Archive for September 2009

Wider Gott- und Geschichtsvergessenheit

September 28, 2009

Nachstehender Text wurde dem „Tages-Anzeiger“ gleich nach Erscheinen des Widmerschen Artikels eingereicht. Teuwsens Replik  („Verleugnung 2009“) wurde gedruckt. Am 30. September wird noch eine Replik zu Muschg im „Tages-Anzeiger“ erscheinen.

zu Thomas Widmers „Selbstgeisselung

von Giorgio Girardet

Nachdem der Bettags-Essay  („Selbstachtung 2009) des emeritierten ETH-Professors und gewesenem Präsidenten der deutschen Akademie schon auf dem News- Netz der Tamedia ein Tag vor Erscheinen auf die knackige Titelzeile „Adolf Muschg schiesst scharf auf die Schweiz“ eingedampft worden ist und per Kommentarfunktion („400 Zeichen Hass“) Volkes Stimme lautstark sich äussern durfte und diese „Meinungen“ am Tag darauf wieder zu neuem, geilem „content“ gebündelt wurden („Adolf Muschg – ein Auslaufmodell?“), folgt nun mit schier einwöchiger Verspätung eine Reaktion im kostenpflichtigen „Flaggschiff“ der Tamedia von Thomas Widmer.

Ob Widmers „Muschg-Bashing“ geht der Anlass des Zeit- Essays vergessen. Der „Eidg. Dank-, Buss- und Bettag“ wurde von den radikal-liberalen Aargauer Pfaffenfressern anno 1832 der eidg. Tagsatzung beantragt, weil sie mitten im Sakularisationswahn und „Modernismus“ des frühen 19. Jh. ahnten – und wie die Finanzkrise zeigt, wohl zu Recht -, dass mit ihrem „liberal-freiheitlichen“ Gedankengut allein, kein Staat – und schon gar keine „Eidgenossenschaft“ zu machen sei. Der Bettag ist somit der älteste Besinnungs- und Sinnstiftungstag der multikonfessionellen modernen Schweiz, der an die Verwurzelung unseres Gemeinwesens in der 3000jährigen biblischen Tradition erinnert. Der Bettag ist von den Liberalen gewissermassen als Tag staatlich verordneter Selbstgeisselung und Traditionsbesinnung eingeführt worden. Eine typisches Bedürfnis von beichtbefreiten Protestanten: geschenkt.

Bevor der neoliberale Zeitgeist die letzten ethischen Schranken und Hemmungen wegfegte (bis 2000), waren darum alle Stätten der Zerstreuung (Theater, Kinos, Sportplätze, Museen) im Kanton Zürich (und nicht nur hier) am Bettag durch staatliche Vorschrift geschlossen. Den Medien der Tamedia war dieser Hohe Feiertag 2009 (und auch schon 2008) keine schlappe Zeile wert. Man mag Muschgs wechselvollen intellektuellen Weg unterschiedlich einschätzen, die Aeusserungen in den Kanälen der Tamedia zeigen nur eines: in Muschgs Höhen wird die Luft sehr dünn. Selbst ein kluger Kultur-Wanderer wie Widmer erreicht bloss noch keuchend die Baumgrenze Muschgscher Gedanken, von wo er japsend auf das (unerreichbare) ergraute Gipfelkreuz schimpft.

Gewiss, in Thailand mag das anders sein, da gab es kein mythisches 1968, das eine Tradition der selbstgerechten zynisch-satten Väter- und Vaterlandsbeschimpfung initiert hat. Aber wer den Essay Muschgs genau gelesen hat, wird nicht den spätberufenen 68er, nicht den anklagenden „Mars-Vorwortschreiber“ sondern den alten agnostisch- protestantischen Oberleutnant der Milizarmee entdecken, der – stolz über seine republikanischen Gewehrgriffe am Karabiner – in wohlgefügten Formeln über die humanistische und humanitäre Tradition der Schweiz nachdenkt. Jene streitbare Schweizer Stimme, die von Bundesrat Kurt Furgler zur Verfassungsrevision eingeladen wurde, die sich für den Ständerat zur Verfügung stellte und von Bundesrat Villiger zur Konzeptarbeit im Rahmen „Solidaritätsstiftung“ berufen wurde. Und auch diesen Bettagstext hat er nicht aus eigenem Antrieb geschrieben, er wurde darum gebeten und musste ihn gar nachbessern, weil die erste Version nicht genügte.

Gewiss, Widmer mag kein Essayist sein, aber wenigstens „journalistisch“ dürfte man einem Eidgenossen mit mehr Gerechtigkeit begegnen. Wenn wir unsere eigenen „Grossintellektuellen“, wenn sie über „Selbstachtung“ nachdenken, derart eilfertig und billig aus den Hüften mit Häme und Hohn übergiessen, dann brauchen wir keine Amatos, Steinbrücks und Gaddaffis mehr. Nicht Muschg schiesst auf die Schweiz: wir schiessen uns selber in die Knie.

Ich war nie in Thailand, aber ich vermute Weisheit und Alter geniessen dort mehr Respekt als in der Widmerschen Wortmeldung erkennbar wird. Sowohl im „Tages-Anzeiger“ vom Bettagssamstag, in der weltberühmten „Neuen Zürcher Zeitung“ in der ganzen deutschsprachigen Sonntagspresse, als auch in der Hauptausgabe der „Tagesschau“ von SF am Sonntagabend wurde der „Eidg. Dank-, Buss-, und Bettag“ mit keiner redaktionellen Silbe erwähnt, aber das Ende des Ramadans wurde drei Minuten  abgefeiert.

So möge Allah, der Allerbarmer, sich auch unser, uns verlotterten Eidgenossen, erbarmen, die wir von unserem Gott der Verfassung, „dem Allmächtigen“, nichts mehr wissen wollen, nicht einmal mehr in der agnostischen-light-Version Muschgscher Reflexion über die schon 1862 unbequemen Bettagsgedanken des liberalen „Grossintellektuellen“ Gottfried Keller.

Deutschland wählt – aber was bloss?

September 26, 2009

Die Umfragen sagen: Schwarz-Gelb (eine Koalition aus CDU/CSU und FDP) bekommt keine 50% der Wählerstimmen, die in Deutschland nötig sind, um die Regierung zu stellen. Für eine Rot-Grün-Regierung (eine Koalition aus SPD und Bündnis90/die Grünen) wird es aller Vorraussage nach noch viel weniger reichen. Die Linken sind bäh wegen ihrer SED-PDS-DDR-Diktatur-Vergangenheit und weil den Ex-SPD-Kanzlerkandidaten Lafontaine keiner seiner Ex-Genossen leiden kann, und jedenfalls will mit denen sowieso keiner spielen. Die Piraten sind zwar lustig , werden aber wie Esoteriker, Nazis, Tierschützer, Kommunisten und Rentnerpartei an der 5%-Hürde schieitern, und jede Stimme für die Piratenpartei ist deshalb unter dem Strich eine verschenkte Stimme.

Also wen soll man nun eigentlich wählen?

Die CDU zeichnet sich hauptsächlich durch einen energischen Verzicht auf Inhalte und Profil aus. Ihre Botschaft heisst hauptsächlich
Angela Merkel.

Die SPD hält es, was Profil und Programm angeht, ähnlich wie ihr grosser Koalitionsbruder, mit dem Unterschied, dass ihr eine Merkel mangelt. Die SPD hat dafür den Dings, und der bedauerlicherweise die Ausstrahlung eines rostigen Wassereimers.

Dann gibt es da noch die FDP, die sich als Steuersenkungs- und Bildungspartei geriert. Nur. Steuersenkungen für wen? Für Spitzenverdiener und Einkommensmillionäre. Die sollen fast 20 Prozent weniger zahlen. Dafür müssen natürlich andere mehr zahlen, logisch, denn wir haben Krise und galloppierenden Steuerschwund in den Kommunen. (Einige Prolitiker von Wunschkoalitionspartner CDU hatten sich ja bereits etwas verschämt mit neuen Mehrwertsteuererhöhungsvorschlägen aus der Deckung gewagt, wurden aber sehr schnell wieder zurückgepfiffen, weil dafür den Ärmsten am stärksten in die Tasche zu greifen, das tönte sogar der Angie zu fies. Jedenfalls vor der Wahl.) Und die Bildung? Da will die FDP z.B. die besten 10% Studenten eines Jahrgangs mit Stipendien fördern. Heisst deutlicher gesagt: 90% des Studienjahrgangs gucken in die Röhre. Man will halt die junge Elite, die Entscheider, die Leistungs- und Anzugträger von morgen statt zu mehr Teamfähigkeit lieber zu mehr Ellenbogenmentalität erziehen. Wer hilft da noch einem Mitstudenten, wenn der einem dann das Stipendium wegschnappt? „Leistungsgedanke“ nennt sich das dann bei der FDP. Ich schreibe das so ausführlich, weil das bildlich steht für die Gesellschaft, die sich die NeoLiberalen im Ganzen wünschen.

Die Grünen versuchen mit Umwelt, Frauen und sozialer Gerechtigkeit zu punkten. Was im Prinzip ja eine super Idee ist, nur dass das inzwischen fast alle anderen von den Erfindern abgeschrieben haben und es für „Umwelt“ leider kein Trademark mehr gibt. Und dass die Grünen mittlerweile in manchen Bundesländern arg mit den Schwarzen kuscheln, kommt bei grossen Teilen der Stammwählerschaft auch nur bedingt gut an.

Die Linken haben auch ganz tolle Ideen: Reichtum für alle! Arbeitslosigkeit für keinen! aber wie genau die Populisten das umsetzen wollen, das weiss keiner so genau, und das braucht eigentlich auch keiner zu wissen, weil mit denen redet ja wiegesagt sowieso keiner.

Wen soll man also wählen? Ganz ehrlich: Ich weiss es selber noch nicht.

Vielleicht sollte man es so machen wie der Tübinger Kolumnist Wolfgang Kirschner? Das Kondensstreifen-Orakel

Wettstrahlen der „Leuchttürme“

September 25, 2009

Das Pressegeschäft ist beinhart geworden, die Zeitungen werden dünner, seichter und teurer und die Zeitungsverträger ärmer und um dies alles den Printkunden schmackhaft zu machen, wird ein teures Layout-Lifting durchgeführt. Die „Alte Tante“ an der Falkenstrasse hat sich als erste unters Messer gelegt. Die Physiognomie des Kopfes wurde beibehalten, aber statt „SCHWEIZER AUSGABE“ (neben der INTERNATIONALEN AUSGABE) steht nun „NZZ – ZEITUNG FÜR DIE SCHWEIZ“ und darunter statt dem beeindruckenden „Der Zürcher Zeitung 230. Jahrgang“ (wunderbarer Genitiv!) das kursive „gegründet 1780„. Das ist wie wenn eine ältere Dame vom plissierten Rock auf die Levis 501 umsteigt „established 1780“ prangt nun über ihrem immer noch knackigen Hintern. Und unter dem Hinweis auf das WWW  und dem Preis für das weltberühmte Lokalblatt „Fr. 3.00 . € 2.60“ (warum nicht auch £, $ und ¥?) wird unter dem Strich erklärt worum es bei diesem „Tenü-Türk“ geht:

Substanz und Ästhetik

Was damit gemeint ist, wird sofort klar: Luft, Licht, Durchschuss (wie der Drucker sagt, der Zeitungsfreund schnallts sofort: weniger Inhalt). Fortan sind die Artikeli alle schön in Gätterli gesperrt, damit die Schäfchen-Buchstaben schön auf Zeilen gereiht beisammen bleiben und das Leserauge (das ja bei den Gratisblättern und der Sonntagspresse sozialisiert wird, nicht wahr, die NZZ ist halt keine „Einstiegsdroge“) wird nicht überfordert durch zu viele Zeichen. Die sinnreich zusammengestellten drei Bünde haben nun eine „Menüführung“ mit grau hinterlegten Hinweiskästchen.

1. International/ Schweiz/Zürich und Region/Zürcher Kultur/Meinung & Debatte /Vermischtes (der politisch-gendermaingestreamte Bund für „Sie&Ihn“)

2. Wirtschaft/ Fokus der Wirtschaft/ Börsen und Märkte (bunte Zähleli!!!)/Sport

(ökonomisch-agonistisch-testoteron-Bund für Ihn)

3. Feuilleton /Mi: Forschung und Technik, Sa: Literatur & Kunst

(der Soft-Bund für Sie, die gepflegte Konversation auf der chaiselongue)

Beförderungen in der Redaktion (nach dem Vorbild der NZZaS):

C.W.   wird ernannt zu      „Von Christopf Wehrli“ (wenn er meint und nicht berichtet)

hof. wird ernannt zu „Markus Hofmann“ (der berichtet vorerst nur und meint noch nicht)

Bestallte Redaktoren schweben nun mit kursivem Namen in viel Weiss zwischen Titel und Textblock. Korrespondenten heben kursiv mit ihrer „Location“ ab

Karl Hofer, Sueca

Die stillen Schaffer aber im Wirtschaftsbund bleiben bei ihrem Kommis-Outfit:

brü. Washington (hochgestelltes Kolon) Und dann gehts los.

pfi. Peking (hochgestelltes Kolon) Das Lob ich mir!

Eine Neuausrichtung des „Feuilleton“ hat aber schon stattgefunden: fortan sollen die Musen etwas mehr in den Dienst der Nachrichtenlage (philosophia ancilla novitatis) eingespannt werden. So wird zu Hohen Feiertagen der Christenheit kein Theologe mehr ins Haus geholt (philosophia ancilla theologiae), sondern man lässt den Haus-Tuttologen (ujw.)schreiben. Der „unsichtbaren Hand“ will man mehr Ehre geben: wie diese tickt, wusste schon immer „G.S.„, der nun nach der Finanzkrise zu „Von Gerhard Schwarz“ befördert wurde. Die Entschädigungen für die freien Feuilletonisten wurden eingedampft zu luftigen Honoraren (symbolisches Ehrengeld), dafür beugt sich nun der Feuilleton-Chef nicht mehr über den Nachhall von Schrapnell-Geschossen in jüngerschen Stahlgewittern, sondern kümmert sich als Leib- und Seelenarzt um die Befindlichkeit des Verwaltungsrates Konrad Hummler, aus dessen „Anlegerbriefe“ er die geistige Verfassung der Nation extrahiert. Schliesslich ist die Bank Wegelin (gegründet 1744) älter als die „Alte Tante“ (gegr. 1780) und viel älter als der moderne Bundesstaat (erst 1848 gegr.), da geht es um das Ancienitätsprinzip! Konrad Hummler hat darum auch die wichtigste MEINUNG, die als freischwebender  Leuchtturm „Seitenblick“ die Debatten-Seite dominiert. Der SP-Bundesrat darf als Cicero-Preisträger ein paar grundlegende und grau hinterlegte Gedanken einbringen, während darüber „Von Andrea Martel“ einen „Aufgehellter Konkunjkturhimmel“ feststellt und der wackere „Von Christoph Wehrli“ sich um „Das hohe Gut wissenschaftlicher Redlichkeit“ Sorgen macht.

Nun ist der neue „Mitbewerber“ „Die Zeit-Schweizerausgabe“ am ungeschützten Bettagshimmel mit der „dicken Berta“ Adolf Muschg aufgefahren und hat einen publizistischen Einschlagtrichter im Mittelland hinterlassen (Basler Zeitung, Aargauer Zeitung, News-Netz, Tages-Anzeiger). Das kümmert die „Alte Tante“ gar nicht, sie hat nur ein Donnergrollen am Horizont gehört, die Feuilletonisten machen dort unverdrossen ihre weltberühmte Arbeit. Konrad Hummler steht noch fest im Leuchtturm und Martin Meyer holt immer neues Petrol aus dem Keller, wo auch ein Notvorrat Schnaps und eine alte Schnapsrotationsmaschine für den hummlerschen Kampf bis zum Endsieg im Atombunker gewartet wird.

Bei der Tamedia, hat man den Volltreffer des ehemaligen Mitarbeiters Teuwsen doch vermerkt. Nach ersten Abwehrmassnahmen im News-Netz durch (mcb) hat der Wander-Redaktor den Muschgschen Einschlagtrichter durchmessen und als irrellevant erklärt. Heute Freitag aber nimmt der Sozio-ökonomo-philosophische Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der erste helvetische Kolumnist mit Ganzkörper-Affiche, der geschwätzige Dr. Binswanger den Leuchtturm der „Alten Tante“ unter Beschuss. Schliesslich hat sein Chef-Chef Dr. Res Strehle („68 aber lieb“) die Meinungsführerschaft beim mittleren Kader schon gewonnen und will nun die „Falkenstrasse“ mit den wirren binswangerschen Begriffspetarden sturmreif schiessen, um dann als siegreicher Feldherr die bourgeoise  Falkenstrasse mit seinem marxistischen Begriffsinstrumentarium dem Erboden gleich zu machen.

Max Küng™ wird dann den Sport-Teil und Michele Roten™ das Fötong übernehmen.

Bettag: Muslime, Muschg und Ramadan

September 23, 2009

Ramadan in Gelsenkirchen.2009

Meine Beschäftigung mit dem „Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag“ ist nicht von gestern. Der jüngstverstrichene fiel zusammen mit dem Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan. In der „Basler Zeitung“ konnte ich etwas über die arg schwindende Bedeutung des Bettags publizieren:  viele andere Printmedien lehnten es aber ab, über den Bettag irgendeinen Beitrag zu bringen. Aussstehend ist noch die Antwort des NZZ-Chefredaktors, Markus Spillmann, warum die eben geliftete „Alte Tante“ auf den früher üblichen Front-Leitartikel am Bettagssamstag verzichtet. 2003 schrieb etwa noch Prof. Georg Kohler, der Zürcher Ordinarius für politische Philosophie zum Bettag (nicht auf der Front, sondern hintne im Feuilleton):

Dem Geist der Zeit gewachsen zu sein, verlangt den Verzicht auf politisch wirksame Jenseitshoffnungen wie auch auf Höllenangst und die Idee ewiger Tugendvergütung. Die Moderne hat den Himmel entgöttert

In diese publizistische Totenstille zum Hohen kirchlich-staatlichen Feiertag (für Nichtschweizer: der Bettag ist ein staatlich verordneter Feiertag, der – jaja richtig: je nach Kanton verschieden begangen wird – und entspricht am ehesten dem jüdischen Jom Kippur) publizierte Adolf Muschg ein Essay in der Schweizer Ausgabe der Hamburger „Zeit“.

Adolf Muschg zum Bettag: Selbstachtung 2009

Der „Grossintellektuelle“ im Online-Schredder

Schon Mittwoch, 16.Sept. 2009, 15.40, wurde auf dem „News-Netz“ unter dem Titel „Adolf Muschg schiesst scharf auf die Schweiz“ eine Zusammenfassung von (mcb) publiziert, die sogleich 79 oft recht rüde Kommentare auf sich zog. „Die Zeit“ war in den Kiosken der Eidgenossenschaft eben aufgelegt worden (Donnerstagmorgen) als vor Mittag die gleiche (mcb) die süffigsten Kommentare zu neuem „online-content“ bündelte: „Muschg – ein Auslaufmodell?“. Es wurde also nicht über den Bettag und den Inhalt des Muschgschen Essays diskutiert, sondern es wurde der „letzte Schweizer Grossintellektuelle“ zum Abschuss frei gegeben. Bei einer „google-Suche“ wird man erschlagen, denn die überaus dürftigen Geistesprodukte erscheinen gleich auf allen Portalen des „News-Netzes“ mit dem identischen Kommentarschwanz: auf tagesanzeiger.ch, auf bernerzeitung.ch, auf bo.bernerzeitung.ch, auf derbund.ch, auf thurgauerzeitung.ch, auf solothurnerzeitung.ch, auf bazonline.ch. Der Tamedia-Moloch der Verblödung.

Mehr Sorgfalt in der Print-Provinz

Die „Basler Zeitung“ brachte am 18. September in der Rubrik „gesagt ist gesagt“ einen kurzen Ausschnitt aus dem muschgschen Zeit-Essay:

«Eigentlich befindet sich die Schweiz schon seit dem Bergier-Bericht, spätestens seit dem Grounding der Swissair in einem kollektiven Dauerschock, an dem vielleicht das Typische, aber auch das Bedenklichste seine Verleugnung ist.“


AZ-Muschg

Noch weiter ging die in Baden hergestellte Aargauer Zeitung. Die Feuilleton-Chefin Sabine Altdorfer bat in der Ausgabe vom Bettagssamstag die Leserschaft, sich mit dem Essays Muschgs auseinanderzusetzen und der Leserbriefredaktion die Meinungen und Gedanken zuzustellen. Da im Moment in der Schweiz ein Abstimmungswochenende bevorsteht, wurde davon noch nichts publiziert, aber wir werden euch hier auf dem Laufenden halten. (1. update 25.09.09) Die „Aargauer Zeitung“ hat in der heutigen Ausgabe drei erste Reaktionen abgedruckt: zwei Leserbriefe lehnen Muschgs Intervention ab, ein dritter überprüft die Interpretation Muschgs des Bettagsmandats 1862 von Gottfried Keller und argwöhnt, ob nicht andere Gründe, als die von Muschg genannten, zur Ablehnung des ersten Bettagsmandats des Zürcher Staatschreibers führten.

Schweigen der Sonntagspresse

Bettagssonntagspresse

In der Sonntagspresse der deutschen Schweiz, war der Bettag KEIN Thema, der Essay von Muschg auch nicht. Ich prüfte „NZZ am Sonntag“ (NZZ), „SonntagsBlick“ (Ringier), „Sonntags Zeitung“ (Tamedia) und „Sonntag“ (AZ-Media). Hier mussten die 400 Medienschaffende, die sich zur Bundesratswahl im Bundeshaus auf den Füssen herumstanden, ihre ach so wichtigen Erkenntnisse losschlagen. Diese Bundesratswahl (246 Parlamentarier, 400 Medienleute) war eher ein Journalistenkongress als eine würdige Verantstaltung.

Agentur-C

Einzig ein Inserat der Fundamental-Christlichen „Agentur C“ auf der Titelseite des  Sportteils des „SonntagsBlicks“ erinnerte an den Hohen Kirchlichen Feiertag. Vollends erschütternd aber war die Hauptausgabe der „Tagesschau“ des Staatsfernsehens SF: der Hohe Feiertag der Schweiz wurde mit keinem Wort erwähnt, aber drei Minuten lang wurde das Ende des Ramadans gezeigt mit Bildern betender Muslime in Mekka und mit Auszügen der Rede des Obergeistlichen in Teheran.

Intellektuellenhatz im „Tagesanzeiger“

Gestern Dienstag dann kommentierte der Wander-Reporter Thomas Widmer für das Haus Tamedia in dessen Flaggschiff dem „Tages-Anzeiger“ den Essay von Muschg. Sein Fazit: wir brauchen keine „Grossintellektuellen“. Auf morgen Donnerstag ist eine Entgegnung von Zeit-Redaktor Peer Teuwsen im „Tages-Anzeiger“ angekündigt. Weitere „swissness-slamer“ scheinen in der pipeline bereitzustehen. Eine eigene Entgegnung fiel beim „Tages-Anzeiger“ aus der „journalistischen Dramaturgie“ und wurde hier veröffentlicht. Wir werden hier dranbleiben.

Idealer Integrationstag

himmel2

Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag wäre eigentlich der geeignete Integrationstag für verschiedenste Kulturen und Religionen (Vgl. das Bettagsmandat der Aargauer Regierung 2007 Hier (seite3)). Er wäre der Tag der „kulturellen Konkordanz“, die einst Tschagrun hier in der Beiz vorgestellt hat. Tatsächlich hat die Regierung des katholischen Kantons Luzern ihre diesjährige Bettagsbotschaft auf eine interreligiöse Plattform gestellt. Beteiligt sind Katholiken, Christkatholiken, Reformierte und Muslime. Bei einer so breiten Plattform aber muss man sich auch auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken. Die theologische Tiefe, die dem Hirtenbrief der Bischofskonferenz etwa eigen ist, bleibt auf der Strecke. Interreligiös bleibt es beim schlichten „Danke“. (update 28.09.09) Matthias Herren hat in der NZZaS auf die besonders liberale Situation den Muslimen gegenüber an der von Jesuiten geprägten katholischen Fakultät der Universität Luzern hingewiesen.

Dilemma

In der Medienwelt von heute hat dieser Bettag ein grosses Problem. Da er 2000 seines gänzlichen Ruhe-Schutzes entkleidet wurde: früher waren alle Museen, Theater, Kinos, etc. geschlossen und Tanzen und Schiessen war verboten, die Kirchen sich nicht füllen, die Medien ihn als sinnstiftenden Kommunikationsanlass gänzlich ignorieren, so ergibt sich ein riesiger Graben zwischen dem Essay Muschgs, ein Stück deutscher Höchstkultur, und dem multireligiösen „Danke“. Beides bleiben Randphänomene: Aber die Stifter des Bettags hatten eigentlich nicht einen Anlass für Exoten im Sinn. Vielleicht hilft hier eine intelligente Blogosphäre weiter? Muschg wurde immerhin in Blogs rezipiert. Hier vom Zürcher SVP-Kantonsrat Zanetti, und hier von einer Schweizerin am Wattenmeer. Auch unsere hassgeliebtes „facts.ch“ hat es heute Mittwoch zuoberst aufs Menü gestellt. (3. update 24.09.09): Nun wurde der Artikel auch von helvetischen Sittenwächtern entdeckt. Gibt es noch mehr Muschg-Leser in der Blogosphäre?

Mama Pia“ jault in der „Weltwoche“ auf (1. update 24.09.09)

Pia Reinacher, von der Basler Kollegin Christine Richard auch schon liebevoll „Mama Pia“ genannt, die Mutterglucke der Schweizer Subventionsliteraten, einst Literaturkriterin beim „Tages-Anzeiger“ nun freie Kritikerin und Dozentin in Winterthur, erfraut sich auch die Muschgsche Kritik in Bausch und Bogen abzuschmettern. Ihr Antrieb scheint klar: sie muss unter der Gross-Glucke Muschg Platz für ihre gehypten Kolumnisten-Bibeli freihacken. Mehr Kommunikationswissenschaftlerin als Literaturwissenschaftlerin stellt sie den Muschgschen Text weder in den Kontext seines Werk (Keller-Biografie, Ausschwitz-in-der-SchweizDebatte 1997/98) noch in den Kontext der „Busspredigt“ des Bettags. Offensichtlich hat sie nicht einmal bei Muschg nachgefragt, wie der Text zustandekam. Putzig auch der Vergleich der Auflage der Schweizer Ausgabe der „Zeit“ mit jener, des „Bündner Jägers“ (8000): auch hier hat die Kommunikationsdozentin die neuesten Entwicklungen verpennt. Die Literatur-Kompetenz der „Weltwoche“ war selten derart lausig, wie bei dieser hingesudelten Polemik.

Peer Teuwsen: „Mein Gott. Das sind doch interessante Themen“

(2. update 24.09.09)

Im heutigen „Tages-Anzeiger“ (gibt es nur in Print) repliziert der Schweiz-Korrespondent der „Zeit“, welcher Muschg zum „Bettagsmandat“ eingeladen hat. Unter dem Titel „Verleugnung 2009“ (verlinkung 27.9.09) betont er die grosse Freundschaft Muschgs zur Schweiz und unterstellt dessen Kritikern (Widmer & Co), dass sie gleich denen, die früher Frisch († 1991), Dürrenmatt († 1990) und Meienberg († 1993) nach jeder Wortmeldung ins Pfefferland wünschten, die „drei Affen“ machten. Die Schweiz brauche engagierte Menschen, die sich über Sinn und Inhalt des „Schweizerseins“ Gedanken machten, oder wenigstens dazu anregten.

Update 30.9.09: Im heutigen Tages-Anzeiger dreht nun der in Oxford lehrende Schweizer Historiker Oliver Zimmer die Diskussion weiter. Die zwei geschichtsphilosophischen Teleologien einander gegenüberstellend: die rechte (und vielleicht eher katholische?): Sinn der Schweiz ist die Wahrung von „Freiheit“, „Selbstbestimmung“ und „Unabhängigkeit“ und die linke (und vielleicht eher protestantische?): Sinn der Schweiz ist es Republikanismus, Partizipation und die Weltgesellschaft voranzutreiben, plädiert Zimmer für die positivistische Utopie einer „faszinierenden Geschichte“. Leider nutzt Oliver Zimmer die Gelegenheit vor allem sich als Fachhistoriker ins Spiel zu bringen. Was gelungen ist. Auch ist ihm beizupflichten, wenn er zum Abschluss schreibt: „Auch die Historiker sind gefordert. Mit einer zuweilen einfach gestrickten ideologiekritischen Perspektive (wie auch ihrem Gegenteil) kann man sich in der Schweiz zwar medienwirksam positionieren. Dabei scheint entgangen zu sein, dass mit der Jagd nach Mythen und Fiktionen anderswo schon lange kein Blumentopf zu gewinnen ist.“ Ob eine von „historischen Missionen“ gereinigte Geschichte überhaupt ein menschliches Wesen interessieren dürfte, wage ich dann doch sehr zu bezweifeln.

Update 2010

Die (neuen) drei Eidgenossen

September 11, 2009

johann-heinrich-fuessli_die-drei-eidgenossen-beim-schwur-auf-dem-ruetli„Alles was die Schweizer wurden, wurden sie durch Einigkeit“
Ein groser Moment wird hier festgehalten:

Kampf der Kulturen über Symbole

September 3, 2009

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Die Sache treibt mich schon seit einigen Wochen um. Es sind „Bauchreaktionen“ auf verschiedene Medienereignisse: „Aergernisse“. Und man denkt: „Nur nicht genau hinschauen, vielleicht bild ich mir das nur ein“. Aber die Anzeichen häufen sich, dass die vom Westen ehemals beherrschten Nationen begriffen haben, wie sie dem pazifistischen, spassgesellchaftlichen Westen zermürben und aushebeln können. Natürlich sind wir in der Schweiz mit dieser Affäre Gadaffi etwas feinfühlig und wehleidig geworden. Immerhin hat Lybien allen Ernstes die Auflösung unseres Staatswesens auf die Traktandenliste der UNO gesetzt. Der jüdische Komiker Sascha Cohen („Borat“) schlägt zielsicher in die Achillesfersen und Eiterbeulen der globalen Spassgesellschaft. Und im deutschen Wahlkampf regiert ein populistischer Unernst, der kaum noch von der satirischen Filmproduktion („Isch kandidiere“ und „Die Partei“) eingeholt werden kann.

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Natürlich können wir uns über den Erfolg von „twitter“ im iranischen Wahlkampf freuen, aber die getürkten Wahlen waren schliesslich ein Erfolg, Achmadinejad bleibt anerkannter Vertreter seines Landes, die Demonstranten gehen sehr ungemütlichen Zeiten entgegen.

Meine These ist: die sogenannt „postheroische“ westliche Gesellschaft verkennt das Hass– und Zornpotential, das ihr aus Gesellschaften entgegenschlägt, die nicht nur eine viel vitalere Demografie aufweisen (und darum „Helden“ und „Märtyrer“ im Überfluss haben), sondern auch durchaus noch „heroische“ Posen und auch Taten praktizieren. Das digitale Weltdorf macht offizielle Anlässe zu dankbaren Gratis-Plattformen für sehr effiziente symbolische Handlungen, die Bilder generieren, die in Echtzeit jedem Analfabeten auf dem Globus zugänglich werden und dort ihre Wirkung entfalten. Da ist einmal die deutsche Abhängigkeit von russischem Ergas. Im vergangenen Winter wurde der Ukraine und Bulgarien (und damit einem EU-Mitglied) einmal „probeweise“ das Erdgas abgestellt. Die Aufarbeitung dieses aussenpolitischen Muskelspiels für das gehobene russische Heimpublikum sieht so aus (ich kann kein russisch und vielleicht besingen ja die schönen Soldaten hier die Wolga oder den Dnjeper):

 http://www.youtube.com/watch?v=A7RD5ONjv8M

Dann ist da der Besuch von Bundespräsisdent Hans-Rudolf Merz in Genf um den iranischen Diktator Achmadinejad zu treffen. Man beachte die Kleidung.

http://www.nzz.ch/images/merz_iran_defaultFormatImage_1.2938651.1246964374.jpg

Während der Appenzeller sich in Anzug und Kravatte präsentiert, erscheint die iranische Delegation nicht in einer persischen Landestracht (wie etwas Gaddaffi dies als stolzer Dauer-Beduine macht) sondern in der Casual-Variante des Westens (Anzug und Hemd, keine Kravatte und oberster Knopf offen).

 http://www.2lounge.ch/wp-content/uploads/2009/03/calmy-rey_iran.jpg

Das Bild von Aussenministerin Calmy-Rey in Teheran beschäftigt die Gemüter in der Schweiz immer noch. Für einen Gasvertrag hat sich jene Frau, die mit dem Bestseller „Frauen, wollt ihr noch 962 Jahre warten?“ die Frauen in der Schweiz zur Eroberung der gesellschaftlichen Positionen aufrief, dem Kleider-Code jener Kultur unterworfen, die nicht nur die „Züchtigung des Weibes“ erlaubt, sondern auch im Extremfall Ehebrecherinnen steinigt.

calmy-svp

Natürlich ist solches ein gefundenes Fressen für die SVP: Weit subtiler ist es aber die „schweizerische Nationalschriftstellerin“, Ruth Schweikert, die eben ihr fünftes Kind geboren hat, auf eine Lesereise nach Teheran einzuladen. Die verschleierte „Powerfrau“ und Dichterin mit dem Baby dem Arm spricht für sich, ohne dass sie auch nur den Mund zu einem Statement öffnen muss. Noch pikanter wird die Sache, wenn man diese Null-Aussagen der Schweizerischen Literaturstipendiatin mit dem sehr mutigen Vorgehen ihres Lebenspartners, Eric Bergkraut, in der Sache der russischen Menschenrechtsaktivisten Politowskaja in Zusammenhang bringt.

Während also ihr mutiger Lebenspartner die vier Kinder hütet, ist die Dichterin in dieser merkwürdigen Doppelrolle: stillende Mutter, lesende Schriftstellerin unterwegs.

Wenn man ein Volk demütigen will, dann schändet man seine Frauen. Auf dem Balkan wurde dieses vor 15 Jahren in Massen getan. Serbische Milizen vergewaltigten massenweise Bosnierinnen. Die nicht-westliche Welt aber hat begriffen: bei den zarten Westlern muss es nicht gleich die rohe, physische Vergewaltigung sein, es genügt die symbolische Unterwerfung. Wenn der Westen einmal akzeptiert, dass er für Gas und Öl alle Werte, für die eine Alice Schwarzer und Mitschwestern Jahrzehnte kämpften, zu opfern bereit ist, dann braucht man die Kavallerie gar nicht loszuschicken (um in der Logik Peer Steinbrücks zu bleiben, des teutonischen Steuer-Gaddaffis), es genügt buchstäblich, dass der Westen weiss, das sie da ist. Wenn im Rahmen dieser Logik, der Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangen sollte, dann gehen wir ungemütlichen Zeiten entgegen. Und „der letzte Preusse“, Peter Struck, hat recht, dies alles entscheidet sich letztlich am Hindukusch. Nur war der Hindukusch im deutschen Wahlkampf kein wirkliches Thema. Oder irre ich?

update: 14. Juli 2010:

Die hier angedachten Überlegungen flossen in eine Nebelspalter-Satire ein zum Aufruf der Kulturschaffenden vom Frühjahr 2010. Nun hat (((rebell.tv))) den Nebi-Beitrag entdeckt. Freut sich und fügt noch weiteres pikantes Detail zum Teheran-Trip der Frau Schweikert an:

(der skandal an jenem abend in theran: schweikart lüpfte die bluse auf der bühne und stillte mitten im podiumsgespräch ihr baby! an jenem abend waren bloss frauen im raum, welche den losen schleier irgendwo am hinterkopf hatten. will sagen: so „akkurat“ (würde mein neffe sagen) wie ruth schwekart, trägt kaum eine frau den schleier in theran ;-))) wie auch immer: selbst diese wildesten damen im raum, schüttelten den kopf… so „akkurat“ den schleier tragen und dann die nackte brust dem publikum zeigen… autsch!

Quelle (((rebell.tv)))