Gleichstellungsbüro , das (Girardets kleines Lexikon der Schweiz)

by

Da nun in der SP ein Wandel und Generationenwechsel stattfindet, stelle ich hier eine Kolumne von 2005 online, welche meine Erfahrung mit Gleichstellungsbüros schildert.

Randgruppe. Anno 1989 stellte ich an der Universität Zürich eine «dumme Frage». Im Seminar «Randgruppen im Spätmittelalter» hatte sich eine eingeschworene Gruppe junger Feministinnen für das Thema «Die Frauen als Randgruppe» vorbereitet. Mir schien die Frage klärenswert, wie man/frau den soziologischen Begriff «Gesellschaft» sinnvollerweise verwenden will, wenn die Frauen von vornherein neben Bettlern, Siechen und Zigeunern als «Randgruppe» zu betrachten sind. Die angehenden Historikerinnen waren wenig erfreut über die Frage, die am Axiom des Feminismus rüttelte. Der Professor, der 1968 auf Schienen sitzend erfolgreich den öffentlichen Verkehr in Paris blockiert hatte, schwieg, der homosexuelle Assistent klemmte die Grundsatzfrage «aus Zeitgründen» ab und ich «machte kein Büro auf».

Bürokratie. Das Büro aber, das dem Randgruppendasein des «schwachen Geschlechts» in der Schweiz ein Ende bereiten sollte, war schon ein Jahr zuvor gegründet worden: das «Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann». Und da in unserem Bundesstaat Frauen- und Männertrachten in jedem Kanton verschieden sind und sich eine Appenzellerin dem Appenzeller kaum so wie eine Tessinerin dem Tessiner gleichstellen lässt, entstanden in föderaler Vielfalt Filialen des trendigen Verwaltungszweiges in Basel-Landschaft und St. Gallen (>Lucrezia) (1989), in Bern und Zürich (1990), Tessin (1991), Waadt (1991), Basel-Stadt (1992), Wallis (1993), Freiburg (1994), Luzern (1995), Aargau (1995), Neuchâtel (1996), Graubünden (1996), Appenzell Ausserrhoden (1999). Und 2003 gelang Nid- und Obwalden, was die Basler nicht schafften: ein Büro für zwei Halbkantone.

Konkordat. Der Souverän katholischer (Uri, Schwyz, Zug,  Appenzell Innerrhoden) und konfessionell gemischter (Glarus, Solothurn, Thurgau) Landkantone entwickelte kein Bedürfnis für die neue Institution, die im 1979 neu gegründeten Kanton Jura als «Bureau de l’égalité» pionierhaft verankert wurde. Es folgten die calvinistischen Metropolen Zürich und Genf 1987, und nur reformierte Stadtkommunen wie Zürich, Winterthur, Bern und Lausanne leisten sich den Luxus eigener Büros. Die 4 kommunalen, 20 kantonalen und das eidgenössische Büro werden in der «schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten» einem Verein mit Sitz in Liestal (>Konkordat) koordiniert.

Kundennutzen. Als protestantischer Hausmann testete ich jüngst, da es in Basel nur den Telefonbeantworter gab, das Büro des Kantons Zürich. Ich hätte, so gab ich vor, einen Göttibuben, einen «Karriere-Macho», leider, der eben den Leutnant abverdient, mit einer Juristin in den Ehestand zu treten gedenke und dem ich, angesichts des verbreiteten Elends von Kampfscheidungen und Kindsentführungen, zur Hochzeit gerne eine >Wegleitung zur Praxis der gleichgestellten Partnerschaft in Sexualität, Hausarbeit, Kindererziehung und Milizdienst geschenkt hätte. Die Fachfrau war von der Anfrage ebenso überrascht wie erfreut. Gleichwohl prüfte sie zuerst, ob mein Göttibub als Stadtzürcher oder Winterthurer in die Kompetenz jener Büros abgeschoben werden könne. Er konnte nicht. Eine Broschüre, die Rat bietet, wie das «Kunststück Familie» unter Gleichstellungsbedingungen glücken könne, hatte sie leider nicht. Zum Thema Sexualität gebe es in jeder Buchhandlung stapelweise Bücher, die Gleichstellungsbüros hätten keine eigenen Richtlinien, zur Hausarbeit gebe es die Kampagne des eidgenössischen Büros (fairplay-at-home.ch). Wegen der Vereinbarkeit von Milizverpflichtungen und Familie verwies sie mich an die «Beratungsstelle für Dienstverweigerer». Was sie vom Buch «Die neue Schweizer Familie» (>Bernergeist) des Ökonomen Beat Kappeler halte, wollte ich wissen. Die Fachfrau hatte das Buch nicht gelesen, meinte aber, Kappeler sei halt nur Ökonom, nicht eigentlich «von der Branche», er habe «nur» aus seiner persönlichen Betroffenheit als Vater ein Buch geschrieben. Vielen Dank! Hat Christoph Mörgeli vielleicht Recht, der die Gleichstellungsbüros kürzlich als «wohlalimentierte Schnarchzellen» bezeichnete? Und, frage ich mich nun plötzlich, bin ich als ausgemusterter Trainsoldat, haushaltender Teilzeitkolumnist mit Vaterpflichten nicht auch eine Art «Randgruppe»?

Giorgio Girardet ist Historiker und Hausmann. Sein Lexikon der Schweiz erscheint alle 14 Tage. girardet@uerte.ch

Erschien zuerst als Kolumne im „Kulturmagazin“ der „Basler Zeitung“ im September 2005.

Advertisements

Eine Antwort to “Gleichstellungsbüro , das (Girardets kleines Lexikon der Schweiz)”

  1. uertner Says:

    weitere Teile des Lexikons im Netz:
    http://facts.ch/articles/356830-klageweib-das-girardets-kleines-lexikon-der-schweiz
    http://facts.ch/articles/193323-solidschweiz-die
    Bettagsmandat, hier auf der Seite Link zu pdf: http://www.kirche-linden.ch/bericht/33

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: