Archive for Juli 2011

Nationalfeiertag in Print

Juli 30, 2011

Da am Montag keine Zeitungen erscheinen werden, wegen des 1. Augustes, wird schon heute in Leitartikeln auf das Grossereignis Bezug genommen. Die beiden grossen Zürcher Print-Medien „NZZ“ und „Tages-Anzeiger“ haben beide Leitartikel ihrer – vermeintlichen – Edelfedern auf der Front. Das Hause Tamedia erinnerte sich, dass es hinter seiner Glasfassade den Alt68er Res Strehle noch beschäftigt. Dieser leistet eine Meisterleistung gutmenschlicher Beschwichtigungsrethorik. Er sieht die Schweiz nicht mehr auf der „Zuschauerbank“ wie im 19. Jahrhundert, als die Reisläuferei eben verboten worden war und man sich auf die 1815 zugesprochene Neutralität kaprizierte (dass in der Schweiz damals liberale Agitatoren aller europäischen Mächte ein und aus gingen, unterschlägt der brave Korrektdenker), sondern wünscht sie sich – ähnlich wie Calmy-Rey – in einer „aktiven Neutralität auf alle Seiten hinaus engagiert. Denn wenn die Dänen die Grenzen schliessen: das kann nicht der Weg der Schweiz sein. Und auch was in Ungarn derzeit stattfindet, kann kein Massstab sein. „Rechtsstaat und Demokratie über alles“: dafür plädiert er.

In der NZZ, wo sich jüngst immer wieder der brillante Verwaltungsrat Konrad Hummler zu Wort meldete (als sei die „Alte Tante“ eine Art Rotations-Schnapsmatritzen-Druckerei für die Anleger-Kommentare der Bank Wegelin) kommt nicht der Chefredaktor zum Zuge, sondern der Stellvertreter und Inlandchef René Zeller, der als liberaler Haudrauf sich den Intellektuellen-Protest von 1991 zum Pappkameraden für seine geistigen Nationalfeiertagsexerzitien ausgesucht hat. Die Intellektuellen würden heute, schon gar nicht zum Schweigen mehr aufrufen, da sie ohnehin von der nationalen Begeisterung in den neuen Fussball-Grossstadien und von den Fans am Pistenrand des Lauberhornrennens überbrüllt würden. Auch Adolf Muschg dessen wunderliche Bekenntnis-Schrift 1998 „O Heimat, o mein Heimatland“ als weiteren Beweis für die „Antibürgerlichkeit“ und die erbitterte Gegnerschaft gegen Herrn B. aus Herrliberg herhalten muss wird herangezogen. René Zeller sieht sich und das FDP-Bürgertum von der Weltgeschichte bestätigt. Das ist alles etwas holzschnittartig und schlicht vorgetragen. Schade, einst war die „Alte Tante“ bei solchen Gelegenheiten in der Lage das polierte Tafelsilber auf dem Damastenen Tischtuch zu präsentieren. Aber ich fürchte die „unsichtbare Hand des Marktes“ von G.S. hat letzteres aus dem Haus an der Falkengasse getragen, oder es wurde für ein paar „Navy Boots“ verscherbelt.

Hier die Links auf die Artikel:

NZZ und  Tages-Anzeiger (nicht online)

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