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Franz Hohlers Europa-Realismus

Dezember 11, 2010

Schweizer Kabarettisten sind nicht nur Commedians, die besten unter Ihnen sind wahre Propheten und Analytiker. So auch Franz Hohler. Im Angesicht der Euro-Krise lohnt es sich seine Prophezeiung für Europa aus dem Jahre 1993 hervorzuholen. Zur Erinnerung: 1991 feierte die Schweizerische Eidgenossenschaft ihr 700jähriges Bestehen, 1992 lehnte der Souverän mit einer hauchdünnen Mehrheit den Beitritt der Schweiz zum EWR (Erweiterter Wirtschaftsraum) ab. Rückblickend haben nicht die Fundamental-Grünen gesiegt (die gegen die laschen europäischen Umweltnormen waren), sondern … Genau.

1993 erschien das Buch „Halbzeit. Fünzig 50jährige zur Schweiz: Provokationen, Optionen, Visionen“. Während deutsche Männer vor Stalingrad verbluteten, wurden in der Schweiz u.a. folgende Menschen gezeugt: Mario Botta, Iwan Rickenbacher, Rudolf Strahm, Thomas Wagner, Bruno Stanek, und (unter vielen anderen) auch den Hohler Franz.

Sein Beitrag war 1993 die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten Pushparajah Alabaplanalpya auf das Jahr 2050. Daraus die Europa-politischen Auszüge:

„Dann können wir heuer, auch dies ein Anlass zur Freude, das 50jährige Jubiläum des schweizerischen Beitritts zur EG (so hiess damals noch die EU, GG) feiern, und ich glaube, vieles von dem, was in den letzten Jahrzehnten erreicht wurde, wäre ohne diesen Beitritt nicht denkbar gewesen. All denjenigen, die heute die Rückkehr der Schweiz zur Neutralität, zur eigenen Währung und zur eigenen Armee fordern, möchte ich zurufen: Sollen wir das, was unsere Väter und Mütter mühsam erarbeitet haben, einfach leichtsinnig über Bord werfen? (…) Die ältesten unter uns erinnern sich wohl noch der mühseligen Zeiten, das sie die Sonntage damit verbracht haben, wegen irgendwelcher Ministerialbeschlüsse wie Bodenrecht, Zuckersubventionen oder Tunnelbauten an die Urne zu gehen.“

So weit der Teil der Prohphetie, der nicht eingetreten ist. Der zweite Teil, könnte aber durchaus ein realistisches Szenario sein:

„Dass die Mittelmeerländer aus dieser Gemeinschaft ausgetreten sind, können wir ihnen nicht verargen, und auch dass sich der ebenfalls ausgetretenen skandinavischen Föderation die Beneluxstaaten und letztes Jahr noch Polen und das Baltikum angeschlossen haben, kann für die Schweiz kein Signal sein, es diesen Ländern gleichzutun. Die Schweiz ist und bleibt europäisch, sie ist, das dürfen wir in aller Bescheidenheit festhalten, das Herz Europas, und dieses Herz darf nichts zu schlagen aufhören.“

Soweit die Einschätzung Franz Hohlers von 1993. Selbst er, als Europa-Freund, glaubte nicht, dass Griechenland, Spanien, Italien und Protugal auf Dauer in einer Union mit den Skandinavischen Ländern bestehen könnten. Was bleibt ist ein Rumpf-Europa: Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich und Grossbritannien. Gerade im Lichte der Euro-Krise wäre eine solche Aufstellung Europas realistisch. Sie entspräche auch dem „Plan B“ für Europa, den der St. Galler Privat-Bankier, Konrad Hummler, verschiedentlich vorgetragen hat: Europa wird als Währungsunion untergehen, aber die tüchtigen Regionen könnten sich dem Frankenraum anschliessen. Der Kabarettist 1993 und der Bankier 2009 sind sich hier auf eigentümliche Weise einig.

Satiriker haben sich schon immer mit Europa beschäftigt. Schon Kurt Tucholsky, der die Europa-Aufbrüche der 1920er Jahre miterlebte und scheitern sah, meinte 1926 in seinem „Gruss nach vorn“ an den Leser des Jahres 1985:

„Selbstverständlich habt ihr die Frage „Völkerbund oder Pan-Europa“ nicht gelöst. Fragen werden von der Menschheit ja nicht gelöst, sondern liegen gelassen.“

Was meint die Beiz-Leserschaft?