Ein Big Boss macht Mutterschaftsurlaub

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Eine interessante und auch außergewöhnliche Situation:

Die Chefin von ABB Schweiz, Jasmin Staiblin, bekommt ein Kind. Und sie will den gesetzlich erlaubten Mutterschaftsurlaub von sechzehn Wochen in Anspruch nehmen.

Die Weltwoche macht dies in ihrer Ausgabe 27/09 gleich doppelt zum Thema: Roger Köppel fragt im Editorial, ob dies „in Ordnung sei“ (ist es natürlich nicht), und René Lüchinger konstatiert in einem Kommentar „die nicht wahr genommene Führungsverantwortung“. Beide Journalisten setzen ihrer Argumentation zugrunde, dass einfach alles vom Chef abhängt. Von seiner Tüchtigkeit hängen die Arbeitsplätze ab (Köppel). Versagt der Chef, geht die Firma unter (Köppel). Er schreibt von den ungeschriebenen Gesetzen des Unternehmertums, denen sich auch Frauen unterwerfen müssten, was bedeutet, dass sich die ganze Person für den Erfolg der Firma hinzugeben hat.

Und Lüchinger stellt fest, dass 16 Wochen Ausstand „nicht gehen“. Für ihn bedeutet Topmanagement „Sechzig- oder Siebzig-Stunden-Wochen, Entbehrung und weitgehender Verzicht auf ein geregeltes Familienleben“. Dass zahlreiche Managerehen geschieden und Kinder von Top-Führungskräften ohne Vaterfiguren aufwachsen, ist unabwendbar und ein Indiz, dass alles der Verantwortung für die Firma untergeordnet wird. Es fehlt auch nicht der Hinweis, dass der Arbeitgeber diese Hingabe mit dem fürstlichen Gehalt einkauft.
Der Kommentar endet mit dem Hinweis, dass die „ABB gut daran täte, einen Plan B in der Schublade zu haben“.

Und hier setzt denn auch mein Contra ein: Die beiden Journalisten benützen das Beispiel zum Versuch einer Grundsatzdiskussion in einer Frage, die erst einmal niemanden außer der ABB selbst etwas angeht. Davon auszugehen, dass sich die ABB keine Gedanken zu einem Plan B gemacht hat, ist einigermaßen selbstherrlich. Die Argumentationskette liest sich wie der Versuch, vorauseilend den Mythos der großartigen (männlichen) Manager zu verteidigen, wonach selbstverständlich das ganze Wohl des Unternehmens von einem Superhero, dem General abhängt. Und genau diesem Mythos entsprechen auch die exorbitanten Saläre, die solchen Personen, die in aller Regel Manager und nicht Unternehmer sind, bezahlt werden.
Persönlich ist mir einigermaßen unwohl, wenn ich mir vorstelle, dass die Novartis den Rhein runter treibt und womöglich ersäuft, wenn Daniel Vasella nicht an Bord ist. Auch und gerade der oberste Chef sollte seine Firma so organisieren – und seine Mitarbeiter so auswählen, dass jeder seine persönlichen Qualitäten einbringt, aber keiner unersetzbar ist. Ein Mutterschaftsurlaub ist zudem planbar (das Lösungsmodell für die Firma damit auch), ein Unfall oder eine Krankheit nicht. Und trotzdem gibt es auch dafür garantiert überall Schlachtpläne, wie ich schwer hoffe, um es auch etwas martialisch auszudrücken.
Der Friedhof ist voll von unersetzlichen Managern und Unternehmern, die alle ersetzt wurden. Zwangsläufig.

Diese Kritik will nur die Krux dieser alten und tief verankerten Denkweise offen legen. Persönlich kann ich gar nicht beurteilen, ob das bei der ABB versuchte Modell wirklich funktionieren wird. Interessant finde ich etwas anderes:

Die ABB scheint sich auf oberster Ebene ein Angestelltenmodell zuzutrauen, das Jobsharing und Familienleben mit einbezieht. Natürlich ist es möglich, dass sich Angestellte, wie es Lüchinger suggerieren will, sogleich in einem führungslosen Zustand sehen. Dass von der ABB ein Statthalter bestimmt ist (jaaah, selbst Frau Staiblin hat einen Chef, und dieser, Präsident Peter Smits, übernimmt vorübergehend), und der Zürcher Headhunter Björn Johannsson explizit meint, es wäre „alles nur eine Frage von „mindset“ und Organisation“, wird zwar erwähnt, aber es wird nicht darauf eingegangen. Dabei ist ja genau das die spannende Frage:
Was wäre, wenn die ABB Schweiz zu einem Modell würde, in dem alternative Führungsmodelle von oben eingeführt und breiter umgesetzt würden? Wenn Mitarbeiter, Frauen wie Männer, genau darin die Qualität ihrer Firma sähen, dass diese ihre Angestellten ernst nimmt, indem sie explizit auch deren gewonnene Qualitäten als Familien“manager“ fördern und dann auch nutzen will?

Was wäre, wenn Männer darin keinen Angriff mehr auf ihren Krieger-Mythos sähen – und die Frauen ernst damit machten, Loyalität zu Familie und Unternehmen praktisch umzusetzen. Wäre doch phantastisch, wenn sich beweisen ließe, dass jemand, der nur fünfzig Stunden pro Woche arbeitet, vielleicht mehr damit heraus holt, als jener, der siebzig Stunden malocht? Wie das gehen soll, hat mir bis jetzt sowieso niemand erklären können.

Wenn ich mir einen Siebzig-Stunden-Wochenjob beschreiben lasse, dann steckt darin sehr viel „Repräsentation“, allenfalls Reisen und ganz sicher Pflege einer Wichtigkeit, die man nur dann ernst nehmen kann, wenn man die Chance zum Ehemann und Familienvater verloren hat und seinen persönlichen Wert nur noch mit dem Ansehen in einer Welt gleich setzen kann, wie sie Lüchinger und Köppel beschwören.

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63 Antworten to “Ein Big Boss macht Mutterschaftsurlaub”

  1. flashfrog Says:

    Ich hab grad keine Lust, mich beim Weltwochelesen zu ärgern, darum nur ein kurzer Gedanke von mir: Ist nicht genau dieses Weltbild, das Männer wie Roger Köppel (Chef und Sohn eines Chefs) beherrscht, letztlich das, was diese Krise verursacht hat?

    Wirtschaft sei Krieg. Was bedeutet Krieg? Zerstörung, Folter, Hunger, befehlen und Befehle ausführen, töten und getötet werden, unermessliches Leid für Millionen Opfer, das Ziel die totale Vernichtung des Feindes, bis zum totalen Untergang.
    Wie sähe die Welt aus, wenn wir stattdessen die Metapher wählen würden: Wirtschaft ist ein Staffellauf?
    Oder: Wirtschaft ist wie tanzen?

    Wieso träumen Chefmänner wie Köppel von einem General und Führer?
    Urs Widmer hat dieses Wirtschaftsmodell als zutiefst undemokratisch und strukturell faschistisch beschrieben in seinem unbedingt lesenswerten Essay „Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück“. (Das war 2002, also nach dem 11. September und vor der Krise.)
    Wie sähe unsere Welt aus, wenn wir unsere Wirtschaft nicht als totalitäres Führer-Regime metaphorisieren und organisieren würden sondern, sagen wir, nach dem Modell der Familie? Welche Werte und Handlungsweisen würden dann in den Vordergrund treten? Und hätten gerade Mütter für ein solches System nicht entscheidende Qualifikationen, die 70-Stunden-Managern so völlig abgehen?

  2. Thinkabout Says:

    @flashfrog
    Es muss nicht immer falsch sein, dem Glauben an den gegenseitigen Altruismus das Bild des Krieges gegenüber zu stellen, zumal in der Wirtschaft. Die nachhaltige Wahrheit, die wohl ganz neu in allen Lebensbereichen zu suchen sein dürfte, muss aber Regeln kennen. Wirtschaft wird nie ein Tanz werden. Menschen machen nie mal eben ein bisschen Wirtschaft, und kümmern sich dann wieder um anderes. Menschen bilden die Wirtschaft – und die Familie – und Beziehungen. Von faschistischen Führerkults sind wir allerdings gleichwohl noch weit entfernt. Solche Schlagworte und Katalgoisierungen helfen auch nicht weiter.
    Die Chance liegt genau darin, dass wir die Erfahrungen, die zu unserem persönlichen Mikrokosmos gehören, nicht vergessen, wenn wir in die Firma gehen. Mehr Ideologie braucht es nicht. Dann werden Lösungen praktikabel, bleiben Ideen nicht Theorie, sondern können zu Modellen werden.
    Das beste Argument liefert die Praxis. Und dafür braucht es Menschen, die stur sind gegenüber allen, die schon längst wissen, dass etwas nicht funktioniert, obwohl sie es nie ausprobiert haben.

  3. flashfrog Says:

    Doch, es braucht auch eine neue Ideologie. Wir leben nie ausserhalb von Ideologien, im Sinne von Wertesystemen und sinnstiftenden Weltbildern.
    Die Brille, durch die wir unsere Wirklichkeit betrachten bestimmt die Art und Weise, wie wir mit einander umgehen. Sehen wir den Beruf als Vernichtungskampf oder als fairen sportlichen Wettbewerb? Behandeln Chefs die Angestellten als lästigen Kostenfaktor, aus dem sie maximale Leistung zu minimalen Kosten herausquetschen müssen, oder als Familenmitglieder, an deren Wohlergehen sie persönlich Anteil nehmen?
    Das erste ist das Heuschrecken-Modell, das zweite ist das alte, patriarchale.

    Zu finden wäre ein modernes Netzwerk-Modell, das, demokratischer strukturiert, sich stärker selbst organisiert.

    Wir sollten auch dringend damit aufhören, alle Lebensbereiche immer stärker durch die ökonomische Perspektive zu sehen. Arbeitslose sind kein „totes Humankapital ohne Rendite“ (Joseph Ackermann). Bildung, Kultur, Fürsorge und Empathie lassen sich nicht danach rationieren, ob sie sich rechnen.

  4. Frau Müller Says:

    Man kann gewiss darüber diskutieren, ob es notwendig und sinnvoll ist, wenn der Boss Mutterschaftsurlaub beansprucht. Aber dann bitte mit klugen Argumenten. Köppels pubertäre Provokationen ohne jeglichen intellektuellen Anspruch sind aber einfach nur langweilig. Man kommt nicht umhin zu denken, dass Köppel bloss seiner Misogynie wieder mal freien Lauf liess (was Wunder, gilt er als der unerotischste Mann des Landes, aber das ist ein anderes Thema) und seiner schwangeren Ehefrau Bich-Tien Ton klar machen wollte, wo der Bartli den Moscht holt.
    Oder ist er völlig verblödet?
    „Darf eine CEO einfach schwanger werden?“ Mon Dieu, diese Frage ist dermassen dumm, dass mir die Spucke wegbleibt.
    Wenn Köppel einen Schwangerschaftsurlaub mit Venedig-Ferien vergleicht, dann argumentiert er wirklich tief unter seinem Niveau.
    Und wenn Köppel die Position des CEO mit einem General vergleicht, dann hat er keine Ahnung von modernem Unternehmertum (was Wunder, geht es mit der Weltwoche wirtschaftlich dermassen bachab).

    Apropos bachab: Marcel Ospel gehört zu diesen Wirtschaftshelden, die „Sechzig- oder Siebzig-Stunden-Wochen“ präsentierten. Dieses „Verantwortungsgefühl gegenüber der Firma“ hat ihn freilich nicht daran gehindert hundert Milliarden in den Sand zu setzen.

    Und wenn „Verantwortung unteilbar ist“ wie Lüchinger und Köppel behapten, wieso muss dann der Steuerzahler für Ospels Unfähigkeit bezahlen?

    „Top-Management bedeutet eben weitgehender Verzicht aufs Familienleben“ schreibt Luchsinger. Darum wohl führte Ospel seine 25 Jahre jüngere Freundin an gesellschaftlichen Anlässen spazieren, derweil seine Ehefrau hochschwanger war, und verliess seine Familie nach der Geburt seines Kindes (in meinem privaten Wertesystem ist ein solcher Charakter etwa auf dem Niveau von Prügelschülern).

    Dieser Wewo-Artikel ist dermassen lächerlich, gerade so gut könnte man darüber diskutieren, ob es einen Klimawandel gibt oder die Erde flach ist.

    Erfreulich finde ich hingegen, dass Jasmin Hutter konsequent handelt und sich vom Nationalrat verabschiedet:

    http://www.derbund.ch/zeitungen/schweiz/Hutter-bald-nicht–mehr-SVPVize/story/24366736

  5. Mara Says:

    Ein wichtiger Anspruch ans Chefs ist in Alternativen zu denken – und gut delegieren zu können. Mit den realen Ansprüchen an Unternehmensleitung hat obiger WW-Artikel insofern nicht allzu viel zu tun.

    Das da jemand seine Allmachtsphantasien (Führer..kopfschüttel) auslebt und gerne das Bild eines Patriarchen aufs Tableau malt schon viel mehr – ich hoffe seinem Hund gehts gut..

  6. flashfrog Says:

    @Mara: Ja, vielleicht muss man in D sozialisiert worden sein, damit einem diese Führer- und Untergangs-Rhetorik vom Köppel so richtig schräg reingeht?

    Ich weiss nicht, ob man Urs Widmer hier im Blog deslängeren zitieren darf, aber seine Analyse der Arbeitswelt als strukturell anti-demokratisch zählt wirklich zu den grössten Aha-Erlebnissen, die ich lesenderweise in der letzten Zeit hatte.

  7. Thinkabout Says:

    Dass die Arbeitswelt strukturell anti-demokratisch ist – das ist Fakt und an sich noch kein Grund zum Aufschreien. Die Anforderungen an Tempo, Linie und klare Verantwortungszuteilungen machen dies sehr oft sogar notwendig. Ein Unternehmen wird nicht geführt wie eine Spielgruppe.
    Die Frage ist wohl eher, wie Team-Arbeit verstanden wird, worauf man Erfolge und Misserfolge zurückführt, kurz, wie weit die Analyse und damit die Möglichkeit zur Kritik ebenfalls eine Sache der Gruppe ist.

    Den netten Kritiken, die ich für meinen Artikel ernte, zum Trotz möchte ich noch etwas anfügen: Wenn solche Modelle funktionieren sollen, dann gehört dazu Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Und diese muss auch durch die Arbeitnehmer gegeben sein – in diesem Fall durch Mütter (und Väter) die sich, bitteschön, schon zu Zeiten VOR dem Mutter- oder Vaterschaftsurlaub so einschätzen können, dass sie in der Folge tatsächlich auch wieder für das Unternehmen zur Verfügung stehen und sich auch da entsprechend engagieren. Das Ganze ist keine Einbahnstrasse.
    So ist denn jede Form von Teilzeitarbeit auch eine Herausforderung an die Arbeitnehmer: Diese müssen nämlich allen Lebensaspekten die notwendige Konzentration widmen können und nicht nur beim Nachhausegehen das Geschäft nicht im Kopf spazieren führen, sondern auch bei der Arbeit in Gedanken bei der Arbeit sein und nicht wo anders. Wer Teilzeit arbeitet, hat es nicht unbedingt leichter, allen Teilen das zukommen zu lassen, was diese Teile verlangen.
    Aber, Herrschaft nochmal, es ist höchste Zeit, dass Chefs, Teams und Angestellte diese Modelle ernsthafter und tiefgehender austesten als dies bisher der Fall ist.

  8. Mara Says:

    @thinkabout

    Meine Kritik galt keineswegs dir, entschuldigung wenn das so auf den ersten Moment ausgesehen hatte, sondern bezog sich auch Köppels „Argumente“.

    @all
    Im Gegensatz zu schweren Krankheiten ist Mutterschaftsurlaub planbar! und keineswegs ist der Kopf dann 16 Wochen nur mit Windelwechseln beschäftigt. Von daher ist meines Erachtens ein solcher Absent in erster Linie ein organisatorisches Problem. Für kurzfristige Entscheidungen muss eine Vertretung gefunden werden, – und für mittel- bzw. langfristige Entscheidungen muss vor bzw. nachgearbeitet werden. Des weiteren muss in einem gewissen Mass die Kommunikation und der Informationsfluss weiterhin funktionieren, damit die Einarbeitung möglichst schnell wieder vorbei ist.

    Nur mal so zur Erinnerung, wie lange war Merz wegen seines Herzinfaktes absent?.. ohne Vorbereitung und ohne vorher seine Dinge geordnet zu haben. Man muss es halt nur machbar machen.

  9. flashfrog Says:

    Nur damit ich das recht verstehe: Eine Schwangerschaft dauert 9 Monate. D.H. zu dem Zeitpunkt, als sie schwanger wurde, war das Ausmass der Finanz- und Wirtschaftskrise noch in keiner Weise absehbar.
    Verlangt Roger Köppel ernsthaft, dass Frauen in Führungspositionen gefälligst ihre Kinder abtreiben sollen, um der Firma rund um die Uhr zur Verfügung stehen zu können?

  10. uertner Says:

    Meine Meinung dazu kennt man hier ja. Einer der häufigsten Sprüche während des Militärdienstes war: „Man kann nicht nur ein bisschen schwanger sein“! Auf die hormonellen Veränderungen, die bei der Frau durch einschiessen der Milch, Stillen etc. sich einstellen, habe ich schon hingewiesen. Das Modell: ich lebe Sex und Karriere und überlasse die Kinder der Amme gab es historisch schon im dekadenten französischen Adel am Vorabend der Revolution. Und auch der erste Theoretiker der linken Gesellschaftskritik, Jean-Jacques Rouesseau, überliess alle fünf Kinder dem Genfer Findelhaus, wo sie elendiglich starben.

    Was Koeppel im Auge hat, ist die „totale Leistung“, die „Hingabe“. Dies sind Wörter, die 68 aus dem aktiven Wortschatz des Gesellschaftsdiskurses gestrichen wurden. Gerade die römische Tugend verlangte Opfer (auch ein Wort, das niemand mehr braucht, ausser er ist selber eins). Im Sinne der römischen Tugendlehre hätte eine weibliche CEO, die im Interesse des Unternehmens abtreibt „Ehre eingelegt“. Da aber die Römer ein solches „Opfer“ als widersinnig erachteten, waren sie patriarchal organisiert: Das heisst der „Pater familias“ verantwortet die Ökonomie und verteilt die Ressourcen und die Frau war damals halt besser „eingeteilt“ wenn sie für die Geburten zur Verfügung stand.

    Wir sind eine wegsterbende Gesellschaft, die Zukunft gehört den Kulturen in denen jede Frau mindestens eine Tochter gebiert. Dies ist kein alter „patriarchaler Quark“ sondern ein Naturgesetz.

  11. flashfrog Says:

    Ok, zwei von Urs Widmers Gedankengängen:
    1. Das Geld: Früher gab es den Tauschhandel. Das Geld hatte einen realen konkreten Gegenwert. Aber je abstrakter das Geld wird (heute ist es meist nur noch eine abstrakte Zahl), desto irrationaler und massloser wird die Gier. Das System hat sich verselbständigt und unsere Vernunft ausser Kraft gesetzt. Wir durchschauen längst nicht mehr, was an den internationalen Finanzmärkten eiigentlich abgeht. Und wo das Wissen fehlt, müssen wir glauben. Wir glauben an Prognosen von Rating-Agenturen und Analysten, Finanz-Gurus. Wir vertrauen im globalen Kult des Geldes Spekulanten und Wahrsagern, nicht mehr unserer Vernunft.

    2. Die Wirtschaft: „Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig wir uns in der Regel des schreienden Widerspruchs bewußt sind, der unseren Alltag prägt. Nämlich, wir erleben uns als politisch reife Demokraten und wehren uns aus guten Gründen gegen jeden Abbau unserer demokratischen Rechte. (…) Gleichzeitig begeben wir uns jeden Tag in eine Arbeitswelt, in der nichts, aber auch gar nichts demokratisch geregelt ist. Alles läuft streng hierarchisch ab. Der Chef hat recht, auch wenn er unrecht hat, und zuweilen sind wir dieser Chef. Wie halten wir das eigentlich aus, ohne irre zu werden, tagsüber Weisungen zu empfangen und Weisungen weiterzugeben genau nach Funktionsdefinition, und am Abend ein reifer Bürger zu sein, gleichmäßig am Wohle aller interessiert? Die Wirtschaft (…) war und ist am Mehrwert interessiert und am demokratischen Staat nur soweit, als dieser Bedingungen zu schaffen vermag, die das Geldverdienen möglichst reibungslos erlauben. (…) Die Wirtschaft braucht keine Führer außerhalb ihrer eigenen Strukturen. Sie führt selbst. Sie ist das System, das autoritär und nach seinen eigenen Regeln sagt, wo’s langgeht. Sie will keinen autoritären Staat um sich herum, sie ist selber autoritär. In der Tat haben just in der modernen Ökonomie eine ganze Reihe von Werten überlebt, die den alten Faschismus prägten. Beider Religion ist ein grobschlächtiger Darwinismus, in dem sie sich selber als die Starken sehen, die, weil die Natur das vorschreibt, die Schwachen fressen müssen. Sie setzen ganz auf die Sieger und sehen in einem Verlierer einen, der nicht lebenswert ist. Die Werte der Sieger sind gut, die Werte der Verlierer schlecht. Es gibt kein Sowohl-als-auch [Denken in Alternativen]. Es gibt keine Ambivalenz. Die Harten von damals sind die Coolen von heute (…) Mit hoher Aggression jedenfalls wenden sich die, die die Werte der Ökonomie vertreten, gegen alles, was von den Normen abweicht. Die Kraft von einst gleicht der Power von heute aufs Haar, und der Wille, sich um jeden Preis durchsetzen zu müssen, ist zur Efficiency geworden. Militärisches Denken ist in der Neuen Ökonomie allgegenwärtig. Größere Firmen verfügen über Divisionen und ihre Mitarbeiter arbeiten an der Front. Manager sind so etwas wie Söldner geworden.(…) Die Neue Ökonomie hat oft perverse Züge, wenn denn Perversion ein Abweichen von ethischen und moralischen Normen ist, das andern (und oft auch sich selber) Schaden zufügt und dennoch zwanghaft vollzogen werden muß. Die Ökonomie von heute zerstört Menschen. (…) Dann, in der sadistischen Spielart des Handelns, bereitet Lust, was Entsetzen auslösen sollte. Seinen Konkurrenten zerstören, den Mitarbeiter erniedrigen, den Rivalen demütigen. Die perverse Lust an der Zerstörung ist ein Teil der Wirtschaft und perverses Handeln wird darin positiv bewertet. Applaus für den Zerstörer. Es wird nicht gefragt, ob eine Handlung ethisch vertretbar ist. Sondern ob sie sich rechnet. “ (Urs Widmer: „Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück.“ Wie gesagt: Von 2002! Kaufen und lesen! :-))

  12. flashfrog Says:

    @uertner: Früher wurde Frauen ihre berufliche Tätigkeit als „Selbstverwirklichung“ herabgesetzt. René Lüchinger entwertet nun das Kinderkriegen als einen weiblichen Selbstverwirklichungstick und reines Privatvergnügen. Ja watt denn nu?

  13. Frau Müller Says:

    Roger Köppel scheint nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein. So viele widersprüchliche Aussagen aus nur einem Mündchen lassen ernsthafte Zweifel an seinem Geisteszustand aufkommen.

    Zuerst schreibt er: La crise n’existe pas?
    Dann schreibt er von «der schwierigsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg».

    Um die UBS und Grübel zu protegieren schrieb er: «Es ist kein Geheimnis, dass die Weltwoche ihre Aufgabe nicht darin sieht, Kampagnen gegen die Schweizer Privatwirtschaft zu führen. Die meisten Unternehmen stehen in einem harten Wettbewerb. Sie brauchen keine Journalisten, die ihnen Steine in den Weg legen. Firmen werden durch ihre Konkurrenten kontrolliert. Missstände deckt in der Regel zuerst der Markt auf.»

    Um eine Frau an der Konzernspitze zu desavouieren schreibt er: «Mitten in der grossen Rezession beansprucht die Konzernlenkerin eine Auszeit für ihr Baby. Rechtlich ist das alles korrekt, aber ist es auch in Ordnung? Darf die Chefin in einer grossen Wirtschaftskrise schwanger werden?» Und setzt gleich auf der Titelseite ein grosses «Nein» dahinter.

    Es stimmt mich zuversichtlich, dass die ABB-Konzernleitung sich nicht im Krieg wähnt, sondern sich auch in der Krise ganz pragmatisch organisiert.

    Mit der gleichen Kriegsrhetorik wie Köppel unterlegte ja auch Richard Fuld seine unternehmerischen Aktivitäten. Lehman Brothers befinde sich im Krieg, jeder Tag war eine Schlacht, die Mitarbeiter waren Truppen. Er ist dann allerdings nicht als erfolgreichster General in die Geschichte eingegangen, sondern als Jahrhundert-Versager, als Baustein der Weltwirtschaftskrise, als grösste Schande unseres Finanzsystems.

  14. flashfrog Says:

    @Frau Müller: Sie sagen es! Gerade diese masslos übersteigerte Selbstherrlichkeit einiger Alpha-Männchen hat diese ganze Krise ja herbeigeführt.
    Edit:
    Diese Männer, die ständig Selbstaufopferung predigen und die in ihrem Tunnelblick für die Renditemaximierung völlig den Bezug zu Relationen und Realität verloren haben. Das hat schon was von „Untergang“…

    Ein entscheidender Aspekt dieser ganzen Kriegsmetaphorik ist ja auch, dass sie Frauen grundsätzlich ausschliesst, zumindest als Handelnde. Frauen kommen im Krieg nur als zu vergewaltigende Kriegsbeute oder als trauernde Mutter vor.

    (Hätte Jasmin Staiblin gleich nach der Geburt wieder arbeiten wollen, hätte Köppel sie unter Garantie als Rabenmutter diffamiert.)

  15. Frau Müller Says:

    @ Flashfrog: Nö, das mit der Rabenmutter funktioniert eben auch nicht so richtig, weil Köppel dann seinen geistigen Führer desavouieren müsste, der seine Tochter nicht richtig erzogen hat und die ja augenscheinlich trotz mehrfacher Hormon- und Milch-Dings, die @ Uertner ins Feld führt, erfolgreich die Ems-Chemie führt.

    Magdalena Martullo-Blocher, die von ihrem Vater nicht nur die unternehmerische Intelligenz und Tatkraft, sondern auch das Aussehen geerbt hat, als Symbol für die «Sex & the City»-Generation, die Sex UND Karriere will – wer hätte das gedacht.

    Und der Blocher-Clan wiederum als Sinnbild des dekadenten Adels, der die Kinder der Amme überlässt. Wir befinden uns am Vorabend der Revolution. Haben Sie es noch nicht gemerkt?

  16. Thinkabout Says:

    flashfrog sagt:
    Juli 8, 2009 um 8:25

    … zu dem Zeitpunkt, als sie schwanger wurde, war das Ausmass der Finanz- und Wirtschaftskrise noch in keiner Weise absehbar.
    Verlangt Roger Köppel ernsthaft, dass Frauen in Führungspositionen gefälligst ihre Kinder abtreiben sollen, um der Firma rund um die Uhr zur Verfügung stehen zu können?

    Verzeihung: Vor neun Monaten, auch vor zehn, waren gravierende Probleme schon absehbar. Aber darum geht es gar nicht. Denn auch Deine Schlussfolgerung ist kühn: Köppel fordert Staiblin in keiner Weise zur Abtreibung auf. Im Grunde würde es ihm reichen, sie würde kündigen bzw. hätte nach der Feststellung der Schwangerschaft gekündigt. Durchaus suggestiv wird der Gedanke an mehreren Stellen des Artikels darauf gelenkt, dass da eine Chefin soziale Aspekte im Arbeitsrecht für sich „schamlos“ ausnützt. Neee, nicht abtreiben soll sie, nur gehen.

  17. uertner Says:

    Na viel Spass beim Selbstbestätigungsgespräch unter kinderlosen Frauen. Ein interessanter Beitrag zur Debatte scheint mir die Postion Calvins in der Frage. Er erlebte ja einige Frauen an der Macht. Maria die blutige und Elisabeth von England. Hier nachlesen. Sehr gut gemacht! (wohl von einer Frau!)

    http://www.bb-evangelisch.de/extern/frz_reform_potsdam/FrP-Reformierte-Calvin-Frauen.htm

  18. flashfrog Says:

    @Thinkabout: Ich weiss nicht, wann genau das Kind zur Welt gekommen ist. Vor 10 Monaten war jedenfalls noch nicht einmal Lehman pleite, wenn du da schon eine globale Wirtschaftskrise vorausgesehen hast, die auch die CH in gravierendem Masse treffen wird, dann hast du erstaunliche hellseherische Fähigkeiten. 🙂

    Genau das wäre die Alternative: Den Job aufgeben oder das Kind. Also kündigen oder abtreiben.
    Oder noch besser: Erst gar keine Frauen einstellen. Sicher folgerichtig, dass bei der Weltwoche 27 von 33 Redaktoren männlich sind, auf der Leitungsebene 4 von 4. Bei denen ist es ja kein Problem, wenn sie Kinder kriegen…

  19. flashfrog Says:

    >> Wir befinden uns am Vorabend der Revolution. Haben Sie es noch nicht gemerkt?

    Ehrlich gesagt, mch wundert, was wir uns alles bieten lassen, bevor wir endlich auf die Barrikaden gehen.
    Dieser G8-Gipfel. Wieder viel heisse Luft produzert, was man bis 2050 doch alles gern schaffen würde. Belusconi hat immerhin ein bisschen Entwicklungshilfe für Italien herausgeschlagen. Zynischer gehts doch gar nicht.

  20. Mara Says:

    @uertner

    Aber Männer ohne Kinder dürfen selbstverständlcih überall mitdiskutieren? Warum nicht gleich das 19 Jhd zitieren, in dem den Frauen mangelnde Intellektualität zugeschrieben wurde.

    @alle
    In Zeiten der Jobkrisen war es doch immer sehr kommod die Frauen zurück an den Herd zu schicken – um die Konkurrenz zu verkleinern. Inwieweit spielt auch einfach nur dieser Gedanke hier eine Rolle!

  21. flashfrog Says:

    @Mara: Allein die Tatsache, dass wildfremde Männer sich bemüssigt fühlen, einer Frau vorzuschreiben, dass sie keine Kinder kriegen darf, wegen der Krise, oder dass sie im Gegenteil Kinder kriegen muss, wegen der Krise, ist ein Frechheit.

    >> In Zeiten der Jobkrisen war es doch immer sehr kommod die Frauen zurück an den Herd zu schicken – um die Konkurrenz zu verkleinern.

    Ja, guter Punkt!

  22. uertner Says:

    @mara und flashfrog

    geht mal zusammen ins Kino! hätte eine wunderbare Schweizer Produktion, die euch gefallen wird (mitfinanziert von Luxemberg! hehe, wir machen grosses Kino aus Fluchtgeld! die Robin Hoods Europas!)

    http://www.raeuberinnen.ch/userfiles/file/Press%20PDFs/RäuberinnenBAZ040609.pdf

  23. Titus Says:

    Die Frau Hutter wird im Dezember ja auch Mutter. Und sie gibt das SVP-Vice-Präsidium ab. Naja, die SVP hat ja gar 5 Vice-PräsidentInnen, da fällt der Wegfall einer Person nicht so ins Gewicht, auch wenn die Frau Hutter meint: «Der Toni hätte es lieber gesehen, wenn ich geblieben wäre. Aber ich lasse mich nicht überreden. Ich habe zwar viel für die SVP ­gemacht, aber jeder ist ersetzbar. Die SVP gabs schon vor mir und wirds auch nach mir geben.»
    http://www.blick.ch/news/schweiz/politik/bundesraetin-und-baby-das-kann-ich-mit-meinem-gewissen-nicht-vereinbaren-123122

    Und die anderen scheinen auch nur irgendwie Statisten zu sein. Oder hat jemand in den letzten Monaten etwas von den Vice Yves Perrin oder Walter Frey gehört? Fazit: Ein kleines «Opfer» im köppelschen Sinne.

    Gemäss Blick-Interview will sie die Geburt ihres Kindes abwarten, ob sie das Nationalratsmandat niederlegt. Und – viel wichtiger, aber leider nirgends erwähnt: Gibt sie ihren GL-Posten auf?

    Derweil forder die CVP-Frau (und Mutter) die Frau Hutter auf, konsequent zu ihren bisherigen Voten zu stehen.
    http://www.blick.ch/news/schweiz/politik/es-waere-stossend-wenn-hutter-in-bern-bliebe-123088

    Dabei spürt man unterschwellig, das nun auch Jasmin Hutter sich vorsichtiger zum Thema äussert. Schon noch interessant, wie Menschen anders reagieren, wenn sie plötzlich selber betroffen sind…

    Folgedessen müsste Roger Köppel nun eigentlich selber einmal schwanger werden… 😉

  24. Frau Müller Says:

    @ uertner, Juli 9, 2009 um 9:43:

    «Na viel Spass beim Selbstbestätigungsgespräch unter kinderlosen Frauen.» Hahaha, Sie sind wirklich lustig – wenn auch unfreiwillig. Nun, wenn Sie ein paar klügere Argumente einbrächten, dann würde ich Sie ja gerne in das Gespräch miteinbeziehen. Aber dieses Milch- und Hormon-Dings ist doch wirklich unter Ihrem Niveau, oder?

    In meinem kinderlosen Bekanntenkreis gibt es übrigens viele Menschen, die freiwillig oder beruflich versuchen, das völlig missratene Leben von Kindern aus dysfunktionalen Familien wieder einigermassen in geordnete Bahnen zu lenken. Mädchen, die von ihrem Vater vergewaltigt, halb tot geschlagen und aufs Schlimmste erniedrigt wurden, beispielsweise, finden bei ihnen Schutz und Unterstützung. Ich finde, Sie sollten kinderlosen Menschen mit ein bisschen mehr Respekt begegnen.

  25. flashfrog Says:

    @uertner: Es geht nicht darum, dass Frauen Männer nachäffen sollen. Es geht mir darum, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, Zukunftsmodelle zu entwickeln, in denen Frauen nicht dieselben Fehler wie die Männer machen müssen. Geht das irgendwann mal in deinen Schädel rein?

    @Titus:
    >> „Es ist nicht dienlich, verschiedene Familienmodelle gegeneinander auszuspielen“, hält Galladé gegenüber Blick.ch fest.

    Genau das ist der Punkt. Jede (und jeder) sollte für sich selber entscheiden können, welches Modell sie wann und für wie lange wählt.
    Dazu müssen allerdings die Voraussetzungen geschaffen werden, die eine echte Wahlmöglichkeit eröffnen. Z.B. eine qualifizierte Kinderbetreuung während der Sitzungen. Gegebenenfalls müsste der Co-Produzent des Kindes beruflich kürzertreten und einen Anteil an der Betreuung desselbigen übernehmen. Die Wirtschaft muss sich endlich stärker bemühen, auf die Bedürfnisse von Kinder betreuenden Eltern (und von Eltern betreuenden Kindern) Rücksicht zu nehmen.

    PS: Meine Mutter war Politikerin. Und es hat mir nicht geschadet.

  26. Titus Says:

    Ich denke, es geht Schlussendlich um zwei Aspekte:

    1) «Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodelle»
    Vielleicht ist der vorgängige Ausdruck noch nicht der richtige. Ich meine damit, dass die Unternehmen (und nicht der Staat) Voraussetzungen schaffen müssen, welche es ermöglichen eine anspruchsvollere Funktion auch nur zu 40 % (als Beispiel) ausführen zu können. Dazu zähle ich Führungskräfte genauso wie Fachkräfte. Die heutige Denke ist aber, dass diese Personen zwingend 100 % arbeiten müssen. Ich sehe das eher als organisatorische Herausforderung. Alles in allem würde ich das ohnehin eher als Bereicherung für alle Beteiligten betrachten.

    2) Finanzielle Situation
    Kürzer treten – oder dass gar nur einer von beiden arbeitet oder dass beide zusammen 100 % arbeiten – können sich viele gar nicht leisten. Wäre es nicht sinnvoller, statt Geld für die externe Kinderbetreuung dieses den jeweiligen Familien zukommen zu lassen?

  27. Thinkabout Says:

    @Titus
    Wenn wir hier explizit auch von besser verdienenden Ehepaaren reden, und ich dann den Satz lese, dass ein 100%-Pensum in der Addition der Arbeitsleistung nicht reichen soll, dann sind wir auf der Seite der Arbeitnehmer mit dem Problem angelangt: Der Anspruchshaltung. Mehr freie Zeit, Freiraum für die Gestaltung des Familienlebens scheint nicht zu Lasten der Geldbörse gehen zu dürfen. Wir wollen eben alles gleichzeitig und immer.
    @flashfrog
    sorry, mein Schädel hat auch fehlende Einlassschlitze, was Galladé und Konsorten betrifft in ihrem Ansatz, das Problem nur politisch lösen zu wollen. Es ist nicht eine Frage, die Arbeitgeber lösen und diese Lösung dann anbieten müssen. Es ist eine Frage des Dialogs und der Kooperation. Auch ein Unternehmen braucht Planungssicherheit. Zuviele Arbeitgeber wenden sich von solchen Modellen wieder ab, weil die Arbeitnehmer sich plötzlich ein Ausklinken leisten können (siehe oben), weil das ganze eh irgendwie stressig wird oder doch das Family-Life plötzlich ganz 100%ig wichtig wird. Auch Arbeitnehmer müssen sich bewusst sein, dass es wichtig ist, verbindlicher Teil der Lösung zu sein.

  28. Titus Says:

    @ Thinkabout
    Pardon, ich war bei Punkt 2 gedanklich nicht bei den Staiblins, Ospels und Vasellas, sondern bei «Normalverdienern».

    Wir hören heute gelegentlich von Working Poors, welche sogar mengenmässig in eine Zahl gefasst werden können (wie das auch immer gehen soll). Interessant wäre es auch zu wissen, wieviele Familien mit nur eineim Einkommen auskommen können und wie hoch dieses ist respektive wieviele zwingend zwei Einkommen benötigen um über die Runde zu kommen.

    Natürlich spielen auch bei diesen die Ansprüche eine Rolle. Zu behaupten, mit einem Einkommen nicht über die Runden zu kommen, aber zweimal im Jahr mit Kind und Kegel ins Ausland in die Ferien zu reisen geht für mich irgendwie nicht auf…

  29. uertner Says:

    @Frau Müller
    Meine Bezugnahme auf körperliche Veränderungen während Schwangerschaft, Geburt, Kindbett und Stillen, ist nur die Anwendung neuester Erkenntnisse der Erforschung künstlicher Intelligenz. Es stellte sich heraus, dass sich Intelligenz nur im Zusammenhang mit „Körperlichkeit“ entwickelt. Wir denken in „Begriffen“ und es zeigte sich, dass Roboter „greifen“ können müssen um eine „künstliche Intelligenz“ zu erzeugen. Aus dieser Erkenntnis heraus muss es klar sein, dass Frauen und Männer notgedrungen andere Denkwerkzeuge haben und unterschiedlich Denken. Das Judentum als Rückgrat des Westens (seit nun 3000 Jahren!) trägt diesem uralten Wissen Rechnung.
    Der Femminismus hat dieses Denken kopfgestellt mit nicht wirklich überzeugenden Resultaten.
    Damit meine Familie nicht auch dysfunktional wird, muss ich mich darum aus diesen – sorry – Blaustrumpf-Exerzitien verabschieden: sie führen zu nichts. Habe schon eine Mutter meiner Töchter, muss mich weder mit Ihnen noch, mit Mara, noch mit flashfrog über Dinge einigen, die nur in Liebe, Verantwortung vor Gott, Geschichte und Gesellschaft je privat indivduell zu lösen sind, niemals aber durch politische Grossregelungen mit grossen Giesskannen-Umverteilungen.

  30. Frau Müller Says:

    @ Uertner: Sie haben versäumt hinzuzufügen, dass die unterschiedliche Denkstrategie von Männern und Frauen dennoch zur gleichen Leistung führt. Zudem sind die Unterschiede zwischen zwei Frauen oder zwei Männern oft grösser als der zwischen Mann und Frau. Auch es lässt sich aufgrund der Hirnaktivitäten nicht vorhersagen, ob ein Mann oder eine Frau zum Beispiel eine Firma besser führen kann.

    Aber in einem gebe ich Ihnen Recht: Diese Diskussionen mit Ihnen führen wirklich zu nichts.

  31. Mara Says:

    Erfahrungsgemäss braucht man mit Kindern einfach mehr Geld – und dann geht es nicht um das Zweitauto, sondern um die Frage welche Wohnqualität, ob man sich Urlaub leisten kann, Musikstunden…co… Ist das wirklich entbehrlicher Luxus, wenn man mit Kindern nicht mehr an der vielbefahrenen Strasse wohnen möchte (weil man vorher ja eh kaum daheim war), mN mit Kindern 2 Wochen Waldpur erleben möchte, es sinnvoller ist ein Musikinstrument ab 5 Jahren zu lernen, die Qualität der Ernährung ein besondere Rolle spielt…..Jede zusätzlicher Franken ist auch bei Mittelschichtsfamilien alles andere als entbehrlicher Luxus, gerade weil sie aus jeglicher Förderung herausfallen und dementsprechend nirgends auf Reduktionen hoffen können.

    Abgesehen ist es schon lang nicht mehr so, dass Akademiker automatisch mit hohen Einkommen rechnen können. – Gerade nicht wenn die Akademiker weiblichen Geschlechts sind.

  32. flashfrog Says:

    @Titus:
    >> ch meine damit, dass die Unternehmen (und nicht der Staat) Voraussetzungen schaffen müssen, welche es ermöglichen eine anspruchsvollere Funktion auch nur zu 40 % (als Beispiel) ausführen zu können.

    Nichteinmal 40, eine Reduzierung auf 80% würde in vielen Fällen schon helfen. Verlangt werden aber, um Karriere zu machen von diesen 70-Stunden-Aposteln 160%. Plus die Bereitschaft jederzeit kurzfristig für ein paar Tage ins Ausland reisen zu können, für ein Jahr in eine andere Stadt oder ein anderes Land umzuziehen, berufshalber, das Wochenende regelmässig durcharbeiten, wenn eine Deadline ruft u.s.w. Versuch das mal als Mutter von 3 Kindern…

    Eine gut ausgebildete/studierte hat Frau nur ungefähr 15 Jahre in ihrem Leben die biologische Möglichkeit, Kinder zu bekommen.
    Und das sind genau die 15 Jahre, in denen die Menschen Karriere machen, die sich zu 160% im Job engagieren können.
    Das hat in der Regel zwei Folgen: 1. Mütter machen keine Karriere. 2. Väter, die Karriere machen wollen, können ihre Partnerinnen in Haushalt und Kindererziehung kaum entlasten, selbst, wenn sie wollten.

    Und da Frauen in D für dieselbe Arbeit immer noch 25% weniger verdienen als Männer, ist in Fällen, wo einer Karriere macht, ziemlich klar, wer von beiden den Job gezwungendermassen an den Nagel hängt.
    Das führt dazu, dass viele gut ausgebildete Fruen eben keine Kinder mehr kriegen. In diesem Punkt gebe ich dem Uertner halbrecht. Nur die Konsequenz sollte kein Backlash sein – Frauen die Bildung verbieten und zurück an den Herd – sondern Änderungen in der Wirtschaft, die ja auch wesentlich auf gut ausgebildete Frauen und Nachwuchskräfte in späteren Generationen angewiesen ist.

    Die Kurzarbeit, die zur Zeit in vielen Betrieben verordnet wird ist übrigens eine super Chance für Väter, Haushalt und Kindererziehung mal zu üben! 🙂

    @Thinkabout: Das mit dem Schädel bezog sich auf Uertners „Filmempfehlung“, bzw. die Filmkritik, die er Mara und mir verlinkt hatte und
    @Uertners alberne Behauptung, Feminismus hiesse, dass Frauen sich genau gleich wie Männer aufführen wollten. Oder biologisch identisch wären. Quatsch mit Sosse. Feminismus heisst einfach, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Frauen aus ihrer biologischen Unterschiedlichkeit keine schwerwiegenden Nachteile mehr erwachsen dürfen.
    (Ich glaub, Mara und ich schauen uns lieber den Film „Alle anderen“ an. ;-))

    >> Auch ein Unternehmen braucht Planungssicherheit.

    @Tinkabout: Ja, aber auch Eltern brauchen Planungssicherheit. Wer traut sich denn noch ein Haus zu bauen und Kinder zu kriegen, wenn sie nicht weiss, von was sie die Raten und Windeln bezahlen soll, wenn sie den Job dafür aufgeben muss? Und in einer Zeit, wo keiner weiss, ob die Firma, für die man selber oder der Partner arbeitet, in einem Jahr überhaupt noch existert?

    @Titus: Es sind in D zumindest nicht nur die „Working Poor“, sondern auch eine ganze Generation von hochqualifizierten jungen Menschen um die 30, also im besten Familiengründungsalter, die sich von unbezahltem Praktikum zu unbezahltem Praktikum hangeln, ohne Aussicht auf eine Festanstellung.

    @Uertner:
    >> Dinge einigen, die nur in Liebe, Verantwortung vor Gott, Geschichte und Gesellschaft je privat indivduell zu lösen sind, niemals aber durch politische Grossregelungen mit grossen Giesskannen-Umverteilungen.

    Nicht ganz. Die Politik und die Gesellschaft bestimmen zu einem sehr grossen Teil, welche Möglichkeiten wir je privat individuell haben, solche Dinge zu lösen. Wofür der Staat Geld ausgibt. Welche Prioritäten wir setzen. Welchen Wert und welche Wichtigkeit wir als Gesellschaft einer Managertätigkeit oder der Kindererziehung zumessen.

  33. Titus Says:

    @ Mara
    Wenn ich Dich richtig interpretiere, sprichst Du vom (teuren) Stadtleben. Wäre eine ländlichere Gegend nicht eine günstigere Alternative, welche in jedem Fall mehr Lebensqualität bietet?

    @ Flashfrog
    Von wegen Kurzarbeit: Ich schmeisse meinen Haushalt von A bis Z selber. Da ich jedoch nicht Vater bin (oder ich davon nichts weiss 😉 ), fand ich die Idee von Mara bezüglich Kinderbetreuung nicht so schlecht…

  34. flashfrog Says:

    Im Büchereulenforum gibt es auch grad eine Diskussion zum Thema mit hochwertigen Beiträgen.

  35. Mara Says:

    @ titus

    und was soll dass heissen?.. Alle Familien und Arme aufs Land? Es gibt gute Gründe in der Stadt zu leben – auch mit Kindern. – Insbesondere wenn man sich nicht nur als Elterntier sieht.

  36. Titus Says:

    @ Mara
    Ich habe nur die Frage gestellt, ohne eine Antwort zu geben.

    Es ist heute ein Fakt, dass man in einer Stadt immer für die gesamte Infrastruktur zahlen muss, obschon sie auch von Nicht-Stadtbewohnern genutzt wird. Wer beispielsweise als Stadtmensch ins Museum geht, erhält nicht einmal eine Preisreduktion, obwohl er mit seinen Steuern ebendieses Museum mitfinanziert. Diese Ungerechtigkeit ist ein Fakt und verteuert logischerweise das Leben in einer Stadt.

    Günstiger Lebensraum muss nicht automatisch heissen, dass da nur «Arme» wohnen…

  37. zappadong Says:

    Ist ja wirklich eine Frechheit, einfach schwanger zu werden! Und dann erst noch in einer Krise.

    Sie hätte viel gescheiter einen Burn-out mit anschliessendem Aufenthalt in einer Klinik vorgegaukelt – und alles wäre total in Butter gewesen. Denn für so was hat man Verständnis. Genau wie für monatelanges Fehlen infolge schwerer Krankheit oder eines schweren Unfalls. Wenn sie ein junger Mann wäre, hätte wahrscheinlich sogar der Militärdienst als Grund gereicht. Allenfalls hätte es ein Infarkt a la Merz sein dürfen. Sie hätte sogar schwanger werden können – und dann bitte kündigen sollen.

    So läuft es, so ist es immer gelaufen und so wird es (sorry flashfrog) immer weiter laufen.

    Der 160% Arbeitseinsatz ist ein von Männern geschaffener Unsinn, um a) sich unentbehrlich zu machen b) zu einem Helden der Neuzeit zu werden (denn, nicht wahr, das Mammut kann man nicht mehr erlegen, um sich so die Bewunderung der grossen Masse zu sichern).

    Ich behaupte: Kein Mensch bringt auf die Dauer Leistung bei einem Arbeitspensum von 160 Prozent. Kurzzeitig: Ja. Längerfristig: Nein.

    Zur Planungssicherheit: Bei international tätigen Firmen weiss heute ein grosser Teil der Angestellten nicht, ob sie nicht schon morgen irgendwo im Ausland arbeiten werden – oder sich in einem anderen Kanton des gleichen Landes finden, in dem sich die Kinder in der Schule nicht zurechtfinden, weil unsere unzähligen Schulsysteme absolut inkompatibel sind (ich könnte mit meinen Kindern nicht ins 30 km entfernte Chur ziehen, weil dort ab der Primarschule italienisch unterrichtet wird, meine Kinder im Kanton St. Gallen jedoch Französisch lernen müssen).
    Von Arbeitnehmern wird heute grösstmögliche Flexibilität erwartet. Es wäre schön, wenn umgekehrt auch nur ein Bruchteil der Flexibilität eingefordert werden könnte.

    Zum Argument der vollen Verfügbarkeit des Kadermitarbeiters: Damit hält sich die Männerwelt seit Jahren die Frauen vom Leib.

    Und deshalb komme ich auf einen Blogeintrag von titus (http://www.augenreiberei.ch/2009/07/01/frauen-und-politik) zurück: Vielen Frauen stinkt dieses ganze männliche Mauern und Mythenerrichten so gewaltig, dass sie ihr eigenes Ding durchziehen und (zum Teil sehr erfolgreich) Klein- und Kleinstunternehmerinnen werden. Abseits der dämlichen resp. männlichen Köppelargumente.

  38. uertner Says:

    at Zappadong:
    Mir scheint das Ihre ein sinnvolles Schlusswort. Oder wie die Beatles schon sangen: „life is very short, and there`s no time for forcing and fighting“ auf diesem Felde zumindest, das schon der Alte Fontane im Schlusssatz zu Effi Briest als „ZU weites“ resigniert beschrieben hat.

    Anthropologisch ist es offensichtlich so, dass bei allen bekannten Gesellschaften die Frauen bis zu 80% der Arbeit und Ernährung heranschafften. Mit den übrigen 20%, welche die Männer beitrugen (oft durch Jagd, die gelingen, aber auch misslingen kann) wurden gesellschaftliche Hierarchien ausgehandelt und die Götter verehrt.

    Auch nach der grossen Krise scheint es im alten Trott weiterzugehen. Der Mythos vom „grossen Jäger“ lebt weiter. Die amerikanischen Banken schreiben wieder Milliardengewinne und auf dem HB Zürich wirbt ein neues Trading-Portal mit einem jungen Mann, der auf dem Velo fahrend (immerhin ist es nicht mehr der Jaguar*) per Handy seine Trades zusammenklickt.

    Solange das wohlgeformte und leichbekleidete Frauenfleisch solchen Gestalten nachrennt (und ich sehe keine Anzeichen für eine Veränderung in dieser Hinsicht: die jetzige Miss Schweiz hat auch für eine Liebesnacht mit einem Gigolo-Playboy ihren soliden Handwerker verlassen), solange wird es den Jäger-Mythos geben.

    Die Frauen hätten es eigentlich in der Hand die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu gestalten: Sie erziehen die Söhne, sie schenken Ihre Schönheit und Gebärfähigkeit dem „Würdigsten“ (Bestimmen dadurch welche Sorte Mensch sich weitervermehren darf), sie erledigen mit Ihrer scharfen Zunge und ihrem träfen Mutterwitz einen Grossteil der informellen Kommunikation, sie streuen Gerüchte und beenden Bankkarrieren, wie etwa Charlotte Jacquemart, die preisgekrönte Journalistin.

    Es ist aber kein Zufall, dass in der Schweizer Bankenwelt derzeit die hartnäckige Arbeit von Eveline Widmer-Schlumpf und Micheline Calmy-Rey sehr geschätzt wird. Die beiden Mamis müssen nun die Eidgenossenschaft wieder aus einem Schlamassel raushauen, in das Marcel Ospel und Konsorten sie geführt hat.

    Die beiden figurieren aber in Köppels Weltwoche stets als besonders leicht „brennbare Hexen“.

  39. Titus Says:

    Heute Nachmittag bekam ich (erneut) den nachfolgenden Witz zugestellt. Irgendwie passt er gerade zur Diskussion über die Rolle der Frauen und die Klischees, welche bei einigen noch vorherrschen…

    Eine UBS hat vorgestern einen «Drive In»- Bancomat in Betrieb genommen. Damit sind alle Kunden in der Lage, Bargeld abzuheben ohne ihr Auto verlassen zu müssen. Um die Vorteile der neuen Einrichtung nutzen zu können, wird gebeten, folgende Hinweise zu beachten:

    Für unsere männlichen Kunden:

    Fahren Sie an den Bankomat heran.
    Öffnen Sie Ihre Fensterscheibe.
    Führen Sie Ihre Karte ein und geben Sie Ihre PIN-Nummer ein.
    Geben Sie den gewünschten Betrag ein und entnehmen Sie das Geld.
    Entnehmen Sie Ihre Karte.
    Schließen Sie Ihr Fenster und fahren Sie weiter.

    Für unsere weiblichen Kunden:

    Fahren Sie an den Bankomat heran.
    Starten Sie den abgewürgten Motor.
    Fahren Sie rückwärts, bis der Bankomat wieder in Höhe Ihres Seitenfensters ist.
    Öffnen Sie Ihre Fensterscheibe.
    Öffnen Sie die richtige Fensterscheibe.
    Leeren Sie Ihre Handtasche auf dem Beifahrersitz und suchen Sie Ihre Karte.
    Falls Sie Ihren Eyeliner entdecken, checken Sie Ihr Make-Up jetzt nicht.
    Versuchen Sie, Ihre Karte in den Bankomaten einzuführen.
    Öffnen Sie die Autotür, um den Bankomaten besser erreichen zu können.
    Überlegen Sie sich eine Ausrede, die die Beule in der Fahrertür plausibel erklärt.
    Führen Sie die Karte in den vorgesehenen Schlitz ein.
    Entnehmen Sie die Karte und führen Sie sie in richtiger Richtung nochmals ein.
    Nehmen Sie Ihre Handtasche und suchen Sie Ihren Terminplaner. Die PIN steht auf der ersten Innenseite unter dem Vermerk «PIN (geheim!!!)».
    Geben Sie den PIN ein.
    Drücken Sie auf „Korrektur“ und geben sie den richtigen PIN ein.
    Geben Sie den gewünschten Betrag ein.
    Überprüfen Sie währenddessen Ihr Make-up im Rückspiegel.
    Entnehmen Sie Ihr Bargeld.
    Öffnen Sie die Fahrertür und heben Sie die heruntergefallenen Noten auf.
    Leeren Sie Ihre Handtasche erneut aus und suchen Sie Ihr Portemonnaie.
    Verstauen Sie das Geld darin.
    Ignorieren Sie die hupenden Autos hinter Ihnen.
    Starten Sie den Motor.
    Starten Sie den abgewürgten Motor erneut.
    Fahren Sie rückwärts zum Bankomaten und entnehmen Sie Ihre Karte.
    Stecken Sie Ihre Karte in die dafür vorgesehene Hülle.
    Betätigen Sie nicht den Anlasser bei bereits laufendem Motor.
    Fahren Sie los.
    Lösen Sie nach ca. 2 bis 3 Kilometern die Handbremse.

  40. flashfrog Says:

    @Zappadong: Welcome back!

    @uertner: Huch. Ich hab grad dreimal hingeguckt, ob dieser Kommentar tatsächlich von dir ist. 🙂

    @all: Wohin genau hat uns diese Alphamännchen-Kultur denn gebracht, anthropoplogisch? In eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise, Rekordverschuldung auf Kosten künftiger Generationen, globale Ungerechtigkeit mit an vermeidbaren Krankheiten Sterbenden und elend Verhungernden auf der einen, obszönen Reichtum Verzockenden auf der anderen Seite, Umweltvergiftung, Ausbeutung der Ressourcen, Kriege, Diktaturen, Lohnsklaverei, Massenarbeitslosigkeit, Klimakatastrophe, …

    Wäre doch wirklich mal an der Zeit, eine neue Wirtschaftskultur auszuprobieren, oder?

  41. zappadong Says:

    Zitat flashfrog: „Wäre doch wirklich mal an der Zeit, eine neue Wirtschaftskultur auszuprobieren, oder?“

    Oh ja! Ich hatte gehofft, die Krise würde uns dazu zwingen, aber die Banker sind die ersten, die genau so weitermachen wie bisher (während wir anderen ihren Schlamassel ausbaden)

  42. Titus Says:

    Vorab einen Programmhinweis: Der «Club» von heute Abend (21.07.), 22.20 h auf SF1, hat das Thema aufgenommen. Unter der Leitung von Röbi Koller diskutieren:
    – Roger Köppel, Verleger und Chefredaktor «Die Weltwoche»
    – Michèle Etienne, Unternehmerin «GetDiversity»
    – Matthias Mölleney, Unternehmensberater
    – Claudia Deuber, Mutter und Stillberaterin «La Leche League»
    – Rösli Zuppiger, Hausfrau und Mutter
    – Andrea Degen, Ärztin und Unternehmerin «EUrelations AG»

    @ Frau Zappadong
    Ich denke, es wird sich schon etwas ändern, nur geht das wohl nicht so schnell, wie wir uns das wünschten. Insbesondere die Banken, und mit ihnen wohl automatisch gleich alle Grossunternehmen mit gubezahlten Managern, haben jegliches Vertrauen verspielt. Bei der nächsten Krise wird man sich zweimal überlegen, ob man nach dem Prinzip «too big to fail» vorgehen will oder nicht.

    Alles, was nach Abzockerei oder überrissenem Verhalten riecht, wird in Zukunft definitiv nicht mehr goutiert. Bis anhin kam das durch, «weil’s ja alle so gemacht haben». In Zukunft fallen solche Tatsachen unter schlechte Publicity und die hat kein Unternehmen gerne… Aber eben, es ist ein Prozess und das geht nicht von heute auf morgen.

  43. Giorgio Girardet Says:

    @Titus
    Mal von „Mann zu Mann“:

    1. Für solche Witze, wäre ich in deinem Alter: gevierteilt, geteert und gefedert, an den Pranger gestellt und was geblieben wäre den Aasgeiern zum Frass vorgeworfen worden.

    2. „Ich denke, es wird sich schon etwas ändern“ ist als Satz schier ebenso dumm wie der oben beanstandete Witz. Gar nichts wird sich ändern, wenn wir es nicht tun, und zwar täglich. Die „Weltrevolution“ findet nicht statt, wohl aber ist „Auferstehung“ täglich möglich. Die nachhaltigste Demonstration gegen Gier ist der Kirchgang und voller Einsatz in Bescheidenheit. Gemütlich ist das nicht, darum mag auch niemand den Genfer Reformator Calvin, viel lieber ist uns der dicke Luther mit seinen fröhlichen Tischreden. Dass er einer der ersten Theoretiker des Holocausts ist, sehen wir ihm gerne nach.

  44. Titus Says:

    @ Giorgio Girardet
    1. Vermutlich hast Du meinen einleitenden Satz nicht gelesen:
    «Irgendwie passt er gerade zur Diskussion über die Rolle der Frauen und die Klischees, welche bei einigen noch vorherrschen…»

    Wer darüber lachen kann, tut dies, weil ihm selber schon Gleiches widerfahren ist. Wer hat noch nie seine Karte falsch reingeschoben? Wer hat noch nie den Motor in einer Situation abgewürgt, wo’s pressierte? Das man solche Situationen eben nur auf Frauen beschränkt, IST auf die Klischees zurückzuführen, welche man(n) noch immer hat.

    2. Ich stimme Dir zu, dass jede und jeder bei sich anfangen muss, um gesamthaft eine Änderung zu bewirken. Doch bis die Mehrheit des Herdentiers Mensch sich die Frage gestellt hat, ob sie auch bei der richtigen Bank ist, ob sie auch den richtigen Arbeitgeber hat, ob sie auch die richtigen Lebensmittel einkauft, ob sie nicht unnötig Energie verbraucht usw. und bis dann auch gehandelt wird, braucht es eben seine Zeit. Du kannst als Einzelner das kollektive Bewusstsein nicht von heute auf morgen ändern um eine grundlegende Veränderung zu bewirken.

  45. flashfrog Says:

    @Titus: Du hast den Witz ja politisch hochkorrekt eingeführt. Das macht die Sache aber auch nicht besser. Die Aussage des Witzes bleibt: Alle Frauen sind so doof, alle Männer dürfen sich überlegen fühlen.

    @Giorgio: Mit dem polemischen Schwachsinn des letzten Satzes reisst du mit dem Hintern wieder ein, was du vorher alles an guten und klugen Dingen geschrieben hattest. Schade.

  46. Thinkabout Says:

    @ Zappadong, 20. Juli, 5:08
    Liebe Zappadong, vielleicht hast Du ja nicht unrecht. Aber mir geht diese Vereinfachung dennoch auf den Sack, Verzeihung. Wenn Du wenigstens sagen würdest: Auch die Banker machen weiter wie bisher. Was wir nämlich am Ende ausbaden, ist, dass wir alle oder fast alle weitermachen wie bisher. Oder kaum was ändern, persönlich keine Konsequenzen ziehen oder viel zu wenige. Oder kannst Du im Ernst behaupten, Du würdest in Deinem Umfeld viele Menschen kennen, die in irgend einer Weise ihre Lebensweise den Erkenntnissen der letzten Monate angepasst hätten? Damit meine ich ganz bewusst nicht nur das, was uns wirtschaftlich aufgezwungen wird.
    Die Gier, die wir alle geisseln, ist nämlich nicht auf die Banker beschränkt, sondern hat unzählige Gesichter:
    Jedes Geschäft, das der Banker (wer ist überhaupt plötzlich alles einer dieser Unholde?) tätigt, findet einen Kunden, der Profit machen will.
    Jeder Lebensmittelskandal ist auch das Ergebnis davon, dass viel zu viele Menschen nicht bereit sind, für ein Produkt einen Fünfer mehr zu bezahlen. Auch dies ist eine Form dieser Gier: Sie kann sich auch als pervertierter Geiz offenbaren.
    Wir sollten wirklich damit aufhören, stets auf irgend welche Teppichetagen zu pissen, die wir kaum je betreten haben – und da anfangen, wo wir wirklich etwas verändern können.
    Und so mache ich mich zur Zeit damit unbeliebt, dass ich die Gier da orte, wo sie so mancher Mit-Lebensgenosse lieber nicht sehen soll, weil sie doch relativ nahe liegt und z.B. irgendwie schon in den pro-forma- und Alibi-Handlungen für eine bessere Umwelt beginnt, in unserem ganzen Wesen, das keinerlei Opferbereitschaft für eine Überzeugung mehr kennt.

  47. Titus Says:

    @ Thinkabout
    Du sprichst zwar nicht mich an, ich erlaube mir aber trotzdem eine Antwort.

    Ich stimme Dir voll und ganz zu. Nur – überall da, wo ich nachhake, wo ich nachfrage, bekomme ich keine Antwort.

    Kürzlich war ich in einem Tee-Laden mit wunderbar riechenden Tees. Auf die Frage, woher diese denn kommen, schaute man mich verdutzt an. So ergeht es mir für viele andere Dinge ähnlich. Ich brauche dann gar nicht nachzufragen, unter welchen biologischen oder sozialen Bedingungen dieses Produkt entstanden ist…

    Die Entstehungsgeschichte einer Jeans ist uns ebenso unbekannt und auf ein Schweizer Produkt zu setzen, ist schlichtweg unmöglich, weil wir hierzulande keine Baumwollplantagen haben.

    Auf den Punkt gebracht: Die ganze Konsumwelt ist heute so kompliziert, dass man als Einzelner sehr viel Mühe hat, sein Verhalten im Sinne einer «nachhaltigeren Welt» zu verändern.

    Was tun?

    Labels wie Fair trade unterstützen und (weiter) nachfragen und zwar sowohl bei Unternehmen, welche von sich sagen, sie würden nachhaltig handelnd als auch bei Unternehmen, bei denen dieser Begriff noch ein Fremdwort ist. Denn ich bin überzeugt, dass derartige «Rückmeldungen» Spuren hinterlassen, insbesondere dann, wenn wir Sie mit unseren Blogs auch öffentlich machen.

  48. zappadong Says:

    Lieber Thinkabout

    In einem grossen Teil meines Umfeldes badet man gerade aus, was uns die Banken eingebrockt haben (Jobverlust, Kurzarbeit ect.).

    In meinem kleineren Umfeld (jenes, das mir wirklich etwas bedeutet), bewegen sich ziemlich viele so richtig „altmodische“ Leute, die immer nur das Geld ausgeben, das sie gerade haben, die bescheiden und recht glücklich abseits von Statussymbolen leben, die weder den neusten elektronischen Furz kaufen noch teure Karren fahren und auf Markenkleider schon immer gepfiffen haben. Das Einzige, was ich meinem kleineren Umfeld vielleicht vorwerfen kann, ist das Einfkaufen von M-Budget Produkten und ab und zu das Betreten eines Aldis. Andererseits kaufen sie Fleisch und Gemüse sowie Gartenpflanzen direkt auf dem Bauernhof und pflanzen ihr Gemüse und ihren Salat im von der Gemeinde zur Verfügung gestellten „Neugut“ an (DAS nenne ich Fair Trade). Wenn die Familie meines Bruders mit vier Kindern beim Kleiderkauf nicht auf Fair Trade achtet, kann ich ihr nicht unbedingt böse sein.

    Ausser Herr und Frau Zappadong (ich) habe ich in meinem kleinen Umfeld keinen Menschen, der jemals auch nur an den Kauf einer Aktie gedacht hat, geschweige denn eine erworben hat. Zu wenig Geld, und auch wenn man es gehabt hätte, zu riskant.

    In meinem kleinen Umfeld ist man sich gegenseitig Hilfe und Stütze.

    Und deshalb pisse ich in die Teppichetagen, so lange ich will, denn ich kenne einfach zu viele Leute, die den ganzen Zirkus und das Rennen um mehr und noch mehr Materielles nicht mitgemacht haben – und die jetzt schauen können / dürfen, wie sie mit der Krise zurechtkommen.

    Auf den Sack gehen will ich Dir natürlich nicht. Aber eine Frage hätte ich doch noch: Kennst du irgendeinen anderen Berufsstand ausser Bankern und allenfalls der Pharmaindustrie, der eine ganze Krise auslöst und sich dann weiterhin im Boniland bedient wie die von dir angeprangerten Konsumenten im Disneyland?

  49. flashfrog Says:

    @Thinkabout: Menschen funktionieren nunmal so: Sie brauchen jemanden, dem sie die Schuld geben können für den ganzen Schlammassel. Und da bieten sich die Bänkster, die es besonders rücksichtslos und zynisch getrieben haben, natürlich als Sündenböcke an. Wenn man dann liest, dass genau diese Leute jetzt noch rücksichtsloser zocken als zuvor, mit dem Staatsgeld, weil sie ja wissen: es kann ihnen nix passieren, wenn es schiefgeht springt ja der Herr Thinkabout ein und zahlt die Zeche für sie, da kriege ich einfach eine Wut. Während die KMUs, für die das Staatsgeld eigentlich gedacht war, ums Überleben kämpfen, weil sie keine Kredite kriegen. Und die Banker für dieses Jahr schon wieder Rekordgewinne erwarten.

    Als Normalmensch hat man selbst als ausgesprochenes Charakterschwein ja gar nicht die Gelegenheit, so grossen Flurschaden anzurichten.
    Es ist mir ein Rätsel, warum niemand eine Bank, wenn sie schon Staatshilfen in Anspruch nimmt, zwingen kann, offenzulegen, welche finanziellen Leichen sie im Keller hat und für was sie das Staatsgeld ausgibt.
    Wenn ich vom meiner Bank einen Kredit über 1000 CHF will, muss ich denen ganz genau und hochnotpeinlich erklären, wozu ich das Geld brauche und wie genau ich gedenke, das wieder zurückzuzahlen.

    Was man beispielsweise tun könnte, so als Normalmensch, wäre, Köppels Weltwoche nicht mehr zu kaufen und sich stattdessen ein Nebelspalter-Abo zuzulegen (Damit wäre dann die PR-Bloggerei für heute auch erledigt. 🙂 )

    @Titus: Weiss nicht, ob es das in der CH auch gibt, aber diehier:
    http://www.puretea.de/
    haben sehr leckeren Tee.

  50. flashfrog Says:

    Der Spiegel machr sich auch unsere Gedanken:
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,637580,00.html

  51. Thinkabout Says:

    Kennst du irgendeinen anderen Berufsstand ausser Bankern und allenfalls der Pharmaindustrie, der eine ganze Krise auslöst und sich dann weiterhin im Boniland bedient wie die von dir angeprangerten Konsumenten im Disneyland?
    Also, ich mache mal ein paar Beispiele:
    Detailhandelsfirmen, die europäische Produzenten ausschließen, direkt und billiger in Asien einkaufen, die Konsumentenpreise aber nicht senken.
    Der Schokoriegelfabrikant, der die 5er-Packung „jetzt 7% billiger“ anbietet, in Wahrheit aber dafür auch 12% weniger Material drin hat. Das Konzentrat Reinigungsmittel, das verkauft wird an Stelle der normalen Lösung – du brauchst jetzt „weniger“ Reinigungsmittel. Und gibst in Wahrheit mehr Geld aus, weil gar nicht so fein dosiert werden kann. Die Zahnpastatube, die billiger ist, aber die grössere Austrittsöffnung hat, so dass Du stets doppelt so viel Paste auf der Bürste hast als zuvor.
    Was ich sagen will:
    Die ganze Wirtschaftsleistung ist durchseucht von Kniffen und Tricks, die immer mehr Gewinn versprechen. Irgendwie und irgendwo kennen das Viele – und zwar nicht nur als Verbraucher. Der Lebensmittelhändler löst die Krise nicht aus, der Reinigungsmittelanbieter auch nicht. Aber er toleriert vieles stillschweigend, weil er seinen eigenen Reibach auch machen kann. Dieser schleichende Zerfall aller Schranken – von ihm ist ein Großteil der Gesellschaft betroffen. Darauf will ich hinaus. Und auf den Hinweis, dass das Demonstrieren gegen die Teppichetage zuvielen, die mitbrüllen, den Blick auf das vernebelt, was sie selbst wirklich tun können.
    Verstehe mich richtig: Wir schätzen und ja gegenseitig sehr, und ich weiss, wie ehrlich Du es meinst und wie nachhaltig Dein Verhalten ist. Und das Deiner direkten Umgebung auch. Dennoch bin ich der Meinung, dass unser Urteil „gegen oben“ zwangsläufig viel zu schnell viel zu pauschal ausfällt und vielen Beteiligten nicht gerecht wird. Ich kenne eine ganze Anzahl von UBS-Mitarbeitern, die hart daran arbeiten, Bank und Kunden mit einander auf einem verträglichen Level an Erwartungen (auch von Kundenseite) zu vereinen. Dies wollte ich darstellen: Die Boni-Rufe – sie würden niemals so schnell wieder ertönen, wäre da nicht auch immer der Kunde, der laut nach bereits wieder größerer Rendite hetzen würde.

  52. Titus Says:

    @ Flashfrog
    Besten Dank für den SPON-Artikel. Erinnert mich irgendwie an meinen Kommentar oben vom 10. Juli.

    Was den Tee anbelangt: lacucina punkt ch (ich schreib‘ das jetzt so, damit dieser Kommentar nicht wieder freigeschaltet werden muss 🙂 )

  53. zappadong Says:

    Lieber Thinkabout

    Ich finde die von dir angeprangerten Tricksereien zum Brüllen – aber es hat uns nicht an die Wand gefahren. An die Wand gefahren haben uns selbstmörderisch abenteuerliche Finanzgeschäfte. Das ist nun einmal so.

    Und ja, es haben viele mitgemacht. Nicht zuletzt weil jene, die sich zurückhielten, als doofe dumpfbackige Ignoranten ohne Ahnung von irgendwas abgestempelt wurden. Erinnerst du dich an den Ebner mit der Fliege? Ich habe jedesmal Aggressionsschübe bekommen, wenn der Typ die Gier predigte.

    Natürlich brauchte es jene, welche in diese abenteurlichen Geschäfte einstiegen. Aber hat man uns nicht Tag für Tag eingetrichtert, dass man einfach mitmachen muss. Es gab eine Zeit (gar nicht so lange her), da wussten die wenigsten, was ein Dow Jones und ein SMI ist – und heute haut man uns die Börsenzahlen vor den Hauptnachrichten um die Ohren. Ja, die Schäfchen sind den Leithammeln gefolgt – weil sie auch ein Stück vom Kuchen wollten – sie haben die Bedürfnisse befriedigen wollen, die man bei ihnen geweckt hat.

    Hier noch zwei Beispiele, was so altmodischen Dumpfdödlern wir mir passierte: Als selbständig Erwerbende habe ich keine 2. Säule und habe deshalb eine 3. Säule eingerichtet. Eine ganz konventionelle, die von der Börse abgekoppelt lief. weil ich mir immer bewusst war, dass die Börse jederzeit implodieren kann – ich das Geld im Alter aber brauche; lieber wenig als gar keins. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft mich der Zuständige von der KB angerufen hat und mir nicht gerade das Himmelreich, aber viel höhere Renditen versprochen hat („Frau Zappadong, Sie sollten unbedingt Ihr Geld für sich arbeiten lassen“ blablablabla). Irgendwann habe ich ein anderes Modell gewählt – eins, das wenigstens in Aktien in Alternativenergien und Umwelttechnologien investierte. Glücklich wurde ich trotzdem nicht damit. Ich habe dann – lange vor dem Crash – wieder auf das ganz normale Vehikel zurückgeschaltet.

    Noch ein Beispiel: Der Vater eines Schülers von mir war sein Leben lang UBS Kunde. Als er eine Hypothek wollte, um ein Haus zu kaufen, war das „Nein“ seiner Bank schneller ausgesprochen als er einatmen konnte. Er hat den ganzen Zaster SOFORT von der UBS zur Raiffeisen transferiert – wo man ihm problemlos eine Hypothek gab. Für die UBS-ler war er ein kleines, unbedeutendes Würstchen.

    Wir können auch aus unseren geschützten Gärtchen treten und in Länder blicken, in denen 99,9 Prozent der Bevölkerung so wenig Geld haben, dass sie aus diesem Rennen um mehr sowieso ausgeschlossen sind. Sie baden aus. Doppelt und dreifach. Sie bezahlen irrwitzige Spekulationen mit Lebensmittelpreisen, die sie nicht bezahlen können, mit weniger Geldern aus dem Ausland usw.

    Bevor dein Einwand kommt: Natürlich gibt es ganz viele Banker, die wirklich gut arbeiten. Und ihre Kunden ernst nehmen. Die baden jetzt auch aus, was ihre obersten Chefs verbrochen haben. Aber: Wo waren diese Banker, als es darum ging, diese irren Strukturen zu hinterfragen, diesen ganzen Wahnsinn als solchen zu erkennen und etwas dagegen zu unternehmen?

    Was mich am meisten erschreckt an der ganzen Geschichte: Es scheint absolut keine Einsicht und kein Umdenken vorhanden zu sein. Ich lasse mich sehr gerne eines Besseren belehren.

    Zum Kundendruck: Es ist an den Banken, dem standzuhalten oder sogar entgegenzuhalten.

  54. Thinkabout Says:

    @Zappadong
    DEM KUNDENDRUCK STANDHALTEN? Sorry, aber was Du von den Banken verlangst, wird von keinem einzigen Wirtschaftszweig geleistet. Das einmal ausgemachte Kundenbedürfnis rechtfertigt alles.
    Deine Schuldzuweisung nicht an den Banken festmachen zu können – das zeigst Du gleich selbst: Es schwimmen alle im gleichen Boot mit. Der SMI in aller Munde, die Aktienanlage in jeder Zeitung – dagegen haben die Banken gewiss nichts einzuwenden gehabt, der Hype aber ist nicht durch sie ausgebrochen, sondern durch die Gesellschaft an sich.
    Und darum ist es ja auch viel komplizierter: Man kann nicht einfach eine Branche disziplinieren. Es bräuchte ein Umdenken. Wertewandel. Die Menschheit müsste so richtig Schiss haben, der Arsch müsste uns auf Grundeis gehen. Schiss? Jaaaah, wir haben Schiss davor, weniger zu verdienen, den Job zu verlieren. Den Job in diesem System, wohlgemerkt, aus dem ja auch nicht so leicht auszubrechen ist, nicht wahr? Ich bleibe dabei: Ich vermisse in der ganzen Diskussion in den Medien und unter den Menschen generell den Griff an die eigene Nase.

  55. zappadong Says:

    Kundenbedürfnisse werden ganz gezielt geschaffen (sonst würde es die ganze verführerische Werbung nicht geben). Auf viele Ideen käme man selber nämlich gar nie. Ich wage zu behaupten, dass der grösste Teil der Schweizer auch ohne Börsenberichte vor der Tagesschau glücklich und zufrieden wäre. Indem man die Sendung aber a) erst einmal schafft und b) zur Hauptsendezeit ausstrahlt, sendet man Signale: „Seht her, das hat jetzt wichtig zu sein, wenn du nicht dabei bist, bist du ein Ewiggestriger“ usw.

    Und doch: Ich bleibe dabei. Die Bankenbranche müsste dringendst diszipliniert werden. Damals, als sie im Geld schwammen, spuckten sie auf den Staat, verhöhnten ihn, wollten ihm klarmachen, wie die „Welt da draussen“ funktioniert, und als dann das viele schöne Geld davonschwamm, riefen sie nach Staatsgeldern, denn man war ja too big to fail (ich HASSE diesen Ausdruck).

    Aber man kann ja nicht (disziplinieren). Der Staat soll nicht einmal mitreden (Herr Villiger hat das ja so wunderbar nett formuliert vor ein paar Wochen). Dass der Staat kein seelenloses Gebilde ist, sondern von Steuereinnahmen von uns allen lebt, scheint den Banken schnurzegal zu sein. Sie berufen sich auf ihre Systemrelevanz und machen weiter wie bisher. Und siehe, es klappt ja – die Börsenkurse steigen (weil in der ganzen Welt unzählige Tausende Jobs wegrationalisiert werden, damit die Konzerbosse schöne Zahlen schreiben und schöne Boni einstreichen können).

    Tut mir leid, ich bekomme alleine beim Gedanken an die Verantwortlichen der „systemrelevanten“ Banken die Krätze. Und ich bin wütend. Stinkesauer.

    Dass wir umdenken müssen, ist klar. Dass wir uns hinterfragen, hat erste Priorität. Nur verstehe ich, dass da wenig Lust vorhanden ist. Wozu auch? Um es überspitzt zu formulieren: Ist eh alles den Bach runter und „die da oben“ machen weiter wie bisher – wozu also sich anstrengen? Ist verlorene Liebesmüh.

    Die gleichen Gefühle spielen bei der Politik. Unser Bundesrat ist so erbärmlich schwach – und das in einer Krise – dass man die Krise bekommen könnte, wäre sie nicht schon da.

    Es sind die Resignation, die Verbitterung, zum Teil die blanke Aggression oder die schiere Hoffungslosigkeit, die uns passiv werden / bleiben lässt.

    Einen Moment hielt die Welt den Atem an. Sprach von Umkehr. Und dann kochten die obersten Banker der Welt wieder das gleiche Süppchen wie immer. Das war ein gegen die Wand seckeln. Der Moment, in dem viele aufgaben. Ich inklusive. Ich glaube nicht mehr an die Umkehr. Nicht wegen mir, nicht wegen den Menschen, die ich kenne, sondern wegen jenen, die die Welt führen und leiten soll(t)en.

    PS: Zum Kundenbedürfnis: Der einfache Mann von der Strasse ruft nicht nach höheren Renditen. Er hätte lieber einen Job.

  56. zappadong Says:

    @flashfrog: Nachdem mir gerade eine dicke, schwarze Pessimismuswolke über dem Kopf gehangen hat, hat mir der Artikel, zu dem du gelinkt hast, einigermassen gut getan. Allein, mir fehlt ein wenig der Glaube an die Veränderung (siehe dicke, schwarze Pessimismuswolke).

  57. Vorhersagen Says:

    […] Textes entstand bereits anfangs April, blieb bis anhin aber in der virtuellen Mottenkiste. Aufgrund eines Kommentars von Frau Zappadong im Laufe einer engagierten Diskussion mit Thinkabout in der Beiz 2.0 wurde er […]

  58. Thinkabout Says:

    @Zappadong
    Du sprichst von Banken und vom Bundesrat. Das genügt nicht und ist viel zu eingeschränkt. Ich erinnere daran: Wir haben ein Parlament. Eine Legislative in einem Staat mit theroetisch stark ausgebildeter Gewaltenteilung. Dieses Parlament hat noch viel weniger Kraft als der Bundesrat: Es diskutiert über die Reduzierung/Beschränkung von Löhnen und Boni. Eine Systemdiskussion findet nicht statt. Der populistische Ansatz ist ja auch viel zu verlockend.
    Beispiel: Ich habe keinen einzigen Politiker gehört, der einen einfach umzusetzenden Grundsatz formuliert hätte, in welchem Verhältnis Erfolgsanreize und Basislohn stehen dürfen oder sollen – es wird lieber über absolute Zahlen fabuliert und damit darüber, wie gross die grösste Erbse im Gemüse sein darf, aber nicht darüber, auf welchem Mist, Verzeihung, Boden, die Erbsen gedeihen sollen.
    Und der ach so verehrte Blocher und viele andere Konsorten – sie palavern davon, der Staat müsse in die Schranken gewiesen werden. Und er hat Erfolg damit. So gesehen haben wir das System, das wir verdienen. Die Banken sind daran nicht Schuld. Das müssten wir gar nicht zulassen – wenn wir denn überzeugt wären, dass es so wirklich nicht gehen darf.
    Jenseits aller dieser Einschätzungen: Für mich ist der Gang der Dinge folgerichtig. Aber nicht, weil die Banken so böse sind, sondern weil der Gesellschaft und damit uns allen das Kernbewusstsein für eine nachhaltig sozial funktionierende Gesellschaft längst abhanden gekommen ist. Die Kultur der Verantwortung für das Gemeinwesen ist am Aussterben. DAS ist das Problem. Vor aller Unwissenheit und Ratlosigkeit, was wirklich konkret zu tun wäre.

  59. flashfrog Says:

    @zappadong:

    >> Kennst du irgendeinen anderen Berufsstand ausser Bankern und allenfalls der Pharmaindustrie, der eine ganze Krise auslöst und sich dann weiterhin im Boniland bedient wie die von dir angeprangerten Konsumenten im Disneyland?

    Ja.

    Dieser unfasslich bescheuerte Hahnenkampf zwischen den Alpha-Männchen der Familien Porsche und Piech um die Vorherrschaft im Unternehmen ist auch so ein Fall. Porsches Versuch der „feindlichen Übernahme“ von VW mutete ja an wie der Versuch eines Frosches, einen Storch zu schlucken. Natürlich hat er sich dabei gründlich verschluckt.
    10 Milliarden €uro Schulden hat Porsche dieser absurde Machtkampf eingebracht. Zehn Milliarden! Für die jetzt der deutsche Staat einspringen muss.
    Und was bekommt der dafür verantwortliche Manager Wendeking Wiederling Wendelin Wiedeking? 50 Millionen €uro Abfindung.

  60. flashfrog Says:

    PS: Ich blogge morgen mal was Optimistisches. 🙂

  61. Titus Says:

    @ Thinkabout
    Die JUSO hatte kürzlich beschlossen, die «1:12-Initiative» zu lancieren, dass heisst, dass das höchste Salär das Zwölffache des tiefsten Salärs nicht übersteigen darf. Ich finde diese Ansatz äusserst interessant. Doch bis es soweit ist, vergehen noch einige Jahre… 😦

  62. zappadong Says:

    Lieber Thinkabout

    Wie recht du hast! Wir haben die grosse, grosse Chance einer Systemdiskussion vertan, verschenkt, vergeben.

    Auch das beelendet und nervt mich. In der ganzen Krise ging es den Politikern immer nur darum, die „Kaufkraft“ zu stärken, den „Konsum anzukurbeln“, das „Wirtschaftswachstum“ zu fördern.

    Ich warte auf den Tag, wo das mal irgendjemand hinterfragt.

    In den USA gibt es eine starke Bewegung (Link von flashfrog in diesem Thread folgen), welche die neue Bescheidenheit üben. Das finde ich klasse, aber ich höre schon die Politiker aufstöhnen: „Wenn das jeder macht, geht die Wirtschaft bachab.“

    Wir sind auf einen solchen Fall nicht gerüstet. Haben keine Rezepte, keine Ideen, geschweige denn Visionen.

    @flashfrog: Au ja, bitte! Gerne etwas Optimistisches. Danke 🙂

  63. Endlich mal was Schönes « beiz 2.0 Says:

    […] beiz 2.0 « Ein Big Boss macht Mutterschaftsurlaub […]

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