Archive for the ‘Facts 2.0’ Category

Minarettinitiative und die Ursachen von Jugendgewalt

November 4, 2009

Als Beizwirtin möchte ich kurz die Gelegenheit nutzen, noch einmal daran zu erinnern, warum wir eigentlich hier sind.

Wie ist die Beiz 2.0 entstanden?
Eines Tages im Sommer 2008 begab es sich, dass bei Facts 2.0, wo die meisten der heutigen Beizblogger und –kommentatoren damals aktiv waren, nach einem Gewaltvorfall, der damals grad durch die Medien ging, ein gewisser „robertintrio“ einen ausländerfeindlichen Kommentar veröffentlichte. Dieser Kommentar hat – zu Recht – Empörung in der damaligen Community ausgelöst. Diese Empörung wollte die Facts-Leitung offenbar nicht lesen und hat zahlreiche der Kommentatoren von der Facts-Page verbannt. Robertintrio durfte bleiben.
Wir übrigen gründeten daraufhin diesen Beiz-Blog oder fanden uns nach und nach hier ein.

Für mich ist die Beiz ein kleines Wunder: Ein Ort, an dem Menschen höchst unterschiedlicher politischer Überzeugungen, Religionen, Nationalitäten, Muttersprachen, Geschlechter, sexueller Orientierungen, Altersstufen und Berufe mit einander respektvoll über aktuelle politische, gesellschaftliche und kulturelle Themen diskutieren können.

Deshalb macht es mich besonders traurig, wenn ich ganz ähnliche Kommentare wie den von „robertintrio“ nun hier in der Beiz lesen muss.
Wenn ich sehe, wie die einstmals respektvolle Kommentarkultur durch eine einzelne Person, die sich hier fortgesetzt schlecht benimmt, teilweise zu einem derart polemischen Gezänk verkommen ist, dass eine Anzahl ehemaliger Beizler und Kommentatoren dem Blog aus diesem Grund den Rücken gekehrt haben, weil sie sich in der Atmosphäre verbaler Gewalt und persönlicher Angriffe hier nicht mehr wohlfühlen.

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Gehen wir die Sache mit der Minarettinitiative einmal streng logisch an:

Um ein Problem zu lösen, sollte man sinnvollerweise
1. das konkrete Problem erkennen und benennen
2. die konkreten Ursachen für das Problem erkennen und benennen
3. praktikable Lösungen finden, die die wirklichen Ursachen des Problems bekämpfen.

1. Das Problem. Zappadong hat hier das Problem zunehmender Jugendgewalt herausgegriffen, auf das ich mich im Folgenden exemplarisch beziehen möchte.

2. Die Ursachen.
a) Wäre die Urache für Jugendgewalt das Minarett, müsste Gewalt logischerweise im Umkreis eines Minaretts massiv verstärkt auftreten und mit weiterer Entfernung vom Minarett allmählich abnehmen. Das kann jeder an sich selbst empirisch überprüfen, indem er sich zu einem der 4 Minarette in der Schweiz begibt und beobachtet, ob sich bei ihm das Bedürfnis einstellt, Schweizer zu vermöbeln.
b) Der zweite Kandidat für die Ursache von Jugendgewalt wäre laut SVP und einiger Diskutanten hier: Der Islam. Wäre der Islam monokausal die Usache von Gewalt, müsste sich feststellen lassen, dass 1. die Mehrheit muslimischer gläubiger Jugendlicher gewalttätig ist, 2 weniger gläubige Jugendliche weniger gewalttätig sind, 3. nichtmuslimische Jugendliche unter keinen Umständen gewaltätig sind und 4. Omas mit Kopftüchern häufig und exzessiv auf Omas ohne Kopftücher eindreschen.
c) Ausserdem müsste festzustellen sein, dass es zu den religiösen Pflichten gehörte, Unschuldige zu mobben und spiitalreif zu prügeln.

Hält man a), b) und c) als monokausale Erklärungen der Jugendgewalt für groben Unfug, heisst es, sich weiter auf die Suche machen und nach anderen Ursachen für Jugendgewalt zu fahnden.
Wie von verschiedener Seite (uertner, Zappadong, Mathias, Bruder Bernhard) in der Beiz bereits angetönt, hat es gewalttätige Gruppen von Jugendlichen schon immer gegeben, und, nein, nie war das niedlich oder harmlos.

Warum wird ein Jugendlicher gewalttätig?
Mögliche Ursachen sind:
– (neben einer gewissen hormonell bedingten Unzurechnungsfähigkeit in einem gewissen Alter) aus Wut und Frustration
– weil sie einen Mangel an Anerkennung und positiiver Aufmerksamkeit zu kompensieren versuchen durch Taten, die ihnen wenigstens negative Aufmerksamkeit bescheren
– weil sie ein System ablehnen, von dem sie das Gefühl haben, sie haben darin von Anfang an die Arschkarte gezogen
– weil sie in Famile und Schule erlebte Gewalt, deren Opfer sie geworden sind, an den Nächstschwächeren abreagieren
– weil sie sich an Vorbildern von Männlichkeit orientieren, die aus Actionfilmen, Ballerspielen und Gangsterrap-Videos stammen
– weil es einfach Spass macht, die Erwachsenen zu provozieren, indem man genau die Dinge tut, die den netten Sozialarbeiter und die besorgte Lehrerin auf die Palme bringen
– weil normale ritualisierte Rangordnungskloppereien heute nicht mehr einem bestimmten Ehrenkodex folgen (1 gegen 1, keine Waffen, keine Schläge ins Gesicht oder in die Genitalien und wenn einer am Boden liegt oder blutet ist der Kampf zu Ende)
– weil es (zumindest in Deutschland) tatsächlich eine relativ grosse Gruppe von Jugendlichen gibt, die keinen Schulabschluss, keine Ausbildung und damit keine Chance haben, dem traditionellen Bild eines erfolgreichen Mannes gerecht zu werden und deswegen ihre vermeindliche Männlichkeit in anderen Phantasierollen zu erproben versuchen
– weil Jugendliche das Bedürfnis haben, sich an der Peergroup zu orientieren, zu Gruppen zusammenzuschliessen und sich durch Rituale (Mutproben, Männlichkeitsproben, Schmerzproben) als Gruppe zu definieren. Wer nicht mitmacht wird schnell selber Aussenseiter und Opfer.
– weil Jugendliche das Bedürfnis haben, sich als Gruppe von anderen Gruppen abzugrenzen (den Erwachsenen, den Idioten aus dem Nachbardorf oder der Nachbarstrasse)
– weil das Medienbild amerikanischer Gangs ihnen als Orientierungsmodell cooler, attraktiver und leichter erreichbar erscheint als andere Vorbilder (Lehrer, Pfarrer, Nobelpreisträger, Profifussballer, Astronauten)
– weil Bankspekulanten vormachen, dass man mit der grösstmöglichen Rücksichtslosigkeit am weitesten kommt
– weil überhaupt in weiten Teilen der Gesellschaft eine grosse Verunsicherung über die Werte dieser Gesellschaft herrscht und alles so lange als erlaubt gilt, wie man nicht bestraft wird
– weil tatsächlich viele, wenn sie Gewalttaten beobachten, lieber wegschauen, aus Angst, bei einem beherzten Eingreifen selber Opfer zu werden und diese Angst durchaus sehr gut begründet ist

Die Liste möglicher Ansatzpunkte liesse sich fortsetzen.
Wer die Religion einer bestimmten Minderheit pauschal für alles verantwortlich macht,, was in der Migrationspolitik in den letzten Jahrzehnten schiefgelaufen ist und dereit schiefläuft, der verkennt die Komplexität des Problems.

3. Aus den komplexen Ursachen sollten konkrete Massnahmen folgen, die auf jede erkannte Ursache einzeln eingehen und versuchen, diese Ursache mit pragmatischen, konkreten und praktischen Lösungen zu bekämpfen, anstatt sich in symbolischen Ersatzhandlungen zu verausgaben, die zu nichts führen.
Das wäre dann tatsächlich ein modellhaftes Vorgehen, das international Schule machen könnte. In vielen Bereichen wird das ja tatsächlich auch genau so versucht.

Aus dem oben Analysierten ergibt sich natürlich die Frage: Wenn nicht die Bekämpfung der realen Ursachen das Ziel der Initiative ist, was ist dann deren Ziel und Zweck?
Und welches Ziel verfolgen die Befürworter der Initiative damit, dass sie zu solch polemischen und polarisierenden Mitteln greifen, die die eigentlichen Ursachen des Problems verschleiern statt aufdecken und eine sachliche Diskussion verhindern statt befördern?

Nun, das scheint mir recht offensichtlich: Das Ziel ist die Radikalisierung der Positionen. Wie schon wiederholt in der Diskussion in der Beiz festgestellt wurde, zwingt diese Strategie die Teilnehmer der Diskussion, sich auf die eine oder die andere Seite zu schlagen und festzulegen. Nur wenige schaffen es, eine neutrale und gemässigte Postion standhaft zu behaupten (meinen grossen Respekt dafür an Zappadong!).
Eine Radikalsierung und Polarisierung nützt der SVP, die am rechten Rand politisiert und sich einen Gunstzuwachs aus dem Lager der gemässigten Mitte erhofft, indem sie Angst und Hass bei der bürgerlichen Mittelschicht schürt. Auf der anderen Seite profitieren davon radikale Islamisten, die triumpfierend darauf verweisen können, dass Musliime in der Schweiz diskriminiert würden und das Gewalt gegen Sachen und Menschen als Repräsentanten dieser „Unterdrückungsmacht“ quasi nur eine erlaubte „Notwehr“ darstelllen würde.
Jede islamistische Gewalttat ist Wasser auf dei Mühlen der SVP und rexhtsextremistischer Gruppierungen. Jeder verbale Gewaltakt der SVP ist ein Geschenk für die radikalen Islamisten. Beide verfolgen also ein gemeinsames Ziel.

Die Frage ist: Will die Mehrheit der Schweizer eine Gesellschaft, in der diese beiden Gruppierungen den Ton angeben, die politischen Themen vorgeben und die Art und Weise diktieren, in der sie diskutiert werden? (Nebenbei die vielleicht nicht ganz unwichtige Feststellung, dass diejenigen, die die Minarettinitiative am meisten betrifft, zum grossen Teil von der Abstimmung ausgeschlossen sind.)
Sind die Schweizer bereit, die Konsequenzen einer solchen Gesellschaft in Kauf zu nehmen?

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Bettag: Muslime, Muschg und Ramadan

September 23, 2009

Ramadan in Gelsenkirchen.2009

Meine Beschäftigung mit dem „Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag“ ist nicht von gestern. Der jüngstverstrichene fiel zusammen mit dem Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan. In der „Basler Zeitung“ konnte ich etwas über die arg schwindende Bedeutung des Bettags publizieren:  viele andere Printmedien lehnten es aber ab, über den Bettag irgendeinen Beitrag zu bringen. Aussstehend ist noch die Antwort des NZZ-Chefredaktors, Markus Spillmann, warum die eben geliftete „Alte Tante“ auf den früher üblichen Front-Leitartikel am Bettagssamstag verzichtet. 2003 schrieb etwa noch Prof. Georg Kohler, der Zürcher Ordinarius für politische Philosophie zum Bettag (nicht auf der Front, sondern hintne im Feuilleton):

Dem Geist der Zeit gewachsen zu sein, verlangt den Verzicht auf politisch wirksame Jenseitshoffnungen wie auch auf Höllenangst und die Idee ewiger Tugendvergütung. Die Moderne hat den Himmel entgöttert

In diese publizistische Totenstille zum Hohen kirchlich-staatlichen Feiertag (für Nichtschweizer: der Bettag ist ein staatlich verordneter Feiertag, der – jaja richtig: je nach Kanton verschieden begangen wird – und entspricht am ehesten dem jüdischen Jom Kippur) publizierte Adolf Muschg ein Essay in der Schweizer Ausgabe der Hamburger „Zeit“.

Adolf Muschg zum Bettag: Selbstachtung 2009

Der „Grossintellektuelle“ im Online-Schredder

Schon Mittwoch, 16.Sept. 2009, 15.40, wurde auf dem „News-Netz“ unter dem Titel „Adolf Muschg schiesst scharf auf die Schweiz“ eine Zusammenfassung von (mcb) publiziert, die sogleich 79 oft recht rüde Kommentare auf sich zog. „Die Zeit“ war in den Kiosken der Eidgenossenschaft eben aufgelegt worden (Donnerstagmorgen) als vor Mittag die gleiche (mcb) die süffigsten Kommentare zu neuem „online-content“ bündelte: „Muschg – ein Auslaufmodell?“. Es wurde also nicht über den Bettag und den Inhalt des Muschgschen Essays diskutiert, sondern es wurde der „letzte Schweizer Grossintellektuelle“ zum Abschuss frei gegeben. Bei einer „google-Suche“ wird man erschlagen, denn die überaus dürftigen Geistesprodukte erscheinen gleich auf allen Portalen des „News-Netzes“ mit dem identischen Kommentarschwanz: auf tagesanzeiger.ch, auf bernerzeitung.ch, auf bo.bernerzeitung.ch, auf derbund.ch, auf thurgauerzeitung.ch, auf solothurnerzeitung.ch, auf bazonline.ch. Der Tamedia-Moloch der Verblödung.

Mehr Sorgfalt in der Print-Provinz

Die „Basler Zeitung“ brachte am 18. September in der Rubrik „gesagt ist gesagt“ einen kurzen Ausschnitt aus dem muschgschen Zeit-Essay:

«Eigentlich befindet sich die Schweiz schon seit dem Bergier-Bericht, spätestens seit dem Grounding der Swissair in einem kollektiven Dauerschock, an dem vielleicht das Typische, aber auch das Bedenklichste seine Verleugnung ist.“


AZ-Muschg

Noch weiter ging die in Baden hergestellte Aargauer Zeitung. Die Feuilleton-Chefin Sabine Altdorfer bat in der Ausgabe vom Bettagssamstag die Leserschaft, sich mit dem Essays Muschgs auseinanderzusetzen und der Leserbriefredaktion die Meinungen und Gedanken zuzustellen. Da im Moment in der Schweiz ein Abstimmungswochenende bevorsteht, wurde davon noch nichts publiziert, aber wir werden euch hier auf dem Laufenden halten. (1. update 25.09.09) Die „Aargauer Zeitung“ hat in der heutigen Ausgabe drei erste Reaktionen abgedruckt: zwei Leserbriefe lehnen Muschgs Intervention ab, ein dritter überprüft die Interpretation Muschgs des Bettagsmandats 1862 von Gottfried Keller und argwöhnt, ob nicht andere Gründe, als die von Muschg genannten, zur Ablehnung des ersten Bettagsmandats des Zürcher Staatschreibers führten.

Schweigen der Sonntagspresse

Bettagssonntagspresse

In der Sonntagspresse der deutschen Schweiz, war der Bettag KEIN Thema, der Essay von Muschg auch nicht. Ich prüfte „NZZ am Sonntag“ (NZZ), „SonntagsBlick“ (Ringier), „Sonntags Zeitung“ (Tamedia) und „Sonntag“ (AZ-Media). Hier mussten die 400 Medienschaffende, die sich zur Bundesratswahl im Bundeshaus auf den Füssen herumstanden, ihre ach so wichtigen Erkenntnisse losschlagen. Diese Bundesratswahl (246 Parlamentarier, 400 Medienleute) war eher ein Journalistenkongress als eine würdige Verantstaltung.

Agentur-C

Einzig ein Inserat der Fundamental-Christlichen „Agentur C“ auf der Titelseite des  Sportteils des „SonntagsBlicks“ erinnerte an den Hohen Kirchlichen Feiertag. Vollends erschütternd aber war die Hauptausgabe der „Tagesschau“ des Staatsfernsehens SF: der Hohe Feiertag der Schweiz wurde mit keinem Wort erwähnt, aber drei Minuten lang wurde das Ende des Ramadans gezeigt mit Bildern betender Muslime in Mekka und mit Auszügen der Rede des Obergeistlichen in Teheran.

Intellektuellenhatz im „Tagesanzeiger“

Gestern Dienstag dann kommentierte der Wander-Reporter Thomas Widmer für das Haus Tamedia in dessen Flaggschiff dem „Tages-Anzeiger“ den Essay von Muschg. Sein Fazit: wir brauchen keine „Grossintellektuellen“. Auf morgen Donnerstag ist eine Entgegnung von Zeit-Redaktor Peer Teuwsen im „Tages-Anzeiger“ angekündigt. Weitere „swissness-slamer“ scheinen in der pipeline bereitzustehen. Eine eigene Entgegnung fiel beim „Tages-Anzeiger“ aus der „journalistischen Dramaturgie“ und wurde hier veröffentlicht. Wir werden hier dranbleiben.

Idealer Integrationstag

himmel2

Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag wäre eigentlich der geeignete Integrationstag für verschiedenste Kulturen und Religionen (Vgl. das Bettagsmandat der Aargauer Regierung 2007 Hier (seite3)). Er wäre der Tag der „kulturellen Konkordanz“, die einst Tschagrun hier in der Beiz vorgestellt hat. Tatsächlich hat die Regierung des katholischen Kantons Luzern ihre diesjährige Bettagsbotschaft auf eine interreligiöse Plattform gestellt. Beteiligt sind Katholiken, Christkatholiken, Reformierte und Muslime. Bei einer so breiten Plattform aber muss man sich auch auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken. Die theologische Tiefe, die dem Hirtenbrief der Bischofskonferenz etwa eigen ist, bleibt auf der Strecke. Interreligiös bleibt es beim schlichten „Danke“. (update 28.09.09) Matthias Herren hat in der NZZaS auf die besonders liberale Situation den Muslimen gegenüber an der von Jesuiten geprägten katholischen Fakultät der Universität Luzern hingewiesen.

Dilemma

In der Medienwelt von heute hat dieser Bettag ein grosses Problem. Da er 2000 seines gänzlichen Ruhe-Schutzes entkleidet wurde: früher waren alle Museen, Theater, Kinos, etc. geschlossen und Tanzen und Schiessen war verboten, die Kirchen sich nicht füllen, die Medien ihn als sinnstiftenden Kommunikationsanlass gänzlich ignorieren, so ergibt sich ein riesiger Graben zwischen dem Essay Muschgs, ein Stück deutscher Höchstkultur, und dem multireligiösen „Danke“. Beides bleiben Randphänomene: Aber die Stifter des Bettags hatten eigentlich nicht einen Anlass für Exoten im Sinn. Vielleicht hilft hier eine intelligente Blogosphäre weiter? Muschg wurde immerhin in Blogs rezipiert. Hier vom Zürcher SVP-Kantonsrat Zanetti, und hier von einer Schweizerin am Wattenmeer. Auch unsere hassgeliebtes „facts.ch“ hat es heute Mittwoch zuoberst aufs Menü gestellt. (3. update 24.09.09): Nun wurde der Artikel auch von helvetischen Sittenwächtern entdeckt. Gibt es noch mehr Muschg-Leser in der Blogosphäre?

Mama Pia“ jault in der „Weltwoche“ auf (1. update 24.09.09)

Pia Reinacher, von der Basler Kollegin Christine Richard auch schon liebevoll „Mama Pia“ genannt, die Mutterglucke der Schweizer Subventionsliteraten, einst Literaturkriterin beim „Tages-Anzeiger“ nun freie Kritikerin und Dozentin in Winterthur, erfraut sich auch die Muschgsche Kritik in Bausch und Bogen abzuschmettern. Ihr Antrieb scheint klar: sie muss unter der Gross-Glucke Muschg Platz für ihre gehypten Kolumnisten-Bibeli freihacken. Mehr Kommunikationswissenschaftlerin als Literaturwissenschaftlerin stellt sie den Muschgschen Text weder in den Kontext seines Werk (Keller-Biografie, Ausschwitz-in-der-SchweizDebatte 1997/98) noch in den Kontext der „Busspredigt“ des Bettags. Offensichtlich hat sie nicht einmal bei Muschg nachgefragt, wie der Text zustandekam. Putzig auch der Vergleich der Auflage der Schweizer Ausgabe der „Zeit“ mit jener, des „Bündner Jägers“ (8000): auch hier hat die Kommunikationsdozentin die neuesten Entwicklungen verpennt. Die Literatur-Kompetenz der „Weltwoche“ war selten derart lausig, wie bei dieser hingesudelten Polemik.

Peer Teuwsen: „Mein Gott. Das sind doch interessante Themen“

(2. update 24.09.09)

Im heutigen „Tages-Anzeiger“ (gibt es nur in Print) repliziert der Schweiz-Korrespondent der „Zeit“, welcher Muschg zum „Bettagsmandat“ eingeladen hat. Unter dem Titel „Verleugnung 2009“ (verlinkung 27.9.09) betont er die grosse Freundschaft Muschgs zur Schweiz und unterstellt dessen Kritikern (Widmer & Co), dass sie gleich denen, die früher Frisch († 1991), Dürrenmatt († 1990) und Meienberg († 1993) nach jeder Wortmeldung ins Pfefferland wünschten, die „drei Affen“ machten. Die Schweiz brauche engagierte Menschen, die sich über Sinn und Inhalt des „Schweizerseins“ Gedanken machten, oder wenigstens dazu anregten.

Update 30.9.09: Im heutigen Tages-Anzeiger dreht nun der in Oxford lehrende Schweizer Historiker Oliver Zimmer die Diskussion weiter. Die zwei geschichtsphilosophischen Teleologien einander gegenüberstellend: die rechte (und vielleicht eher katholische?): Sinn der Schweiz ist die Wahrung von „Freiheit“, „Selbstbestimmung“ und „Unabhängigkeit“ und die linke (und vielleicht eher protestantische?): Sinn der Schweiz ist es Republikanismus, Partizipation und die Weltgesellschaft voranzutreiben, plädiert Zimmer für die positivistische Utopie einer „faszinierenden Geschichte“. Leider nutzt Oliver Zimmer die Gelegenheit vor allem sich als Fachhistoriker ins Spiel zu bringen. Was gelungen ist. Auch ist ihm beizupflichten, wenn er zum Abschluss schreibt: „Auch die Historiker sind gefordert. Mit einer zuweilen einfach gestrickten ideologiekritischen Perspektive (wie auch ihrem Gegenteil) kann man sich in der Schweiz zwar medienwirksam positionieren. Dabei scheint entgangen zu sein, dass mit der Jagd nach Mythen und Fiktionen anderswo schon lange kein Blumentopf zu gewinnen ist.“ Ob eine von „historischen Missionen“ gereinigte Geschichte überhaupt ein menschliches Wesen interessieren dürfte, wage ich dann doch sehr zu bezweifeln.

Update 2010

Mal kurz nachgeguckt

April 15, 2009

Ist ja schon eine Weile her, das mit dem Gschtürm um facts.ch und allem näheren und weiteren drum und dran.

Heute, beim Organgensafttrinken fiel mir etwas ein (was Vitamine nicht alles auslösen können!) und ich ging nachgucken, ob man vom Big Brother immer noch dorthin kommt, wo man mal hingekommen ist. Man kommt.

Das fand ich noch ganz witzig (sorry, die Vitamine im Orangensaft).

Und noch etwas zum Schmunzeln, wenn wir schon beim Thema sind.

Der anonyme Mopp – ein anonymer Leserbrief an David B.

Januar 6, 2009
Der anonyme Mop
Der anonyme Mopp

Lieber David,

wie man ins Netz hineinschreibt, so schallt es heraus.

Wem vor seinen eigenen Lesern ekelt und graust, würde man denken, müsste der sich nicht zu allererst selber fragen, ob er so schreibt, dass er die richtigen Leser anspricht?

Aber das wäre vielleicht zu pauschal gedacht, und ungerecht pauschalisieren, das wollen wir ja vermeiden.

Dieser Artikel ist ja schon um einiges differenzierter als anderes (Artikel im Netz leider nicht mehr aufzufinden), was wir auch schon gelesen haben. Das möchte ich ausdrücklich betonen.

Aber als Literaturwissenschaftlerin muss ich entschieden Einspruch erheben und Goethe in Schutz nehmen:
Das Gedicht „Der Zauberlehrling“ (hier nachzulesen) handelt von einem Azubi, der sich eine Rolle anmasst, die ihm nicht zusteht. Und weil er sein Handwerk einfach nicht beherrscht, gerät er in Not, bis ihm das Wasser bis zum Halse steht. Die Besen hingegen, also die Mopps, die geben sich ja redliche Mühe.
Denen ist kein Vorwurf zu machen.

Als ich im April letzten Jahres bei Facts 2.0 als Moderatorin ins kalte Wasser geworfen wurde, habe ich mich anfänglich tatsächlich ein wenig so gefühlt und habe mir deswegen die Berufsbezeichnung „Zauberlehrling“ ausgesucht (die du mir hier offenbar gemopst hast). Im Wissen, dass ich noch viel zu lernen hatte. In der Hoffnung, dass, sollte etwas aus dem Ruder laufen, jemand erfahrenerer und gelassenerer als ich da wäre, um die Sache wieder hinzubiegen. Nunja. Nie aber wäre mir in den Sinn gekommen, den Besen die Schuld zu geben

Gelernt habe ich inzwischen einiges über Community-Management:

– Vor allem und am wichtigsten, dass eine gute, funktionierende Community dem Moderator die Arbeit enorm erleichtert, weil die User dann selber ein Interesse daran haben, das Niveau der Diskussion hoch zu halten und Störenfriede und Dummköpfe aus ihrer Plattform fernzuhalten.

– Dass (ceterum censeo) wiedererkennbare Pseudonyme keinesfalls mit Anonymität gleichzusetzen sind, sondern die allermeisten Menschen, die unter Pseudonym schreiben, moderationstechnisch genauso unproblematisch sind wie die meisten derjenigen, die unter Realnamen schreiben.

– Dass, wer versucht, möglichst viel Klickvieh durch Boulevardisierung und SEO auf Sex & Crime zu generieren, bekommt, was er verdient: Den Bodensatz der Kommentatoren.

– Dass es folglich nicht darauf ankommt, möglichst viele, sondern die richtigen Leser anzusprechen, anstatt Menschen, die Qualitätsjournalismus und echte Diskussionen auf einem gewissen intellektuellen Niveau zu schätzen wissen, von der Website zu vergraulen.

 – Und dass Medien, wenn ihnen an ihrem Online-Auftritt etwas liegt, die diffizile Zauberei nicht irgendwelchen Studenten überlassen dürfen, sondern einem Redaktor (oder einer -torin) mit einem klaren Konzept.

Web 2.0 heisst nicht, lästige Leserbriefe widerwillig in Kauf zu nehmen.
Web 2.0 heisst, die User ernst zu nehmen und die wunderbaren Möglichkeiten des Dialogs im Netz zu nutzen.

iA Zürich übernimmt Facts 2.0

Dezember 19, 2008

Ich zitiere aus einem Mail eines Nutzers an mich, Wiedergabe von der Facts 2.0-Plattform:

Liebe Benutzerin, lieber Benutzer von FACTS 2.0

Das Zürcher Unternehmen Information Architects übernimmt vom Schweizer Medienhaus Tamedia ab 1. Januar 2009 die News-Diskussionsplattform FACTS 2.0. Christoph Lüscher, bisher Geschäftsführer von FACTS 2.0 und Mitgründer von Information Architects Zürich, führt FACTS 2.0 ab 2009 gemeinsam mit seinen Partnern weiter. Für Sie als Benutzer ändert sich dadurch nichts – die Teilnamebedingungen bleiben dieselben. Die aktualisierten AGB finden Sie hier: http://facts.ch/about/terms_of_use .

Die News-Diskussionsplattform FACTS 2.0 wurde im Sommer 2007 unter http://facts.ch als Nachrichtenradar, Treffpunkt und Meinungstribüne lanciert. Die Metaplattform verlinkt relevante deutsch- und englischsprachige Medien aus der Schweiz und dem Ausland. Die Userinnen und User können auf FACTS 2.0 Kontakte pflegen, Nachrichten bewerten und kommentieren, Zeit bei der Suche nach relevanten News sparen und täglich neue Quellen und Artikel entdecken.

Wir freuen uns, Sie auch im Neuen Jahr 2009 auf FACTS 2.0 begrüssen zu dürfen!

Mit freundlichen Grüssen
Das FACTS-Team

Update vom 19.12.08, 20h42:
Links zu Reaktionen im Internet:
persoenlich.com: Information Architects übernehmen Facts 2.0
medienlese.com: Tamedia gibt News-Comunity auf
Journalistenschredder: Tamedia trennt sich von Facts 2.0

Schöner Schimpfen im Internet

November 24, 2008

Ich schaue nur noch selten bei Facts 2.0 rein, aber gefühlt jedes zweite Mal, wenn ichs tue, haben die Top-Themen dort irgendwas mit bösen anonymen Bloggern zu tun.

Der heutige Artikel des Tages (laut Facts: „Autor: Oliver Reichenstein“) ist ein schönes Beispiel für tendenziöse Berichterstattung und Angstmache: Schüler, die ihrem Frust über einen Lehrer Luft machen in einem Atemzug zu nennen mit Kriminellen ist in etwa so, als behauptete man, die Zahl der Schwarzfahrer und Raubmörder sei in der letzten Zeit angestiegen, deshalb fordere man härtere Strafen für diese Art von Verbrechen.

2. verzerrt der Artikel völlig die Verhältnisse: Nicknames gehören traditionell zur Internet-Community-Kultur und die allermeisten Nickname-User sind genauso unproblematisch wie die meisten Realname-User.

Die Forderung von Journalisten nach Realnamen-Zwang im Netz erinnert mich immer an an diese Szene im Supermarkt aus einem Film mit Loriot: „Mein Name ist Lohse. Ich kaufe hier ein.“
Was ist also das wirkliche Problem?
Dazu ein kleiner Test:

Snoopydog1984 says: „Blocher ist eine Knallcharge.“

Kevin-Malte Würstlimann schreibt: „Blocher ist eine Knallcharge.“

Was ist der Unterschied?

Die Antwort ist dieselbe wie die auf die Frage nach dem Weihnachtsmann: Es gibt keinen.
Das Problem anonymer Beleidigungen liegt nicht in der Anonymität sondern in der Beleidigung.

Voser ist realistisch: „Ohne Registraturmassnahmen werden die Delikte massiv zunehmen.“ Nach dem Willen der Strafverfolger dürfte nur noch Fernmeldetechnik auf den Markt kommen, „die überwachbar ist“. (…)
„Zudem“, so Voser weiter, „wären Technologien zur Verfügung zu stellen, die effiziente Direktüberwachungen der Kommunikation über Internet und Mobiltelefonie ermöglichen und die nicht schon deshalb nicht einsetzbar sind, weil sie wegen prohibitiver Kosten nicht bezahlt werden können“. (Zitat aus:  http://onlinereports.ch/News.109+M5bd174eaee5.0.html )

Man will also alle Computer und Handys überwachen?

Richtig so, wenn schon, dann muss man Big Brother richtig anpacken!
Aber damit ist es ja lange nicht getan.
Ich persönlich beispielsweise schimpfe nicht nur im Blog und ins Handy, sondern auch ganz privat über Politiker. Auf dem Klo zum Beispiel. Mitunter minutenlang!

flashfrog*

*Der Name der Verfasserin dieses Artikels ist O.R. bekannt.

news1.ch – Konkurrenz für Facts 2.0?

November 5, 2008

Ole Reißmann gibt in der Mädchenlese erste Einblicke ins neue Newsnetzwerk news1.ch.

Meine ersten Eindrücke zur Beta-Version:

  • Eine kleine, aber bunte Auswahl an Quellen, auch die NZZ ist mit von der Partie. Das Ganze hat auch RSS.
  • Eine Menge überflüssige Doppelmoppelungen bei der Navigation, die die Seite unnötig unübersichtlich machen. So kommt man zu Nachrichten der „Region Zürich“ über die Hauptnavigationsleiste, über die Tags, über die Karte, über die (dann allerdings wieder unvollständige) Seitenübersicht ganz unten. Auch bei der Suche nach Bildern, der Schweiz und den Rubriken führen so viele Wege nach Rom, dass sich die Seite schon ohne Inhalte etwas überladen anfühlt.
  • Dafür ist die Sache echt zweinullig: Jeder Benutzer darf Benutzer-Inhalte schreiben. Jeder. Uff. Und Kontakte anbahnen und Privatnachrichten versenden lässt sich natürlich auch. Im Profil kann wer will all die personenbezogenen Daten eingeben, die er dringend der „News1 AG, deren Aktionären und deren Schwestergesellschaften“ mitteilen möchte (->AGBs). Aber vielleicht bin ich da jetzt aufgrund gewisser Erfahrungen ein bisschen übersensibel. 🙂
  • Und ganz kreative Benutzer dürfen auf den animierten nicht wegklickbaren Banner auf der rechten Seite klicken und ihre „Idee“ kundtun, um die Seite „noch attraktiver“ zu machen.
    Z.B. dass animierte nicht wegklickbare Banner auf der rechten Seite beim Newslesen extrem unattraktiv sind.

Ich bin gespannt, wie sich die Seite entwickelt. Sie haben eine Chance verdient, oder?

Printmedien online und ihr Blogger-Bashing

November 2, 2008

Den aktuellen Beitrag von David Bauer in der Sonntagszeitung mag ich eigentlich gar nicht analysieren. Aber er erneuert ein paar grundsätzliche Fragen, die ich an die Holzmedien hätte.

  1. Wie kann es sein, dass Holzmedien auf ihren Online-Portalen sich immer wieder über die mangelnde Qualität von Blogs auslassen? Dafür, dass Blogs unerheblich sind, wird über das Phänomen der Blogs ziemlich viel geschrieben…
  2. Ist es ehrlich, Blogs fehlende eigene Themen und mangelnde Recherche vorzuwerfen, wenn es umgekehrt kein Holzmedium der Rede wert findet, über Dinge zu berichten oder selber zu recherchieren, die Blogs beschäftigen und von ihnen auch aufgegriffen werden? Das Beispiel Facts2.0 ist ein wunderbares Beispiel, das den Verdacht nahelegt, dass man in kritischen Blogs nur pinkelnde Hunde sieht, die bei nächster Gelegenheit, wenn sie noch mehr Auslauf kriegen, womöglich den eigenen Garten heimsuchen könnten.
  3. Wenn Bloggern mangelnde Professionalität vorgehalten wird, wie kann es umgekehrt sein, dass sich Online-Portale von Printmedien regelmässig anderer Quellen bedienen, diese bestenfalls knapp erwähnen oder zumindest andeuten, aber ganz sicher nicht korrekt verlinken? Während sich Blogger nicht scheuen, Traffic zugunsten anderer Blogger zu generieren, scheuen Onlie-Portale von Zeitungen den Click auf die verlinkte Quelle und damit „weg“ vom eigenen Artikel wie der Teufel das Weihwasser. Souveränität und Kundendienst sieht anders aus.
  4. Wie fein ist es, einem Online-Artikel über Blogs keine Kommentarmöglichkeit zu geben und damit Blog-Kultur zu bashen, aber jede Kritik am eigenen Erzeugnis im Haus selbst zu unterdrücken?

Fazit: So, wie wir gewisse Mechanismen der Journi-Welt in Printverlagen und in deren Online-Ablegern nicht verstehen mögen, so besteht umgekehrt ein hartes Brett vor dem Kopf und den Fenstern der Web-Journalisten, das den Durch- oder auch nur Anblick der Blogszene verhindert: Das Brett heisst Ignoranz. Über Toleranz müssen wir schon gar nicht reden.

Bla-Bla-Journalisten vs. Blogger

November 2, 2008

Eigentlich sollte man dazu ja nix mehr schreiben, das Thema ist sowas von abgekaut. Die Bla-Bla-Journalisten, auch genannt Medienwichser (TM Peter Hogenkamp), versinken anscheinend reflexartig immer, wenn ihnen so rein gar nichts Gescheites mehr einfällt, um das eigene Dasein zu rechtfertigen, in Bloggerbashing. Idiotensichere Strategie, um in den Blogs ein bisschen Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen.

So schreibt David Bauer in der SonntagsZeitung:

„Man muss bis Rang 101 der meist gebloggten Begriffe gehen, um abseits des Mainstreams zu landen: bei «Thinkabout», einem Blogger.“

Was für eine bestechende Logik: Man sucht nach den statistisch meistdiskutierten Themen und stellt fest, dass sie die statistisch meistdiskutierten Themen sind. Man moniert also, dass sich unter den dicksten Fischen im See so wenige Sardinen befinden.

Zweiter Fehler: Private Blogs zu vergleichen mit professionellen Seiten, etwa von Holzmedien, die es auf einmal schick finden, das Blogformat als Vehikel zu benutzen, ist ungefähr so wie privaten Sex mit Professionellem zu vergleichen und festzustellen, dass es bei Letzterem mehr Traffic gibt.
Über die jeweilige Qualität sagt das nur sehr bedingt etwas aus.

Es gibt durchaus interessante Blogs in der Schweiz. Beispielsweise all diejenigen, die bei Facts 2.0 nicht mehr aggregiert werden. Waren den Facts-Redaktoren wohl zu mainstreamig gewesen… 😉

Update: Auch in unserem Lieblings-Blogazensier -Newsaggregier-Portal ist der Artikel von David Bauer ganz oben (aufgeschaltet von einem User namens „Redaktion„). Fein, wie man dort für ehemalige Mitarbeiter sorgt.

Oliver Reichenstein kommentiert ihn dort auch gleich:

Ein Schweizer Blog kommt unter Aufbietung enormer schreibender und zeitlicher und marketingtechnischer Kraefte auf etwa 60 Leser pro Tag.

Wow! Da scheinen wir in der Beiz ja eine wahnsinnsmarketingtechnische Arbeit zu leisten! Und das schon nach nur 3 Wochen Blog-Betrieb! Und das Tolle ist: Unsere Leser kommen sogar wieder! Und da bin ich auch ein bisschen stolz drauf.  Zugegeben. Ich lasse mich trotzdem ungern einen „jämmerlichen Lügner“ schimpfen:

Die Behaupung, dass es nicht draufankomme, wieviel Traffic man habe, ist bei dem ganz ganz offensichtlichen Trafficfishing und dem althergebrachten Narzissmus, der jeden(!) Schreiber–wenn auch nicht immer gleich selbstreflektiert–antreibt, nichts anderes als eine jaemmerliche Luege.

aber, lieber Oliver, es kommt mir wirklich nicht darauf an wie viele Leute sich versehentlich durch einen zufälligen Googleklick in unseren kleinen Blog verirren.  Sondern, dass die richtigen Leute kommen. Und wiederkommen. Und kritisch hinterfragen, Diskussionen anstossen, bei denen am Ende alle ein kleines bisschen schlauer sind als vorher. Denn wenn man nur mit Leuten redet, die eh so denken wie man selbst, dann lernt man ja nichts dazu.

Liebe Abonnentin Zappadong – Teil 2

Oktober 31, 2008

Der Anruf Nummer 2 kam von einer (ebenfalls) netten Dame, die mir eine dreijährige Verlängerung meines Kombiabos für den Tagesanzeiger und die Sonntagszeitung schmackhaft machen wollte. Nachdem Sie mir ihr Anliegen vorgebracht hatte, sagte ich freundlich „Nein.“

„Aber“, holte die Dame Anlauf, „Sie sparen damit 42 Franken pro Jahr.“

„Mir egal“, antwortete ich nicht ganz so freundlich. „Ich glaube nämlich nicht, dass ich mein Abo überhaupt verlängere.“

 

Stille am anderen Ende.

 

„Darf ich fragen, warum nicht?“, klang es dann aus dem Hörer.

 

„Weil Ihr Medienverlag die private Post seiner Kunden liest.“

 

Eine noch viel längere Stille am anderen Ende.

 

„Das ist wirklich schlimm“, sagte die Dame schliesslich.

 

„Ja“, antwortete ich. „Sie können das Ihren Vorgesetzten gerne so ausrichten. Ich will eigentlich keine Erzeugnisse eines Verlags, der unter Umständen sogar MEINE privaten Nachrichten gelesen hat.“

 

„Ja, das ist wirklich schlimm“, wiederholte sich die Dame. „Darf ich Ihnen trotzdem nochmals unser Angebot vorlesen?“

 

Das tat sie dann. Ich bekam das ganze Angebot – drei Jahre, Sie profitieren, viel günstiger, vielleicht gehen unsere Preise ja noch nach oben, aber Sie haben dann Ihr Abo, verstehen Sie, vielleicht sparen Sie mehr als 45 Franken ….“

 

Ich finde Verlage, in denen sämtliche Mitarbeiter mit ihren Kunden fühlen – vom Lesen der privaten Post bis zur besorgten Anteilnahme an allfälligen zu hohen Kosten für ihre Klientel – wirklich herzerwärmend rührend.