Archive for August 2009

Hugo Loetscher, der Schweizer Weltbegutachter ist tot

August 19, 2009

Zürich, die Schweiz, trauert um Hugo Loetscher. Die Politiker, die Kutlurverwalter, die Zentralbibliothek. Das Radio hat die Progamme umgestellt und die Reporter holen Stimmen ein. In „zehn vor zehn“ äusserte Cicero-Preisträger, Bundesrat Leuenberger auf Züritütsch seine Betroffenheit. Für 3sat wird er untertitelt werden müssen. Die Laudatio auf den 80. Geburtstag vom 22. Dezember wird nicht gehalten werden. Loetscher gehörte zum Stadtbild der Stadt an der Limmat, der er immer wieder in Erinnerung rief, dass auch die Sihl, die das Arbeiterquartier Aussersihl abgrenzt kein zu vernachlässigender Zufluss darstellt. Dabei konnte er sich die Arroganz der Zürcher nie leisten, weil alles an ihm gegen ihn sprach: ein Katholik in der Zwingli-Stadt, ein Arbeitersohn am Bankenstandort, ein Schwuler im Sechseläutenumzung heterosexueller Tüchtigkeit.

Er überlebte als Maulwurf. Er machte seinen sozialen Standort zum Programm, aber nicht als lärmendes soziales Engagement, sondern als ironisch-wache Zeitgenossenschaft. Schon in seinem Erstling „Abwässer: ein Gutachten“verwebt er autobiografisches mit reportagehafter Berichterstattung. Der sachlich feststellende, aber immer auch ironisch-humorvolle Blick auf die Realität ist Lötschers Sache. Berühmt wurde er mit seinem autobiographischen Werk „Der Immune“, in der Schweiz kennen auch Literaturbanausen seinen Satiren-Band „Der Waschküchenschlüssel“.

Als Reisender hat sich Lötscher der „anderen Seite“ angenommen. In Los Angeles blickt er nach China, für Zürichs Städtepartnerschaft mit der chinesischen Stadt Kunming hat er sich engagiert und immer wieder reiste er nach Brasilien.

Andere werden mehr über ihn schreiben. Als ausgemusterter Train-Soldat wird er mir in ewiger Erinnerung bleiben, weil er dem eidgenössischen Trainpferd ein sachkundiges literarisches Denkmal errichtet hat. Dies 1989 im Band: „Die Fliege und die Suppe und 33 andere Tiere in 33 anderen Situationen.“

Er hatte den Schweizer Blick des Versicherungsexperten. Und als solcher war er für einen Finanzplatz unerlässlich. Denn Gefahren und Schäden, die der behäbigen Zwingli-Stadt drohten, die ihn gern an den Aperos in ihren gediegenen Zunfthäusern sah, die sah er schon kommen in den Favelas Brasiliens oder in den Kloaken Zürichs. Er war eine weltkundige literarische Rückversicherungsanstalt. Grossartig ist auch seine Aufsatzsammlung zur Schweizer Literatur „Lesen statt Klettern“.

Sein letztes Werk wird in den nächsten Tagen ausgeliefert: „War meine Zeit meine Zeit“