Archive for Juli 2010

Kirchenhierarchie und Luthers „gläserne Decke“

Juli 25, 2010

Die Lutheraner aller Welt verabschiedeten wieder einhellig Forderungen zur Weiteren Förderung der Frau in der kirchlichen Hierarchie.

Der Präsident des Lutherischen Weltbunds (LWB), Mark Hanson , hat sich für eine weltweite Förderung der Frauenordination bei den Lutheranern ausgesprochen. Eine Selbstverpflichtung soll die 140 LWB-Mitgliedskirchen zur Unterstützung der Weihe von Frauen ermutigen. Auch durch die Ernennung von Frauen in Leitungsfunktionen müsse sichtbar werden, dass sich die Lutheraner als „radikal integrative Gemeinschaft“ sehen. Das sagte Hanson auf der LWB-Vollversammlung in Stuttgart. Zu der zwischen den lutherischen Kirchen strittigen Frage, ob Homosexuelle zu Pastoren geweiht werden sollten, wollte Hanson keine Stellung beziehen. Er wisse, dass in den Mitgliedskirchen dazu verschiedene Meinungen herrschten.

Dieses Beharren auf dem auch von der UNO in den Milleniumszielen festgeschriebenen Weg des „Gendermainstreamings“ erscheint vor allem dann merkwürdig, wenn die realen Erfahrungen der deutschen Lutheraner mit ihren bisher zwei Bischöfinnen ins Blickfeld gefasst werden. Sowohl die 1992 als erste lutheranische Frau ins Bischofsamt beförderte Frau Bischöfin Maria Jespen, als auch die gefeierte erste Vorstherein aller deutschen Lutheraner, Bischöfin Margot Kässmann, sahen die Notwendigkeit von ihren Ämtern zurückzutreten.

Aus einem Interview der Berliner „taz“ (15.Mai 2010) mit Bischöfin Maria Jespen über den Rücktritt von Kässmann:

Wahrscheinlich hätte ein Mann das einfach ausgesessen.

Ja, aber das ist kein Weg. Nach dem Motto: Die anderen schummeln auch und sind auch korrupt etc. Margot Käßmann war anders. Sie hat gezeigt, ich bin klar. Auch wenn es für sie hart und nun alles kaputt ist.

Hätte sie die Häme nicht durchstehen müssen, damit weiter eine wichtige Frau im Protestantismus wirken kann?

Nein. Wir als Kirche stehen dazu, dass dies ein Fehler gewesen ist. Ich fand das auch als Frau gut. Frauen sitzen das nicht einfach aus, sie stehen dazu. Aber dass das für uns ein unglaublicher Verlust ist, das ist klar. Als ich das erste Mal dazu Stellung nehmen musste, schlackerten mir die Beine.

Hat sie so nicht dennoch der Frauensache in Deutschland geschadet? Zumindest hat Alice Schwarzer so argumentiert.

Einerseits ja, weil sie nicht mehr da ist. Andererseits hat Margot Käßmann gezeigt, dass sie Stärke hat, mehr Stärke als die vielen starken Männer, die sonst so auftreten. Das fand ich ein Zeichen von Größe. Es steht ein Mensch für das, was er gemacht hat.

Bischöfin Kässmann hatte mit ihrem „Traum“ im Magazin der „Zeit“ schon für Verwunderung gesorgt: der öffentlich geäusserte Traum der ersten Frau an der Spitze der deutschen Lutherischen Kirche betraf nichts Kirchliches, sondern die Aussicht, dank Frühpensionierung bald die Enkel geniessen zu können, die bei ihren vier Töchtern sich unweigerlich in den nächsten Jahren einstellen würden.

Es scheint damit, dass die beiden Bischöfinnen an ihrer „inneren Eva“ gescheitert sind. Die eine interessierte sich eher für ihre Enkel als für ihre im kirchlichen Amt anvertrauten Schäfchen, die andere trat aus einem Sauberkeitsfimmel zurück, der wohl angebracht ist, wenn es darum geht die Hygiene einer Familie zu sichern, aber der fast schon gefährliche Züge annimmt, wenn man/frau in einer öffentlichen Verantwortung steht. Vielleicht müsste man/frau über Frauen in der kirchlichen Hierarchie einmal grundsätzlich nachdenken. Die Hausmütterchen-Vorzüge des „weiblichen Denkens“ (sollte es denn ein solches wirklich geben: ein „spezifisch weibliches „besseres“ Denken“), können in einem öffentlichen Amt zu Hypothek werden. Gerade ein Weltweiser wie Bertolt Brecht hat im „Guten Mensch von Sezuan“ der weiblichen Shen Te den „bösen Vetter“ Shui Ta zur Seite gestellt.

Aber wie die Versammlung der Lutheraner zeigt: der Weg des „Gendermain-streamings“ soll weiter beschritten werden und Kritiker werden wohl mit den Mitteln, die auch der lutheranischen Kirche zu Gebote stehen, zum Schweigen gebracht werden. Kritische Diskussion hier.

Erstaunlich bleibt: der „Feminismus“ ist derart in den Köpfen verankert, dass er auch dann nicht mehr überdacht wird, wenn sich „Entgleisungen“ häufen. Im Vergleich dazu erscheint mir die Diskussion um die Neuordnung der Finanzmärkte von einer geradezu ermutigend Lern- und Änderungsbereitschaft.

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Oliver Reichensteins kurze Geschichte des Web-Designs

Juli 21, 2010

Oliver Reichenstein, der den Beizianern ja als umtriebiger Kommentator und Webdesinger in Erinnerung sein dürfte, ist zur DRS2-tauglichen Web-Instanz avanciert. Lohnt sich hineinzuhören. Viel Informationen in 5 Minuten.

Gauck – ein Lackmustest für die deutsche Politik

Juli 1, 2010

Warum genau der deutsche Bundespräsident Horst Köhler so halsüberkopf sein Amt verlassen hat, weiss noch immer niemand so recht. Er hatte sich missverständlich ausgedrückt, Blogger habens aufgegriffen . Aber so was ist in Deutschland doch eigentlich politisches Tagesgeschäft und kein Grund, gleich zurückzutreten.
Oder möglicherweise doch eine Krankheit, die das relativ beliebte Staatoberhaupt zum Rückzug ins Private bewogen hat?

Egal, auf jeden Fall brauchte das Staatsschiff umgehend einen neuen Kapitän und die Nominierung von Joachim Gauck war ein genialer Schachzug von Grün-Rot.
Der Bürgerrechtler und protestantische Pfarrer ist manch echtem Liberalen (davon gibt es sogar in der FDP offenbar doch noch ein paar Restexemplare) und Christ-Demokraten näher als die als profilloser Parteisoldat und Karrierist verschriene Alternative. Christian Wulff – ein Mann mit runden Ecken. Die „Wildsäue“ und „Gurkentruppen“ konnten noch so sehr „Geschlossenheit“ und „Korpsgeist“ beschwören, mindestens 44 Schwarzgelbe nutzten die Gelegenheit, die Merkel zu Blochern.

Auch für die Linke war die Notwendigkeit, sich zu Stasi-Aufklärer Gauck zu verhalten ein Lackmustest: Sie hatte die Wahl, sich als SED-Nachfolgepartei zu bekennen oder als ernsthafter Partner von Rot-Grün zu etablieren. Die Linke hat auf ihrer eigenen (von vornherein chancenlosen) Kandidatin bestanden und sich dann im dritten und entscheidenden Wahlgang enthalten und damit den Weg für Wulff freigemacht.
http://www.youtube.com/watch?v=tyShCNbsplI

Mit einiger Wahrscheinlichkeit wäre die Schwarz-Gelbe Regierungskoalition endgültig in die Brüche gegangen, wäre Gauck gewählt worden. Und mit etwas Glück wäre die FDP, die weiterhin offenbar nicht verstanden hat, das die Wähler keine „Taktik“ und keine populistische „Strategie“ wollen, sondern liberale Überzeugungen und praktische Lösungen, bei Neuwahlen an der Fünfprozenthürde gescheitert, was eine Rot-Grüne Mehrheit ohne Linke Beteiligung erleichtert hätte…

Nun hat es Wulff also doch geschafft, mit Hängen und Würgen im dritten Wahlgang. Aber, liebe Frau Merkel, vielleicht wäre es trotzdem einmal an der Zeit über eine Neuorientierung nachdenken, hm? Die grosse Koalition war ja so schlecht nicht…
Und wenn man sich in einer Beziehung nur noch streitet, dann sollte man sich irgendwann einfach eingestehen, dass man sich getäuscht hat, dass man einfach doch nicht zu einander passt. Und die Konsequenzen ziehen und die Scheidung einreichen.
Das ist zwar schlimm für die Kinder. Aber Philipp Rösler wird darüber hinwegkommen.