Die Polanski-Frage: ein Lackmuss-Test

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Der die Schweizer Medien in epischer Breite beschäftigende „Fall Polanski“ ist eine wunderbare Illustration, für den religiösen Versöhungsbedarf, der in einer Gesellschaft vorhanden ist und für das Stückwerk, das der irdische Rechtsstaat hier abliefern muss. Interessant wird der Fall durch die unterschiedlichen Rechtskulturen, die hier greifbar werden.

1. amerikanischer Puritanismus: Der Mann wird zu Recht für seine Tat verurteilt und zur Rechenschaft gezogen.

2. französischer Genie-Kult der „Grande Nation“: Nach dem ästhetischen Grundsatz „on ne met pas Voltaire en prison“ hätte man Polanski laufen lassen sollen. Diesem französisch-katholischen (ein Grosser Sünder kann auch ein Grosser Heiliger sein: oder gerade seine Sünden steigern seine Heiligkeit: entscheiden tut dies die Geistlichkeit oder eben „Volkes Stimme“) Rechtsverständnis huldigen unbewusst sehr viele „Kulturschaffende“, die sich mit Polanski solidarisiert haben.

3. feministische zero-tolerance. (fiat iustitia pereat mundus). Gerade das Schweizer Volk hat vor einiger Zeit, gegen die Bedenken vieler namhafter Juristen (u.a. der Frau Bundesrätin Widmer-Schlumpf), die Unverjährbarkeit von Sexualdelikten per Volksabstimmung festgeschrieben.

4. Pragmatische Schlaumeierei (Weg des geringsten Widerstandes). Für eine Warnung an Polanski plädieren verschiedene Kommentatoren, etwa  hier und interessanterweise auch der „abgewählte Bundesrat“ Christoph Blocher.

5. Konsequente Rechtsstaatlichkeit (protestantisch nüchtern). Insofern scheint mir die von Frau Justizministerin Frau Widmer-Schlumpf eingeschlagene und in den Medien mit klaren Worten verteidigte Lösung, der Festnahme und (möglichen) Auslieferung die sauberste Lösung.

6. Peinlich, wie deutsche „Qualtitätszeitungen“ auch in dieser Frage gänzlich den Kompass verlieren und die Schweiz mit dem Iran vergleichen wollen.

Die vereinigte Bundesversammlung hatte, wie figura zeigt, einen sehr guten „Riecher“ am 10. Dezember 2007 den Herrliberger „müssig gehen zu lassen“ und die unerschrockene Finanzdirektorin Graubündens in die oberste Landesbehörde zu wählen:

Quod erat demonstrandum. Was auch „bruder bernhard“ ähnlich sieht.

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11 Antworten to “Die Polanski-Frage: ein Lackmuss-Test”

  1. flashfrog Says:

    Ja, Bruder Bernhard hat diese Farce ausführlich, ausgewogen und erschöpfend in seiner Triperie thematisiert. Ebenso bedachtsam schreibt Titus in seiner Augenreiberei. Sollte reichen, oder? 😉

  2. uertner Says:

    Ich lese doch keine anderen Blogs, sonst fehlt mir die Zeit zum bloggen. 😉 Ausserdem will jeder Blogger ein „Leuchturm“ sein und so sieht man vor lauter Leuchtürmen das Meer nicht mehr.

  3. Titus Says:

    Das geht mir auch so, Uertner… 😉

  4. flashfrog Says:

    Sogar Berlusconi muss sich ja jetzt ein bisschen der Justiz beugen, scheint es. (Ganz glauben kann ich es noch nicht.)
    @uertner: Verfolgst du die Geschichte zufällig in den italienischen Medien und Blogs? Da bin ich leider keine Leuchte, mein Italienisch reicht allenfalls, um die Fussballergebnisse zu verstehen.

  5. uertner Says:

    Richtig, berlusconis fälle werden wohl in die verjährung gehen 😦
    Italien hoffte eben mit dem Beitritt in die EU eine Gouvernante zu hABEN

  6. uertner Says:

    @flashfrog
    Für die EU ist es viel besser wenn die Deutschen von Italien nur die Fussballresultate und die Maschinengewehrgarben der Mafia verstehen: für ein friedliches Zusammenleben genügt dies vollauf. 😉 Hauptsache der Strom an EU-Gelder in den Süden bricht nicht ab.
    Die Italienischen Zeitungen habe in der Causa Polanski ihr übliches Aufsätzchen geliefert (in einem volk von Analfabeten und TV-Glotzern dienen Zeitungen vor allem als Verpackungsmaterial für Fisch und glitschige DVDs): was nicht in wikipedia stand, haben sie den französischen Kollegen abgeschrieben (Da in Italien die wenigsten Deutsch können und auch die Kenntnis des Englischen ähnlich gut ist wie bei Guido Westerwelle).

  7. flashfrog Says:

    Ja, genau das ist das Unheimliche. Wenn Medienmacht, Wirtschaftsmacht und die politische Macht in einem Land so monopolitiert werden, dann gemahnt das schon mehr oder weniger offen an eine freigewählte Diktatur.

    Wie schauts aus in den italieniischen Blogs? Gibt es da eine Gegenbewegung zur offiziellen Fernsehlinie? Wird die wahrgenommen in der Öffentlichkeit?

  8. uertner Says:

    Für eine extensive googlerei fehlen mir die Nerven. Ehrlichgesagt: kenne die italienische Blogosphäre gar nicht. Vielleicht müsste ich sie kennenlernen, aber nicht wegen dem Polanski.

  9. uertner Says:

    @flashfrog
    Diese Ballung von Macht ist halt „katholisch“, aber ich weiss: pfui, pfui, pfui, das darf man nicht sagen, vielleicht auch nicht mehr denken.
    Mittlerweile muss man in Italien schon froh sein, wenn die katholische Kirche noch Berlusconi kritisiert. Dass da nun ein deutscher Papst ist, macht die Sache für ihn ungemütlich. Kürzlich versuchte die Berlusconi-Presse den Chefredaktor einer katholischen Zeitschrift mit Pädophilie-Vorwürfen plattzumachen. Der politische Diskurs in Italien findet auf dem Niveau des deutschen Unterschichts-TV statt. Ich hab weder Zeit noch Nerven dafür.

  10. flashfrog Says:

    >> hrlichgesagt: kenne die italienische Blogosphäre gar nicht. Vielleicht müsste ich sie kennenlernen

    Gute Idee. Wäre wahrscheinlich für jemanden, der für deutschsprachige CHer Qualitätsmedien schreibt, ein karriereförderliches Alleinstellungsmerkmal. 🙂
    An italienischen Politblogs kenne ich höchstens Beppe Grillo.

  11. zoee Says:

    roman polanski hat ein heranwachsendes, 13jähriges mädchen alkoholisiert und mit diesem sex gehabt.

    das muss bestraft werden, ich sehe hier das problem nicht.

    er hatte sogar die möglichkeit, dieser strafe aus dem weg zu gehen, -da verstehe ich allerdings die eltern nicht, aber that’s wohl america, wo einige eltern sowieso nicht auf ihre kinder achten- indem er einem „deal“ zugestimmt hat. blöd, dass herr polanski es nicht für nötig erachtet hat, wenigstens diesen zu erfüllen.

    in deutschland hat sich die aufregung und diskussion einigermassen gelegt. das letzte, was ich gehört habe ist, dass er im krankenhaus liegt, aber es nichts schlimmes ist. natürlich nicht. war die vergewaltigung damals ja anscheinend auch nicht.

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