Archive for the ‘Religion’ Category

Rückblick auf den Bettag 2010

September 28, 2010

Der Text „Bettagsmandat, das“ (2005) meines „swissness-Lexikons“ ist mittlerweile der Google Haupttreffer zum Suchwort. Das Interesse freikirchlicher Kreise am „Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag“ verhalf meinem Textlein zu Links und Aufmerksamkeit. Wie letztes Jahr, als Adolf Muschg mit einem Text in der Schweiz-Ausgabe Hamburger „Zeit“ für etwas Wirbel sorgte (wir verfolgten diesen hier), war das publizistische Interesse der Holz- und Onlinemedien eher beim Ramadan und beim jüdischen Jom Kippur. In der „Willensnation“ habe ich eine systematische Sammlung von Bettagsaufrufen und Bettagsmandaten eingerichtet und in der „Basler Zeitung“ habe ich nicht nur die Situation aus dem der Bettag 1832 hervorging etwas rekonstruiert sondern auch einige dieser Bettagsmandate erwähnt und in Zusammenhang gestellt.

Eine Spitze gegen die Gruppe „Kunst+Politik“ veranlasste dann den Präsidenten der Eidgenössischen Rassimus-Kommission (ERK), Prof. Dr. Georg Kreis, zu höchst merkwürdigen Auslassungen, die in der Blogosphäre kommentiert wurden.

Die Schwächung des Bettages schreitet im Zeichen der „Lieberalisierung“ voran, indem im Kanton Basel-Land der Feiertag von einem Hohen zu den Allgemeinen abgestuft wurde. Aber von der Basis her häufen sich die Initiativen. So wurde im Zürcher Oberländer Industriedorf Wetzikon erstmals ein Bettagsfest mit eigenem Bettagsmandat begangen. Das in der Lokalpresse aufmerksam verfolgt wurde.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ die unter dem neuen Chefredaktor auf theologische Leitartikel zu „Hohen Feiertagen“ verzichtet, hat immerhin am Montag die sehr schöne Bettagspredigt im Grossmünster des Lyrikers Klaus Merz abgedruckt. Sie sei hiermit zur Lektüre empfohlen. Gerade im Grossmünster kommen am Bettag in letzter Zeit Geistesgrössen zu Wort um die Zürcher Hauptkirche an diesem Tag auch sicher zu füllen.

So Franz Hohler (2008), Peter Bichsel (2006),

Adolfs Muschgs Bettagstext 2009 und die publizistischen Folgen.

Zusammenstellung Bettagsmandate 2006

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Kirchenhierarchie und Luthers „gläserne Decke“

Juli 25, 2010

Die Lutheraner aller Welt verabschiedeten wieder einhellig Forderungen zur Weiteren Förderung der Frau in der kirchlichen Hierarchie.

Der Präsident des Lutherischen Weltbunds (LWB), Mark Hanson , hat sich für eine weltweite Förderung der Frauenordination bei den Lutheranern ausgesprochen. Eine Selbstverpflichtung soll die 140 LWB-Mitgliedskirchen zur Unterstützung der Weihe von Frauen ermutigen. Auch durch die Ernennung von Frauen in Leitungsfunktionen müsse sichtbar werden, dass sich die Lutheraner als „radikal integrative Gemeinschaft“ sehen. Das sagte Hanson auf der LWB-Vollversammlung in Stuttgart. Zu der zwischen den lutherischen Kirchen strittigen Frage, ob Homosexuelle zu Pastoren geweiht werden sollten, wollte Hanson keine Stellung beziehen. Er wisse, dass in den Mitgliedskirchen dazu verschiedene Meinungen herrschten.

Dieses Beharren auf dem auch von der UNO in den Milleniumszielen festgeschriebenen Weg des „Gendermainstreamings“ erscheint vor allem dann merkwürdig, wenn die realen Erfahrungen der deutschen Lutheraner mit ihren bisher zwei Bischöfinnen ins Blickfeld gefasst werden. Sowohl die 1992 als erste lutheranische Frau ins Bischofsamt beförderte Frau Bischöfin Maria Jespen, als auch die gefeierte erste Vorstherein aller deutschen Lutheraner, Bischöfin Margot Kässmann, sahen die Notwendigkeit von ihren Ämtern zurückzutreten.

Aus einem Interview der Berliner „taz“ (15.Mai 2010) mit Bischöfin Maria Jespen über den Rücktritt von Kässmann:

Wahrscheinlich hätte ein Mann das einfach ausgesessen.

Ja, aber das ist kein Weg. Nach dem Motto: Die anderen schummeln auch und sind auch korrupt etc. Margot Käßmann war anders. Sie hat gezeigt, ich bin klar. Auch wenn es für sie hart und nun alles kaputt ist.

Hätte sie die Häme nicht durchstehen müssen, damit weiter eine wichtige Frau im Protestantismus wirken kann?

Nein. Wir als Kirche stehen dazu, dass dies ein Fehler gewesen ist. Ich fand das auch als Frau gut. Frauen sitzen das nicht einfach aus, sie stehen dazu. Aber dass das für uns ein unglaublicher Verlust ist, das ist klar. Als ich das erste Mal dazu Stellung nehmen musste, schlackerten mir die Beine.

Hat sie so nicht dennoch der Frauensache in Deutschland geschadet? Zumindest hat Alice Schwarzer so argumentiert.

Einerseits ja, weil sie nicht mehr da ist. Andererseits hat Margot Käßmann gezeigt, dass sie Stärke hat, mehr Stärke als die vielen starken Männer, die sonst so auftreten. Das fand ich ein Zeichen von Größe. Es steht ein Mensch für das, was er gemacht hat.

Bischöfin Kässmann hatte mit ihrem „Traum“ im Magazin der „Zeit“ schon für Verwunderung gesorgt: der öffentlich geäusserte Traum der ersten Frau an der Spitze der deutschen Lutherischen Kirche betraf nichts Kirchliches, sondern die Aussicht, dank Frühpensionierung bald die Enkel geniessen zu können, die bei ihren vier Töchtern sich unweigerlich in den nächsten Jahren einstellen würden.

Es scheint damit, dass die beiden Bischöfinnen an ihrer „inneren Eva“ gescheitert sind. Die eine interessierte sich eher für ihre Enkel als für ihre im kirchlichen Amt anvertrauten Schäfchen, die andere trat aus einem Sauberkeitsfimmel zurück, der wohl angebracht ist, wenn es darum geht die Hygiene einer Familie zu sichern, aber der fast schon gefährliche Züge annimmt, wenn man/frau in einer öffentlichen Verantwortung steht. Vielleicht müsste man/frau über Frauen in der kirchlichen Hierarchie einmal grundsätzlich nachdenken. Die Hausmütterchen-Vorzüge des „weiblichen Denkens“ (sollte es denn ein solches wirklich geben: ein „spezifisch weibliches „besseres“ Denken“), können in einem öffentlichen Amt zu Hypothek werden. Gerade ein Weltweiser wie Bertolt Brecht hat im „Guten Mensch von Sezuan“ der weiblichen Shen Te den „bösen Vetter“ Shui Ta zur Seite gestellt.

Aber wie die Versammlung der Lutheraner zeigt: der Weg des „Gendermain-streamings“ soll weiter beschritten werden und Kritiker werden wohl mit den Mitteln, die auch der lutheranischen Kirche zu Gebote stehen, zum Schweigen gebracht werden. Kritische Diskussion hier.

Erstaunlich bleibt: der „Feminismus“ ist derart in den Köpfen verankert, dass er auch dann nicht mehr überdacht wird, wenn sich „Entgleisungen“ häufen. Im Vergleich dazu erscheint mir die Diskussion um die Neuordnung der Finanzmärkte von einer geradezu ermutigend Lern- und Änderungsbereitschaft.

Der Bund Abrahams und das säkulare Menschenrecht auf „Selbstbefleckung“

Januar 30, 2010

Das Minarettverbot hat in der Schweiz die Parteien der wohlmeinenden Korrektdenker etwas aus der Bahn geworfen. Nachdem die CVP und andere Parteien plötzlich auf den Zug der Verbote mit Vorschlägen auch noch aufspringen wollten, ist es nun den Schweizer Grünen gelungen mit Realsatire allen anderen Parteien den Rang abzulaufen. Die Partei der Umwelt hat sich nach Kopenhagen auf ihr wahres Kerngeschäft: die Gendertheorie besonnen. Denn der Tag des jüngsten Gerichts soll uns – wenn wir den Weltuntergang schon nicht verhindern können – als perfekt gleichgestellte Männlein und Weiblein ereilen. Wenn nun die Beschneidung bei Frauen verboten worden ist, müsste dann nicht auch die Beschneidung der Männer bei Juden und Muslims verboten werden? So rein atheistisch säkular ein naheliegender Schluss.

Damit fallen die Grünen Radikalrationalisten hinter die Position des Apostel Paulus zurück, der die Beschneidung als äusserliches Zeichen von den Taten des Menschen abhängig machte:

17 Wenn du dich aber Jude nennst und verlässt dich aufs Gesetz und rühmst dich Gottes 18 und kennst seinen Willen und prüfst, weil du aus dem Gesetz unterrichtet bist, was das Beste zu tun sei, 19 und maßt dir an, ein Leiter der Blinden zu sein, ein Licht derer, die in Finsternis sind, 20 ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, weil du im Gesetz die Richtschnur der Erkenntnis und Wahrheit hast -: 21 Du lehrst nun andere und lehrst dich selber nicht? Du predigst, man solle nicht stehlen, und du stiehlst? 22 Du sprichst, man solle nicht ehebrechen, und du brichst die Ehe? Du verabscheust die Götzen und beraubst ihre Tempel? 23 Du rühmst dich des Gesetzes und schändest Gott durch Übertretung des Gesetzes? 24 Denn »euretwegen wird Gottes Name gelästert unter den Heiden«, wie geschrieben steht (Jesaja 52,5). 25 Die Beschneidung nützt etwas, wenn du das Gesetz hältst; hältst du aber das Gesetz nicht, so bist du aus einem Beschnittenen schon ein Unbeschnittener geworden.26 Wenn nun der Unbeschnittene hält, was nach dem Gesetz recht ist, meinst du nicht, dass dann der Unbeschnittene vor Gott als Beschnittener gilt?27 Und so wird der, der von Natur unbeschnitten ist und das Gesetz erfüllt, dir ein Richter sein, der du unter dem Buchstaben und der Beschneidung stehst und das Gesetz übertrittst. 28 Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, auch ist nicht das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht; 29 sondern der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und das ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht. Das Lob eines solchen ist nicht von Menschen, sondern von Gott. Röm. 2, 17 – 29

Gleichzeitig torpedieren sie die „abrahamitische Wurzel“ der drei monotheistischen Weltreligion (Judentum, Christentum und Islam), indem der Auftrag der Beschneidung eben gerade an Abraham erging

Das ist mein Bund zwischen mir und euch samt deinen Nachkommen, den ihr halten sollt: Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden. 1.Mose 17, 10

Wo man sich jetzt wenigstens zwischen Juden und Muslims einig war, wird nun alles rationalistisch dem atheistisch-säkularisierten christlichen Dogma der Nicht-beschneidung unterstellt.

Während man für die Abschaffung der Sonderfriedhöfe für Juden und Moslems wenigstens noch rationale Begründungen anführen kann und man bei dem Verbot der Beschneidung der Frauen auf ihre verminderte Orgasmusfähigkeit beim Beischlaf hinweisen kann (Menschenrecht auf den weiblichen Orgasmus). Wird es beim geforderten Verbot der Beschneidung der Männer – die mag tatsächlich „irrational“ sein – schon ungleich schwieriger, weil man ein grundlegendes Symbol der jüdischen und auch muslimischen Religion angreift.

Über den Einfluss der Beschneidung des Mannes auf den weiblichen, wie auch den männlichen Orgasmus sind verschiedene Meinungen im Umlauf. Jüdinnen sollen den beschnittenen Penis sowohl als ästehtischer als auch befriedigender empfinden, Christinnen sehen es wieder anders. Unbestritten scheint zu sein, dass die Vorhaut des Mannes bei der Masturbation eine gewichtige Rolle spielt. So kam es, dass sich in Zürcher Zeitungen bei der Diskussion um den unsinnigen Vorschlag eines Beschneidungsverbotes auch für Männer, rührige genderbewusste Ärztinnen sich für das Selbstbefriedigungsglück des Mannes zu sorgen begannen.

Damit wurde die Satire über die in Deutschland an Schulen angeblich eingeführten konfessionell getrennten Masturbationsräume, durch die Realsatire der Schweizer Grünen noch getoppt. Gleichzeitig dürfte nun allen klar geworden sein, was wir im Abendland gegen das Morgenland zu verteidigen haben: nicht nur das Recht auf Abtreibung und Leben ohne Burka, sondern auch das Recht auf männliche Masturbation. Wahrlich zwei Errungenschaften für die sich der Heldentod am Hindukusch lohnt!

Die Umgehung der Volksmeinung in Europa

Dezember 4, 2009
Zum Videokommentar von Roger Köppel, der meiner Meinung nach recht flach ausfällt, in dem er aber natürlich den mangelnden Respekt Europas und der Welt für den demokratischen Volksentscheid der Schweiz anprangert, ist mir ein Kommentar aus den Niederlanden aufgefallen:
J Stensen     02.12.09 11:19

[…] nach das Debakel mit der EU-Konstitution (66% gegen) gestattet die Eilte keinen Volksentscheiden mehr.
Lasst euch nichts aufschwatzen über Rassismus, Faschismus oder Xenophobie und macht Ihre eigene Entscheidung.
Gratulationen und Verzeihung für die unzweifelhaft viele Rechtschreibfehler.

Den Schluss lasse ich bewusst so stehen, denn ich möchte darauf hinweisen, dass es einen besonderen persönlichen Antrieb braucht, sich in einer Fremdsprache zum Thema zu äussern und sich dabei die Blösse des unbeholfenen Ausdrucks zu geben.

Ich habe seit Jahrzehnten Kontakte nach Holland, und was hier angesprochen wird, ist genau das, was ich zu Fragen rund um den Beitritt zur EU wie zu Immigrationsproblemen immer wieder zu hören bekomme:

Das Volk fühlt sich in keiner Weise vertreten, repräsentiert oder Ernst genommen. Der Eindruck, von einer Classe Politique regiert zu werden, wird hierzulande von der SVP reklamiert – im Ausland wird es tatsächlich in vielen Staaten von breiten Bevölkerungsschichten so empfunden.

Dieses Problem zu unterschätzen, und in einer per se einmal rein formal gesehenen Marginalie eines Minarettverbots nun die Gelegenheit zu sehen, eine Menschenrechtsdebatte zu führen, hiesse, das Unverständnis in den weit verbreiteten, warum auch immer  frustrierten Bevölerkungsteilen Europas zu schüren. Es ist ganz deutlich davor zu warnen, eine intellektuell-elitäre Debatte über ideell angekratzte Menschenrechte auf die Spitze zu treiben, sich medial und politisch daran zu reiben und das Thema – nach beiden Seiten – zu schüren. Was die politischen Parteien und deren Häuptlinge, wie z.B. Darbellay (Friedhofsdiskussion)  und Levrat (Guantanamo-Flüchtlinge), nun in Sachen politischer Ausschlachtung der Situation vorführen, ist ziemlich abscheulich und bedenklich, da es aus der Mitte und von links kommt, wo ja schlussendlich die wirklichen Antworten und Strategien herkommen müssten.

Der Kritik, welche genau dies kommen sah und daher vor einem Ja warnte, entgegne ich dennoch:

Dass die Frage der Intergration des Islams in Europa aber jetzt auf den Tisch gekommen ist, und nicht in fünf oder erst zehn Jahren, dass die Frage in einem Land zu diskutieren ist, indem viele Probleme nicht schon in breiter Front Realität Auswüchse zeigen, sondern erst verständliche Befürchtung herrscht, sie könnten überhand nehmen, das ist gut, wichtig und absolut zu begrüssen. Es gibt allen Seiten die Chance, wenn sich die Gemüter einmal beruhigt haben, der Schock sich gelegt hat und das Denken wieder einsetzt, über mögliche Massnahmen zur besseren Verständigung zu diskutieren. Ich habe in diesen Tagen aus muslimischen Kreisen Stimmen gehört, die mich sehr ermutigt, und auch ein wenig beschämt haben: Es scheint ganz so, als wäre das Vermögen, einen durchaus irritierenden Entscheid, der vermeintlich persönlich diskriminierend verstanden werden könnte, für das zu nehmen, was er ist:

Ausdruck eines Unbehagens, dessen Gründe man sehr wohl orten und auch verstehen kann, was danach fragen lässt, wie diese Ängste abgebaut werden können: Es hilft den Muslimen überhaupt nicht weiter, wenn sich irgendwelche Kommentatoren über einen ängstlichen „undemokratischen“ Entscheid (ein Absurdum für sich und eigentlich als Wertung in Medien- und Politikerkreisen ein Skandal) mokieren oder entrüsten, statt dagegen anzuarbeiten:

Mit Information, mit Gelegenheiten für Muslime, deren Integrationsbemühungen darzustellen und Probleme selbst zu orten, zu benennen und dabei nicht stehen zu bleiben: Integration zu fordern, ist kein Muslim-Bashing, sondern eine Bringschuld, die beidseits geleistet werden muss. Es mag sein, dass sich Zugereiste erst einmal anpassen sollen und müssen. Tun sie es aber, bemühen sie sich, so  sind sie auch zu unterstützen. Und ich bin sicher, dass sich auch dabei sehr viel Verbesserungspotential ausmchen lässt.

Es ist höchste Zeit, dass viel mehr über die konkreten Aspekte dieser Integration gesprochen, geschrieben und vor allem recherchiert wird. An die Arbeit, werte Journalisten und Blogger.

Minarette, Burckhardt & Fastnacht

Dezember 1, 2009

Untenstehender Text war der „Basler Zeitung“ zu komplex für die Publikation im Print, wofür ich alles Verständnis habe. Trotzdem sei er hier nun zur Diskussion gestellt. Disclaimer: er richtet sich an intelligente Leser und wurde von einer Print-Redaktion als zu heikel eingeschätzt. Und er entspringt dem Anliegen, integrativ zu wirken.

Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die größtmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind.

Jacob Burckhardt, weltgeschichtliche Betrachtungen (1869, gedr. 1905)
Giorgio Girardet

„Der Geist ist ein Wühler“ wusste schon Jacob Burckhardt, der Mann auf der Tausendfrankennote. In seiner drei Potenzen-Lehre der „weltgeschichtlichen Betrachtungen“ nennt er als Aufgabe der Potenz „Cultur“ aufzuzeigen, wenn in den übrigen Potenzen „Staat“ und „Religion“, die auf „Zwangsgeltung“ Anspruch erheben können Form und Inhalt nicht
mehr übereinstimmen.

Von aufgeklärt-konservativen, humanistischen und skeptischen Prämissen ausgehend, verwirft B. jegliche geschichtsphilosophische und providentiell-theologische Theorie und sieht den Gang der Geschichte ausschließlich aus der der Triebnatur erwachsenden kulturbildenden Kraft der Menschengattung bestimmt (nicht „Weltgeist“ [etwa im Sinne Hegels], sondern „Menschengeist“). Dieser realisiere sich in der Wechselbeziehung der dreiPotenzen“ Staat, Religion und Kultur. Die Bedeutung der Geschichte erkennt er in der „Kontinuität“ als dem allgemeinen Maßstab für jegliche historischen Wertungen: in der „kulturellen Kontinuität der Bildung Alt-Europas“. (Quelle)

Wie steht es um den Basler Stadtstaat? Dessen höchster Repräsentant Regierungspräsident, „Kalif“, Dr. med. Guy Morin hat nicht nur Verbot für die angeblich rassistischen und diffamatorischen Plakate für die Minarett-Initiative gerechtfertigt, sondern auch konfirmandenhaft seiner Vorfreude über den Ruf des Muezzins Ausdruck verliehen.

Wie steht es um die Religion in Basel? Der generalstabsmässige Rückzug des Protestantismus aus dem Weichbild (Perspektiven 15) wurde durch den Kanzelstreit am Münster effizient beschleunigt und katholischerseits illustrierte „Röschenz“ die Kollision zwischen Schweizerischem Staatskirchenrecht und den despotischen Ansprüchen der römischen Hierarchie plastisch. Soweit die öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften der „Leitkultur“.

Oder ist nicht in Basel längst die „political correctness“ zur Leitkultur erhoben worden? Die klaglose Bereitschaft der 30% Kirchensteuerflüchtlinge sich in der Meinungsäusserungsfreiheit von der ängstlichen Rücksicht auf die 9% Mitbewohner leiten zu lassen, die sich als Muslime sich auf der Einwohnerkontrolle registrieren liessen (mit der koranischen „licence to kill“ für „Ungläubige“), legt den Gedanken nahe.

Oder bleibt die „Fastnacht“ mit ihrem träfen Witz die Leitcultur der Basler? Das Inserat, das in der „Weltwoche“ und anderen Medien geschaltet wurde und den Absender „CH-rette-Postlagernd-4001 Basel“ trägt, schlägt mit den Waffen des Witzes.

Es zeigt die Muslime, die am 11. Februar 2006 nicht Richtung Mekka sondern in Richtung des Schweizerischen Kalifenpalastes beteten, auf dass sie von Karikaturen verschont bleiben mögen, womit sie in ihrem Unverständnis für den säkularen Westen selber zur Realsatire und
Karikatur-Sujet wurden. Das „Jo“ und das „verrote“ deuten wie der Absender nach Basel.

Die Karikatur stellt die einzig richtige Frage: sind Muslime fastnachts-tauglich? Jacob Burckhardt war skeptisch:

„Und eine Komödie ist (im Islam: Anm. GG) unmöglich, schon weil es keine gemischte Geselligkeit (Männer und Frauen Anm. GG) gibt, und weil Witz, Spott, Parabel, Gaukler usw. die ganze betreffende Stimmung vorwegnehmen.“

Aber vielleicht mögen die Basler Muslime in ein freundeidgenössisches Fastnachtslachen mit einstimmen. Es wäre – mit oder ohne Minarett – der entscheidende Schritt zur Integration in die säkulare Humorgemeinschaft der „Confoederatio“: unserer „Lach- und Schiessgesellschaft“.

Kein Bedarf zum Stellvertreterschämen

November 29, 2009

Jetzt sind sie wieder ganz gross, die intellektuellen Grossgeister in den Medien, die der Schweiz und damit uns Schweizern den Stempel der Borniertheit vor den Augen ganz Europas garantieren mögen. Der grosse Wettbewerb des Fremdschämens – oder meinetwegen des Stellvertreterschämens kann beginnen.

Es gibt aber auch ganz andere Reaktionen im Ausland – und Aktionen. So mag es durchaus vorkommen, dass sich ein deutsches Leitmedium fragt, wie denn wohl eine solche Abstimmung im eigenen Land heraus käme?

Das macht SPON – mit einem interessanten Zwischenergebnis:

knapp 16’000 Teilnehmer der Umfrage

Nach Entscheidung der Schweizer:

Sollen Minarette auch in Deutschland verboten werden?

antworten 79% mit JA.

Repräsentativ ist so was nicht. Aber mindestens so zuverlässig wie eine Meinungsumfrage von Claude Longchamp dürfte sie die Stimmung in Deutschland durchaus wiedergeben.

Update vom 30.11.09 um 18h25

SPON: „Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels
konnten SPIEGEL-ONLINE-User in einem Vote über das
Schweizer-Minarett-Verbot abstimmen. Nach Hinweisen, dass diese
Abstimmung von außen manipuliert wurde, hat die Redaktion das Vote
vorzeitig abgeschaltet.“
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,664135,00.html#ref=rss

Die Umfrage hat also keine Aussagekraft. Auf jeden Fall keine gesicherte, auch wenn es wünschenswert wäre, SPON würde über die Manipulation etwas mehr verraten.
Das würde nämlich nahelegen, zukünftig gänzlich auf solche Aktionen zu verzichten.

Die Aussenministerin zum Calvin-Jahr

November 17, 2009

Da ich in der Beiz schon verschiedentlich zum Calvinjahr und zur Frage der Besinnung auf die Transzendenz in der Eidgenossenschaft, sowie der Frage der Verwendung von Symbolen im Kampf der Kulturen gebloggt habe, möchte ich hier es nicht versäumen, auf das Referat von Frau Bundesrätin Calmy Rey zum Abschluss des Calvin-Jahres hinzuweisen, das von der NZZ in verdankenswerter Weise wenigstens in der Schlusspassage der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Zu den Gedanken der Aussenministerin möchte ich nur folgendes beifügen. Die Bundesrätin gibt bekannt, dass wir uns – wie auch Calvin – in einer Epoche des Übergangs befinden. Die Aussenministerin nimmt dabei Bezug auf eine Teleologie, die sie aber nicht ausweist. Sie attestiert Calvin für Genf ein gültiges Modell „für seine Zeit“ geschaffen zu haben, aber sie lehnt es ab, die Gültigkeit dieses Modells für die Gegenwart gelten zu lassen. Die Argumentation ist die mit der „Zeit“ und dem Durchbruch auf einen „Telos“ der Geschichte.

In diesen beiden Prämissen kann ich der Bundesrätin nicht folgen. Wer ein Volk regiert, muss sein Handeln am Ergebnis messen lassen und nicht an den Intentionen. Frau Calmy Rey hat keine Theorie dieser Gesellschaft, auf die hin sich die jetzt bestehende hin „vervollkommnen“ soll. Es ist der übliche Reflex des teleologischen Sozialismus. Ohne das Ziel zu benennen lädt uns die Frau Aussenministerin dazu ein, einen Schritt ins Leere, ins Ungewisse und Ungeprüfte zu tun. Dies halte ich für gefährlich. Im übrigen empfehle ich den Artikel ob seiner gerechten Einschätzung des Wirken Calvins zur Lektüre. Er zeigt, wie der Calvinismus ein wirksames Mittel gegen Turbokapitalismus und soziale Ungerechtigkeit beinhaltet und offensichtlich auch zu mutigen (vielleicht allzumutigen und leichtfertigen) Schritten in die Zukunft zu führen vermag.

Blogger zum Auftritt

Die ganze Rede.

Warum ich die Minarett-Initiative annehmen werde

November 9, 2009

Liebe Frau Zappadong, ich teile dann mal Deinen Bammel, und gehe noch einen Schritt weiter, hole tief Luft, und gestehe hiermit:

Ich werde zur Minarett-Initiative nicht nur leer eingeben. Ich werde die Initiative annehmen.

Für mich sind viele Dinge ungeklärt, gerade weil wir Schweizer sie im Willen, tolerant sein zu wollen, als befriedigend beantwortet betrachten. Vorauseilend. Ohne wirklich zu wissen, ob dem auch so ist. Vielmehr beobachte ich, dass wir uns reflexartig der Toleranz verpflichtet fühlen, während wir ALLEN Befürwortern reflexartige nebulöse Fremdenfeindlichkeit unterstellen.

Die Bemerkung, es ginge hier nur um Symbole einer Gemeinschaft und ihrer Religionsausübung, sind für mich nicht stichhaltig. Gerade, wenn es um Symbole geht, ist die Frage angebracht, was denn die Gemeinschaft, die nach diesen Symbolen fragt, mit diesen verbindet. Es wird mit Symbolen ein Zeichen gesetzt. Und mit deren Bejahung auch. Und da stehe ich nicht dahinter, nicht heute, nicht jetzt. Denn für mich sind die folgenden Fragen nicht geklärt, bzw. die Aussagen nicht entkräftet:

1.

Nicht wenige liberale Muslime hoffen darauf, dass die Initiative angenommen wird, weil sie durch die Kraft der Symbolik einen verstärkten Einfluss des konservativen Islams befürchten und sie in ihren Gemeinschaften entsprechende Einflussnahmen kommen sehen.

2.

Ein Ja zur Minarettinitiative würde einen Aufschrei in der Welt auslösen und unsere Intoleranz beweisen. Ich sage: Na und? Es ist nicht unser Problem, sondern unser Glück, dass wir über solche Dinge abstimmen können, und es ist nur ehrlich, auf diesem Weg seine Skepsis gegenüber einer fremden Kultur zum Ausdruck zu bringen: Ich kann nicht ja zu einer ein Strassenbild dominierenden Symbolik einer Religionsgemeinschaft sagen, von der ich befürchte, dass deren innere Kräfte die Integration in unsere Kultur eher behindern als fördern wollen.

3.

Ich will nicht Minarette akzeptieren, deren Bau u.U. von islamistischen Staaten finanziert wird, die mit der Verbreitung des Islams sehr wohl politisch-religiöse Ziele verfolgen.

4.

Es wurde angeregt, Imame an Schweizer Hochschulen auszubilden, um sicher zu stellen, dass hiesige Muslime von hiesig geschulten und in unserer Kultur lebenden und integrierten Geistlichen unterwiesen werden. Wie weit sind wir von einer allgemein entsprechend praktizierten Lösung entfernt?

5.

Ist es wirklich kein Argument, dass es ein Witz ist, über diese Frage überhaupt nachzudenken, während in vielen islamischen Ländern der Bau von christlichen Kirchen verboten ist und Christen ihren Glauben generell nicht ausüben können?

6.

Kann eine Religion, die in ihrem Kern die Trennung von Kirche und Staat nicht bejahen kann, weil das der eigenen Lehre absolut zuwider läuft, allen Ernstes erwarten, dass die Symbole dieser Religion bei uns im öffentlichen Raum gebaut werden können?

7.

Keine andere Religion verbindet innere Kontemplation und Eroberung so stark mit einander und kennt im Heute so ungehemmte Militanz für ihre Verbreitung. Eine Religion, die ihren missionarischen Auftrag zur weltweiten Verbreitung, auch auf Kosten anderer Glaubensgemeinschaften, nach meinem Dafürhalten in keiner Weise abgelegt hat, gestatte ich keine Türme in meinem Land.

8.

Es ist eine Tatsache, dass auch der überdurchschnittlich am Zeitgeschehen interessierte Schweizer generell über den Islam sehr wenig weiss – und das, was er weiss,  kaum je von Muslimen selbst stammt und in jedem Fall widersprüchlich ist.

Tatsache ist: Wir kennen einander nicht, oder viel zu wenig. Wir haben bisher zu wenig nachgefragt, und die Muslime Ihrerseits haben sich viel zu wenig erklärt und geöffnet.

9.

Ja. Minarette haben nicht für alle Muslime und in allen Ländern die gleiche Bedeutung. Stehen sie aber einmal, so kann die Symbolik instrumentalisiert werden. Und so lange wir nicht bereit sind, eingreifend, wertend und lenkend darauf hin zu wirken, dass der Glauben jeder Religion nach den bei uns geltenden übergeordneten Richtlinien der staatlichen Werte-Gesellschaft gelebt wird, so lange haben wir auch keine Sicherheit, dass diese Symbolik einmal eine Bedeutung erlangt, nach der wir ganz bestimmt nicht gerufen haben.

10.

Wir haben gerade mal geschätzte zwanzig Jahre mit einer starken Einwanderung aus islamischen Staaten erlebt. Wir sollten die Diskussionen rund um die Minarett-Initiative in jedem Fall zum Anlass nehmen, mehr Wissen zu sammeln. Und dort, wo das Wissen nicht zu erlangen ist, nicht eine Toleranz bemühen, die Nichtwissen kaschiert. Ich kann nur tolerieren, ja sogar annehmen, was ich wirklich kenne.

 

*

Damit ist keines der Themen der fehlenden Integration (z.B. junger muslimischer Männer und familiär unterdrückter Mädchen) angesprochen worden. Diese Diskussion hat in der Tat nichts mit Minaretten zu tun. Ich bin schlicht beim Symbol der Minarette geblieben. Muslime, die das lesen, dürfen mir glauben, dass ich sehr wohl einen Austausch der Kulturen wünsche und der Ausübung ihres Glaubens auf Schweizer Boden positiv gegenüber stehe. Aber ich kann keine Geister rufen (und die sehe ich sehr wohl), die ich ganz bestimmt gleich wieder los werden möchte.

Bemühen wir uns also um Verständigung, reden wir mit einander, erzählen wir uns, besuchen wir einander – und fragen wir uns vor allem selbst, was uns unsere Werte bedeuten, und wie wir sie am besten allen zugänglich machen können. Wirklich allen, die bei uns leben. In welcher Glaubensgemeinschaft auch immer.

Minarettinitiative und die Ursachen von Jugendgewalt

November 4, 2009

Als Beizwirtin möchte ich kurz die Gelegenheit nutzen, noch einmal daran zu erinnern, warum wir eigentlich hier sind.

Wie ist die Beiz 2.0 entstanden?
Eines Tages im Sommer 2008 begab es sich, dass bei Facts 2.0, wo die meisten der heutigen Beizblogger und –kommentatoren damals aktiv waren, nach einem Gewaltvorfall, der damals grad durch die Medien ging, ein gewisser „robertintrio“ einen ausländerfeindlichen Kommentar veröffentlichte. Dieser Kommentar hat – zu Recht – Empörung in der damaligen Community ausgelöst. Diese Empörung wollte die Facts-Leitung offenbar nicht lesen und hat zahlreiche der Kommentatoren von der Facts-Page verbannt. Robertintrio durfte bleiben.
Wir übrigen gründeten daraufhin diesen Beiz-Blog oder fanden uns nach und nach hier ein.

Für mich ist die Beiz ein kleines Wunder: Ein Ort, an dem Menschen höchst unterschiedlicher politischer Überzeugungen, Religionen, Nationalitäten, Muttersprachen, Geschlechter, sexueller Orientierungen, Altersstufen und Berufe mit einander respektvoll über aktuelle politische, gesellschaftliche und kulturelle Themen diskutieren können.

Deshalb macht es mich besonders traurig, wenn ich ganz ähnliche Kommentare wie den von „robertintrio“ nun hier in der Beiz lesen muss.
Wenn ich sehe, wie die einstmals respektvolle Kommentarkultur durch eine einzelne Person, die sich hier fortgesetzt schlecht benimmt, teilweise zu einem derart polemischen Gezänk verkommen ist, dass eine Anzahl ehemaliger Beizler und Kommentatoren dem Blog aus diesem Grund den Rücken gekehrt haben, weil sie sich in der Atmosphäre verbaler Gewalt und persönlicher Angriffe hier nicht mehr wohlfühlen.

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Gehen wir die Sache mit der Minarettinitiative einmal streng logisch an:

Um ein Problem zu lösen, sollte man sinnvollerweise
1. das konkrete Problem erkennen und benennen
2. die konkreten Ursachen für das Problem erkennen und benennen
3. praktikable Lösungen finden, die die wirklichen Ursachen des Problems bekämpfen.

1. Das Problem. Zappadong hat hier das Problem zunehmender Jugendgewalt herausgegriffen, auf das ich mich im Folgenden exemplarisch beziehen möchte.

2. Die Ursachen.
a) Wäre die Urache für Jugendgewalt das Minarett, müsste Gewalt logischerweise im Umkreis eines Minaretts massiv verstärkt auftreten und mit weiterer Entfernung vom Minarett allmählich abnehmen. Das kann jeder an sich selbst empirisch überprüfen, indem er sich zu einem der 4 Minarette in der Schweiz begibt und beobachtet, ob sich bei ihm das Bedürfnis einstellt, Schweizer zu vermöbeln.
b) Der zweite Kandidat für die Ursache von Jugendgewalt wäre laut SVP und einiger Diskutanten hier: Der Islam. Wäre der Islam monokausal die Usache von Gewalt, müsste sich feststellen lassen, dass 1. die Mehrheit muslimischer gläubiger Jugendlicher gewalttätig ist, 2 weniger gläubige Jugendliche weniger gewalttätig sind, 3. nichtmuslimische Jugendliche unter keinen Umständen gewaltätig sind und 4. Omas mit Kopftüchern häufig und exzessiv auf Omas ohne Kopftücher eindreschen.
c) Ausserdem müsste festzustellen sein, dass es zu den religiösen Pflichten gehörte, Unschuldige zu mobben und spiitalreif zu prügeln.

Hält man a), b) und c) als monokausale Erklärungen der Jugendgewalt für groben Unfug, heisst es, sich weiter auf die Suche machen und nach anderen Ursachen für Jugendgewalt zu fahnden.
Wie von verschiedener Seite (uertner, Zappadong, Mathias, Bruder Bernhard) in der Beiz bereits angetönt, hat es gewalttätige Gruppen von Jugendlichen schon immer gegeben, und, nein, nie war das niedlich oder harmlos.

Warum wird ein Jugendlicher gewalttätig?
Mögliche Ursachen sind:
– (neben einer gewissen hormonell bedingten Unzurechnungsfähigkeit in einem gewissen Alter) aus Wut und Frustration
– weil sie einen Mangel an Anerkennung und positiiver Aufmerksamkeit zu kompensieren versuchen durch Taten, die ihnen wenigstens negative Aufmerksamkeit bescheren
– weil sie ein System ablehnen, von dem sie das Gefühl haben, sie haben darin von Anfang an die Arschkarte gezogen
– weil sie in Famile und Schule erlebte Gewalt, deren Opfer sie geworden sind, an den Nächstschwächeren abreagieren
– weil sie sich an Vorbildern von Männlichkeit orientieren, die aus Actionfilmen, Ballerspielen und Gangsterrap-Videos stammen
– weil es einfach Spass macht, die Erwachsenen zu provozieren, indem man genau die Dinge tut, die den netten Sozialarbeiter und die besorgte Lehrerin auf die Palme bringen
– weil normale ritualisierte Rangordnungskloppereien heute nicht mehr einem bestimmten Ehrenkodex folgen (1 gegen 1, keine Waffen, keine Schläge ins Gesicht oder in die Genitalien und wenn einer am Boden liegt oder blutet ist der Kampf zu Ende)
– weil es (zumindest in Deutschland) tatsächlich eine relativ grosse Gruppe von Jugendlichen gibt, die keinen Schulabschluss, keine Ausbildung und damit keine Chance haben, dem traditionellen Bild eines erfolgreichen Mannes gerecht zu werden und deswegen ihre vermeindliche Männlichkeit in anderen Phantasierollen zu erproben versuchen
– weil Jugendliche das Bedürfnis haben, sich an der Peergroup zu orientieren, zu Gruppen zusammenzuschliessen und sich durch Rituale (Mutproben, Männlichkeitsproben, Schmerzproben) als Gruppe zu definieren. Wer nicht mitmacht wird schnell selber Aussenseiter und Opfer.
– weil Jugendliche das Bedürfnis haben, sich als Gruppe von anderen Gruppen abzugrenzen (den Erwachsenen, den Idioten aus dem Nachbardorf oder der Nachbarstrasse)
– weil das Medienbild amerikanischer Gangs ihnen als Orientierungsmodell cooler, attraktiver und leichter erreichbar erscheint als andere Vorbilder (Lehrer, Pfarrer, Nobelpreisträger, Profifussballer, Astronauten)
– weil Bankspekulanten vormachen, dass man mit der grösstmöglichen Rücksichtslosigkeit am weitesten kommt
– weil überhaupt in weiten Teilen der Gesellschaft eine grosse Verunsicherung über die Werte dieser Gesellschaft herrscht und alles so lange als erlaubt gilt, wie man nicht bestraft wird
– weil tatsächlich viele, wenn sie Gewalttaten beobachten, lieber wegschauen, aus Angst, bei einem beherzten Eingreifen selber Opfer zu werden und diese Angst durchaus sehr gut begründet ist

Die Liste möglicher Ansatzpunkte liesse sich fortsetzen.
Wer die Religion einer bestimmten Minderheit pauschal für alles verantwortlich macht,, was in der Migrationspolitik in den letzten Jahrzehnten schiefgelaufen ist und dereit schiefläuft, der verkennt die Komplexität des Problems.

3. Aus den komplexen Ursachen sollten konkrete Massnahmen folgen, die auf jede erkannte Ursache einzeln eingehen und versuchen, diese Ursache mit pragmatischen, konkreten und praktischen Lösungen zu bekämpfen, anstatt sich in symbolischen Ersatzhandlungen zu verausgaben, die zu nichts führen.
Das wäre dann tatsächlich ein modellhaftes Vorgehen, das international Schule machen könnte. In vielen Bereichen wird das ja tatsächlich auch genau so versucht.

Aus dem oben Analysierten ergibt sich natürlich die Frage: Wenn nicht die Bekämpfung der realen Ursachen das Ziel der Initiative ist, was ist dann deren Ziel und Zweck?
Und welches Ziel verfolgen die Befürworter der Initiative damit, dass sie zu solch polemischen und polarisierenden Mitteln greifen, die die eigentlichen Ursachen des Problems verschleiern statt aufdecken und eine sachliche Diskussion verhindern statt befördern?

Nun, das scheint mir recht offensichtlich: Das Ziel ist die Radikalisierung der Positionen. Wie schon wiederholt in der Diskussion in der Beiz festgestellt wurde, zwingt diese Strategie die Teilnehmer der Diskussion, sich auf die eine oder die andere Seite zu schlagen und festzulegen. Nur wenige schaffen es, eine neutrale und gemässigte Postion standhaft zu behaupten (meinen grossen Respekt dafür an Zappadong!).
Eine Radikalsierung und Polarisierung nützt der SVP, die am rechten Rand politisiert und sich einen Gunstzuwachs aus dem Lager der gemässigten Mitte erhofft, indem sie Angst und Hass bei der bürgerlichen Mittelschicht schürt. Auf der anderen Seite profitieren davon radikale Islamisten, die triumpfierend darauf verweisen können, dass Musliime in der Schweiz diskriminiert würden und das Gewalt gegen Sachen und Menschen als Repräsentanten dieser „Unterdrückungsmacht“ quasi nur eine erlaubte „Notwehr“ darstelllen würde.
Jede islamistische Gewalttat ist Wasser auf dei Mühlen der SVP und rexhtsextremistischer Gruppierungen. Jeder verbale Gewaltakt der SVP ist ein Geschenk für die radikalen Islamisten. Beide verfolgen also ein gemeinsames Ziel.

Die Frage ist: Will die Mehrheit der Schweizer eine Gesellschaft, in der diese beiden Gruppierungen den Ton angeben, die politischen Themen vorgeben und die Art und Weise diktieren, in der sie diskutiert werden? (Nebenbei die vielleicht nicht ganz unwichtige Feststellung, dass diejenigen, die die Minarettinitiative am meisten betrifft, zum grossen Teil von der Abstimmung ausgeschlossen sind.)
Sind die Schweizer bereit, die Konsequenzen einer solchen Gesellschaft in Kauf zu nehmen?

Claudio Zanettis „Nein“ zur Minartettinitiative

November 3, 2009

Für alle die ihn nicht kennen: Claudio Zanetti, Zürcher Kantonsrat (Parlamentarier) der SVP, war lange Parteisekretär der ebenso erfolgreichen wie berüchtigten Zürcher SVP, die von 1977 bis 2003 von Übervater Blocher geführt wurde. Was ihn dem „uertner“ sympathisch macht: er wollte nach seinem Partei-Job „Kommunikationsberater“ werden, verlor aber ein wichtiges Mandat, weil er zu bestimmten Themen nicht schweigen wollte. Seither hat er begriffen, dass er mit seinem Temperament in der Kaste der gedungenen Meinungssöldner keine Zukunft hat: der Mann hat kein Talent zur Heuchelei. Wie kommt es nun, dass ein solch strammer Parteivordenker, sich in einer Frage, die an der entscheidenden Delegiertenversammlung der SVP in Genf mit nur drei mageren Gegenstimmen mit erdrückender Mehrheit angenommen wurde, öffentlich gegen die Partei stellt (im Tagi in Print und im Blog)? Ein Intellektueller, ein studierter Jurist?

Er argumentiert mit der Religionsfreiheit.

„Freiheit ist am wichtigsten. Dann kommt gleich Gerechtigkeit.“

Und fährt fort:

„Dass sich Menschen zu einem Gemeinwesen zusammenschliessen, hat zum Zweck, dem Individuum einen möglichst grossen Freiraum zu garantieren.“

Was uns Herr Zanetti aber verschweigt ist, auf welcher Wertebasis dieser Zusammenschluss gründen soll. Immerhin teilen wir mit den Muslims ja die „Allgemeinen Menschenrechte“ nur mit Einschränkungen. Saudi-Arabien (islamischer Vorbehalt), die Ostblockstaaten (kommunistischer Vorbehalt) und Südafrika (calvinistisch/rassistischer/apartheid-vorbehalt) enthielten sich der Stimme, als die Menschenrechte 1948 in der UNO angenommen wurden. Der Vatikan (katholischer Anspruch der wahren Kirche Jesu) hat nur Beobachterstatus in der UNO. Offensichtlich scheint ihm dies nebensächlich oder „naturgegeben“, sich aus Geschichte und Tradition automatisch zu erschliessen. Claudio Zanetti ist Diaspora-Katholik im Kanton Zürich. Er hat – wie Hugo Loetscher – sich mit der eingeschränkten Freiheit der katholischen Konfession abfinden müssen. Erst suchte er Anschluss bei der FDP, als diese aber in den frühen 1990er Jahren die Antirassismus-Strafnorm unterstützte, war ihm diese Position zu wenig „liberal“ und er wechselte zu Christoph Blocher, der sein Ziehvater wurde und der ausgerechnet in Ankara, von seinem „Bauchweh“ über die Antirassismus-Strafnorm sprach.

Zanettis konservativer Katholizismus schlägt dort unverstellt durch, wo es um die Abtreibungsfrage geht. So hat er Mandatsträgerinnen, die Bundesrat Maurer dafür kritisierten die Abtreibungsgegnerinnen von „Pro Life“ begrüsst zu haben, als „Xanthippen“ und „Weiber“ beschimpft. Wenn Zanetti von „Freiheit“ spricht, dann spricht er von der „libertas ecclesiae“, der Freiheit der katholischen Kirche im Reich des Moralischen und hierarchisch von oben uneingeschränkt zu verfügen. Insofern entspricht Zanetti einem Trend, der sich seit den 1980er Jahren immer deutlicher abzeichnet: die kräftigsten Fürsprecher des Neoliberalismus sind oft Katholiken, die ausser der moralischen Autorität der Papstkirche (mit der sich tolle Ablassgeschäfte treiben lassen), keine Einschränkungen der Wirtschaftsfreiheit wollen.

Der moderne liberale Staat, der von den reformierten Freisinnigen als „säkulare Kirche“ aufgebaut wurde, muss wieder zerlegt werden: „weniger Staat, mehr Freiheit“. Dieses von den Freisinnigen 1979 aufgebrachte, selbstmörderische Credo hat die Blocher-SVP ad nauseam ausgeschlachtet. Allerdings hat sie das protestantische „mehr Selbstverantwortung“ fallengelassen. „Selbstverantwortung“ für Frauen hiesse ja auch eine liberale Abtreibungsregelung. Aber diese „Selbstverantwortung“ der Frau ist nicht in Zanettis Sinn. Darum ist er bereit, jeder Kraft mehr Platz zu geben, die diese konservative Wende beschleunigt. Freiheit für den Islam heisst in seinem Kalkül: Frauenrechte einschränken, die Werte-Diskussion anheizen und wieder mehr verirrte Schafe in die Arme der unter dem demokratischen Schweizerischen Staatskirchenrecht an Auszehrung leidenden katholischen Kirche treiben. Der Feind Zanettis sind die SP-Frauen, diese „Xanthippen“, diese „Weiber“. Und um diese zu disziplinieren, ist es gar nicht so schlecht, unter dem Titel der „Religionsfreiheit“ dem Islam freie Fahrt zu lassen: es kann der Sache des Katholizismus und der konservativen Werte-Wende nur nützen.

Die Meinungsumfragen zur Minarett-Initiave zeigen: Protestanten neigen eher zur Bejahung, ebenso die Frauen und ländliche Gegenden.

Die Protestanten wissen, was sie zu verlieren haben: den säkularen Rechtsstaat, den sie dem universalen Anspruch der katholischen Kirche in Reformation und Aufklärung (hier sogar gegen ihre eigenen Konservativen wie Jeramias Gotthelf oder Jacob Burckhardt) abgetrotzt haben, die liberalen Regelungen, die sie in einer selbstverantworteten Ordnung sich selber gestattet haben.

Die Frauen wissen auch, was sie zu verlieren haben: Ihre Gleichberechtigung, ihr Recht auf freie Gestaltung ihres Lebens, das den Satzungen des Korans oder aber den Moralvorstellungen des Papstes m weichen üsste.

Auch die ländlichen Gebiete wissen, was sie zu verlieren haben: die „Kirche im Dorf“ bis vor 30 Jahren der Lebensmittelpunkt der konfessionell nur wenig durchmischten politischen Gemeinden der Schweiz. Die Kirche war lange auch der Versammlungsort der politischen Gemeinde. Mit der Moschee als Parallel-Ort, entsteht eine Parallel-Gesellschaft. Auf dem Land, wo noch jeder den Glockenschlag seines Kirchturms hört, ist dies einschneidender als in der Stadt, wo der Ruf des Muezzins im Verkehrslärm untergeht.

Und so wird erkenntlich, warum ein urbaner Diaspora-Katholik mit starken Avversionen gegen selbstgesteuerte Frauen, getrost über die Parteiparole, die ihm sonst heilig ist, sich hinwegsetzen kann. Das „Nein“ Zanettis aus den Reihen der SVP ist entlarvend.

Die Linke und die Frauen sollen es sich gut überlegen, ob ihr „Nein“ am Ende das mächtigere sein wird, oder ob sie im klugen Kalkül der katholisch-Wertkonservativen nur die „nützlichen Idioten“ abgeben. Zanetti ist weder dumm, noch hat er das Talent zum Heuchler. Er weiss: Blocher, der Papst und Erdogan verstehen sich im Herzensgrunde gut. Es ist das stille Einverständnis unter patriarchalen Alphas.