Von der McDonaldisierung der Lesekultur

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http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/487972

„Das Buch, das immer auch eine Ware war, ist bei Thalia zur ausschließlichen Ware geworden. Die obersten Verkäufer sehen vollkommen von deren Inhalt ab.“

„Und das ist die eigentliche Geschichte: Wie das Buch jetzt verkauft wird, als wäre es ein Deo oder ein Schokoriegel oder ein Ohrring, wie es, als allerletztes Produkt, in den harten, effizienten kapitalistischen Warenkreislauf geschoben wird, und was daraus folgt für das Buch.“

„Die Kommunikation gestaltet sich jetzt folgendermaßen: Der Verlag fertigt eine extra Vorschau für jede Kette. Darin geht es nicht mehr um einen Buchinhalt, sondern, wie der Herr Handke sarkastisch sagt, „darum, ob man zwei Seiten in der Brigitte kriegt oder seinen Autor zu Kerner und wie viele Exemplare dieser Autor beim letzten Mal bei Thalia verkauft hat“. So was steht da drin. Und anhand dieses Materials ordert eine Gruppe von Einkäufern die ihrer Meinung nach wichtigsten Bücher für ganz Thalia. Nicht einmal die Anzahl jener sogenannten A-Titel darf von den Filialen selbst bestimmt werden. Sie wird von der Zentrale vorgegeben.“

„Und da das so ist, verliert die Frau Jelinek dann doch ihre Gelassenheit und erzählt von den Schmerzen, die es allen in ihrem Verlag jedes Mal bereitet, wenn sie die paar Autoren auswählen müssen, welche mit ihren Neuerscheinungen überhaupt in jene dünne, dem mächtigen Thalia-Einkauf mundgerecht servierte Extravorschau kommen. In die Verlosung, bei der die Bestseller gezogen werden. Nur etwa jeder Achte hat bei ihr das Glück. „Das ist schrecklich für die anderen.“

„Die Bestseller nämlich werden durch das Vorgehen der Ketten immer bestselleriger, der große Rest fällt immer schneller aus den Regalen in die Vergessenheit. (…) Was das alles fürs Leben & Sterben der eigentlichen Produzenten, der Schriftsteller, bedeutet, liegt auf der Hand.“

Diese Entwicklung beobachte ich auch seit ein paar Jahren mit wachsender Sorge. Bücher sind nunmal keine x-beliebige Ware, bei der es nur darauf ankommt, möglichst viel bedrucktes Papier über den Ladentisch zu schieben.
Bücher sind Fenster zu anderen Welten.
Klar stehen weiterhin alle bestellbaren Bücher der Welt zur Verfügung, theoretisch.
Aber das sichtbare, aufdringlich präsentierte Angebot in diesen Buchhandlungsriesenketten, die in den letzten Jahren ein ehemals unabhängiges Traditionsgeschäft nach dem anderen geschluckt haben, ist wirklich überall dasselbe: Best- und Fastseller haufenweise, die nach spätestens einem halben Jahr wieder aus den Regalen fliegen, durch die nächsten mit heisser Nadel zu Trendthemen gestrickten Hype-Bücher verdrängt. Und was nicht in den Bestseller-Regalen oder auf den Trend-Bücher-Haufen und Sonderposten-Tischen der Buchhandlungen liegt (und da liegen eben überall dieselben), von dessen Existenz erfahren die meisten Leser nie. Das zwingt auch die Verlage, entsprechend zu produzieren: einfaches, massenkompatibles literarisches Fastfood, billig produziert, schnell konsumierbar, fett, aber mit wenig geistgem Nährgehalt.

Ich kaufe meine Bücher deswegen bewusst möglichst in kleinen unabhängigen Buchläden mit interessantem Sortiment.
Und falls Sie ein bestimmtes Buch, das Sie suchen, dort nicht finden: Auch der kleinste Laden kann jedes gewünschte Buch für Sie bestellen.

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3 Antworten to “Von der McDonaldisierung der Lesekultur”

  1. uertner Says:

    Tja, war heute soeben bei meiner Leibbuchhändlerin (der ebenso schöne, wie brotlose Beruf wird ja fast nur noch von Frauen ergriffen), ihr Lehrling war an der Frankfurter Buchmesse (sie war noch nie dort). In der „Basler Zeitung“ von heute beklagt sich Sibylle Berg, wie sie nun auf die Verkäufe von „Der Mann schläft“ fiebern muss, der ihr bei einem Verkauf von 5’000 Exemplaren zwischen 15’000 und 20’000 Franken bringen dürfte (3-4 Monatslöhne). Drei Monate haben heute die Bücher Zeit „einzuschlagen“: und Frau Berg hatte einen orchestrieten massenmedialen Grossangriff: überall Rezensionen, Titelbilder und Interviews am Laufmeter. Und natürlich ging ich ein Buchgeschenk holen, das sonst noch niemand dort bestellt hatte, obwohl es ein grossartiges Hörbuch ist.
    nämlich dieses:
    http://www.mediaevum.de/audio/Rezension_Seuse_Keller.htm
    Unbedingt kaufen, von der neuen Klagenfurt-Jurorin. Hildegard Elisabeth Keller.

  2. flashfrog Says:

    Ich wünsche Sibylle Berg ganz viele verkaufte Bücher. Und Herta Müller. Und Claudio Magris auch.

    Frau B bei Harald Schmidt (ab Minute 20:30): http://www.daserste.de/haraldschmidt/letztesendung.asp

    Und noch einer: Frau B. und Herr Scheck fahren Boot: http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/2953346

  3. flashfrog Says:

    Ich frage mich übrigens, ob das nur einem marketingtechnischen Zufall zu verdanken ist, dass ausgerechnet dieses, für Berg-Verhältnisse so nette Buch („Der Mann schläft„) in allen Medien so ausführlich besprochen wird. Ich hätte Frau B die Aufmerksamkeit seit 10 Jahren heftig gewünscht, weil sie einfach wunderbar gut schreibt. Finde aber ihre älteren, böseren Bücher wesentlich besser, auch sprachlich: „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot„, „Ende gut“ (das hört ungefähr da auf, wo „Der Mann schläft“ anfängt, in der Lesereihenfolge würd ich also zuerst „Ende gut“ empfehlen), „Gold“ (für die, die erstmal nur kleinere Dosen Berg vertragen), und, für die ganz Mutigen: „Sex II„)

    Aber ausgerechnet dieses Buch jetzt, dessen Botschaft man so zusammenfassen könnte: Eine Frau entdeckt den Sinn des Lebens – und zwar im Zusammensein mit ihrem Mann. Und wenn der wech ist, bricht alles zusammen, vor allem die Frau.
    Das ist doch im Grunde fürchterlich reaktionär.
    Frauen haben sich jahrhundertelang einbläuen lassen müssen, dass sie einzig für den Mann leben, den sie gezwungen waren zu heiraten. Und für die Kinder, die sie ihm „schenken“ mussten.

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