Archive for Oktober 2009

Der uertner als feminist

Oktober 19, 2009

In diesem Blog wird der „uertner“ oft als patriarchaler Hinterwälder wahrgenommen. Nach der gestrigen „Anne Will“-Sendung muss er sich aber als Fan einer mutigen und eigenwilligen Frau outen: Güner Yasemin Balci, die türkisch-stämmige Journalistin, hat mich mit ihren klaren, engagierten und erfahrungsuntermauerten Voten beeindruckt. Besonders wie sie dem klassischen Multikulti-SP-Professor widersprach, der mit Brille und Bart und Manchesterhose (der Typus schien schon fast Karikatur, so sehr entsprach er dem, was heute als „linker kultureller Mainstream“ gilt). Der an die Sendung anschliessende Chat kann zur Lektüre nur empfohlen werden.  Erstaunlich ist eines: Thilo Sarrazin wurde für ähnliche Aussagen schier gesteinigt, welche eine türkischstämmige Frau ungehindert im öffentlich-rechtlichen Fernsehen machen darf.

Mir wird ja zu Recht totale Unkenntnis Deutschlands vorgeworfen, da ich noch nie in Kreuzberg einen Döner gegessen habe und Deutschland nur aus den Medien kenne (ausser einem kurzen Aufenthalt in der Tübinger Universitätsbibliothek). Mir scheint aber diese Frau Balci bestätigt mir das Bild von Deutschland, das ich mir in Bezug auf Integrationsfragen gebastelt habe.

Können mich die Deutschen User des Blogs bitte korrigieren? Wo irre ich? Welche Argumente müsste ich noch in meine Betrachtungen einbeziehen? (Ausseer dem Döner auf dem Berliner Kiez, den ich gewiss bald kaufen und geniessen werde).

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Von der McDonaldisierung der Lesekultur

Oktober 17, 2009

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/487972

„Das Buch, das immer auch eine Ware war, ist bei Thalia zur ausschließlichen Ware geworden. Die obersten Verkäufer sehen vollkommen von deren Inhalt ab.“

„Und das ist die eigentliche Geschichte: Wie das Buch jetzt verkauft wird, als wäre es ein Deo oder ein Schokoriegel oder ein Ohrring, wie es, als allerletztes Produkt, in den harten, effizienten kapitalistischen Warenkreislauf geschoben wird, und was daraus folgt für das Buch.“

„Die Kommunikation gestaltet sich jetzt folgendermaßen: Der Verlag fertigt eine extra Vorschau für jede Kette. Darin geht es nicht mehr um einen Buchinhalt, sondern, wie der Herr Handke sarkastisch sagt, „darum, ob man zwei Seiten in der Brigitte kriegt oder seinen Autor zu Kerner und wie viele Exemplare dieser Autor beim letzten Mal bei Thalia verkauft hat“. So was steht da drin. Und anhand dieses Materials ordert eine Gruppe von Einkäufern die ihrer Meinung nach wichtigsten Bücher für ganz Thalia. Nicht einmal die Anzahl jener sogenannten A-Titel darf von den Filialen selbst bestimmt werden. Sie wird von der Zentrale vorgegeben.“

„Und da das so ist, verliert die Frau Jelinek dann doch ihre Gelassenheit und erzählt von den Schmerzen, die es allen in ihrem Verlag jedes Mal bereitet, wenn sie die paar Autoren auswählen müssen, welche mit ihren Neuerscheinungen überhaupt in jene dünne, dem mächtigen Thalia-Einkauf mundgerecht servierte Extravorschau kommen. In die Verlosung, bei der die Bestseller gezogen werden. Nur etwa jeder Achte hat bei ihr das Glück. „Das ist schrecklich für die anderen.“

„Die Bestseller nämlich werden durch das Vorgehen der Ketten immer bestselleriger, der große Rest fällt immer schneller aus den Regalen in die Vergessenheit. (…) Was das alles fürs Leben & Sterben der eigentlichen Produzenten, der Schriftsteller, bedeutet, liegt auf der Hand.“

Diese Entwicklung beobachte ich auch seit ein paar Jahren mit wachsender Sorge. Bücher sind nunmal keine x-beliebige Ware, bei der es nur darauf ankommt, möglichst viel bedrucktes Papier über den Ladentisch zu schieben.
Bücher sind Fenster zu anderen Welten.
Klar stehen weiterhin alle bestellbaren Bücher der Welt zur Verfügung, theoretisch.
Aber das sichtbare, aufdringlich präsentierte Angebot in diesen Buchhandlungsriesenketten, die in den letzten Jahren ein ehemals unabhängiges Traditionsgeschäft nach dem anderen geschluckt haben, ist wirklich überall dasselbe: Best- und Fastseller haufenweise, die nach spätestens einem halben Jahr wieder aus den Regalen fliegen, durch die nächsten mit heisser Nadel zu Trendthemen gestrickten Hype-Bücher verdrängt. Und was nicht in den Bestseller-Regalen oder auf den Trend-Bücher-Haufen und Sonderposten-Tischen der Buchhandlungen liegt (und da liegen eben überall dieselben), von dessen Existenz erfahren die meisten Leser nie. Das zwingt auch die Verlage, entsprechend zu produzieren: einfaches, massenkompatibles literarisches Fastfood, billig produziert, schnell konsumierbar, fett, aber mit wenig geistgem Nährgehalt.

Ich kaufe meine Bücher deswegen bewusst möglichst in kleinen unabhängigen Buchläden mit interessantem Sortiment.
Und falls Sie ein bestimmtes Buch, das Sie suchen, dort nicht finden: Auch der kleinste Laden kann jedes gewünschte Buch für Sie bestellen.

Hugenotten, Muslime und Plakate: Bilaterale Betrachtungen

Oktober 11, 2009

deutscher MuslimWer würde diesem Konfirmanden ein Attentat auf bayrische Säufer zutrauen?

Als Abkömmling italienischer Hugenotten bin ich durch meinen Stammbaum für Fragen der religiösen Toleranz sensibilisiert. Die Waldenser erhielten im Königreich Savoyen die bürgerlichen Rechte zusammen mit den Juden anno 1848. Als Calvinist mag ich auch das offene, rationale Wort.  So scheint es auch zwei Mit-Hugenotten in Berlin und Basel zu gehen. Schon ihre Familien-Name outen sie als ehemalige Aussenseiter. Da ist mal der Herr Bankdirektor, der deutsche SP-Genosse Thilo Sarrazin (der mit den „Sarazenen“ in Verbindung steht, wie die Basler Hugenotten-Familie und Privatbank Sarasin), der in der Zeitschrift „Lettre International“ pointierte Aeusserungen gemacht hat, deren klarste Henryk Broder in seiner Kolumne in der Weltwoche allesammt übernahm, weil sie dem jüdisch-stämmigen Kolumnisten bedenkenswert erschienen. Und dann ist noch in Basel der Hugenotte und grüne Stadtpräsident Guy Morin, der das Verbot der „Anti-Minarett-Plakate“ der SVP auf der Baseler Allmende (öffentlichem Grund) in einem Interview rechtfertigt. (update 17.10.09) „Unklug“ nennt zu recht „C.W.“ in der NZZ die Aeusserungen Guy Morins gegenüber dem Basler Onlin-Portal „Kleinreport„, wonach Glockengeläut und Ruf des Muezzins einander gleichzustellen wären.

Wieder einmal haben wir es mit einer „deutsch/helvetischen“ bilateralen Betrachtung zu tun. Wo liegen die relevanten Unterschiede der beiden Staatswesen.

1. Die „schweizerische Eidgenossenschaft“ hat eine Bundesverfassung, die noch immer „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ beginnt (wíe der erste Bundesbrief 1291, wurde 1848 übernommen und 1874 und 1999 nochmals übernommen). Die Schweizerische Eidgenossenschaft hat ihren 1815 gefassten Auftrag zur „bewaffneten, immerwährenden Neutralität“ bisher – wenn auch streckenweise mit mehr Gerissenheit als moralischer Unbeflecktheit – einigermassen erfüllt. Es herrschen in der Schweiz seit 1848 jene republikanischen Zustände, die in Deutschland erst 1919 hergestellt wurden und nach dem 2. Weltkrieg wiederhergestellt werden mussten. Im deutschen Grundgesetz (einem Provisorium, das nach dem Mauerfall hätte ersetzt werden müssen) ist von keinem Gott mehr die Rede, sondern von der „Würde des Menschen“, einem auf die jüdische Tradition zurückgehendem Postulat der Renaissance.

2. Durch die direkte Demokratie (dank der Minarett-Initiative der SVP) wurde es in der Schweiz nun nötig eine Thematik zu traktandieren, die bis dato vom herrschenden Mainstream-Denken schamvoll unter den Teppich gewischt wurde: die Stellung, welche der Islam als bald drittgrösste Konfession/Religion auf dem Boden der Schweizerischen Eidgenossenschaft spielen soll. Denn bei den derzeitigen Zahlen und dem demografischen Potenzial kann man den Islam in der Schweiz nicht mehr länger den „Zeugen Jehovas“ den Sikhs oder den tibetischen Buddhisten gleichstellen, die allesamt kein Bedürfnis haben den öffentlichen Raum mit Türmchen zu schmücken, die streitbare Christen ebenso ärgern können wie streitbare Atheisten.

3. Während in Deutschland schon Projekte von Grossmoscheen im Bau sind und es der eingeborenen Bevölkerung sogar verboten wird, dagegen zu demonstrieren (in Köln etwa). Während in Deutschland Ghettos entstanden sind, in denen sich eine Parallelgesellschaft breit macht, deren Rechtsvorstellungen (Scharia) auch schon durch höchstrichterliche Entscheide gestützt wurden, haben wir es in der Schweiz mit einer grossmehrheitlich friedlichen, intergrationswilligen, ja sehr integrationskreativen muslimischen Bevölkerung zu tun. Diese strukturellen und geschichtlichen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz bitte ich bei den folgenden Gedanken präsent zu halten.

Während nun der Hugenotte und SPD-Mann Thilo Sarrazin in Deutschland niedergebrüllt wird und nur beim jüdisch-stämmigen Henryk Broder Schutz und Hilfe findet, ist der Hugenotte Guy Morin in Basel auf der anderen Seite. Nun muss man sehen, dass Basel und Berlin zwei grundverschiedene Städte sind. Während in Berlin die Initiative „Reli-plus“ für die Einführung von Religionsstunden an den staatlichen Schulen durchfiel, hat Basel-Stadt wie jeder Schweizer Kanton solche Religionsstunden geregelt (mittlerweile auch für die Muslime). Während in Berlin das Integrationsthema lange Zeit verschlafen wurde, hat Basel mit dem schier weltberühmten Intergrationsbeauftragten Thomas Kessler Massstäbe gesetzt. Verständlich darum, dass die grün-links-regierte Stadt Basel auf ihrer „Allmende“ den Aushang der Plakate verboten hat und verständlich auch, dass der Basler Professor Georg Kreis (der „Ajatollah des Gutmenschentums“) diese Plakate auch für höchst bedenklich erklärt. Da das Recht auf Plakatierung auf öffentlichem Grund eine Kompetenz der autonomen Schweizer Gemeinde ist, hat sich folgende Situation in den Schweizer Städten ergeben.

Anti-Minarett-PlakatVerboten wurde der Aushang des Plakates auf öffentlichem Grund in: Basel, Lausanne, Fribourg (update 16.10.09) Basel, Freiburg, Lausanne, Morges,
Neuenburg, Nyon und Yverdon

Erlaubt ist er in:  Zürich, Luzern, Genf, St.Gallen (update 16.10.09) Bellinzona, Biel, Chur, Genf, Luzern, Olten, St. Gallen, Schaffhausen, Winterthur, Zürich, La Chaux-de-Fonds NE und Villars-Sur-Glâne FR sowie im Kanton Jura

Das Plakat an und für sich erweist sich als „Rorschachtest“ für politische Korrektheit. Es gibt auch berühmte Zeitgenossen, wie unser grosser Rhetoriker im Bundesrat, Moritz Leuenberger, die erst nach etwas Knobeln mit ihrer Empörung im Lager der „politisch Korrekten“ landen.

Wohltuend darum der Spott, den der „Nebelspalter“ über den ganzen Vorgang der Verbotsdiskussion giesst.

Bleibt die Frage: „sind Minarette nötig“? Warum stellt sich diese Frage nicht bei den jüdischen Synagogen? In einem sehr gründlichen Artikel hat Christoph Wehrli in der „Neuen Zürcher Zeitung“ nachgewiesen, dass Minarette erst im 11./12. Jahrhundert gebräuchlich wurden: der Zeit der Kreuzzüge.

Ich für meine Persson stellte fest, dass ich sowohl in einem „tempio“ ohne Kirchturm getauft wurde, als auch meine beiden Töchter, im „Bethaus“ das vom Goethe-Freund Lavater gebaut wurde (auch das ohne Kirchturm, nur mit einem Dachreiter mit Uhr). Calvinisten brauchen keine Kirchtürme (auch im christlichen Bereich gehören sie in die Epoche der Kreuzzüge). Moderne Kirchen werden heute oft ohne Kirchtürme gebaut (hier in den 90er oekumenisches Zentrum Wolfhausen). Die Katholiken durften in der Eidgenossenschaft in reformierten Gebieten oft keine Kirchtürme bauen und auch im gemischten Kanton Thurgau, wo ich den Konfirmandenunterricht besuchte war der reformierte Kirchturm ein klitzekleines Ding, neben dem grossen katholischen, der die Uhr trug und wohl heute auch eine Mobilfunkantenne.

Türme sind stets politische Statements. Darum spricht man auch bei einer bornierten, engstirnigen Politik von einer „Kirchturmpolitik“ oder moniert „die Kirche (samt Turm) müsse im Dorf bleiben“. Heute braucht niemand mehr eine öffentliche Uhr, auch für Fliegeralarm etc. haben wir weltliche Sirenen-Standorte, es braucht keine neuen Türme als politisch-religiöse Symbole im öffentlichen Raum, deren Notwendigkeit anzuerkennen würde heissen hinter die Aufklärung, ja hinter die Reformation zurückfallen zu wollen. Da ich mir in keiner Weise die Rückkehr in mittelalterliche Fundamentalismen wünsche, erachte ich den Bau von Minaretten als fataler Rückschritt. Gerade Kirchtürme und Minarette erinnern an eine Epoche OHNE Glaubens- und Gewissensfreiheit.

Die Frage bleibt, ob man dies den Muslimen in der Schweiz ausdrücklich verbieten soll, oder ob man ihnen als Liberale die Einsicht zutraut, dass der Bau von Minaretten als „Aergernis“ wahrgenommen werden könnte und daher von einer Minderheit zu unterlassen ist. Letztere Postition vertrat kurz vor seinem Tod Hugo Loetscher in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger. Der kosmopolitische Schriftsteller, der die Geheimnisse des Waschküchenschlüssels unnachahmlich klar analysierte, sagte voraus, dass die Konfliktvermeidungsstrategien, welche Katholiken und Prostestanten in der Schweiz ausgearbeitet haben, automatisch dazu führen werden, dass die Muslime aus Einsicht auf den Bau von Minaretten verzichten werden.

Er beschrieb explizit eine Schweizer Konföderation, die von Gott persönlich so geplant worden sei. Die Schweizer seien ein auserwähltes Volk, meinte Hilty. Mit Verlaub, weder die Schweizer noch Amerikaner haben Gott für sich gepachtet. Die Brasilianer betrachten Gott als den ihren; und so tun es auch die Mexikaner. Übrigens ist der Streit um die Minarette nur eine Wiederholung dessen, was ich früher selbst erlebte habe. Als meine Schwester in der Enge katholisch heiraten wollte, mussten wir vor der Kirche warten, bis es anderswo läutete. Die Katholiken durften damals zwar ein Gotteshaus samt Turm bauen, aber keine Glocken aufhängen. Das Problem hat man dann typisch schweizerisch gelöst, indem die Protestanten für die Katholiken geläutet haben. Eine Moschee ohne Minarett ist ein vergleichbarer Kompromiss.

Dieser Verzicht wäre ein deutliches Zeichen, dass die betreffenden Muslime sich in die „schweizerischen Gepflogenheiten“ wunderbar integriert haben. Da nun aber aus der Frage, ob Minarette gebaut werden sollen, eine Frage der „Integration“ gemacht wurde und bei einer Ablehnung der Initiative die Muslime sich im Glauben bestärkt sähen, dass es dieses mittelalterliche Attribut für eine moderne Religion in der Schweiz unbedingt brauche, sehe ich mich gezwungen ein „JA“ zur SVP-Intiative einzulegen. Denn bevor wir in der Schweiz einen mittelalterlichen Islam in Beton zu giessen beginnen, möchte ich andere rein, rechtliche Fragen sauber geklärt haben:

1. fühlt sich ein Muslim in extremis einer Verfassung verplichtet, die durch die Präambel „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ eingeleitet wird und nicht durch die schwammige „Würde des Menschen“ oder sich auf „Allah, den Allbarmherzigen“ bezieht.

2. Glaubt ein strenggläubiger Muslim an die Legitimation von Bundesräte, wenn diese „vor Gott“ einen Amtseid ablegen und die drei Schwurfinger (Sinnbild der christlichen Trinität) hochstrecken, oder wird mal ein muslimischer „Gotteskrieger“ auf einen „ungläubigen“ Magistraten schiessen?

3. Kann ein strenggläubiger Muslim auf die Umsetzung jener Koran-Suren verzichten, die ihm Freundschaft mit Juden und Christen verbieten und alle „Ungläubigen“ zum Abschuss freigibt?

4. In welche Richtung schiesst ein islamischer Wehrmann der Schweizer Armee (wird er überhaupt den Fahneneid auf eine Fahne ablegen können, die im Konflikt über die Karikaturen verbrannt wurde?) in einem Gefecht gegen Muslime? Schiesst er zusammen mit seinen Kameraden, den „Schweinefressern“, auf seine muslimischen Glaubensbrüder? Oder gerät er in grosse Gewissensnöte?

Die Klärung solcher Fragen, zusammen mit der Formulierung eines Religionsartikels in der Bundesverfassung, scheinen mir viel wichtiger als der Bau von phallus-Symbolen für mittelalterliche Religionsauffassungen. Darum: bleiben wir vernünftig, die Muslime sind längst da, sie intergrieren sich prächtig, verbieten wir die Minarette bis es einen klaren Religionsartikel in der Bundesverfassung gibt, der die offenen Fragen (die auch im Bezug auf die katholische kirche bestehen regeln). Schweizer Muslime akzeptieren den demokratischen Kompromiss, wenn nicht, wollen sie sich nicht in unsere Kompromiss-Kultur eingliedern. Für „Gotteskrieger“ ist hier kein Platz.

Literatur-Nobelpreis für Herta Müller

Oktober 9, 2009

Ich freue mich sehr, dass diese mutige kleine Frau, die selbsterlebte und mitgelittene Repression und Gewalt zu so einem scharfsichtigen, sprachsensiblen und moralisch starken Menschen gemacht haben, für ihr Werk geehrt wird.

In ihrem Roman „Herztier“ beschreibt Herta Müller in einer beklemmend präzisen Sprache, wie Freundschaft und Vertrauen unmöglich werden in der klaustrophobischen Atmosphäre der Angst und Repression im Rumänien Ceaușescus. Ein real existierendes „1984“ mitten in Europa. Herztier ist ein Buch, das die Mechanismen totalitärer Macht und Lebenszerstörung so fühlbar und gegenwärtig macht, dass allein das Lesen schwer auszuhalten wäre, spürte man nicht in jedem Satz die unbeugsame Warmherzigkeit der Erzählerin, die der Autorin offensichtlich biographisch sehr nahe steht.
Wie fühlt sich der Terror hautnah an? Wenn die Staatsmacht in deiner eigenen Wohnung herumschleicht? Wenn du jederzeit damit rechnen musst, verhaftet und gefoltert zu werden? Wenn das eigene Leben an einem Haar hängt? An dem Haar, das du in den Brief an deinen Freund legst, um festzustellen, ob er vom Geheimdienst geöffnet und gelesen wurde?

Nein, sie sind nicht ausgestorben mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, die modernen Systeme der Terrors. Haben wir den Mut, gegen sie zu protestieren, wo es uns nichts kostet, nicht einmal ein Haar?

Über Herta Müller: http://de.wikipedia.org/wiki/Herta_M%C3%BCller
Über den Roman Herztier: http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-20877-3
Und das ist Herta Müllers neuester Roman Atemschaukel: http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23391-1

Tamedia & Intelligenz: Bashen, Pushen, Voten, Ranken

Oktober 7, 2009

Das Konzept der Tamedia ist erschreckend simpel: nachdem zum Bettagsartikel von Adolf Muschg, dieser zum Abschuss freigegeben wurde und am Dienstag der andere Gross-Feuilletonist der Schweiz, Peter von Matt, die „Leuchttürme“ Frisch und Dürrenmatt im Print in einem sehr lesenswerten Essay verglichen hat, kann man nun den „grössten Schweizer Intellektuellen“ voten. Bitter nur für den medialen Mainstream: dessen Korkzapfen, Roger de Weck, wurde von Roger Koeppel überrundet. Je kompetenter die Leute, desto weiter hinten landen sie im Ranking. Aber immerhin: der Tamedia-Haus-Tuttologe, Daniel Binswanger (Magazin-Kolumnist) ist ziemlich weit vorne.

Die Polanski-Frage: ein Lackmuss-Test

Oktober 4, 2009

Der die Schweizer Medien in epischer Breite beschäftigende „Fall Polanski“ ist eine wunderbare Illustration, für den religiösen Versöhungsbedarf, der in einer Gesellschaft vorhanden ist und für das Stückwerk, das der irdische Rechtsstaat hier abliefern muss. Interessant wird der Fall durch die unterschiedlichen Rechtskulturen, die hier greifbar werden.

1. amerikanischer Puritanismus: Der Mann wird zu Recht für seine Tat verurteilt und zur Rechenschaft gezogen.

2. französischer Genie-Kult der „Grande Nation“: Nach dem ästhetischen Grundsatz „on ne met pas Voltaire en prison“ hätte man Polanski laufen lassen sollen. Diesem französisch-katholischen (ein Grosser Sünder kann auch ein Grosser Heiliger sein: oder gerade seine Sünden steigern seine Heiligkeit: entscheiden tut dies die Geistlichkeit oder eben „Volkes Stimme“) Rechtsverständnis huldigen unbewusst sehr viele „Kulturschaffende“, die sich mit Polanski solidarisiert haben.

3. feministische zero-tolerance. (fiat iustitia pereat mundus). Gerade das Schweizer Volk hat vor einiger Zeit, gegen die Bedenken vieler namhafter Juristen (u.a. der Frau Bundesrätin Widmer-Schlumpf), die Unverjährbarkeit von Sexualdelikten per Volksabstimmung festgeschrieben.

4. Pragmatische Schlaumeierei (Weg des geringsten Widerstandes). Für eine Warnung an Polanski plädieren verschiedene Kommentatoren, etwa  hier und interessanterweise auch der „abgewählte Bundesrat“ Christoph Blocher.

5. Konsequente Rechtsstaatlichkeit (protestantisch nüchtern). Insofern scheint mir die von Frau Justizministerin Frau Widmer-Schlumpf eingeschlagene und in den Medien mit klaren Worten verteidigte Lösung, der Festnahme und (möglichen) Auslieferung die sauberste Lösung.

6. Peinlich, wie deutsche „Qualtitätszeitungen“ auch in dieser Frage gänzlich den Kompass verlieren und die Schweiz mit dem Iran vergleichen wollen.

Die vereinigte Bundesversammlung hatte, wie figura zeigt, einen sehr guten „Riecher“ am 10. Dezember 2007 den Herrliberger „müssig gehen zu lassen“ und die unerschrockene Finanzdirektorin Graubündens in die oberste Landesbehörde zu wählen:

Quod erat demonstrandum. Was auch „bruder bernhard“ ähnlich sieht.

Bilaterale Überlegungen zum Tag der Deutschen Gem-Einheit

Oktober 3, 2009

Unaufgeregt, unprätentiös, normal. So könnte man wohl die Art beschreiben, wie die Deutschen (von ein paar Idioten mal abgesehen) mit ihrer Nationalidentität umgehen im Oktober 2009. Und das ist, nach den manisch-depressiven Verwirrtheiten des letzten Jahrhunderts, eine sehr angenehme Entwicklung. Wir sehen uns als mittelgosses Mitte-Land mitten in Europa mit mittelmässigen Politikern und mittelmässigem Wetter und fühlen uns eigentlich ganz wohl dabei.

Da verwundert es mich immer wieder, beim Blick über die Grenze zu beobachten mit welcher Vehemenz, ja Verbissenheit die (Deutsch-)Schweizer Nachbarn um ihre nationale Identiät streiten. Als wollten sie da etwas nachholen, das die EUropäischen Nachbarn bereits im letzten Jahhundert hinter sich gebracht hätten.
Mich erstaunt und fasziniert, wie weit Selbstbild, vermutetes Fremdbild und tatsächliches Fremdbild der Schweiz mitunter auseinanderdriften (siehe z.B. Muschg vs. Widmer):
Ist es nicht eventuell doch ein klein wenig vermessen, sich als einzig wahre Demokratie und Vorbildmodell für den Rest der Welt zu betrachten? Oder ist man tatsächlich umgekehrt, nicht Vorbild, sondern ein hoffnungslos veraltetes Auslaufmodell in einer Welt mit globalen Problemen, die sich nur noch global lösen lassen, und einem vereinten Europa, in dem nur noch die Schweiz nicht mit den andern Jungs spielen mag?
Und ist das alles dem Rest der Welt nicht eher ein bisschen egal?