Archive for the ‘Finanzkrise’ Category

Franz Hohlers Europa-Realismus

Dezember 11, 2010

Schweizer Kabarettisten sind nicht nur Commedians, die besten unter Ihnen sind wahre Propheten und Analytiker. So auch Franz Hohler. Im Angesicht der Euro-Krise lohnt es sich seine Prophezeiung für Europa aus dem Jahre 1993 hervorzuholen. Zur Erinnerung: 1991 feierte die Schweizerische Eidgenossenschaft ihr 700jähriges Bestehen, 1992 lehnte der Souverän mit einer hauchdünnen Mehrheit den Beitritt der Schweiz zum EWR (Erweiterter Wirtschaftsraum) ab. Rückblickend haben nicht die Fundamental-Grünen gesiegt (die gegen die laschen europäischen Umweltnormen waren), sondern … Genau.

1993 erschien das Buch „Halbzeit. Fünzig 50jährige zur Schweiz: Provokationen, Optionen, Visionen“. Während deutsche Männer vor Stalingrad verbluteten, wurden in der Schweiz u.a. folgende Menschen gezeugt: Mario Botta, Iwan Rickenbacher, Rudolf Strahm, Thomas Wagner, Bruno Stanek, und (unter vielen anderen) auch den Hohler Franz.

Sein Beitrag war 1993 die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten Pushparajah Alabaplanalpya auf das Jahr 2050. Daraus die Europa-politischen Auszüge:

„Dann können wir heuer, auch dies ein Anlass zur Freude, das 50jährige Jubiläum des schweizerischen Beitritts zur EG (so hiess damals noch die EU, GG) feiern, und ich glaube, vieles von dem, was in den letzten Jahrzehnten erreicht wurde, wäre ohne diesen Beitritt nicht denkbar gewesen. All denjenigen, die heute die Rückkehr der Schweiz zur Neutralität, zur eigenen Währung und zur eigenen Armee fordern, möchte ich zurufen: Sollen wir das, was unsere Väter und Mütter mühsam erarbeitet haben, einfach leichtsinnig über Bord werfen? (…) Die ältesten unter uns erinnern sich wohl noch der mühseligen Zeiten, das sie die Sonntage damit verbracht haben, wegen irgendwelcher Ministerialbeschlüsse wie Bodenrecht, Zuckersubventionen oder Tunnelbauten an die Urne zu gehen.“

So weit der Teil der Prohphetie, der nicht eingetreten ist. Der zweite Teil, könnte aber durchaus ein realistisches Szenario sein:

„Dass die Mittelmeerländer aus dieser Gemeinschaft ausgetreten sind, können wir ihnen nicht verargen, und auch dass sich der ebenfalls ausgetretenen skandinavischen Föderation die Beneluxstaaten und letztes Jahr noch Polen und das Baltikum angeschlossen haben, kann für die Schweiz kein Signal sein, es diesen Ländern gleichzutun. Die Schweiz ist und bleibt europäisch, sie ist, das dürfen wir in aller Bescheidenheit festhalten, das Herz Europas, und dieses Herz darf nichts zu schlagen aufhören.“

Soweit die Einschätzung Franz Hohlers von 1993. Selbst er, als Europa-Freund, glaubte nicht, dass Griechenland, Spanien, Italien und Protugal auf Dauer in einer Union mit den Skandinavischen Ländern bestehen könnten. Was bleibt ist ein Rumpf-Europa: Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich und Grossbritannien. Gerade im Lichte der Euro-Krise wäre eine solche Aufstellung Europas realistisch. Sie entspräche auch dem „Plan B“ für Europa, den der St. Galler Privat-Bankier, Konrad Hummler, verschiedentlich vorgetragen hat: Europa wird als Währungsunion untergehen, aber die tüchtigen Regionen könnten sich dem Frankenraum anschliessen. Der Kabarettist 1993 und der Bankier 2009 sind sich hier auf eigentümliche Weise einig.

Satiriker haben sich schon immer mit Europa beschäftigt. Schon Kurt Tucholsky, der die Europa-Aufbrüche der 1920er Jahre miterlebte und scheitern sah, meinte 1926 in seinem „Gruss nach vorn“ an den Leser des Jahres 1985:

„Selbstverständlich habt ihr die Frage „Völkerbund oder Pan-Europa“ nicht gelöst. Fragen werden von der Menschheit ja nicht gelöst, sondern liegen gelassen.“

Was meint die Beiz-Leserschaft?

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Was haben wir eigentlich aus der Krise gelernt?

März 7, 2010

Nichts. Meint zumindest die Zeit in einem lesenswerten Artikel.

„Dieses Versagen der Politik zeigt an, dass weit mehr auf dem Spiel steht als Konjunktur und Staatsfinanzen. Je länger die Finanzoligarchen die Regierungen derart vorführen, umso mehr verkommt die Demokratie zu einem Schauspiel der Ohnmacht, das die Bürger gefährlichen Populisten in die Arme treibt. „

Steuer-CD – kaufen oder bleiben lassen?

Februar 2, 2010

2,5 Millionen investieren und 100 Millionen zurückbekommen. Das wäre eine gute Investition für einen finanzkrisengebeutelten Staat. Und Steuerhinterziehung ist in Deutschland eindeutig ein Kriminaldelikt. Geschädigt würde durch den Kauf auch eigentlich niemand, ausser den kriminellen Hinterziehern, die man eh auch nur dann verfolgen wird, wenn es sich wirklich um sehr grosse Fische handelt, der Kleinkram, also wenn da jemand 50 000 Euro über die Grenze geschmuggelt hat, würde den Verwaltungsaufwand ja gar nicht lohnen.

Allerdnigs ist es eine juristische und moralische Frage: Muss der Staat nicht Vorbild sein? Darf der selber mit Krininellen, die illegal Daten kopieren, Geschäfte machen? Und was wiegt schwerer, die Tat des Kopierers oder die Taten der 1500 Steuerbetrüger?
Und wessen Interessen stehen hier zur Disposition? Die Süddeutsche hegt den Verdacht, die FDP und auch Teile der CDU/CSU wollten ihr Wahl-Klientel der Reichen und Steuermüden nicht vergrätzen, indem man jetzt echt gegen solche Leute vorgeht. Lesenswert: http://www.sueddeutsche.de/finanzen/520/501772/text/

Aber wieso sollte der Ottonormalbürger in Deutschland sich eigentlich brav an die (Steuer-)Gesetze halten, wenn der Staat selber seine eigenen Gesetze bricht, wenn ihm das gewinnversprechender erscheint?

Und könnte so ein Dilemma nicht ganz einfach verhindert werden, wenn die Schweiz in solchen Fällen dem Nachbarn ein bisschen Amtshilfe leistet, so wie der gute Herr Steinbrück das auf seine charmante Art angeregt hatte?

Viel Stoff für brisante Diskussionen…

Btw. und bevor sich nun wieder alle auf die bösen Deutschen stürzen: Ist der Verkäufer der CD eigentlich ein Schweizer? 🙂

Mehr Meinungen bei Thinkabout und Ronnie Grob.

Wettstrahlen der „Leuchttürme“

September 25, 2009

Das Pressegeschäft ist beinhart geworden, die Zeitungen werden dünner, seichter und teurer und die Zeitungsverträger ärmer und um dies alles den Printkunden schmackhaft zu machen, wird ein teures Layout-Lifting durchgeführt. Die „Alte Tante“ an der Falkenstrasse hat sich als erste unters Messer gelegt. Die Physiognomie des Kopfes wurde beibehalten, aber statt „SCHWEIZER AUSGABE“ (neben der INTERNATIONALEN AUSGABE) steht nun „NZZ – ZEITUNG FÜR DIE SCHWEIZ“ und darunter statt dem beeindruckenden „Der Zürcher Zeitung 230. Jahrgang“ (wunderbarer Genitiv!) das kursive „gegründet 1780„. Das ist wie wenn eine ältere Dame vom plissierten Rock auf die Levis 501 umsteigt „established 1780“ prangt nun über ihrem immer noch knackigen Hintern. Und unter dem Hinweis auf das WWW  und dem Preis für das weltberühmte Lokalblatt „Fr. 3.00 . € 2.60“ (warum nicht auch £, $ und ¥?) wird unter dem Strich erklärt worum es bei diesem „Tenü-Türk“ geht:

Substanz und Ästhetik

Was damit gemeint ist, wird sofort klar: Luft, Licht, Durchschuss (wie der Drucker sagt, der Zeitungsfreund schnallts sofort: weniger Inhalt). Fortan sind die Artikeli alle schön in Gätterli gesperrt, damit die Schäfchen-Buchstaben schön auf Zeilen gereiht beisammen bleiben und das Leserauge (das ja bei den Gratisblättern und der Sonntagspresse sozialisiert wird, nicht wahr, die NZZ ist halt keine „Einstiegsdroge“) wird nicht überfordert durch zu viele Zeichen. Die sinnreich zusammengestellten drei Bünde haben nun eine „Menüführung“ mit grau hinterlegten Hinweiskästchen.

1. International/ Schweiz/Zürich und Region/Zürcher Kultur/Meinung & Debatte /Vermischtes (der politisch-gendermaingestreamte Bund für „Sie&Ihn“)

2. Wirtschaft/ Fokus der Wirtschaft/ Börsen und Märkte (bunte Zähleli!!!)/Sport

(ökonomisch-agonistisch-testoteron-Bund für Ihn)

3. Feuilleton /Mi: Forschung und Technik, Sa: Literatur & Kunst

(der Soft-Bund für Sie, die gepflegte Konversation auf der chaiselongue)

Beförderungen in der Redaktion (nach dem Vorbild der NZZaS):

C.W.   wird ernannt zu      „Von Christopf Wehrli“ (wenn er meint und nicht berichtet)

hof. wird ernannt zu „Markus Hofmann“ (der berichtet vorerst nur und meint noch nicht)

Bestallte Redaktoren schweben nun mit kursivem Namen in viel Weiss zwischen Titel und Textblock. Korrespondenten heben kursiv mit ihrer „Location“ ab

Karl Hofer, Sueca

Die stillen Schaffer aber im Wirtschaftsbund bleiben bei ihrem Kommis-Outfit:

brü. Washington (hochgestelltes Kolon) Und dann gehts los.

pfi. Peking (hochgestelltes Kolon) Das Lob ich mir!

Eine Neuausrichtung des „Feuilleton“ hat aber schon stattgefunden: fortan sollen die Musen etwas mehr in den Dienst der Nachrichtenlage (philosophia ancilla novitatis) eingespannt werden. So wird zu Hohen Feiertagen der Christenheit kein Theologe mehr ins Haus geholt (philosophia ancilla theologiae), sondern man lässt den Haus-Tuttologen (ujw.)schreiben. Der „unsichtbaren Hand“ will man mehr Ehre geben: wie diese tickt, wusste schon immer „G.S.„, der nun nach der Finanzkrise zu „Von Gerhard Schwarz“ befördert wurde. Die Entschädigungen für die freien Feuilletonisten wurden eingedampft zu luftigen Honoraren (symbolisches Ehrengeld), dafür beugt sich nun der Feuilleton-Chef nicht mehr über den Nachhall von Schrapnell-Geschossen in jüngerschen Stahlgewittern, sondern kümmert sich als Leib- und Seelenarzt um die Befindlichkeit des Verwaltungsrates Konrad Hummler, aus dessen „Anlegerbriefe“ er die geistige Verfassung der Nation extrahiert. Schliesslich ist die Bank Wegelin (gegründet 1744) älter als die „Alte Tante“ (gegr. 1780) und viel älter als der moderne Bundesstaat (erst 1848 gegr.), da geht es um das Ancienitätsprinzip! Konrad Hummler hat darum auch die wichtigste MEINUNG, die als freischwebender  Leuchtturm „Seitenblick“ die Debatten-Seite dominiert. Der SP-Bundesrat darf als Cicero-Preisträger ein paar grundlegende und grau hinterlegte Gedanken einbringen, während darüber „Von Andrea Martel“ einen „Aufgehellter Konkunjkturhimmel“ feststellt und der wackere „Von Christoph Wehrli“ sich um „Das hohe Gut wissenschaftlicher Redlichkeit“ Sorgen macht.

Nun ist der neue „Mitbewerber“ „Die Zeit-Schweizerausgabe“ am ungeschützten Bettagshimmel mit der „dicken Berta“ Adolf Muschg aufgefahren und hat einen publizistischen Einschlagtrichter im Mittelland hinterlassen (Basler Zeitung, Aargauer Zeitung, News-Netz, Tages-Anzeiger). Das kümmert die „Alte Tante“ gar nicht, sie hat nur ein Donnergrollen am Horizont gehört, die Feuilletonisten machen dort unverdrossen ihre weltberühmte Arbeit. Konrad Hummler steht noch fest im Leuchtturm und Martin Meyer holt immer neues Petrol aus dem Keller, wo auch ein Notvorrat Schnaps und eine alte Schnapsrotationsmaschine für den hummlerschen Kampf bis zum Endsieg im Atombunker gewartet wird.

Bei der Tamedia, hat man den Volltreffer des ehemaligen Mitarbeiters Teuwsen doch vermerkt. Nach ersten Abwehrmassnahmen im News-Netz durch (mcb) hat der Wander-Redaktor den Muschgschen Einschlagtrichter durchmessen und als irrellevant erklärt. Heute Freitag aber nimmt der Sozio-ökonomo-philosophische Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der erste helvetische Kolumnist mit Ganzkörper-Affiche, der geschwätzige Dr. Binswanger den Leuchtturm der „Alten Tante“ unter Beschuss. Schliesslich hat sein Chef-Chef Dr. Res Strehle („68 aber lieb“) die Meinungsführerschaft beim mittleren Kader schon gewonnen und will nun die „Falkenstrasse“ mit den wirren binswangerschen Begriffspetarden sturmreif schiessen, um dann als siegreicher Feldherr die bourgeoise  Falkenstrasse mit seinem marxistischen Begriffsinstrumentarium dem Erboden gleich zu machen.

Max Küng™ wird dann den Sport-Teil und Michele Roten™ das Fötong übernehmen.

Die (neuen) drei Eidgenossen

September 11, 2009

johann-heinrich-fuessli_die-drei-eidgenossen-beim-schwur-auf-dem-ruetli„Alles was die Schweizer wurden, wurden sie durch Einigkeit“
Ein groser Moment wird hier festgehalten:

Endlich mal was Schönes

Juli 27, 2009

rainbow postirony

Wir sind beileibe nicht die einzigen, die diese Systemdiskussion führen. Die nicht einfach so weitermachen wollen wie vor der Krise.
Wir haben Verbündete. LOVOS, LOHAS, ATTAC, Obama, ja, wenn ich mich sogar mit dem Uertner mal auf etwas einigen kann, bin ich geneigt, von einem breiten gesellschaftlichen Konsens zu sprechen. 🙂

Ein spannendes Projekt in diesem Zusammenhang finde ich den Postirony-Blog des Schweizer Künstlers Johannes M. Hedinger (den kennen manche von euch ja vom letzten Blogcamp in Zürich). Der Blog ist entstanden bei einem Projekt mit Studenten der Uni Hamburg.

Zitat:

„Wir verstehen Postironie  als Übungsfeld und Entwurf für eine Welt, in der sich eine neue vereinte globale Kultur und ein weltoffenes Stammessystem zu formieren beginnt, in der Gattungen gemischt und Ordnungen durchbrochen werden.

Für uns steht Postironie für:
– Wandel und Hoffnung auf eine bessere Welt, frei von Sarkasmus und Zynismus.
– Emotionalität und Mut zum Pathos und grossen Gefühlen.
– Authentizität, Nähe und Direktheit.
– eine Wiederkehr des Realen, des Einfachen und den Zauber des Alltags.
– die Feier des Lebens, die Schönheit, die Liebe und die Wahrheit.
– ganzheitliche, emotionale wie spirituelle Nachhaltigkeit und Verantwortung.
– Selbstdarstellung, als Individuum, wie in Kollaboration oder Partizipation.
– völlige Vorstellungs- und Gestaltungsfreiheit.“

http://postirony.com/blog/?page_id=48

Das Postironische Manifest:

http://postirony.com/blog/wp-content/dateien/postirony-web1.jpg

Ich glaube da ist was dran. In unserer Kultur der Fragmentierung und der Copy-and-Paste-Identitäten, der medialen Vermittlung und massenhaften Reproduzierbarkeit von einfach allem, in der alles nur noch Zitat eines Zitats ist, in der wir uns selber zu einer Marke und Ware machen und unsere Haut zu freiem Markte tragen müssen (und wehe dem, der sich nicht rechnet), ist uns die Eigentlichkeit verloren gegangen.

Wir können uns nicht mehr authentisch zu irgend etwas verhalten, weil wir, entfremdet vom direkten Erleben, diesen ganzen medienkulturellen Rattenschwanz immer schon mitzudenken und nur noch ironisch darauf reagieren können. Wir sind umzingelt von „Erlebniswelten“, „Einkaufsparadiesen“, „Spassfaktoren“, „Sensationen“ und „Megaevents“, die uns Konsumenten Gefühle, die jetzt Emotionen heissen, versprechen und Sinnleere verkaufen.

Wenn du dich jetzt gerade im Moment einmal umschaust, wie viele Dinge siehst du um dich herum und an dir, die keine beliebig reproduzierbare Massenware sind?

Wenn eine ironische Haltung bedeutet, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint, hiesse Postironie: Genau das zu sagen, was man meint.

So simpel. Und erstaunlich befreiend.

Eine Gegenbewegung also mit einer Sehnsucht nach Unmittelbarkeit, Natürlichkeit, Echtheit, Ganzheit, Menschlichkeit, Herzenswärme. Wahrheit. (Anstelle von „Wahrheit“ würde ich allerdings den Begriff „Wahrhaftigkeit“ vorziehen, weil die „Wahrheit“ ein Maulesel ist, der sich noch vor jeden Karren hat spannen lassen.)

Das Ziel wäre die Entfremdung der Konsum- und Arbeitswelt zu ersetzen durch eine neue Identität mit sich selbst.
Auch die Krisen vor 1968 und 1989 haben ja jeweils tiefgreifende soziokulturelle globale Veränderungen nach sich gezogen.
Und wenn genügend Menschen so denken, warum sollte es nicht gelingen?

Die UBS sucht unser Vertrauen

April 15, 2009

Die grösste Schweizer Bank, die krisengeschüttelte UBS, führt heute ihre Generalversammlung durch. Ich habe mir die Berichterstattung heute um 12h30 im Radion bei DRS 1 kurz angehört.
Wiederum wurden langatmig und ausführlich die falschen Fragen gestellt. Und dennoch ist genau dies der Indikator des grössten Problems.

Dieses grösste Problem ist nicht, dass die UBS weiter Boni bezahlt (bzw. nicht kommunizieren mag, dass sie vertraglich gar nicht anders kann, weil das niemand hören oder glauben will, obwohl das sehr gut nachzuvollziehen ist).

Das wirkliche Problem ist der Abfluss der Kundengelder. Darin spiegelt sich der Verlust an Vertrauen bei jenen Menschen, die das Betriebskapital für Gewinne zur Verfügung stellen müssten: Geld. In Form von Anlagen. Und die sollen, bitteschön, möglichst sicher sein. Oder möglichst Rendite versprechen. Leider wird nicht kommuniziert, wo welches Geld abgezogen wird. Ist es Geld, für das den Anlegern nach ihrer Meinung nicht mehr genügend Rendite winkt, oder ist es Geld, für das nach wie vor Sorge besteht, dass es verloren gehen könnte? Ist es eher ersteres, so ist das eine Krux, aber das kleinere Problem, als wenn der zweite Grund überwiegt.

Tja, wie stellt eine Bank – oder überhaupt eine Firma – neues Vertrauen her? Es ist eine an sich schon heikle Aufgabe. Bei einem Unternehmen, das so in den Fokus der Medien (nicht nur der Justiz) geraten ist, wird sie noch schwieriger.

Dabei kommt auch der Zeitpunkt, wo eine solche Firma bei der Basis ihrer Kunden wieder neu auf deren richtiges Augenmass vertrauen können muss. Die Klagetöne über gemachte Fehler müssen Fragen zur Zukunft weichen und sich mit jenen Personen beschäftigen, die das Steuer jetzt in die Hand nehmen. Vertrauen muss nicht nur geschaffen werden, es muss sich auch neu bilden.

Die Bedeutung, die dabei die Medien haben, ist gross. Sie wird hoffentlich von Medienschaffenden wahr genommen, die nicht dem Rausch der plötzlich gefühlten eigenen Bedeutung unterliegen und nicht klüger sein wollen, als man es in dieser Situation sein kann.

Der grosse Rest wird „sich informieren“. Und nicht so sehr viel dagegen tun können, dass sich eine persönliche Meinung festsetzt – und man selbst nicht so genau weiss, wie viel die taugt.

Und darum ist hier auch höchste Zeit für den Schluss dieses Beitrags.

Wegleitung, die (aus dem Lexikon der Swissness)

März 23, 2009

Dieser Beitrag wird mit Fr. 270.- brutto honoriert (inkl. Fr. 20.- Urheberrechte). 13.65 gehen an AHV, IV und EO (Mutterschaftsversicherung), 2.70 an die Arbeitslosenversicherung, was der Buchhaltungscomputer der Tamedia erledigt. Damit wird unserem Vierpersonenhaushalt (Verheiratetentarif) nahe gelegt, den Betrag von Fr. 253.65 mit anderen derartigen Beträgen summiert unter Ziff. 2.2 in unsere Steuererklärung einzutragen. Die 253.65 sind zu einem Grenzsteuersatz von 18 Prozent zu versteuern, macht also Fr. 45.65. Uns bleiben Franken 208.-. Unser Haushalt gewönne also 45.65, würde ich diesen Betrag bei der Summierung für Ziff. 2.2 «vergessen» (>Hinterziehung). Lucrezia Meier-Schatz (CVP), die uns im oberen unteren Mittelstand einteilt, verspricht mir im Rahmen des Steuerpakets eine Erleichterung im Rahmen des Nettohonorars dieses Beitrags, sollte das «Ja» am 16. Mai obsiegen. Im mittleren Mittelstand siedelt uns Jacqueline Fehr (SP) an, die mir rät, «Nein» zu stimmen, da das Steuerpaket am fehrschen Mittelstand (70 000-120 000 Bruttoeinkommen) vorbeiziele. Beträge in Ziff. 2.2 berechtigen aber auch zu Abzügen: Doppelverdiener (Ziff. 17), Berufsauslagen (Ziff. 11.1). Im Kanton Zürich kann ich die Spielgruppenkosten (Ziff. 24.3) meiner im Moment nicht störenden Jüngsten schon jetzt in Abzug bringen. Da würde Ihnen das Steuerpaket auch bei der Bundessteuer helfen, meint Meier-Schatz. «Ja» oder «Nein»? Hinterziehen? Oder betrügen? Wie war das?

Bankier Julius Bär sagt, der Unterschied zwischen Steuerbetrug und -hinterziehung sei einem Angelsachsen nicht erklärbar (>Commonsense). Fragen wir in Bern. Herr Schneeberger von der Eidg. Steuerverwaltung spricht den näselnden Dialekt Peter Bichsels (>Jurasüdfuss): langsam, aber Klartext. «Stüürbetrug liit nur vor, we tiir e Urkunde fälsche oder ferfälsche tüeet.»

Ja ist denn die Steuererklärung, die ich mit Ort, Datum und Unterschrift abschliesse, keine Urkunde? «Näii, das isch numme en Erchläärig.» Aha. Und alle die Computerausdrucke, die ich erhalte («gültig ohne manuelle Ergänzung»)? Sind das «Urkunden»? «Im rächtlichä Sinn äbä scho.» Und die Steuererklärung ist so nur Erklärung «auf Eid und Ehre» (>Rütlischwur)? Sind wir vielleicht deshalb «Eidgenossen»? Und die, die hinterziehen «Meineidgenossen»? «Jaa, gwüssermasse, wedr so weid, odr ebe stüüreehrlichi u stüüruneehrlechi Lüüt.» Ach so. Mir wird klar: Wir, ein einzig Volk von Brüdern, direktdemokratisch souverän, sind gleichzeitig Objekt (>Geldbeutel) und Subjekt (>Ratte) der Steuererklärung. Diese ist so nicht ein Vertrag zwischen zwei Rechtspersonen (Urkunde), sondern innerpersönlich-freundeidgenössische Mystik zwischen mir als Steuerbürger, mir als Souveränbürger und dem Allmächtigen. Betrügen kann nur, wer sich von einer juristischen Person, über die er verfügt (AG, GmbH, Einzelfirma), sich Urkunden anfertigen lässt. Dass wir diesen moralisch-psychischen Salto auch allen erwerbstätigen niedergelassenen Ausländern (>Fötzel, fremder) zutrauen, ist immerhin erstaunlich.

Und die Angelsachsen? Diese sind im ganzen «commonwealth» hingegen Untertanen: Als solche stehen sie dem Staat gegenüber in Betrugsverdacht, ohne souveräne Hinterziehungsmöglichkeit. Die Yankees aber befreiten sich 1776 durch ihre «Declaration of Independence». Sie sind nicht mehr Untertanen, aber bei richtiger «representation» zahlen sie ihrer «administration» so gerne «taxation», dass sie ihren Fiskus die Beträge gleich auf ihrem Bankkonto abbuchen lassen. Hier ansässige «holder» von US-«shares» müssen sich am Ende des Wertschriftenverzeichnisses unter «Sonderfälle» (>Sonderfall, der) «Fragen an die Besitzer von USA-Wertschriften» gefallen lassen. Aha.

Ich verabschiede mich voller Nationalstolz von meinem sympathischen Angestellten vom «Bernerhof». Was ich dumpf ahnte, klärt sich nun. Was beim Ausfüllen der Steuererklärung in mir Eidgenossen vorgeht: Dieses Gemenge von Präzision, Ärger, Bauernschlauheit, Neid und Patriotismus, das kann uns keiner nachfühlen.

Wenn mich nach dem 1. April (>Fristerstreckung) ein Yankee blöd anmacht, so werde ich ihm die Hühner schon eintreiben: Eure Vorfahren haben wohl die Menschenrechte und Unabhängigkeit erklärt, aber was die jährliche «declaration of taxation» eines direktdemokratischen (Mein-?)Eidgenossen ist, das werdet ihr nimmer weder begreifen noch erfühlen.

Nur, was sage ich meinem niedergelassenen, erwerbstätigen türkischen Nachbarn? Wie steuerehrlich er auch sein mag: Am 16. Mai hat er nichts zu melden. Da stimmen wir ab. Wir Eid- und Meineidgenossen

2 Länder – eine Sprache – unterschiedliche Deutungen

März 22, 2009

Am gestrigen Samstag erschien auf NZZ-Online der folgende Beitrag des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer: «Ich krieg die Wurst da!»

Ich halte ihn für ausserordentlich lesenswert, da er, aus meiner Sicht, die unterschiedlichen Sichtweisen der Schweizer und der Deutschen auf gemachte Aussagen verdeutlicht.

Alte Besen kehren gut?

März 4, 2009

Man mag ja kaum seinen Augen trauen – die alte Garde steht also Gewehr bei Fuss,wenn sie in der Not gerufen werden. Jetzt bekommt also auch das Präsidentenamt der UBS einen aus der Pension zurückgerufenen.

Man fragt sich ja schon, welche Hintergedanken solche Berufungen haben. Erfahrung ist damit an der Spitze der UBS sicherlich vorhanden. Aber ist es das, was man jetzt auch nötig hat? Den welche Erfahrung wird hier wieder aktiviert. Die Garde wird wieder eingesetzt die auf Investmentbanking setzte, diejenigen die die letzten zehn Jahre entscheident mitgeprägt haben  und was unterscheiden sie von Ospel und Kurer ? – der Zusammenbruch geschah nach ihrer Pensionierung. Aber sonst?

Wenn man glaubt, alles könne wieder so werden wie früher – ja dann ist diese Entscheidung sicherlich nachvollziehbar. Wenn man aber wie viele glaubt, dass dieses unseres Finanzsystem neue Impulse braucht um Systemfehler zu beseitigen, ja dann bleibt nur ein unverständliches Kopfschütteln. Nix gelernt aus der Krise. Für dieses Jahr wünsche ich den Beteiligten eine grosse Portion Selbstreflexion.