500 Jahre Calvin, 75 Jahre Barmen, 60 Jahre Grundgesetz

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Es geht um das Gedenken. Woran erinnern wir uns und warum. Eine Gesellschaft braucht eine Gedächtniskultur um sich ihrer Werte zu vergewissern. Die drei Jubiläen finden unterschiedliche Resonanz. 

500 Jahre Calvin ist eigentlich ein Weltereignis, da es die Kirchen der USA, Schottland, Frankreich, Schweiz, (einige Teile) Deutschlands, Ungarns, Österreich (Evangelische nach Helvetischem Bekenntnis), Südkoreas, Südafrikas, die Reformierten Italiens etc. betrifft. Das Echo in der Schweiz ist verhalten. Denn in der Deutschschweiz meinen viele, Zwingli sei ihnen näher, zumal die im Umlauf befindlichen Klischees Calvins von seinen lutherischen, katholischen und vom deutschen Kulturjudentum (Stefan Zweig) geprägt sind. Vieles, das Calvins Denken ermöglicht hat, ist zudem in unseren Gehirnen unter den Namen berühmter Nachfolger abgelegt. So bringen wir die moderne Staatstheorie eher mit Montesquieu in Verbindung, der das Genfer Modell der „checks and balances“ über allen Klee lobte. Die „humanité“ des Genfer Theologen verbinden wir eher mit der Menschenrechtserklärung der amerikanischen „Calvinisten“ im 18. Jahrhundert. Die Theorie der Marktwirtschaft mit der „unsichtbaren Hand“ führen wir auf den calvinistischen Moraltheologen Adam Smith zurück etc. etc. Unsere Jetztzeit glaubt fest daran, dass es eigentlich erst seit der französischen Revolution moderne Menschen gibt und vergisst dabei, dass erst Calvin und John Knox mit der Christenpflicht gegen Tyrannen zu kämpfen (Widerstandsrecht) den historischen Prozess losgetreten haben, der in die Moderne (aber nicht nach Ausschwitz) führt. 

Deutschland kann in diesem Jahr zwei Jubiläen verzeichnen. 75 Jahre der Barmener Erklärung, jenem Manifest, das vielleicht das Christentum in Europa angesichts der Barbarei Hitlers gerettet hat. Während die katholische Kirche und auch lutheranische Kirche sich mit dem Unrechtsstaat Hitlers arrangierten, inspirierte die Widerstandspflicht Calvins die „Bekennende Kirche“ zu diesem mutigen Schritt gegen das schon 1934 in aller Klarheit sich unchristlich gebärdende Regime. Vielleicht habe ich etwas verpasst, aber mir scheint, die 75 Jahre Barmen, haben in Deutschland kein grosses Echo gefunden. Vielleicht erinnert Barmen eben doch die Deutschen zu schmerzlich daran, wie wenige es waren, die diesen entschiedenen Weg gegen die Barbarei Hitlers gegangen sind. 

Mit grossem Getöse wurde in Deutschland hingegen der 60 Jahre Grundgesetz gedacht. Es heisst ja bekanntlich „Grundgesetz“, weil es nicht eine „Verfassung“ für das geteilte Deutschland geben sollte. Statt der Helden zu gedenken, die 1934 gegen Hitler aufstanden, feiert man ein Provisorium, in das man nun auch die „Ossis“ heimholte. Und ich werde den Verdacht nicht los: Deutschland – und damit auch Europa – ginge es besser (nicht wirtschaftlich, sondern geistig), wenn man mit mehr Stolz der Barmener Eklärung gedacht hätte und die Gelegenheit ergriffen hätte das erste Mal in der Deutschen Geschichte eine VERFASSUNG für das ganze, wiedervereinte Deutsche Volk als demokratisches Glied eines vereinten Europas zu schreiben.

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5 Antworten to “500 Jahre Calvin, 75 Jahre Barmen, 60 Jahre Grundgesetz”

  1. Mara Says:

    Deutschland besteht nicht nur aus Christen … warum sollte also ein Staat, der die Trennung von Kircht/Religion und Staat kennt ein Barmer Bekenntnis feiern?

    Das deutsche Grundgesetz hat es geschafft aus einem undemokratischen Staat ein Volk von Demokraten zu schaffen. Ich finde durchaus, dass man das nicht gross genug feiern kann.

  2. flashfrog Says:

    @uertner: Mara hat. Recht: Die deutschen Verfassungsväter und -mütter haben sich schon durchaus etwas dabei gedacht, Staat und Kirche zu trennen und die Religionsfreiheit festzuschreiben, und wir leben ganz gut damit.
    Deine Sicht der Historie scheint mir wieder einmal eine sehr einseitige und monokausale.

    Und so lasset uns denn den 100sten Blogbeitrag in dieser unserer kleinen Beiz feiern und der erstaunlichen Tatsache gedenken, dass wir, trotz aller unterschiedlichen religiösen, weltanschaulichen und politischen Ansichten immer noch alle hier zusammenhocken. Denn, obwohl die Beiz ursprünglich einmal nur als Provisorium gedacht war, hat sie sich doch als demokratischer Raum der freien Meinungsäusserung und kritischen Diskussion wunderbar bewährt, und das sollte man durchaus ein bisschen feiern… 🙂

  3. uertner Says:

    Nun, der erste, der Staat und Kirche sauber trennte war Calvin. Er trennte sie um sie wieder aufeinander zu beziehen. Wer Jacob Burckhardts „Weltgeschichliche Betrachtungen“ gelesen hat, kennt seine drei Potenzenlehre: Staat, Religion, Kultur.

    Was sich die Verfassungsväter genau gedacht haben in Deutschland, weiss ich nicht. Das heutige Deutschland ist geistig ein Provisorium geblieben, indem das Grundgesetz nicht durch eine Verfassung abgelöst wurde, welche die West- und die Ostdeutsche Erfahrung zu einem neuen Ganzen gemacht hätte.

    @flashfrog
    Der Vorwurf der „Monokausalität“ ist ein sehr bequemer. Mich erinnert er stets an Tuchos Definition des „Bürgers“:
    „Ein Bürger ist ein Mensch der stets sagt: „Ich weiss nicht“ und nicht weiss, wie recht er damit hat.“

    Es bleibt dabei: Durch das Abfeiern der 60 Jahre Grundgesetz mogelt sich Deutschland darüber hinweg, dass es eine Vergangenheit hat – die nicht nur katastrophal war – und betrügt sich darin, dass es die selbstgestellten Hausaufgaben nicht gemacht hat.

  4. flashfrog Says:

    Mit monokausal meine ich das hier: „Vieles, das Calvins Denken ermöglicht hat, ist zudem in unseren Gehirnen unter den Namen berühmter Nachfolger abgelegt.“

    Andersrum ist richtig: Viele Zeitgenossen und Denker nachfolgender Generationen haben sich auf fruchtbare Weise mit Calvin auseinandergesetzt und erst durch sie ist er als mehr oder weniger bedeutender Teil in das Denken späterer Generationen eingegangen. Und Calvin selbst war das Produkt in einer langen Kette von Denk- und Glaubenstraditionen und seinen Auseinandersetzungen mit seinen europäischen Zeitgenossen.

    Ich finde das Wort „Grundgesetz“ übrigens sehr schön: Der Grund, auf dem alle anderen Gesetze stehen müssen. Grund kann ja „Grund und Boden“ bedeuten, „Fundament“, aber eben auch im abstrakten Sinne eine rationale „Begründung“.

    Um über deinen Oberlehrerton hier mal nachsichtig hinwegzugehen:
    Was genau hätte die deutsche Verfassung aus der der sozialistischen Diktatur deiner Meinung nach übernehmen sollen?

  5. Die Aussenministerin zum Calvin-Jahr « beiz 2.0 Says:

    […] Aussenministerin zum Calvin-Jahr By uertner Da ich in der Beiz schon verschiedentlich zum Calvinjahr und zur Frage der Besinnung auf die Transzendenz in der Eidgenossenschaft, sowie der Frage der […]

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