Hugo Loetscher, der Schweizer Weltbegutachter ist tot

by

Zürich, die Schweiz, trauert um Hugo Loetscher. Die Politiker, die Kutlurverwalter, die Zentralbibliothek. Das Radio hat die Progamme umgestellt und die Reporter holen Stimmen ein. In „zehn vor zehn“ äusserte Cicero-Preisträger, Bundesrat Leuenberger auf Züritütsch seine Betroffenheit. Für 3sat wird er untertitelt werden müssen. Die Laudatio auf den 80. Geburtstag vom 22. Dezember wird nicht gehalten werden. Loetscher gehörte zum Stadtbild der Stadt an der Limmat, der er immer wieder in Erinnerung rief, dass auch die Sihl, die das Arbeiterquartier Aussersihl abgrenzt kein zu vernachlässigender Zufluss darstellt. Dabei konnte er sich die Arroganz der Zürcher nie leisten, weil alles an ihm gegen ihn sprach: ein Katholik in der Zwingli-Stadt, ein Arbeitersohn am Bankenstandort, ein Schwuler im Sechseläutenumzung heterosexueller Tüchtigkeit.

Er überlebte als Maulwurf. Er machte seinen sozialen Standort zum Programm, aber nicht als lärmendes soziales Engagement, sondern als ironisch-wache Zeitgenossenschaft. Schon in seinem Erstling „Abwässer: ein Gutachten“verwebt er autobiografisches mit reportagehafter Berichterstattung. Der sachlich feststellende, aber immer auch ironisch-humorvolle Blick auf die Realität ist Lötschers Sache. Berühmt wurde er mit seinem autobiographischen Werk „Der Immune“, in der Schweiz kennen auch Literaturbanausen seinen Satiren-Band „Der Waschküchenschlüssel“.

Als Reisender hat sich Lötscher der „anderen Seite“ angenommen. In Los Angeles blickt er nach China, für Zürichs Städtepartnerschaft mit der chinesischen Stadt Kunming hat er sich engagiert und immer wieder reiste er nach Brasilien.

Andere werden mehr über ihn schreiben. Als ausgemusterter Train-Soldat wird er mir in ewiger Erinnerung bleiben, weil er dem eidgenössischen Trainpferd ein sachkundiges literarisches Denkmal errichtet hat. Dies 1989 im Band: „Die Fliege und die Suppe und 33 andere Tiere in 33 anderen Situationen.“

Er hatte den Schweizer Blick des Versicherungsexperten. Und als solcher war er für einen Finanzplatz unerlässlich. Denn Gefahren und Schäden, die der behäbigen Zwingli-Stadt drohten, die ihn gern an den Aperos in ihren gediegenen Zunfthäusern sah, die sah er schon kommen in den Favelas Brasiliens oder in den Kloaken Zürichs. Er war eine weltkundige literarische Rückversicherungsanstalt. Grossartig ist auch seine Aufsatzsammlung zur Schweizer Literatur „Lesen statt Klettern“.

Sein letztes Werk wird in den nächsten Tagen ausgeliefert: „War meine Zeit meine Zeit“

Advertisements

Schlagwörter: , ,

13 Antworten to “Hugo Loetscher, der Schweizer Weltbegutachter ist tot”

  1. uertner Says:

    Hier noch der Podcast mit einem Gespräch mit Hugo Loetscher, an seinem 75. Geburtstages 2004.

    http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/reflexe/2741.sh10095036.html

  2. flashfrog Says:

    Ja, „Die Fliege in der Suppe“ und den „Waschküchenschlüssel“ kann ich Literaturbanause 😉 sehr empfehlen. Wunderbar präzise beobachtete Details mit hoher Symbolwirkung, überraschende Perspektiven, die einem die Welt aus einer neuen Sicht erschliessen. .Und kluger Humor. Der ist in der deutschsprachigen Literatur ja auch nicht allzu üppig gesäht.

    >> Als ausgemusterter Train-Soldat wird er mir in ewiger Erinnerung bleiben, weil er dem eidgenössischen Trainpferd ein sachkundiges literarisches Denkmal errichtet hat.

    Als Militärbanause muss ich fragen: Was genau ist ein Train-Soldat? Ist das sowas wie Peers Kavallerie?

  3. uertner Says:

    Aber gerne. Geheimes Handy-video aus der weltberühmten „Armada Svizra“

  4. uertner Says:

    Und im Winter wird „geruttnert“. Das ist einer der härtesten Jobs der Schweizer Armee. Wenn so ein Pass geöffnet wird, dann schreibt die NZZ eine Reportage von mindestens 8000 Zeichen.

    Aber bis zum Train (der die Gebirgsgrandiere auf den letzten Gipfeln des Reduits mit Munitionskisten versorgt) würde Peers Kavallerie nie vorstossen. Ausserdem lernen wir gerade im Hindukusch, dass die Deutschen kaum zu schiessen wagen, weil sie irgendeinen grünen Staatsanwalt fürchten, der sie in der Heimat vor ein Kriegsverbrechertribunal stellt.

    Also hier noch ein paar schöne bildi, damit du dir auch was vorstellen kannst bei der Lektüre von Loetschers Text:

    http://www.agenturserver.org/blumfilm/deutsch/pferde_uniform.htm

  5. zappadong Says:

    Unvergessen der Winter vor vielen, vielen Jahren, als Herr Zappadong (seines Zeichens Gebirgsfüsel – das sind die armen Siechen, die bei jedem Wetter in den Bergen herumkriechen müssen) das Aufgebot für den WK hatte und Rekordminustemperaturen herrschten.

    Kurz vor dem Einrücktermin kam Post vom Militär. „Aha“, dachte ich, „jetzt werden die wohl vernünftig und lassen die Mannen im Tal unten.“

    Weit gefehlt! Im Brief wurde der Herr Gebirgsfüsel Zappadong darauf aufmerksam gemacht, dass seine Truppe diesmal ohne Train auskommen müssen, da es für die Pferde zu kalt sei. Herr Zappadong rückte ein und schlief irgendwo in luftigen Höhen bei sibirischen Temperaturen in einem Stall mit mehr Zwischenräumen zwischen den Brettern als Brettern. Die Pferde blieben in der Wärme. Zum Glück ist Herr Zappadong damals nur fast erfroren und nicht ganz.

    Das Militär konnte mir schon immer gestohlen bleiben. Seit jenem Winter noch viel mehr.

  6. uertner Says:

    😉 Frau Zappadong hat recht. Die Pferde sind der Schweizer Armee stets viel kostbarer gewesen als das humane Kanonenfutter. Hat doch ein Gebirgsfüsel 5 Franken Sold im Tag, ein Trainpferd aber 20 Franken.

    So: Aber vielleicht fällt der Frau Zappadong noch etwas über die Rezeption des verstorbenen Schriftstellers im Amt Werdenberg?

    Grüsse unbekannterweise den Gebirgsfüsel Zappadong!

  7. uertner Says:

    Gott sei Dank sagte ich nicht, Loetscher sei ein „Kosmopolit“ gewesen. Treffende Kolumne von Pedro Lenz in der WoZ:
    http://www.woz.ch/home/kolumne_0935.html

  8. zappadong Says:

    Habe die Kolumne gelesen und einmal mehr festgestellt, dass Pedro Lenz für mich zu den Grössten gehört (nicht nur körperlich). Ich ziehe den Hut vor diesem Mann.

  9. uertner Says:

    Wo sie recht hat, hat sie recht die Frau Zappadong! Pedro Lenz ist übrigens am Morgen in den ehemaligen theologisch-besinnlichen, nun aber literarisch-poetischen Gschichtli auf Radio DRS 1 zu hören (ab und zu)
    http://www.drs.ch/www/de/drs/sendungen/morgengeschichte/das-morgengeschichte-team/31735.59003.pedro-lenz.html

  10. flashfrog Says:

    Welch ungewohnte Harmonie in diesem Hause! 🙂

    Ich schliesse mich an.

    >> Pedro Lenz: „Wer nimmt sich die Mühe, diese Vokabel mit Inhalt zu füllen?“

    Der uertner hats getan. Vorbildlich. Warum schreibt der hier und nicht in der WOZ?

    Sogar mit den Pferden beim Militär kann ich mich anfreunden. Hab noch nie von jemandem gehört, der von einem Pferd erschossen worden ist.

  11. uertner Says:

    Allen, die Loetschers „Lesen statt Klettern“ auf dem Bücherbord haben (dies müssten alle wahren Freunde der eidgenössischen Schriftstellerei sein) empfehle ich die „Abdankung“ Dürrenmatts nach Loetscher zu lesen. Die Witwe Dürrenmatt war „not amused“. Immerhin wird das Andenken des schwulen Loetschers nicht durch eine Witwe gemanaged!

  12. uertner Says:

    @flashfrog:
    >Der uertner hats getan. Vorbildlich. Warum schreibt der hier und nicht in der WOZ?
    Das kann ich Dir in den Worten der Frau Boos (sie ist dort der Boss) mitteilen: Zitat:
    „Sehr geehrter Herr Girardet
    Sie haben bei uns kein Schreibverbot, wir haben einfach kein
    Interesse, Texte von Ihnen abzudrucken. Und daran hat sich nichts
    geändert.“
    „Links“ sein ist nur wenigen Auserwählten vergönnt (>Prädestination) 🙂

  13. flashfrog Says:

    Meine Chancen bei der Weltwoche stünden sicher nicht besser. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: