Archive for Juni 2009

Bachmannpreis 2009

Juni 24, 2009

Ich liebe Geschichten. Und ich muss diesmal nicht einmal den Fernseher aus dem Keller holen:  Man kann die Lesungen und Diskussionen auch ganz bequem im Internet an- und nachhören bzw. lesen: http://bachmannpreis.eu/de

Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“, das war einmal „Deutschland  (und Österreich und die Schweiz) sucht den Superautor“, mit Marcel Reich-Ranicki als Dieter Bohlen, lange, bevor Casting-Shows überhaupt erfunden wurden! Und ist heute wieder etwas Besonderes: 14 Stunden lang Lesungen und Diskussionen über Literatur im TV in 3 Tagen – soviel Zeit muss schon sein…

Die Jury gefällt mir allerdings von Jahr zu Jahr weniger. Ich vermisse die grossen Literaturkritik-Haudegen. Ich vermisse auch einen Robert Schindel, diesen etwas seltsamen aber absolut wunderbaren Pflichtverteidiger der Autoren-Seite in der Jury, ich vermisse es, einem Iso Camartin beim Denken zuzuschauen, ich vermisse sogar  Iris (ti-)Radisch ein bisschen, die mich mitunter ziemlich genervt hat, aber zuletzt wenigstens noch eine Reibungsfläche bot.

Nach dem letztjährigen Tiefpunkt gibt es dieses Mal viele neue Gesichter in der Jury. http://bachmannpreis.eu/de/jury
Hoffen wir, es hilft.

Denn die Jury ist es ja auch, die bestimmt, welche Autoren überhaupt eingeladen werden.
Es wäre schön, der Bachmann-Preis würde wieder mehr eine Entdeckungs-Möglichkeit für neue literarische Talente werden, die noch keinen fetten Vertrag in der Tasche haben und die nicht bloss von den Verlagen nach Klagenfurt geschickt werden, um ihr nächstes Buch im TV zu promoten. Dass ich dieses Jahr fast keine von den Autorinnen und -toren kenne (ausführliche Portraits der Kandidaten gibt es übrigens in der aktuellen Ausgabe der Literatur-Zeitung „Volltext“ nachzulesen), halte ist deshalb für ein eher gutes Zeichen.

Einen Haufen Autoren habe ich in den letzten paar Jahren durch den Bachmannpreis für mich entdeckt. z.B. Sibylle Lewitscharoff , Yoko Tawada, Juli Zeh, Uwe Tellkamp, Lukas Hammerstein, Zoe Jenny, Jochen Schmidt, Pedro Lenz, Kathrin Passig, Christoph Simon. Aber nicht nur Preisgekrönte, sondern z.B. auch „Nichtleser“ Gion Mathias Cavelty, dessen geniale Parabel die Juroren grandios durchfallen liessen – aber wer die Frankfurter Buchmesse in den Luft sprengen will, der kann kein schlechter Mensch sein…  🙂

Diesmal lesen Ralf Bönt, Katharina Born, Karsten Krampitz, Lorenz Langenegger (CH), Christiane Neudecker, Jens Petersen (CH), Bruno Preisendörfer, Karl-Gustav Ruch (CH), Gregor Sander, Caterina Satanik, Andreas Schäfer, Linda Stift, Philipp Weiss und Andrea Winkler Geschichten vor.

Termine – im Netz oder auf 3sat:

Donnerstag, 25. Juni
Lesungen und Diskussionen
10.00 – 15.00 Uhr

Freitag, 26. Juni
Lesungen und Diskussionen
10.00 – 15.00 Uhr

Samstag, 27. Juni
Lesungen und Diskussionen
10.00 – 14.00 Uhr

Sonntag, 28. Juni
Preisvergabe
11.00 – 12.15 Uhr

Überwachmadinedschad

Juni 24, 2009

Während wir uns hier noch über Leyenhafte Zensursula-Bemühungen aufregen, bigbrothern andere schon viel professioneller:

The Iranian regime has developed, with the assistance of European telecommunications companies, one of the world’s most sophisticated mechanisms for controlling and censoring the Internet, allowing it to examine the content of individual online communications on a massive scale.

(…)Internet censoring in Iran was developed with the initial justification of blocking online pornography, among other material considered offensive by the regime, according to those who have studied the country’s censoring. (Wall Street Journal)

Und wer hats erfunden (und geliefert)?

Der deutsch-finnische Telekomkonzern Nokia Siemens räumte am Montag die Lieferung „relevanter“ Bauteile ein. Sie sei in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 erfolgt, sagte ein Sprecher in London. Kritik daran wies die Tochter der Technologiekonzerne Siemens und Nokia zurück. Man habe alle Gesetze eingehalten. Vergleichbare Technik werde an viele Länder geliefert, um Terrorismus, Drogenhandel oder sonstige kriminelle Aktivitäten zu bekämpfen. (SZ)

Und das wird natürlich nicht nur im Iran eingesetzt:

Mehr als 90 ihrer „Monitoring Center“ und „Intelligence Platform“-Systeme hat Nokia Siemens in 60 Ländern verkauft. (SZ)

Scheint ein vielversprechender Markt zu sein mit Geheimdiensten, der Werbeindustrie, paranoiden Diktatoren,  religiösen Führern, globalen  Konzernen und anderen durchgeknallten Möchtegernweltherrschern als Kunden.
Wer oder was schützt uns da noch, ausser der schieren Masse der Daten?

Europanichtwahl

Juni 10, 2009

bäääh

Europa (das ist dieser Kontinent, der um die Schweiz drumrumliegt) hat gewählt.
Die Mehrheit der Europäer schien sich allerdings vor allem darin einig zu sein, nicht zur Wahl zu gehen.
Und viel mehr Menschen als bisher haben sich entschieden, anti-europäisch zu wählen.

Was mögen die Gründe dafür sein?
Frust mit der jeweiligen nationalen Politik? (Nationale Themen haben laut Umfragen eine grössere Rolle bei der Wahlentscheidung vieler Leute gespielt als europäische.)
Frust über die EU, die bei der Bewältigung der Krise viel offizielle heisse Luft produziert, aber faktisch nur sehr zögerlich zu konkreten Beschlüssen und noch weniger zu gemeinsamen Umsetzungen der schönen Worte findet?
Die tatsächlich sehr beschränkte Macht des Europäischen Parlaments?
Möglicherweise auch lokale Skandale wie das mangelnde Unrechtsbewusstsein Britischer Selbstbedienungs-Politiker, oder Berlusconische Pinup-Politikerinnen, die das Vertrauen der Menschen in die Politik beschädigen?
Oder eine noch wenig gefestigte demokratische Tradition in einigen osteuropäischen Ländern, die von der Krise besonders gebeutelt werden?

In Krisenzeiten scheint manchem das eigene Hemd näher als die Unterhose des Nachbarn, das ist verständlich. Aber ein Europa zerstrittener Einzelinteressen oder eine kommunistische Diktatur wollen trotzdem wohl die Wenigsten zurück.

Hier nochmal alle Wahlergebnisse zum Nachlesen

Tagi, Magi, alles weg?

Juni 6, 2009

Der Tagi trennt sich von seinen Mitarbeitern.
Das Magi trennt sich von seinen Lesern.
(Viele von uns kennen das Gefühl ja bereits aus eigener Erfahrung.)
Der Blick ist schon da, wo die anscheinend grad hinwollen.
Und auch im Fernsehn scheint das Geldverdienen schleichend immer wichtiger zu werden als der Content.

Wie Herr Canonica so treffend formuliert:

““Ich persönlich bin skeptisch geworden gegenüber den journalistischen Möglichkeiten im Internet. Das Gerede um die Möglichkeiten des Citizen Journalism begreife ich nicht. Wir sollten uns allmählich Gedanken machen, ob es klug ist, qualitativ hochstehende Inhalte kostenlos anzubieten.”

Diese Gedanken machen sich offenbar viele im Moment. Aber sollte die folgerichtige Lösung wirklich die sein, konsequent auf qualitativ hochstehende Inhalte zu verzichten?

500 Jahre Calvin, 75 Jahre Barmen, 60 Jahre Grundgesetz

Juni 3, 2009

Es geht um das Gedenken. Woran erinnern wir uns und warum. Eine Gesellschaft braucht eine Gedächtniskultur um sich ihrer Werte zu vergewissern. Die drei Jubiläen finden unterschiedliche Resonanz. 

500 Jahre Calvin ist eigentlich ein Weltereignis, da es die Kirchen der USA, Schottland, Frankreich, Schweiz, (einige Teile) Deutschlands, Ungarns, Österreich (Evangelische nach Helvetischem Bekenntnis), Südkoreas, Südafrikas, die Reformierten Italiens etc. betrifft. Das Echo in der Schweiz ist verhalten. Denn in der Deutschschweiz meinen viele, Zwingli sei ihnen näher, zumal die im Umlauf befindlichen Klischees Calvins von seinen lutherischen, katholischen und vom deutschen Kulturjudentum (Stefan Zweig) geprägt sind. Vieles, das Calvins Denken ermöglicht hat, ist zudem in unseren Gehirnen unter den Namen berühmter Nachfolger abgelegt. So bringen wir die moderne Staatstheorie eher mit Montesquieu in Verbindung, der das Genfer Modell der „checks and balances“ über allen Klee lobte. Die „humanité“ des Genfer Theologen verbinden wir eher mit der Menschenrechtserklärung der amerikanischen „Calvinisten“ im 18. Jahrhundert. Die Theorie der Marktwirtschaft mit der „unsichtbaren Hand“ führen wir auf den calvinistischen Moraltheologen Adam Smith zurück etc. etc. Unsere Jetztzeit glaubt fest daran, dass es eigentlich erst seit der französischen Revolution moderne Menschen gibt und vergisst dabei, dass erst Calvin und John Knox mit der Christenpflicht gegen Tyrannen zu kämpfen (Widerstandsrecht) den historischen Prozess losgetreten haben, der in die Moderne (aber nicht nach Ausschwitz) führt. 

Deutschland kann in diesem Jahr zwei Jubiläen verzeichnen. 75 Jahre der Barmener Erklärung, jenem Manifest, das vielleicht das Christentum in Europa angesichts der Barbarei Hitlers gerettet hat. Während die katholische Kirche und auch lutheranische Kirche sich mit dem Unrechtsstaat Hitlers arrangierten, inspirierte die Widerstandspflicht Calvins die „Bekennende Kirche“ zu diesem mutigen Schritt gegen das schon 1934 in aller Klarheit sich unchristlich gebärdende Regime. Vielleicht habe ich etwas verpasst, aber mir scheint, die 75 Jahre Barmen, haben in Deutschland kein grosses Echo gefunden. Vielleicht erinnert Barmen eben doch die Deutschen zu schmerzlich daran, wie wenige es waren, die diesen entschiedenen Weg gegen die Barbarei Hitlers gegangen sind. 

Mit grossem Getöse wurde in Deutschland hingegen der 60 Jahre Grundgesetz gedacht. Es heisst ja bekanntlich „Grundgesetz“, weil es nicht eine „Verfassung“ für das geteilte Deutschland geben sollte. Statt der Helden zu gedenken, die 1934 gegen Hitler aufstanden, feiert man ein Provisorium, in das man nun auch die „Ossis“ heimholte. Und ich werde den Verdacht nicht los: Deutschland – und damit auch Europa – ginge es besser (nicht wirtschaftlich, sondern geistig), wenn man mit mehr Stolz der Barmener Eklärung gedacht hätte und die Gelegenheit ergriffen hätte das erste Mal in der Deutschen Geschichte eine VERFASSUNG für das ganze, wiedervereinte Deutsche Volk als demokratisches Glied eines vereinten Europas zu schreiben.