Archive for September 2011

Kyriacou der Cybermobber und Abgottspon das Opferlamm

September 26, 2011

Unlängst wurde in der Beiz eine Auseinandersetzung zwischen dem Uertner, meiner Wenigkeit Giorgio Girardet, und den durch Film, Funk und Fernsehen schweizweit bekannten „Freidenkern“ Valentin Abgottspon und Andrea Kyriacou dokumentiert. Der Zankapfel war ein Rohtext, den ich für das Feuilleton der „Basler Zeitung“ verfasst hatte, und den ich Valentin Abgottspon zur Berichtigung sachlicher Fehler in toto zusandte. Dies ist bei Porträts ein unübliches Verfahren, denn der Porträtierte hat nur eigentlich Anrecht direkte und indirekte Zitate zu kontrollieren und zu autorisieren. Sachliche Fehler gehen zulasten des Journalisten. Aber die menschliche Sympathie zu Valentin verleitete mich zu diesem generösen Schritt. Da mich Oberlehrer Abgottspon auf Facebook mit folgenden Sätzen traktiert:

Wenn du bereit bist, endlich zu deinem Schundartikel (BaZ-„Leserbrief“) zu stehen und ich den publizieren darf (du also sozusagen endlich mal deinen Mann stehst, aufrichtig und aufrecht handelst), würde ich dir den Artikel auch eingescannt zusenden. Da bei dir ein plötzliches Wachsen von Rückgrat oder eine Entwicklung eines minimalen journalisischen Ethos‘ aber nicht zu befürchten scheint, warte ich mal mit dem Einscannen.

Ich entgegnete dem Walliser Transparenz-Fanatiker auf folgende Weise:

Als ehemaliger Lehrer, würde ich dir raten: ein im Schuldienst stehender Lehrer, gewinnt wenig Ansehen in der Welt (und noch weniger bei den beaufsichtigenden Schulbehörden), wenn er sich mit „Möchtegern-Journalisten“ balgt. Schon gar nicht, wenn der Streitgegenstand ein nicht-veröffentlichter Text, an dessen Optimierung er nicht mithelfen wollte, ist. Das Ganze hat mit etwas Distanz betrachtet etwas ungemein Ridiküles. Ich würde mir an Deiner Stelle Gegner aussuchen, mit denen sich zu fighten lohnt, die auch bekannt sind (der Bischof von Sitten?). Der „Möchtegern-Journalist“ aus Bubikon fällt wohl definitiv nicht in diese Kategorie. Aber eben: man kann nicht für eine Gesellschaft im Schuldienst stehen, an deren Fundament man sägen will. Das ist weder sonderlich katholisch, noch walliserisch, sondern schlicht allzumenschlich.

Darum hier das ganze „making of“ dieses sagenumwitterten Textes. Gewissermassen als Geburtstagsgeschenk auf das 32. Wiegenfest Valentin Abgottspons, des grossen Walliser Winkelrieds des Säkularismus.

1. Die Idee und das Angebot an Medien

Diese Notiz auf der Seite der Freidenker machte mich „gluschtig“:

Begegnung mit Valentin Abgottspon, Präsident
Freidenker Sektion Wallis, Lehrer
„Das Kreuz mit dem Kreuz im Schulzimmer“
Referat und Diskussion
Rest. La Piazza, beim
SBB-Bahnhof Arth-Goldau, Goldau

Mit folgendem Schreiben bot ich den „Stoff“ der Hamburger „Zeit“ und der Zürcher „Weltwoche“ an:

Lieber Herr XXXXXX

für eine Nebi-Satire bin ich in Walliser Niederungen der Affaire Abgottspon gestiegen. Ein interessanter Fall, weil er exemplarisch die Unmöglichkeit aufzeigt, in einem liberalen Staat „Gewissensfreiheit“ zu gewähren. Der Konflikt wurde bei „Biedermann und den Brandstiftern“ exemplarisch aufgezeigt und deutsche Verfassungsrechtler haben sich angesicht der Islam-Konvertiten im Strafverfahren den Kopf darüber zerbrochen (sie anerkennen den Urteilsspruch des „Rechtsstaates“ aber ohne Reue und erklären, sie werden nach der Gefägnisstrafe den „Dschihad“ fortsetzen: schliesslich müsse der Staat „Gewissensfreiheit“ gewähren). Am Samstag abend erklärt Abgottspon den Freidenkern von Arth-Goldau seine Situation. Gerne würde ich diesen Abend für „Ihr Blatt“ schildern. Was meint der Chef dazu?

Gruss

Girardet

Die „Zeit“ antwortete:

Lieber herr girardet

Ein gutes thema, aber ich ertrinke in manuskripten. Sorry. Herzlich XXXXXXX

Die „Weltwoche“ antwortete:

Lieber Herr Girardet, besten Dank, wir verzichten. MfGXXXXXX

Interesse am Thema zeigte die „Basler Zeitung“

2. Vor Ort in Arth

Ich traf am besagten Tag leider zu spät in Arth ein. Der Vortrag hatte schon stattgefunden, ich hörte der Diskussion und beteiligte mich auch daran. Es waren 9 (neun) Freidenker aus der Innerschweiz anwesend (Durchschnittsalter wie bei einem Gottesdienst). Valentin stellte mir dann seinen Vortrag als audio-Datei zur Verfügung (er hatte ihn auf dem iPhone aufgenommen). Wir assen zusammen eine Pizza, ich lernte die Freidenker alle kennen: ein sympathischer Haufen.

Folgenden Artikel (der mögliche „Unwahrheiten“ enthält, den ich aber absichtlich so ins Netz stelle, damit meine ganze Niedertracht offenbar werden kann) sandte ich dann der Redaktion (und auch an Valentin) am 3. Mai 13:25 zu:

Die Stigmata des Apostaten Abgottspon
Das „Martyrium“ eines „freien Denkers“
Valentin Abgottspon erklärt das „Kreuz mit dem Kreuz in der Schule“

Der Walliser Student und Präsident der Freidenkersektion Wallis Valentin Abgottspon (31) hatte im letzten Jahr sein „Medienhoch“. Er war in der Sonntags- und in der Boulvardpresse er stand in der „Arena“ und sass im Sessel im „Club“ . Wie kam der kurzsichtige Atheist zu seinen Stigmatas, die er am Samstag in der Pizzeria „La Piazza“ seinen Innerschweizer Mit-Freinkern im Vortrag „Das Kreuz mit dem Kreuz in der Schule“ ausbreitete? Wir hörten ihm zu.

Apostat. „Es geht mit rechten Dingen zu“ war schon früh die Überzeugung des Knaben Valentin. Es braucht für ein „gutes und gelingendes Leben“ nicht den Glauben an ein „Höheres Wesen“. Im logischen Dreisatz: es gibt keinen Samichlaus, es gibt keinen Osterhasen ergo ist auch der Schöpfergott ein Hirngespinst fand Abgottspon Bestätigung. Ähnlich sehen es auch seine neun Zuhörer, die dem Ruf der Innerschweizer Sektionspräsidentin Grazia Annen in das „Dachstübli“ der Pizzeria gefolgt sind. Aus Rücksicht auf die fromme Grossmutter wurde Valentin aber erst nach deren Tod durch Kirchenaustritt zum Apostaten. Er wurde nach der Matura im Kollegium Student in Fribourg. Als ein Lehrer in seiner Heimatgemeinde Stalden durch Krankheit arbeitsunfähig wurde, bat man den Studenten Abgottspon mit einem Teilpensum (75%) einzuspringen. Abgottspon sprang ein und hängte im Frühjahr 2009 das Kruzifix von der Wand seines Schulzimmers und händigte es seinem Schulleiter aus. Es geschah nichts.

Säkularisation. Das mag mit dem grossen Mangel an Sekundarlehrkräften zusammenhängen oder mit dem verbreiteten Glauben unserer Epoche an das kommende „Ende der Religionen“. Diesen teilte auch das höchste Gericht Europas: im November 2009 kassierte die Erste Kammer des Menschengerichtshofs in Strassburg das Urteil des obersten Kassationsgerichts des laizistischen Staates Italiens: Wo immer in Europa ein Kind an einem in einem Schulzimmer aufgehängten Kruzifix Anstoss nimmt, muss es entfernt werden. Abgottspon sah: „Es geht mit Rechten Dingen zu“, wenigstens in Europa. Von der Geschäftführerin der Freidenker Magister of Law  Reta Caspar und Grazia Annen ermutigt, gründete er am 1. Mai 2010  in Visp die Walliser Sektion der Freidenker. Die Schulbehörde von Stalden war „not amused“. Abgottspon aber hatte als Präsident der neugegründeten Sektion eine Mission: „Das Wallis auch für vernunftbegabte Menschen bewohnbar zu machen“. Im Juni hatte die Lehrkraft den ersten Auftritt als Freidenker in „Schweiz Aktuell“.

High Noon. Der Präsident stellte eine Liste der Punkte zusammenzustellen, wo die Trennung von Kirche und Staat im Walliser Schulwesen nicht den Vorgaben des übergeordneten Rechts entspricht. Er verlangte einen Termin bei der Walliser Bildungsdirektion. Um die Beamten „nicht zu überfahren“, sandte er ihnen die Liste zu, „damit sie sich vorbereiten können“. 60 Minuten dauerte das Gespräch. Die Freidenker im „Dachstübli“ lachen aus vollem Hals, wenn Student Abgottspon seine Einschätzungen über Intelligenz und Kompetenz der Walliser Behörden zum Besten gibt. Nachdenklich stimmte ihn aber doch, dass lic. iur. Peter Margeilist nach der Unterredung Zweifel äusserte, ob ein so freidenkerischer Mensch überhaupt in der Lage sei, unter dem geltenden Recht des Kantons Wallis das Lehramt korrekt zu versehen. Zweifel, die er den Schulbehörden von Stalden mitzuteilen beabsichtige. Reta Caspar riet ihrem Schützling ein Gedächtnisprotokoll der Unterredung herzustellen. Abgottspon tat dies und stellte es auch – ganz der „Transparenz“ verpflichtet – online.

 Eskalation. „Ich bin kein Lamm und Untertan“ sagt Abgottspon „und wenn ich in die Ecke gedrängt werde, dann gebe ich nicht klein bei“. Abgottspon ging nun aufs Ganze und verlangte das Abhängen aller Kruzifixe, in Räumen, in denen sich der Atheist Abgottspon im Schuldienst aufhalten müsse. Die Schulkommission Stalden, der von Amtswegen auch der Gemeindepriester angehört, geriet unter Druck. Mit Schreiben vom 20. September wurde nun die provisorisch angestellte Teilzeitlehrkraft in Ausbildung angehalten, das Kruzifix in ihrem Schulzimmer wieder aufzuhängen und damit den in den Augen des eidgenössischen Standes Wallis gesetzmässigen Zustand der schulischen Infrastruktur wiederherzustellen.

Abgottspon forderte nun eine einklagbare Verfügung der Behörde ein. Um das berufliche Fortkommen des Junglehrers besorgte „gute Seelen“ hängten zweimal bei Nacht und Nebel ein Kruzifix ins Schulzimmer. Aber der „verstockte“ Abgottspon konnte darin keinen Wink erkennen, sondern sah seine „Persönlichkeitsrechte“ aufs gröbste verhöhnt. Mittlerweile interessierte sich der ordinierte Pfarrer der Zürcher Landeskirche und Journalist Matthias Herren für die Oberwalliser Kruzifix-Posse: sein Artikel für die „NZZ am Sonntag“ war schon im Stehsatz.

Exekution. Egon Furrer, Gemeindepräsident von Stalden und Walliser Grossrat, beschloss nun dem Kruzifix-Spuk ein Ende zu setzen. Begründet mit der mangelnden formalen Qualifikation, dem ob seiner Freizeit-Aktivitäten vernachlässigten Studium und des gestörten Vertrauensverhältnisses zur Lehrkraft, wurde Abgottspon am 8. Oktober kurz vor den Herbstferien die fristlose Kündigung ausgesprochen. In der Kündigung wird auch einem Rekurs die aufschiebende Wirkung entzogen. Die „NZZ am Sonntag“ berichtete am 10. Oktober national. Tags darauf waren wieder die Übertragungswagen von „Schweiz aktuell“ in Stalden. Medienstar Abgottspon ist nun im Wallis „der soziale Tod“ widerfahren. Anonyme Kirchgänger raten ihm von der einschlägigen Brücke zu springen oder Rattengift zu nehmen. Die Krankheit seiner Mutter gilt als Strafe Gottes. Die katholische Geistlichkeit lässt ihre Wutschäfchen gewähren. 25 Bewerbungen an Walliser Schulen verliefen im Sand. Abgottspon ist arbeitslos und hat einen Anwalt. Der Rekurs gegen die Kündigung an den Staatsrat und der Rekurs zur Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung an das kantonale Verwaltungsgericht wurden mit grosszügigem Zeitaufwand abschlägig beurteilt.
Allenfalls steht Abgottspon eine Entschädigung zu. Valentin Abgottspon hat es auf sich genommen, auf seiner Haut „more geometrico“ die Trennung von Kirche und Staat im bibelschwarzen Wallis durch ein Höchstrichterliches Urteil zu erwirken. „War es „vernünftig“ sich auf diesen Kruzifix-Streit im Wallis einzulassen“, fragt der Reporter. „Gute Frage“, lacht Grazia Annen. Abgottspon
sieht auch rückblickend keinen anderen Weg. Das Schul-Kruzifix ist das Kreuz, das er nun schultert.

Giorgio Girardet

Schon am gleichen Abend kam das Mail aus der Redaktion der „Basler Zeitung“:

Lieber Herr Girardet

Ich habe, wie gesagt, Probleme mit der Terminierung. Warum bringen wir das gerade jetzt? Ich glaube, die Zeit für eine derart ausgebaute Lebensbeschreibung ist vorbei.

Mit herzlichem Gruss

XXXXXXXXXXXXX


Die „Basler Zeitung“ sah den Sinn nicht mehr ganz, Leben und Leiden des Walliser Apostaten im Schuldienst am Rheinknie nochmals in extenso darzustellen. Im Angebotsschreiben wurden ja auch übergeordnete Gedankengänge angetönt, die im Text nun nicht realisiert waren. Die „Basler Zeitung“ bezahlte mir ein Ausfallhonorar.

Nicht erledigt war der Fall aber für Valentin Abgottspon, der nicht Textkorrekturen lieferte, sondern den Rohtext in seine Sekte kursieren liess. Am gleichen Tag erreichte mich um 22.04 ein Mail von folgender Tonalität: 

Hallo Giorgio,

meine Antwort (und somit auch deinen Artikelentwurf) habe ich soeben auch an Grazia gesendet, sie meldet Folgendes zurück:

Anfang der weitergeleiteten E-Mail:

>  Uebrigens, hat er tatsächlich gefragt, ob Valentins Vorgehen vernünftig war? Und habe ich tatschlich dermassen nichtssagend geantwortet? Kann ich mir, so wie ich mich kenne, kaum glauben, dass mir das nur 2 Worte wert war.

Ich kann mich daran beim besten Willen nicht erinnern. Jetzt weisst du jedoch, dass es mindestens eine weitere Unaufrichtigkeit darstellen würde, wenn du das einfach so als Artikelschluss stehen lassen würdest. Denn es ist dir ab jetzt klar, dass (falls Grazia denn so etwas geäussert hat) sie sich nicht adäquat dargestellt sieht, wenn du das so stehen lässt. Aber vielleicht ist dir das ja egal. Vielleicht hast du da etwas aus dem Zusammenhang gerissen, vielleicht war das auch beim Abendessen, wo man nicht immer alles ausdiskutieren konnte.

MfG, Valentin

Ich hatte keine Tonbandaufnahmen von Grazia, wir plauderten ja zwangslos bei einer Pizza in entspannter Atmosphäre. Erfunden habe ich den Dialog nicht. Aber mittlerweile hatte sich die Sache ja erledigt. Die „Basler Zeitung“ fand Abgottspon schlicht zu unrelevant für eine derartige publizistische Beleuchtung. Ich teilte dies Abgottspon mit. Aus diesen Informationen bastelte dann der Spezi und Kumpan von Valentin Abgottspon, der Präsident der Zürcher „Freidenker“, Andreas Kyriacou, am 8. Mai 2011 auf der Verleumdungsabteilung seines Blogs „Kyriacou über manches“ ein herzerfrischendes „Porträt“ meiner Wenigkeit, das er um 12:07 seinen „Freidenkerfreunden“ von nah und fern zur Verfügung stellte.

Ich hoffe, dass der nun seit ein paar Wochen in der Gemeinde Mörel tätige Oberstufenlehrer Valentin Abgottspon zufrieden ist: der schändliche Text mit den „Unrichtigkeiten“ kann nun von Krethi und Plethi gelesen werden. Und meine abgrundtiefe Doofheit, einem „Freidenker“ zu vertrauen ist nun der ganzen Welt offenbar. Insofern bin ich tatsächlich ein „Möchtegern-Journalist“, da hat der „klinische Linguist“ und „Wissensmanager“ auf ganz unbeabsichtigte Weise doch ein wahres Wort geblogt. Solche „Freidenker-Prosa“ aus der Feder des ewigen Doktoranden Kyriacou möge der Leser selber einordnen:

Eine Tirade gegen den Lehrer und Präsidenten der Walliser Freidenker, Valentin Abgottspon, wollte er diese Woche in der BaZ unterbringen – doch die wollte nicht. So muss Girardet auf sein serbelndes Hauspostillchen, den Nebelspalter, ausweichen. Im Gegensatz zur BaZ-Redaktion hat man dort offenbar noch nicht gemerkt, dass seine geifernden Hasspredigten kaum jemanden interessieren. Aber vielleicht merkt’s auch der Nebelspalter demnächst am weiteren Rückgang der Abonnentenzahlen.

Der Nebelspalter – soweit zu messbaren Fakten – legt – im Gegensatz zu anderen Print-Titeln – an Abonnenten zu.

Wer Valentin Abgottspon in seinem Kampf für ein säkulares Wallis gegen die Aprikosenrepublik bis ans Bundesgericht und bis nach Strassburg unterstützen will kann hier spenden:  Es lohnt sich, denn während der Schulzeit fallen jede Sekunde im Kanton Wallis  7 freidenkende Augenpaare auf ein Schulkruzifix und werden so religiös vergewaltigt. Die Folgeschäden für die Krankenkassen (delegierte Psychotherapie für traumatisierte Atheisten) sind enorm. Helft darum mit. (Spenden für Wohltätigkeit können von der Steuer abgesetzt werden!).