Ecce Freidenker!

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Der gekreuzigte Atheist Abgottspon

(aus dem Nebelspalter 2011/4, 14) (mit Veränderungen gegenüber der gedruckten Fassung)

Valentin Abgottspon, wie ihn die "Rote Anneliese" (Walliser, SP-Blatt) darstellt

Valentin Abgottspon, wie ihn die "Rote Anneliese" (Walliser, SP-Blatt) darstellt

O Abgottspon, wie jammert uns dein Anblick. Von Strassburger Richtern verraten, baumelst blutend du am Kreuz des Walliser Rechtsstaats in der Osterzeit. Du Kohlhaas des freien Denkens! Oh, Jammer! Ach weh! Und die Anwaltskosten laufen.

1979 geboren, hast du die 1980er und ihr «anything goes» mit der Muttermilch aufgesogen. Sobald Lesen und Schreiben gelernt, fiel die Mauer in Berlin: das vermeintliche Ende der Geschichte: Friede, Freude, Eierkuchen. 1990 dekretiert das Bundesgericht der Eidgenossenschaft ein Kurzifix im Schulzimmer sei – wenn es jemanden störe – mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates unvereinbar. 1992, Valentin war 13, gibt selbst das stockkatholische Wallis den Papstglauben auf dem geduldigen Papier als Staatsreligion preis. Aber damit die frommen Eidgenossen „Ja“ stimmen zur Bundesverfassung bleibt 1999 «Im Namen Gottes des Allmächtigen» als Chiffre des Gemeinsinns stehen. 1977 im Kanton Zürich, 1980 auf Bundesebene, 1995 wieder im Kanton Zürich: stets sagte der Souverän deutlich „Nein“ zur Trennung von Kirche und Staat.

Aber das Volk ist dumm und die Freidenker, Leuchten der Aufklärung,  wissen es besser, die EU – mit gottloser Verfassung –  machts uns vor. Valentin hats begriffen, Valentin tritt aus, aus der römisch-katholischen Kirche seiner toten Oma. Die Versöhnung im Menschensohn: irres Geflunker pädophiler Pfaffen. Vernunft, Menschenrechte,  Rechtsstaat: Die neue Dreieinigkeit der Moderne.

Im November 2009 das erste Strassburger Kruzifix-Urteil «Lautsi vs. Italien»: Das EMRK-Recht gibt den Freidenkern recht. Valentin hatte sein Kreuz im Schulzimmer schon im Frühjahr abgehängt und dem Schulvorsteher ausgehändigt. Man kennt den Abgottspon, ein hiesiger, «sehr zuverlässig», aber eigensinnig, will ihn nicht verlieren, ist christlich barmherzig: denn Lehrer sind rar. Im Mai 2010 wird Valentin Präsident der Freidenkersektion Wallis. Ein öffentliches Ärgernis. Man nimmt ihn ins Gebet: Etwas unauffälliger, bitte. Aber Abgottspon auf allen Kanälen. Die Pfaffen steigen auf die Kanzeln. Das Volk steckt ihm Zettel zu: «Das Kreuz wartet auf dich». (Hier helvetischer Volkszorn gegen den deutschen Kruzifix-Gegner von Triengen/LU)

Da beschliesst der Gemeindepräsident Furrer in Stalden, nun Nägel mit Köpfen zu machen. Der Abgottspon will «Rechtsstaat»? Soll er haben! Furrer hämmert mit einem ersten Nagel er Abgottspons Rechte am «Rechtsstaat» fest: (I) fristlose Kündigung, dem Rekurs aufschiebende Wirkung entzogen, mangelnde Ausbildung, noch Student, Studienabschluss in weiter Ferne, kein Vertrauen mehr da. Aua! Schreit Valentin! Und ‹Schweiz Aktuell› ist dabei und die ‹NZZ am Sonntag› auch. «Ich werde Rekurs einlegen, mir ist Unrecht geschehen!» Armer Valentin!

Doch Reta Caspar, die Geschäftsführerin der Freidenker ist Juristin und mit dir: «Das Recht kann heilen», spricht sie. Der Rekurs ist eingereicht, nun müsste der Staatsrat sich äussern. Valentin, dessen Rechte höllisch schmerzt, hält nun auch die Linke vertrauensvoll hin: Wie es sich geziemt einem frommen Bergler im säkularen Rechtsstaat. Aber die Verwaltung und Behörden rufen im Chor: «Wir haben ein Unterrichtsgesetz von 1962, wir haben Artikel drei:

 «Zu diesem Zwecke erstrebt sie [die Schule] die Zusammenarbeit mit den öffentlich-rechtlich anerkannten Kirchen. Sie bemüht sich, [den Schüler] auf seine Aufgabe als Mensch und Christ vorzubereiten».

Aus der ‹NZZ am Sonntag› erfährt Abgottspon: Der Staatsrat gibt dem Rekurs gegen die Kündigung keine aufschiebende Wirkung. Und so wird auch Abgottspons Linke an den Rechtsstaat genagelt: (II) Aufschiebende Wirkung des Rekurses gibts nicht. Oh weh, Valentin! Sie lassen dich strampeln mit den Füssen, du hast noch Rechtsmittel. Schöpf sie aus, Kohlhaas! Jetzt Verwaltungsbeschwerde ans Kantonsgericht! Professor Schefer im falschgläubigen Basel verfasst über Weihnacht ein Gutachten. 45 Seiten. Am 23. Januar 2011 ist das Gutachten da: Abgottspon hat recht, das Wallis folgt nicht den Gesetzen im EMRK-Raum, nicht der Bundesverfassung und nicht der Bundesgerichtspraxis. Hurra!

Aber was nützts? Am 28. Januar hat auch das Walliser Kantonsgericht die (III) Beschwerde bezüglich der Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung des Rekurses abgelehnt: Auch die Füsse werden dir ans Holz der «Vernunft» geschlagen. Allenfalls hat Abgottspon Anrecht – sollt ihm ein Gericht recht geben –  auf eine Entschädigung. Aber Valentin will keinen schnöden Mammon, er will sein kruzifixfreies Schulzimmer in Stalden wieder: sein „garantiertes Menschenrecht“. Heilige Einfalt! Valentin verblutet am Kreuz, aber der Kohlhaas der Freidenker hofft auf Auferstehung im irdischen Rechtsstaat.

Doch am 18. März 2011 stösst Strassburg das Urteil «Lautsi vs. Italien » vom November 2009 wieder um. Kruzifixe dürfen sein in Europas Schulstuben. Die Bischöfe jubeln. Wer auf EMRK-Recht baut, hat auf Sand gebaut! Dem Herrn vertraut!  Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Oh weh, Valentin. Nun kommt der fette Strassburger Centurio und fügt dir mit der Lanze grinsend die Seitenwunde zu. Alle Stigmata hast du nun empfangen, aber stolz  trägst du die blutige  Dornenkrone der „Vernunft“. Reta Caspar küsst dir barmherzig die Füsse und raunt dir zu: Es gibt noch das Bundesgericht: du wirst vom „sozialen Tod“ auferstehen. Du aber schreist: «Strassburg, oh Strassburg, warum hast du mich verlassen?»

Warum gabst du nicht im Oktober 2010 deinem Pferd die Sporen? Wie Albert Bitzius in der Neujahrsnacht 1831? Als der Vikar bei Nacht und Nebel aus dem feindseligen Bern  nach Lützelflüh galoppierte, um 1832 Gemeindepfarrer und 1837 „Jeremias Gotthelf“ zu werden. Oh Abgottspon! Überall suchen sie gute Lehrer! Aber Valentin, Apostel der Apostaten, harrt im Wallis der Katholen und Kampfkühe aus. Das paranoide Fastenfieber kommt über ihn: „Ich habe eine Mission, ein historisches Martyrium“. Solange deine Ehre nicht wieder hergestellt ist, beziehst du Arbeitslosengeld. Dann kommt der Fotograf vom Ringier- Blatt. Der Freidenker vor dem heimischen Bücherbord wurde am Palmsonntag von seiner eitlen Eselei ins hochglänzende Jerusalem der Ringier- Prominenz getragen.

Hosanna! Seht Abgottspon, das bibliophile Opferlamm des Laizismus!

Bedenke, was Gotthelf schon 1851 dem säkularen Bundesstaat in „Zeitgeist und Bernergeist“ nachgerufen:

«Gegenwärtig ist ein kindisches Renommieren an der Tagesordnung, ein sich Schämen alles Christlichen, daher die dumme Rederei, kein christlicher, sondern ein Rechtsstaat sein zu wollen. Darunter kann man nicht einen Staat verstehen, wo Recht und Gerechtigkeit herrschen. Denn wo sind diese, wo man nicht mehr christlich sein will? Das kann nichts anderes heissen, sollen als ein Staat voll Rechtsgelehrte und Rechtshändel! Dass Gott erbarm! Wären nicht Heuschrecken besser und allerlei Fieber?»
Giorgio Girardet

Alexamenos betet seinen Gott an (Spottkruzifix aus dem Palatin Rom)

Alexamenos betet seinen Gott an (Spottkruzifix aus dem Palatin Rom)

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3 Antworten to “Ecce Freidenker!”

  1. Ecce Freidenker! (via beiz 2.0) « Toumai1470's Blog Says:

    […] toumai1470 Uncategorized Hinterlasse einen Kommentar Der gekreuzigte Atheist Abgottspon (aus dem Nebelspalter 2011/4, 14) (mit Veränderungen gegenüber der gedruckten Fassung) O Abgottspon, wie jammert uns dein Anblick. Von Strassburger Richtern verraten, baumelst blutend du am Kreuz des Walliser Rechtsstaats in der Osterzeit. Du Kohlhaas des … Read More […]

  2. Kyriacou der Cybermobber und Abgottspon das Opferlamm « beiz 2.0 Says:

    […] eine Nebi-Satire bin ich in Walliser Niederungen der Affaire Abgottspon gestiegen. Ein interessanter Fall, weil er […]

  3. Die Humorgrenze der Schweizer “Freidenker” « beiz 2.0 Says:

    […] wurden. Zuerst eine Rückmeldung (feedback) an den lieben Freund und Kolumnisten-Kollegen Abgottspon im Kanton Wallis: Als kleine Manöverkritik: 6000 Zeichen sind viel zu viel für einen polemischen […]

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