Archive for Januar 2011

Duftender Niedergang des Abendlandes

Januar 18, 2011

Folgenden Ausschnitt haben wir im News-Netz der Tamedia im Artikel

„Warum chinesische Mütter besser sind“

gefunden:

„Sei (sic!) dürfen erst dann das Klavier verlassen, um ein Glas Wasser zu trinken, wenn sie eine heikle Passage perfekt beherrschen. A propos üben: Die ersten halbe Stunde ist nur zum Warmlaufen, unter vier Stunden läuft gar nichts – pro Tag wohlverstanden. iPhones und ähnliche Geräte? Vergessen Sie es. Amy Chua hat einer Tochter sogar gedroht, ihr Plüschtier zu verbrennen, wenn sie nicht diszipliniert genug arbeitet. Wenn (sic!) wundert es also, dass asiatische Kinder in der Schule brillieren und überproportional an amerikanischen Elite-Universitäten vertreten sind?“

Ich zähle zwei Fehler. Es ist aber eine grosse Erleichterung aus denselben Redaktionsräumen zu erfahren, dass die Feminisierung des Online-Journalismus in Siebenmeilenstiefeln voranschreitet. So rapportiert Mamabloggerin Michèle Binswanger via iPhone von der Arbeit ihren FB-Freunden:

„stellt fest: je mehr Frauen bei Newsnetz arbeiten, desto besser riecht es im Büro.“

Der geneigte Leser schliesst daraus: Newsnetzlerinnen müssen nicht die Fehler ausmerzen, bevor sie das Eau de Cologne  erneuern! Bleibt die Frage, ob in der Tagesschule – wo der Nachwuchs dieser journalistischen Leuchttürme versorgt wird – auch jemand zu vier Stunden Instrumentenspiel anhält, oder ob die Kids gerade den Papa-Tag am Game-Boy geniessen. Wie auch immer: Wir blicken dem Untergang des Abendlandes wohlparfümiert entgegen.

PS: Verfasser des Artikels ist natürlich keine Online-Journalistin sondern ein solides Urgestein: Philipp Löpfe … hmm beunruhigend

Antwort auf „Killerargumente“ im mamablog

Januar 7, 2011

Lob und Dank, dem Mamablog, der hier auch die Denke und Schreibe der Befürworterinnen der Waffeninitiative ausbreitet. Dazu einige Feststellungen.

  1. Öffentlich/Privat. Die Argumentation, die vom Kern- und Angelpunkt des ehelichen Unholdes mit Offiziersgrad, Dienstpistole und angesehener öffentlicher Stellung ausgeht, verwischt eben genau die grosse Errungenschaft des römischen Staatsrechtes und der bürgerlichen Moderne: die strikte Trennung von Privat und öffentlich. Diese Trennung ist durch den Eintritt der Frau in die öffentliche Debatte tatkräftig verwischt worden: ich denke an die Einführung des Offizialdeliktes der Vergewaltigung in der Ehe, der staatlichen Zuständigkeit für die Alimentierung der arbeitenden Mütter im Kindsbett (Mutterschaftsversicherung), die staatliche Zuständigkeit für eine garantierte pädagogische Tagesstruktur für die Wunschkinder gendermaingestreamten Korrekt-Partnerschaften auf Gemeinde-Ebene (Forderung der SP). Die Waffeninitiative will ein sozialpsychologisches, privates, individuelles Problem mit einem generellen Paradigmenwechsel von welthistorischer Bedeutung beheben. Denn wenn die Schweiz (das geistige Vorbild der USA) den „Tellenmythos“ Schillers verrät, dann ist er für immer aus dem „freien Westen“ verschwunden (das „chinesische Zeitalter“ lässt grüssen).

 

  1. Reflexionshorizont. Klar spricht die Autorin die Zeitumstände, die zur Petition und zur Waffeninitiative führten, an:

Der Mord an der ehemaligen Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet vor viereinhalb Jahren war der tragische Höhepunkt einer Serie von neun «Familiendramen», bei denen innerhalb von sechs Monaten 18 Menschen erschossen wurden. Die Täter: Ehemänner und Väter der Opfer.“

Es ist immer heikel aus einem populistischen Alarmismus heraus grundsätzliche Prinzipien über Bord zu werfen (die peinliche Ausschaffungsinitiative lässt grüssen!). Sozialpsychologisch lässt sich feststellen, dass die Menschen in den letzten zwanzig Jahren – paradoxerweise seit 1989! –  zunehmendem Stress ausgesetzt sind: Medienbeschleunigung, Globalisierung, berufliche Existenzängste, verunklarte Geschlechterrollen, Liberalisierung von Polizeistunde, Vergnügungsindustrie, Geld- und Glücksspielen, Drogen.  Das „Ratsherrenschiessen von Zug“ anno 2001, dieser abscheuliche Schandfleck im Eidgenossenschaft erwähnt die Autorin bezeichnenderweise nicht  (denn 14 tote  Politiker sind weniger „herzig“ als „Teddybären, Frauen und Kinder“> Emotionalkitsch). Aber unsere Politiker bewiesen Haltung: Die Kontrollen wurden verschärft, aber Regierungs- und Bundesräte bewegen sich immer noch freier im Volk als alle anderen Politiker Europas. Der schillersche Tellenmythos wurde 1804 formuliert. Die Schweizer Frauen waren 1798 bis 1803 auf Gnade und Verderben den französischen, österreichischen und russischen Truppen ausgeliefert. Manche Schweizerin hat da eine französische Vorderladerflinte an den Schläfen gehabt, ein russisches Bajonett an der Kehle als sie geschändet wurde. Seit 1989 glauben wir im „ewigen Frieden“ zu leben. Auch Friedrich Schiller glaubte in einer Epoche „ewigen Friedens“ zu Leben, als er im Mai 1789 seine Antrittsrede als Geschichtsprofessor in Jena hielt. Am 14. Juli 1789 begann mit dem Sturm auf die Bastille eine neue, unglaublich blutige Epoche der Geschichte. Wer eine Einrichtung die sich über 136 Jahre von Ururgrossvater zu Urgrossvater, über Grossvater, zu Vater und Sohn erhielt, wegen einer Häufung von Fällen in „ein paar Monaten“ umstossen will, muss sehr trifftige Gründe haben.  Seit 1874, als die „Waffe in der Hand des Wehrmanns“ eingeführt wurde, wurde keine einzige Schweizer Frau von fremden Soldaten auf Schweizer Boden vergewaltigt. Italienerinnen, Deutsche und Französinnen, Däninen, Holänderinnen, Belgierinnen etc. pp.  können das von sich nicht behaupten.

  1. Der „böse Mann“. Interessant, dass die Autorin folgende Gesichtspunkte ausblendet: Feministinnen haben sich jahrelang eingesetzt auch als Frauen „an den Waffen“ ausgebildet zu werden. Wir haben jetzt weibliche „top guns“, weibliche „AdAs“ („Wehrfrauen“) die ebenso von der Initiative in ihrem Stolz getroffen und pauschal vorverurteilt werden. Die Sozialpsychologisch angespannte Situation unserer Übergangsepoche führt dazu, dass auch Frauen nun in exponierten beruflichen Verantwortungen „Männergewalt“ und „erweiterten Suizid“ ausüben. Ich denke da an jene Polizistin, die mit ihrer Dienstwaffe ihre schlafenden Kinder erschoss (wäre nach der Waffeninitiative immer noch möglich) und jene Lörracher Anwältin (eine top-rationale Karrierefrau), die in einem rasenden „Amoklauf“ ihren Ex-Partner, ihren Sohn und wahllos Pfleger im Spital von Lörrach niederschoss (obwohl in Deutschland das Waffenrecht viel strenger ist), bis sie im Feuer der Ordnungskräfte starb.  
  2. Empathiefähigkeit. Es ist aus der Militär- und Männerforschung unbestritten, dass der Militärdienst die Empathiefähigkeit der Männer enorm fördert. Kameradschaft, Zusammenhalt in Widrigkeiten sind Werte die in einer Rekrutenschule, in Weiterbildungen und WKs erlebt und eingeübt werden. Zur Ausbildung gehört auch die drastische Aufklärung über die Durchschlagskraft der Projektile und verheerenden Folgen von Schusswunden im Rahmen der „Kameradenhilfe“. Wenn zusammen geschossen wird, wird der „7. Sinn“ für die Waffe des Nebenmannes geschärft. In Schützenständen herrscht eine angespannte Ruhe, ein „vaterländerischer Ernst“, manche Schweizerin weiss woran sie erkennt, ob die Waffen geladen ist oder nicht. Weil meine Frau mit dem Gewehr im Haus etwas unwohl war (sie selber wuchs mit verschiedenen Waffen auf und übte mit dem Luftgewehr als Kind), haben wir das Schloss beim Schwiegervater deponiert. Jedes Paar kann hier eine individuelle Lösung finden: wenn heute über Verhütung und Familienplaung und Budget in guten ehelichen Treuen partnerschaftlich verhandelt wird (ohne „Oberhaupt der Familie“), dann wird es auch für die Waffenfrage einvernehmliche und kreative Lösungen geben.
  3. Erniedrigung und Haltung. Hillary Clinton zeigte sich in der Öffentlichkeit an der Seite ihres Mannes während der „Lewinsky-Affäre“. Wurde je eine westliche Frau vor der Weltöffentlichkeit mehr gedemütigt? Warum hielt die jetzige Aussenministerin der USA das durch? Weil sie sich sagte, auch wenn mein Mann ein Schwein ist, bleibt er „My President“ und als Bürgerin der USA, ist es meine Pflicht, den Präsidenten zu stützen. Ausserdem imponiert ihr die Haltung einer saudischen Prinzessin, die vom „soldierung on!“ sprach („aufstehen, weiterkämpfen“). Der aufrechte Mensch in Freiheit, ist jederzeit seines Glückes Schmid und: ja, wenn der Mann – oder die Frau – eine öffentliche Rolle im Staat spielt, gibt es komplexere Güterabwägungen zu treffen, als im lärmenden Unterschichtsfernsehen auf RTL („Das geile Schwein, hat mich verascht, so einem Abschaum gehört die Fresse poliert, also … “). Auch der Vater Bellet, der Sohn, Enkel und Schwiegertochter verlor, hat sich in der Presse zitieren lassen: „Ich bin Wehrmann, was mein Sohn getan hat, kann ich nur verurteilen, aber deswegen müssen nicht die Gesetze geändert werden.“
  4. Reifeprüfung des Frauenstimmrechts. Der Bundesrat (mit Frauenmehrheit) und viele weiblichen Eidgenössischen Räte (Ida Glanzmann (CVP), die Mehrheit der  FDP-Frauen) haben sich gegen die Intiative gestellt, die aus SP-Frauen- und Pazifistenkreisen kommt, welche die Armee ohnehin abschaffen wollen. Vielleicht wäre auch dies eine staatsbürgerliche Überlegung wert: Wird da nicht der erste Bundesrat mit Frauenmehrheit vom Stimmvolk desauvouiert, wenn in der grundlegenden Frage der Waffeninitiative der Regierung die Gefolgschaft verweigert wird? Es könnte sich zum geistigen „Waterloo“ des Frauenstimmrechts ausweiten. Giovanni Rostagno, ein protestantischer Prediger, der 1925 im Eröffnungsgottesdienst der 6. Völkerbundssession in Genf unter dem Titel „La Paix!“ predigte und das Ende des Prinzips „si vis pacem, para bellum“ (wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor) verkündete, musste als alter Mann kurz vor seinem Tod im Advent 1944 die von den Nazis an Laternen zur Abschreckung erhängten Partisanen betrachten.
  5. Mögen wir Schweizer vor unserem Gewissen die richtige Entscheidung treffen mit kühlem Mute, und möge Gott uns gnädig sein, wenn es die Konsequenzen dieser staatspolitischen Grundsatzfrage auszubaden gilt.