Archive for Dezember 2009

Alle reden übers Wetter, aber keiner tut was dagegen

Dezember 14, 2009

Das ist ein alter Klo-Spruch.
In Kopenhagen wird zur Zeit wieder mal übers Klima verhandelt. Das Ziel der meisten Länder scheint mal wieder zu sein, nicht so viel wie möglich zu tun, sondern – zumindest selber – so wenig wie möglich zu tun, um die Klimaerwärmung zu minimieren. Sowas nennt man gemeinhin: Nichts als heisse Luft produzieren.
Die G77, ein Zusammenschluss der Arschkartenländer, hat deswegen zu einem Boykott der weiteren Verhandlungen aufgerufen: http://www.zeit.de/politik/ausland/2009-12/kopenhagen-klimagipfel-afrika
Wie kommt das eigentlich, dass für notleidende Banken locker Milliarden über Milliarden zur Verfügung stehen, für notleidende Menschen heisst es: „Sorry, aber Afrika ist nicht systemrelevant“? Und das, obwohl fast alle Experten, die bei Trost sind, sagen, dass uns Dürren, Überflutungen, Stürme und dergleichen in der Zukunft so teuer zu stehen kommen werden, dass die derzeitige Krise geradezu lächerlich daneben wirkt?

Minarette in Deutschland: aufgekl. Muslima vs. Altkanzler

Dezember 11, 2009

Die Debatte, die sich in Deutschland entspinnt, wo in der liberalen „Zeit“ Altkanzler Schröder eingeladen wurde, seine Konfirmanden-Theorie über den „Islam“ darzulegen, und der FAZ, in der Necla Kelec gekonnt kontert, scheint mit sehr symptomatisch. Obschon ich – ich wiederhole mich – noch nie in Berlin einen Döner gegessen habe und darum zu deutschen Fragen schweigen sollte, möchte ich die beiden Artikel hier in der Beiz anzeigen, zur Diskussion.

upgrade 12.12.2009: auch der Blick von heute schlägt seinen Lesern die beiden Texte vor! Die Beiz war wieder vorne!

Die Umgehung der Volksmeinung in Europa

Dezember 4, 2009
Zum Videokommentar von Roger Köppel, der meiner Meinung nach recht flach ausfällt, in dem er aber natürlich den mangelnden Respekt Europas und der Welt für den demokratischen Volksentscheid der Schweiz anprangert, ist mir ein Kommentar aus den Niederlanden aufgefallen:
J Stensen     02.12.09 11:19

[…] nach das Debakel mit der EU-Konstitution (66% gegen) gestattet die Eilte keinen Volksentscheiden mehr.
Lasst euch nichts aufschwatzen über Rassismus, Faschismus oder Xenophobie und macht Ihre eigene Entscheidung.
Gratulationen und Verzeihung für die unzweifelhaft viele Rechtschreibfehler.

Den Schluss lasse ich bewusst so stehen, denn ich möchte darauf hinweisen, dass es einen besonderen persönlichen Antrieb braucht, sich in einer Fremdsprache zum Thema zu äussern und sich dabei die Blösse des unbeholfenen Ausdrucks zu geben.

Ich habe seit Jahrzehnten Kontakte nach Holland, und was hier angesprochen wird, ist genau das, was ich zu Fragen rund um den Beitritt zur EU wie zu Immigrationsproblemen immer wieder zu hören bekomme:

Das Volk fühlt sich in keiner Weise vertreten, repräsentiert oder Ernst genommen. Der Eindruck, von einer Classe Politique regiert zu werden, wird hierzulande von der SVP reklamiert – im Ausland wird es tatsächlich in vielen Staaten von breiten Bevölkerungsschichten so empfunden.

Dieses Problem zu unterschätzen, und in einer per se einmal rein formal gesehenen Marginalie eines Minarettverbots nun die Gelegenheit zu sehen, eine Menschenrechtsdebatte zu führen, hiesse, das Unverständnis in den weit verbreiteten, warum auch immer  frustrierten Bevölerkungsteilen Europas zu schüren. Es ist ganz deutlich davor zu warnen, eine intellektuell-elitäre Debatte über ideell angekratzte Menschenrechte auf die Spitze zu treiben, sich medial und politisch daran zu reiben und das Thema – nach beiden Seiten – zu schüren. Was die politischen Parteien und deren Häuptlinge, wie z.B. Darbellay (Friedhofsdiskussion)  und Levrat (Guantanamo-Flüchtlinge), nun in Sachen politischer Ausschlachtung der Situation vorführen, ist ziemlich abscheulich und bedenklich, da es aus der Mitte und von links kommt, wo ja schlussendlich die wirklichen Antworten und Strategien herkommen müssten.

Der Kritik, welche genau dies kommen sah und daher vor einem Ja warnte, entgegne ich dennoch:

Dass die Frage der Intergration des Islams in Europa aber jetzt auf den Tisch gekommen ist, und nicht in fünf oder erst zehn Jahren, dass die Frage in einem Land zu diskutieren ist, indem viele Probleme nicht schon in breiter Front Realität Auswüchse zeigen, sondern erst verständliche Befürchtung herrscht, sie könnten überhand nehmen, das ist gut, wichtig und absolut zu begrüssen. Es gibt allen Seiten die Chance, wenn sich die Gemüter einmal beruhigt haben, der Schock sich gelegt hat und das Denken wieder einsetzt, über mögliche Massnahmen zur besseren Verständigung zu diskutieren. Ich habe in diesen Tagen aus muslimischen Kreisen Stimmen gehört, die mich sehr ermutigt, und auch ein wenig beschämt haben: Es scheint ganz so, als wäre das Vermögen, einen durchaus irritierenden Entscheid, der vermeintlich persönlich diskriminierend verstanden werden könnte, für das zu nehmen, was er ist:

Ausdruck eines Unbehagens, dessen Gründe man sehr wohl orten und auch verstehen kann, was danach fragen lässt, wie diese Ängste abgebaut werden können: Es hilft den Muslimen überhaupt nicht weiter, wenn sich irgendwelche Kommentatoren über einen ängstlichen „undemokratischen“ Entscheid (ein Absurdum für sich und eigentlich als Wertung in Medien- und Politikerkreisen ein Skandal) mokieren oder entrüsten, statt dagegen anzuarbeiten:

Mit Information, mit Gelegenheiten für Muslime, deren Integrationsbemühungen darzustellen und Probleme selbst zu orten, zu benennen und dabei nicht stehen zu bleiben: Integration zu fordern, ist kein Muslim-Bashing, sondern eine Bringschuld, die beidseits geleistet werden muss. Es mag sein, dass sich Zugereiste erst einmal anpassen sollen und müssen. Tun sie es aber, bemühen sie sich, so  sind sie auch zu unterstützen. Und ich bin sicher, dass sich auch dabei sehr viel Verbesserungspotential ausmchen lässt.

Es ist höchste Zeit, dass viel mehr über die konkreten Aspekte dieser Integration gesprochen, geschrieben und vor allem recherchiert wird. An die Arbeit, werte Journalisten und Blogger.

Wie ein Bündner seine Frau unterdrückt (ohne Schleier)

Dezember 1, 2009

 

Minarette, Burckhardt & Fastnacht

Dezember 1, 2009

Untenstehender Text war der „Basler Zeitung“ zu komplex für die Publikation im Print, wofür ich alles Verständnis habe. Trotzdem sei er hier nun zur Diskussion gestellt. Disclaimer: er richtet sich an intelligente Leser und wurde von einer Print-Redaktion als zu heikel eingeschätzt. Und er entspringt dem Anliegen, integrativ zu wirken.

Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die größtmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind.

Jacob Burckhardt, weltgeschichtliche Betrachtungen (1869, gedr. 1905)
Giorgio Girardet

„Der Geist ist ein Wühler“ wusste schon Jacob Burckhardt, der Mann auf der Tausendfrankennote. In seiner drei Potenzen-Lehre der „weltgeschichtlichen Betrachtungen“ nennt er als Aufgabe der Potenz „Cultur“ aufzuzeigen, wenn in den übrigen Potenzen „Staat“ und „Religion“, die auf „Zwangsgeltung“ Anspruch erheben können Form und Inhalt nicht
mehr übereinstimmen.

Von aufgeklärt-konservativen, humanistischen und skeptischen Prämissen ausgehend, verwirft B. jegliche geschichtsphilosophische und providentiell-theologische Theorie und sieht den Gang der Geschichte ausschließlich aus der der Triebnatur erwachsenden kulturbildenden Kraft der Menschengattung bestimmt (nicht „Weltgeist“ [etwa im Sinne Hegels], sondern „Menschengeist“). Dieser realisiere sich in der Wechselbeziehung der dreiPotenzen“ Staat, Religion und Kultur. Die Bedeutung der Geschichte erkennt er in der „Kontinuität“ als dem allgemeinen Maßstab für jegliche historischen Wertungen: in der „kulturellen Kontinuität der Bildung Alt-Europas“. (Quelle)

Wie steht es um den Basler Stadtstaat? Dessen höchster Repräsentant Regierungspräsident, „Kalif“, Dr. med. Guy Morin hat nicht nur Verbot für die angeblich rassistischen und diffamatorischen Plakate für die Minarett-Initiative gerechtfertigt, sondern auch konfirmandenhaft seiner Vorfreude über den Ruf des Muezzins Ausdruck verliehen.

Wie steht es um die Religion in Basel? Der generalstabsmässige Rückzug des Protestantismus aus dem Weichbild (Perspektiven 15) wurde durch den Kanzelstreit am Münster effizient beschleunigt und katholischerseits illustrierte „Röschenz“ die Kollision zwischen Schweizerischem Staatskirchenrecht und den despotischen Ansprüchen der römischen Hierarchie plastisch. Soweit die öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften der „Leitkultur“.

Oder ist nicht in Basel längst die „political correctness“ zur Leitkultur erhoben worden? Die klaglose Bereitschaft der 30% Kirchensteuerflüchtlinge sich in der Meinungsäusserungsfreiheit von der ängstlichen Rücksicht auf die 9% Mitbewohner leiten zu lassen, die sich als Muslime sich auf der Einwohnerkontrolle registrieren liessen (mit der koranischen „licence to kill“ für „Ungläubige“), legt den Gedanken nahe.

Oder bleibt die „Fastnacht“ mit ihrem träfen Witz die Leitcultur der Basler? Das Inserat, das in der „Weltwoche“ und anderen Medien geschaltet wurde und den Absender „CH-rette-Postlagernd-4001 Basel“ trägt, schlägt mit den Waffen des Witzes.

Es zeigt die Muslime, die am 11. Februar 2006 nicht Richtung Mekka sondern in Richtung des Schweizerischen Kalifenpalastes beteten, auf dass sie von Karikaturen verschont bleiben mögen, womit sie in ihrem Unverständnis für den säkularen Westen selber zur Realsatire und
Karikatur-Sujet wurden. Das „Jo“ und das „verrote“ deuten wie der Absender nach Basel.

Die Karikatur stellt die einzig richtige Frage: sind Muslime fastnachts-tauglich? Jacob Burckhardt war skeptisch:

„Und eine Komödie ist (im Islam: Anm. GG) unmöglich, schon weil es keine gemischte Geselligkeit (Männer und Frauen Anm. GG) gibt, und weil Witz, Spott, Parabel, Gaukler usw. die ganze betreffende Stimmung vorwegnehmen.“

Aber vielleicht mögen die Basler Muslime in ein freundeidgenössisches Fastnachtslachen mit einstimmen. Es wäre – mit oder ohne Minarett – der entscheidende Schritt zur Integration in die säkulare Humorgemeinschaft der „Confoederatio“: unserer „Lach- und Schiessgesellschaft“.