Kirchenhierarchie und Luthers „gläserne Decke“

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Die Lutheraner aller Welt verabschiedeten wieder einhellig Forderungen zur Weiteren Förderung der Frau in der kirchlichen Hierarchie.

Der Präsident des Lutherischen Weltbunds (LWB), Mark Hanson , hat sich für eine weltweite Förderung der Frauenordination bei den Lutheranern ausgesprochen. Eine Selbstverpflichtung soll die 140 LWB-Mitgliedskirchen zur Unterstützung der Weihe von Frauen ermutigen. Auch durch die Ernennung von Frauen in Leitungsfunktionen müsse sichtbar werden, dass sich die Lutheraner als „radikal integrative Gemeinschaft“ sehen. Das sagte Hanson auf der LWB-Vollversammlung in Stuttgart. Zu der zwischen den lutherischen Kirchen strittigen Frage, ob Homosexuelle zu Pastoren geweiht werden sollten, wollte Hanson keine Stellung beziehen. Er wisse, dass in den Mitgliedskirchen dazu verschiedene Meinungen herrschten.

Dieses Beharren auf dem auch von der UNO in den Milleniumszielen festgeschriebenen Weg des „Gendermainstreamings“ erscheint vor allem dann merkwürdig, wenn die realen Erfahrungen der deutschen Lutheraner mit ihren bisher zwei Bischöfinnen ins Blickfeld gefasst werden. Sowohl die 1992 als erste lutheranische Frau ins Bischofsamt beförderte Frau Bischöfin Maria Jespen, als auch die gefeierte erste Vorstherein aller deutschen Lutheraner, Bischöfin Margot Kässmann, sahen die Notwendigkeit von ihren Ämtern zurückzutreten.

Aus einem Interview der Berliner „taz“ (15.Mai 2010) mit Bischöfin Maria Jespen über den Rücktritt von Kässmann:

Wahrscheinlich hätte ein Mann das einfach ausgesessen.

Ja, aber das ist kein Weg. Nach dem Motto: Die anderen schummeln auch und sind auch korrupt etc. Margot Käßmann war anders. Sie hat gezeigt, ich bin klar. Auch wenn es für sie hart und nun alles kaputt ist.

Hätte sie die Häme nicht durchstehen müssen, damit weiter eine wichtige Frau im Protestantismus wirken kann?

Nein. Wir als Kirche stehen dazu, dass dies ein Fehler gewesen ist. Ich fand das auch als Frau gut. Frauen sitzen das nicht einfach aus, sie stehen dazu. Aber dass das für uns ein unglaublicher Verlust ist, das ist klar. Als ich das erste Mal dazu Stellung nehmen musste, schlackerten mir die Beine.

Hat sie so nicht dennoch der Frauensache in Deutschland geschadet? Zumindest hat Alice Schwarzer so argumentiert.

Einerseits ja, weil sie nicht mehr da ist. Andererseits hat Margot Käßmann gezeigt, dass sie Stärke hat, mehr Stärke als die vielen starken Männer, die sonst so auftreten. Das fand ich ein Zeichen von Größe. Es steht ein Mensch für das, was er gemacht hat.

Bischöfin Kässmann hatte mit ihrem „Traum“ im Magazin der „Zeit“ schon für Verwunderung gesorgt: der öffentlich geäusserte Traum der ersten Frau an der Spitze der deutschen Lutherischen Kirche betraf nichts Kirchliches, sondern die Aussicht, dank Frühpensionierung bald die Enkel geniessen zu können, die bei ihren vier Töchtern sich unweigerlich in den nächsten Jahren einstellen würden.

Es scheint damit, dass die beiden Bischöfinnen an ihrer „inneren Eva“ gescheitert sind. Die eine interessierte sich eher für ihre Enkel als für ihre im kirchlichen Amt anvertrauten Schäfchen, die andere trat aus einem Sauberkeitsfimmel zurück, der wohl angebracht ist, wenn es darum geht die Hygiene einer Familie zu sichern, aber der fast schon gefährliche Züge annimmt, wenn man/frau in einer öffentlichen Verantwortung steht. Vielleicht müsste man/frau über Frauen in der kirchlichen Hierarchie einmal grundsätzlich nachdenken. Die Hausmütterchen-Vorzüge des „weiblichen Denkens“ (sollte es denn ein solches wirklich geben: ein „spezifisch weibliches „besseres“ Denken“), können in einem öffentlichen Amt zu Hypothek werden. Gerade ein Weltweiser wie Bertolt Brecht hat im „Guten Mensch von Sezuan“ der weiblichen Shen Te den „bösen Vetter“ Shui Ta zur Seite gestellt.

Aber wie die Versammlung der Lutheraner zeigt: der Weg des „Gendermain-streamings“ soll weiter beschritten werden und Kritiker werden wohl mit den Mitteln, die auch der lutheranischen Kirche zu Gebote stehen, zum Schweigen gebracht werden. Kritische Diskussion hier.

Erstaunlich bleibt: der „Feminismus“ ist derart in den Köpfen verankert, dass er auch dann nicht mehr überdacht wird, wenn sich „Entgleisungen“ häufen. Im Vergleich dazu erscheint mir die Diskussion um die Neuordnung der Finanzmärkte von einer geradezu ermutigend Lern- und Änderungsbereitschaft.

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3 Antworten to “Kirchenhierarchie und Luthers „gläserne Decke“”

  1. flashfrog Says:

    „Entgleisungen“ häufen sich vor allem bei katholischen Männern, die dann aber Jahrzehnte und gewaltigen äusseren Druck brauchen, um ihre Fehler einzugestehen.

    Und ich sehe in der Politik in D im Moment eher einen Trend bei Männern (verschiedener Konfessionen und sexueller Ausrichtungen), sich ins Privatleben zurücktreten.

  2. uertner Says:

    Hmm, wobei ich mich frage, ob dieser Hang von Männern zurückzutreten, etwas mit der weiblich besetzten Spitze Deutschlands zu tun haben könnte. Ich frage nur. Ich frage mich auch gerade, warum diese engagierte Richterin in Neukölln, von der ich eben einen Auszug im Spiegel gelesen habe, nun „plötzlich Selbstmord“ begangen hat.
    Von aussen hat es den Anschein, dass derzeit in Deutschland „Verantwortung zu tragen“ starke Schultern braucht. Und ja: mir sind schier die zerbrechlich weiblichen da lieber die zurücktreten, als die überaus tüchtigen merkelschen, die Durchhalte-Parolen ausgeben, die allen, die bei klarem Verstand sind, als Himmelsfahrtskommando erscheinen.
    Den „Euro-Kampf“ um Berlin bis zur letzten Patrone, will kaum einer der männlichen Weggefährten („Parteifreunde“) mitkämpfen müssen, darum lichten sich wohl die Reihen im merkelschen Führungsbunker.

  3. flashfrog Says:

    Ach Giorgio, du könntest so viel weibliche Bewunderung ernten, wenn du so tun würdest, als wärst du aus freien Stücken und sehr gerne Hausmann. 😉

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