Archive for the ‘Literatur’ Category

Franz Hohlers Europa-Realismus

Dezember 11, 2010

Schweizer Kabarettisten sind nicht nur Commedians, die besten unter Ihnen sind wahre Propheten und Analytiker. So auch Franz Hohler. Im Angesicht der Euro-Krise lohnt es sich seine Prophezeiung für Europa aus dem Jahre 1993 hervorzuholen. Zur Erinnerung: 1991 feierte die Schweizerische Eidgenossenschaft ihr 700jähriges Bestehen, 1992 lehnte der Souverän mit einer hauchdünnen Mehrheit den Beitritt der Schweiz zum EWR (Erweiterter Wirtschaftsraum) ab. Rückblickend haben nicht die Fundamental-Grünen gesiegt (die gegen die laschen europäischen Umweltnormen waren), sondern … Genau.

1993 erschien das Buch „Halbzeit. Fünzig 50jährige zur Schweiz: Provokationen, Optionen, Visionen“. Während deutsche Männer vor Stalingrad verbluteten, wurden in der Schweiz u.a. folgende Menschen gezeugt: Mario Botta, Iwan Rickenbacher, Rudolf Strahm, Thomas Wagner, Bruno Stanek, und (unter vielen anderen) auch den Hohler Franz.

Sein Beitrag war 1993 die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten Pushparajah Alabaplanalpya auf das Jahr 2050. Daraus die Europa-politischen Auszüge:

„Dann können wir heuer, auch dies ein Anlass zur Freude, das 50jährige Jubiläum des schweizerischen Beitritts zur EG (so hiess damals noch die EU, GG) feiern, und ich glaube, vieles von dem, was in den letzten Jahrzehnten erreicht wurde, wäre ohne diesen Beitritt nicht denkbar gewesen. All denjenigen, die heute die Rückkehr der Schweiz zur Neutralität, zur eigenen Währung und zur eigenen Armee fordern, möchte ich zurufen: Sollen wir das, was unsere Väter und Mütter mühsam erarbeitet haben, einfach leichtsinnig über Bord werfen? (…) Die ältesten unter uns erinnern sich wohl noch der mühseligen Zeiten, das sie die Sonntage damit verbracht haben, wegen irgendwelcher Ministerialbeschlüsse wie Bodenrecht, Zuckersubventionen oder Tunnelbauten an die Urne zu gehen.“

So weit der Teil der Prohphetie, der nicht eingetreten ist. Der zweite Teil, könnte aber durchaus ein realistisches Szenario sein:

„Dass die Mittelmeerländer aus dieser Gemeinschaft ausgetreten sind, können wir ihnen nicht verargen, und auch dass sich der ebenfalls ausgetretenen skandinavischen Föderation die Beneluxstaaten und letztes Jahr noch Polen und das Baltikum angeschlossen haben, kann für die Schweiz kein Signal sein, es diesen Ländern gleichzutun. Die Schweiz ist und bleibt europäisch, sie ist, das dürfen wir in aller Bescheidenheit festhalten, das Herz Europas, und dieses Herz darf nichts zu schlagen aufhören.“

Soweit die Einschätzung Franz Hohlers von 1993. Selbst er, als Europa-Freund, glaubte nicht, dass Griechenland, Spanien, Italien und Protugal auf Dauer in einer Union mit den Skandinavischen Ländern bestehen könnten. Was bleibt ist ein Rumpf-Europa: Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich und Grossbritannien. Gerade im Lichte der Euro-Krise wäre eine solche Aufstellung Europas realistisch. Sie entspräche auch dem „Plan B“ für Europa, den der St. Galler Privat-Bankier, Konrad Hummler, verschiedentlich vorgetragen hat: Europa wird als Währungsunion untergehen, aber die tüchtigen Regionen könnten sich dem Frankenraum anschliessen. Der Kabarettist 1993 und der Bankier 2009 sind sich hier auf eigentümliche Weise einig.

Satiriker haben sich schon immer mit Europa beschäftigt. Schon Kurt Tucholsky, der die Europa-Aufbrüche der 1920er Jahre miterlebte und scheitern sah, meinte 1926 in seinem „Gruss nach vorn“ an den Leser des Jahres 1985:

„Selbstverständlich habt ihr die Frage „Völkerbund oder Pan-Europa“ nicht gelöst. Fragen werden von der Menschheit ja nicht gelöst, sondern liegen gelassen.“

Was meint die Beiz-Leserschaft?

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Rückblick auf den Bettag 2010

September 28, 2010

Der Text „Bettagsmandat, das“ (2005) meines „swissness-Lexikons“ ist mittlerweile der Google Haupttreffer zum Suchwort. Das Interesse freikirchlicher Kreise am „Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag“ verhalf meinem Textlein zu Links und Aufmerksamkeit. Wie letztes Jahr, als Adolf Muschg mit einem Text in der Schweiz-Ausgabe Hamburger „Zeit“ für etwas Wirbel sorgte (wir verfolgten diesen hier), war das publizistische Interesse der Holz- und Onlinemedien eher beim Ramadan und beim jüdischen Jom Kippur. In der „Willensnation“ habe ich eine systematische Sammlung von Bettagsaufrufen und Bettagsmandaten eingerichtet und in der „Basler Zeitung“ habe ich nicht nur die Situation aus dem der Bettag 1832 hervorging etwas rekonstruiert sondern auch einige dieser Bettagsmandate erwähnt und in Zusammenhang gestellt.

Eine Spitze gegen die Gruppe „Kunst+Politik“ veranlasste dann den Präsidenten der Eidgenössischen Rassimus-Kommission (ERK), Prof. Dr. Georg Kreis, zu höchst merkwürdigen Auslassungen, die in der Blogosphäre kommentiert wurden.

Die Schwächung des Bettages schreitet im Zeichen der „Lieberalisierung“ voran, indem im Kanton Basel-Land der Feiertag von einem Hohen zu den Allgemeinen abgestuft wurde. Aber von der Basis her häufen sich die Initiativen. So wurde im Zürcher Oberländer Industriedorf Wetzikon erstmals ein Bettagsfest mit eigenem Bettagsmandat begangen. Das in der Lokalpresse aufmerksam verfolgt wurde.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ die unter dem neuen Chefredaktor auf theologische Leitartikel zu „Hohen Feiertagen“ verzichtet, hat immerhin am Montag die sehr schöne Bettagspredigt im Grossmünster des Lyrikers Klaus Merz abgedruckt. Sie sei hiermit zur Lektüre empfohlen. Gerade im Grossmünster kommen am Bettag in letzter Zeit Geistesgrössen zu Wort um die Zürcher Hauptkirche an diesem Tag auch sicher zu füllen.

So Franz Hohler (2008), Peter Bichsel (2006),

Adolfs Muschgs Bettagstext 2009 und die publizistischen Folgen.

Zusammenstellung Bettagsmandate 2006

Lexikon zur zeitgenössischen Kunst von Com&Com

Februar 11, 2010

Und wo wir grad ein bisschen bei Werbung in eigener Sache sind: Manchmal wundert man sich ja, wie man in ein Buch gerät. In ein Kunstlexikon noch dazu.
Das kam so: Beim Blogcamp Zürich lernte ich einen Typen kennen, der gerade seine ersten Schritte in die Blogwelt wagte, so wie unsere Beiz im Jahr zuvor. Dieser nette Mensch opferte seine Mittagspause für mich, weil ich durch einen fiesen Bänderriss auf Krücken unterwegs und gehandicapt war und erzählte mir bei der Gelegenheit von einem Projekt namens Postirony. Das ich wiederum so spannend fand, dass ich eine Weile später was darüber bloggte.
Und nun gibt es also ein Buch, ein Kunstlexikon genauer gesagt, und die Beiz steht da drin und der uertner und ich als Autoren bzw. Redaktorin/Lektorin.
Aber wer den Thread gelesen hat und Com&Com kennt, der wird möglicherweise den Verdacht hegen, dass das kein gewöhnliches Kunstlexikon sein kann.
Stimmt.
Im ersten Teil des „Lexikons zur zeitgenössischen Kunst von Com&Com“ sind 220 Artikel zu Begriffen versammelt, die in der zeitgenössischen Kunst eine zentrale Rolle spielen – von Adbusting und Authentizität über Globalisierung, Identität, Inszenierung, Kollaboration, Kunstbetrieb, Manipulation, Marketing, Öffentlicher Raum, Partizipation, Provokation, Social Media, Spiel und Sponsoring, bis Zukunft und Zweifel. Verfasst wurden diese Artikel von 160 Autoren, aber keineswegs nur Kunstwissenschaftler und Fachexperten, wie man es von einem klassischen Lexikon erwarten würde. So kommen neben Kunsthistorikern auch Philosophen, Soziologen, Juristen, Marketingexperten, Journalisten, Blogger, Politiker, Historiker, Biologen, Pädagogen, Psychologen, Unternehmer, Künstler, Musiker und viele mehr zu Wort. Das führt zu – auch für die Redaktorin – überraschenden Verknüpfungen und vor allem auch zu überraschend erfrischenden Statements zu aktuellen Themen und Aspekten der zeitgenössischen Kunst. Die multiplen Verlinkungen der Artikel untereinander laden ein zum „surfen“ im Buch und so entsteht ein vielstimmiges Bild. Gerade diese Erweiterung des Kunstdiskurses in Richtung Soziologie, Wirtschaft, Pop und Alltag ist ja auch charakteristisch für die gegenwärtigen Tendenzen in der Kunst. Und deshalb, denke ich, ist das Buch auch nicht nur für Kunstfreeks interessant, sondern für alle, die sich für die aktuellen Entwicklungen und Diskurse in verschiedensten kulturellen Bereichen zu Beginn des 21. Jahrhunderts interessieren. Passt also recht gut in unser Beiz-Bücherregal. 🙂

Zweitens ist die Publikation ein umfassender Ausstellungs- und Oeuvrekatalog des Künstlerduos Com&Com (Marcus Gossolt / Johannes M. Hedinger), das seit 14 Jahren zusammenarbeitet, und dessen Werk bei der Retrospektive „La réalité dépasse la fiction“ im Kunsthaus CentrePasquArt in Biel/Bienne (CH) aktuell erstmals umfassend zu sehen ist. Am 21.2. gibt es die Buchvernissage in Biel und eine exklusive Führung durch die Ausstellung, und die Beizer sind herzlich dazu eingeladen!

Lexikon zur zeitgenössischen Kunst von Com&Com

Mit Essays, Artikeln und Zitaten von:
Jamila Adeli, Silke Andris, Anne-Kathrin Auel, Dirk Baecker, Barbara Basting, Christian Bauer, Thomas Bauer, Clemens Bellut, Timon Beyes, Tobia Bezzola, Daniel Binswanger, Elke Bippus, Bernhard Bischoff, Konrad Bitterli, Christoph Blase, Frank Böckelmann, Alexander Böckli, Frank Bodin, Matthias Böttger, Elisabeth Bronfen, Georg Brunold, Hannelore Bublitz, Sabeth Buchmann, Kathleen Bühler, Vera Bühlmann, Nicole Antoinette Büttner, Lucius Burckhardt, Com&Com, Paul Davies, Gilles Deleuze / Félix Guattari, Christian Demand, Dolores Denaro, Denis Diderot, Diedrich Diederichsen, Gregor Does, Piroschka Dossi, Tim Dührkoop, Heike Eipelhauer, Harald Falckenberg, Thomas Feuerstein, Anselm Franke, Anne Marie Freybourg, Thomas Friemel, Sven Gächter, Giorgio Vittorio Girardet, Bruno Glaus, Marcy Goldberg, Andreas Göldi, Christoph Görg, Marcus Gossolt, Simon Grand, Walter Grasskamp, Peter Gross, Boris Groys, Thomas Grüebler, Peter Hanke, Jürgen Häusler, Vinzenz Hediger, Johannes M. Hedinger, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Elke Heidenreich, Wolfhart Henckmann, Matthias Henkel, Adrian Heuberger, Caspar Hirschi, Medea Hoch, Jens Hoffmann, Joan Jonas, Peter Hogenkamp, Tom Holert, Hanna Hölling, Anaïs Hostettler, Kornelia Imesch, Theres Inauen, Helga Isak, Harald Kimpel, Udo Kittelmann, Stefan Klein, Pius Knüsel, Antje Kraus, Karl Kraus, Sophie-Therese Krempl, Verena Krieger, Tom Kummer, Dominique Lämmli, Philipp Lämmlin, Markus Landert, Astrid Lange, Remo H. Largo, Aldo Legnaro, Anna Lehninger, Helga Leiprecht, Anton Leist, Thomas Lemke, Silvia Ricci Lempen, Claude Lévi-Strauss, Franz Liebl, Holger Liebs, Konrad Paul Liessmann, Konrad Lotter, Wolf Lotter, Karl Marx, Philipp Meier, Malte Mertz, Torsten Meyer, Yana Milev, Irene Müller, Sighard Neckel, Kathrin Neuburger, Adrian Notz, Novalis, Barack Obama, Sibylle Omlin, Karl-Josef Pazzini, Joachim Penzel, Herbert Pfortmüller, Tina Piazzi, Karl Heinz Pichler, Sebastian Plönges, Jeannette Polin, Diana Porr, Ulf Poschardt, Hanno Rauterberg, Hans Ullrich Reck, Thomas Reinhard, Suzann-Viola Renninger, Christian Rentsch, Hans Peter Riegel, Theresa Riess, Stefan Römer, Lea Salis, Sabine Schaschl, Steven Schepurek, Imanuel Schipper, Camille Schlosser, Enno Schmidt, Steffen Schmidt, Ansgar Schnurr, Birte Carolin Sebastian, Heribert Seifert, Richard Sennett, Bernadett Settele, Stefan Seydel, David Signer, Manuel Stagars, Res Strehle, Bettina Steinbrügge, Peter Studer, Wey-Han Tan, Karin Thomas, Oliviero Toscani, Wolfgang Ullrich, André Utzinger, Friedrich von Borries, Petra von Gerr, Roger Walch, Klaus Wassermann, Petra Wegener, Birk Weiberg, Jeannette Weiss, Thomas Wimmer, Gereon Wulftange, Thomas Zacharias, Jörg Reinhard Zielinski, Slavoj Zizek.

628 Seiten, 1512 farbige Abbildungen, 54 schwarzweiss Abbildungen
17 x 23 cm, Hardcover, Leinen, deutsch
Euro (D) 42.-, CHF 68.-
ISBN 978-3-7212-0-734-7
Niggli Verlag Sulgen/Zürich
http://www.niggli.ch/buecher/items.php?cat=5

Erscheinungsdatum: 21.2.2010

Von der McDonaldisierung der Lesekultur

Oktober 17, 2009

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/487972

„Das Buch, das immer auch eine Ware war, ist bei Thalia zur ausschließlichen Ware geworden. Die obersten Verkäufer sehen vollkommen von deren Inhalt ab.“

„Und das ist die eigentliche Geschichte: Wie das Buch jetzt verkauft wird, als wäre es ein Deo oder ein Schokoriegel oder ein Ohrring, wie es, als allerletztes Produkt, in den harten, effizienten kapitalistischen Warenkreislauf geschoben wird, und was daraus folgt für das Buch.“

„Die Kommunikation gestaltet sich jetzt folgendermaßen: Der Verlag fertigt eine extra Vorschau für jede Kette. Darin geht es nicht mehr um einen Buchinhalt, sondern, wie der Herr Handke sarkastisch sagt, „darum, ob man zwei Seiten in der Brigitte kriegt oder seinen Autor zu Kerner und wie viele Exemplare dieser Autor beim letzten Mal bei Thalia verkauft hat“. So was steht da drin. Und anhand dieses Materials ordert eine Gruppe von Einkäufern die ihrer Meinung nach wichtigsten Bücher für ganz Thalia. Nicht einmal die Anzahl jener sogenannten A-Titel darf von den Filialen selbst bestimmt werden. Sie wird von der Zentrale vorgegeben.“

„Und da das so ist, verliert die Frau Jelinek dann doch ihre Gelassenheit und erzählt von den Schmerzen, die es allen in ihrem Verlag jedes Mal bereitet, wenn sie die paar Autoren auswählen müssen, welche mit ihren Neuerscheinungen überhaupt in jene dünne, dem mächtigen Thalia-Einkauf mundgerecht servierte Extravorschau kommen. In die Verlosung, bei der die Bestseller gezogen werden. Nur etwa jeder Achte hat bei ihr das Glück. „Das ist schrecklich für die anderen.“

„Die Bestseller nämlich werden durch das Vorgehen der Ketten immer bestselleriger, der große Rest fällt immer schneller aus den Regalen in die Vergessenheit. (…) Was das alles fürs Leben & Sterben der eigentlichen Produzenten, der Schriftsteller, bedeutet, liegt auf der Hand.“

Diese Entwicklung beobachte ich auch seit ein paar Jahren mit wachsender Sorge. Bücher sind nunmal keine x-beliebige Ware, bei der es nur darauf ankommt, möglichst viel bedrucktes Papier über den Ladentisch zu schieben.
Bücher sind Fenster zu anderen Welten.
Klar stehen weiterhin alle bestellbaren Bücher der Welt zur Verfügung, theoretisch.
Aber das sichtbare, aufdringlich präsentierte Angebot in diesen Buchhandlungsriesenketten, die in den letzten Jahren ein ehemals unabhängiges Traditionsgeschäft nach dem anderen geschluckt haben, ist wirklich überall dasselbe: Best- und Fastseller haufenweise, die nach spätestens einem halben Jahr wieder aus den Regalen fliegen, durch die nächsten mit heisser Nadel zu Trendthemen gestrickten Hype-Bücher verdrängt. Und was nicht in den Bestseller-Regalen oder auf den Trend-Bücher-Haufen und Sonderposten-Tischen der Buchhandlungen liegt (und da liegen eben überall dieselben), von dessen Existenz erfahren die meisten Leser nie. Das zwingt auch die Verlage, entsprechend zu produzieren: einfaches, massenkompatibles literarisches Fastfood, billig produziert, schnell konsumierbar, fett, aber mit wenig geistgem Nährgehalt.

Ich kaufe meine Bücher deswegen bewusst möglichst in kleinen unabhängigen Buchläden mit interessantem Sortiment.
Und falls Sie ein bestimmtes Buch, das Sie suchen, dort nicht finden: Auch der kleinste Laden kann jedes gewünschte Buch für Sie bestellen.

Literatur-Nobelpreis für Herta Müller

Oktober 9, 2009

Ich freue mich sehr, dass diese mutige kleine Frau, die selbsterlebte und mitgelittene Repression und Gewalt zu so einem scharfsichtigen, sprachsensiblen und moralisch starken Menschen gemacht haben, für ihr Werk geehrt wird.

In ihrem Roman „Herztier“ beschreibt Herta Müller in einer beklemmend präzisen Sprache, wie Freundschaft und Vertrauen unmöglich werden in der klaustrophobischen Atmosphäre der Angst und Repression im Rumänien Ceaușescus. Ein real existierendes „1984“ mitten in Europa. Herztier ist ein Buch, das die Mechanismen totalitärer Macht und Lebenszerstörung so fühlbar und gegenwärtig macht, dass allein das Lesen schwer auszuhalten wäre, spürte man nicht in jedem Satz die unbeugsame Warmherzigkeit der Erzählerin, die der Autorin offensichtlich biographisch sehr nahe steht.
Wie fühlt sich der Terror hautnah an? Wenn die Staatsmacht in deiner eigenen Wohnung herumschleicht? Wenn du jederzeit damit rechnen musst, verhaftet und gefoltert zu werden? Wenn das eigene Leben an einem Haar hängt? An dem Haar, das du in den Brief an deinen Freund legst, um festzustellen, ob er vom Geheimdienst geöffnet und gelesen wurde?

Nein, sie sind nicht ausgestorben mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, die modernen Systeme der Terrors. Haben wir den Mut, gegen sie zu protestieren, wo es uns nichts kostet, nicht einmal ein Haar?

Über Herta Müller: http://de.wikipedia.org/wiki/Herta_M%C3%BCller
Über den Roman Herztier: http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-20877-3
Und das ist Herta Müllers neuester Roman Atemschaukel: http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23391-1

Wider Gott- und Geschichtsvergessenheit

September 28, 2009

Nachstehender Text wurde dem „Tages-Anzeiger“ gleich nach Erscheinen des Widmerschen Artikels eingereicht. Teuwsens Replik  („Verleugnung 2009“) wurde gedruckt. Am 30. September wird noch eine Replik zu Muschg im „Tages-Anzeiger“ erscheinen.

zu Thomas Widmers „Selbstgeisselung

von Giorgio Girardet

Nachdem der Bettags-Essay  („Selbstachtung 2009) des emeritierten ETH-Professors und gewesenem Präsidenten der deutschen Akademie schon auf dem News- Netz der Tamedia ein Tag vor Erscheinen auf die knackige Titelzeile „Adolf Muschg schiesst scharf auf die Schweiz“ eingedampft worden ist und per Kommentarfunktion („400 Zeichen Hass“) Volkes Stimme lautstark sich äussern durfte und diese „Meinungen“ am Tag darauf wieder zu neuem, geilem „content“ gebündelt wurden („Adolf Muschg – ein Auslaufmodell?“), folgt nun mit schier einwöchiger Verspätung eine Reaktion im kostenpflichtigen „Flaggschiff“ der Tamedia von Thomas Widmer.

Ob Widmers „Muschg-Bashing“ geht der Anlass des Zeit- Essays vergessen. Der „Eidg. Dank-, Buss- und Bettag“ wurde von den radikal-liberalen Aargauer Pfaffenfressern anno 1832 der eidg. Tagsatzung beantragt, weil sie mitten im Sakularisationswahn und „Modernismus“ des frühen 19. Jh. ahnten – und wie die Finanzkrise zeigt, wohl zu Recht -, dass mit ihrem „liberal-freiheitlichen“ Gedankengut allein, kein Staat – und schon gar keine „Eidgenossenschaft“ zu machen sei. Der Bettag ist somit der älteste Besinnungs- und Sinnstiftungstag der multikonfessionellen modernen Schweiz, der an die Verwurzelung unseres Gemeinwesens in der 3000jährigen biblischen Tradition erinnert. Der Bettag ist von den Liberalen gewissermassen als Tag staatlich verordneter Selbstgeisselung und Traditionsbesinnung eingeführt worden. Eine typisches Bedürfnis von beichtbefreiten Protestanten: geschenkt.

Bevor der neoliberale Zeitgeist die letzten ethischen Schranken und Hemmungen wegfegte (bis 2000), waren darum alle Stätten der Zerstreuung (Theater, Kinos, Sportplätze, Museen) im Kanton Zürich (und nicht nur hier) am Bettag durch staatliche Vorschrift geschlossen. Den Medien der Tamedia war dieser Hohe Feiertag 2009 (und auch schon 2008) keine schlappe Zeile wert. Man mag Muschgs wechselvollen intellektuellen Weg unterschiedlich einschätzen, die Aeusserungen in den Kanälen der Tamedia zeigen nur eines: in Muschgs Höhen wird die Luft sehr dünn. Selbst ein kluger Kultur-Wanderer wie Widmer erreicht bloss noch keuchend die Baumgrenze Muschgscher Gedanken, von wo er japsend auf das (unerreichbare) ergraute Gipfelkreuz schimpft.

Gewiss, in Thailand mag das anders sein, da gab es kein mythisches 1968, das eine Tradition der selbstgerechten zynisch-satten Väter- und Vaterlandsbeschimpfung initiert hat. Aber wer den Essay Muschgs genau gelesen hat, wird nicht den spätberufenen 68er, nicht den anklagenden „Mars-Vorwortschreiber“ sondern den alten agnostisch- protestantischen Oberleutnant der Milizarmee entdecken, der – stolz über seine republikanischen Gewehrgriffe am Karabiner – in wohlgefügten Formeln über die humanistische und humanitäre Tradition der Schweiz nachdenkt. Jene streitbare Schweizer Stimme, die von Bundesrat Kurt Furgler zur Verfassungsrevision eingeladen wurde, die sich für den Ständerat zur Verfügung stellte und von Bundesrat Villiger zur Konzeptarbeit im Rahmen „Solidaritätsstiftung“ berufen wurde. Und auch diesen Bettagstext hat er nicht aus eigenem Antrieb geschrieben, er wurde darum gebeten und musste ihn gar nachbessern, weil die erste Version nicht genügte.

Gewiss, Widmer mag kein Essayist sein, aber wenigstens „journalistisch“ dürfte man einem Eidgenossen mit mehr Gerechtigkeit begegnen. Wenn wir unsere eigenen „Grossintellektuellen“, wenn sie über „Selbstachtung“ nachdenken, derart eilfertig und billig aus den Hüften mit Häme und Hohn übergiessen, dann brauchen wir keine Amatos, Steinbrücks und Gaddaffis mehr. Nicht Muschg schiesst auf die Schweiz: wir schiessen uns selber in die Knie.

Ich war nie in Thailand, aber ich vermute Weisheit und Alter geniessen dort mehr Respekt als in der Widmerschen Wortmeldung erkennbar wird. Sowohl im „Tages-Anzeiger“ vom Bettagssamstag, in der weltberühmten „Neuen Zürcher Zeitung“ in der ganzen deutschsprachigen Sonntagspresse, als auch in der Hauptausgabe der „Tagesschau“ von SF am Sonntagabend wurde der „Eidg. Dank-, Buss-, und Bettag“ mit keiner redaktionellen Silbe erwähnt, aber das Ende des Ramadans wurde drei Minuten  abgefeiert.

So möge Allah, der Allerbarmer, sich auch unser, uns verlotterten Eidgenossen, erbarmen, die wir von unserem Gott der Verfassung, „dem Allmächtigen“, nichts mehr wissen wollen, nicht einmal mehr in der agnostischen-light-Version Muschgscher Reflexion über die schon 1862 unbequemen Bettagsgedanken des liberalen „Grossintellektuellen“ Gottfried Keller.

Bettag: Muslime, Muschg und Ramadan

September 23, 2009

Ramadan in Gelsenkirchen.2009

Meine Beschäftigung mit dem „Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag“ ist nicht von gestern. Der jüngstverstrichene fiel zusammen mit dem Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan. In der „Basler Zeitung“ konnte ich etwas über die arg schwindende Bedeutung des Bettags publizieren:  viele andere Printmedien lehnten es aber ab, über den Bettag irgendeinen Beitrag zu bringen. Aussstehend ist noch die Antwort des NZZ-Chefredaktors, Markus Spillmann, warum die eben geliftete „Alte Tante“ auf den früher üblichen Front-Leitartikel am Bettagssamstag verzichtet. 2003 schrieb etwa noch Prof. Georg Kohler, der Zürcher Ordinarius für politische Philosophie zum Bettag (nicht auf der Front, sondern hintne im Feuilleton):

Dem Geist der Zeit gewachsen zu sein, verlangt den Verzicht auf politisch wirksame Jenseitshoffnungen wie auch auf Höllenangst und die Idee ewiger Tugendvergütung. Die Moderne hat den Himmel entgöttert

In diese publizistische Totenstille zum Hohen kirchlich-staatlichen Feiertag (für Nichtschweizer: der Bettag ist ein staatlich verordneter Feiertag, der – jaja richtig: je nach Kanton verschieden begangen wird – und entspricht am ehesten dem jüdischen Jom Kippur) publizierte Adolf Muschg ein Essay in der Schweizer Ausgabe der Hamburger „Zeit“.

Adolf Muschg zum Bettag: Selbstachtung 2009

Der „Grossintellektuelle“ im Online-Schredder

Schon Mittwoch, 16.Sept. 2009, 15.40, wurde auf dem „News-Netz“ unter dem Titel „Adolf Muschg schiesst scharf auf die Schweiz“ eine Zusammenfassung von (mcb) publiziert, die sogleich 79 oft recht rüde Kommentare auf sich zog. „Die Zeit“ war in den Kiosken der Eidgenossenschaft eben aufgelegt worden (Donnerstagmorgen) als vor Mittag die gleiche (mcb) die süffigsten Kommentare zu neuem „online-content“ bündelte: „Muschg – ein Auslaufmodell?“. Es wurde also nicht über den Bettag und den Inhalt des Muschgschen Essays diskutiert, sondern es wurde der „letzte Schweizer Grossintellektuelle“ zum Abschuss frei gegeben. Bei einer „google-Suche“ wird man erschlagen, denn die überaus dürftigen Geistesprodukte erscheinen gleich auf allen Portalen des „News-Netzes“ mit dem identischen Kommentarschwanz: auf tagesanzeiger.ch, auf bernerzeitung.ch, auf bo.bernerzeitung.ch, auf derbund.ch, auf thurgauerzeitung.ch, auf solothurnerzeitung.ch, auf bazonline.ch. Der Tamedia-Moloch der Verblödung.

Mehr Sorgfalt in der Print-Provinz

Die „Basler Zeitung“ brachte am 18. September in der Rubrik „gesagt ist gesagt“ einen kurzen Ausschnitt aus dem muschgschen Zeit-Essay:

«Eigentlich befindet sich die Schweiz schon seit dem Bergier-Bericht, spätestens seit dem Grounding der Swissair in einem kollektiven Dauerschock, an dem vielleicht das Typische, aber auch das Bedenklichste seine Verleugnung ist.“


AZ-Muschg

Noch weiter ging die in Baden hergestellte Aargauer Zeitung. Die Feuilleton-Chefin Sabine Altdorfer bat in der Ausgabe vom Bettagssamstag die Leserschaft, sich mit dem Essays Muschgs auseinanderzusetzen und der Leserbriefredaktion die Meinungen und Gedanken zuzustellen. Da im Moment in der Schweiz ein Abstimmungswochenende bevorsteht, wurde davon noch nichts publiziert, aber wir werden euch hier auf dem Laufenden halten. (1. update 25.09.09) Die „Aargauer Zeitung“ hat in der heutigen Ausgabe drei erste Reaktionen abgedruckt: zwei Leserbriefe lehnen Muschgs Intervention ab, ein dritter überprüft die Interpretation Muschgs des Bettagsmandats 1862 von Gottfried Keller und argwöhnt, ob nicht andere Gründe, als die von Muschg genannten, zur Ablehnung des ersten Bettagsmandats des Zürcher Staatschreibers führten.

Schweigen der Sonntagspresse

Bettagssonntagspresse

In der Sonntagspresse der deutschen Schweiz, war der Bettag KEIN Thema, der Essay von Muschg auch nicht. Ich prüfte „NZZ am Sonntag“ (NZZ), „SonntagsBlick“ (Ringier), „Sonntags Zeitung“ (Tamedia) und „Sonntag“ (AZ-Media). Hier mussten die 400 Medienschaffende, die sich zur Bundesratswahl im Bundeshaus auf den Füssen herumstanden, ihre ach so wichtigen Erkenntnisse losschlagen. Diese Bundesratswahl (246 Parlamentarier, 400 Medienleute) war eher ein Journalistenkongress als eine würdige Verantstaltung.

Agentur-C

Einzig ein Inserat der Fundamental-Christlichen „Agentur C“ auf der Titelseite des  Sportteils des „SonntagsBlicks“ erinnerte an den Hohen Kirchlichen Feiertag. Vollends erschütternd aber war die Hauptausgabe der „Tagesschau“ des Staatsfernsehens SF: der Hohe Feiertag der Schweiz wurde mit keinem Wort erwähnt, aber drei Minuten lang wurde das Ende des Ramadans gezeigt mit Bildern betender Muslime in Mekka und mit Auszügen der Rede des Obergeistlichen in Teheran.

Intellektuellenhatz im „Tagesanzeiger“

Gestern Dienstag dann kommentierte der Wander-Reporter Thomas Widmer für das Haus Tamedia in dessen Flaggschiff dem „Tages-Anzeiger“ den Essay von Muschg. Sein Fazit: wir brauchen keine „Grossintellektuellen“. Auf morgen Donnerstag ist eine Entgegnung von Zeit-Redaktor Peer Teuwsen im „Tages-Anzeiger“ angekündigt. Weitere „swissness-slamer“ scheinen in der pipeline bereitzustehen. Eine eigene Entgegnung fiel beim „Tages-Anzeiger“ aus der „journalistischen Dramaturgie“ und wurde hier veröffentlicht. Wir werden hier dranbleiben.

Idealer Integrationstag

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Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag wäre eigentlich der geeignete Integrationstag für verschiedenste Kulturen und Religionen (Vgl. das Bettagsmandat der Aargauer Regierung 2007 Hier (seite3)). Er wäre der Tag der „kulturellen Konkordanz“, die einst Tschagrun hier in der Beiz vorgestellt hat. Tatsächlich hat die Regierung des katholischen Kantons Luzern ihre diesjährige Bettagsbotschaft auf eine interreligiöse Plattform gestellt. Beteiligt sind Katholiken, Christkatholiken, Reformierte und Muslime. Bei einer so breiten Plattform aber muss man sich auch auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken. Die theologische Tiefe, die dem Hirtenbrief der Bischofskonferenz etwa eigen ist, bleibt auf der Strecke. Interreligiös bleibt es beim schlichten „Danke“. (update 28.09.09) Matthias Herren hat in der NZZaS auf die besonders liberale Situation den Muslimen gegenüber an der von Jesuiten geprägten katholischen Fakultät der Universität Luzern hingewiesen.

Dilemma

In der Medienwelt von heute hat dieser Bettag ein grosses Problem. Da er 2000 seines gänzlichen Ruhe-Schutzes entkleidet wurde: früher waren alle Museen, Theater, Kinos, etc. geschlossen und Tanzen und Schiessen war verboten, die Kirchen sich nicht füllen, die Medien ihn als sinnstiftenden Kommunikationsanlass gänzlich ignorieren, so ergibt sich ein riesiger Graben zwischen dem Essay Muschgs, ein Stück deutscher Höchstkultur, und dem multireligiösen „Danke“. Beides bleiben Randphänomene: Aber die Stifter des Bettags hatten eigentlich nicht einen Anlass für Exoten im Sinn. Vielleicht hilft hier eine intelligente Blogosphäre weiter? Muschg wurde immerhin in Blogs rezipiert. Hier vom Zürcher SVP-Kantonsrat Zanetti, und hier von einer Schweizerin am Wattenmeer. Auch unsere hassgeliebtes „facts.ch“ hat es heute Mittwoch zuoberst aufs Menü gestellt. (3. update 24.09.09): Nun wurde der Artikel auch von helvetischen Sittenwächtern entdeckt. Gibt es noch mehr Muschg-Leser in der Blogosphäre?

Mama Pia“ jault in der „Weltwoche“ auf (1. update 24.09.09)

Pia Reinacher, von der Basler Kollegin Christine Richard auch schon liebevoll „Mama Pia“ genannt, die Mutterglucke der Schweizer Subventionsliteraten, einst Literaturkriterin beim „Tages-Anzeiger“ nun freie Kritikerin und Dozentin in Winterthur, erfraut sich auch die Muschgsche Kritik in Bausch und Bogen abzuschmettern. Ihr Antrieb scheint klar: sie muss unter der Gross-Glucke Muschg Platz für ihre gehypten Kolumnisten-Bibeli freihacken. Mehr Kommunikationswissenschaftlerin als Literaturwissenschaftlerin stellt sie den Muschgschen Text weder in den Kontext seines Werk (Keller-Biografie, Ausschwitz-in-der-SchweizDebatte 1997/98) noch in den Kontext der „Busspredigt“ des Bettags. Offensichtlich hat sie nicht einmal bei Muschg nachgefragt, wie der Text zustandekam. Putzig auch der Vergleich der Auflage der Schweizer Ausgabe der „Zeit“ mit jener, des „Bündner Jägers“ (8000): auch hier hat die Kommunikationsdozentin die neuesten Entwicklungen verpennt. Die Literatur-Kompetenz der „Weltwoche“ war selten derart lausig, wie bei dieser hingesudelten Polemik.

Peer Teuwsen: „Mein Gott. Das sind doch interessante Themen“

(2. update 24.09.09)

Im heutigen „Tages-Anzeiger“ (gibt es nur in Print) repliziert der Schweiz-Korrespondent der „Zeit“, welcher Muschg zum „Bettagsmandat“ eingeladen hat. Unter dem Titel „Verleugnung 2009“ (verlinkung 27.9.09) betont er die grosse Freundschaft Muschgs zur Schweiz und unterstellt dessen Kritikern (Widmer & Co), dass sie gleich denen, die früher Frisch († 1991), Dürrenmatt († 1990) und Meienberg († 1993) nach jeder Wortmeldung ins Pfefferland wünschten, die „drei Affen“ machten. Die Schweiz brauche engagierte Menschen, die sich über Sinn und Inhalt des „Schweizerseins“ Gedanken machten, oder wenigstens dazu anregten.

Update 30.9.09: Im heutigen Tages-Anzeiger dreht nun der in Oxford lehrende Schweizer Historiker Oliver Zimmer die Diskussion weiter. Die zwei geschichtsphilosophischen Teleologien einander gegenüberstellend: die rechte (und vielleicht eher katholische?): Sinn der Schweiz ist die Wahrung von „Freiheit“, „Selbstbestimmung“ und „Unabhängigkeit“ und die linke (und vielleicht eher protestantische?): Sinn der Schweiz ist es Republikanismus, Partizipation und die Weltgesellschaft voranzutreiben, plädiert Zimmer für die positivistische Utopie einer „faszinierenden Geschichte“. Leider nutzt Oliver Zimmer die Gelegenheit vor allem sich als Fachhistoriker ins Spiel zu bringen. Was gelungen ist. Auch ist ihm beizupflichten, wenn er zum Abschluss schreibt: „Auch die Historiker sind gefordert. Mit einer zuweilen einfach gestrickten ideologiekritischen Perspektive (wie auch ihrem Gegenteil) kann man sich in der Schweiz zwar medienwirksam positionieren. Dabei scheint entgangen zu sein, dass mit der Jagd nach Mythen und Fiktionen anderswo schon lange kein Blumentopf zu gewinnen ist.“ Ob eine von „historischen Missionen“ gereinigte Geschichte überhaupt ein menschliches Wesen interessieren dürfte, wage ich dann doch sehr zu bezweifeln.

Update 2010

Kampf der Kulturen über Symbole

September 3, 2009

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Die Sache treibt mich schon seit einigen Wochen um. Es sind „Bauchreaktionen“ auf verschiedene Medienereignisse: „Aergernisse“. Und man denkt: „Nur nicht genau hinschauen, vielleicht bild ich mir das nur ein“. Aber die Anzeichen häufen sich, dass die vom Westen ehemals beherrschten Nationen begriffen haben, wie sie dem pazifistischen, spassgesellchaftlichen Westen zermürben und aushebeln können. Natürlich sind wir in der Schweiz mit dieser Affäre Gadaffi etwas feinfühlig und wehleidig geworden. Immerhin hat Lybien allen Ernstes die Auflösung unseres Staatswesens auf die Traktandenliste der UNO gesetzt. Der jüdische Komiker Sascha Cohen („Borat“) schlägt zielsicher in die Achillesfersen und Eiterbeulen der globalen Spassgesellschaft. Und im deutschen Wahlkampf regiert ein populistischer Unernst, der kaum noch von der satirischen Filmproduktion („Isch kandidiere“ und „Die Partei“) eingeholt werden kann.

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Natürlich können wir uns über den Erfolg von „twitter“ im iranischen Wahlkampf freuen, aber die getürkten Wahlen waren schliesslich ein Erfolg, Achmadinejad bleibt anerkannter Vertreter seines Landes, die Demonstranten gehen sehr ungemütlichen Zeiten entgegen.

Meine These ist: die sogenannt „postheroische“ westliche Gesellschaft verkennt das Hass– und Zornpotential, das ihr aus Gesellschaften entgegenschlägt, die nicht nur eine viel vitalere Demografie aufweisen (und darum „Helden“ und „Märtyrer“ im Überfluss haben), sondern auch durchaus noch „heroische“ Posen und auch Taten praktizieren. Das digitale Weltdorf macht offizielle Anlässe zu dankbaren Gratis-Plattformen für sehr effiziente symbolische Handlungen, die Bilder generieren, die in Echtzeit jedem Analfabeten auf dem Globus zugänglich werden und dort ihre Wirkung entfalten. Da ist einmal die deutsche Abhängigkeit von russischem Ergas. Im vergangenen Winter wurde der Ukraine und Bulgarien (und damit einem EU-Mitglied) einmal „probeweise“ das Erdgas abgestellt. Die Aufarbeitung dieses aussenpolitischen Muskelspiels für das gehobene russische Heimpublikum sieht so aus (ich kann kein russisch und vielleicht besingen ja die schönen Soldaten hier die Wolga oder den Dnjeper):

 http://www.youtube.com/watch?v=A7RD5ONjv8M

Dann ist da der Besuch von Bundespräsisdent Hans-Rudolf Merz in Genf um den iranischen Diktator Achmadinejad zu treffen. Man beachte die Kleidung.

http://www.nzz.ch/images/merz_iran_defaultFormatImage_1.2938651.1246964374.jpg

Während der Appenzeller sich in Anzug und Kravatte präsentiert, erscheint die iranische Delegation nicht in einer persischen Landestracht (wie etwas Gaddaffi dies als stolzer Dauer-Beduine macht) sondern in der Casual-Variante des Westens (Anzug und Hemd, keine Kravatte und oberster Knopf offen).

 http://www.2lounge.ch/wp-content/uploads/2009/03/calmy-rey_iran.jpg

Das Bild von Aussenministerin Calmy-Rey in Teheran beschäftigt die Gemüter in der Schweiz immer noch. Für einen Gasvertrag hat sich jene Frau, die mit dem Bestseller „Frauen, wollt ihr noch 962 Jahre warten?“ die Frauen in der Schweiz zur Eroberung der gesellschaftlichen Positionen aufrief, dem Kleider-Code jener Kultur unterworfen, die nicht nur die „Züchtigung des Weibes“ erlaubt, sondern auch im Extremfall Ehebrecherinnen steinigt.

calmy-svp

Natürlich ist solches ein gefundenes Fressen für die SVP: Weit subtiler ist es aber die „schweizerische Nationalschriftstellerin“, Ruth Schweikert, die eben ihr fünftes Kind geboren hat, auf eine Lesereise nach Teheran einzuladen. Die verschleierte „Powerfrau“ und Dichterin mit dem Baby dem Arm spricht für sich, ohne dass sie auch nur den Mund zu einem Statement öffnen muss. Noch pikanter wird die Sache, wenn man diese Null-Aussagen der Schweizerischen Literaturstipendiatin mit dem sehr mutigen Vorgehen ihres Lebenspartners, Eric Bergkraut, in der Sache der russischen Menschenrechtsaktivisten Politowskaja in Zusammenhang bringt.

Während also ihr mutiger Lebenspartner die vier Kinder hütet, ist die Dichterin in dieser merkwürdigen Doppelrolle: stillende Mutter, lesende Schriftstellerin unterwegs.

Wenn man ein Volk demütigen will, dann schändet man seine Frauen. Auf dem Balkan wurde dieses vor 15 Jahren in Massen getan. Serbische Milizen vergewaltigten massenweise Bosnierinnen. Die nicht-westliche Welt aber hat begriffen: bei den zarten Westlern muss es nicht gleich die rohe, physische Vergewaltigung sein, es genügt die symbolische Unterwerfung. Wenn der Westen einmal akzeptiert, dass er für Gas und Öl alle Werte, für die eine Alice Schwarzer und Mitschwestern Jahrzehnte kämpften, zu opfern bereit ist, dann braucht man die Kavallerie gar nicht loszuschicken (um in der Logik Peer Steinbrücks zu bleiben, des teutonischen Steuer-Gaddaffis), es genügt buchstäblich, dass der Westen weiss, das sie da ist. Wenn im Rahmen dieser Logik, der Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangen sollte, dann gehen wir ungemütlichen Zeiten entgegen. Und „der letzte Preusse“, Peter Struck, hat recht, dies alles entscheidet sich letztlich am Hindukusch. Nur war der Hindukusch im deutschen Wahlkampf kein wirkliches Thema. Oder irre ich?

update: 14. Juli 2010:

Die hier angedachten Überlegungen flossen in eine Nebelspalter-Satire ein zum Aufruf der Kulturschaffenden vom Frühjahr 2010. Nun hat (((rebell.tv))) den Nebi-Beitrag entdeckt. Freut sich und fügt noch weiteres pikantes Detail zum Teheran-Trip der Frau Schweikert an:

(der skandal an jenem abend in theran: schweikart lüpfte die bluse auf der bühne und stillte mitten im podiumsgespräch ihr baby! an jenem abend waren bloss frauen im raum, welche den losen schleier irgendwo am hinterkopf hatten. will sagen: so „akkurat“ (würde mein neffe sagen) wie ruth schwekart, trägt kaum eine frau den schleier in theran ;-))) wie auch immer: selbst diese wildesten damen im raum, schüttelten den kopf… so „akkurat“ den schleier tragen und dann die nackte brust dem publikum zeigen… autsch!

Quelle (((rebell.tv)))

Hugo Loetscher, der Schweizer Weltbegutachter ist tot

August 19, 2009

Zürich, die Schweiz, trauert um Hugo Loetscher. Die Politiker, die Kutlurverwalter, die Zentralbibliothek. Das Radio hat die Progamme umgestellt und die Reporter holen Stimmen ein. In „zehn vor zehn“ äusserte Cicero-Preisträger, Bundesrat Leuenberger auf Züritütsch seine Betroffenheit. Für 3sat wird er untertitelt werden müssen. Die Laudatio auf den 80. Geburtstag vom 22. Dezember wird nicht gehalten werden. Loetscher gehörte zum Stadtbild der Stadt an der Limmat, der er immer wieder in Erinnerung rief, dass auch die Sihl, die das Arbeiterquartier Aussersihl abgrenzt kein zu vernachlässigender Zufluss darstellt. Dabei konnte er sich die Arroganz der Zürcher nie leisten, weil alles an ihm gegen ihn sprach: ein Katholik in der Zwingli-Stadt, ein Arbeitersohn am Bankenstandort, ein Schwuler im Sechseläutenumzung heterosexueller Tüchtigkeit.

Er überlebte als Maulwurf. Er machte seinen sozialen Standort zum Programm, aber nicht als lärmendes soziales Engagement, sondern als ironisch-wache Zeitgenossenschaft. Schon in seinem Erstling „Abwässer: ein Gutachten“verwebt er autobiografisches mit reportagehafter Berichterstattung. Der sachlich feststellende, aber immer auch ironisch-humorvolle Blick auf die Realität ist Lötschers Sache. Berühmt wurde er mit seinem autobiographischen Werk „Der Immune“, in der Schweiz kennen auch Literaturbanausen seinen Satiren-Band „Der Waschküchenschlüssel“.

Als Reisender hat sich Lötscher der „anderen Seite“ angenommen. In Los Angeles blickt er nach China, für Zürichs Städtepartnerschaft mit der chinesischen Stadt Kunming hat er sich engagiert und immer wieder reiste er nach Brasilien.

Andere werden mehr über ihn schreiben. Als ausgemusterter Train-Soldat wird er mir in ewiger Erinnerung bleiben, weil er dem eidgenössischen Trainpferd ein sachkundiges literarisches Denkmal errichtet hat. Dies 1989 im Band: „Die Fliege und die Suppe und 33 andere Tiere in 33 anderen Situationen.“

Er hatte den Schweizer Blick des Versicherungsexperten. Und als solcher war er für einen Finanzplatz unerlässlich. Denn Gefahren und Schäden, die der behäbigen Zwingli-Stadt drohten, die ihn gern an den Aperos in ihren gediegenen Zunfthäusern sah, die sah er schon kommen in den Favelas Brasiliens oder in den Kloaken Zürichs. Er war eine weltkundige literarische Rückversicherungsanstalt. Grossartig ist auch seine Aufsatzsammlung zur Schweizer Literatur „Lesen statt Klettern“.

Sein letztes Werk wird in den nächsten Tagen ausgeliefert: „War meine Zeit meine Zeit“

Bachmannpreis 2009

Juni 24, 2009

Ich liebe Geschichten. Und ich muss diesmal nicht einmal den Fernseher aus dem Keller holen:  Man kann die Lesungen und Diskussionen auch ganz bequem im Internet an- und nachhören bzw. lesen: http://bachmannpreis.eu/de

Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“, das war einmal „Deutschland  (und Österreich und die Schweiz) sucht den Superautor“, mit Marcel Reich-Ranicki als Dieter Bohlen, lange, bevor Casting-Shows überhaupt erfunden wurden! Und ist heute wieder etwas Besonderes: 14 Stunden lang Lesungen und Diskussionen über Literatur im TV in 3 Tagen – soviel Zeit muss schon sein…

Die Jury gefällt mir allerdings von Jahr zu Jahr weniger. Ich vermisse die grossen Literaturkritik-Haudegen. Ich vermisse auch einen Robert Schindel, diesen etwas seltsamen aber absolut wunderbaren Pflichtverteidiger der Autoren-Seite in der Jury, ich vermisse es, einem Iso Camartin beim Denken zuzuschauen, ich vermisse sogar  Iris (ti-)Radisch ein bisschen, die mich mitunter ziemlich genervt hat, aber zuletzt wenigstens noch eine Reibungsfläche bot.

Nach dem letztjährigen Tiefpunkt gibt es dieses Mal viele neue Gesichter in der Jury. http://bachmannpreis.eu/de/jury
Hoffen wir, es hilft.

Denn die Jury ist es ja auch, die bestimmt, welche Autoren überhaupt eingeladen werden.
Es wäre schön, der Bachmann-Preis würde wieder mehr eine Entdeckungs-Möglichkeit für neue literarische Talente werden, die noch keinen fetten Vertrag in der Tasche haben und die nicht bloss von den Verlagen nach Klagenfurt geschickt werden, um ihr nächstes Buch im TV zu promoten. Dass ich dieses Jahr fast keine von den Autorinnen und -toren kenne (ausführliche Portraits der Kandidaten gibt es übrigens in der aktuellen Ausgabe der Literatur-Zeitung „Volltext“ nachzulesen), halte ist deshalb für ein eher gutes Zeichen.

Einen Haufen Autoren habe ich in den letzten paar Jahren durch den Bachmannpreis für mich entdeckt. z.B. Sibylle Lewitscharoff , Yoko Tawada, Juli Zeh, Uwe Tellkamp, Lukas Hammerstein, Zoe Jenny, Jochen Schmidt, Pedro Lenz, Kathrin Passig, Christoph Simon. Aber nicht nur Preisgekrönte, sondern z.B. auch „Nichtleser“ Gion Mathias Cavelty, dessen geniale Parabel die Juroren grandios durchfallen liessen – aber wer die Frankfurter Buchmesse in den Luft sprengen will, der kann kein schlechter Mensch sein…  🙂

Diesmal lesen Ralf Bönt, Katharina Born, Karsten Krampitz, Lorenz Langenegger (CH), Christiane Neudecker, Jens Petersen (CH), Bruno Preisendörfer, Karl-Gustav Ruch (CH), Gregor Sander, Caterina Satanik, Andreas Schäfer, Linda Stift, Philipp Weiss und Andrea Winkler Geschichten vor.

Termine – im Netz oder auf 3sat:

Donnerstag, 25. Juni
Lesungen und Diskussionen
10.00 – 15.00 Uhr

Freitag, 26. Juni
Lesungen und Diskussionen
10.00 – 15.00 Uhr

Samstag, 27. Juni
Lesungen und Diskussionen
10.00 – 14.00 Uhr

Sonntag, 28. Juni
Preisvergabe
11.00 – 12.15 Uhr