Minarette, Burckhardt & Fastnacht

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Untenstehender Text war der „Basler Zeitung“ zu komplex für die Publikation im Print, wofür ich alles Verständnis habe. Trotzdem sei er hier nun zur Diskussion gestellt. Disclaimer: er richtet sich an intelligente Leser und wurde von einer Print-Redaktion als zu heikel eingeschätzt. Und er entspringt dem Anliegen, integrativ zu wirken.

Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die größtmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind.

Jacob Burckhardt, weltgeschichtliche Betrachtungen (1869, gedr. 1905)
Giorgio Girardet

„Der Geist ist ein Wühler“ wusste schon Jacob Burckhardt, der Mann auf der Tausendfrankennote. In seiner drei Potenzen-Lehre der „weltgeschichtlichen Betrachtungen“ nennt er als Aufgabe der Potenz „Cultur“ aufzuzeigen, wenn in den übrigen Potenzen „Staat“ und „Religion“, die auf „Zwangsgeltung“ Anspruch erheben können Form und Inhalt nicht
mehr übereinstimmen.

Von aufgeklärt-konservativen, humanistischen und skeptischen Prämissen ausgehend, verwirft B. jegliche geschichtsphilosophische und providentiell-theologische Theorie und sieht den Gang der Geschichte ausschließlich aus der der Triebnatur erwachsenden kulturbildenden Kraft der Menschengattung bestimmt (nicht „Weltgeist“ [etwa im Sinne Hegels], sondern „Menschengeist“). Dieser realisiere sich in der Wechselbeziehung der dreiPotenzen“ Staat, Religion und Kultur. Die Bedeutung der Geschichte erkennt er in der „Kontinuität“ als dem allgemeinen Maßstab für jegliche historischen Wertungen: in der „kulturellen Kontinuität der Bildung Alt-Europas“. (Quelle)

Wie steht es um den Basler Stadtstaat? Dessen höchster Repräsentant Regierungspräsident, „Kalif“, Dr. med. Guy Morin hat nicht nur Verbot für die angeblich rassistischen und diffamatorischen Plakate für die Minarett-Initiative gerechtfertigt, sondern auch konfirmandenhaft seiner Vorfreude über den Ruf des Muezzins Ausdruck verliehen.

Wie steht es um die Religion in Basel? Der generalstabsmässige Rückzug des Protestantismus aus dem Weichbild (Perspektiven 15) wurde durch den Kanzelstreit am Münster effizient beschleunigt und katholischerseits illustrierte „Röschenz“ die Kollision zwischen Schweizerischem Staatskirchenrecht und den despotischen Ansprüchen der römischen Hierarchie plastisch. Soweit die öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften der „Leitkultur“.

Oder ist nicht in Basel längst die „political correctness“ zur Leitkultur erhoben worden? Die klaglose Bereitschaft der 30% Kirchensteuerflüchtlinge sich in der Meinungsäusserungsfreiheit von der ängstlichen Rücksicht auf die 9% Mitbewohner leiten zu lassen, die sich als Muslime sich auf der Einwohnerkontrolle registrieren liessen (mit der koranischen „licence to kill“ für „Ungläubige“), legt den Gedanken nahe.

Oder bleibt die „Fastnacht“ mit ihrem träfen Witz die Leitcultur der Basler? Das Inserat, das in der „Weltwoche“ und anderen Medien geschaltet wurde und den Absender „CH-rette-Postlagernd-4001 Basel“ trägt, schlägt mit den Waffen des Witzes.

Es zeigt die Muslime, die am 11. Februar 2006 nicht Richtung Mekka sondern in Richtung des Schweizerischen Kalifenpalastes beteten, auf dass sie von Karikaturen verschont bleiben mögen, womit sie in ihrem Unverständnis für den säkularen Westen selber zur Realsatire und
Karikatur-Sujet wurden. Das „Jo“ und das „verrote“ deuten wie der Absender nach Basel.

Die Karikatur stellt die einzig richtige Frage: sind Muslime fastnachts-tauglich? Jacob Burckhardt war skeptisch:

„Und eine Komödie ist (im Islam: Anm. GG) unmöglich, schon weil es keine gemischte Geselligkeit (Männer und Frauen Anm. GG) gibt, und weil Witz, Spott, Parabel, Gaukler usw. die ganze betreffende Stimmung vorwegnehmen.“

Aber vielleicht mögen die Basler Muslime in ein freundeidgenössisches Fastnachtslachen mit einstimmen. Es wäre – mit oder ohne Minarett – der entscheidende Schritt zur Integration in die säkulare Humorgemeinschaft der „Confoederatio“: unserer „Lach- und Schiessgesellschaft“.

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6 Antworten to “Minarette, Burckhardt & Fastnacht”

  1. Mara Says:

    Auch nach zwei mal lesen geb ich zu, zu blöd für diesen Artikel zu sein. Ich hab keine Ahnung was um alles in der Welt es Aussagen sagen.
    (Bis auf die kleinen Spitzen zwischendurch, offensichtlich von jemanden der sich darüber ärgert dass anderes ich die Freiheit nehmen keine Kirchensteuer zu zahlen)

  2. uertner Says:

    @Mara
    Schau im Kalender, wann in Basel „Morgestraich“ ist. Nimm kind und kegel mit: ein unvergessliches Erlebnis. Die Schweiz braucht es „Gspüri“, sagt Massimo Rocchi. Es „Gspüri“, auch der hiesige Witz und die Fastnacht.

  3. thinkabout Says:

    Mir hat der Artikel zu viele Quergedanken und eine lange Einleitung, bevor sie beim interessanten Gedanken der Fasnachttauglichkeit fremder Kulturen ankommt. Wobei ich als Zürcher mich nun frage, zu was ich denn taugen möge?
    Und stell Dir mal vor, wie heimatlos ich mich fühlen muss, wenn Du weisst, dass ich mit dem zünftig zünftischen Sächsilüüte wenig anfangen kann…

  4. uertner Says:

    Es geht weniger um die Fastnachtstauglichkeit, als um die Humorfähigkeit. Die Katholische Fastnacht wurde ja nach der Reformation „literarisiert“. Fastnächtliches findet sich als Humor und Satire in den grossen Romanen protestantischer Schriftsteller.

    Der Islam ist („satanische Verse“ lassen grüssen) weitgehend humoruntauglich und dies müsste er werden, wollte er in der Eidgenossenschaft heimisch werden. Es muss möglich werden „in guotem Schimpf“ mit den Moslems zu lachen.

    Aber gerade Basel zeigt, dass sich eher die „Leitkultur“ von der (vermuteten) muslimischen Humorlosigkeit hat anstecken lassen, als umgekehrt.

  5. flashfrog Says:

    @uertner: Ja, es ist immer leicht, von anderen Humor und Toleranz einzufordern. Wenn es um den heiligen Calvin geht oder wenn sich ein Nichtschweizer erlaubt, ein kritisches Wort über die Schweiz zu äussern, dann vermisse ich diesen Humor bei dir allerdings regelmässig. 😉

  6. uertner Says:

    @flashfrog
    Im Unterschied zu Calvin: von dem man höchstens noch weiss, welche Witze passen könnten, darf man Mohammed nicht einmal erwähnen, der Koran auch nicht. Zum Abschluss des Calvin-Jahres meinte der europäische Oberprotestant, der Schweizer Thomas Wipf: „Wir schämen uns nicht mehr für Calvin“. Nun bis es heissen wird: „Wir schämen uns nicht mehr für Mohammed“ dürfte wohl noch sehr sehr sehr viel Wasser den Rhein hinunterfliessen. Der Islam hat sich bisher nur als kulturelle „no go area“ profiliert: Zensur in Verlagen, Theatern, Büchern, in den Köpfen. Gerade in Deutschland hat Allah, den christlichen Gott schon längst abgelöst, anders kann ich die deutsche Presse zum Schweizer Abstimmungsergebnis nicht interpretieren.

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