Bilaterale Überlegungen zum Tag der Deutschen Gem-Einheit

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Unaufgeregt, unprätentiös, normal. So könnte man wohl die Art beschreiben, wie die Deutschen (von ein paar Idioten mal abgesehen) mit ihrer Nationalidentität umgehen im Oktober 2009. Und das ist, nach den manisch-depressiven Verwirrtheiten des letzten Jahrhunderts, eine sehr angenehme Entwicklung. Wir sehen uns als mittelgosses Mitte-Land mitten in Europa mit mittelmässigen Politikern und mittelmässigem Wetter und fühlen uns eigentlich ganz wohl dabei.

Da verwundert es mich immer wieder, beim Blick über die Grenze zu beobachten mit welcher Vehemenz, ja Verbissenheit die (Deutsch-)Schweizer Nachbarn um ihre nationale Identiät streiten. Als wollten sie da etwas nachholen, das die EUropäischen Nachbarn bereits im letzten Jahhundert hinter sich gebracht hätten.
Mich erstaunt und fasziniert, wie weit Selbstbild, vermutetes Fremdbild und tatsächliches Fremdbild der Schweiz mitunter auseinanderdriften (siehe z.B. Muschg vs. Widmer):
Ist es nicht eventuell doch ein klein wenig vermessen, sich als einzig wahre Demokratie und Vorbildmodell für den Rest der Welt zu betrachten? Oder ist man tatsächlich umgekehrt, nicht Vorbild, sondern ein hoffnungslos veraltetes Auslaufmodell in einer Welt mit globalen Problemen, die sich nur noch global lösen lassen, und einem vereinten Europa, in dem nur noch die Schweiz nicht mit den andern Jungs spielen mag?
Und ist das alles dem Rest der Welt nicht eher ein bisschen egal?

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12 Antworten to “Bilaterale Überlegungen zum Tag der Deutschen Gem-Einheit”

  1. Diana Says:

    >>>Und ist das alles dem Rest der Welt nicht eher ein bisschen egal?

    Vorallem das. Und das scheint mir ein Punkt zu sein, den man in der Schweiz vielfach noch nicht so richtig verstanden hat. Ob die Schweiz nun eine eigenbrödlerische Réduit-Insel bleibt oder Teil Europas wird ist den allermeisten Menschen ausserhalb der Schweiz einfach schlichtweg egal. Man mag die Schweizer so oder so, ja gewiss doch, auch wenn der Lack der friedlich-neutralen und Asyl-gewährenden Schweiz der einst im Kriege noch glänzte schon recht abgekratzt ist, so bleibt das Image der Schweiz nach wievor tendenziell leicht positiv bei Monsieur und Madame Dupondt ebenso wie bei Herr und Frau Schmidt. Trotz Nazi-Gold Banken und Steueroasen-Image.

    Von der aktuellen Selbstfindungskrise, von Muschg-Widmer Debatten dürfte man asserhalb der Schweiz nur dann etwas mitkriegen, wen man sich aktiv dafür interessiert und das wiederum dürften allenfals Ex- und Exilschweizer sein.

  2. uertner Says:

    @Diana
    Da hast du bestimmt Recht. Doch die Beiz ist eben aus der Idee der uerte, der willensnation, gewachsen. Die Schweiz-Debatte mag für Aussenstehende müssig erscheinen, sie ist aber immer auch eine Europa und allgemeine Teleologie-Debatte und darum gar nicht müssig. Unsere Täler sind Eng, aber der Himmel hoch. Die Höhe des Himmels danken wir Heinrich Seuse, Johannes Calvin, Karl Barth und Hans Küng. Alles Namen, die Dir als bekennender Neuheidin nichts bedeuten, gewiss, ohne die aber die Geistesgeschichte Europas nicht geschrieben werden kann.
    @flashfrog
    Dass Deutschland diesen „Tag der Einheit“ derart unverkrampft begeht, ist nicht unbedingt ein Zeichen der Hoffnung. Immerhin haben Kant, Hegel und Fichte die Idee des „Deutschseins“ sehr geprägt, auch Max Weber, Heinrich Heine, Karl Marx und Friedrich Engels waren Deutsche. Dass diese einst bewunderte Kulturnation nun selbstzufrieden ihren Multi-Kulti-Tag von Freude-Friede-Eierkuchen begeht ist nicht beruhigend, sondern gar beängstigend. Offensichtlich fällt den Deutschen zu Deutschland nichts mehr ein und so sind die Deutschen keine Willensnation mehr, sondern ein Klub der zufällig noch dort-Lebenden, damit war noch nie ein Staat zu machen.

  3. Diana Says:

    >>>Alles Namen, die Dir als bekennender Neuheidin nichts bedeuten,

    Noch mal, es wäre sehr angenehm, Du würdest mir nicht dauernd unterstellen, dass mir dies oder jenes nichts bedeute. Nirgendwo schrieb ich dergleichen. Du kennst mich nicht. Du bastelst Dir voreilig ein Bild von mir aufgrund Deiner Befindlichkeiten, doch dieses Bild ist *Deine* Fiktion. Es wäre nett, mich mit selbiger nicht zu belästigen, wenn es Dir schon nicht möglich ist, einfach ergebnisoffen auf mich zu reagieren.

    Das ganze sollte ja keine Kritik am Thema sein. In einem Blog mit dem Titel „Beiz“ erwarte ich Schweizer Themen. Ich fand z.B die Diskussion über die Muschg-Widmer Sache und den Bettag sehr interessant. Wie Flashfrog auch, habe ich nur eine generelle Feststellung im Kontext getroffen.

  4. Diana Says:

    Ach und noch was zu Calvin, bzw dem dem Katholzismus ach so überlegendn Protestantismus, ich zitiere mal aus Wikipedia:

    „“Luthers Haltung zur Hexenverfolgung

    Martin Luther war überzeugt von der Möglichkeit des Teufelspaktes, der Teufelsbuhlschaft und des Schadenszaubers und befürwortete die gerichtliche Verfolgung von Zauberern und Hexen.

    Die Aussage des Alten Testaments „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen“ (Ex 22,17 LUT) hatte für ihn Gültigkeit. Dies wird in einer Hexenpredigt deutlich, die Luther zu dieser Stelle hielt. Er verlieh hier seinem Abscheu vor dem Übel der Hexerei Ausdruck und gab einer Verurteilung der im Verdacht stehenden Frauen recht, was zusätzlich einen allgemeinen frauenfeindlichen Akzent hatte:

    „Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen… Sie können ein Kind verzaubern… Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird… Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle Verwüstungen im Haus, auf dem Acker, über eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann … Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder … Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.“

    – Predigt vom 6. Mai 1526, WA 16, 551f.

    Zahlreiche lutherische Theologen, Prediger und Juristen und Landesherren, zum Beispiel Heinrich Julius (Braunschweig-Wolfenbüttel) beriefen sich später auf einschlägige Aussagen Luthers.
    Calvin und die Hexenprozesse

    Genau wie Luther befürwortete Johannes Calvin die Verfolgung und Hinrichtung von Hexen. Unter Berufung auf die Bibelstelle Exodus 22,17 LUT erklärte Calvin, Gott selbst habe die Todesstrafe für Hexen festgesetzt. In Predigten tadelte er darum jene, welche die Verbrennung der Hexen ablehnen, und wollte sie als Verächter des göttlichen Wortes aus der Gesellschaft ausstoßen.

    Calvin glaubte, dass Männer und Frauen in Genf drei Jahre lang durch Zauberkünste die Pest ausgebreitet hätten und hielt alle ihnen durch die Folter abgepressten Selbstanschuldigungen für wahr, nachträglichen Widerruf für unwahr. 1545 wurden innerhalb weniger Monate 34 angebliche Hexen verbrannt.

    Ich weiss nicht, wie es anderen geht, aber soooo wahnsinnig aufgeklärt und humanistisch klingt das für mich jetzt irgendwie nicht.
    Aber klar, Sonne anbeten ist trotzdem schlimmer, Yo Män 😉

  5. uertner Says:

    @Diana
    Wir geraten hier etwas ins Abseits: nur zwei Bemerkungen.
    1. Luthertum und Calvinismus sind zwei gänzlich unterschiedliche Phänomene. 1973 wurden sie zwar in der „Leuenberger Konkordie“ notdürftig zusammengepappt, aber im Kirchenverständnis, Stellung zu Juden und auch den Frauen ergeben sich eklatante unterschiede. So waren es die Methodisten (Calvinistische Linksabweichler) und dann die reformieten Frankreichs, die als erste die Ordination der Frau einführten, welche bekanntlich die katholische Kirche bis heute ablehnt.
    2. Es wird hier etwas müssig die Toten gegeneinander aufzurechnen. Die 34 Hexen Calvins, gegen 20 000 Protestanten der Bartholomäusnacht, gegen 8 000 im Namen der „Vernunft“ während der terreur guillotinierten Franzosen, gegen die Millionen des Stalinistischen atheistischen Terrors, gegen die 6 Millionen Juden des Germanischen Rassenwahns. Und natürlich wäre es geschmacklos, die Millionen dank liberaler Abtreibungsregelungen nicht geborenen Europäer hier einzureihen.

    Können wir uns einigen: Der Mensch ist tendenziell ein unappetitliches Geschöpf, darum halte ich das jüdisch-alttestamentlich-calvinistische Menschenbild für einiges realistischer als die Rousseausche Gutmenschenseligkeit, die gerade von flashfrog wieder als positives Merkmal des Begängnisses des Tag der Deutschen Einheit zitiert wird.

  6. Diana Says:

    Dass Lutherismus und calvinismus zwei unterschiedliche Bewegungen sind ist mir bekannt, nur darum geht es nicht. Es geht auch nicht um ein Fingerzeigen, wer mehr Dreck am Stecken hat „Aufrechnen der Toten“. Ich erwähnte das ganze, weil Du scheinbar jedem, der Calvin nicht als Begünder der modernen Ethik bejubelt als bar jeder Ethik und als den Werten der Aufklärung abschwörend, hinstellen wolltest. Da schien mir der Hinweis, dass Calvin Menschen für schuldig hielt, den Genfern die Pest angehext zu haben, angemessen um die Dinge etwas geradezurücken.

    >>>Können wir uns einigen: Der Mensch ist tendenziell ein unappetitliches Geschöpf, darum halte ich das jüdisch-alttestamentlich-calvinistische Menschenbild für einiges realistischer als die Rousseausche Gutmenschenseligkeit, die gerade von flashfrog wieder als positives Merkmal des Begängnisses des Tag der Deutschen Einheit zitiert wird.

    Diese Meinung sei Dir unbenommen, aus meiner Sicht schliessen sich Erkenntnis um die tendenzielle Stuhhaftigkeit des Menschen (Sie liegt auf der Hand) und Rousseau nicht aus. Egal welcher Philosophie man eher zugeneigt ist, auf etwas sollte man sich einigen können: Auf gegenseitigen Respekt.

  7. flashfrog Says:

    @uertner: Die meisten Menschen werden zufällig in eine Nation und eine Religion hineingeboren. Deswegen eine Überheblichkeit an den Tag zu legen ist einfach unangebracht.

    Die Erstwähler dieses Jahres kennen die DDR nur noch aus TV-Dokus und ein guter Teil vermutet, dank des deutschen Bildungssystems, Ostdeutschland in Bayern. Das hat durchaus auch sein Gutes. Die Mauer ist in den Köpfen dieser Generation abgebaut. Und Deutschland zelebriert neue friedliche Mythen: http://www.youtube.com/watch?v=HO7GVtsoiPo&feature=player_embedded

    (Ich kenne übrigens auch sehr gebildete Schweizer, die Tübingen und Thüringen durcheinanderwerfen oder Sachsen und Niedersachsen.)

  8. uertner Says:

    @flashfrog
    Deine naive Zuversicht über das „Zusammenwachsen Deutschlands“ in Gottes Ohr. In anonymen Internet-Chats kann man nach 7 Zeilen feststellen, ob man einen Ossi oder einen Wessi vor sich hat. Es ist doch bezeichnend, dass sich im osten immer noch 75 % „Jugendweihen“ lassen. Sind das nun Neuheiden oder Altsozialisten oder einfach harmlose Gewohnheitsschafe? Gerade mit 16 nimmt man an, dass ein Jugendlicher selbstbestimmt eine Entscheidung fürs Leben trifft. Oder muss ich mich im Falle Deutschlands von dieser Vorstellung verabschieden, und Deutsche fürderhin als Volk von Chamäleonhaften wechselexistenzen sehen?

  9. flashfrog Says:

    >> dass sich im osten immer noch 75 % „Jugendweihen“ lassen.
    >> und Deutsche fürderhin als Volk von Chamäleonhaften wechselexistenzen sehen?

    Ja was denn nu? Kritisierst du, das Traditionen aufrechterhalten werden (die übrigens nicht gewohnheitsschafiger sind als die meisten Konfirmationen und die Initiationsrituale anderer Kulturen)? Oder dass sich Kultur verändert (Wechsel, Change, soll auch in anderen Ländern vorkommen)?

    Lieber uertner, du bist mir (und anderen hier in der Beiz) zu oft zu schnell mit herablassenden Pauschalurteilen bei der Hand. Halt dich bitte mal ein bisschen zurück mit derlei, du vertreibst uns sonst noch alle Gäste…

  10. uertner Says:

    ok, etwas ruhier. Man stelle sich vor 1962 hätte es in Deutschland noch den „bund deutscher Mädel“ gegeben und 60% der jungen Frauen hätten begeistert darin mitgewirkt, oder es gäbe eine Organisation der Pimpfe, welche die ausserfamiliäre Betreuung übernommen hätte. Wäre das nicht vergleichbar mit dieser „Jugendweihe“? Ich frage. Das Wort „Weihe“ ist für mich sehr religiös konnotiert, warum macht es sich in Deutschland niemand zum Anliegen hier etwas neues zu kreieren, das den neuen Umständen Rechnung trägt. Hier liegt ein Denkverbot oder ein Denkfehler oder ein Denkversäumnis. Und der Unwillen der deutschen Intelligenz in diese halbdunklen Ecken zu leuchten, macht mir Deutschland unheimlich.

  11. Mara Says:

    @uertner

    Nein, BMJ oder ähnliche Vergleiche sind Angesichts der Geschichte der Jugendweihe/Jugendfeier zu weit herhergeholt. Wer ein bischen guckt, kann sehr schnell sehen, dass die DDR an eine viel ältere Tradition der Freikirchen angeknüpft hat, die dem Bedürfnis des Übergangsrituses zwischen Kind – Jugendlichen – Erwachsenen durch Jugendweihe jenseits von Kommunion/Konfirmation entgegenkommt.
    Gerade dass in einer Gegend in der kirchliche Bindung schon längst keine Rolle mehr spielt nicht einfach plump auf auf irgendwas anderes zurückgegriffen wird, zeigt eher geistige Unabhängigkeit, man fütttert bewährte Rituale mit einem neuen Inhalt. Ob das so klappt kann man sicherlich nicht schon nach nur wenigen Jahren sagen. Aber ein Versuch ist es allemal wert.
    Viele nennen im übrigen die frühere Jugendweihe inzwischen Jugendfeier.

    Ansonsten haben auch Optimisten hinsichtlich des kulturellen Zusammenwachsen von Ost und West im Rahmen von Generation gesprochen. Ich denke nicht, dass hier nach so wenigen Jahren man schon von einem Scheitern reden kann. – Irgendwann wird man einfach dazu übergehen können nicht mehr von einem Ost-West Unterschied, sondern von einem regionalen Unterschied schreiben zu können.

    Was mir viel mehr Angst macht, ist die Art und Weise wie die deutsche Regierung den Tag der Einheit feierte. Mit einer geschlossenen Veranstaltung im Saarbrücker Saal mit handverlesenen Gästen – ein Bravourstück an elitärem Denken.

  12. flashfrog Says:

    @uertner: Sorry, aber was du schreibst ist dummes Zeug. Die Jugendweihe hat eine viel ältere Tradition als die DDR, in der Tat eine humanistische und sozialdemokratische, und war deshalb von den Nazis, im Gegensatz zur Konfirmation, verboten. In der DDR wurde sie tatsächlich als Zwangsinstrument missbraucht. Aber ihre Bedeutung hat sich seit dem Ende der DDR grundlegend gewandelt.
    Ich vermisse bei dir fortgesetzt den Willen zu denken und dich über deine halbdunkel gefühlten Ideen wenigstens ansatzweise zu informieren, bevor du Deutschland darüber belehrst, was es zu tun und zu lassen hat.

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