Wettstrahlen der „Leuchttürme“

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Das Pressegeschäft ist beinhart geworden, die Zeitungen werden dünner, seichter und teurer und die Zeitungsverträger ärmer und um dies alles den Printkunden schmackhaft zu machen, wird ein teures Layout-Lifting durchgeführt. Die „Alte Tante“ an der Falkenstrasse hat sich als erste unters Messer gelegt. Die Physiognomie des Kopfes wurde beibehalten, aber statt „SCHWEIZER AUSGABE“ (neben der INTERNATIONALEN AUSGABE) steht nun „NZZ – ZEITUNG FÜR DIE SCHWEIZ“ und darunter statt dem beeindruckenden „Der Zürcher Zeitung 230. Jahrgang“ (wunderbarer Genitiv!) das kursive „gegründet 1780„. Das ist wie wenn eine ältere Dame vom plissierten Rock auf die Levis 501 umsteigt „established 1780“ prangt nun über ihrem immer noch knackigen Hintern. Und unter dem Hinweis auf das WWW  und dem Preis für das weltberühmte Lokalblatt „Fr. 3.00 . € 2.60“ (warum nicht auch £, $ und ¥?) wird unter dem Strich erklärt worum es bei diesem „Tenü-Türk“ geht:

Substanz und Ästhetik

Was damit gemeint ist, wird sofort klar: Luft, Licht, Durchschuss (wie der Drucker sagt, der Zeitungsfreund schnallts sofort: weniger Inhalt). Fortan sind die Artikeli alle schön in Gätterli gesperrt, damit die Schäfchen-Buchstaben schön auf Zeilen gereiht beisammen bleiben und das Leserauge (das ja bei den Gratisblättern und der Sonntagspresse sozialisiert wird, nicht wahr, die NZZ ist halt keine „Einstiegsdroge“) wird nicht überfordert durch zu viele Zeichen. Die sinnreich zusammengestellten drei Bünde haben nun eine „Menüführung“ mit grau hinterlegten Hinweiskästchen.

1. International/ Schweiz/Zürich und Region/Zürcher Kultur/Meinung & Debatte /Vermischtes (der politisch-gendermaingestreamte Bund für „Sie&Ihn“)

2. Wirtschaft/ Fokus der Wirtschaft/ Börsen und Märkte (bunte Zähleli!!!)/Sport

(ökonomisch-agonistisch-testoteron-Bund für Ihn)

3. Feuilleton /Mi: Forschung und Technik, Sa: Literatur & Kunst

(der Soft-Bund für Sie, die gepflegte Konversation auf der chaiselongue)

Beförderungen in der Redaktion (nach dem Vorbild der NZZaS):

C.W.   wird ernannt zu      „Von Christopf Wehrli“ (wenn er meint und nicht berichtet)

hof. wird ernannt zu „Markus Hofmann“ (der berichtet vorerst nur und meint noch nicht)

Bestallte Redaktoren schweben nun mit kursivem Namen in viel Weiss zwischen Titel und Textblock. Korrespondenten heben kursiv mit ihrer „Location“ ab

Karl Hofer, Sueca

Die stillen Schaffer aber im Wirtschaftsbund bleiben bei ihrem Kommis-Outfit:

brü. Washington (hochgestelltes Kolon) Und dann gehts los.

pfi. Peking (hochgestelltes Kolon) Das Lob ich mir!

Eine Neuausrichtung des „Feuilleton“ hat aber schon stattgefunden: fortan sollen die Musen etwas mehr in den Dienst der Nachrichtenlage (philosophia ancilla novitatis) eingespannt werden. So wird zu Hohen Feiertagen der Christenheit kein Theologe mehr ins Haus geholt (philosophia ancilla theologiae), sondern man lässt den Haus-Tuttologen (ujw.)schreiben. Der „unsichtbaren Hand“ will man mehr Ehre geben: wie diese tickt, wusste schon immer „G.S.„, der nun nach der Finanzkrise zu „Von Gerhard Schwarz“ befördert wurde. Die Entschädigungen für die freien Feuilletonisten wurden eingedampft zu luftigen Honoraren (symbolisches Ehrengeld), dafür beugt sich nun der Feuilleton-Chef nicht mehr über den Nachhall von Schrapnell-Geschossen in jüngerschen Stahlgewittern, sondern kümmert sich als Leib- und Seelenarzt um die Befindlichkeit des Verwaltungsrates Konrad Hummler, aus dessen „Anlegerbriefe“ er die geistige Verfassung der Nation extrahiert. Schliesslich ist die Bank Wegelin (gegründet 1744) älter als die „Alte Tante“ (gegr. 1780) und viel älter als der moderne Bundesstaat (erst 1848 gegr.), da geht es um das Ancienitätsprinzip! Konrad Hummler hat darum auch die wichtigste MEINUNG, die als freischwebender  Leuchtturm „Seitenblick“ die Debatten-Seite dominiert. Der SP-Bundesrat darf als Cicero-Preisträger ein paar grundlegende und grau hinterlegte Gedanken einbringen, während darüber „Von Andrea Martel“ einen „Aufgehellter Konkunjkturhimmel“ feststellt und der wackere „Von Christoph Wehrli“ sich um „Das hohe Gut wissenschaftlicher Redlichkeit“ Sorgen macht.

Nun ist der neue „Mitbewerber“ „Die Zeit-Schweizerausgabe“ am ungeschützten Bettagshimmel mit der „dicken Berta“ Adolf Muschg aufgefahren und hat einen publizistischen Einschlagtrichter im Mittelland hinterlassen (Basler Zeitung, Aargauer Zeitung, News-Netz, Tages-Anzeiger). Das kümmert die „Alte Tante“ gar nicht, sie hat nur ein Donnergrollen am Horizont gehört, die Feuilletonisten machen dort unverdrossen ihre weltberühmte Arbeit. Konrad Hummler steht noch fest im Leuchtturm und Martin Meyer holt immer neues Petrol aus dem Keller, wo auch ein Notvorrat Schnaps und eine alte Schnapsrotationsmaschine für den hummlerschen Kampf bis zum Endsieg im Atombunker gewartet wird.

Bei der Tamedia, hat man den Volltreffer des ehemaligen Mitarbeiters Teuwsen doch vermerkt. Nach ersten Abwehrmassnahmen im News-Netz durch (mcb) hat der Wander-Redaktor den Muschgschen Einschlagtrichter durchmessen und als irrellevant erklärt. Heute Freitag aber nimmt der Sozio-ökonomo-philosophische Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der erste helvetische Kolumnist mit Ganzkörper-Affiche, der geschwätzige Dr. Binswanger den Leuchtturm der „Alten Tante“ unter Beschuss. Schliesslich hat sein Chef-Chef Dr. Res Strehle („68 aber lieb“) die Meinungsführerschaft beim mittleren Kader schon gewonnen und will nun die „Falkenstrasse“ mit den wirren binswangerschen Begriffspetarden sturmreif schiessen, um dann als siegreicher Feldherr die bourgeoise  Falkenstrasse mit seinem marxistischen Begriffsinstrumentarium dem Erboden gleich zu machen.

Max Küng™ wird dann den Sport-Teil und Michele Roten™ das Fötong übernehmen.

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5 Antworten to “Wettstrahlen der „Leuchttürme“”

  1. BodeständiX Says:

    Köstlich, köstlich und noch viel mehr vom Selben wünscht sich von uertner der BodeständiX.

  2. flashfrog Says:

    Herrlich geschrieben! 🙂

  3. zappadong Says:

    M. Roten muss das Fötong nicht übernehmen. Das macht S. Meier, deren Reportagen über das Filmfestival von Venedig 90 % Boulevard und 10 % irrelevante Filmkritik war. Was kann da noch Schlimmeres kommen?

  4. uertner Says:

    @Zappadong
    1. Ist das wieder mal tüpisch Stutenbissigkeit: wo es doch entlich mal eine Frau durchs Studium geschafft hat und dann auch noch einen geilen Job hat, wird sie gleich von Hausfrauen aus der Pampa niedergemacht 😉
    Mein Sträusschen, das ich als schreibender Hausmann mit dem weiblichen Originalgenie aus dem Glashaus ausfocht hier:
    http://facts.ch/articles/356830-klageweib-das-girardets-kleines-lexikon-der-schweiz
    2. Und Morgen früh um 6,30 liegt der neu gestylte Tagi im Milchkasten, Hehe, den wollen wir uns genau anschauen. Bin sehr gwundrig.

  5. zappadong Says:

    @uertner: Wäre S. Meier ein Mann, hätte ich genau dasselbe geschrieben. Ich erwarte von einer Berichterstattung von einem Filmfestival einfach mehr als nur die schreiberisch gewürdigte Tatsache, dass jemand im Film xyz eine Freitagtasche umhängen hat. Und der ganze Boulevardgugus hätte auf die Kehrseite gehört. Ich wollte eigentlich gerne etwas mehr über die gezeigten Filme erfahren. Auf der Kulturseite. Auf der Klatschseite hätte mich das „Aaglegg“ und das Wer-mit-Wem schon interessiert, da ich Klatsch nicht abgeneigt bin.

    PS: Der neue Tagi gefällt mir. Er ist ein Versprechen für die Zukunft (Konnte ihn allerdings nicht allzu genau unter die Lupe nehmen, da ihn Herr Zappadong genau heute ausnahmsweise zur Arbeit mitgenommen hat).

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