Anleitung zur Uni-Revolte (aus: Nebelspalter 2008)

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Da in Europa an den Universitäten wieder rebelliert wird: hier die 8 wichtigen Punkte, die zu beachten sind (Erfahrungen der Urchristen und 68er durch einen Unitopisten von 88/89 ausgewertet). Aus dem „Nebelspalter“ (Probe-Abo: hier) vom September 2008:

Theorie und Praxis

Jugendrevolte in acht Punkten

Das Poesie-Album der Achtundsechziger ist bekannt. Wie kann die Studienzeit mit einer «Revolte» bereichert werden, die «soziales Kapital» stiftet, von dem man ein Leben lang zehrt? Ich bin ein verhinderter achtundachtziger «Unitopist». Darum kann ich mitreden. 1989 brachten wir die Berliner Mauer zum Einstürzen. Hier acht Punkte aus der Praxis:

1.Das Ereignis muss in eine globale Gleichzeitigkeit eingebettet sein (Stern von Bethlehem). Es muss heissen: in Paris, Prag, Hanoi und auch in Zürich. 1988 begann es an der Freien Universität Berlin. Zürich folgte.

2.Ein griffiges, lokales Feindbild (der Teufel) ist Conditio sine qua non. In Zürich war der Erziehungsdirektor ein Mann (Scheissmacho), hatte nicht nur Prinzipien (Betonkopf), nein, Gilgen reimte sich auch auf «Galgen». Ideale Vo- raussetzungen, um die ödipal-adoleszente Ablösung vom Elternhaus durch eine studentische Revolte zu adeln (Constantin-Seibt-Effekt), denn 1980, als «Zürich brannte», waren wir noch Konfirmanden.

3.Die Sehnsucht nach der ganz anderen, besseren Welt. «Reich Gottes» nennen es die Christen, «klassenlose Gesellschaft» die Kommunisten, «Love and Peace» die Achtundsechziger. «Utopie» (Max-Frisch-Effekt) ist immer gut. Daher waren wir universitäre Utopisten eben: «Unitopisten».

4.Die rauschhafte Entgrenzung in einem grossen Event (Pfingstwunder). An einem bestimmten Tag x tritt ein Ereignis ein, von dem alle später sagen werden: Ich war dabei, oder ich war gerade krank. Insbesondere mediokre Gestalten packen diese Gelegenheit. Wer in Sport, Militär, Kultur oder Wirtschaft keine Rolle spielen wird, findet darin lebenslangen Trost: Ich war dabei («Res-Strehle-Effekt»).

5.Ein Manifest muss her (Bergpredigt). Dies wurde in früheren Studenten- bewegungen durch Vollversammlungen (heute «Theory-Slam») ermittelt. Die Alphamännchen treten hier in Erscheinung: Wer die schrägsten Fremdworte in metrischer Diktion brüllt, gewinnt («Thomas- Held-Effekt»).

6.Die Alphas übernehmen Arbeitsgruppen (Urgemeinden) und versehen sie mit einem Konzept in blumigen Jargon, mindestens zehn A4-Seiten («Moritz-Leuenberger-Effekt»). In dieser Phase gehen die Alphaweibchen dazu über, Pro- tokolle zu schreiben und untereinander auszumachen, welche von ihnen welchen Alpha als Besamer für die Aufzucht erhalten soll. Die Alphas übernehmen nun das Mitbrüllen feministischer Forderungen («Hans-Jörg-Fehr-Effekt»).

7.Durch einen eskalierenden Konflikt gibt es ewigen Nachruhm. Von der Studienzeit sollen Reliquien bleiben, die alle zehn Jahre in den Medien ausgestellt werden. 1988 beschlossen die «Unitopisten», in der Uni zu übernachten. Nicht so promisk wie die 68er, sondern keusch für eine «ganzheitliche Wissenschaft» leidend. Gilgen war dagegen. Polizei wurde aufgeboten (sehr wichtig für die erfolgreiche Bewältigung männlicher Adoles- zenzkrisen) und die Achtundsechziger und Achtziger der «Tamedia» berichteten breit über unser Martyrium.

8.Anbiederung (vom Saulus zum Paulus). Wenn arrivierte Grossintellektuelle «einknicken» und mit den Forderungen der Jugend sich solidarisieren («Adolf-Muschg-Effekt»): Dann war die Bewegung erfolgreich.

Nach der Theorie des «Sozialen Lernens in Zwölf-Jahres-Zyklen» (Siegenthaler, 1993) gibt es folgende Gliederung: Aktivdienstgeneration (1944), Ungarn-Antikommunisten (1956), Ho-Chi-Minh-Drögeler (1968) und Subito-Hedonisten (1980). Wir 88er hätten eigentlich erst 1992 rebellieren dürfen. Aber – ich frage – wäre die Mauer in Berlin 1989 gefallen, hätten die «Unitopisten» nicht im Frühjahr 89 in der Uni Zürich geschlafen? Das hat der Professor nicht bedacht.

Giorgio Girardet

PS: Die „älteste Satirezeitschrift der Welt“ lässt sich auch auf Facebook verfolgen.

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37 Antworten to “Anleitung zur Uni-Revolte (aus: Nebelspalter 2008)”

  1. bd Says:

    FULLACK!

  2. Monsieur Croche Says:

    Wie lange wird’s in Zürich noch gehen? Bestenfalls eine Woche, tippe ich. Den Besetzern fehlt die Legitimation. Viele Studenten gehen auf Distanz, obschon sie an Bologna nicht alles toll finden.

    Es ist lustig, Teile jener die die Uni besetzt haben, kenne ich schon aus meiner damaligen Kantizeit. Schon damals lasen sie gerne „Die Räuber“ und wollten an unserem Maturastreich „Revolution“ spielen. Damals belächelte man sie und heute, wenn sie im Plenarsaal stehen und gegen „das Kapital“ hetzen, belächelt man sie irgendwie erst recht.

  3. flashfrog Says:

    Eindrucksvolles Beispiel für eine religiös bedingte Wahrnehmungsstörung. 😉

    Worum geht es wirkllich bei den Studierendenprotesten 2009?
    Sicher nicht um irgendeine ideologische oder religiöse Sektenbildung.
    Es geht um die Verbesserung der konkreten Studienbedingungen.

    Z.B. darum, dass sich künftig in einem Seminarraum mit 20 Stühlen nicht mehr 50 Studierende quetschen müssen. Darum, dass sie in der Bibliothek und im Labor nicht mehr mit hoffnungslos veralteten Büchern und Geräten arbeiten müssen. Darum, dass nicht der Reichtum der Eltern darüber entscheiden darf, wer studiert und wer von höherer Bildung ausgeschlssen wird. Darum, dass 6 Semester Stoff auswendiglernen im Turbogang nicht hinreichend für einen akademisch gebildeten Beruf vorbereitet (höchstens für eine Endlosschleife von Praktika). Darum, dass nicht die Wirtschaftsunternehmen, die zunehmend die Forschungsprojekte finanzieren, weil sich die sogenannte öffentliche Hand zunehmend aus der Bildungsfinanzierung zurückzieht, bestimmen dürfen, was überhaupt erforscht werden darf und was nicht und welches Ergebnis am Ende dabei herauskommt. Darum, dass man eine staatliche Bildungseinrichtung nicht wie ein beliebiges Wirtschaftsunternehmen nach Profitmaximierungsgesichtspunkten führen kann. Aber auch darum, dass der Kindergarten kostenlos sein muss, weil viele 3jährige gar nicht so viel verdienen, dass sie sich den leisten können.

  4. Monsieur Croche Says:

    Naja, wenn man aber die Studiengebühren abschafft, wie es gefordert wird, so zieht die Uni Zürich erst recht auswärtige Studenten an (siehe Uni Wien) und es müssen sich dann 70 Studierende in 20 Stühle quetschen. Neue Infrastruktur müsste her und die kostet wieder. Und angenommen Studiengebühren und Gelder aus der Privatwirtschaft fielen weg, so müsste der Staat einspringen. Wann dies und ob dies überhaupt geschehen würde, kann man nicht sagen.

    Nach 6 Semester hast du ja auch erst den Bachelor…dann musst du nochmals 4 Semester für den Master arbeiten.

    Es geistern hier einfach ziemlich viele unausgegorene Ideen rum. Ich bin auch nicht gerade ein Fan von Bologna, aber man kann trotzdem so irgendwie studieren. Bologna kippen würde einen riesen Aufwand bedeuten und die Politik wird deshalb kaum darauf eingehen.

    Die Forderungen der Besetzer (der Uni Zürich) sind letztlich einfach unrealistisch und zu radikal. Deshalb schliessen sich viele Studenten den Protesten auch nicht an.

  5. flashfrog Says:

    @Monsieur Croche: Das hört sich doch schon viel besser an als das überhebliche Grinsen von oben. Die sich da so lächerlich exponieren kämpfen nämlich auch darum, dass Du nicht nur „trotzdem so irgendwie studieren“ kannst, sondern unter so guten Bedingungen wie möglich.

    Klar kostet das Geld. Aber nicht nur Banken sind „systemrelevant“ in einem Land wie der Schweiz oder Deutschland oder Österreich. Bildung ist auch systemrelevant. Es ist immer eine Frage der Prioritäten wofür man das Geld ausgibt.
    Und Bildung heisst nicht nur in möglichst kurzer Zeit einen bestimmten vorgeschriebenen Lernstoff auswendiglernen und reproduzieren können.

    Bologna reformieren wäre dringend notwendig, da sind sich bei uns (Tübingen) Studierende, Lehrende und auch viele Politiker einig.

  6. Monsieur Croche Says:

    War heute wieder im Plenarsaal und es hat deutlich gebessert. Man ist nun von einem radikalen Kurs abgewichen und hat realistische Eingeständnisse gemacht. Das ist gut so. Im Weiteren entschuldige ich mich für das überhebliche Grinsen von oben. War dumm.

  7. Monsieur Croche Says:

    @flashfrog: am anfang hab‘ ich mich nur sehr darüber geärgert, dass das ganze einen ziemlich linksextremen touch hatte. gestern hat das plenum dann offenbar einen entschluss gefasst, dass ideologien aussen vorbleiben müssen. der entscheid war sehr gut und nun fühle ich mich auch durch die besetzung angesprochen. und ja, nochmals sorry wegen oben. manchmal reitet mich das teufelchen.

  8. Werkstudent Says:

    Flashfrog:
    Die von Dir und den Besetzern aufgeführten Forderungen sind für mich grösstenteils nicht nachvollziehbar. Um mir mein Studium finanziell leisten zu können, habe ich zuerst eine Berufslehre gemacht, die RS absolviert und dann ein paar Jahre gearbeitet. Statt das Verdiente für Bier, Ausgang, Auto oder Gras zu verpulvern, äufnete ich einen persönlichen Studienfonds. Dank dieses Fonds und einem 60%-Pensum führe ich heute ein komfortableres (Studenten-)Leben als manch ein HSG-Herrensöhnchen.
    Da ein Student die Allgemeinheit sehr viel kostet, finde ich auch die Studiengebühren total gerechtfertigt. In der aktuellen Höhe sind die Gebühren sowieso eher symbolisch – d.h. ein Reminder für unreflektierte Studenten, dass ihre Ausbildung von der Allgemeinheit bezahlt wird.
    Vergleicht man Betreuungsverhältnisse, Räumlichkeiten, Infrastruktur etc. mit dem (europäischen!) Ausland, dann sind die Zustände in der Schweiz geradezu paradiesisch.
    Wenn jemandem Bildung nicht 700 Franken pro Semester wert ist, dann hat er meines Erachtens an der Universität nichts verloren. Für meine berufsbegleitende Matura musste ich fast 10’000 Franke hinblättern. Dafür hätte ich also 14 Semester Uni bekommen!

    Gefährdet werden die paradiesischen Zustände an den CH-Unis sicher nicht von einer angeblichen „Ökonomisierung“ oder sinkenden Bildungsausgaben. Die These von den sinkenden Bildungsausgaben lässt sich empirisch leicht widerlegen: absolut (inflationsbereinigt) als auch real (in % des BIP) haben die Bildungsausgaben in der Schweiz Jahr für Jahr zugenommen. Dass dieser Mythos dennoch so oft wiederholt wird, ist für mich unverständlich.
    Auch die angebliche „Ökonomisierung“ sehe ich nirgends. Politik- und Medienwissenschaften boomen, obwohl die Wirtschaft bekanntlich kaum nach Politologen und Medienwissenschaftern schreit. Ingenieure – obwohl momentan Mangelware in der Wirtschaft – sind eine rare Spezies. Selbst der kurzfristige Informatik-Boom ist in sich zusammengesackt.
    Ein freiheitliches Land sollte die Studienfachwahl natürlich in der Eigenverantwortung belassen. Aber eine Garantie auf einen Arbeitsplatz gibt es für niemanden. Wenn jemand im Jahr 2009 ein Politologiestudium beginnt, dann tut er das (hoffentlich!) mit dem vollen Bewusstsein, dass er auf dem Arbeitsmarkt nicht die grössten Chancen haben wird. Warum ein Politologe in dieser Hinsicht gegenüber einem Polygrafen bevorzugt werden sollte, leuchtet mir nicht ein.

    Dass die Umsetzung von Bologna (noch?) äusserst unbefriedigend ist, darüber herrscht wohl Konsens. Für diese Erkenntnis braucht es aber keine Aula-Besetzungen (u.a. durch erstsemestrige JUSO-Politiker und Gymnasiasten), die Werkstudenten wie mir wertvolle Zeit stehlen. Auch für die Forderung nach der Abschaffung der Präsenzpflicht habe ich natürlich grosses Verständnis.

    Vollkommen lächerlich hingegen ist die Forderung nach freiem Zugang für jedermann. Es hat schon jetzt sehr viele unmotivierte Studenten, welche den Vorlesungssal mit einer Pokerrunde, einer Flirtparty oder einem Kaffeekränzchen verwechseln. Solange ich dadurch nicht gestört werde, ist mir das eigentlich egal. Auch stört es mich nicht, wenn selbsternannte Revolutionäre soziales Kapital anhäufen wollen. Nur sollen sie dadurch bitte nicht den Studienbetrieb stören. Eine demokratische Legitimation haben die Revolutionsführer nämlich nicht. Und für das Einbringen von studentischen Anliegen gibt es die dafür vorgesehenen Institutionen. Aber das bedeutet eben: Arbeit, Argumente, realistische Lösungsvorschläge und demokratische Legitimation auch bei den Studenten rechts der JUSO (soll es geben!).

    Aus all diesen Gründen erklärt sich die Vereinigung der Werkstudenten solidarisch mit dem satirischen Uertner.

  9. uertner Says:

    Dank an Werkstudent 😉 nun: ich kam 1989 einfach zu spät, weil ich im Ausland war. Schloss mich dann noch einer Arbeitsgruppe an und wir brachten ein paar Jahre später die Mitbestimmungsinitiative durch die kantonale Abstimmung. Im Tages-Anzeiger von heute erhalte ich Sukkurs von Constantin Seibt, der durch die Unitopie zum Journalisten wurde: Die Rebellion ist für die Rebellen da.

    Nichtsdestotrotz gäbe es berechtigte Anliegen, die man in zäher Arbeit weiterverfolgen kann und muss, aber auch 2009 werden sich wieder ein paar Studis finden, die diese Arbeit auf sich nehmen. Oder wisst ihr an der Uni Zürich, dass ihr das Mitbestimmungsrecht bei Berufungen einer langen studentischen Polit-Arbeit verdankt? Wahrscheinlich findet sich kaum mehr Studenten, die Zeit haben für Kommissionsarbeit.

    Und endlich: Die verfasste Studentenschaft müsste wieder her, die im Nachgang von 1968 als verfassungswidrig abgeschafft wurde. Aber d

  10. zappadong Says:

    @ werkstudent: Da MUSS ich jetzt einfach etwas dazu schreiben 😉 – nicht zuletzt, weil du den Beruf der Polygrafin angesprochen hast. Von wegen freier Zugang zu Ausbildungsplätzen und so:

    Meine Tochter hat eine der absolut raren Lehrstellen für Polygrafen gefunden – und ich kann hier aus Erfahrung berichten, dass der Numerus Clausus wahrscheinlich schon fast ein Spaziergang ist gegen das Selektionsverfahren bei den Polygrafen. Für die Lehrstelle meiner Tochter durften aus den vielen Bewerbern die 17 besten an den hauseigenen Eignungstest. Von diesen 17 besten durften 5 eine Schnupperlehre machen und von diesen 5 erhielten zwei eine Lehrstelle.

    In den vier Schnuppertagen mussten diese 15-16 Jährigen Inserate nachsetzen, Inserate selber gestalten, einen Flyer gestalten, rätromanischen Fliesstext korrekt setzen, Visitenkarten gestalten und sonst noch einige Sachen mehr – und das alles mit einem Computerprogramm, das keiner gekannt hat. Am Ende gabs ein Assessment, in dem auf zwei Seiten rund 25 Kriterien bewertet wurden. Nach vier Tagen brauchte Tochter Zap ein zwei cm dickes Dossier mit ihren Arbeiten nach Hause und mir blieb die Spucke weg.

    Langer Rede kurzer Sinn: Bei den Lehrstellen wird zum Teil heftigst selektioniert und viele der Berufslehren sind äusserst anspruchsvoll. Nur: So lange wir in einer Gesellschaft leben, in der ein „Gschtudierter“ mehr wert ist als die anderen (finanziell und im gesellschaftlichen Ansehen), solange wir in einer Gesellschaft leben, in der Mütter hyperventilieren, wenn ihre Kinder das Gymi nicht besuchen können, so lange wir in einer Gesellschaft leben, in der jemand, der einfach nur Maurer werden will, als Loser angesehen wird … so lange werden die Universitäten überschwemmt werden.

    Ich habe deinen Bericht über deinen Weg zur Uni mit viel Interesse gelesen – es ist ein ähnlicher, wie ich ihn eingeschlagen habe (nur bin ich nicht an die Uni gegangen, weil ich nicht zum Studieren gemacht bin, sondern nach England, um meine Sprachdiplome zu machen). Auch ich habe mein Geld zusammengespart, auch ich habe dann meine Ausbildung genossen, auch ich verstand nicht, wie man die wertvolle Zeit in der (guten) Schule mit Blödeln vertun konnte.

    ABER: Alle, die den anderen Weg gehen, den über das Abi oder die Matura; alle, die nie in der realen Arbeitswelt gestanden haben, und in ihrem Leben bisher nur den Schulalltag kennen, alle die müssen sich an irgendwas reiben, müssen durch das Reiben am Leben herausfinden, was sie möchten und was für sie gut ist.

    Nach allem, was ich die letzten zwei Tage über diese Bologna-Reform gelesen habe, kann ich die Anliegen zum grossen Teil verstehen und nachvollziehen. Es ist das Privileg der jungen Generation, Zustände zu hinterfragen. Und leider weiss ich aus meiner (ziemlich langen) Lebenserfahrung, dass viele Leute erst hinhören, wenn man so richtig ordentlich auf den Tisch klopft (=protestiert oder gar eine Uni besetzt).

    Ich finde die Debatte spannend, die sich aus der Besetzung ergeben hat und ich denke, sie hätte unter Umständen nicht stattgefunden, wenn es eben nicht diese Besetzungen gegeben hätte.

    Jede Generation braucht diese Momente. Sie sind wichtig für den Reifeprozess – und sie tun uns „alten Hasen“ gut, weil sie unser Denken herausfordern.

    Ich zum Beispiel habe gerade meine helle Freude an den JUSOs. Weil sie Dinge fordern, die ich als erfahrenes Semester mir zwar wünsche, aufgrund meiner Erfahrungen aber als weltfremd einschätze (zum Beispiel die Initiative über den höchsten und niedrigsten Verdienst). Sie brechen Krusten auf, fordern uns zum Nachdenken heraus. Zwingen uns dazu, wieder einmal zu überlegen, wie weit wir unsere Träume einer besseren Welt aufgegeben haben, weil wir nicht mehr daran glauben – DAS hält eine Gesellschaft am Leben.

    Diese Unibesetzung verläuft gewaltfrei. Es sind „nur“ Worte und Gedanken. Sich ihnen von Anfang an zu verschliessen bedeutet, der jüngsten Generation die Stimme zu nehmen.

    Und deshalb solidarisiere ich mich mit den protestierenden Studenten, obwohl ich viele ihrer Forderungen kritisch hinterfrage und einige davon rundweg ablehne (zum Beispiel die Abschaffung der Studiengebühr – aus den gleichen Gründen wie du).

  11. flashfrog Says:

    @Werkstudent: Das ist natürllch eine Möglichkeit, sein Studium zu finanzieren, und ich habe grossen Respekt davor, wie du das durchziehst. Der Regelfall ist das allerdings nicht.
    Wer mit 19 sein Studium beginnt, kann in der Regel auf kein eigenes finanzielles Polster zurückgreifen, das ihn über 4 Jahre trägt.
    Ich konnte mir mein Studium in den USA auch nur durch ein Stipendium leisten. (In Deutschland will man jetzt Stipendien (500€) für die Top 10% der Spitzenleister eines Jahrgangs einführen. Das heisst allerdings: Die übrigen 90% haben rein gar nix davon.)

    Bei uns in Deutschland ist die finanzielle Lage der Unis wohl in der Tat um einiges dramatischer als in der Schweiz. Hier wurden vor ein paar Jahren Studiengebühren eingeführt, um, so wurde den Studierenden und den Lehrenden damals versprochen, die Qualität von Lehre und Forschung zu verbessern. Verwendet wurden diese Gelder dann z.B. um gestiegene Heizkosten in den Uniräumlichkeiten zu bezahlen und Etatkürzungen auszugleichen.

    Die Ökonomisierung wirkt sich in verschiedener Hinsicht aus:
    1. besteht die Gefahr, das schöne humanistische Bildungsideal einer auf reine wirtschaftliche Nützlichkeit ausgerichteten Ausbildung zu opfern.

    2. tut die Förderung einer kleinen Elite auf Kosten der breiten Mehrheit, die in Deutschland in den letzten Jahren politisch propagiert wurde (Credo: mehr Wettbewerb und Konkurrenz führt zu mehr Effizienz und Leistung) weg vom Ziel der Demokratisieriung der Resource Bildung.

    3. mögen sich manche geisteswisschenschaftlichen Orchideenfächer nicht unmittelbar ökonomisch rechnen und somit auch keine Drittmittel einstreichen, können sich aber als geistige Grundlagen des Diskurses über zukünftig gesellschaftlich wichtig werdende Themen durchaus als wichtig erweisen (Beispiele: Medienwissenschaft, Islamwissenschaft, Philosophie).

    4. Wenn z.B. ein Pharmaunternehmen eine Studie über Wirksamkeit und Nebenwirkungen einer bestimmten Wirkstoffgruppe in Auftrag gibt und diese mit viel Geld finanziert, ist es ja logisch, dass dieses Unternehmen ein grosses Interesse daran hat, dass das Ergebnis, das am Ende herauskommt, dieses Unternehmen und seine Produkte in bestem Licht dastehen lässt. Die Forschenden wiederum haben ein starkes Interesse daran, dass ihre Ergebnisse auch prestigebringend publiziert werden und nicht stillschweigend in der Schublade des Pharmaunternehmens verschwinden. Von unabhängiger Forschung kann man da wohl kaum noch reden…

    5. Wer so schnell und effizient wie möglich festgelegten Pflichtstoff auswendiglernen und für die Prüfung reproduzieren muss, entwickelt leicht einen Tunnelblick. In viele Studienfächern und Berufsfeldern sind heute aber ganz andere Qualitäten gefragt: Selbständiges Arbeiten, interdisziplinäre Kenntnisse, Sozialkompetenz, kritisches Denken. Wer 10 verschiedene Pädagogik-Theorien auswendiglernen musste (und hier rede ich aus Erfahrung 🙂 ) der wird dadruch noch lange kein guter Lehrer.

    Dass Bologna so nicht funktioniert mag allen klar sein. Aber es brauchte wohl wirklich erst die lautstarken Proteste, damit das in der Öffentlichkeit und in der Politik auch endlich ein Thema wurde. Die jetzige Studienanfängergeneration wurde da als Versuchskaninchen für ein völlig unausgegorenes System missbraucht, dass Ländern, Unis und Fächern pauschal übergestülpt wurde und das diesen Studenten unter Umständen den gesamten beruflichen Lebensweg versauen kann. Die Wut ist sehr berechtigt.

    @Werkstudent: Lass mal raten, du studierst Wirtschaft? 🙂

  12. flashfrog Says:

    @Monsieur Croche: Du hast ja auch ein Stück weit Recht. Mich nerven die Ideologen ja auch. (Nicht nur die an der Uni. 😉 *wink @uertner*)
    Mich nervt es, wenn erstmal 3 Stunden lang debattiert werden muss, ob man das Plenum nun in Hörsaal 22 oder in Hörsall 25 abhält oder doch vorher lieber nochmal eine Runde durch die Stadt demonstrieren geht.
    Aber das ist halt Basisdemokratie. Und am Ende einigt man sich (hoffentlich) doch auf konkrete Forderungen und praktikable Kompromisse. (Da seid ihr Schweizer sicher geübter als wir hier in D.)

    @uertner: Dann wäre aus dir fast ein richtig sympathischer SPler geworden, wenn dich eins von den Mädels in ihren Schlafsack gelassen hätte? Das ist nun wirklich tragisch… 😉

  13. Werkstudent Says:

    @ Flashfrog:
    Ich studiere Sozialanthropologie… 😉 Nein, Du hast mich durchschaut: VWL.

    Deinen Punkten zur Ökonomisierung stimme im Prinzip ich zu. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Entwicklung (zum Glück!) nicht in diese Richtung geht. Es ist zwar wichtig, dass man präventiv gegen eine derartige Ökonomisierung opponiert, aber in der Realität findet dieses Phänomen doch (noch?) kaum statt.

    Die Uni Bern wird beispielsweise weiterhin zu 90% durch öffentliche Gelder finanziert. Die sog. Orchideenfächer haben weiterhin Zulauf. Bei den von der Wirtschaft geforderten Richtungen herrscht – ausser bei BWL und den Life Sciences – hingegen eine Flaute. Stell Dir vor, die Wirtschaft schreit nach Informatikern, Geologen und Ingenieuren (und bietet Traumlöhne und -arbeitsbedingungen) und keiner geht hin!

    Ein Grossteil der wahrgenommenen oder gefühlten Ökonomisierung entspricht meines Erachtens nicht den tatsächlichen Verhältnissen, sondern einem individuell aufgebauten Druck. Die Behauptung, man müsse wegen Bologna im Schnelldurchlauf den Bachelor holen, stimmt z.B. so nicht. 6 Semester gelten zwar als „Regelstudienzeit“, aber das ist ja keine Pflicht! Mich schockiert, dass sich die selbsternannten Nonkonformisten und Gesellschaftskritiker (Selbst-)Zwängen unterwerfen, indem sie der blökenden Schafherde nachrennen, weil der Bacholor unbedingt nach 6 Semestern im Sack sein soll. Warum das?! Weil Papi das so sagt? Weil irgendwo steht: „Die Regelstudienzeit beträgt 6 Semester“? Weil man dann eventuell nicht mehr mit den Leuten vom Gymi an die Vorlesung kann und neue Leute kennenlernen muss?

    Man ist immer Zwängen unterworfen, muss zwischen Alternativen wählen (Opportunitätskosten). Natürlich bleibt kaum Zeit für Vertiefung und/oder Arbeit, wenn man den Bachelor im Schnelldurchlauf macht. Aber niemand zwingt mich dazu. Es ist meine Entscheidung. Und es ist auch meine Entscheidung, ob ich Politologie, Soziologie, Geschichte oder VWL studiere. Ich hätte eigentlich lieber Politologie, Soziologie oder Geschichte studiert. Aber ich musste einen Kompromiss zwischen „Verwertbarkeit“ und Interesse machen. Denn wenn ich als Politologe, Soziologe oder Historiker keinen (gutbezahlten) Job finde, dann ist das nicht die Schuld der Gesellschaft, der Politik oder dunkler Mächte, sondern die logische Folge meiner Fächerwahl. Paradox finde ich gerade deshalb die Forderung nach offenen Schleusen. WEIL die Schleusen immer mehr geöffnet wurden, herrscht heute ein Überfluss an Geisteswissenschaftern. Laut einer teutonischen Bürokollegin gibt es in Deutschland ja die Wortkreation „Taxifahrer-Kombination“. Dass die Arbeitsmarktsituation für Geisteswissenschafter in Deutschland noch schwieriger ist als in der Schweiz, liegt meines Erachtens nicht zuletzt daran, dass das Abi relativ billig zu haben ist. Das ist aus humanistischer Sicht auch richtig, nur muss sich dann eben niemand beklagen, wenn sie oder er aufgrund einer bewusst getroffenen Entscheidung akademischer Taxifahrer wird.

    @ Zappadong:
    Den Polygrafen-Beruf habe ich als Beispiel genommen, weil es hier im Kanton Bern ein Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage gibt. Wie im Falle Deiner Tochter rissen sich in meinem Lehrbetrieb die Jugendlichen um eine Lehrstelle als PolygrafIn. Wie kommt es zu einer solchen Situation? Entweder ist PolygrafIn ein absoluter Traumberuf. Oder es gibt nur sehr wenige Lehrstellen als PolygrafIn. Wenn beide Faktoren zusammenkommen, dann gibt es ein kleines Angebot an (Lehr-)Stellen und eine enorme Nachfrage nach (Lehr-)Stellen. Genau das ist zumindest im Kanton Bern der Fall. Diejenigen PolyfrafInnen, die ich kenne, hatten nach abgeschlossener Lehre sehr grosse Probleme bei der Stellensuche. Ich hoffe, dass Du nicht im Kanton Bern wohnst bzw. dass die Arbeitsmarktsituation bei Euch besser ist. War sehr frustrierend für einige Kollegen, keine Stelle zu finden, obwohl man sich zuvor gegen über 100 Konkurrenten durchgesetzt hatte und die Lehre fast mit Bestnote abschloss.

  14. uertner Says:

    @Werkstudent
    Gratulation zur Fächerwahl! Mit Geschichte, Literatur und Philosophie bestückt, besuchte ich nach einem Auslandaufenthalt „Volkswirtschaftslehre für Historiker“ und „Computer & Statistik für Historiker“. Es waren beides sehr anstrengende und interessante Kurse. VWL hat mich sehr fasziniert, da sich hier wie kaum in einem Fach Philosophische und Praktische Fragen kreuzen und man das Fach nur mit einem guten historischen Steckenpferd wirklich fundiert betreiben kann. Ich wurde dann zu einem Apostel in sachen VWL, welches das weit edlere Fach ist, als BWL, das nur eine Art Doppelte Buchhaltung mit Werbe- und Arbeitspsychologie ist.

    @flashfrog
    Was an den Universitäten fehlt: sie sind nicht mehr „Uerten“ der Lehrenden und Lernenden, sondern nur noch Ausbildungsanstalten. Und das ist schade. Aber schon bei der „beiz“ scheut man ja die intellektuellen Kosten, daraus eine Genossenschaft zu machen, die auch Werbeeinnahmen generieren könnte. Die SP wird dann wieder stark werden, wenn sie wieder die Genossenschaft als Urzelle der sozialistischen Selbsthilfe entdeckt. Aber solange in Deutschland vom Staatssozialismus geträumt wird (und leider auch in der Schweiz, wenn ich den Jungtürken Wermuth) höre, wird nichts daraus werden. Die europäischen Sozialsysteme sind bis zum Anschlag ausgebaut, nun ist eine sinnvolle Sicherung und stellenweise ein Rückbau gefragt. Es kann nicht sein, dass jeder Deutsche, der ein Patent anmelden will oder eine Firma gründet in die Schweiz flüchtet, wo es doch im Osten noch Landschaften hat, die man den Wölfen wieder entreissen und zum Blühen bringen müsste. Warum keine Steueroasen (innerdeutsche) in der Mark Brandenburg schaffen?

    @flashfrog
    Vielleicht musst du wieder mal jemandem den Schlafsack öffnen, um die Welt zu verbessern ;-). Wenn Du schon diese Schublade des Diskurses öffnen willst ;-).

  15. zappadong Says:

    @Werkstudent: Ich wohne im oberen St. Galler Rheintal, wo es vom oberen zum unteren Ende ca. offene 11 Lehrstellen hat für hunderte von Bewerbern. Tochter Zap hatte deshalb einen Plan B und einen Plan C (weil man heute längst nicht mehr immer seinen Traumberuf lernen kann). Nun hat sie einen Ausbildungsplatz. Damit ist aber erst die Hürde genommen. Mit der Stellensuche kann sie sich dann in 4 1/2 Jahren herumschlagen. Was sie aber auf jeden Fall haben wird: Eine abgeschlossene Berufslehre, entweder mit berufsbegleitender BMS (Berufsmittelschule) oder sie kann die BMS anhängen. Mit dieser Ausbildung kann sie dann eine Fachhochschule besuchen und landet vielleicht irgendwann – wie du – auf der Uni. Oder sie macht etwas ganz Anderes. Oder sie macht sich mit ihren Fachkenntnissen selbständig und versucht es auf eigene Faust. Das Wichtige im Moment: Sie kann das Handwerk lernen, das sie lernen wollte. Was sie damit machen wird und kann, steht in den Sternen.

    Traurige Tatsache: Heute hat niemand mehr eine Stelle garantiert. Egal, wie gut er /sie ist, egal, welche Ausbdilung er / sie hat. Es gibt keine Garantie auf eine Lehrstelle, es gibt keine Garantie auf eine Arbeitsstelle, es gibt keine Garantie auf das Leben. Was – meiner Meinung nach – zählt, ist der Biss, der Durchhaltewillen, die Bereitschaft, Umwege zu gehen. Das gilt sowohl für die Lehre als auch für das Studium.

    @flashfrog

    Zu 1: Das ist bei der Berufslehre auch so. Dort haben die Berufsverbände grossen Einfluss auf den Lehrplan der Auszubildenen, stellen zum Teil die Prüfungsfragen zusammen und ihre Vertreter fungieren als Prüfer bei der praktischen Lehrabschlussprüfung. Kein Mensch hinterfragt dieses System, denn bei der Berufslehre ist es klar, dass man die Auszubildenden so ausbilden muss, dass man sie nachher in den Betrieben einsetzen kann. Warum in aller Welt soll das bei den Studierenden anders sein? Überspitzt formuliert: Willst du auf einen Job vorbereitet werden oder einfach etwas Tolles studieren (das du dann nirgends anwenden kannst).

    Zu 2: Vielleicht müsste man einmal definieren, wie weit diese Demokratisierung der Bildung geht / gehen soll, wo die Grenzen sind (soll wirklich jeder an einer Uni studieren können?). Das ist in Deutschland zugegebenermassen etwas schwieriger als in der Schweiz, in der wir ein gut bewährtes duales Bildungssystem haben, das nach oben durchlässig ist (siehe Bildungsweg Werkstudent).

    Zu 3 kann ich nichts sagen, finde aber die Antwort von Werkstudent sehr interessant. Vielleicht kann man auch hier Deutschland nicht mit der CH vergleichen.

    Zu 4: Es ist Aufgabe der Universitätsgremien, einen starken Rücken zu haben und sich nicht zurechtbiegen zu lassen. Das Problem sehe ich hier nicht in der Wirtschaft, sondern an schwachen Universitätsleitungen. Wenn sich gute Unis nicht „verbiegen“ oder gar kaufen lassen, wird sich die Wirtschaft etwas überlegen müssen.

    Zu 5: Wer nur auswendiglernt, hat nichts kapiert. Es ist auch hier an den Studenten, neugierig zu sein, Fragen zu stellen. Werkstudent bringt für mich die Sache auf den Punkt: Man prosestiert dagegen, Schaf zu sein, nur um danach das Gras zu fressen und auswendig zu lernen.

    Generell: Eigentlich hat Werkstudent so ziemlich alles geschrieben, was ich auch sagen wollte.

    Wo ich dir recht gebe: Es hat diese Proteste gebraucht, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Und vielleicht hat dadurch so manches Schaf gemerkt, dass es auch etwas anderes sein kann als Schaf 🙂

    Schmerzhaft: Man hat seine Traumvorstellung von einem zukünftigen Leben und weiss genau, dass man als ungefähr Einmillionste Politologin keine Chance hat. Nun, entweder entscheidet man sich bewusst für das Studium (und meckert danach auch nicht), oder man studiert etwas anderes.

    Tröstend: Die wenigsten Lebensläufe sind gradlinig. Mich hat es in die verschiedensten Jobs verschlagen und ich wage zu sagen, dass ich bin auf einen (Sekretärin in einer Firma, in der es zu wenig Arbeit gab) alle gerne gemacht habe. Insofern bin ich sicher, dass die beiden Zap-Kinder irgendetwas arbeiten werden, das sie erfüllt. Auch wenn es vielleicht nicht das ist, was sie ursprünglich gelernt haben.

  16. uertner Says:

    Die Bologna-Reform verhindert uertner! Dies mag für viele Ideologen hier (SP-flashfrog) gar ein Grund für Bologna sein.
    Den Begriff der „Uerte“ fand ich in keinem Lehrbuch erklärt. Ich musste uertner werden, um ihm auf den Grund zu gehen. Solches, das an Universitäten eben auch stattfinden kann, obwohl mir niemand ETC-Punkte versprochen hat (weil ich die uerte erst meinen Professoren erklären musste). Die Uni ist nicht mehr ein Forschungplatz, sondern ein Theorie-Karaoke geworden: wer am schnellsten und effizientisten kopiert gewinnt. Aus solchen Schuppen muss man dann aber nicht „Innovation“ oder „Revolution“ erwarten. Es gibt nur geistige Eunuchen und gendermaingestreamte Aktenumschichter.

  17. zappadong Says:

    @uertner: Wenn das so wäre, läge es an den Studierenden, das aktiv zu ändern. Durch eigenes und eigenständiges Verhalten und durch …. Proteste 🙂

    Kleine Anekdote: Frau Zappadong hat fünf Jahre lang das Lehrerseminar besucht: Fünf verschenkte Jahre, wenn man es bildungsmässig betrachtet; fünf extrem gute Jahre, wenn man die persönliche Entwicklung von Frau Zappadong betrachtet. => Ich wurde, wie meine ganze Klasse, zur kleinen Revoluzzerin. Wir haben ALLES hinterfragt, aber gar alles.

    Jahre später traf ich meinen Deutschlehrer, der gleichzeitig unser Klassenlerher gewesen war und uns unzählige Male den Arsch gerettet hatte. „Und?“, fragte ich, „hast du jetzt pflegeleichtere Schüler als uns?“ Die Frage öffnete eine Schleuse bei ihm. Langweilig seis geworden, einfach nur langweilig. Alle lernen auswendig, wollen keine Diskussion mehr, sondern Noten und seien so angepasst, dass es weh tue. Er vermisse uns ….

  18. uertner Says:

    Eben, eben, und die Beizer würden den Uertner doch auch vermissen. >;-) Nicht? Der Uertner wird ab 5. Januar wieder Teilzeitlehrer. Hehe: ich hoffe es sind keine Langweiler!
    Unser Deutschlehrer pflegte zu sagen: Ihr seid die dümmste Bande die Gott in den letzten zwanzig Jahren erfunden hat.
    Ich fürchte er hatte recht 🙂
    Aber wenn heute das ein Gymilehrer einer Goldküstenklasse sagt, kommt ein reicher Papa und droht mit dem Anwalt. Wir sind halt alles nur noch Griesbreifresser.

  19. uertner Says:

    @Zappadong
    Darum bin ich Protestant: dies ist die Lizenz für den Dauerprotest. Jeder Kirchgang eine Demo!

  20. zappadong Says:

    Off-topic: Also, in deiner Klasse würde ich fürs Leben gerne sitzen 🙂

  21. flashfrog Says:

    @uertner: Wir haben in der Beizuerte das grosse Glück, uns nicht abhängig machen zu müssen von fremden ökonomischen Interessen, die dann abspringen, nur weil der uertner mal wieder was gesagt hat, was dem Sponsor nicht in den Kram passt. 😉 Diesen paradiesischen Zustand würd ich ungern ohne Not aufgeben.

    >> Eben, eben, und die Beizer würden den Uertner doch auch vermissen. >;-) Nicht?

    Und wie! Ohne dich wärs wohl ziemlich langweilig hier.
    Glückwunsch übrigens zum neuen Job!
    (Das Belehren liegt dir ja. 😉 )

    @zappadong: Ich glaube auch, ich habe in meinem Leben am meisten gelernt bei Leuten, an denen ich mich produktiv reiben konnte.

  22. uertner Says:

    @flashfrog
    Du hast einfach etwas gegen den Markt. Wenn der Uertner mit 308 Views an einem Tag die Beiz erstmals in der Post-facts-trubel-zeit zu einem neuen Besucherrekord verhalf, dann wird bestimmt kein Inserent sich in die Knie schiessen wollen ;-). Vielleicht machst du mal einen Kursus „Marktwirtschaft für deutsche (feministische) Literaturwissenschaftlerinnen“ es wäre eine gross Investition in Deine Zukunft.
    Wenn Zappadong und thinkabout ihre „stillen Waldschänken“ in die Beiz verlegen würden, entstünde eine „kritische Masse“ an Aufmerksamkeit, die sich nutzbringend monetarisieren liesse von einer Beiz-Genossenschaft mit demokratischen Strukturen. In diesen Strukturen würden wir Dir gar den Löwenanteil der Werbe-Einnahmen zuschieben als „Admina“.
    Aber Geld, das auf dem Markt erworben wird, ist „flashfrog“ unheimlich, dann lieber auf Hartz IV oder das „erbwerslose Grundeinkommen“ der Linke hoffen ;-).

  23. zappadong Says:

    @uertner: Frau Zappadong ist ein Freigeist. Ihre stille Waldschänke bleibt, wo sie ist – werbefrei und mit den Besuchern, die bei ihr einkehren wollen. Das ist auch eine Art Protest 🙂

    So viel ich weiss, ist Herr Thinkabouts Waldschänke exzellent besucht – und im Zappadong-Gebäude wuseln auch ständig mehr Leute herum (und suchen den Lift, den es nicht gibt 😉 )

    Alles in bester Ordnung.

  24. flashfrog Says:

    @uertner: Kannst du nicht mal über irgendetwas reden, ohne einen gleich in eine ideologische Ecke zu schieben?

    Die Gründe sind rein pragmatisch: Einmal im Jahr 300 Klicks zu haben nützt gar nix. Das müsstest du dann jeden Tag erreichen, und dann stehst du schnell vor demselben Dilemma, das auch beim Newsnetz zu Verboulevardisierung und Verblödung führt.
    Zweitens: Im Netz bezahlt niemand für etwas, das er auch gratis kriegt.
    Drittens: Wenn wir hier Werbung aufschalten würden, gingen die Einnahmen natürlich gerechterweise durch 7, und es wäre doch unsinnig, für 5 CHF pro Nase oder etwas in der Grössenordnung die wunderbare Freiheit der Beiz zu opfern: Wir sind von niemandem abhängig, keinem Chefredax, keinen Themenvorgaben, keiner Zeichenbegrenzung, keinen Klickzahlen, keiner Meinungsdiktatur, keinen fremden wirtschaftlichen Interessen. Davon kann ein angestellter Journi nur träumen…

  25. zappadong Says:

    @flashfrog: Ich kenne Blogs die wesentlich mehr als 300 Klicks pro Tag haben (nicht meiner „hüstel*) und weder verboulevardisiert noch der Verblödung nahe sind. => Der Zusammenhang zwischen vielen Klicks und Verblödung ist überhaupt nicht zwingend. So wie viele andere Zusammenhänge, die du herstellst, nicht zwingend sind.

  26. flashfrog Says:

    @zappadong: Ich habe nicht behauptet, dass viele Klicks haben zu Verblödung führt. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die ökonomische Notwendigkeit, möglichst viele Klicks zu generieren führt beim Newsnetz zur Boulevardisierung.

  27. Diana Says:

    Eeeew, DAS hätte uns grad noch gefehlt. Google Anzeigen, die dann Inhalte konstruieren wie: „Minarette günstig auf Ebay“ oder „Buchen Sie Hotels in Calvinismus“…

    >>>Die ökonomische Notwendigkeit, möglichst viele Klicks zu generieren führt beim Newsnetz zur Boulevardisierung.

    Ganz genau.

  28. Bruder Bernhard Says:

    ich halte fest: uertner kann sich endlich kurz fassen. gut so.

  29. uertner Says:

    @BB
    Tja, war eine der härtesten Kürzungsübungen. Sowas geht nur für Print mit Honorar. Aber stimmt halt: wer seine Texte nicht vergewaltigt, vergewaltigt den Leser. 😉

  30. Studentenproteste Schweiz 2009/2010 #Unsereuni « Journalistenschredder Says:

    […] offenbar etwas vernachlässigt und vergessen fühlender  Studirebellen, siehe dazu Uertner in der Beiz 2.0 oder C. Seibt im […]

  31. flashfrog Says:

    >> Tja, war eine der härtesten Kürzungsübungen. Sowas geht nur für Print mit Honorar.

    Off topic @uertner: A propos, was macht die Kunst? 😉

  32. uertner Says:

    @flashfrog
    Wir bleiben dran!

    @Monsieur Croche
    Sie sind ja mitten drin, aktiv dabei! Sehr gut, das ist eine grosse Karriere-Chance für Sie. Gerade im Tamedia-Konzern galt dies lange als Gütesiegel erster Klasse: der 68er Res Strehle ist Chefredaktor und der 88er Constantin Seibt ist Star-Schreiber. Sie verfilzen Sie sich in dieser Bewegung, sie werden in diesem Netzwerk derer, die „soziales Lernen“ nach „Siegenthaler, 1993“ im Jahr 2009 praktizierten durch die Institutionen marschieren. Und wenn nicht werden Sie – sauertöpfisch wie ich – sollten Sie den Kopf dazu haben den „Nebel spalten“, den die arrivierten Revoluzzer in Bälde dem thumben Volk vor die Augen blasen.

    @Werkstudent
    Während ihre „Kommilitonen“, die den Wehrdienst verweigert haben nun in einer Schlägerei mit den Polizeigrenadieren ihre politische „Mannwerdung“ inszenieren, würde ich Ihnen vorschlagen, jetzt einzusteigen: nun ist die Lava flüssig und der philosophische Kopf (und das sind Sie, weil sie VWL und nicht BWL studieren) kann sie geschickt in ein unter dem Ewigkeitsaspekt nützliches Bett lenken. Schliessen sie sich einer Arbeitsgruppe an: überzeugen Sie durch Arbeit, streben Sie Ziele an, lassen Sie sich nicht verunsichern, dass man ihnen die Früchte des Erfolges streitig machen wird: a la longue werden Sie sich durchsetzen. Dies ist der „Rudolf-Strahm-Effekt“. Die Tamedia (68er Strehle) muss ihn nun als Edel-Kolumnisten bezahlen, weil mit den gehypten „Star-Schreibern“ (88er Seibt) allein keine Zeitung zu machen ist, für die jemand noch sein Portemonaie zückt.

    @alle
    Nach der Weigerung die Hörsäle zu räumen. Strebt die Sache auf Punkt 7 zu: Eskalation mit Polizeigrenadieren zur Mannwerdung fürs studentische Poesiealbum. Wichtig wird es nun sein, wie sich die Paulus-Soziologen (Ueli Mäder in Basel und Kurt Imhof in Zürich) halten werden. Dies wird zu ihrem verantwortungsethischen Gesinnungstest werden. Möglich wäre aber auch, dass – gerade weil die Studenten unter einem Teil der Professoren zu grosse Sympathien geniessen – die Bewegung vom adoleszent-utopischen (Studiengebühren abschaffen!) ins mannhafte reaktionär-korporative kippt (Wir wollen wieder die mittelalterlich selbstverwaltete Studenten-Universität! mit den Privilegien: „Lehr- und Lernfreiheit“ als Freiheit – in extremis – auch nichts zu lernen, nieder mit den 68er Schlappschwänzen auf den Lehrstühlen, die Bologna nicht verhindert haben). Gerade dass Anti-68er Dr. Christoph Blocher, sich hinter den Protest gegen Bologna stellt, zeigt dass ein solches Potenzial vorhanden wäre. Nur bräuchte dies kluge Köpfe, die dies auch umzusetzen wissen. Das wahre „Damaskus-Erlebnis“ könnte darum die SVP haben, die im Studentenprotest den Hebel erkennt, gegen die Hegemonie des linken Mainstreams auf den Lehrstühlen vorzugehen, die aus „Sachzwängen“ und Karriere-Rücksichten der Bologna-Reform keinen ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen wussten.

  33. flashfrog Says:

    >> Das wahre „Damaskus-Erlebnis“ könnte darum die SVP haben,

    Nö, Populisten, die 40 Jahre zu spät auf einen Zug mit aufspringen wollen, springen nur noch auf die leeren Gleise (Robert-Enke-Effekt).

  34. uertner Says:

    @flashfrog
    Es gibt Pappkameraden, die weiter und weiter und weiterleben, weil sie eine Identitätsstützende Funktion gewisser Egos haben. Bsple: die Polen hassen Juden (auch wenn es nirgends mehr welche gibt), die Linke lebt von den „Faschisten“ und ähnlich verhält es sich mit dem „differenzierten Anti-Populismus“ der Intelligenzija. Aber der „Robert-Enke-Effekt“ ist von einem wohltuenden Sarkasmus 😉
    Meine Vermutung: wäre nicht in Deutschland ein gutes Dutzend (oder sind es schon mehr) Kerle klammheimlich im Hindukusch, bei der Verteidigung der Menschenrechte gefallen und in Hiterhöfen verscharrt worden, die Merkel-Nation hätte nicht diese kathartische Emphase für einen depressiven Torhüter an den Tag gelegt, der bis zur Selbstaufgabe gendermaingestreamt war und sein Leben unter die Lok eines armen Lokführers schmiss.

  35. Werkstudent Says:

    @Uertner:
    Vielleicht kann ich mich deshalb nicht so recht für die „Revolte“ erwärmen, weil ich seit Jahren mit der gleichen Frau das Bett teile (und daran nichts zu ändern gedenke).
    Zudem hatte ich – im Gegensatz zu den Besetzern – schon im Gymnasium ausreichend Gelegenheiten, mir die Hörner abszustossen.

    Ich musste nur demonstrativ die „Weltwoche“ auf mein Pult legen, ab und zu Blocher gegen Faschismusvorwürfe verteidigen oder verlautbaren, dass ich die RS machen werde, um die Lehrer zur Weissglut zu treiben. Wenig Aufwand, grosser Widerspruch durch die Erwachsenenwelt – und somit Ziel eines jeden pubertierenden Stelzbocks erreicht…

    Meine Mitschüler aus der alternativen oder linksliberalen Oberschicht hatten es dagegen nicht leicht, wurden ihre Provokationsversuche doch durch grenzenloses Verständnis oder explizite Zustimmung seitens der Pädagogen bestraft. Es reicht halt heute nicht mehr, bekifft zum Unterricht zu erscheinen oder anarchistische Parolen an die Schulhäuser zu sprayen. Damit kopiert man nur die Jugendzeit des Lehrkörpers und verkörpert die Affirmation. Wahrscheinlich ist es dieser Mangel an Reibung und Konflikten, der die Besetzer auch (neben den sachlichen Anliegen) antreibt.
    Den grössten Streit hatte ich übrigens mit einem Geschichtslehrer, der die Klasse dazu angestiftet hatte, die Schule zu schwänzen und stattdessen gegen den Irak-Krieg zu demonstrieren. Als er mich im Schulhaus ertappte, wie ich heimlich im Geschichtsbuch las (statt gegen den Irak-Krieg zu demonstrieren), schrie er mich wütend an, ob mir der Imperialismus eigentlich am Arsch vorbei gehe.

    Anmerkung 1:
    Die Besetzer der Aula der Uni Bern riefen die Studentschaft dazu auf, als Zeichen der Solidarität gelbe Kleidungsstücke zu tragen. Ich habe im Vorlesungssaal gezählt: Unter den zirka 300 Studenten machte ich kein einziges(!) gelbes Kleidungsstück aus…

    Anmerkung 2:
    Das allergrösste Problem in meinem Studentenleben stellt die schwierige Vereinbarkeit von WK und Studium (plus Arbeit) dar. Seltsam (oder bezeichnend), dass trotz allerlei utopischer Forderungen (ausser Freibier für alle) gerade diese Problematik nirgends Erwähnung fand.

    Anmerkung 3 (für die Anti-SVP-Polizei):
    Nein, ich bin kein Anhänger der SVP. Aber ich halte dieses billige verbale Einschlagen auf die SVP für langweilig, intellektuell borniert und vor allem nicht sehr mutig. Ich respektiere jeden eingefleischten SVP-Anhänger, der offen zu seiner Meinung steht. Und ich respektiere auch jeden Minarett-Gegner, obwohl ich seine Meinung nicht teile. Insbesondere respektiere ich Christoph Blocher, welcher der eigentliche Rebell unter den affirmativen 68ern geworden ist. Das ritualisierte SVP-Bashing ist die heutige Form von „Moskau einfach!“.

  36. uertner Says:

    @Werkstudent
    Darum wäre es eben richtig ein Transparent für die Vereinbarkeit von Studium/Arbeit/WK zu schreiben und in den Plenarsal zu tragen mit gelbem T-Shirt. Die wirkliche Revolution an der UNI wäre die Wiedereinführung der verfassten studentenschaft, welche aus den Studenten eine eigene Kaste mit eigenen politischen Institutionen machte. In dieser Spielwiese konnte Blocher sich gegen die 68er wehren und wurde das erste Mal politisiert. Durch die Auflösung der „verfassten Studentenschaft“ in den 70er Jahren (es waren Liberale, die diesen „mittelalterlichen Zopf“ abschneiden wollten, weil sie in den studentischen Gremien keine Mehrheiten mehr hinkriegten). Die folge davon: es gibt kein „studentisches Selbstbewusstsein“ mehr und die politische Arbeit wurde in der Uni zunehmend dilettantisch gemacht. Die Wiedererlangung der „verfassten studentenschaft“ als ständiger und kompetenter Ansprechpartner von Rektorat und Lehrkörper, würde diese periodisch auftretenden dilettantischen Proteste verhindern. Aber ich vermute, wie die Dinge jetzt stehen: Jean Ziegler zeigt sich in Wien etc. pp. wird es dem harten Kern der Bewegung ein echtes Anliegen sei ein paar polizeiliche Schrammen für das Poesie-Album zu erhalten.

    Ihre Schilderung vom Geschichtslehrer und der Irak-Demo ist wahrlich eine Realsatire erster Güte.

  37. uertner Says:

    was aus einem der damaligen „Unitopisten“ geworden ist:
    http://www.reformiert.info/artikel_8667.html

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