Franz Hohlers Europa-Realismus

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Schweizer Kabarettisten sind nicht nur Commedians, die besten unter Ihnen sind wahre Propheten und Analytiker. So auch Franz Hohler. Im Angesicht der Euro-Krise lohnt es sich seine Prophezeiung für Europa aus dem Jahre 1993 hervorzuholen. Zur Erinnerung: 1991 feierte die Schweizerische Eidgenossenschaft ihr 700jähriges Bestehen, 1992 lehnte der Souverän mit einer hauchdünnen Mehrheit den Beitritt der Schweiz zum EWR (Erweiterter Wirtschaftsraum) ab. Rückblickend haben nicht die Fundamental-Grünen gesiegt (die gegen die laschen europäischen Umweltnormen waren), sondern … Genau.

1993 erschien das Buch „Halbzeit. Fünzig 50jährige zur Schweiz: Provokationen, Optionen, Visionen“. Während deutsche Männer vor Stalingrad verbluteten, wurden in der Schweiz u.a. folgende Menschen gezeugt: Mario Botta, Iwan Rickenbacher, Rudolf Strahm, Thomas Wagner, Bruno Stanek, und (unter vielen anderen) auch den Hohler Franz.

Sein Beitrag war 1993 die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten Pushparajah Alabaplanalpya auf das Jahr 2050. Daraus die Europa-politischen Auszüge:

„Dann können wir heuer, auch dies ein Anlass zur Freude, das 50jährige Jubiläum des schweizerischen Beitritts zur EG (so hiess damals noch die EU, GG) feiern, und ich glaube, vieles von dem, was in den letzten Jahrzehnten erreicht wurde, wäre ohne diesen Beitritt nicht denkbar gewesen. All denjenigen, die heute die Rückkehr der Schweiz zur Neutralität, zur eigenen Währung und zur eigenen Armee fordern, möchte ich zurufen: Sollen wir das, was unsere Väter und Mütter mühsam erarbeitet haben, einfach leichtsinnig über Bord werfen? (…) Die ältesten unter uns erinnern sich wohl noch der mühseligen Zeiten, das sie die Sonntage damit verbracht haben, wegen irgendwelcher Ministerialbeschlüsse wie Bodenrecht, Zuckersubventionen oder Tunnelbauten an die Urne zu gehen.“

So weit der Teil der Prohphetie, der nicht eingetreten ist. Der zweite Teil, könnte aber durchaus ein realistisches Szenario sein:

„Dass die Mittelmeerländer aus dieser Gemeinschaft ausgetreten sind, können wir ihnen nicht verargen, und auch dass sich der ebenfalls ausgetretenen skandinavischen Föderation die Beneluxstaaten und letztes Jahr noch Polen und das Baltikum angeschlossen haben, kann für die Schweiz kein Signal sein, es diesen Ländern gleichzutun. Die Schweiz ist und bleibt europäisch, sie ist, das dürfen wir in aller Bescheidenheit festhalten, das Herz Europas, und dieses Herz darf nichts zu schlagen aufhören.“

Soweit die Einschätzung Franz Hohlers von 1993. Selbst er, als Europa-Freund, glaubte nicht, dass Griechenland, Spanien, Italien und Protugal auf Dauer in einer Union mit den Skandinavischen Ländern bestehen könnten. Was bleibt ist ein Rumpf-Europa: Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich und Grossbritannien. Gerade im Lichte der Euro-Krise wäre eine solche Aufstellung Europas realistisch. Sie entspräche auch dem „Plan B“ für Europa, den der St. Galler Privat-Bankier, Konrad Hummler, verschiedentlich vorgetragen hat: Europa wird als Währungsunion untergehen, aber die tüchtigen Regionen könnten sich dem Frankenraum anschliessen. Der Kabarettist 1993 und der Bankier 2009 sind sich hier auf eigentümliche Weise einig.

Satiriker haben sich schon immer mit Europa beschäftigt. Schon Kurt Tucholsky, der die Europa-Aufbrüche der 1920er Jahre miterlebte und scheitern sah, meinte 1926 in seinem „Gruss nach vorn“ an den Leser des Jahres 1985:

„Selbstverständlich habt ihr die Frage „Völkerbund oder Pan-Europa“ nicht gelöst. Fragen werden von der Menschheit ja nicht gelöst, sondern liegen gelassen.“

Was meint die Beiz-Leserschaft?

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9 Antworten to “Franz Hohlers Europa-Realismus”

  1. flashfrog Says:

    flashfrog meint, du wirfst „Euro“ und „EU“ durcheinander.

    Dass sich die EU-Politiker lautstark zanken ist völlig normal und erschreckt höchstens die zu Konfliktflucht erzogenen Schweizer. 🙂 Europa bricht deswegen noch lange nicht auseinander.

    Der Euro ist ein Experiment, von dem bei seiner Einführung keiner voraussagen konnte, wie es sich entwickeln würde. Kann sein, dass es schiefgeht. Aber die Welt kann es sich nicht leisten, einen halben Kontinent pleitegehen zu lassen.

  2. uertner Says:

    Den Euro als „Experiment“ zu bezeichnen ist ja reichlich frivol. Gerade als Deutsche. Man gibt die D-Mark für ein Experiment auf? Das Problem des Euros ist: er wird massgeblich von den Deutschen finanziert, aber Deutschland soll, kann, und darf nicht führen in Europa. Deutschland kann sich kaum selber führen, wie sollte es eine Weltwährung führen können. Im Euro verpackt ist mediterrane Saumseligkeit, Französischer Grössenwahn und deutscher Fleiss und Schweiss. Juncker, welcher den Verstand hätte, um den Euro zu führen, darf nicht, weil er nur ein „Luxemburgerli“ ist.

  3. Titus Says:

    Bitte löscht doch den Spam-Kommentar da oben raus (dann könnt Ihr auch diesen Kommentar löschen).

  4. flashfrog Says:

    @Titus: Danke für den Hinweis!

    @uertner: Die ganze Globalisierung ist ein Experiment, niemand weiss, wie sich das entwickeln wird und welche Auswirkungen das im Einzelnen haben wird. Damit müssen wir leben.
    Wenn Deutschland jetzt aus der Währungsunion aussteigen würde, würde der Euro zusammenbrechen. Es bleibt uns nix anderes übrig, als das Ding zu retten, koste es was es wolle.
    Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass selbst ein Land wie Italien früher oder später einmal demokratisch werden könnte, auch wenn es momentan nicht so aussieht… 😉

  5. flashfrog Says:

    PS: Was Juncker angeht, liegst du mit deiner Einschätzung falsch. Der ist einer der respektiertesten Finanzpolitiker Europas. Du überträgst hier einen Schweizer Kleinstaatsminderwertigkeitskomplex, der auf Luxemburg überhaupt nicht zutrifft.

  6. Thinkabout Says:

    Euro und Globalisierung ein Experiment?
    Die Schweizer konfliktscheu?

    Oh je.

  7. Mara Says:

    Tja, da scheinen Kultur/Sprachunterschiede aber voll zugeschlagen zu haben.
    Der Begriff des gesellschaftlichen Experimentes hat sowohl in Frankreich als auch in Deutschland keineswegs so eine negative Konotation wie hier in der Schweiz. Bei gesellschaftlichen Reformen und Umwälzungen weiss man doch nie wirklich genau im Vorauss wie es enden, bzw welche finalen Auswirkungen das Ganze haben wird. Dazu ist eine Gesellschaft zu komplex und gerade auch hinsichtlich der Auswirkungen auf einen grossen Wirtschaftsraum kann man, wenn man es ehrlich meint, nur spekulieren. Manche können das halt besser als andere. Insofern ist die EU ein gesellschaftliches Experiment.
    In der Schweiz hat man mit solchen Veränderungen immer etwas abgewartet und erstmal geguckt welche Auswirkungen es in den anderen Ländern hatte – das Ausprobieren überlässt man lieber den anderen. Eine Erfahrung und das Vertrauen in gesellschaftlich Reformen fehlen hier insofern.

    Thja, den Ruf der Konfliktscheuheit haben die Schweizer wirklich in sonstigen Ausland – und Angsichts der öffentlich geführten Debatten wie z.B. in Frankfreich kann ich das auch bestätigen. Konflikte werden hier einfach anders ausgetragen, man suchte vielmehr den gesellschaftlichen Kompromiss und steht sich nicht so feindlich gegenüber – vielleicht noch, SVP sei „Dank“.

  8. uertner Says:

    @Mara
    Ob dies nur ein „kultureller Unterschied“ ist? Fakt ist, dass die EU als konfirmanden-Arbeit unter amerikanischer Aufsicht von drei Katholiken: Adenauer (D), Schumann (F) und De Gaspari (I) lanciert wurde. Insofern liegt sie als Konstruktion dem angelsächsischen, dem skandinavischen und dem helvetischen antipäpstlichen reformiertsein fern. Nach 1968 wurde die Währungsunion als sozio-ökonomische Sinnmaschine vom nüchternen Helmut Schmidt mit Giscard d’Estaign entworfen. Diese Maschine wurde dann aber von Betriebsblinden Funktionären „gefahren“. Niemand war mehr verantwortlich, niemand führte. Schmidt war der letzte der in Europa „Experimente“ wollte: er wollte das Not-wendige umsetzen zum Wohle des Kontinents. Unter Kohl und Thatcher griff dann aber das wurschteln um sich. Europa musste weiterfahren, weil Deutschland bezahlt. „Le boche doit payer“. Europa wurde in den 80ern verspielt durch die Aufnahme jener Länder, die schon damals als Weichwährungländer galten (Spanien, Griechenland, Portugal). Hier spielten sozialistisch-katholische Verbrüderungsfantasien aber keine pragmatisch-protestantische Buchhaltungsüberlegungen. Die Gesinnungsethik siegte über die Verantwortungethik. Nun sitzen alle zusammen im lecken Boot. Und nun wird Europa zur Frage der Verantwortungsethik. Aber ob Europa noch als sozailistische Verbüderung überlebt, wenn plötzlich deutsche Spiesserbuchhalter im Mittelmeerraum mit ihren Laptops erscheinen?

  9. flashfrog Says:

    Blochers Kriegserklärung:
    http://www.blick.ch/news/schweiz/politik/das-ist-eine-kriegserklaerung-163847

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