Bettag: Muslime, Muschg und Ramadan

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Ramadan in Gelsenkirchen.2009

Meine Beschäftigung mit dem „Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag“ ist nicht von gestern. Der jüngstverstrichene fiel zusammen mit dem Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan. In der „Basler Zeitung“ konnte ich etwas über die arg schwindende Bedeutung des Bettags publizieren:  viele andere Printmedien lehnten es aber ab, über den Bettag irgendeinen Beitrag zu bringen. Aussstehend ist noch die Antwort des NZZ-Chefredaktors, Markus Spillmann, warum die eben geliftete „Alte Tante“ auf den früher üblichen Front-Leitartikel am Bettagssamstag verzichtet. 2003 schrieb etwa noch Prof. Georg Kohler, der Zürcher Ordinarius für politische Philosophie zum Bettag (nicht auf der Front, sondern hintne im Feuilleton):

Dem Geist der Zeit gewachsen zu sein, verlangt den Verzicht auf politisch wirksame Jenseitshoffnungen wie auch auf Höllenangst und die Idee ewiger Tugendvergütung. Die Moderne hat den Himmel entgöttert

In diese publizistische Totenstille zum Hohen kirchlich-staatlichen Feiertag (für Nichtschweizer: der Bettag ist ein staatlich verordneter Feiertag, der – jaja richtig: je nach Kanton verschieden begangen wird – und entspricht am ehesten dem jüdischen Jom Kippur) publizierte Adolf Muschg ein Essay in der Schweizer Ausgabe der Hamburger „Zeit“.

Adolf Muschg zum Bettag: Selbstachtung 2009

Der „Grossintellektuelle“ im Online-Schredder

Schon Mittwoch, 16.Sept. 2009, 15.40, wurde auf dem „News-Netz“ unter dem Titel „Adolf Muschg schiesst scharf auf die Schweiz“ eine Zusammenfassung von (mcb) publiziert, die sogleich 79 oft recht rüde Kommentare auf sich zog. „Die Zeit“ war in den Kiosken der Eidgenossenschaft eben aufgelegt worden (Donnerstagmorgen) als vor Mittag die gleiche (mcb) die süffigsten Kommentare zu neuem „online-content“ bündelte: „Muschg – ein Auslaufmodell?“. Es wurde also nicht über den Bettag und den Inhalt des Muschgschen Essays diskutiert, sondern es wurde der „letzte Schweizer Grossintellektuelle“ zum Abschuss frei gegeben. Bei einer „google-Suche“ wird man erschlagen, denn die überaus dürftigen Geistesprodukte erscheinen gleich auf allen Portalen des „News-Netzes“ mit dem identischen Kommentarschwanz: auf tagesanzeiger.ch, auf bernerzeitung.ch, auf bo.bernerzeitung.ch, auf derbund.ch, auf thurgauerzeitung.ch, auf solothurnerzeitung.ch, auf bazonline.ch. Der Tamedia-Moloch der Verblödung.

Mehr Sorgfalt in der Print-Provinz

Die „Basler Zeitung“ brachte am 18. September in der Rubrik „gesagt ist gesagt“ einen kurzen Ausschnitt aus dem muschgschen Zeit-Essay:

«Eigentlich befindet sich die Schweiz schon seit dem Bergier-Bericht, spätestens seit dem Grounding der Swissair in einem kollektiven Dauerschock, an dem vielleicht das Typische, aber auch das Bedenklichste seine Verleugnung ist.“


AZ-Muschg

Noch weiter ging die in Baden hergestellte Aargauer Zeitung. Die Feuilleton-Chefin Sabine Altdorfer bat in der Ausgabe vom Bettagssamstag die Leserschaft, sich mit dem Essays Muschgs auseinanderzusetzen und der Leserbriefredaktion die Meinungen und Gedanken zuzustellen. Da im Moment in der Schweiz ein Abstimmungswochenende bevorsteht, wurde davon noch nichts publiziert, aber wir werden euch hier auf dem Laufenden halten. (1. update 25.09.09) Die „Aargauer Zeitung“ hat in der heutigen Ausgabe drei erste Reaktionen abgedruckt: zwei Leserbriefe lehnen Muschgs Intervention ab, ein dritter überprüft die Interpretation Muschgs des Bettagsmandats 1862 von Gottfried Keller und argwöhnt, ob nicht andere Gründe, als die von Muschg genannten, zur Ablehnung des ersten Bettagsmandats des Zürcher Staatschreibers führten.

Schweigen der Sonntagspresse

Bettagssonntagspresse

In der Sonntagspresse der deutschen Schweiz, war der Bettag KEIN Thema, der Essay von Muschg auch nicht. Ich prüfte „NZZ am Sonntag“ (NZZ), „SonntagsBlick“ (Ringier), „Sonntags Zeitung“ (Tamedia) und „Sonntag“ (AZ-Media). Hier mussten die 400 Medienschaffende, die sich zur Bundesratswahl im Bundeshaus auf den Füssen herumstanden, ihre ach so wichtigen Erkenntnisse losschlagen. Diese Bundesratswahl (246 Parlamentarier, 400 Medienleute) war eher ein Journalistenkongress als eine würdige Verantstaltung.

Agentur-C

Einzig ein Inserat der Fundamental-Christlichen „Agentur C“ auf der Titelseite des  Sportteils des „SonntagsBlicks“ erinnerte an den Hohen Kirchlichen Feiertag. Vollends erschütternd aber war die Hauptausgabe der „Tagesschau“ des Staatsfernsehens SF: der Hohe Feiertag der Schweiz wurde mit keinem Wort erwähnt, aber drei Minuten lang wurde das Ende des Ramadans gezeigt mit Bildern betender Muslime in Mekka und mit Auszügen der Rede des Obergeistlichen in Teheran.

Intellektuellenhatz im „Tagesanzeiger“

Gestern Dienstag dann kommentierte der Wander-Reporter Thomas Widmer für das Haus Tamedia in dessen Flaggschiff dem „Tages-Anzeiger“ den Essay von Muschg. Sein Fazit: wir brauchen keine „Grossintellektuellen“. Auf morgen Donnerstag ist eine Entgegnung von Zeit-Redaktor Peer Teuwsen im „Tages-Anzeiger“ angekündigt. Weitere „swissness-slamer“ scheinen in der pipeline bereitzustehen. Eine eigene Entgegnung fiel beim „Tages-Anzeiger“ aus der „journalistischen Dramaturgie“ und wurde hier veröffentlicht. Wir werden hier dranbleiben.

Idealer Integrationstag

himmel2

Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag wäre eigentlich der geeignete Integrationstag für verschiedenste Kulturen und Religionen (Vgl. das Bettagsmandat der Aargauer Regierung 2007 Hier (seite3)). Er wäre der Tag der „kulturellen Konkordanz“, die einst Tschagrun hier in der Beiz vorgestellt hat. Tatsächlich hat die Regierung des katholischen Kantons Luzern ihre diesjährige Bettagsbotschaft auf eine interreligiöse Plattform gestellt. Beteiligt sind Katholiken, Christkatholiken, Reformierte und Muslime. Bei einer so breiten Plattform aber muss man sich auch auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken. Die theologische Tiefe, die dem Hirtenbrief der Bischofskonferenz etwa eigen ist, bleibt auf der Strecke. Interreligiös bleibt es beim schlichten „Danke“. (update 28.09.09) Matthias Herren hat in der NZZaS auf die besonders liberale Situation den Muslimen gegenüber an der von Jesuiten geprägten katholischen Fakultät der Universität Luzern hingewiesen.

Dilemma

In der Medienwelt von heute hat dieser Bettag ein grosses Problem. Da er 2000 seines gänzlichen Ruhe-Schutzes entkleidet wurde: früher waren alle Museen, Theater, Kinos, etc. geschlossen und Tanzen und Schiessen war verboten, die Kirchen sich nicht füllen, die Medien ihn als sinnstiftenden Kommunikationsanlass gänzlich ignorieren, so ergibt sich ein riesiger Graben zwischen dem Essay Muschgs, ein Stück deutscher Höchstkultur, und dem multireligiösen „Danke“. Beides bleiben Randphänomene: Aber die Stifter des Bettags hatten eigentlich nicht einen Anlass für Exoten im Sinn. Vielleicht hilft hier eine intelligente Blogosphäre weiter? Muschg wurde immerhin in Blogs rezipiert. Hier vom Zürcher SVP-Kantonsrat Zanetti, und hier von einer Schweizerin am Wattenmeer. Auch unsere hassgeliebtes „facts.ch“ hat es heute Mittwoch zuoberst aufs Menü gestellt. (3. update 24.09.09): Nun wurde der Artikel auch von helvetischen Sittenwächtern entdeckt. Gibt es noch mehr Muschg-Leser in der Blogosphäre?

Mama Pia“ jault in der „Weltwoche“ auf (1. update 24.09.09)

Pia Reinacher, von der Basler Kollegin Christine Richard auch schon liebevoll „Mama Pia“ genannt, die Mutterglucke der Schweizer Subventionsliteraten, einst Literaturkriterin beim „Tages-Anzeiger“ nun freie Kritikerin und Dozentin in Winterthur, erfraut sich auch die Muschgsche Kritik in Bausch und Bogen abzuschmettern. Ihr Antrieb scheint klar: sie muss unter der Gross-Glucke Muschg Platz für ihre gehypten Kolumnisten-Bibeli freihacken. Mehr Kommunikationswissenschaftlerin als Literaturwissenschaftlerin stellt sie den Muschgschen Text weder in den Kontext seines Werk (Keller-Biografie, Ausschwitz-in-der-SchweizDebatte 1997/98) noch in den Kontext der „Busspredigt“ des Bettags. Offensichtlich hat sie nicht einmal bei Muschg nachgefragt, wie der Text zustandekam. Putzig auch der Vergleich der Auflage der Schweizer Ausgabe der „Zeit“ mit jener, des „Bündner Jägers“ (8000): auch hier hat die Kommunikationsdozentin die neuesten Entwicklungen verpennt. Die Literatur-Kompetenz der „Weltwoche“ war selten derart lausig, wie bei dieser hingesudelten Polemik.

Peer Teuwsen: „Mein Gott. Das sind doch interessante Themen“

(2. update 24.09.09)

Im heutigen „Tages-Anzeiger“ (gibt es nur in Print) repliziert der Schweiz-Korrespondent der „Zeit“, welcher Muschg zum „Bettagsmandat“ eingeladen hat. Unter dem Titel „Verleugnung 2009“ (verlinkung 27.9.09) betont er die grosse Freundschaft Muschgs zur Schweiz und unterstellt dessen Kritikern (Widmer & Co), dass sie gleich denen, die früher Frisch († 1991), Dürrenmatt († 1990) und Meienberg († 1993) nach jeder Wortmeldung ins Pfefferland wünschten, die „drei Affen“ machten. Die Schweiz brauche engagierte Menschen, die sich über Sinn und Inhalt des „Schweizerseins“ Gedanken machten, oder wenigstens dazu anregten.

Update 30.9.09: Im heutigen Tages-Anzeiger dreht nun der in Oxford lehrende Schweizer Historiker Oliver Zimmer die Diskussion weiter. Die zwei geschichtsphilosophischen Teleologien einander gegenüberstellend: die rechte (und vielleicht eher katholische?): Sinn der Schweiz ist die Wahrung von „Freiheit“, „Selbstbestimmung“ und „Unabhängigkeit“ und die linke (und vielleicht eher protestantische?): Sinn der Schweiz ist es Republikanismus, Partizipation und die Weltgesellschaft voranzutreiben, plädiert Zimmer für die positivistische Utopie einer „faszinierenden Geschichte“. Leider nutzt Oliver Zimmer die Gelegenheit vor allem sich als Fachhistoriker ins Spiel zu bringen. Was gelungen ist. Auch ist ihm beizupflichten, wenn er zum Abschluss schreibt: „Auch die Historiker sind gefordert. Mit einer zuweilen einfach gestrickten ideologiekritischen Perspektive (wie auch ihrem Gegenteil) kann man sich in der Schweiz zwar medienwirksam positionieren. Dabei scheint entgangen zu sein, dass mit der Jagd nach Mythen und Fiktionen anderswo schon lange kein Blumentopf zu gewinnen ist.“ Ob eine von „historischen Missionen“ gereinigte Geschichte überhaupt ein menschliches Wesen interessieren dürfte, wage ich dann doch sehr zu bezweifeln.

Update 2010

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10 Antworten to “Bettag: Muslime, Muschg und Ramadan”

  1. ugugu Says:

    Hier! Danke für diesen souveränen Rückblick auf dieses intellektuell extrem unterfordernde Muschg-Bashing der letzten Woche. Die verweltwochisierung des Tages-Anzeigers scheint unaufhaltsam. (Und etwas über den Bettag hab ich auch noch gelernt, so ganz nebenbei.)

  2. Himmel, und wo sind die Atheisten? « Journalistenschredder Says:

    […] Das war dann im übrigen auch mein Beitrag zum «Eidgenössischen Dank- Buss- und Bettag», den ich, wie alle anderen Medien auch (ausser der «Zeit») liederlich verschlampt habe… […]

  3. uertner Says:

    Gestern hatte die Beiz mit 102 externen Besuchern wieder einmal „full house“, 48 wollten diesen Artikel lesen, 17 wurden uns von der Weltwoche per Link zugeleitet. Man dankt der aufmerksamen Weltwoche-Online-Redaktion. (Die Tamedia hingegen linkt nicht aus eigenem Antrieb, unterdrückt aber Kommentare mit Links hierher). Die Tamedia meint wohl „Das News-Netz ist der Cyber-Space“. Hochmut kommt vor dem Fall.

  4. flashfrog Says:

    Adolf Muschg: „Vorstellungskraft ist kein Privileg der Dichter. Es ist die erste Bürgerpflicht.“

    Gefällt mir, der Satz.

    So von aussen betrachtet finde ich die Schweizer Lieblingsbeschäftigung mit ihrer Identität, den ewigen Diskurs über ihre nationalen Selbst- und Aussenbilder ein bisschen kurios. Aber interessant. 🙂

  5. uertner Says:

    @flashfrog
    Da habt ihr es in Deutschland schon viel einfacher, ihr geht auf die Strasse und ruft „Wir sind das Volk“. Wir sind das schon lange, nur müssen wir uns vier mal im Jahr über Abstimmungsvorlagen die Köpfe zerbrechen und in vielen Gemeinden noch zweimal im Jahr in Einbürgerungs-Abstimmungen uns überlegen ob nun der ausländische Miteinwohner xy, die Kriterien für einen „guten Schweizer“ erfüllt. Das schafft nun halt einen immensen Kommunikationsbedarf.
    Aber auf diese strukturellen Unterschiede hinzuweisen ist politisch nicht mehr korrekt, da wir alles Menschen sind und auch Deutsche nun Europäer geworden sind. Und alle Europäer, die hier einen Job ergattern auch hierher kommen dürfen. Und je mehr kommen, desto mehr wird gebaut, und je mehr gebaut wird, desto mehr kommen.
    Vielleicht müsste man mal Meck-Vorpommern als Kanton aufnehmen und dort eine Steueroase einrichten, um dort die Entvölkerung zu stoppen.

  6. uertner Says:

    Gestern hat sich die Diskussionssendung „Arena“ mit dem Plakat der SVP für das Minarett-Verbot beschäftigt.

    So sieht das Plakat aus
    So das Gegenplakat einer Agentur

    Und hier macht sich ein türkisch-stämmiger Basel-Lanschäftler Gedanken zur Integration. Leider kann man dort nicht kommentieren, aber vielleicht kommt der Blogger mal in die Beiz, es wäre spannend und wir könnten einen eigenen Thread eröffnen.

  7. uertner Says:

    http://www.chblog.ch/migrationspolitik/

  8. Hugenotten, Muslime und Plakate: Bilaterale Betrachtungen « beiz 2.0 Says:

    […] haben wir es in der Schweiz mit einer grossmehrheitlich friedlichen, intergrationswilligen, ja sehr integrationskreativen muslimischen Bevölkerung zu tun. Diese strukturellen und geschichtlichen Unterschiede zwischen […]

  9. uertner Says:

    Bettag 2010: Die Tamedia berichtet auf Newsnetz über den „Busstag“ der Juden. Verschwiegen wird wieder der Bettag der Christen. Wie soll ein Medium, das derart wenig von der eigenen Kultur zu wissen scheint, dien „Integrationsleistung“ vollbringen?
    http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Heute-duerfen-wir-am-Kiosk-keinen-Tagi-kaufen-und-auch-nicht-Tram-fahren-/story/31132501

  10. Rückblick auf den Bettag 2010 « beiz 2.0 Says:

    […] in der Schweiz-Ausgabe Hamburger „Zeit“ für etwas Wirbel sorgte (wir verfolgten diesen hier), war das publizistische Interesse der Holz- und Onlinemedien eher beim Ramadan und beim jüdischen […]

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