jenseits, gerade weil sie mit tatsächlichen Vorfällen spielt, die der deutschen Kukident-Generation noch bestens in Erinnerung sind.
    Vielleicht hilft’s, wenn man Münteferings Ausrutscher in einen anderen Kontext stellt. Vorschlag: Ein Mann spielt darauf an, dass früher die Frau in der Schweiz noch eheliche Pflichten hatte. Welche das waren, dürfte bekannt sein.

  37. zappadong Says:

    Ohne weiteren Kommentar meinerseits:

    http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/steinbrueck_stellt_schweiz_auf_eine_stufe_mit_ouagadougou__1.2505598.html

  38. flashfrog Says:

    Münte hat sich übrigens entschuldigt, aber das war der NZZ anscheinend keine Schlagzeile wert sondern nur ein winziges verstecktes Sätzchen in der internationalen Ausgabe.

  39. Frau Müller Says:

    Bei wem hat sich Münte entschuldigt? Und nach wievielen Aufforderungen, nach wieviel internationalem Druck, nach wievielen diplomatischen Krisensitzungen? Ich konnte auch in den Luxemburger Zeitungen nichts dergleichen finden.
    Hingegen sagte Steinbrück: „Wir haben uns nicht zu entschuldigen.“ Es sind die FDP und die CDU/CSU, die sich bei Luxemburg für die Äusserungen Steinbrücks und Münteferings entschuldigt haben.

    Es mangelt Teilen der deutschen Regierung an Respekt gegenüber seinen Nachbarländern, wie auch Juncker im neusten Interview im Luxemburger Wort festhält. Diese Respektlosigkeit seitens Deutschlands ist inakzeptabel.

    http://www.wort.lu/wort/web/letzebuerg/artikel/20083/steinbrueck-wettert-juncker-kontert.php

  40. Thinkabout Says:

    Jetzt reicht´s mir dann endgültig!
    Steinbrück hat heute in der Bundestagsdebatte wiederholt, dass gegenüber Staaten wie der Schweiz und Liechtenstein gesagt werden müsse, was Sache sei. Von den EU-Ländern Luxemburg und Österreich und von Ouagadougou (Burkina Faso), dem heimlichen EU-Beitrittsfavoriten der nahen Zukunft, war plötzlich nicht mehr die Rede.
    Steinbrück ist ein Politiker wie viele andere auch: Hinten nicht halb so viel A… wie vorne dicke Backen beim plusternden Plärren.
    Und damit ist das Thema für mich gegessen, denn nichts macht mich daran so rasend, wie die Tatsache, dass mich dieser Kavallerie-Zinnsoldat tatsächlich so ärgern kann.

  41. zappadong Says:

    Wenn der Herr S. auch nur ein Milligramm Mut in den Knochen hätte, würde er mal mit Kollege Gordon Brown ein oder zwei Worte wechseln. Aber dazu ist er wohl zu feige. Will es nicht gleich mit einer (Möchtegerne)Grossmacht verderben.

    Je länger und lauter dieser Typ seine Schnauze aufreisst, desto heftiger schaltet mein sturer Schweizer Schädel auf Abwehr. Und ich denke mir, dass Herr S. jegliche gesunde Verhandlungsgrundlage schon längst zerstört hat.

    Während ich mich immer noch ärgere (unfreiwillig), hat bei Herrn Zappadong schon längst die grosse Gelassenheit eingesetzt. „Der ist im Herbst sowieso weg“, meint er seelenruhig und lässt den Herrn S. poltern und täubelen.

  42. Frau Müller Says:

    Oder wie’s es Juncker im oben geposteten Interview sagte: «Wenn die deutsche Diplomatie denkt, es wäre geschickt, sich mit ihren kleinen Nachbarn anzulegen, dann antworte ich „weniger Hosenschiss bei Obama und etwas mehr Umsicht mit uns“.»

  43. flashfrog Says:

    >> Bei wem hat sich Münte entschuldigt? Und nach wievielen Aufforderungen, nach wieviel internationalem Druck, nach wievielen diplomatischen Krisensitzungen?

    Falsch geraten, Frau Müller.
    In der Tat ist das winzige Sätzchen, das die NZZ der Entschuldigung Münteferings widmete, schwer zu finden:

    „Franz Müntefering, der SPD-Chef, hat jüngst sehr populistisch und unüberlegt daran erinnert, dass früher ähnliche Konflikte militärisch beigelegt wurden. Müntefering ist die Entgleisung peinlich; er hat sich entschuldigt.“ (NZZ, 17. März 2009)

    Der ganze Artikel, wie gesagt vom 17. März, findet sich hier:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/international/peer_steinbrueck_oder_die_lust_am_brueskieren_1.2216591.html

    „Steinbrück hat sich gewiss nicht die Schweiz zum Feind erkoren. Seine etwas büffelhafte Angriffslust kennt kein geografisches oder soziales Ziel, sondern gilt stets nur vermeintlicher Uninformiertheit.(…) Damit eckt er überall an. Nie nimmt Steinbrück ein Blatt vor den Mund, auch dann nicht, wenn er mit Staatspräsidenten konversiert. Und so lecken sich auch in Deutschland Legionen seiner Opfer die Wunden. Unionspolitiker wie etwa der frühere Wirtschaftsminister Glos werden mit ätzender Herablassung eingedeckt. In Bayern ist Steinbrück inzwischen fast ebenso verhasst wie in der Schweiz, nicht zuletzt deshalb, weil er es wagt, Horst Seehofers tatsächlich enervierende Extratouren mit abschätzigen Kommentaren zu versehen.“

    „In den Zeitungen und etablierten Internet-Medien findet die Affäre kaum ein Echo. Die «FAZ» schreibt manchmal darüber, jeweils auf hinteren Seiten, gelassen und ohne jedes Ressentiment gegen die Schweiz.“

    „Es stünde der Schweiz deshalb gut an, die Breitseiten des Hamburgers gelassen aufzunehmen, dafür aber verbal umso härter zurückzuschiessen. Man verträgt das in Deutschland, ja man hat davor Respekt.“

    „Was das allgemeine Bild der Schweiz angeht, ist sowieso klar zwischen der offiziellen Politik und der Stimmung in der Bevölkerung zu unterscheiden. Ist bereits bei der Politik von einer generellen Schweiz-Feindlichkeit nicht das Geringste zu spüren, fehlt sie in der Gesellschaft praktisch vollkommen. Verbreitet sind noch immer Achtung und Respekt. Bewundert wird die Arbeitshaltung, die Sauberkeit, vor allem aber die direkte Demokratie.“

    Nochmal @Frau Müller: Den Minister eines anderen Landes als Hosenscheisser zu bezeichnen, ist nun auch nicht gerade die feine Art, oder? Aber im Vergleich zu manchen Schweizer Politikern und Medien, die einen Mann, dessen Grossvater von den Nazis umgebracht wurde, als Nazi beschimpften, geradezu harmlos. Das ist nämlich wirklich übel. Jemanden als Nazi zu bezeichnen ist in Deutschland die allerschlimmste Beleidigung, die überhaupt denkbar ist.

    Dann die Indiandergeschichte. Wochenlang regt sich die ganze Schweiz auf, dass Steinbrück die Schweizer als Indiander bezeichnet hat. Dann kommt heraus: Das war eine glatte –- wie nennt man als höflicher Schweizer eine bewusst in die Welt gesetzte Unwahrheit? Er hat die Schweizer gar nie Indianer genannt. Wer hat sich da eigentlich bei ihm entschuldigt?
    Dann wird behauptet, die Schweiz wäre nicht zu diesem OECD-Ding eingeladen gewesen oder wäre jetzt auch nicht nach Berlin eingeladen.
    Wieder so eine glatte Siewissenschon.
    Und wenn er das richtig stellen will, dann hört ihm kein Schwein zu.

    Steinbrück wurde von den Schweizer Boulevardmedien zur Hassfigur einer ganzen Nation gemacht. Ich habe so langsam ein gewisses Verständnis dafür, dass man da ein klein bisschen sauer werden kann.
    Und der arme Kerl hat ja auch wirklich einen Scheissjob, als Finanzminister im Superwahljahr mitten in der Krise…

    Das entschuldigt seine Ausfälligkeiten in keiner Weise, aber man sollte bitte auch nicht vergessen, dass sich das auf beiden Seiten hochgeschaukelt hat.

  44. flashfrog Says:

    Steinmeier rüffelt Steinbrücks Krawall-Rhetorik: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,623506,00.html

  45. Frau Müller Says:

    >>Falsch geraten, Frau Müller.
    In der Tat ist das winzige Sätzchen, das die NZZ der Entschuldigung Münteferings widmete, schwer zu finden: …>>>

    Ich habe nicht geraten, sondern mich gefragt: Bei wem hat sich Münte entschuldigt? Und nach wievielen Aufforderungen, nach wieviel internationalem Druck, nach wievielen diplomatischen Krisensitzungen?

    Ich bin in keiner Zeitung darauf gestossen, dass Münte sich entschuldigt hätte, auch die Luxemburger Zeutungen unterschlagen diese Nachricht. Die NZZ ist die einzige Zeitung die dies schreibt, sie schreibt aber nicht, bei wem er sich entschuldigt hat und wann und wo.

    Steinbrück hat dafür kürzlich die Indianer rehabilitiert, wie die NZZ schreibt: „«Das Steuerhinterziehungs-Phänomen war bei den Indianern nicht sehr verbreitet.» Das sagte der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück am Donnerstag im Bundestag in der Debatte zu der Gesetzes-Initiative gegen Steueroasen. Er hatte vor einigen Wochen mit Blick auf Länder wie die Schweiz gesagt, den Indianern müsse manchmal gezeigt werden, dass die Kavallerie ausrücken könne.“

    Wenn Sie den Begriff «Hosenschiss» nicht die feine Art nennen, dann frage ich mich: Wie bezeichnen Sie es, wenn jemand sagt «Früher hätte man Soldaten dorthin geschickt. Aber das geht heute nicht mehr.»? Und das auch gegenüber einem Land, das zweimal von Deutschen okkupiert wurde, von 1914 bis 1918 und von 1940 bis 1944?

    Im Gegensatz zu Ihnen habe ich nicht das allergeringste Verständnis für Steinbrück und Müntefering. Wie Juncker schon sagte: «Es reicht!» Ich verlange Respekt!

  46. zappadong Says:

    Jetzt habe ich noch eine Frage: Ist diese ganze Steueroasendebatte in Deutschland immer noch kein Thema, wie hier eingangs der Diskussion mehrmals geschrieben wurde? Lässt es „die Deutschen“ wirklich kalt, dass da einer wie ein Elefant im Porzellanladen herumtrampelt und ganz viele (bisher gute Beziehungen) äusserst heftigst strapaziert?

    Falls nicht: Vielleicht wäre es an der Zeit, dass es eines würde?

    PS: Hier noch Herrn Steinbrücks Motto, gefunden auf seiner Webseite (es darf herzlich gelacht werden):

    Stärker werden, menschlich bleiben.

    (http://www.peer-steinbrueck.de)

  47. Frau Müller Says:

    @ Zappadong: Peer Steinbrück und «menschlich» – das passt absolut wunderbar zusammen. Hier hab ich auch noch etwas Passendes gefunden:

    Während unsere Freunde von Facts 2.0 für ihre Schnüffeleien in den Persönlichen Nachrichten ihrer User für den Big-Brother-Preis bloss nominiert wurden, hat Peer Steinbrück sogar einen solchen erhalten. 2007, für seine Einführung einer Steuer-Identifikationsnummer (Steuer-ID).

    http://www.bigbrotherawards.de/2007/.pol

    In der Laudatio heisst es:

    «Begründet wird die Einführung der Steuer-ID mit dem Erfordernis, “eine eindeutige Identifizierung des Steuerpflichtigen in Besteuerungsverfahren“ zu ermöglichen. Genau dies ist aber die Funktion eines verfassungswidrigen Personenkennzeichens (PKZ). Bereits 1969 erklärte das Bundesverfassungsgericht im Mikrozensusurteil: „Mit der Menschenwürde wäre es nicht zu vereinbaren, wenn der Staat das Recht für sich in Anspruch nehmen könnte, den Menschen zwangsweise in seiner ganzen Persönlichkeit zu registrieren und zu katalogisieren“.»

    Sogar Neugeborene erhalten eine Steuer-ID.

    Und weiter in der Laudatio: «Die Schlinge des Staates um den Bürger zieht sich immer weiter zu, wenn zusätzlich zur Identifikation per Biometrie und Kameras auch noch die finanziellen Transaktionen direkt mit einer Person verknüpft werden können. Diese technischen Verknüpfungsmöglichkeiten wecken sicherlich Begehrlichkeiten, die über kurz oder lang dazu führen werden, dass die Liste der zulässigen Zwecke, zu denen die Steuer-ID genutzt werden darf, lang und länger werden wird.

    Herzlichen Glückwünsch zum BigBrotherAward, Herr Bundesfinanzminister Peer Steinbrück!»

    Wahrhaft menschlich!

  48. flashfrog Says:

    >> Ich bin in keiner Zeitung darauf gestossen, dass Münte sich entschuldigt hätte, auch die Luxemburger Zeutungen unterschlagen diese Nachricht.

    Frau Müller, Genau das ist es! Die Schweizer Medien berichten sehr einseitig. Beim Vorwurf eine Riesenschlagzeile, wochenlange Diskussion. Bei der Entschuldigung oder Richtigestellung. Ein verstecktes kleines Sätzchen in einem Artikel in der internationalen Ausgabe.

    Das andere Beispiel: Die Schweiz war zu dem OECD-Gespräch eingeladen, hat dieses aber boykottiert. Die Schweiz war es also, die gesagt hat: Mit euch reden wir gar nicht erst. Das wurde von u.a. Deutschland als mangelnde Kooperationsbereitschaft interpretiert.
    Dann wurde es aber so dargestellt, als hätte Deutschland nicht mit der Schweiz reden wollen.
    Dass die Amerikaner auf keiner Liste drauf sind, hat also damit zu tun, dass die ihre Interessen in den internationalen Gesprächen vertreten haben, und liegt gewiss nicht an einer Unfähigkeit deutscher Politiker, ihren Stuhlgang zu kontrollieren.

    @zappadong:
    Um mal auf den Kern zu kommen, wovon wir hier eigentlich reden:
    Wer in D angestellt ist, hat gar keine Möglichkeit, Steuern zu hinterziehen, weil sie ihm direkt abgezogen werden. Das können nur die 4 Millionen Selbständigen und Freiberufler. Von denen verdienen, ich würde schätzen, drei Viertel so wenig, dass sie gar keine grösseren Mengen Geld übrighaben, die sie ins Ausland verschieben könnten. Von der restlichem Million nehmen wir mal an, dass 90% brav ihren Steuerverpflichtungen nachkomen. Bleiben Hunderttausend potentielle Steuersünder, um die es geht.
    Zweitens geht es um Leute, die ihr Geld in der Schweiz anlegen und die Zinsen bzw. Spekulationsgewinne darauf nicht in Deutsschland versteuern. Für Normalbetuchte gibt es da einen Freibetrag. Rechnen wir mal 4% Zinzen. Auf diese Zinsen steht Steinbrück 25% Kapitalertragssteuer zu. Also in unserem Rechenbeispiel 25% von 4% = 1% vom Gesamtbetrag minus Freibetrag.
    Damit sich das rechnet, überhaupt ein Verfahren anzustrengen, müssten für Herrn Steinbrück zur reinen Kostendeckung wohl schon mindestens 10.000 Euro rausspringen. Das wäre bei einem unversteuerten Barvermögen von über 120.000 Euro, also ca 180.000 CHF der Fall, dass er da den ersten Euro verdienen würde durch ein Steuerhinterziehungs- oder Steuerbetrugsverfahren. Und selbst dann wird er nicht wegen 200 Euro ein Verfahren anstrengen. Darum interessieren ihn die „kleinen Fische“ auch gar nicht. Das hat also weniger mit Sozialneid zu tun als mit Pragmatismus.

    Also 99,9 Prozent der Bevölkerung in Deutschland betrifft die Sache gar nicht und deshalb interessiert es sie auch nicht so brennend, ob es ein Bankgeheimnis in der Schweiz gibt oder nicht. Entsprechend gering war das Medienecho in Deutschland.
    Steinbrück und Co haben nämlich noch einige andere Probleme hier zur Zeit. Banken retten, Opel retten, Arbeitsplätze im Mittelstand retten, Konjunkturprogramme aushandeln und finanzieren, Schweinegrippenhysterie dämpfen (hat sich nun ja erledigt), Bildung verbessern, Klimakatastrophe verhindern, das Auseinanderbrechen der grossen Koalition verhindern und sich nebenbei einem Dutzend Wahlen stellen.
    Das hat nichts mit Geringschätzung für die Probleme kleinerer Nachbarländer zu tun, nur im Moment sind wir mit Problemen ziemlich gut eingedeckt, sodass die Schweizer Befindlichkeiten in den deutschen Medien einfach kein grosses Thema sind. (Die Luxemburgischen schon eher, weil Luxemburg EU-Partner ist, und wir in einem Monat Europawahl haben.)

    Die schönste Verschwörungstheorie, die ich zu dem Thema gellesen habe, war ein Kommentar im Newsnetz: Die gesamte Weltfinanz- und Wirtschaftskrise sei einzig zu dem Zweck inszeniert worden, die Schweiz auf eine schwarze Liste zu setzen.
    Das zeigt recht deutlich die unterschiedlichen Wahrnehmungen. 🙂

  49. zappadong Says:

    @flashfrog. Wir reden gerade ein wenig aneinander vorbei.

    Das, was ich meine: Ich möchte wissen, ob es die Deutschen keinen Deut interessiert, dass deutsche Politiker mit ihrer unsäglichen Arroganz zur Zeit sich selbst und – leider – auch ein ganzes Land grausam unbeliebt machen. So viel ich hier in der Schweiz lesen kann (auch in der NZZ, nicht nur im Tagi), ist Herr Jucker aus Luxemburg mittlerweile nicht nur zutiefst persönlich getroffen, sondern er hat auch genug von diesem ganzen Theater.

    Es sind hier nicht nur ein paar Befindlichkeiten, die vielen Deutschen am Hut vorbeigehen. Es geht um ganz viel zerschlagenes Geschirr.

    Hier noch ein Beispiel für einen Verbalangriff eines deutschen Politikers:
    http://www.suedostschweiz.ch/medien/sogl/index_print.cfm?id=585067

    Wir können aber gerne auch über die Steuerhinterziehung reden. Ich sehe unter anderem einen Zusammenhang zwischen Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung. Es sind nämlich nicht nur die Putzfrau der Oma und der illegal engagierte Bauarbeiter, die schwarz arbeiten, sondern auch Tischler, Maler, Maurer, Sanitärler usw. – und was dann auf keinem Lohnausweis aufscheint und somit nicht versteuert wird, kann man in die Schweiz oder ins Liechtenstein tragen und sich so die Steuern ersparen.

    Ich wohne zu nahe an Liechtenstein und kenne zu viele Liechtensteiner, um nicht zu wissen, dass massenweise ganz normale Deutsche (also keine reichen Unternehmer) Konten in Liechtenstein haben. Es gibt in Liechtenstein sogar den Running Gag über bestimmte Tage im Jahr (Feiertage in Deutschland, aber nicht in Liechtenstein), an denen die Deutschen regelrecht ins Land einfallen und bei den Banken Schlange stehen (oder zumindest standen – es hat sich einiges geändert seit man in Deutschland ein Vermögen für eine CD mit Kundendaten bezahlt hat). Aber selbstverständlich wurde bestimmt jeder einzelne von diesen Konteninhabern von einer liechtensteinischen Bank gezwungen, sein Geld bei ihr anzulegen.

    Als die ersten deutschen Konten in Liechtenstein aufflogen und unter den Anlegern die totale Panik ausbrach, arbeiteten viele Banker und Treuhänder praktisch Tag und Nacht – und zwar nicht nur im Dienste von ein paar Reichen, sondern auch im Dienste vieler einfacher deutscher Sparer und Schwarzarbeiter, die ein paar Cents ins vermeintlich Trockene gebracht hatten.

    Nein, ich billige diese Art von Steuerhinterziehung nicht. Ich finde sie moralisch verwerflich. Aber ich finde (wenn ich mich hier kurz in deutsche Belange einmischen darf), dass sich Deutschland schon einmal die Frage stellen sollte, warum so viele Menschen ihr Geld im Ausland „versorgen“. Auch ganz einfache, normale Leute.

    Es ist also ein bisschen blauäugig, die Steuerhinterzieher nur bei den wohlhabenden Selbständigen zu suchen.

  50. Frau Müller Says:

    >>Die Schweizer Medien berichten sehr einseitig. >>

    Auch die Luxemburger Zeitungen haben die Entschuldigung unterschlagen. Und die deutschen Zeitungen ebenfalls. Oder könnten Sie mir eine deutsche Zeitung nennen oder eine offizielle Stellungnahme Münteferings, die belegt, dass er sich für seine Entgleisung entschuldigt hat?

  51. flashfrog Says:

    @Frau Müller: Aus dem mir zur Verfügung stehenden Quellen lässt sich nur eruieren, dass Juncker Mitte März mit Müntefering telefoniert hat. Eine seriösere Quelle als die NZZ kann ich Ihnen leider nicht bieten. Eventuell fragen Sie dort einmal nach, falls Sie der genaue Wortlaut interessiert.

    Das Thema Steinbrück ist in den deutschen Medien tatsächlich erst ein Thema geworden, nachdem Luxemburgs Juncker kürzlich die von Ihnen zitierten deutlichen Worte gefunden hat.
    Allerdings nimmt man Steinbrück hier auch nicht so furchtbar ernst: Man kennt sein loses Mundwerk ja schon. „Die bayerische Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Emilia Müller, riet Steinbrück zu einem einmonatigen Schweigegelübde.“ http://www.tagesschau.de/inland/steinbrueck288.html
    Auch in Burkina Faso äusserte man sich empört darüber, auf eine Stufe mit der Schweiz gestellt zu werden. Und „Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sagte der Frankfurter Rundschau: ‚Solche Worte schaden einem Land wie Burkina Faso.'“ (ibid.)
    Man sollte vielleicht einfach nicht alles auf die Goldwaage legen, was deutsche Politiker vor Wahlen den ganzen Tag an dummem Zeug daherreden.

    @zappadong: Einverstanden. Das Problem ist wohl: Wie will man das verhindern, dass ein Klempner beispielsweise gelegentlich ohne Rechnung arbeitet? Wie will man das überhaupt nachweisen, wenn sich Klempner und Klobesitzer einig sind?

    Steuern sparen ist in D ein Volkssport und mit Pendlerpauschalen gewinnt man hier Wahlen. Als Freiberuflerin könnte ich vom Laptop bis zur Büroklammer, von den anteiligen Heizkosten für das Zimmer, in dem mein Computer wohnt bis zu Kosten für eine Recherche-Reise an den Strand alles mögliche absetzen.
    Ich denke, eine gründliche Entrümpelung der irrsinnig komplizierten deutschen Steuergesetzgebung täte Not. Wenn das System transparenter ist und man nicht das Gefühl hat, der Ehrliche ist der Dumme, würde wahrscheinlich auch die Steuerzahlungsmoral steigen.
    Aber da sind zahlreiche und mächtige Lobbygruppen mit ihren jeweiligen Partikularinteressen vor.

  52. bruderbernhard Says:

    @flashfrog: Steuern sparen ist nicht nur in Deutschland Volkssport. Oder hast Du das Gefühl, unser aller Hobby hier ist Tennis?

    Es gibt genügend Beispiele steuersparender Ausgaben – in Erinnerung, ganz spontan, Frau Lalive d’Epinay mit ihrem Firmenporsche.

  53. uertner Says:

    Wie „ernst“ es Steinbrück mit der Steuerhinterziehung ist, zeigt hier wieder einmal die „Weltwoche“: offenbar nur Wahlkampf, aber tönt sehr gut in deutschen Ohrnen:
    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2009-21/artikel-2009-21-steuerstreit-berlin-spielt-auf-zeit.html

    Im nächsten „Nebelspalter“ wird eine Liste von Deutschen Nummernkonti zu lesen sein, mit Namen, eröffnung und … überweisung an ein Konto der Filiale der Dresedener Bank auf der Isle of Man. 😉

  54. flashfrog Says:

    Lieber uertner, in deutschen Ohren tönt gar nix. Das Thema ist, wie schon mehrfach gesagt, in Deutschland einfach wahnsinnig unwichtig. Es spielt auch im Wahlkampf keine Rolle. Es beschäftigt einzig die Schweizer Medien.
    Und was da irgendjemand „angeblich“ von „anscheinend“ „gut informierten Kontakten“ gehört haben will über Verhandlungen, über die sich keiner „äussert“ und über die nichts „an die Öffentlichkeit gedrungen“ ist, hat schlicht nichts mit Fakten zu tun. Das ist reine Anti-Deutschen-Stimmungsmache.

  55. uertner Says:

    Die „Weltwoche“ macht da eine interessante Aufklärungsarbeit. Interessant ist es, dass wieder ein Süddeutscher es war, der sich um die redliche Umsetzung von geltendem EU-Recht auf den grössten Netto-Beitragszahler und grössten Flächenstaat der EU einsetzen musste.

    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2009-22/artikel-2009-22-aussenpolitik-stunde-der-heuchler.html

  56. Tellensohn Says:

    Der Steuervogt grassiert seit Jahren in Deutschland. Jeder weiss dass Steuern unabdingbar notwendig sind – nur stellt sich die Frage – für was, wie oft und wie viel?

    Es ist sehr schwer nachvollziehbar, dass Hr. Steinbrück nicht erkennen mag, dass sehr viele Staatsbürger, insbesondere Unternehmer, welche tausende von Arbeitsplätzen sichern, verunsichert sind und haufenweise ins Ausland abreisen – u.a. auch in die Schweiz!

    Seit Januar 2009 bis August 2009 wurden 1732 Firmen durch Deutsche in der Schweiz neu gegründet – warum?

    Der Steuervogt lässt grüssen…..

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